Nummer 66 Zreilag, den 28. August Jahrgang 1936 SiehenerZamilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger s FELIX TIMMERMAN geheimnisvolles das Blut schneller durch die Adern. Gereizt arbeitete sie weiter an den irischen Spitzen, vier Töchter des Bürgermeisters Ossejan machte. bewogen hatte; Zorn jagte ihr Land, in dem sie wohnte. „Ich muh nun essen", erklärte sie kurzerhand. „Ich auch", sagte Pirruhn. Sie nahm ein Stückchen Wurst aus dem Schrank und machte sich dann ein dünnes Butterbrot. Er hing seine Pfeife an den Pfeifenhalter, begab sich zum Bauunternehmer Verteharen, um das „Einhorn" und das Blaue Haus in Ordnung bringen zu lassen, und erteilte Kato den Auftrag, sich sofort nach einem Mädchen umzusehen, das bei Anna-Marie im Blauen Hause dienen sollte. , „ . .... Als er weg war, rang Adelaide ihre blassen, dünnen Hande, ote hatte das Bedürfnis, sich an Pirruhn zu rächen, weil er sie ein ganzes Jahr lang mit dieser großen Erniedrigung beleidigen und kranken würde. Ihm das Haus verbieten? Aber das Haus gehörte Pirruhn, und er bezahlte die Mietei Im Beginenhof eine Wohnung nehmen? Gleich schloß sie die runden Augen. . . .. . Sie fühlte plötzlich, daß ihr ganzes Leben sich wie eine schwache Pslanze an Pirruhn klammerte, daß sein täglicher Besuch wie Bal,am auf die tiefe Wunde ihres Herzens wirkte. Aber dennoch würde sie sich rächen! Während sie die Veilchen im Weinglas betrachtete, dachte sie, wie angenehm es ihr fein würde, ihm von neuem ihre Liebe verweigern zu können. Aber dazu muhte er sie noch einmal darum bitten. Sie biß sich verzweifelt auf die Lippen; sie wußte, daß Pirruhn sie nicht ein zweites Mal bitten würde, wenn sie auch aus allem feine Liebe Herz!" Garten, wo die erkannte. _ _ .. Eine Stunde lang dachte sie darüber nach, und allmählich entdeckte sie die Möglichkeit, sich zu rächen, sie hatte das Mittel gefunden. „Ich werde es so anlegen, daß er wieder um meine Hand. anhalten muß. und dann steche ich ihm von neuem den Dorn ins Mit halbgeschlossenen Augen blickte sie in den kleinen Dornhecke unter einem frischen Regen zitterte, und ein Lächeln spielte dabei um ihre dünnen Lippen. stumm gemacht. , . . .. _ Nun würde sie also doch kommen, und mit ihrem Aufwand und ihrem adeligen Titel Adelaide in den Schatten drängen. Ganz sicher wurde sie die Sommermonate im „Einhorn" verbringen, wo Adelaides Wiege gestanden hatte. Ihr Herz krampfte sich zusammen vor Eifersucht. Ah! sie hätte fast Pirruhn heiraten können, nur um Anna-Marie das „Einhorn" wegzunehmen. Sie würde die Erniedrigung ein ganzes Jahr lang ertragen müssen; es war nicht auszudenken. Und an allem war Pirruhn schuld, der Anna-Marie durch seine Briefe dazu -------- er war es, der ihr die schöne Einsamkeit zerstörte. Der die sie für die Pirruhn bemerkte ihr mürrisches Wesen nicht, rauchte in Ruhe seine Pfeife und sagte ab und zu ein Wort über Anna-Marie und über das Schattenrisse. Abends ging Pirruhn wie gewöhnlich zum Delphin. s Als er eintrat, saßen die Männer beim Kartenspiel. Van de Raft stano mit einem Glas Bier in der Hand daneben und guckte zu. Pirruhn hängte seinen Hut an den Kleiderhaken und stellte Anna-Maries Brief herausfordernd vor fein Glas Kavesbier. „(vb=* E- im- i-il- » Laternen, die an einem quer über die Straße gespannten Tau hingen, und die Nachtlämpchen vor den Madonnenbildern ließen rote Schlangen m Er llebtt"dtt'Geräusche des Regens sehr; aus den Brücken blieb er stehen, um dem Rauschen auf dem Wasser zuzuhoren. Nirrubn brummte vor sich hin: „Nicht einmal zu fragen, was dieser schöne Bries meldet! Die Kaffem! Die blöden Kaffem! Aber sie werden ÄÄKs „ «... kW. MM. ®.- n T-, mit Stein«, tm» S»w°« 7 wald gewesen, wo die beiden Männer tue Tannen «emal hatten Sie duftete noch nach dem Terpentingeruch der Bäume und stickte letzt Hausschuhe mit einem springenden Hirsch für Livinus. Birruhn freute sich, sie zu sehen. Ohne sie war kein Lachen tm Hause, er hätte sie nicht mehr entbehren mögen und liebte sie rote fein eigenes $'nEr tat alles um sie froh und glücklich zu machen, schrieb jede Woche ein paar Briese an ihren Kater, an Notare und Behörden von Paris; umsonst die Papiere tarnen nicht. Einmal hatte ,hr Vater Pirruhn ge- antwortet daß er seine Tochter nicht eher wieder anerkennen, wurde, bevor sie nicht endgültig mit Livinus gebrochen hatte; sonst durfte sie ^'"Das "machte out’ ©rain^b’Dr nicht den geringsten Eindruck. Sie fand, daß Pirruhn viel besser wäre als ihr Vater, und wollte eigensinnig warten bis sie volljährig märe, um Livinus zu betraten, den sie doch so sehr liebte; die Zeit schien ihr wohl ziemlich lang, aber um so großer ^S^mu^e" sich'neben Pirruhn setzen und vom Vierzelwald erzählen, und dann zeigte er ihr den Brief von Anna-Marie. . Grain d'Or freute sich über alles, so auch über den m Aussicht gestellten Besuch Anna-Maries, und sie machte Pirruhn damit so glücklich, daß er ihr von seiner guten, alten Chartreuse einschenkte, womit er sonst ^Bevo^m zu Bett ging, gab er ihr einen flüchtigen Kuß auf bie roten Backen und ging bann mit bem Kerzenhalter in ber Hanb aus fern <5rf’fflrain'b’0r arbeitete weiter an ben Hausschuhen . Atz Pirruhn mit ber weihen Schlafmutze über ben Ohren im Bett Ina fina er an ben Brief noch einmal gründlich burchzulestn. Er horte Eimin d'Or heraufkommen und später Livinus auf den Fußspitzen m das zweite Stockwerk schleichen. Pirruhn hatte dafür gesorgt, daß ihre 3iTrn,oroüte nu7'au?