GiehenerZamilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1936 Montag, den 28. Dezember Ummer M Klick aus dem Spielzeugladen Roman für das große und kleine Volk Von Friedrich Schnack Copyright by Insel-Verlag zu Leipzig 6. Fortsetzung. lieber den Gartenteich wehte nur eine hauchleichte Brise; kaum, daß sie mit der Fregatte spielte. Das Schiss hatte alle Segel gesetzt, um eine Mütze Wind zu sangen. Aber es machte nicht einen halben Knoten. Der Ostseekies war zu einem Strandstreifen zwischen den Buschen aus- aewalzt. Schilfsprossen wuchsen am Ufer. Im Wasser stand ein Pfosten zum Festmachen des Schiffes. Klick freute fich, daß die „Anastasia einen so hübschen Teich gefunden hatte, nachdem sie so lange bei Frau Trockenhut im Trockenen gelegen. .. Oelglatte See!", murmelte der Kapitän. „Du muht dir nämlich vorstellen, der Teich fei die Ostsee. Ich tu das. Bißchen faule Luft. Eine nette achterliche Brise wäre mir jetzt recht." Klick betrachtete den Teich und stellte sich die Ostsee vor. Der Kapitän reckte den Finger, den er in das Wasser getaucht hatte, m die Luft. „Schwacher Südost", sagte er. „Wie der Hauch von ’ner armen Seele. Wird gleich einschlafen." .. , . x. „Wo liegen wir eigentlich, Käpten?", erkundigte sich Klick, der die Ostsee vor sich sah. r . , , Bonn Stettiner Hafen verfaulen wir. Dieser Pflock da , er deutete auf den Pfosten, „ist der Hafen. Verstanden? Ich wollte heute noch nach Schweden hinüber. Schweden ...", und er wies mit ausgestrecktem Arm auf das gegenüberliegende Ufer des Gartenteichs. „Schweden liegt dort. Auch verstanden?", rief er Klick an und zeigte einen Ausdruck im Gesicht daß Klick nicht begriff, ob es dem Kapitän ernst mit feinen Worten fei ober ob er nur Spaß mache. „Wollte einen alten Freund besuchen mit meiner .Anastasia'", fuhr er fort, „den Käpten Schlingschlang, die fchwe- dische Tranjacke, der beim Walfischfang ein Sümmchen gemacht hat und nun die Knochen ausruht. Hat sich ein Landgut am Meer gekauft und züchtet Wassergeflügel, Bläßhühner, Eiderenten und Schwane." Wie eine helle Schaumkrause schimmerte das Haar des Kapitäns. Er nahm die Tabakspfeife aus dem Mund und schob eine Trillerpfeife zwischen die Livpen. Ein scharfer Pfiff erschallte. Dann rief er zur „Anastasia hinaus und tat so, als befände sich auf dem Schiff ein Steuermann. „He, Steuermann!", rief er durch die zu einer Schallröhre zusammengewolbten Hände, „Steuer ... mann!" , . Und Klick, der den Augenblick begriff, benahm sich, als wäre er der Steuermann auf dem Schiff; auch er wölbte eine Schallröhre und brüllte: „Ja ... wohl, Käpten! Was denn?" „Ruder 'rumwerfen, in den Hafen zurück!" „Ja ... wohl, Käpten!", antwortete Klick und führte gleich darauf Drehbewegungen aus, als würfe er das Ruder herum. iinb der Kapitän zog an einem langen Garn; langsam schwebte Die ?i -iifia" ihrem Pflock zu, der den Hafen von Stettin bedeutete. Mit schlalser Leinwand kam sie herein. Klick machte sie am Haltepfosten fest. Das war Mannschaftsarbeit. . , „ „Bist zwar kein Steuermann", sagte der Kapitän anerkennend „hast aber einen leidlich gut vertreten mit deinem Ja ... wohl. Deshalb befördere ich dich durch Liandschlag zum Matrosen." Klick, auf dem Boden hockend, riß die Knie dicht zusammen, nahm Haltung an, wie sie sich für eine so feierliche Handlung geziemte, und empfing einen rechtskräftigen Handschlag. Aus tiefer Seele und See freute er sich, die Laufbahn des Schiffsjungen so schnell durchmessen zu haben. Hier winkten neue Auszeichnungen. In diesem Augenblick erschien die Wirtschafterin mit Tee und belegten ^/Stell nur das Zeug hin, Marie", sagte der an seinem Garn ziehende Kapitän. „Jeder nimmt sich. Lang zu, Klick, faß Tee und Wurstbrot! Die Seeluft macht bekanntlich hungrig. Spül dir auch den Salzgeschmack hinunter!" , . Klicks Zunge leckte über die Lippen: er schmeckte wahrhaftig einen salzigen Geschmack wie von Seewasser, dessen Beschaffenheit ihm aus dem Laden des Hustenonkels bekannt war. Wahrscheinlich rührte der Geschmack vorn Ostseekies her. Nicht zweimal ließ er sich einladen, er langte ’.u. Der Kapitän schlürfte seinen Tee und rauchte. Die Wirtschafterin verschwand seitwärts, wo ihr Küchengarten war. „Iß alles auf", sagte der Kapitän zu seinem Matrosen. Klick hielt sich an die Brötchen. Aus Tee machte er sich nicht viel. Es war ein Gesöff für vornehme Leute. Bei ihm daheim kam nur Malzkaffee auf den Tisch. Hochfein schmeckten die Brötchen. Bis auf eines aß er sie auf, bis auf den Anstandsbisfen. Am liebsten hätte er ihn auch verschlungen. So gestärkt, brachte er einen Vorschlag vor. Man könne auch an der Vorderspitze des Schiffs einen Faden befestigen, den nach Schweden hin- überteiten — er deutete auf das andere Ufer — und damit die „Anastasia" hin und her ziehen. Dazu fei kein Wind nötig, und man unterhalte doch den Schiffsverkehr. Die Pfeifenwolken stiegen in die Maienluft. „Geht zu machen", sagte der Kapitän. „Ist zwar nicht seegerecht, aber in der Not kann sich die ,Anastasia' auch einmal schleppen lassen." Man traf die geeigneten Vorbereitungen. Als der Faden befestigt war, schleuderte Sassafaß die Rolle auf das gegenüberliegende Ufer. Klick wollte mit einem Satz nach Schweden hinüber. Drüben spielst du den Kapitän Schlingschlang, verstanden!", sagte Sassafraß. „Der hat eine Stimme wie ein altes Lebertranfaß." Klick hatte begriffen und stürzte um das halbe Ufer hin nach Schweden. Dort warf er sich auf den Bauch. Die Fadenrolle hielt er in der Hand. Die Wirtschafterin richtete sich hinter den Büschen auf, lugte herüber und dachte: Sachen treiben die! Was die zusammenfaseln. Jetzt bilden sie sich gar ein, sie säßen an einer richtigen See. Man höre sich bloß das Gebrüll an! Sassafraß gab in Stettin Befehle. „Anker klar!" Pfiff. „Abfahren!" Die „Anastasia", von einem leichten Stoß des Kapitäns in das offene Wasser hinausgeschwenkt, wurde nun von Klick sanft vorwärtsgezogen und in die See gebracht. „Fahrtrichtung Schweden!", befahl der Kapitän. Schweden!, sagte fich die Wirtschafterin. Der Alte sollte auch gescheiter fein, spielt noch wie ein Junge. War doch