SiehenerZamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger Nummer 17 Zreitag. -en 28. Zebruar Jahrgang 1956 er holte tief Atem, beendete vor ihm so eilig davonlief. Ein Polizeimann war jener nicht. Ich kenne die Kriminalen fast alle vom Sehen. Außerdem, ein Beamter wäre heraufgekommen und hätte Einlaß gefordert. Der Alte aber lief in den Hausflur, sand Erwin nicht mehr und wartete unten vor der Tür. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite wanderte er wohl eine volle Stunde auf und ab. Dann winkte er — unerwartet wie all diese Vorgänge geschah das — ein Auto heran und fuhr davon. Ich habe mir die Nummer gemerkt, ein Bekannter hat später den Fahrer ausfindig gemacht. Der Alte hat sich in ein Hotel am Jungsernstieg fahren lassen. Was Sie sagen! Danach scheint er freilich nicht zur Polizei zu ge- , hören. Wie sah er denn aus? Olga sann nach, dann beschrieb sie: Er war gut gekleidet. Dunkel. Er hatte ein rotes Gesicht; es war glatt rasiert. Weiter kann ich eigentlich nichts sagen. Nur dies vielleicht noch: sein Gesicht war auffallend rot, als sei er Seemann. Dazu paßten aber Gang und Haltung wieder gar nicht. Und noch eines, ja, er hatte weiße, lange Augenbrauen; das sah sehr sonderbar aus auf seiner roten Haut." Frau v. Blinkburg hatte sich schon bei den letzten Worten vorgeneigt. Jetzt stieß sie einen kleinen Schrei aus. „Aber das ist ja Professor Pfenningshof, den Sie da beschreiben! Ich meine, den Ihnen die rote Olga beschrieb." , „ Steyer sah sie verdutzt an. „Wer?", fragte er mit erstauntem Tonfall. Frau v. Blinkburg tat eine abwehrende Handbewegung. „Einen Augenblick. Hat Ihnen Olga vielleicht auch die Dame beschrieben, mit der sie Herrn Alwien an jenem Tage auf dem Jungsernstieg gesehen haben will?" „Nein, warum? Sehen Sie da einen Zusammenhang?" Sie nickte. „Es hätte sein können", sagte sie. „Professor Pfenningshof hat eine Tochter. Glascha. Wäre es nicht möglich ...", und sie brach otL „Aber das ist ja Unsinn." Steyer hielt ihre Hand fest. Merkten sie das beide nicht? „Aber nein", rief er, „weshalb soll das Unsinn sein? Immer helfen Vermutungen weiter. Wenn diese Dame, mit welcher Alwien auf dem Jungsernstieg gesehen worden ist, das Fräulein Glascha Pfenningshof war, wenn der alte Herr, der Alwien in die Silbersackstraße verfolgte, der Professor war, dann ... dann ...", er holte tief Atem, beendete eheimnis der Heide ROMAN VON FRANK F. BRAUN (4. Fortsetzung.) Ich lachte sie sinnlos an. Was sollte ich im Augenblick machen! Mein schöner Plan. Hier bereits sollte er scheitern? Da gab mir der Himmel den Einfall, der Olga trotzdem noch das Bild Alwiens zu zeigen. Ich zog t'g heraus und —" „Woher hatten Sie denn ein Bild von Herrn Alwien?" wollte Frau v. Blinkburg sachlich wissen. ., Er verwunderte sich. „Erwähnte ich es nicht? Ich habe es mir aus einem Zimmer geholt. Ich dachte mir, daß ich es brauchen würde, (tun war es tatsächlich als letztes Mittel von entscheidender Wichtigkeit. Ich zog es hervor und ließ es Olga sehen. Den kennen Sie nicht? fragte ich, den Erstaunten markierend. Sie warf nur einen Blick darauf und sagte sofort: Ich hatte Alwien verstanden. Natürlich kenne ich Erwin. Was macht er? Waren Sie im Hotel bei ihm? ...... _ , ,, Ja sagte ich. Meine Gedanken hasteten; ich hatte gern Zeit gehabt, überlegen zu dürfen. Herr Alwien hieß hier Erwin? Warum? Aber Olga ließ mir keine Ruhe. Kennen Sie ihn gut? Ich zuckte die Achseln. Vom Hotel her, sagte ich und blieb bet der uh 7he Sie nickte. Sie waren bei ihm angestellt? Und sie lachte, ohne meine Antwort abzuwarten. Ja, er ist jetzt ein feiner Herr geworden hat Angestellte, Kellner, Hausdiener, was Sie sich denken können. Und sie teilte die Hand schräg: Meinen Segen hat er. Ich störe ihn nicht. Manch- nal wissen Sie, da packt es mich freilich doch, da überkommt mich eine Wut und ich habe die verrückte Idee: du fährst einmal hin und suchst hn da auf in seinem feinen Hotel. Aber dann tue ich es ja doch nicht. Was soll ich da. Ich würde ihm nur Schwierigkeiten bereiten — und ,as will ich nicht. Vielleicht auch käme es so, daß er mich verleugnete md wegjagte, und das möchte ich nicht erleben. Sie sind sich böse? Böse ... Sie zuckte die Schultern. Er war mein Freund. Und nicht nur kurze Zeit. Aber er wollte hinauf. Karriere, nicht wahr. Sollte ich s ihm verdenken? Er sah gut aus, er konnte sich benehmen. Da habe ch ihm sogar noch zugeredet. Nur, daß er nun so ganz und gar Schluß gemacht hat, daß ich in seinem Leben nun gar nichts mehr bedeuten oll, das wurmt mich manchmal. Aber böse, sehen Sie, eigentlich böse >in ich ihm nicht. Ich habe ihn noch neulich versteckt, als jemand hinter ihm her war: leicht hätte ich ihn verraten können, aber ich bin kein Angeber. Wer war hinter ihm her, die Polizei? Nein, diesmal nicht. Ich hatte ihn am Nachmittag auf dem Jungfern- stieq mit einer jungen Dame getroffen; er hat mich gesehen, grüßte aber nicht. Ich war wütend auf ihn. Plötzlich gegen Abend kommt er vor mein Haus gefahren, ich sehe vom Fenster, wie er dem Führer Geld Mnroirft und in meinen Torweg hineinläuft. Ich wohnte zu der Zeit noch