°einschl7fen, löschte mit den Fingern die Kerze aus^bie auf bem runben Nachttischschrankchen stand, und zog die weißen $et^4?»r0fnnnte nickt einschlasen vor Freude, weil er die Tochter seines alten freundes in seinem Hause würde empfangen dürfen. Was könnte e! ibr sagen'- Er wußte, daß seine Rede kurz und abgehackt war; für sie hatte er schöne, abgerundete Sätze sprechen mögen. Wie wurde er das anfangen? Die Delphine EINE GESCHICHTE AUS DER GUTEN ALTEN ZEIT Aus dem Flämischen übertragen von Peter Mertens /Insel-Verlag Leipzig 2. Fortsetzung. Deshalb hatte sie mit einer gewissen Angst die erste Antwort Anna- Maries erwartet, und als es hieß, sie würde wahrscheinlich nicht kommen, war ihr ein schwerer Stein vom Herzen gefallen. Sie war nahe daran gewesen, Pirruhn zu bitten, er mochte Anna- Marie nicht mehr ausfordern, zu kommen, aber der Stolz hatte sie Etwas später stieg Pirruhn wieder aus seinem Bett. Er schob die Fenstergardinen beiseite und lugte hinaus, um festzustellen, ob der Himmel noch voll Regenwolken hing; denn er sollte morgen in Herenthout ein Bauerngut verkaufen. Es regnete noch immer leise murmelnd auf die Dachziegel. „Kaum der Rede werk", ttöstete er sich; aber dann blieb ihm vor Staunen der Mund offen stehen. Drüben vor sich sah er das erleuchtete Fenster von Grain d'Ors Schlafzimmer und aus dem Vorhang den Schattenriß eines jungen Paares, das sich küßte. „Schön, aber erst heiraten", sagte Pirruhn. Er nahm eine feiner Pfeifen, die im ganzen Hause Herumlagen, eine jener langen Tonpfeifen mit großem Kopf und gebogenem Stiel, an dem das Mundstück schwarz lackiert ist. Er brach den mit Asche gefüllten Kopf ab, öffnete vorsichtig das Fenster, zielte und warf ihn mit aller Wucht in die erleuchtete Fensterscheibe. Die Schattenbilder fielen auseinander; in der stillen Nacht klirrte das Glas, das Licht löschte plötzlich aus, und dann hörte man nur noch den Regen, der leise auf die Dächer fiel, mit einem Rauschen wie von köstlicher Seide. „Nun weiß ich, daß sie nicht mehr beisammen sind", dachte Pirruhn. Er legte sich zu Bett und fing wieder an, darüber nachzudenken, was er Anna-Marie sagen könnte. Er würde zu diesem Zweck Fenelons „Gespräche über die Beredtsam- keit" einsehen. Am nächsten Morgen hockte die Stille auf dem Kaffeetisch. Pirruhn aß schweigsam sein Butterbrot mit Pflaumenmus, während er die Kapitelüberschriften in „Corinna" las, um sich einigermaßen über Italien zu orientieren. Er las nur die Titel, das übrige dachte er sich. Livinus gab sich die größte Mühe, einen Bissen Brot mit vielem Kaffee hinunterzuwürgen Grain d'Or wars, zwischen ihren langen Locken hindurch, ängstliche Blicke auf Pirruhn. Livinus suchte mit dem Fuß unter dem Tisch nach einem Fuß Grain d'Ors, fand aber keinen. Bor der Haustür hielt eine Kutsche. Pirruhn machte das Kreuzzeichen, erhob sich und ging zur Tür. Den beiden fiel gleichzeitig ein Stein vom Herzen. Es schien gut abzulaufen. Vielleicht hatte ein Straßenbengel den Pfeifenkopf übers Haus geworfen, und er war dann zufällig in ihr Zimmer geflogen! Aber als Pirruhn die Türklinke in der Hand hielt, drehte er sich um und jagte ganz trocfen: „Livinus, von heute ab schläfst du bei Van de Nast. Er hat ein Bett frei, weil sein Sohn Soldat geworden ist. Und du bist mir fünf Groschen schuldig für die Scheibe. Wir sehen uns heute abend im Delphin." Die Tllr ging auf und zu, und Pirruhn war weg. Sie Begegnung. Die Tage hellten sich aus. Die Sonne lockte ganze Büschel Blumen aus dem grünen Gras der Wiesen und hüllte die Zweige der Obstbäume in weiße und hellrote Gewänder. So wurde es Mitte Mai, und der große Tag kam heran. Pirruhn hatte sich für diese Gelegenheit eine neue Hose und eine gelbe Weste mit grünen Blütenranken machen lassen. Als der'Vater von Livinus die Kleidungsstücke brachte, legte Pirruhn sie zusammengeknüllt auf einen Stuhl, setzte sich einen halben Tag lang darauf, während er seine Akten studierte, zog sie an und ging im Regen spazieren, damit sie nicht mehr so neu aussehen sollten. Pirruhn hatte sich sämtliche Wagen angesehen, die er in der Stadt ausfindig machen konnte, aber keiner schien ihm gut genug, um Anna- Marie würdig damit abzuholen. Er war in großer Verlegenheit, denn er hatte nur plumpe, häßliche Fahrzeuge gesunden, und die Postkutsche, die klapperte wie eine Eisenwarenhandlung, kam schon gar nicht in Frage. Er steckte den Daumen in den Mund, und da kam ihm ein glänzender Gedanke. Im Schuppen des Pfarrhauses stand eine wurmstichige Kutsche, mit der man früher den Bischof von Antwerpen abholte, wenn er die kleine Stadt zur