lange genug auf feinem ewigen Heringswasser. Hat anscheinend noch nicht genug und verleitet auch den Jungen dazu. „Steuert Nordnostwest!" Die schlanke „Anastasia", die seine, pfiffige Fregatte, folgte dem Befehl. Wie schön sie fuhr! Zwei klare Augen blitzten ihr von Deutschland nach, zwei Augen begrüßten sie von Schweden. Und für zwei Spielzeugherzen weitete sich der. Gartenteich zur Ostsee. So kam die „Anastasia" nach Schweden, geradeswegs zu Kapitän Schlingschlang. „Heda, alter Bursche!", rief Sassafraß. „Komm 'raus aus deiner verräucherten Kajüte. Oder brütest du Eidergänse aus?" Was ruft er da?, dachte die Wirtschafterin hinter der Hecke. Wo sieht er nun wieder einen alten Burschen und eine verräucherte Kajüte? Ich seh bloß den Jungen, den er Matrosen nennt. Sie war so einfältig, die Wirtschafterin, und begriff nichts von der Spielwirklichkeit der beiden. „Hallo, hallo, Holdrio, hoho ...!", rief Klick, eine Stimme wie ein altes Lebertranfaß annehmend, so gut und schlecht er nur konnte. „Beim nassen Salzwasser", brüllte er, „komm nur ran mit deinen paar Sappen. Wieviel Mann an Bord? Ladung? Wie geht'?, wie steht's? Geschäfte? Ein höllisch fauler Wind heute." Hör nur, was der kleine Kerl da zusammenschwadroniert, meinte Marie. Ich mag sonst kleine Jungens nicht, sie sind frech. Aber der ist ganz manierlich und auch hübsch. Wie seine Augen funkeln! „Schiffsbesatzung vollzählig!", antwortete Sassafraß. Aufschneiderei, sagte sich die Wirtschafterin. Nicht ein Bein schwimmt auf dem Bubenschiif. Ich muß mich bloß wundern über meinen Alten ... „Ladung — Spielwaren!", fuhr der Kapitän fort zu rufen. „Auch Hundekuchen und Singvögel. An Bord alles wohl. Verwünschte See. Kaum, daß man vom Fleck kommt. Will ein paar Stunden an Land gehen, Schlingschlang." Da hört sich doch alles auf, sagte sich Marie. Schlingschlang nennt er den Jungen. Ich denke, der heißt Klick. Auch ein verrückter Name, Hab ihn noch nie gehört. Und Hundekuchen, Singvögel und Spiehnaren will er auf feinem Boot haben. Dabei kann er die Spatzen im Garten nicht ausftefm ... Sie kicherte ihre Salatvflänzchen an. „Willkommen!", rief Klick, das Lebertranfaß. „Ich habe gerade einen pitfeinen Schwedenpunsch gebraut. Was wollt Ihr bloß mit dem Hundekuchen in Schweden?" „Für Sure Seehunde!", rief Sassafraß. ... Marie schüttelte sich vor unterdrücktem Lachen. Das war ja wie im Thaliatheater, wo die Schauspieler auch so verrückt wie die beiden da ^^Der^apitän und Klick, nicht ahnend, daß sie von der Wirtschafterin belauscht wurden, trieben ihre Scherze. Sassafraß fummte ein Matrosenlied, und Klick summte mit, als es der Kapitän immer wieder anftimmte: 'chnecken.' (Fortsetzung folgt.) „Als ich fuhr durch das Kanonentor, Spielte mir der Schiffsmann Weisen vor, Spielte mir aus der Harmonika Bon der großen Schiffskanonika ... Wie ich weiterfuhr nach Dukatan, Legt ich bei den Austerbänken an, Aß mich an viel tausend Austern satt,» Baute mir von Perlen eine Stadt ..." Das Wort „Kanonika" gefiel Klick ganz besonders. Er wiederholte em paarmal die Zeile. .... „Ein hübjches Haus hast dul", rief Saffafraß. „Ganz mit Muscheln und Algen bewachsen. Deine Vogelscheuchen im Garten, sind das nicht große Quallen auf Stöcken? Wie Regenschirme mit Fransen ..." „Ich hab sie aus dem Meer gefischt", antwortete Klick mit der Leber- tran'faß-Stimme. m „ „Ich werde mir auch ein paar in meinen Garten stellen , antwortete d^Wlis ^willst du, meinte die Wirtschafterin, wieder auf das Gespräch hinhorchend. Regenschirme mit Fransen in den Garten spießen? Na warte, ich komme dirl Nicht zu glauben. . m Es wäre hübsch, dachte Klick, wenn der Hustenonkel einen Regenschirm mit Quallendach hätte. , _ „ . , „Wieviel Wasservögel hast du schon ausgebrutet? , fragte Sassafratz. „Hunderttausend!", antwortete Klick. Lauter Schwindel und Unfug!, sagte sich Marie. Das Bürschchen schneidet schon genau so auf, wie der Alte. Die sind, weiß Gott, nicht gescheit. Liegen am Teich, spielen mit einem Kinderschisfchen und machen sich was vor. Die zwei passen zueinander. Zur Freude der Seesahrer kam nach einer Weile etwas Wind auf, und nun konnte die „Anastasia" segeln. Die Segel spannten sich an ihren Seinen. Und zu Ehren des Windes und der guten Fahrt beförderte der Kapitän feinen Matrosen zum Obermatrosen. Wenn er so weitermacht, dachte Klick, bin ich heute abend Steuermann. Bielleicht gibt es sogar Löhnung. Verpflegung hab ich schon. Aber als es von einer Loschwitzer Uhr sechs schlug, verwandelte sich der Herr Obermatrose wieder in den ranglosen Jungen von der Webergasse, der sich plötzlich seines Küchenamtes, der Schulaufgaben und anderer häuslicher Obliegenheiten erinnerte. Die Marinelaufbahn wurde nicht fortgesetzt. „Ich muß heim!", sagte er. „Schluß für heute!", rief der Kapitän. Und die „Anastasia" wurde in den Hafen zurückgelotst. Klick verabschiedete sich, der Kapitän drückte ihm die Pfote. Und als Klick hinter dem Haus war, blickte er in feine Hand. Es waren wahrhaftig fünfzig Pfennig hineingefchlüpft. Er beeilte sich Heimzukommen. Fröhlich summte er etwas von einem Kanonentor und einer großen Schiffskanonika und dachte an den Kapitän, der ein prächtiger Mensch war und ein feiner Spielkamerad. Abschied im Tierladen. Klick hatte seinen Schulfreund Peter Stenzel und dessen Tiere besucht. Das Krokodil döste, sattgefressen, auf dem Fußboden in Peters kleiner Stube neben dem offenen Käsig. , . Was hat es nun davon, daß es ein Krokodil ist, dachte Klick. Es krabbelt aus den Brettern herum, wo es vergeblich nach seinem Nil schnuppert. Aus Stuhl- und Tischbeinen schien es sich nicht viel zu machen. Die Tapete glich schon mehr den Sümpfen des ägyptischen Stromes, schwärzlich sah sie aus mit ihrem gedruckten Blätterdickicht. Doch auch für sie hatte das amphibische Tier keine Zuneigung. Auch dem grünlackierten Blech- krokodil, das Klick mitgebracht hatte, wußte es keine Liebe abzugewinnen. Die Räder unter dem gelben Bauch und der Federantrieb in seinem Innern befähigten das Spielzeug, auf dem Boden hin und her zu rennen. Es stieß gegen das lebende Tier, ohne daß dieses