in der Silbersackstraße. Wie ich so stehe und noch Überlege, ob ich Erwin Überhaupt die Tür aufmachen soll, kommt ein zweites Taxi heran, bält, und ein älterer Herr springt heraus und läuft auch in mein Haus. Ich ahnte sofort, daß Erwin verfolgt wurde, da schrillte auch schon die Klocke und — natürlich öffnete ich. Es war Erwin; er war erregt. Du mußt mir zur Flucht verhelfen, Olga, flüsterte er, man verfolgt mich. Ich fragte: Wer verfolgt dich, Kriminale? Nein, ich erzähle dir das fpöter. Jetzt keine Zeit verlieren. Laß mich rasch über den Hof entfliehen! — Ich tat ihm den Gefallen. Von meinem Küchenfenster aus stieg er — eine alte ausprobierte Sache — auf das niedrige Dach des Hinterhauses und da an der Feuerleiter hinab in den Hof. Von hier aus dann gelangte er in eine ganz andere Straße und war gerettet. Ich fragte Olga: Sind Sie sicher, daß der alte Herr nicht doch von der Polizei war? Sie schüttelte den Kopf und erklärte: Die Polizei suchte ihn nicht. Ich habe mich andern Tags auf dem Stadthaus erkundigt. Das Verfahren war schon niedergeschlagen, und von der neuen Sache wußten |ie dort sicher noch nichts. Ich wollte fragen: was für ein Verfahren, welche neue Sache?, aber ich wagte es nicht. Vielleicht würde sie stutzig werden. Ich genoß auf unbegreifliche Art Olgas Vertrauen, ich wollte es mir nicht verscherzen. Olga schüttelte noch einmal den Kopf. Ich hätte selber gern erfahren, toer der Alte gewesen ist, was er von Erwin wollte und warum Erwin seinen Satz aber nicht. Frau v. Blinkburg sagte leise, und es war nur ein mattes Fragen in ihrem Ton: „Eine neue Spur ..." Steyer ging auf die Frage nicht ein. Er beantwortete sie sogar mit einer Gegenfrage. „Kennen Sie die Pfenningshofs gut. Besuchen Sie das Fräulein Glascha vielleicht zuweilen?" „Nein", gab Frau von Blinkburg zurück, „das nicht. Man würde sich meiner von der Viertelstunde hier im Hotel her kaum erinnern. Der Professor war mit feiner Tochter einmal dieser Tage zum Nachmittagstee hier. Herr Alwien hat uns bekannt gemacht. Warum fragen Sie?" Steyer sagte gelassen: „Sie hätten mich dort einführen können. „Sie wollen dorthin und weiter suchen?" Er legte den Kopf schräg und sah ihr tief in die Augen. „Ja", sprach er. „Herr Alwien kannte Glascha; das ist wohl nicht unwichtig. Und dann: es gilt das Kreuz zu erforschen." „Das Kreuz? Glahns Spukgeschichte? Glauben Sie an des Pachters Erzählung?" „Auf meinen Glauben kommt es gar nicht an, hebe, gnädige Frau. Man hat mich auf eine Spur gefetzt, auf eine schwache Fährte. Nun bin ich nicht mehr frei. Das Rad ist im Rollen. Noch wirbelt alles wirr durcheinander. Aber schon stehen ein paar Fragen ganz merkwürdig klar da. Was hat Alwien zu verbergen, daß Olga sagen konnte, diesmal suche ihn die Polizei nicht. Was hat er überhaupt auf St. Pauli in solcher Umgebung zu suchen? Und die brüte Frage: Hat das Kreuz auf dem Pfenningshof, das Glahn deutlich gesehen haben will, etwas zu bedeuten?" Frau von Blinkburg sah ihm auf die Lippen. Ganz zusammenhanglos, wenigstens mit den geführten Reden, dachte sie: er hat schöne Zähne; und sie erschrak über sich selber. „Aber das Kreuz ist verschwunden", sagte sie, als sei es an ihr, Beruhigung zu schaffen. „Trotzdem muß ich den Pfenningshof kennenlernen", meinte er nachdenklich, „den Professor und auch Glascha." Frau v. Blinkburgs Augen wurden klein; die Wimpern näherten sich bis auf ein Winziges. „Sie haben einen Verdacht?" „Wie könnte ich das!", wehrte er ab. „Nun, Sie haben doch schon so viel in dieser Sache erfahren. Das Doppelleben des Herrn Alwien ist eine große Ueberrafdjung, an die ich nie gedacht haben würde." Er nickte. „Es ist keiner ganz gerade gewachsen; immer gibt es irgendwo verborgen eine Krümmung oder einen Knick." Als er diese Worte sprach, sah er sie an. Ihr schien, ein fremder Glanz sei in seinen von mir weg- Dame, in den taten!" traben und ritt nach Osten davon, als habe sie es eilig, zukommen " „Das war sicherlich auch der Fall!" Er sah erstaunt auf. „Weshalb denn?" „Wie kann man ein junges Mädchen, überhaupt eine ersten fünf Minuten mit Fragen überfallen, wie Sie es (Fortsetzung folgt.) Steuer senkte zustimmend den Kopf. „Dieses Fraulein Glascha ist achtzehn oder neunzehn Jahre alt. Wußten Sie das? Sie flöt seit zehn Jahren hier auf dem weltverlassenen Gut als einzige Same. Ihre Mutter starb, als das Kind wenige Jahre alt war. Sie Mutter war eine russische Studentin gewesen. Professor Pfennmgshof hatte sie geheiratet, er war zu jener Zeit Dozent in Zürich. Nach dem Tode der Frau zog sich der gerade Professor Gewordene hier in die Einsamkeit zurück. Er lebte seinen Studien und Versuchen. Auf den Gütern der Umgegend heißt er der Archimedes." „Wer hat Ihnen das alles gesagt?" Der Pächter Glahn vom Rügen Hoff. Er kann von seinem Besitz aus' den Pfenningshos beobachten. Ich denke mir, er hat ein besonderes Interesse, das zu tun und sich für die Lebensgeschichte der Familie Psen- ninqshof zu interessieren. Glascha ist jung und recht reizvoll, Glahn ist ledig und nicht mittellos. Sie wissen, wie das auf dem Lande ist. Eine Heirat bringt zwei Güter