Firmung der Kinder besuchte. „Das ist die richtige!'' jubelte Pirruhn. Es war ein viereckiger Kasten auf vier Rädern, melonengelb gestrichen und in der Mitte jeder Fläche mit einem Blumenkorb bemalt. Pirruhn erhielt die Kutsche vom Pfarrer geliehen, ließ sie innen und außen ausfrischen, unb der Bürgermeister Ossejahn stellte ihm seine beiden schwarzen Pferde mit weißen Füßen und seinen Kutscher in blauer Livree zur Verfügung. Ausgerüstet mit seinen beiden Pfeifen, die er abwechselnd rauchte, und mit einem Strauß hellroter Rosen, die einen herrlichen Duft verbreiteten, fuhr Pirruhn nach Brüssel. Als er im Gasthof „Zum König von Spanien" Anna-Marie begegnete, starrte er sie an wie ein Wunder. Anna-Marie trug ein Kleid aus blasser, radieschenroter Seide, das sie wie eine rauschende Glocke umgab; ein Schutenhut, auf dem graue Blumen zitterten, umrahmte ihr Gesicht, und zwei Bündel blauschwarzer Locken hingen neben ihren weichen Wangen. Wie ein silberner Wasserstrahl aus einem Krug floß ein weißer Seidenschal mit purpurnen Blumen von ihren zarten Schultern. Sie war groß und schlank und von einem köstlichen Duft umgeben. Sie war noch dieselbe reizvolle, jugendliche Gestalt, die das Miniaturbild so treffend festgehalten hatte. Aber über die kindliche Anmut hatte sich ein sanfter Ernst gelegt, eine stille Wehmut, die sich sammetweich in ihren großen, klaren, Hellen Augen widerspiegelte. Pirruhn nahm seinen Hut ab, reichte ihr die Blumen und küßte zögernd und vorsichtig die Fingerspitzen ihrer Hand. Er sah, daß sie befangen und schüchtern schien, und sein Herz klopfte. Pirruhn war sehr ergriffen und dachte, daß Fenelon mit seinem ganzen Redetalent hier sinnlos wäre; sie war über alle Worte erhaben, und seufzend sagte er: „Ich bin Pirruhn." Da sprang plötzlich ein Affenpinscher unter dem silbrigen Schal hervor und kläffte Pirruhn wütend an. Er erschrak so sehr, daß seine beiden Pfeifen, die im Aermel seines Mantels staken, zerbrachen und die Stücke zu Boden fielen. „Das werde ich dem dreckigen Köter schon noch heimzahlenl" dachte Pirruhn, krebsrot vor Wut. Der Empfang. Zur stillen Stunde, als alles sich in Dämmerung hüllte, aber der Himmel noch hell und leuchtend war, mit vielen blaffen Seifenblasenfarben des verschwundenen Tages, zur Stunde, als in den Häusern die Kerzen angezündet wurden, bog die schöne Kutsche auf den verlassenen, mit Gras bewachsenen Marktplatz ein Pirruhn steckte seinen Kopf durch den ovalen Fensterrahmen und rief dem Kutscher zu: „Zum Delphin!" Vor dem Gasthof blieb der Wagen stehen. Pirruhn stieg aus und eilte in den kleinen Saal, wo die Gesellschaft um Kuckuck versammelt war, der aus Klopstocks Werken vorlas. „Anna-Marie steht vor der Tür!" rief Pirruhn mit erhobenen Armen. „Wenn ihr einen Traum sehen wollt, dann schnell!" Alle stürzten hinaus, eine Flasche flog zu Boden und zerbrach. Pirruhn hals Anna-Marie beim Aussteigen und stellte sie seinen Freunden vor, indem er feierlich ihre Namen nannte. Beim Anblick Anna-Maries waren sie sprachlos vor Staunen. Livinus war so gerührt, daß er vergaß, die Pfeife aus dem Mund zu nehmen, und Anna-Marie in restloser Bewunderung mit aufgerissenen Augen starr anblickte. Kuckuck machte eine tiefe Verbeugung und murmelte vor sich hin: „Hebe, die schöne Mundschenkin der Götter." Der dicke Van de Nast war ganz verlegen und versuchte, sich hinter Corenhemel zu verstecken. Schwan kreuzte beide Hände auf der Brust, und Corenhemel, der feine schöne blaue Jacke mit einer weißen Rose geschmückt hatte, war sichtlich überrascht, ein Glücksschauer überlief ihn; sie hatte dieselben Augen wie Katinka, seine russische Geliebte! Selig hingen seine Blicke an ihr, tief, durchdringend, unwiderstehlich. Zu lang und zu innig sahen sie einander in die Augen. „Das sind die Delphine, meine Freunde", sagte Pirruhn, „die Philosophen der Stadt. Sie sehen, wie froh sie sind. Sie in ihrer Mitte begrüßen zu dürfen. Wir werden diesen Tag mit goldener Tinte in unsere Bücher eintragen!" „Gewiß, gerne", bestätigten alle halblaut. „Mir wird es eine reine Freude sein. Sie alle näher kennen zu lernen", sagte Anna-Marie mit ein wenig erregter, geschmeidiger Stimme; und wieder sah sie schüchtern und glücklich auf Corenhemel. „Dann machen Sie uns zu Königen!" rief Pirruhn. „Kommen Sie!" Sie fuhren durch die Butterstraße zu Adelaide von Sint-Jan. ♦ Als die anderen Delphine schon wieder drinnen waren, stand Livinus noch auf der Freitreppe des alten Gasthofes. Der Marktplatz war leer und still, die Häuser mit ihren Schnörkeln und Stufengiebeln zeichneten sich scharf und dunkel am Himmel ab, wo noch ein heller Lichtstreifen hing, den die Sonne vergessen hatte mitzunehmen. Die grünen Fensterscheiben des Rathauses glänzten wie Wasser, und viele Fledermäuse flatterten an den zinnernen Dachrinnen der Häuser entlang; Carenhemels Dienstmädchen zag vor dem Madonnenbild eine brennende Laterne in die Höhe. Hier und da wurden in den Wohnstuben die Kerzen angezündet. Ein angenehmer Dust und eine milde