die Störung empfand. Aus nichts machte es sich etwas. Am liebsten, meinte Peter, verkröche es sich unter den alten Plüfchfeffel der Großmutter. Vielleicht, «eil es darunter dunkel war. Hätte die alte Frau, wenn sie noch lebte, die gräßliche Schnauze unter ihrem Schlummerstuhl erblickt, sie wäre vor Schreck gestorben. Davor blieb sie gottlob! bewahrt. „Kannst du denn nicht im Garten ein stehendes Wasser anlegen?", fragte Klick. „Es wird geschehen, sobald das Schwesterchen Elli etwas älter ist", sagte der künstige Zoodirektor. „Vorläufig ist es damit nichts, die Mutter erlaubt es nicht. Weißt du, Klick, mit kleinen Schwestern ist das fo eine Sache. Sie sind blöd." „Es ist freilich besser", meinte Klick, „daß das Krokodil zu wenig Wasser kriegt, als das Schwesterchen zu viel. Wie ist es aber mit einer Badewanne?" „Manchmal nimmt das Krokodil ein warmes Bad in unserer Badewanne, dann wird ihm die Schnauze zusammengebunden, damit es nicht schnappt", erklärte Peter. „Für gewöhnlich muß es jedoch mit der Käfigwanne vorliebnehmen. Ich hab Wasser hineingeschüttet." Das Krokodil hatte die Lider zugeklappt. Wie ein Bügeleisen lag feine Schnauze auf der Diele. „Schon zahm?" „Cs war nicht wild." „Ali Baba!", lockte Klick. Der Name wirkte nicht. Regungslos verharrte das Tier. „Keine Sprechstunde", meinte Klick. „Gehn wir zum Storch!", sagte Peter. Der Storch, dem die Flügel gestutzt waren, strolchte im Garten. Sein langer Schnabel hieb ins Gemüse. „Er ist sehr nützlich im Garten", erklärte Peter. „Er frißt die Nacht- Was ist ein Jahr? Von Hermann Claudiu». Was ist ein Jahr? Ein Blatt vom Baum der Ewigkeit. Da sinkt es hin. Was ist der Mensch? Ein Aederchen an diesem Blatt, das schnell verdorrt. Doch ist dies alles Sinnbild nur und nichts lebendig als wir selbst. Doch ist nur Eins, das köstlich ist: der Augenblick, der Atem tut. O saug' ihn! Er will durch dich zur Ewigkeit. Doch alles ist H ein Sinnbild nur. Glocken und Gläser klingen ... Eine Betrachtung an der Jahreswende. Von Wilhelm von Scholz. Glocken und Gläser klingen zum Beginn eines Erdenjahres. Ein feierlicher und ein fröhlicher Klang mischen sich in die Nacht, in der ein Blatt des hundertjährigen Kalenders fällt und das nächste dahinter erscheint, die neue Jahreszahl zeigend. Rückblick und Vorschau! Es gibt wohl keinen ernsten besinnlichen Menschen, der in der Silvesternacht nicht überdächte, was er im abge- laufenen Jahr erarbeitet, erreicht, erlebt hat, was an Glück und an Schwerem ihm begegnet ist — und der nicht seine Fragen an das kommende stellte. _ . .. , . Mancher auch betrachtet zuerst den bedeutsamen Tag und die geheimnisvolle Stunde selbst, die für die ganze Menschheit die Zusammenfassung eines vorübergegangenen Zeitraumes wird — und zugleich das Aus- chlagen einer schneeweißen, noch unbeschriebenen Seite im Buch der Jahrhunderte ist. Er vergegenwärttgt sich, daß man den ewigen Umlauf der Erde um die Sonne beginnen läßt mit dem Wiedererwachen des Lichtes, dem Sichwiedererheben des Sonnenbogens, der eben feinen tiefsten Stand erreicht hatte — und mag sich dabei vielleicht bewußt fein, daß er dieses Fest ja vor kurzem als Weihnacht, in der es von der göttlich-menschlichen Feier von Christi Geburt überleuchtet ist, schon einmal beging; daß sich diese heiligste aller jährlichen Nächte in zwei nahe einander solgende teilen mußte, um die ganze Fülle ihrer Bedeutsamkeit, um neben der gütig- tröstlichen überirdischen auch die irdisch-praktische Sinnwesenheit des Neubeginnes aller Tätigkeiten und aller Ordnungen des äußeren Daseins tragen zu können. Durch die eine wie die andere dieser beiden Jahresnachte, die eigentlich nur eine find, klingen die Glocken und klingen die Gläser; beide Nächte lenken den Blick vor und zurück; beide bewegen Herz und Sinn des Menschen in einer sowohl ernsten wie festlich-heiteren Ergriffenheit. Er denkt nicht nur an das eine eben abgelaufene Jahr mit den Sorgen und Freuden, die es gebracht hat, zurück; sondern er sieht fein und der Semen Leden auch in einer Reihe von Weihnachts- und Neujahrsnachten, an die er sich lebendig erinnert, die deutlich vor feiner Seele stehen, aus der Vergangenheit Heraufwachfen an das Jetzt, das Heut. Und er schaut von hier aus nun, die ihm nahen Lieben an der Hand, weiter in die Zukunst, die noch verborgene, der er mutig entgegengeht. Dann lauscht er wohl in die Sternennacht hinaus zu den Glocken, die von den Türmen hallen und ihn mit ihrem Wogen in die große Gemeinsamkeit seines Volkes ziehen, das jetzt überall im deutschen Land in gleicher Sitte, gleichem Brauch wie er die Neujahrsnacht begrüßt und sich zu gleicher Zukunft, gleichem Glück oder Leid innig verbunden fühlt. Mögen (ström ober Meer dazu rauschen ober bie klaren reinen Eisgipfel dazu schweigen, bie Bergwalbtannen bas Haus umstehen ober bie vom Schnee überbeetten Felder und Aecker in weiter Ebene davor sich breiten — hier wie dort sind Fenster in die Nacht des Landes geöffnet und gehen die Segenswünsche hinaus. m , <_ Bei den wieder entzündeten Kerzen des Weihnachtsbaumes aber-- bie fo recht zeigen sollen daß auch hier unb hier zum zweitenmal d'e Wiederkehr das Wiedererwachen des Lichtes gefeiert wird — laßt er mit dem ihm nahen lieben, ihm befreundeten Menschen fröhlich die Glaser Hingen, gibt und nimmt auch noch mit Blick und Händedruck die freundlichen Wünsche fiir Glück und Heil des einzelnen und unseres Gesamtschicksals als Volk in dem beginnenden neuen Teil der Zeit. In manchen Gegenden Deutschlands schallt dazu von draußen vielleicht noch der Knall von Feuerwerkskörpern unb bas laute Zusammenschlagen von Deckeln unb Geschirren ins Zimmer herein. Das ist eine treue, wenn auch unbewußte Erinnerung an frühe, starke, heibnifche Zeiten; an Zeiten, in benen es noch Geister unb Dämonen in ber Luft, in Walb und Flur gab, unselige Kobolde, die man lärmend vertreiben mußte, damit sie oem anhebenden Jahre nicht Unfegen und schlechte Gabe beimengen konnten! Denn dazu hatten sie nach dem Glauben unserer frühen Vorfahren m einer so wichtigen Nacht wie der Neujahrsnacht — in der die Menschheit sich der