zusammen." . In der Stadt sind es die Geschäfte, die fortgefuhri ober vereinfacht werden sollen durch den Schwiegersohn. Das ist überall dasselbe. Sie haben recht. Aber um auf Tatsächlichkeiten zurückzukommen: ich erfuhr durch Glahn etwas überaus Wichtiges; jedenfalls kann es sehr bedeutungsvoll fein oder werden. Herr Alwien war am Abend, ehe er starb, bei dem Professor gewesen! Glahn hat beobachtet, roie Glascha unfern Geschäftsführer zum Tor geleitet hat. Und nun kommt das Seltsame, weil ganz Unerwartete: Alwien und Glascha haben sich dort norm Frau v^Blinkburg vermochte wirklich ein bißchen über diesen Schriftsteller zu lächeln. , v . . Das wäre an sich gar nicht so sonderbar oder unerwartet , meinte sie- freilich, daß Herr Alwien in derselben Nacht sterben mußte, laßt auf alles ein besonderes Licht fallen. Vielleicht ist hier zum erstenmal bas Motiv angerührt worden, aus welchem die unglückselige Tat erwuchs? „Ganz meine Meinung. Eifersucht. Das egoistischste aller Gefühle. Aber wenn es so ist, wer war eifersüchttg auf Alwien? Es liegt nahe zu sagen: der Pächter Glahn, der dies alles erzählt hat. Aber gerade das spricht auch dagegen. Weshalb erzählt er feine Wahrnehmungen? Ich glaube, dieser Mörder war geschickter. Er hat seine Spur verwischt, wie der Fuchs mit dem Schweif seine Fährte." Frau v. Blinkburg sah den Mann, der da redete, an. Sie faß mit hochqezogenen Schultern, es konnte Müdigkeit oder auch Angespanntheit bedeuten. Was sprichst du! Warum erzählst denn du nur alle diese Wahrnehmungen? Als Glahn vor dir stand und erzählte, kam dir der Gedanke, daß fein Verhalten ganz seltsam sei. Und du fitzt nun vor nur und muht spüren, daß etwas Dunkles um die Todesstunde Alwiens «st, daß die Schatten auch auf dich fallen; und du redest, redest. Ist es Angst? Der Wunsch, aufzuzeigen: sieh, so bemühe ich mich, bas Dunkel auszuhellen; nun mußt bu doch wohl glauben, daß nicht ich es tat! Aber sie sprach kein Wort unb fragte nichts. In bas Schweigen meinte Abalbert Steyer, und er nahm seine Geschichte ba roieber auf, wo er sie hatte fallen lassen: „Glahn ging mit mir über bie Felder. Bis an die Grenze feiner Aecker geleitete er mich." „Schätzte er Sie denn so plötzlich als Freund?" „Nein", gab Steyer ehrlich zu. „Er hatte dort zu tun. Und dann war auch noch dies: ich hatte ihn gebeten, mich Fräulein Glascha vorzustellen, wenn es sich so träfe. Das ließe sich leicht bewerkstelligen, meinte er und ging mit mir. Wir trafen Glascha bei dem Bach, der die Grenze zwischen den beiden Gütern bildet. Sie saß zu Pferde, sie ritt ohne Rock im Herrensattel; Bluse, Reithose, hohe Stiefel. Eine moderne Amazone; sehr anders in der Wirkung als die rote Olga im Hippodrom. Dann redete er ein paar Worte mit Glascha, es waren Fragen über den Stand irgendwelcher Getreide- oder Rübenforten. Glascha antwortete sehr kurz, er verabschiedete sich bann halb. Glascha lenkte bas Pserb zurück. Ich will Ihrem Herrn Vater meine Aufwartung machen, sagte ich. Sie nickte. Ich schritt neben ihr her; es ist eine peinliche Sache, wenn man zu ber Person, mit ber man rebet, aufsehen muß, ben Kopf nahezu im Nacken; zubem mußte ich über einen holperigen Acker stolpern. Aber ich ließ es mich nicht verbrießen. Ich wollte ein paar Worte mit biefem Mädchen wechseln. Fanben Sie Glascha übrigens hübsch, gnäbige Frau? Ein nicht alltäglicher Typ, gewiß. Sie hat von ber Mutter etwas Slawisches mitbekommen, schien mir; bie Augenpartie, bas ganze Gesicht ein bißchen groß, nicht wahr? Ihr Haar ist allerbings schön, ich liebe bies Kupferbraun. — Ihre Gesichtsfarbe muß sonst gefunb unb blühend fein, das war zu merken. Als ich Glascha kennenlernte, erschien sie mir bleich wie nach einer eben überstandenen Krankheit. Ihr braungebranntes Gesicht wies einen fahlen Ton auf und schimmerte ins Mattgelbliche. Ich überzeugte mich mit einigen Worten, daß sie vom Tode Alwiens wußte. Es wäre ja erstaunlich gewesen, wäre das nicht ber Fall gewesen. Da wir leiblich ins Gespräch gekommen waren, burfte ich fragen: Er war Ihr Freunb? Sie schüttelte ben Kops. Nein, Vaters Freunb, antwortete sie. Aber es schien mir boch, als sei ich ihr mit dieser Frage zu nahe gekommen. Sie wies mit der ausgestreckten Hand auf den schmalen Weg, der zwischen den Feldern auftauchte. Gehen Sie hier geradeaus, Sie kommen auf bie große Ouerchausfee. Den Hof können Sie ja nicht mehr verfehlen. Der Turm bort steht auf bem Herrenhaus. Sie sehen ihn überall. Ich bebantte mich und verließ Glascha. Sie ließ ihr Pferd sofort an- Augen, und schreckhaft stieß eine Ideenverbindung in ihr «uf Sprach er diese letzten Worte in eigner Sache? Und da, sie sträubte sich nod), fuhr ihr ber Satz heraus: „Sie hatten gestern Ihren Stock hier liegen Iahen." Erschrak er? Keine Miene zuckte in ,es ihm, ganz ruhig zu bleiben. „So? Ach ja. Nun, ich habe ihn heute nicht roei6 es nickst; ich glaube, ber Oder hat ihn in Ihr Zimmer 9etrerTa6 eine Weile still unb schien nachzubenkem Plötzlich erhob er sich wie unter einem Einfall unb entschuldigte sich. Frau v. Älmkburg sah, wie er durch die Halle schritt und im Zwischensaal den Kellner