Reinheit hingen in der Lust. Livinus stand bestürzt, wie vom Schlag getroffen, mit offenem Munde da und sagte mit einem schweren, tiefen Seufzer: „Wie schön!" Bei Adelaide. Aus dem Wege zu Adelaide von Sint-Jan sagte Pirruhn, der unterwegs kein Wort darüber gesprochen hatte: „Ich liebe sie!" Und er erzählte ihr seine ganze Geschichte. Er sah voraus, daß sie bei Adelaide ankommen würden, bevor er damit fertig wurde, schob den Kopf durchs Fenster und rief: „Kutscher, ganz langsam fahren, wie bei einem Begräbnis mit Musik!" Der Kutscher tat, wie ihm geheißen, und Pirruhn erzählte weiter. Er kam auch auf das „Einhorn" zu sprechen, sagte, daß es früher Adelaide gehört hätte, jetzt Anna-Marie, und später vielleicht ihm gehören würde, wenn er Adelaide heirate. Anna-Marie wußte von diesem eigenartigen Verhältnis, und sie hatte deshalb oft gewünscht, Pirruhn, diesen sonderbaren Mann mit der eigensinnigen Liebe, kennenzulernen. „Es ist sehr begreiflich", sagte Pirruhn. „daß Adelaide nicht besonders gut auf Sie zu sprechen sein wird, weil ihr Geburtshaus nun ihnen gehört. Das ist zwischen ihr und Ihnen und zwischen ihr und mir ein kleines Hindernis. Sie weiß, wie die Sache zusammenhängt. Sie bleiben ein ganzes Jahr hier, und ich möchte, daß Sie beide gute Freundinnen würden. Ich hoffe, Adelaide in diesem Jahr zu heiraten, ja, das muß unbedingt geschehen! Und deshalb möchte ich Sie bitten, mir einen Gefallen zu tun. Sie ist versessen auf das „Einhorn", wo sie ihre Jugend verlebt hat. Sie wäre imstande, glaube ich, deswegen allein zu heiraten. Jetzt, da es Ihnen gehört, ist das weniger verlockend, aber Sie könnten es mir wieder verkaufen. Ich biete Ihnen den doppelten, nein, den vierfachen Betrag, den Ihr Herr Vater mir dafür bezahlt hat' Sie können ein ganzes Jahr dort wohnen. Wenn Sie dies nicht tun, dann müßten Sie es mir, wenn ich heirate, für den einfachen Kaufpreis zurückgeben, und heiraten werde ich bestimmt in diesem Jahr noch, verstehen Sie? ... Wenn Sie also wissen, was Liebe heißt, bann fassen Sie sich ein Herz und verkaufen Sie mir das .Einhorn' jetzt auf der Stelle! Wir machen die Sache später schriftlich. Ich möchte ihr gleich damit eine Freude machen. Und bann haben Sie noch bie Güte, das nachher gleich im Gespräch zu ermähnen. Wollen Sie? .." Pirruhn hatte noch nie eine so lange Rede gehalten. Seine Katzenaugen waren begierig auf ihren Mund gerichtet. (Fortsetzung folgt.) verstehen. Gestern hat er den ganzen Tag gelernt, und es ist gut, daß wir ihn nicht vor seinen Kolimitonen blamiert haben." Und Anna sagte: „Ich möchte bloß wissen, warum der Herr Amtsrichter nicht stehengeblieben ist." . . Jetzt ist auf einmal am Eingang von unserem Garten der Geheim rat und die Frau Geheimrat gewesen, und meine Mutter sagte: „Aenn- chen, sitzt meine Haube nicht schief? Ich glaube gar, Geheimrats machen uns Besuch." . .. Und sie ist ausgestanden und ihnen entgegengegangen, und ich horte, daß sie gesagt hat: „Nein, das ist lieb von Ihnen, daß Sie kommen. Aber der Geheimrat hat ein Gesicht gemacht, als wenn er mit einer Leiche geht, und sie ist ganz rot gewesen und hat den abgebrannten Frosch in der Hand gehabt und hat erzählt, daß die Katze letzt wahnsinnig ist und drei Tassen kaputt sind. Und daß es niemand anderer getan hat wie ich. , , , , . . Da sind meiner Mutter die Tränen heruntergelausen, und der Ge- Heimrat hat gesagt: „Woinen Sü nur, gute Frau, Woinen Su über Ueren mißratenen Sohn!" Und dann haben sie verlangt, daß meine Mutter die Tassen bezahlt, und eine kostet zwei Mark. Ich bin furchtbar zornig geworden, wie ich gesehen habe, daß meine alte Mutter den kleinen, alten Geldbeutel herausgetan hat, und ihre Hände waren ganz zittrig, wie sie das Geld ausgezahlt hat. Die Frau Geheimrat hat es geschwind eingesteckt und hat gesagt, das schrecklichste ist, daß die arme Katze wahnsinnig geworden ist, aber sie wollen es nicht anzeigen aus Rücksicht für meine Mutter Dann sind sie gegangen, und er hat noch gesagt: „Der Hummel prüft Su hart mit Uer3ch 'babe^noch länger in den Garten hinuntergefchaut. Da ist meine Mutter am Tisch gesessen und hat sich mit ihrem Sacktuch die Kranen abaewischt, aber es sind immer neue gekommen, und bei Aennchen auch. Das Butterbrot ist auf dem Teller gewefen, und sie haben es nicht mehr essen mögen. Ich bin ganz traurig geworden, und ich b,n fort, daß lie "^ch'^abe° gedacht, wie es gemein ist von dem Geheimrat, daß er das Geld genommen hat, und wie ich ihm dafür etwas antun muß. Ich möchte die Katze kaputt machen, daß es niemand merkt, und ihr den Schweis abschneiden. Wenn sie dann rüst: „Wo ist denn "ur unser Miezchen?" schmeiße ich den Schweif über den Zaun hinüber. Slbei ich muß mich noch besinnen, wie ich es mache, daß es niemand merkt. Da An ich wieder lustig geworden, weil ich gedacht habe, was sie für em Gesicht machen wird, wenn sie bloß mehr den Schweis sieht Dann bin ichI -um Essen gegangen. Anna ist schon an der Tur gestanden und hat gesagt daß ich allein essen muß in meinem