Freude und dem Feiern überläßt — am ehesten bie Möglichkeit. Wenn roieber erst bas Jahr der in sich zusammenhängenden Arbeit, der harten energischen Arbeit begonnen hatte, dann vertrieb schon der Fleiß unb der angespannte Wille unb bie tätige Hanb des Volkes alles Gespensterwesen von selbst. So dachten unb wußten die Vorvater. Der jährliche Einschnitt in die Zeit ist damit eigentlich etwas, das uns mit den ältesten Epochen deutschen Sinnens über bie Natur, deutschen Dezember. Von Josef Weinheber. Im Stall bei Esel, Ochs und Rind zur Nacht geboren ward das Kind. Und wieder still wie ehedem der Stern leucht' über Bethlehem. Gott in der Höh sei Preis und Ehr, und Fried den Menschen weit umher. Gevatter, schlachte du ein Schwein! Back Honigbrot, fahr aus den Wein, und heiz die Stuben nach Gebühr, daß uns das Kindlein ja nicht frier! Wir feiern's mit bei Trunk und Schmaus. Die Glock schlägt zwölf. Das Jahr ist aus. Di? be drn Maier. Eine Geschichte aus den weihnachtsferien. Von Bruno N e l i s s e n - H a k e n. Anschließend sind sie in Rektor Arpes Studierstube gezogen und Rektor Arpe hat eine Flasche Dornkaat aus seinem sonst so strenge verschlossenen Sekretär hervorgeholt: „Pedell!" hat er mit Kommandostlmme gesagt: „Was krieat ’n braver Maler - 'n größten oder n lütten? „'n grooten, Herr "Rektor!" hat Tüdel geistesgegenwärtig zur Antwort gegeben: „Aber was ’n braver Maler ist, der kann auf einem Bein nicht stehen!" „Also ’n grooten?!" schmunzelt der Rektor. „Zu Befehl, Herr Rektor!" grinst Tüdel: „Zwei groote oder vier lütte — kommt genau auf dasselbe heraus!" Und nach vier großen und sechs lütten ist Tudel rührselig geworden. Zu dieser Zeit hat er sich den Lappen von seinem Daumen gewickelt, noch einmal voll Wehmut die große Blase angeguckt „Mehr gibt es nicht, Tüdel!" hat er gesagt. „Da gehört em Pflaster draus — aber kein Schnaps!" „Jawohl, Herr Rektor, hat Tudel m Kichern gemeint und seinen Rektor dabei zart in die Seite gebufft. „Ein Heftpflaster — oder aber eine schöne Zigarre von Herrn Rektor aus dem Sekretär — tut genau dieselben Dienste!" — was sein Rektor auch freundlicherweise sofort eingesehen hat. Eine Zigarre hat Tude nock in der Studierstube anrauchen dürfen und eine weitere hat Rektor .lrpe ihm fürs Zubettgehen vermacht. Mit mächtig paffender Zigarre ist Tudel daraufhin in Richtung Pedellenwohnung abgezogen. Und bloß unten aus der Treppe hat er noch einmal gemeint: „Diel zu nachgiebig ist Herr Rektor mit Herrn Schulrat — dem sollten wir mal die Zahne zeigen — Bagage! Bin ich TO ater oder Pedell?!" Und Rektor Arpe hat von oben über das Treppengeländer gerufen und dabei ebenfalls mächtig aus seiner o;anrre oenaftt: „Beides, Tüdel — ’n guten Pedell, aber auch n guten Müler — das findet man selten!" worauf Tüdel sich endgültig in sein« Wohnung begeben und sich dort erstmal mit Frau Tudel wegen der leider gänzlich bekleckerten neuen Schürze ousemandergesetzt hat. Mächtig hat Frau Tüdel Tüdeln die Hölle heiß gemacht! ..... । u Mock viel heißer aber ist Tüdel zumute geworden, als sich am nächsten Morgen nach der Morgenandacht, mindestens vier vollständige Iungens- abdrücke an der ftischgepinselten Aulawand vorgefunden haben: „Ba- aage!" hat Tüdel außer sich geknurrt: „Opfert man sich re.neweg für fo ’n jRnff aus __aber Respekt vor ner anständigen Malerarbeit— i wo _ mit dem Knüppel sollte man dazwischen fahren!" Auch Rektor Arpe hat sich an diesem Morgen die aufs neue verschmierte Wand betrachtet, lind auck Rektor Arpe ist in dieser Stunde wieder umgefallen und ungerecht gegen Twel gewesen: „Tüdel!" hat er unter Schütte n des Kopfes aeäußert: „Du bist wohl ein guter Pedell — aber em g u ter TO a (e rbi ft du wohl doch nicht, da habe ich mich getäuscht — hattest du nickt em Schild anvavven können' „Frisch gestrichen ...?!" „Berdimnu, verd.mm. hat Tiwel ver-wettelt geapft: „Hätte Herr Rektor mir den guten Rat man a e ft e rn gegeben!" Aber Rektor Arpe hat nur gesprochen: Keine Widerrede Tüdel!" und ihn das zweitemal stehen lassen. Denn öffentlich will Rektor Arpe es naturgemäß nicht wahrhaben, baß Gunter die Maler gegangen ist - schon alleine wegen Schulrat Dierks mcht, well ,hm das peinlicher aber ist, daß Tüdel jeßt bei jeder Morgenfeier im Gang lang; ’S es hierdurch auffällig wird, wieso Tüdels Farbmischung so ^^a^Aller9veittlichste"aber ist eingetreten, als in der fünften Woche Schulrat Dierks inspizieren gekommen ist. Denn kaum hat Schulrat Dier s Märchenspinnens und Träumens, mit unserer frühgeschichtlichen Der- gangenheit verbindet — wie er uns mit der Breite unseres Volkes in der Gegenwart so verknüpft, daß sie die fremdesten Leute aus innerem Bedürfnis das Heil und den Glückwunsch zum neuen Jahr zurufen, daß es, namentlich in den Städten, die Menschen dazu drangt, m Scharen auf die Straße hinauszugehen und sich in der Menge des Volkes zu fühlen, das einen großen Augenblick gemeinsam festttch-frohttch begeht. Run wollen wir auch die Dämonen und Geister, die nach dem Glauben der vorchristlichen Zeit um die Neujahrsnacht schleichen, schweben und sich nüt Sorgen störend in den Weiterlaus der Zett emzumsten suchen, mtt heiteren! mutioem Sinn vertreiben! Wir brauchen Lärm und Sllvester- schießen nicht dazu. Die Unholden weichen schon wenn w,r nur fest und mit kraftvoller Siebe unsere Nächsten, die Freunde und bas Volk, umfassen und beim Klang ber Gläser baran benten, halb unseren Willen, unseren vertrauenden und frohen Willen auf Werk und Arbeit des neuen Jahres 8“ Daß°sie gut gedeihen mögen, darauf wollen wir anstoßen! Es ist nichts zu machen. Weil Schulrat Dierks in Sapperfum gegen die Geldausgabe ist, bekommt Rektor Arpe seit zwanzig Jahren keinen Maler für die abgefärbte Wand in der großen Schulaula bewilligt. Rektor Arpe könnte ja fturement zu Schulrat Dierks hmgehen und ihm ebenso klar wie energisch auseinanderpuhlen, warum unb roie|o, aber dazu sinb sie beibe zu große Dickköpse; es ist kein Verhandeln zwischen ihnen Die abgefärbte Wand bleibt und Rektor Arpe sowohl wie Schulrat Dierks verbleiben ebenfalls bei ihren entgegengesetzten Standpunkten. Und