anhielt. Sie sprachen etwas. Der Kellner wies ihn in den Saal zurück, aber Adalbert Sieger lief erst einmal nach oben in sein Zimmer. Als er wieder heruntertam schien er erregt. Er ließ sich den Hausdiener kommen. Auch der zuckte die Achseln. Frau v. Vlinkdurg beobachtete durch die Glastür alle diese Vorgänge und konnte sie sich leicht zusammenreimen. Adalbert ^^Nach^eraumer Zeit erhob sie sich und zog sich Zurück. Steyer war nicht wiedergekommen. — Nicht bie Tatsache als f’old)e! "J“* ®®'. b. Frau v. Blinkburg bie Ruhe raubte; sie hatte es sich abgewohnt, m Sachen ber Form empfindlich zu sein. Ader sie ahnte fiter, ja, wußte mit schrecklicher Gewißheit plötzlich ben Grund seines Ausbleibens. Er war zu erregt, er mochte feine Beherrschung nicht zuruckgewonnen haben. Sein Stock war verschwunden. Wer hatte Interesse an diesem Wander- stock? Jemand, ber bie Blutspuren bemerkt hatte! Sie stieg langsam bie Treppe in ben ersten Stock, auf bem ihr Zimmer lag Sie fühlte, baß Steyer ihr von jetzt ab Mißtrauen würbe, genau wie sie sich über ihn nicht klar mar. Sie verschloß sich burchaus nicht bem Gebauten, ber ihr glatte Unlogik vorwarf. Steyer wenn er in irqenbeiner Form hier schuldig war, warf sich zum Anwalt ber Ge- redtiqteit auf unb stellte auf eigene Faust Nachforschungen an von denen die Behörde nichts wissen wollte. Das amtliche Protokoll sprach von einem einwandfrei festgestellten Unfall. Mußte sich da nicht Steyer, gesetzt den Fall, ihn träfe ein Verschulden am Tode Alwiens, als erster zufrieden geben? ..... ... Und sie dachte: man kennt diese Fälle, den Ueberetfer der Schuldigen, ber ganz sicher gehen will unb auch ben leisesten Derbacht von sich ad- wälzen möchte. Wer hat den Schriststeller Adalbert Steyer in Verdacht? Nur ich. Nur ich weiß, daß er zu der fraglichen Stunde in der Heide war Und daß nur ich von dieser einsamen Wanderung erfuhr, veranlaßt ihn wahrscheinlich, sich nur mir zu nähern mit feinen Berichten. Sie stand noch eine ganze Weile am Fenster und sah in die Nacht. Die Heide lag weit wie ein Meer, Nebel quirlten wie Wellen. Ihr Herz war schwer. Die Haupterlebnisse meines Lebens sind bisher gewesen, an einen Menschen vorübergegangen zu fein. Dieser Mann hielt mich an; wir standen eine Weile Angesicht zu Angesicht unb versuchten uns zu erkennen. Ein Wunsch war ba. — Nun stehen wir roieber gegeneinanber; aber anders. Spiel unb Gegenspiel. Ich habe bas nicht gewollt. Es ist von außen gekommen. Sie schloß bie Augen. Könnte ich boch weit weg sem — ober wäre ich nie hierhergekommen. 5. Kapitel. Die Sonne schien, unb alles war neu unb schön. Hatte es eine Nacht gegeben mit trüben, sicherlich bummen Gedanken? Adalbert Steyer hatte feine Ruhe roiebergefunben. Du lieber Himmel, fein Wanderstock war eben nicht auffindbar, war oerlorengegangen. Es geht vieles in der Welt verloren, wenigstens fagt man das fo, wenn etwas aus einem unb für einen bestimmten Kreis verschwindet. Dabei geht nichts in der Welt verloren. Unsinn, der Stock war fort. Schluß! Inzwischen hatte sich Wichtigeres ereignet ober zuminbest Interessanteres. Er saß Frau v. Blinkburg gegenüber. Ihr Lächeln schien ihm gequält, aber wahrscheinlich täuschte er sich. „Sie sinb recht eüifübig, gnäbige Frau. Eine unangenehme Nachricht auf ben Kaffeetisch?" „Ö nein, ich hatte heute morgen gar keine Post." Unb sie bachte: Gnabensrist. Wenn erst bie Antwort aus Hamburg hier ist, wirb alles anbers fein. Wie wird es fein? Geste ich zur Polizei unb zeige ich bissen Mann an? Ober werfe ich ben betaftenben Stockgriff mit ben Blut- fpuren in den Bach, wo er fortschwimmt und reingewaschen wird? Sie wies sich stumm, aber energisch zurecht. Was male ich mir da für schauerliche Konflikte aus! Vielleicht kommt ein Brief von meinem Schwager Edwin und meldet mir, daß eine harmlose Farbe den Stockgriff belckimutzt hat. Sie sah über den Tisch weg an Steyer vorbei in den großen Saal. Die Kellner richteten schon die Tafel für das Mittagsmahl. War es bereits so spät? Sie erschrak. Wie lange sitze ich hier und träume mit offenen Augen. Eben ist Adalbert Steyer an meinen Tisch getreten, er kam aus der Heide herein; er hat seinen langen Spaziergang gemacht, ein unbeschwerter Mann. Seine Last, scheint es, trage ich. Sie entschloß sich und sagte leidlich gefaßt: „War es heute morgen draußen schön?" ,F)ch habe den Vormittag benutzt und war im Pfenningshof. Dort habe ich erfahren, was ich misten wollte." „Ist es aufschlußreich?" „Sie meinen im Hinblick auf ben Morb?" Er zuckte bie Achsel. „Ich frage mich bas selber unb komme nicht zurecht. Sie kennen ben Psen- ningshof?" ^,Jch war noch nicht dort. Ich kenne auch den Profestor nicht. Nur die Tochter Glascha stellte mir Herr Mivien einmal vor. Aber ich habe den Profestor gesehen " Steyer nickte. „Ein merkwürdiger Mann, schon im Aeußeren; sieht aus roie ein sonnverbrannter Landwirt unb kommt eigentlich kaum auf feine Felder. Er lebt fast ganz unb gar feinen Stubien. Auch die sind fonberbar, ober sagen wir befonberer Art. Er konstruiert eine Monb- rafete. Das Gut kümmert ihn nicht. Seine Tochter führt bie Wirtschaft ganz allein