Zimmer, und daß ich morgen in die'Schule gehen muß. Der Herr Lehrer Wagner hat es angenommen. Ich habe schimpfen gewollt, weil es doch eine Schande ist, wenn ein Lateinschüler mit den dummen Schulkindern zusammensitzt, aber ich habe gedacht, daß meine Mutter so geweint hat. Und da habe ich mir alles gefallen lassen. Ich bin am andern Tag in die Schule gegangen. Es war bloß em Zimmer und da waren alle Klassen darin, und auf der einen Seite waren die Buben und aus der anderen die Mädchen. Wie ich gekommen bin, hat mich der Lehrer in die erste Bank gesetzt Dann hat er gesagt, daß sich die Kinder Muhe geben sollen, weil heute ein großer Gelehrter unter ihnen sitzt, der Lateinisch kann. Das bat mich verdrossen, weil die Kinder gelacht haben. Aber Ich habe es mir nicht merken lassen. Einer hat ein Lesestück vorlesen müssen. Es hat geheißen „Der Abend" und ist so angegangen: „Die Sonne geht zur Ruhe, und am Himmel kommt der Abendstern Die Vöglein verstummen mit ihrem lieblichen Gesänge: nur die ©ritten zirpen >m Felde. Da gebt der fleißige Bauersmann heim. Sem Hund bellt freudig, und die Kinder springen ihm entgegen." So ist es weitergegangen. Der Lehrer sagte, die Kinder von der siebenten Klasse müssen es nun aus dem Kopfe schreiben und er ladet den Herrn Lateinschuler auch ein. Er hat mir eine Tafel und einen Griffe! gegeben, und dann tagte er, daß er eine halbe Stunde in die Kirche fort muß, und daß die Furtner ^^Da bin id/mnfj^orniger geworden, daß ich einem Mädel folgen soll. Wie der Lehrer draußen war, habe ich den Leitner, der neben mir gesessen ist, ganz ruhig gefragt, ob er heute nachmittag zum Fischen ^Äa^ie Furtner Marie gerufen: „Ruhig! Wenn du noch einmal schwätzest, wirst du aufgelchrieden." . „Entlchuldigen Sie, Fräulein Lehrerin", habe ich gesagt, „ich will es ^Dann^ habe ich einen Schlüssel aus der Tasche gezogen und habe ttt°hie1 ^urtnfr^marie zur Tafel hinaus und hat hingeschrieben: ^^Ich bin aufgestanden und habe gesagt: Entschuldigen Sie^ Fräulein Lehrerin was muß ich denn machen, daß Sie mich nicht austchreiben? Sie sache daß ich den Aufsatz „Der Abend" lchreiben muß. Da habe ich geschwind etwas gelchrieben, und dann bin ich wieder aufqestanden und habe gesagt^.Entlchuldigen Sie, Fraulem ,Lehrerin, darf ich es nicht vorlesen. daß Sie mir lagen, ob es recht ist? Sa ift die dumme Gans stolz gewesen, daß sie einem Lateinschuler etwas sagen muß. und sie hat gesagt: „Ja, du darfst es vorlesen. Da habe ich recht laut gelesen: , Die Sonne gebt zur Ruhe. Der Abendstern ist auf dem Himmel Vor" dem TOirtsbauIe ist es still. Auf einmal geht die Tur auf und der Hou-cknecht wirst einen Bauersmann hinaus. Er ist betrunken. Es Ist berSa^Xn^ttT Mnd^qelacht. und die Furtner hat zu heulen an- aefanaen Sie ist wieder an die Tafel hin und hat getrieben: ..Thoma ungezogen." Das hat sie dreimal unterstrichen. Ich bin meiner V°nk gegangen und habe den Schwamm genommen und habe ihre Schrift ausgewischt. Sonnenblumen. Don P e t e r B a u e r. Mannshoch am Zaun ragt Schaft an Schaft, Schlank wie Heiligenbilder im Chor, Goldftrahlend die Häupter, erzengelhaft, Alle den Blick zur Sonne empor. Zur flammenden Schwester, so hoch erblüht, Daß kein stürmender Herbst unserm Himmel sie raubt. Deren Feuergesicht uns leuchtet und glüht Bis im Sternsturz die Erde zerstäubt. Zn den Ferien. Eine Lausbubengeschichte von Ludwig Thoma. Es ist die große Vakanz gewesen, und sie hat schon vier Wochen gedauert Meine Mutter hat ost geseufzt, daß wir fo lange frei haben, weil alle Tage etwas passiert, und meine Schwester hat gesagt, daß ich die Familie in einen schlechten Rus bringe. Da ist einmal der Lehrer Wagner zu uns auf Besuch gekommen. Er kommt oster, weil meine Mutter soviel vom Obst versteht, und er kann sich mit ihr unterhalten. Er hat erzählt, daß seine Pfirsiche schon reif werden, und daß es ihm Und bann hat er auch gesagt, daß die Volksschule in zwei Tagen schon wieder angeht und seine Vakanz vorbei sei. Meine Mutter hat gesagt, sie möchte ttoh lein, wenn das Gymnasium auch schon angeht, aber sie muh es noch drei Wochen aushalten. Der Lehrer sagte: „Ja, ja, es ist nicht gut, wenn die Burschen so lange frei haben. Sie kommen auf alles mögliche." Und bann ist er gegangen. Zufällig habe ich an diesem Tage eine Forelle gestohlen gehabt, und der Fischer >st Zornig zu uns gelaufen und hat geschrien, er zeigt es an, wenn er nicht drei Mark dafür kriegt. Da bin ich furchtbar geschimpft worden, aber meine Schwester hat gefügt: „Was Hilst es? Morgen fängt er etwas anderes an, und kein Mensch mag mehr mit uns verkehren. Gestern hat mich der Amtsrichter so kalt gegrüßt, wie er vorbeigegangen ist. Sonst bleibt er immer stehen Un%iei'ne' Mutter hat gesagt, daß etwas geschehen muh, sie weih noch "^aiu? einmal ist ihnen eingefallen, ob ich vielleicht in ber Vakanz in die Volksschule gehen kann, ber Herr Lehrer tut ihnen geroif? ben Ich habe gesagt, bas geht nicht, weil ich schon in bie zweite Klasse von ber Lateinschule komme, und wenn es