wenn Tüdel, ber Pebell, nicht gewesen wäre, wäre noch heute alles so Aber eines Xa9Vt)«t Tüdel die ^>che in die Hand genommen. Eines Tages, als Rektor Arpe in den Weihnachtsferien fernen gewohnten alljährlichen Inspektionsgang durch dre ganze Schule macht und dabei wieder einmal mit heftigem Schütteln des Kopfes vor der Aulawand stehenbleibt — an diesem Tage tritt Pedell Tüdel, weil «r den Kummer nicht mehr mitansehen kann, ernst und gefaßt zwischen Rektor Arpe und die Aulawand und teilt ihm seinen festen und unabänderlichen Entschluß mit daü er Tüdel, ber Pedell, die Aulawand nunmehr selber anptnjeln wolle! JawohU" spricht Tüdel mit Würde, als der Rektor sich un- Mäubia danach erkundigt, ob Tüdel denn glaube, daß auch nur d.e Farbe von Guttat Dierks, dem Knicker, herauszuquetschen sei — und ob er, Tüdehsich vielleicht in die Höhle des Löwen mögen und deswegen zum Schulrat gehen wolle: „Jawohl, Herr Rektor! spricht er. „Ist schon Und "als lein Rektor ihn fassungslos anstiert: „Ich bin eben ganz einfack zu Schulrat Dierks gegangen, Herr Rektor, und habe zu ihm aelaatt Mren Sie mal zu, Herr Schulrat, habe ich gesagt, und machen Sie 9ieht keine langen Fisimatenten — ich muß Farbe haben, wenigstens %arhe — benn so geht es nicht weiter!" „Eididauz!" ruft Rektor Arpe: Du Tüdel in der Höhte des Löwen? Da bin ich platt! „Nix weiter hfheite äuftert Tüdel jedoch wohlgefällig: „Der Schulrat hat nur gefag. Was mein’ lieben alten Pedell Tüdel - und deswegen kommt Ihr sel- L he? - hatt’st' doch man schreiben sollen, Tüdel - nee, nee - d.e 2lula selber anpinseln, dazu gebe ich mein Jawort mcht — Tudel, du bitt Dedell aber kein Maler - Tüdel, dazu bist du nur zu schade! L>mN brummt Rektor Arpe. Aber da habe er gesagt, berichtet Tudel weiter unb steckt gebieterisch seine rechte Hand zwischen den dritten und vierten Westenknopf: „Es bleibt dabei, Herr Schulrat! habe er gesagt. Was ich sage, gilt — ich male die Aula!" „Hm!" brummt Rektor Arp . "Und da? „Und da?" meint Tüdel mit Stolz: „Da hat er gar nichts mehr gesagt, sondern die Farbe glatt bewilligt: „Was fein muß, muh ^'".Ungteudli^!" 'brummt der Rektor. „Tja, Herr Rektor!" räsonniert Tüdett Nur nicht nachgeben, das ist mein Standpunkt — ich söge mir immer-"hart mußt bu fein wie ein Kürbis, Tüdel - bann kannst du den Deubel tanzen lassen!" „So ^nfachohnememeErteubn.szum Krhufrat zu aehen! brummelt der Rektor. „Doch! fugt Tuoei yinzu kll e könne er bann tan3en lassen - sogar den Schulrat! „Hm!" memt Rektor Arpe und sieht feinen Pedellen mißtrauisch an: „Kannst du denn iihJrhnnnt ninfetn Tüdel?" Aber da erwidert Tudel mit Wurde, daß, wa?ein richttger' Pedell sei selbstredend auch pinseln könne! „Hm!, äußert der Rektor und guckt seinem Pedellen lange und zweifelnd in ^^Tlldel beaibt lick an die Malerei. Zehn Tage lang, in den Weihnächte- Tüdel die Aula, was freilich nicht ohne Stöhnen, Aechzen und rot Verwünschungen auf den gesamten Schulrat abgeht; denn so W TDÄ sich die Malerei nicht vorgestellt. Bon Meter zu Meter pinselt er sich und kriegt von Meter zu Meter mehr Blasen an den Fingern, gulefot sogar eine besonders große am rechten Daumen. Ader trotz aller Schinderei wäre die Aulawand nie und nimmer bis Schulanfang fertig geworden, wenn nicht leider ober zum Glück am letzten Ferientage plötzlich Rektor Arpe hinter bem mal hoch auf der Leiter ächzenden, mal muh- selig auf den Knien herumrutfchenden Tüdel gestanden hätte. „Tüdel! spricht Rektor Arpe mit ernster Stimme. Aber Tüdel bekommt schon gar keinen Schreck mehr. Pedell Tüdel blickt seinen Rektor nur mit müden Augen ins Gesicht und läßt sich matt auf der untersten Leitersprosse nieder. „Das nimmt unb nimmt kein Ende!" sagt er bumpf unb weist trübe auf die noch unfertige Wand: „Es ist gerade, als ob das Biest unter meinen Augen wächst!" Wie der Rektor sich die halbfertige Wand anguckt unb babei insgeheim die noch übrige Ouadratmeterfläche abschätzt, während er an den morgigen Schulanfang denkt, spuckt er sich plötzlich kräftig in die Hande, zieht sich schnell entschlossen seinen grauen Langschoßigen aus unb spricht: „Tüdel, versorge mich schleunigst mit einem zweiten Farbtopf nebst Pinsel!" „Herr Rektor!", stammelt Tüdel, weil Malerei keine Sache für einen Schulrektor ist, besonders nicht unter gegenwärtigen Umständen. Ader nur einen kleinen Augenblick steht Tüdel fassungslos da; dann denkt er an die unfertige Wand und faust trotz feiner fteifgemalten Änie wie ein hurtiges Wiefel in feine Pedellenwohnung, rvo er mtt Bl.tzes- eile neue Farbe anrührt und fchnell auch noch Frau Tudel anschnauzt, ! weil sie nicht rasch genug begreifen will, wieso Herr Rektor Arpe eine I Schürze von ihr gebraucht — bis sie bann doch eine herausgibt, sogar eine hagelneue, weil es für Herrn Rektor ist. „So, Tüdel!" spricht der Rektor mit schönem Arbeitseifer: malst du oben an ber Decke, im Norben — unb ich male über bem Futz” hoben im Süben — in ber Mitte treffen wir uns dann! Bis m die dunkle Nacht pinseln der Rektor und sein Pedell, und eme mächtige Pinselei kommt zugange. Aber auch Rektor Arpe hat gegen Mitternacht mit müdem Rundblick gemeint, daß bas Biest von Wand in ber Tat immer größer wird, ba müsse er Tüdel Recht geben! Und erst lange nach Mitternacht hatten sie es geschafft; nicht ohne, daß auch^ Rektor Arpe nunmehr eine Blase am rechten Daumen hatte. „Tja, Herr Rektor! äußert Tüdel, als sie sich müde und abgekämpft gemeinsam auf ber untersten Leitersprosse ausruhen: „3^ bab’ Rek or ja Don ber Pickelei abgeraten — jetzt hat Herr Rektor die Blase ...! Und ich auchi , fügt er unwillig hinzu und betrachtet sich kummervoll fernen umwickelten »eranttoottlid): Dr. tzanS Thyriot. — Druck und Derlag: Drühl'sche Universitäts-Duch. und Steindruckerei. R. Lenge, Diebe«. die frischgepinselte Wand gesehen, da hat er sofort verordnet, daß die Wand binnen drei Tagen neugemalt werden soll, und zwar von einem gelernten Maler, „Endlich!" hat Rektor Arpe mit einem Stoßseufzer erwidert und seinem Schulrat beglückt die Hand geschüttelt. Tudel aber hat gebrummt: „Undank ist der Welt Lohn!" und sich noch