mit einem alten Inspektor " „Ja, so war auch der Eindruck, den ich von der Dame hatte. Eine entschlossene Person. Der Profestor dagegen eher ein Sonderling." Auf ein schlummerndes Kind. Von Friedrich Hebbel. Wenn ich, o Kindlein, vor dir stehe, Wenn ich im Traum dich lächeln sehe, Wenn du erglühst so wunderbar. Da ahne ich mit sühem Grauen: Dürst' ich in deine Träume schauen, So wär' mir alles, alles klar! Dir ist die Erde noch verschlossen. Du hast noch keine Lust genossen. Noch ist kein Glück, was du empfingst, Wie könntest du so süß denn träumen. Wenn du nicht noch in jenen Räumen, Woher du kämest, die ergingst? Lieber Kinder- und Hausmärchen. Von Wilhelm Grimm. In diesen Tagen jährte sich, worauf bereits in der „Heimat im Bild" aufmerksam gemacht wurde, zum 150. Male der Geburtstag Wilhelm Grimms, eines der „Väter des deutschen Märchens". Als im Jahre 1812 der erste Band der „Kinder- und Hausmärchen. Gesammelt durch die Brüder Grimm" erschien, setzte Wilhelm Grimm dicser unsterblichen Sammlung das nachfolgende Vorwort voraus, das zu den klassischen Prosaleistungen der deutschen Romantik zählt. Wir finden es wohl, wenn Sturm oder anderes Unglück, vom Himmel geschickt, eine ganze Saat zu Boden geschlagen, daß bei niedrigen Hecken oder Sträuchen, die am Wege stehen, ein kleiner Platz sich gesichert und einzelne Aehren aufrecht geblieben sind. Scheint dann die Sonne wieder günstig, so wachsen sie einsam und unbeachtet fort, keine frühe Sichel schneidet sie für die großen Vorratskammern, aber im Spätsommer, wenn sie „retr und voll geworden, kommen arme, fromme Hände, die sie suchen; und Aehre an Aehre gelegt, sorgfältig gebunden und höher geachtet als ganze Garben, werden sie heimgetragen und winterlang sind sie Nahrung, vielleicht auch der einzige Samen für die Zukunft. So ist es uns, wenn wir den Reichtum deutscher Dichtung in frühen Zeiten betrachten und dann sehen, daß von so vielen nichts sich lebendig erhalten, selbst die Erinnerung daran verloren war, und nur Volkslieder und diese unschuldigen Hausmärchen übrig geblieben sind. Die Plätze am Ofen, der Küchenherd, Bodentreppen, Feiertage noch gefeiert, Triften und Wälder in ihrer Stille, vor allem die ungetrübte Phantasie sind die Hecken gewesen, die sie gesichert und einer Zeit aus der andern überliefert haben. So denken wir jetzt, nachdem wir diese Sammlung übersehen; anfangs glaubten wir auch hier schon vieles zugrund gegangen und nur die Märchen noch allein übrig, die uns etwa selbst bewußt, und die nur abweichend, wie es immer geschieht, von andern erzählt würden. Aber aufmerksam auf alles, was von der Poesie wirklich noch da ist, wollten wir auch dieses Abweichende kennen, und da zeigte sich dennoch manches Neue, und ohne eben imstande zu sein, sehr weit herum zu fragen, wuchs unsre Sammlung von Jahr zu Jahr, daß sie uns jetzt, nachdem etwa sechse verflossen, reich erscheint; dabei begreifen wir, daß uns noch manches fehlen mag, doch freut uns auch der Gedanke, das Meiste und Beste zu besitzen. Alles ist mit wenigen bemerkten Ausnahmen fast nur in Hessen und den Main- und Kinziggegenden in der Grafschaft HanaU, wo wir her sind, nach mündlicher Ueberlieferung gesammelt; darum knüpft sich uns an jedes Einzelne noch eine angenehme Erinnerung. Wenig Bücher sind mit solcher Lust entstanden, und wir sagen gern hier noch einmal öffentlich allen Dank, die daran teilhaben. Es war vielleicht gerade Zeit, diese Märchen festzuhalten, da diejenigen, die sie bewahren sollen, immer seltener werden (freilich, die sie noch wissen, wissen auch recht viel, weil die Menschen ihnen absterben, sie nicht den Menschen), denn die Sitte darin nimmt mehr ab, wie alle heimlichen Plätze in Wohnungen und Gärten einer leeren Prächtigkeit weichen, die dem Lächeln gleicht, womit man von ihnen spricht, welches vornehm aussieht und doch so wenig kostet. Wo sie noch da sind, da leben sie so, daß man nicht daran denkt, ob sie gut oder schlecht sind, poetisch oder abgeschmackt, man weiß sie und liebt sie, weil man sie eben so empfangen hat, und freut sich daran ohne einen Grund dafür: so herrlich ist die Sitte ja, auch das hat diese Poesie mit allem Unvergänglichen gemein, daß man ihr selbst gegen einen andern Willen geneigt sein muß. Leicht wird man übrigens bemerken, daß sie nur da gehaftet, wo überhaupt eine regere Empfänglichkeit für Poesie oder eine noch nicht von den Verkehrtheiten des Lebens ausgelöschte Phantasie gewesen. Wir wollen in gleichem Sinn hier die Märchen nicht rühmen oder gar gegen eine entgegengesetzte Meinung verteidigen; jenes bloße Dasein reicht hin, sie zu schützen. Was so mannigfach und immer wieder von neuem erfreut, bewegt und belehrt hat, das trägt feine Notwendigkeit in sich und ist gewiß aus jener ewigen Quelle gekommen, die alles Leben betaut, und wenn auch nur ein einziger Tropfen, den ein kleines zufammen- haltendes Blatt gefaßt, doch in dem ersten Morgenrot schimmernd. Innerlich geht durch diese Dichtung dieselbe Reinheit, um derentwillen Kinder uns so wunderbar und selig erscheinen; sie haben gleichsam dieselben bläulich-weißen, makellosen, glänzenden