die anberen erfahren ist es eine furchtbare Schande vor meinen Kommilitonen. Lieber will ich nichts mehr anfangen und sehr fleißig fein. Meine liebe Mutter fagte zu meiner Schwester: Du hörst es, daß er jetzt anders werden will, und wenn es für ihn doch f0 peinlich ist wegen der Kolimitonen, wollen wir noch einmal warten." m , Sie kann sich keine lateinifchen Worte merken. Ich war froh, daß es fo vorbeigegangen ist, und ich habe mich recht zusammengenommen. , . , ... Einen Tag ist es gut gegangen, aber am Mittwoch habe ich es nicht "°NebeXuns°wohnte der Geheimrat Bischof in der Sommerfrische. Seine Frau kann mich nicht leiben, und wenn ich bloß an ben Zaun hinkomme, schreit sie zu ihrer Magd: „Elis, geben Sie acht, ber Laus- bUb©i,Jt haben eine Angorakatze; bie barf immer dabei fifcen wenn fie Kaffee trinken im Freien, und die Frau Geheimrat fragt: „Mag Miezchen ein bißchen Milch? Mag Miezchen vielleicht auch ein bißchen Honig? Als wenn sie ja sagen könnte ober ein kleines Kind wäre. Am Mittwoch ist die Katze bei uns herüber gewesen, und unsere Magd hat sie gefüttert. Da habe ich sie genommen, wie es niemand gesehen hat, und habe sie eingesperrt im Stall, wo ich früher zwei ^°Dann°habe"ich aufgepaßt, wie sie Kaffee funken Habern Die Frau Geheimrat war schon da und hat gerufen: „Miezi! Miez,! Elis, haben Sie Miezchen nicht gesehen?" . . , Aber die Magd hat es nicht gewußt, und sie haben sich hmgesetzt, und ich habe hinter dem Vorhang hlnübergeschaut. Dann hat die Frau Geheimrat zu ihrem Mann gesagt: „Eugen, hast du Miezchen nicht gesehen?" . .. „ Und er hat gesagt: „Vüloicht, ich woiß es nucht. Und dann hat er wieder in der Zeitung gelesen. „ . Aber bie Frau Geheimrat war ganz nachbenklich, und wie sie ein Butterbrot geschmiert hat. hat sie gesagt: „Ich kann mir nicht benten, wo Miezchen bleibt. Sie fängt doch keine Mäuse nicht?" Indes bin ich geschwind in den Stall und habe bie Katze genommen. Ich habe ihr an ben Schweif einen Pulverfrosch gebunben und bin hinten an das Haus vom Geheimrat am Zaun und habe ben Frosch angezundet. Dann habe ich bie Katze freigelassen. Sie ist gleich durch den Zaun geschloffen und furchtbar gelaufen. „ Die Magd hat geschrien: „Frau Geheimrat, Mieze kommt schon. Und bann habe ich bie Stimme von ihr gehört, wie sie gesagt hat: „-too ist nur mein Kätzchen? Da bist bu ja! Aber was hat das Tierchen am Schweif?" Dann hat es furchtbar gekracht und gezischt, und sie haben geschrien und die Tassen am Boden hingeschmissen, und rote es still war, hat ber Geheimrat gesagt: „Das üst rouber büser ruchlose Lauspube ^°°Ich"habe mich im Zimmer von meiner Schwester versteckt; da kann man in unseren Garten hinunterschauen. Meine Mutter unb Anna haben auch Kassee getrunken, unb meine liebe Mutter sagte gerabe: „S'ehst du, Aennchen, Ludwig ist nicht so schlimm; man muh ihn nur zu behandeln ' Urrt) dann habe Ich die Furtner Marie bei ihrem Zopf gepackt und habe sie gebeutelt, und zuletzt habe ich ihr eine Ohrfeige hineingehauen, damit sie weiß, daß man einen Lateinfchüler nicht aufschreibt. Jetzt ist der Lehrer gekommen, und er war zornig, wie er alles erfahren hat. Er sagte, daß er nur wegen meiner Mutter mich nicht gleich hinauswirft, aber daß er mich zwei Stunden nach der Schule einsperrt. Das hat er auch getan. Wie die Kinder fort waren, habe ich dableiben müssen, und der Lehrer hat die Tür mit dem Schlüssel zugesperrt. Es war schon elf Uhr, und ich habe furchtbar Hunger gehabt. Da habe ich geschaut, ob ich nicht durchbrennen kann und vielleicht beim Fenster hinunterspringen. Aber es war im ersten Stock und zu hoch, und es waren Steine unten. Da schaute ich auf der andern Seite, wo der Garten war. Wenn man aus die Erde springt, tut es vielleicht nicht weh. Ich machte das Fenster auf und dachte, ob ich es probiere. Da habe ich auf einmal gesehen, daß an der Mauer die Latten für das Spalierobst sind, und ich habe gedacht, daß sie mich schon tragen. Ich bin langsam hinausgestiegen und habe die Füße ganz vorsichtig auf die Latten gestellt. Sie haben mich gut getragen, und wie ich gesehen habe, daß es nicht gefährlich ist, da ist mir eingefallen, daß ich die Pfirsiche mitnehmen kann. Ich habe alle Taschen vollgesteckt und den Hut auch. Dann bin ich erst heim und legte die Pfirsiche in meinen Kasten. Am Nachmittag ist ein Brief vom Herrn Lehrer gekommen, daß ich dle Schule nicht mehr betreten darf. Da war ich froh. Frauen in Asuncion. Von Johan Luzia n. Rot geht die Sonne auf über den Urwäldern, das Schwarzgrün frißt [ich eine Weile hinein in den glühenden Ball, dann löst er sich und ent- ckwebt höher hinauf über die Cordillere, über den Kamp und über die alte Stadt Asuncion am Rio Paraguay. Blau und weich liegen die Schatten in den rechteckigen Straßen, zwischen den niedrigen Steinwänden, die überall ein wenig zerbröckeln, von Regen und Hitze benagt, weich liegen die Schatten in den Fruchtgärten und blütenüberrankten Patios hinter den häßlichen Mauern. Die Türme der Kathedrale leuchten aus, ein