lange Zeit darüber verwundert, wieso Schulrat Dierks die alte, abgesärbte W-and zwanzig Jahre nicht, die frisch gepinselte aber schon nach drei Tagen neumalen läßt, also doppelt. „Hart muß man sein wie em Kürbis ...! denkt Tüdel und schluckt seinen Kummer hinunter. Und haarscharf paßt er die nächsten Tage auf, wie jo ein Maler eigentlich mit Pinsel und Farbe umgeht. Winterliche Strophen. Von Wilhelm Luetjens. Wachs der Kerzen, das die Bienen gaben, gelbes Wachs der vollen Honigwaben, tröstlich hellt dein Schimmer meine Nacht. Schmerzen, die ich tief in mir verschweige, Wunden, die ich keinem zeige: Deinem Schein hab ich sie dargebracht. Wachs der Kerze, Sommers holde Gabe, hell in Licht sich wandelnd aus der Wabe, Tröstung schenkst du, da das Jahr sich neigt. Selber so zur Flamme sich zu glühen, aus dem Dunkel winterlich zu blühen: Schönes Sinnbild, das aus dir entsteigt. ein Eingeständnis. Diese Nacht in zweitausend Meter Höhe bedeute für ihn eine Schicksalsnacht! Und zwar würde sich für ihn mit dem ersten Schlag des neuen Jahres eine Lebensfrage entscheiden. Er ließe erraten, daß es sich um ihn und und das große, blonde Mädchen handelte. Seemann und Schauspieler zugleich — zwei Abergläubische in einem! Die beiden Mädchen blieben lange. Darum sah der Schauspieler immer häufiger nach der Uhr. Sie schlug bereits dreiviertelzwölf. Ich lenkte ihn durch Gespräch und häufigen Zutrunk ab, so gut es ging. Als es aber nur noch fünf Minuten vor Mitternacht war, fing der schwere Mann vor Unruhe hörbar zu atmen an. Kein Laut von draußen war zu vernehmen. Wo blieben die Mädchen? Er vermochte seine Aufregung nicht mehr zu bemeistern, stand auf und schritt schnell im Zimmer hin und her. Ich eilte zur Tür, um die Frauen zu holen. Aber er hielt meinen Arm fest wie in einer Eisenklmnmer. „Neinl Nur nichts dazu tun! Sich nicht einmischen in das Schicksal! Kommt sie rechtzeitig zurück, wird das große Glück im neuen Jahr sich einstellen; kann ich nicht genau um Mitternacht mit ihr die Gläser zusarnmenstohen, wird das Glück eben ausbleiben." Ich versuchte, mich von seinem Arm loszumachen und dennoch hinauszueilen. Aber da wurde er böse und hielt mich um so fester. „Nein! Neinl Nur die Mächte nicht reizen, sonst kommt doppeltes Unheil." Er flüsterte das alles, damit die Mächte, die das Geschick brauen, ihn nicht hörten. Die Luft wurde unheimlich. Meine Blicke hingen mit am Zeiger der Wanduhr. Er rückte vor, vor. Da! Draußen in der Ferne begann fchon die Kirchenuhr zu schlagen. Auf unserer Uhr war es noch eine halbe Minute bis zwölf. Noch kann das große Mädchen kommen, noch, noch, jetzt noch — zu spät! Die Zimmeruhr holt aus und schlägt. Mich schauert, als ginge es um mein eigenes Glück. Der Schauspieler saß ohne Bewegung da, stumm, unendlich traurig. Er trank sein Glas allein aus. Nicht einmal das Glas der Freundin, das halbgefüllt auf dem Tisch stand, berührte er mit dem seinen, wie ich ihm vorschlug. Es war, als ob er mit einem mächtigen Zuge einer Toten nachtrinke. Plötzlich fand ich einen Trost für ihn. Einen Trost, an den ich eine Sekunde vorher noch nicht im geringsten gedacht hatte. „Diese kümmerliche Wanduhr entscheidet nicht", sagte ich, „das ist doch mitteleuropäische Zeit, eine künstliche Zeit, von Menschen bestimmt. In solchen Schicksalsfragen kann man sich doch nur an die wirkliche Zeit halten, an die Himmelszeit. Wir haben also noch dreiundzwanzig Minuten!" Vielleicht waren es einundzwanzig, es kam nicht darauf an, diese ganze Nacht des Jahreswechsels war von Geheimnis und Ahnung bestimmt. Und Gott richtet sich nicht einmal nach den Sternen. Der Schauspieler sah mich überrascht an, mit einem hellen Schein auf dem bärtigen Gesicht, aber dann schon wieder mißtrauisch und noch trauriger als. zuvor. „Damit fangen Sie mich doch nicht", sagte er. Ich überzeugte ihn trotzdem. Wenn man einen Menschen lieb hat und ihm helfen will, gewinnt man eine Beredsamkeit, über die man selber staunt. „Wieviel Minuten sind es noch nach Ihrer Himmelszeit?", fragte er. „Sieben." Er saß finster da, sein Gesicht war tief gesenkt und darum sein Bart auf der Wollweste zu doppelter Breite gedrückt. Ich glaubte, sein Herz mit dem Uhrpendel zugleich ticken zu hören, beide immer geschwinder. Ich hatte das Gefühl, ein unerwarteter Schrecken müßte diese schmerzhafte und fast irrsinnige Spannung zerreißen. Kaum hatte ich das gedacht, da spaltete sich mit einem Riß der rote Vorhang, der die Tür zum Flur verdeckte. Aber nur bis zur Hälfte, der untere Teil blieb geschlossen. In der Oeffnung aber zeigte sich — wir sprangen beide hoch, unfähig, zugleich aufzuschreien — der Kopf des toten August Strindberg, des Vaters, mit großem, schwarzem Schlapphut, mit aufaebürftetem Bärtchen über der Lippe, mit seinen funkelnden Augen. Nun hatten wir schon viel Punsch getrunken an diesem Abend, vorher und nachher, Wein mehrerer Sorten, wir waren ganz gewiß nicht abhold irgendwelchen Wundern. Dazu waren wir noch klar genug, um zu sehen, es zeigte sich hier nicht etwa ein künstlicher Kopf aus bemaltem Ton oder irgendeine Maske, der man einen Hut aufgestülpt hatte — sondern Augen und Mund bewegten sich tatsächlich. Wir nahmen diesen Kopf aber auch nicht als Vision unserer ein wenig berauschten Gehirne, sondern in dieser Höhe von zweitausend Meter über der Welt, in einer für einen von uns so entscheidenden Stunde, schien uns die Erscheinung des wirklichen Strindberg keineswegs unglaubhaft. Natürlich bedeutete sie Unheil. Der große Frauenhasser war gekommen, um ein irdisches Glück noch aus dem Jenseits zu zerstören. Nun war alles verloren. Aber uns blieb keine Zeit, zur wahren Erkenntnis des Wunders vorzudringen. Denn in der nächsten Sekunde öffnete sich der Vorhang ganz, ein Weiberrock wurde sichtbar, eine kleine Frauenhand riß den Hut vom Kopf, dunkles Frauenhaar kam zum Vorschein, die kleine Hand wischte blitzschnell über Schnurrbart und Augenbrauen, die sich als nur gemalt erwiesen — Kerstin, die Tochter Strindbergs, stand da, selber erregt, weil sie einige Sekunden sich in den Vater verwandelt hatte. Wie? Sollte in diesem