Augen (in die sich die kleinen Kinder selbst so gern greifen), die nicht mehr wachsen können, während die andern Glieder noch zart, schwach und zum Dienst der Erde ungeschickt sind. So einfach sind die meisten Situationen, daß viele sie wohl im Leben gefunden, aber wie alle wahrhaftigen immer wieder neu und ergreifend. Die Eltern haben kein Brot mehr und müssen ihre Kinder in dieser Not verstoßen, oder eine harte Stiefmutter läßt sie leiden und möchte sie gar zugrunde gehen lassen. Dann sind Geschwister in des Waldes Einsamkeit verlassen, der Wind erschreckt sie, Furcht vor den wilden Tieren, aber sie stehen sich in allen Treuen bei, das Brüderchen weiß den Weg nach Haus wiederzufinden, oder das Schwesterchen, wenn Zauberei es verwandelt, leitet es als Rehkälbchen und sucht ihm Kräuter und Moos zum Lager; oder es sitzt schweigend und näht ein Hemd aus Sternblumen, das den Zauber vernichtet. Der ganze Umkreis dieser Welt ist bestimmt abgeschlossen: Könige, Prinzen, treue Diener und ehrliche Handwerker, vor allem Fischer, Müller, Köhler und Hirten, die der Natur am nächsten geblieben, erscheinen darin; das andere ist ihr fremd und unbekannt. Auch, wie in den Mythen, die von der goldenen Zeit reden, ist die ganze Natur belebt, Sonne, Mond und Sterne sind zugänglich, geben Geschenke ober lassen sich wohl gar in Kleider weben, in den Bergen arbeiten die Zwerge nach dem Metall, in dem Wasser schlafen die Nixen; die Vögel (Tauben sind die geliedtesten und hilfreichsten), Pflanzen, Steine reden und wissen ihr Mitgefühl auszudrücken, das Blut felber ruft und spricht, und so übt diese Poesie schon Rechte, wonach die spätere nur in Gleichnissen strebt. Diese unschuldige Vertraulichkeit des Größten und Kleinsten hat eine unbeschreibliche Lieblichkeit in sich, und wir möchten lieber dem Gespräch der Sterne mit einem armen, verlassenen Kind im Wald, als dem Klang der Sphären zuhören. Alles Schöne ist golden und mit Perlen bestreut, selbst goldne Menschen leben hier, das Unglück aber eine finstere Gewalt, ein ungeheuer menschenfressender Riese, der doch wieder besiegt wird, da eine gute Frau zur Seite steht, welche die Not glücklich abzuwenden weih, und dieses Epos endigt immer, indem es eine endlose Freude auftut. Das Böse auch ist ein Kleines, Nachstehendes und das Schlechteste, weil man sich daran gewöhnen könnte, sondern etwas Entsetzliches, Schwarzes, streng Geschiedenes, dem man sich nicht nähern darf; ebenso furchtbar die Strafe desselben: Schlangen und giftige Würmer verzehren ihr Opfer, oder in glühenden Eifenschuhen muß es sich zu Tod tanzen. Vieles trägt auch eine eigene Bedeutung in sich: Die Mutter wird ihr rechtes Kind in dem Augenblick wieder im Arm haben, wenn sie den Wechsel- balg, den ihr die Hausgeister dafür gegeben, zum Lachen bringen kann; gleichwie das Leben des Kindes mit dem Lächeln anfängt und in der Freude überwährt, beim Lächeln im Schlaf aber die Engel mit ihm reden. So ist eine Viertelstunde täglich über der Macht des Zaubers, wo die menschliche Gestalt frei hervortritt, als könne uns keine Gewalt ganz einhüllen, und es gewähre jeder Tag Minuten, wo der Mensch alles Falsche abschüttele und aus sich selbst herausblicke; dagegen aber wird der Zauber auch nicht gpng abgelöst, und ein Schwanenflügel bleibt statt des Arms, und weil eine Träne gefallen, ist ein Auge mit ihr verloren; ober die weltliche Klugheit wird gebemütigt unb ber Dümmling, von allen verlacht unb hintangesetzt, aber reines Herzens, gewinnt allein bas Glück. In biefen Eigenschaften aber ist es gegründet, wenn sich so leicht aus biefen Märchen eine gute Lehre, eine Anwenbung für bie Gegenwart ergibt; es war roeber ihr Zweck, noch finb sie darum erfunden, aber es erwächst daraus wie eine gute Frucht aus einer gesunden Blüte ohne Zutun der Menschen. Darin bewährt sich jede echte Poesie, daß sie niemals ohne Beziehung auf das Leben fein kann, denn sie ist aus ihm aufgeftiegen unb kehrt zu ihm zurück, wie die Wolken zu ihrer Geburtsstätte, nachdem sie die Erde getränkt haben. Gewohnt, getan. Von Johann Wolfgang von Goethe. Ich habe geliebet, nun lieb’ ich erst rechtl Erst war ich der Diener, nun bin ich der Knecht. Erft war ich der Diener von allen; Nun fesselt mich diese scharmante Person, Sie tut mir auch alles zur Liebe, zum Lohn, Sie kann nur allein mir gefallen. Ich habe geglaubet, nun glaub’ ich erst recht! Und geht es auch wunderlich, geht es auch schlecht, Ich bleibe beim gläubigen Orden: So düster es oft und fo dunkel es war In drängenden Nöten, in naher Gefahr, Auf einmal ift’s lichter geworden. Ich habe gefpeifet, nun speis' ich erst gut! Bei heiterem Sinne, mit fröhlichem Blut Ist alles an Tafel vergessen. Die Jugend verschlingt nur, bann sauset sie fort; Ich liebe zu tafeln am luftigen Ort, Ich kost' unb ich schmecke beim Esten. Ich habe getrunken, nun trink' ich erst gern! Der Wein, er erhöht uns, er macht uns zum Herrn Unb löset bie sklavischen Zungen. Ja, schonet nur nicht bas erquicfenbe Naß: Denn schwinbet ber älteste Wein aus dem Faß, So altern dagegen die Jungen. Ich habe getanzt und dem Tanze gelobt, Und wird auch kein Schleifer, kein Walzer getobt, So drehn wir ein fittiges Tänzchen. Und wer sich der Blumen recht viele verflicht. Und hält auch die ein’ unb bie anbere nicht. Ihm bleibet ein munteres Kränzchen. Drum frisch nur aufs neue! Bebenke bich nicht: Denn wer sich bie Rosen, bie blühenben, bricht, Den kitzeln fürwahr nur die Dornen. So heute wie gestern, es flimmert der Stern; Nur halte von hängenden Köpfen dich fern Und lebe dir immer von vornen. hundertmal Verantwortlich: Dr. -ans Tbvriot. - Druck und Derlag: Brühl sch« UntversilätS-Duch. und Steindruckerei. 