paar der höher gebauten Häuser in den Hauptstraßen fangen das rote Licht, eine engeltragende Säule funkelt golden von einer Anhöhe, die Palmen und Akazien aus den Plazas, die Schiffe auf dem Rio zittern im Licht. Aus den Kaminen zwirbelt sich heller, dünner Rauch und weht über die groblinigen Ziegeldächer, die kantigen spanischen Türmchen, über die flache, weitverstreute Stadt bis hinaus nach den Avenidas, wo in schönen Palmengärten die Billen der reichen Asuncioner stehen, und weiter über das grün und gelb und rot gesprenkelte Land der Ranchos und Wellblechhütten in der Runde. Es ist der Rauch der Frühe, vom ersten Feuerchen zum Erwärmen, denn die Morgen sind kalt, vom Feuerchen für den Mate aus der Bombilla, dem Saugröhrchen, den Frauen und Männer lieben. Sie hocken am Herd in der Dämmerung, am Feuerloch, und die Cuye/ das Kürbisgefäß, wandert von Mund zu Mund, und sie plaudern von Dingen, die ihnen wichtig find. Dann erst beginnt der Tag, der arbeitsreiche Tag für die Frauen von der Cam- pana, die Frauen der Stadt. Sitzend auf einer Eselin, quer auf dem sanften, geduldigen Grautier, zu beiden Seiten viereckige Felltaschen voll Mandarinen, Grapefruits, braunen Mandiokawurzeln, weißen Bataten oder gelben Mamonen, Mangos, Bananen, oder hellgelben Maiskolben, ober voll frischgebackener Chipa, Kuchenbrot aus Mandiokamehl mit vielerlei Zutaten, oder voll anderen Süßigkeiten aus Teig und Frucht und Zuckersaft, — wer weiß, was die braunen Guarani-Frauen alles in diesen Taschen zum Markte schassen, wenn sie in der Frühe vom fernen Rancho aufbrechen. Vom Rio reiten sie mit großen Fischen beloben herauf, von ber Campaüa kommen sie mit Hähnchen und Enten und Putern, deren Beine zusam- mengesckmürt sind, die hilflos flattern und schließlich müde und gequält vom Rücken des Grautiers hängen. Es un animal! Ein Tier! Wer fragt nach den Leiden eines Tieres in diesem Land der Insektenplagen? Die Reiterin, braun von Gesicht, indianisch braun, mit stillem, fernem Blick aus den schwarzen Augen unter blauschwarzem Haar und schwarzem Kopftuch, das zipfellang über die Schultern hängt, läßt die nackten Beine baumeln aus dem Rücken der Eselin, im Mundwinkel die schwarze, selbstgedrehte Zigarre, stark wie Gift. Rosa, verblaßt von der Sonne ist ihr dünnes Kleid aus japanischem Stoss, ein Farbfleck gegen bas Grau des Fells, bas Braun ber Haut, bas wehenbe Grün ber Lanbfchaft. Weit ist ber Weg nach ber Stadt, tonig rot und staubig ist ber Weg, tiefeingeschnitten sinb die Wagenspuren. Dann beginnen bie Trambahn- schienen ber Aoeniba Eolombia. Es gäbe hier viel zu sehen, wenn man Lust bazu hätte, etwas zu sehen. Es gibt hier große, prächtige Häuser, vor bereu Türen Bilder und bunte Wappenschilder der Konsulate fremder Länder leuchten, zuweilen auch Fabnen in vielen Farben, die zu den fernen Ländern gehören, bie sich Alemania ober Polonia nennen. Ader warum soll sich bie Reiterin um all bas Fremde kümmern? Nirgends ist es so schön wie in Paraguay, in der Frühe auf einer wohl- beparften Elelln zum Mercado reitend, ganz allein mit dem Sier, mit sich, ohne Aerger, ohne Zank, ohne Sorgen. Man wird die Mandioka kaufen, man wirb bie Hähnchen kaufen, man wirb Mangos unb Mandarinen kauten. In Asuncion sind so viele Menschen, so viele Häuser, so viele Feuerstellen, auf denen gekocht werden muß ... Hinter ber Reiterin bimmelt ber Trambahnsiihrer schon eine ganze Weile, er tritt heftig aus die Schelle, aber er hat wenig Erfolg mit seiner Heftigkeit, und fast führe er das gute Grautier zuschanden, bas zwischen ben Schienen stapft, mit ber stillen Frau unb ben stillen baumefnben Hälmchen unb ben vollgepackten Taschen aus Eselfell... Nicht jebe Frau aüerbings ist so gut gestellt, aus einem Tier zum Markte reiten zu können. Es müssen viele zu Fuß gehen, von ben Ranchos am Fluß und den Vorstäbten. Sie tragen auf dem Kopf große flache Körbe ober hohe Henkelkörbe ober kleine Kisten, tragen barin Eier unb Butter unb Laten mit Schmalz und Flaschen mit Milch, ober Biin- bel Bananen unb mancherlei. Alles bas wiegen sie sicher unb leicht auf bem braunen Kopf. Sie können ihn steilich nicht hin unb herbrehen unb neugierig ben Fremben angaffen, ber ba am Wege steht, sie müssen ruhig unb vorsichtig mit ihrer Kopslast burch ben weichen, rieselnben Sanb stapfen; gerade aufgereift und stolz gehen sie, bloßfühig, biinn- betleibet ihres Wegs. Haben sie bie Hände frei, um einmal die Zigarre aus dem Mundwinkel zu nehmen und zu spucken? Durchaus nicht, jenn in der einen Hand halten sie noch eine Tasche mit Früchten, und mit der anderen halten sie ein Kindchen an ihrer Hüfte fest, ein kleines, blaß- braunes Kindchen, das auf dem Daumen lutscht und im Hüfttuch noch ein wenig schläft, während die Mutter wandert. Das Pflaster der Stadt ist für Schuhzeug nicht angenehm. Auf dem Gehsteig fehlen überall ein paar der großen Steinplatten. Es haben sich Risse gebildet, in denen der Absatz hängen bleiben kann. Und auf der Fahrstraße holpern die hohen Räder der Maultierkarren