Scherz nun bas Schicksal eines Menschen untergegangen sein? Sollte man so mit dem Herzen eines tieffühlenden Menschen spielen dürfen? In offenbar schrecklichem Zorn stürzte der Schauspieler zur Tür. Ich dachte, er werde die zarte Krestin mit einem Faustschlage zerschmettern. Aber sieh! Mit gewaltigem Griff holte er statt dessen hinter Kerstin bas blonde Mädchen hervor, das ich gar nicht bemerkt hatte, füllte die Gläser, sie stießen beide an, in der letzten Sekunde, die selbst die Himmelsuhr ihnen ließ, während draußen schon die Rufe und Pistolenschüsse der Menschen auf der Straße verstummt waren. Die Zimmerdecke schien sich mir über den beiden Liebenden zu öffnen und die Sterne sehen,zu lassen. Brauche ich zu sagen, daß die Sterne Mann und Frau in diesem Jahre wirklich zusammenführten? Merkwürdige Neujahrsnacht. Von Wilhelm Schmidtbonn. Eine kleine Stadt auf eine Alp hingebaut, riesige Hotels an ein Gelände gehängt, wo kaum Bergtannen Stand haben — dabei klettern die letzten Häuser noch hoch über die Bäume hinaus. Nicht einmal ein Strauch hält sich neben ihnen .Endlich hören auch die Häuser und die Holzhütten auf. Am höchsten klimmt, unvergeßliches Bild, die winzige Kirche, aus oer untenen Jahrhunderten zurückgeblieben, von allem, selbst von den Vögeln verlassen, lieber ihr nur noch die mutigen Felsen und der bittere Himmel, aus dem Kälte herabweht. Eine Landschaft, geschwisterlich ähnlich etwa einer einsamen Losoteninsel. . Aber über Nacht war bann der Schnee da, gleich einen halben Meter roegenbeit gehörte dazu, auch nur den Gedanken einer Siedlung auf solchem Boden zu fassen! Der Zug aus dem Tal herauf schraubt sich in hundert Windungen, durch hundert Tunnels, über waghalsige Brucken in das Herz des Alpengebirges hinein, um diesen Platz zu erreichen, wo der Wind, der sonst in dieser Höhe gewaltiger Herr ist, nicht den geringsten Durchschlupf findet. Noch ist es still von Menschen hier oben, die Hausergruppe wartet dem Schnee entgegen. In einem gläsernen Licht, das man eher in Spanien suchen würde, brennen die roten Grashänge, das Entfernteste ist nah. Neidisch schickt das Tal kleine Wolken als Nebelboten von unten herauf, aber die Sonne hier oben zerbläft sie im Nu. Siegreich bleibt die Hohe, und so ist alles hier oben, wenn nicht Sieg, so doch Lust zum Sieg. Der Wald arbeitet noch gewaltig, man glaubt die Verbissenheit der Safte im Gezweig zu hören. Gras und Blumen stecken die tollsten Farben aus, um sich gegen den kommenden Schnee zu halten. Die roten Ebereschen scheinen non weitem in Brand zu stehen. Kein Haus, das nicht noch einmal die Freude an sich selbst auskostete, darüber, wie es dem Berg seinen Platz abgelistet hat, zweitausend Meter über dem Meer, spitzgiebelig, vielstockig, im Spiel mit den Alpenbergen wetteifernd, bunt mit roten und blauen Fensterläden der Einsamkeit trotzend. Die Abendberge brennen in sich selbst und wachsen geradezu vor Glut. Eine Wollpflanze, deren Namen ich nicht kenne, schickt unzählbar weihen Flaum in die Luft. Erst dachte ich dabei an Schmetterlinge, dann sogar an Tauben. Von solch täuschender Reinheit ist hier oben im Spätherbst die Luft, daß man das Geringste groß sieht. Und kommt es nicht darauf an im ganzen Leben? Denn so erst sieht man die Dinge wirklich. Aber über Nacht war bann der Schnee da, gleich einen halben Meter hoch. Das Auge vermochte sich nicht zu öffnen vor Blendung. Die Telegraphendrähte wurden mit langen Stangen leer geschüttelt. Ein ehrgeiziger Schnee war das, der bei sechs Grad Kälte schon unter den Sohlen wunderbar krachte. Die ersten Skiläufer schossen aus dem Himmel herab, die Kinder auf den kleinen Schlitten schrien das herrliche Leben an. Die Wochen flogen vorbei wie Tage, bis Neujahr da war. Ein berühmter Schauspieler kam in den Ort herauf. Mächtig wie ein Berg, mit blondem Bart, den er sich während der Ferien wachsen ließ, einem Seemann älinlich, der er auch wirklich früher gewesen war, fuhr er wie der König Winter selbst durch die weihe Landschaft, die Arme breit über die Rücklebne gelegt, die Wollmütze beschneit, vor dem Schlitten zwei klingelnde Pferde mit bunten, hohen Federbüschen. Gemeinsam mit ihm verbrachte ich die Neujahrsnacht. In unserer Gesellschaft befand sich noch ein sehr schönes, großes, blondes Mädchen und, am seltsamsten, Kerstin, die Tochter des toten schwedischen Dichters August Strindberg. Wir empfanden die Sterne draußen über dem Dach und tranken heißen Punsch, als frören uns die dreihig Grad Kälte draußen an, roährenh mir im Gegenteil uns bei aufgedrehter Zentralheizung wie Bergtrolle vo'-k'mmen durften, die in ein Menschenzimmer eingebrochen waren und "s sich da wohl fein liehen. Eine halbe Stunde vor Mitternacht gingen die beiden Mädchen In den Schnee hinaus. Als wir Männer allein sahen, nahm der Schauspieler plötzlich eine ganz verwandelte, gedämpfte Stimme an. Er machte mir Gießener ZamilieMmer Unterhattungsbeilage zum Gießener Anzeiger Nummer 9^ 8 5 4 Z c t7 s 9 L 8 6 erstaunt an. , , Also: einverstanden. Ja. Sehen Sie, ich habe ihren Sohn unterrichtet. Sie hat einen Sohn, Poden, er stammt aus der ersten Ehe; sie ist natürlich schon verheiratet gewesen, sie war Witwe. Ich habe mich also mit einer Witwe verheiratet. Sie können einwenden, dies sei nicht an meiner Wieae aeiunaen worden: aber id) verbeiratete mied also mit einer Witwe. e da, Victoria und ihre Mutter seien auch ge- noch ein halbes Dutzend Gäste, nnes stehen und sagte: i wieder umkehren. m Dienstag, antwortete Camilla. ine Hand und drückte sie aufrichtig. den jungen Leute allein und glücklich ihres Weges. XII. nilla auf der Straße: sie ist in Gesellschaft ihrer and des jungen Richmond: sie lassen den Wagen freundlich mit ihm. ,m Arm und sagt: is gekommen. Wir hatten ein großes Fest, wirk- < zuletzt aus dich, aber du kamst nicht. 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 9 10 11 12 13 'lAhrnnmt IQXf» SrritflO. dM 4. Dettmber Colour & Grey Control Chart 6 7 0 cm 1 2 3 1UUU11U ueiueneil r vyenuu vu» wuutu |uycn. */ui| lu, UIVM.V.