2l. Lana«. Sieben. 9ri„ Ende, von irgendwoher, peitschte durch die Luft, zerschlug nur die (Inte Oberlippe. Abgerissene Fetzen eines Schreis. Ein Arm klammerte sich an meine linke Hüste. Aber nur einen kurzen Augenblick. Dann griff der Bootsmannsmaat, die Backbordnummer I der Grotzmarsrah, dem das gefrorene Ende ein Auge ausgeschlagen, tapfer wieder in das wild sich aufbäumende Segeltuch. Wie es weiterging? Niemand von uns vermochte es zu sagen. Oer Sturm setzte seine letzten Reserven ein. Aber unser Wille setzte auch alle seine Reserven ein. Um 4 Uhr morgens war das Segel fest, das Schiff lag mit Sturmfock und Sturmbefan bei. Fühllos, mechanisch enterten mir3n'ber Batterie traten wir an. Der erste Offizier ließ jedem von uns einen großen Becher Schnaps geben. Waren wir alle da? das war meine erste Frage. Nein, einer fehlte. Die Nummer 8 von der Steuerbordnock, der junge blonde Friese von Hallig Hooge, war nicht mit uns niederqeentert. Alle liebten wir ihn, seine herbe Scheuheit, seine immer treue Hilfsbereitschaft, die Selbstverständlichkeit, mit der er jede Schwierigkeit meisterte. „ „ ,, . _ Und al» wir wenig später hinausbefohlen wurden zum Kommandanten und unseren Weg uns bahnten durch das verwüstete Deck, als wir vor dem Kommandanten standen und er, dieser harte Mann, uns kurz, knapp seinen Dank sagte, er, der nie dankte, nur immer forderte, immer höher die Ansprüche schraubte, da wurde ein Hochgefühl wach in unseren Herzen, wie nur Jugend empfinden kann, wenn sie zum erstenmal die große Probe des Lebens bestanden. In gemeinsamer Treue hatten wir den Kampf bestanden und waren Sieger "geworden. Einer war von uns gegangen, ganz still, wie es seine Art war. Und hatte doch ein Vermächtnis uns hinterlassen, größer als alle Reichtümer der Welt: das Bewußtsein in uns. daß diese lange Nacht mit ihrem Kampf und ihrer Not uns zu einer Gemeinschaft geschweißt, in der jeder jedem die Treue hielt, und daß solch eine Treugemeinschaft I Herr wird auch über den wildesten Sturm. wolle er sich zu uns an Decke retten. „, ,, Da» Schiff torkelte, tanzte, taumelte, hob sich, senkte sich schwer und bäumte sich immer von neuem tapfer gegen die Unermüdlichkeit des Sturms. Ein paar Oelfücke wurden außenbords in die Rüsten gehängt. Aber was half das in der unermeßlichen See! Die Beine weit gespreizt, die Füße nach innen gestellt, mit den Sohlen uns fest an das zitternde Deck hängend, verhohlten wir uns mühsam an den Strecktauen, wo es etwas neu zu zurren, ein Loch zu stopfen ober Reservestützen anzubringen galt. „ . .... , „Alle Mann sich klarhalten zum Manöver." Wir mußten lächeln. Wer buchte in dieser Nacht des Grauens an Hängematten und Schlaf! Wie spät war es überhaupt? Seit Stunden war nicht mehr geglast worden. Der Sturm hatte alle Zeit ausgelöscht. Ein paar Augenblicke lang war Ruhe. Hatte der Gegner den Kampf ausgegeben? Trunkene Schaumköpse zerflatterten wie weiße Sterne. Metallenes Zwielicht drängte sich durch das Wolkengeball. Schüchtern lugten ein paar Sterne bleich und bleiern herunter, als wollten sie sehen, wer Sieger geworden. Waren wir es schon? Wir wußten es nicht. Aber dann kam es. Wie eine Lawine niederjagend zu Tal, Schneemassen aiis Schneemassen dem eigenen Ungestüm anballt, wie sie alles mit sich zwingt, was in ihre Nähe kommt, alles niederwuchtet, was sich ihr in den Weg stellt, so riß jetzt der Sturm, zum Angriff vorgehend, alles in (eine Bahn, was oben im Luftmeer an Wind sich getllmmelt. Der Sturm schwoll zum Orkan. „All- M-nn auf! Klar zum Manöver! Marssegel bergen! Slurm- besan uiid Sturmsock setzen." Ein schwarzes Leichentuch war im Augenblick über das Schiff geworfen. Wir tasteten uns hinein in den abgründ- lichen Rachen der Nacht auf unsere Manöverstationen. Wie ein Feuer die Eisenstäbe der Käsige schmilzt und allen Tigern den Weg freigibt, daß sie sich ausrasen können, so brach letzt der Drtan Arrinas und Ketten und ließ tausend Gegenstände frei hren Weg dürch^dle Decks nehmen Ein schwerer Block hatte sich losger.ssen, jagte über das Oberdeck, donnerte gegen die Bordwand, Zerschlug ein Decks licht zerschmetterte einem unserer Schiffsjungen den Fuß, suchte lang oeräebens einen Ausweg, folgte schließlich einer Sturzste m die stru delnde Tiefe Es war, als habe dieser Block nur das Signal gegeben. Jetzt regte es sich überall im Schiff. Backsgeschirr und Spillspaken-Koch- kessel und Kleiderkisten und selbst die an militärische Zucht gewohnten Seitengewehre, alles riß sich aus seinem Gehaus, stolperte sinnlos durch ^lnbes suchten wir