nicht schlecht, die Camions und Autos hüpfen abenteuerlich von Stein zu Stein, wenn sie von ben Schienen ber Trambahn heruntermüssen, um auszubiegen. Aber ber nackte Fuß schmiegt sich sest unb sicher um das Buckelpslaster, es geht sich am besten barfüßig in dieser Stadt, im weichen Sand unb auf den von Regengüssen glattgeschmirgelten blauen Steinen der Straßen, die nach dem Mercado führen. Welch ein Leben! Wie viele Farben! Wie viele Stimmen und wie viele Gerüche! Vor ben Toren ber Markthalle haben Händler ihre Koffer geöffnet: Ohrringe, Ketten, Knöpfe, Tücher, Stoffe, Kleinigkeiten, billig, bunt, verlockend. Waren aus Japan, Waren aus aller Welt, Waren für arme Frauen, bie um ein paar Pesos für Früchte und Eier hier ftunbenlang sitzen müssen. Aus bem Mercabo strömt ber Dust von gebratenem Fleisch, von Puchero, von Mate, von Zigarren. In kleinen Boxen kann man bort hocken unb sich ben Magen füllen, fette süße Kuchen, in siebendem Fett gebacken, kann man sich kaufen, Kana kann man trinken, scharfen braunen Schnaps aus Zuckerrohr. Wenn nur jemand käme, ber einem Körbe unb Taschen leertaufte! Geduld, es wirb sich schon eine Käuferin finben! Zuerst bie Tasche hingestellt, so .. bie Linke ist frei, um bem Korb mit ben Eiern behilflich zu fein, baß er ohne Schaben zu Boben gelangt. Mein Kleines, mein Herzchen, mein Täubchen, bist bu hungrig, bist bu burftig? Ja, sei still, hier hast bu zu trinken! Ruhig hockt sich bie Frau neben ihrer Ware nieber, sie braucht keinen Stuhl, keinen Sessel, sie ruht in sich selber aus unb gibt ihrem Kinbe bie Brust. Neben ihr hängen in kleinen Ständen mächtige Fetzen Fleisch von Kühen unb Rindern, fliegenumschwärmt. Drüben werben auf Schlachtbänken Fische zerstückelt mit langen Messern. Goldgelb leuchtet das Fleisch der Dorados. Es gibt viele und große Fische im Rio und in der Lagune, die besten sind Dorados und aschgraue Surovis unb braune Bakus. Der große Lopez soll die Surovis vom Meer hierhergebracht haben, und sie sind heimisch geworden im Fluß. Am Boden liegt das Federvieh und schlägt zuweilen schwach mit den Flügeln. Am Boden häufen sich goldgelbe Früchte. Kürbisse, Bataten, Bananen, Ananas, großblättriger Salat, großköpsiges Weißkraut, pralle Zwiebeln, Schnüre von Knoblauch, Erbsen, Bohnen, Gurken, Tomaten, Spargel. Nicht groß ist der Markt, aber vieles hat Platz unter den Holzdächern, vieles leuchtet und lockt unb stinkt unb lärmt. Man kann kleine, grüne Papageien kaufen, zahm und niedlich, mit beschnittenen Flügeln, damit sie nicht fortfliegen, man kann Puter kaufen und Perlhühner, man kann Häute von Wasserschlangen kaufen, vier Meter lange Schlanaenhäule, und man kann Körbchen kaufen, die aus dem Panzer der Gürteltiere gefertigt sind. Unb man kann Spitzen kaufen, Nanduti, sv sein wie Spinnweb, bie Arbeit von Monaten, unb kleine Schmuckstücke aus blauen Schmetterlingsflügeln. Unb man kann Honig kaufen unb man kann Blumen kaufen unb man kann große Bündel Tabakblätter kaufen. Was gibt es hier nicht! Zwischen ben Tischen unb Bänken schiebt sich bie Schar ber Frauen mit Körben unb Taschen hin, bie Mucamas, bie Mübchen unb Köchinnen kaufen ein. Sie legen bas Svanisch bes Hauses ab unb reben Guarani, bie Sprache bes paraguayischen Volkes, bie nur ein paar tausend, Worte kennt, bie aber alles um so einfacher ausbrückt. Sie paßt zu bem Bilde des Marktes, sie paßt zu ben hockenben braunen Frauen, bie Urfpratfie bes Sanbes, in bem bie Zeit langsamer geht als anberswo in ber Welt, benn wir sinb weit brinnen im Herzen Sübamerikas. Die Sonne brennt aus bem blauen Himmel herunter. Der Boben ist bestreut mit Orangenschalen, Blättern, Unrat. Farben, Sonne. Hitze, Gestank unb Rauch von Kesseln und Bratpfannen. Stunden um Stunden dauert das Frauengewoge zwischen den Ständen, die sich leeren und neu gefüllt werden, denn immer noch wandern zu Fuß und auf Eseln und Maultieren Frauen herbei mit neuen Körben. Afuncion ist der einzige Markt für das Land ringsum Hunderttausend Bewohner, die einmal nicht alles selber bauen, was sie zum Leben brauchen. Aber wer könnte all die Früchte essen, die selbst auf ben Straßen rings um bie Quaber bes Marktes liegen, zu Hausen geschaufelt ober hübsch getürmt zu kleinen Figuren, ober butzenbweis an einen Stab gebunben, um ben Kauf einladender zu machen? Wer könnte bie Tau- senbe von Mandarinen essen, bie in ben Fruchtaärten um bie Stabt herum nachts unb tags zu Boben fallen und im Sand verfaulen? Wer könnte die Taufende von Ananas verzehren, die auf ben Felbern verharren? Die Mabonna und ihre Heiligen mögen es heute gut meinen mit den braunen Frauen, bie ihre Lasten zum Markte tragen! Sie möge ben Regen fernhalten, bie Mabonna, benn wenn ber Himmel mit vloh- licher Lust am Auskehren bes Ueberfluffes (eine Walser hernieberfchüttet, bann schwimmen auf roten reißenden Strömen all bie golbenen Früchte bes Sanbes bie Straßen zum Rio hinab ... verantwortlich: Or. KanSTHyriot. — Druck unbDerlag:Drühl'scheUniversitäts-'Luch» und Eteinbruckerei. R. Lange. Gießen.