- (eik Sie fronen Höchstverehrter, wo meine erste, einzige und ewige Liebe geblieben ist? Nahm sie nicht einen Kapitän der Artillerie? Uebrigens stelle ich Ihnen noch eine kleine Frage: Haben Sie jemals lemals tzesehen, dall ein Mann die bekommen hat, die er bekommen sollte? Ich nicht. E? acht die Sage von einem Mann, den Gott erhörte, er bekam seine erste und einzige Liebe. Aber das führte zu keiner weiteren Herrlichkeit für ihn Weshalb nicht? werden Sie wiederum fragen und sehen Sie ich antworte ihnen: Aus der kleinen Ursache, daß sie gleich danach starb — gleich danach, hören Sie, hahaha, augenblicklich danach. So ist es immer. Natürlich bekommt man nicht die Frau, die man haben will, kommt es aber aus rein versluchtem Recht und billiger Gerechtigkeit ein einziges Mal vor, dann stirbt sie also gleich danach. Alles Spiegelfechterei. Da" ist also der Mann darauf angewiesen, sich eine andere Liebe, eine der bestmöglichen Art, zu verschaffen, und er braucht um dieser Veränderung willen nicht zu sterben. Ich sage Jynen, es ist oon der NaturJo weise eingerichtet, daß er es ausgezeichnet aushalt. Sehen sie nur mich an. Johannes sagte: Ich sehe, daß es Ihnen gut geht. Green Grey 2 Yellow Grey 3 Blue White Cyan Grey 1 Ich war verhindert, antwortete er. Entschuldige, daß ich seitdem nicht mehr bei dir oben war, fuhr sie fort. Ich komme jetzt in den nächsten Tagen, ganz bestimmt, wenn Richmond abgereist ist. Ach, wie schön unser Fest war! Victoria wurde krank, sie mußte heimgefahren werden, hast du es gehört? Jetzt besuche ich sie bald Es geht ihr gewiß viel beIer. Vielleicht ist sie schon wieder ganz gesund. Ich habe Richmond ein Medaillon geschenkt, fast das gleiche wie dir. Höre, Johannes, du mußt mir versprechen, besser auf deinen Ofen achtzugeben: du vergißt alles, wenn du schreibst, und es wird eiskalt bei dir. Du mußt dem Mädchen klingeln. Ja, ich werde dem Mädchen klingeln, antwortete er. Auch Frau Seier sprach mit ihm, fragte nach seiner Arbeit, nach dem Geschlecht: wie es damit ginge? Sie ertaarte schon mit Sehnsucht das nächste Buch von ihm. . r . s Johannes gab die nötigen Antworten, grüßte sehr hef unbfag Den Johannes gab die nötigen Antworten, grüßte sehr lies uno say oen Wagen fortfahren. Wie wenig ging ihn doch das Ganze an, dieser Wagen diese Menschen, dieses Geschwätz! Eine leere und kalte Stimmung überkam ihn und verfolgte ihn auf dem ganzen Heimweg Auf der Straße vor seinem Haustor ging ein alter Bekannter auf und ab, der frühere Hauslehrer aus dem Schloß. Johannes grüßte ihn. Der Hauslehrer trug einen langen, warmen und sorgfältig gebürsteten Mantel und hatte einen kecken und sicheren Gesichtsausdruck. Hier sehen Sie Ihren Freund und Kollegen vor sich, sagte er. Reichen Sie mir die Hand, junger Mann. Gott hat meine Wege seit dem letztenmal wunderbar geführt, ich bin verheiratet, habe ein Heim, einen kleinen Garten eine Frau. Es geschehen noch Wunder im Leben. Haben Sie zu dieker meiner letzten Bemerkung etwas zu äußern? Johannes sieht ,hn niiuj qi, ui» yuno uuuj j/uu|v. viwhuw«“11 draußen jemand auf mich, vielleicht geht jemand auf und ab und wartet. Ich glaube es fast ... Plötzlich bricht sie in Tränen aus und stammelt: Ich nannte ihn einen Lügner, das wollte ich nicht. Es tut mir weh, daß ich es getan habe. Er hat mich nicht angelogen, im Gegenteil, er war die ganze Zeit ... Wir werden am Dienstag Gäste bei uns haben, aber er soll nicht kommen, doch du sollst kommen, hörst du. Versprichst du mir das? Aber trotzdem wollte ich nicht schlecht von ihm sprechen. Ich weiß nicht, was du von mir hältst ... Er antwortete: Ich fange an, dich zu verstehen. Sie wirft sich ihm an den Hals, verbirgt ihr Gesicht an seiner Brust, zitternd und verstört. Ja, aber dich habe ich auch lieb, bricht sie aus. Das mußt du mir glauben. Ich liebe nicht nur ihn, so schlimm ist es nicht. Als du mich voriges Jahr fragtest, wurde ich so froh: aber jetzt kam er. Ich verstehe es nicht. Ist es so schrecklich von mir, Johannes? Ich liebe ihn vielleicht ein ganz klein wenig mehr als dich: ich kann nichts dafür, es ist über mich gekommen. Ach Gott, viele Nächte habe ich nicht mehr geschlafen, eit ich ihn gesehen habe, und ich liebe ihn immer mehr. Was soll ich tun? Du bist so viel älter, du sollst es sagen. Nun hak er mich hierher begleitet, er steht unten und wartet auf mich, um mich wieder heimzubegleiten, und jetzt friert er vielleicht. Verachtest du mich, Johannes? Ich habe ihn nicht geküßt, nein, das habe ich nicht, glaube mir; ich habe ihm nur meine Rose gegeben. Warum antwortest du nicht, Johannes? Du mußt sagen, was ich tun soll, denn ich halte es nicht mehr aus. Johannes saß ganz still da und hörte ihr zu. Er sagte: Ich habe nichts darauf zu antworten. Dank, Dank, lieber Johannes, es ist so lieb von dir, daß du nicht wütend auf mich bist, sagte sie unb trocknete ihre Tranen. Aber du soll nicht glauben, daß ich dich nicht auch lieb habe. Du lieber Gott, ich will jetzt viel öfter zu dir kommen als früher und alles tun, was du willst. Aber es ist eben nur das eine, daß ich ihn lieber habe. Ich habe es nicht #<, rr- • Red_______Magenta Grey 4 Black Entschuldige, daß ich nicht auch dich fragte, ob du frierft. Du Zogst keinen Mantel an; soll ich hinaufgehen, um ihn zu holen? Nicht? Ja, aber knöpfe auf jeden Fall deine Jacke zu. Sie knöpfte feine Jacke zu. Johannes reichte Richmond die Hand. Er war in einem merkwürdig abwesenden Zustand, als ginge das, was hier geschah, ihn eigentlich gar nichts an. Er lächelte unsicher, halb und halb, und murmelte: Freut mich, Sie wieder einmal zu treffen. Richmond war keine Schuld anzusehen und keine Verstellung. Als er grüßte, flog die Freude des Wiedererkennens über fein Gesicht, unb er Ich "^"kürzlich eines Ihrer Bücher in einem Buchlaben in London, sagte er. Es ist übersetzt. Es war so nett, es bort zu sehen, mte ein Gruß aus der Heimat. Camilla ging in der Mitte und sah abwechselnd zu beiden auf. Schließ- lld)Dann kommst du also am Dienstag, Johannes. Ja, entschilldige, daß ich nur an meine Angelegenheiten denke, fügte sie hmzu und lochte. Gleich darauf wandte sie sich reuig an Richmond und bat auch ihn zu kommen.