Marsrahgäste uns über die Mernden •Putting3 durch das brüllende Grauen den Weg aus unsere Rah. Ich befestigte d Großmarsrah, hatte einen Maaten und Zwei Matrosen an jeher Seite. Die Nummern 8 an den äußersten Enden, an den Nocken der R h, batten den gesährlichsten Platz, denn bei jedem Uederlegen des Schiffes chlug der eistalte Gischt ihnen in die jungen Gesichter. In den Pferden tebenb, den Tauen, bie einen Meter unter ber Rah laufen, stemmten wir uns gegen den herantobenden Feind, klammerten uns an die Rah kämpften uns in das Segel, zerrten es, um es zu bergen zu uns herauf indes ber Gegner mit Keulenfchlägen uns zu be auben Jedes Kommandowort fraß ber Sturm, jebes Zeichen die Nacht. Blind und taub waren wir nur auf uns selbst ""gewiesen. Nur bi - weilen kamen zerbrochene Laute zu uns heraus durch die schwarze heit. Aber Helsen konnte uns niemand. Mehr als zwölf gingen nicht aU^Sautnt hatten wir einen Teil des Segels geborgen, da höhnte der Sturm riß uns das gefrorene Tuch wieder aus den erstarrten Händen, schlug es uns um die Ohren, peitschte es in sinnloser Wut gegen bie Marsstange. Aber zugleich ritz er uns bas Denken aus bem Kopf. Und das war gut, denn nun standen wir Element gegen Element. Wir standen in der Schlacht gegen einen Gegner, der hunbertmal stärker war als wir. Aber alles in uns Jungen bäumte sich gegen dies« unsere erste Nieberlage. Es ging um Leben unb Tob. Wir aber wollten nicht sterben. Wir muhten siegen. , .. ~ In wahnwitziger Freube am Zerstören brach ber Sturm bie Vor- bramstanqe, knickte bie Gasfelgeer, wühlte in dem °usge chossenen Tau. werk riß es auseinander, peitschte mit dem sich windenden Hans Soots bett und Kampanje, brach die Zeisinge von den Hangemattskasten, zerrte in wilder Gier an allem, was ihm Widerstand leistete. 3mmer oon neuem packte er das Schiss, schleuderte es in d'e Tiefe, schüttelte es, schnellte es auf einen Wogenkamm, warf es in die Leere der Nacht. Bisweilen schwieg er ein paar Minuten. Dann lag es wie ein Dröhnen in der Lust, bald laut wie fernes Brüllen, bald leife wie em hohles Klagen, als seufze der Gegner, daß er immer noch "'cht Sieger geworden. Jetzt nur nicht müde werden. Nicht auch klagen. Hart fern. “einmal 'hatten wir es fast geschafft. Das ganze Segel hatten wir aufqebolt, zusammengewürgt und wollten es eben festmachen. Da riß plötzlich der Sturm das Schiss in die Höhe. Flogen wir? Waren wir noch an Bord? Standen wir noch in den Pferden? Wir taumelten zwischen Himmel unb See irgenbroo in bem alles verschlmgenben eisigen Dunkel, bas mit taufenb Tatzen nach uns griff. Alle unsere bisherige Arbeit war vergebens gewesem Jetzt setzte sich der Sturm mit seiner ganzen Kraft in bas aufgegatte Segel unb blähte es auf zu eisernem Baum. Verzweifelt suchten mir immer von neuem, es zu uns heraufzuziehen. Es ftanb wie aus Stahl, trotzte unseren blutenben Hänben, ließ sich nicht bewegen. Aber wir trotzten auch, mir groölf da oben. Aber waren wir noch zwölf? Jeder konnte nur den Nachbar fühlen. Die draußen an den Nocken? Verständigung war un- Das Dermächinis. Von Bogislav von Selchow. '«SÖ-I »--m nach dein Batteriedeck heruntergebracht und verstaut werden. Wir waren mit unseren Schiffsjungen noch unter Deck, als die Matrosendivifion und die Freiwache der Heizer aufgepfiffen wurden. Üllle Seitenboote wurden aufgetoppt. Die Barkuns abgeftufct, überall Streettaue angebracht, alles, was irgendwie sich bewegen konnte fest- gezurrt Schon aber begann ein lebhaftes Innenleben im ganzen Schiff. Wen brachen, Enden rissen. Zurrings sprangen, und m't ungeheurem Krachen nahmen die befreiten Gegenstände ihren Weg durch die Deck . Dann rief bas „Alle Mann auf! Klar zum Manöver! die ganze Be- |a6Reinaannb®re5 Kommando auf einem Segelschiff wirkt jedesmal wieder so aufreizend, fast wie die Posaune des Jüngsten Gerichts, wie der Allemannspsisf, wenn jeder fühlt, es ist Gefahr. Auch dem, der,iahr- nebntelanq zur See gefahren, bringt dies Kommcmdo durch Marck und Bein Wir jagten an Deck. Obwohl noch eine halbe Stunde vor Backen unb Banken, also Heller Tag, umfing uns hier ein fahles gespenstisches Licht Schwarze Wolkenbänke ftanben rings um bie Simm, bas Meer (aq wie in Erwartung. Schaumköpfe hoben sich, hielten Ausschau, versprühten. Wie ein ,nüber Mensch ächzten bie Untermalten. Em schrilles Meisen schlug an unser Ohr. Aus unendlicher Ferne kam em Carmen auf uns zu, ivie das Schlachtbrüllen eines nahenden Femdes. Längst waren wir auf unseren Rahen. In rasender Eile mußten die Bramsegel geborgen unb bie Marssegel bicht gereeft werben. Von Zeit , Zeit fielen scharfe Böen ein, (prangen über bie Seen, gruben bro- belnbe Krater in bie ausgepeitschten Wasser, zerrten an ben Segeln, Bram- unb Oberbramrahen an Deck!" — „Beschleunigt Dampf aufmachen in allen Kesseln." Die Befehle überstürzten sich Aber sie würben mit einer eisernen Ruhe gegeben van bem Mann mit ben oier Streifen auf ber Brücke, ber bie Verantwortung trug. Der Sturm hatte Windstärke 10 erreicht. Aber wir alle fühlten, das war erst em Vorspiel, war Vorpostengeplänkel eines Gegners, der irgendwo im Dunkel lauerte, der aus unfaßbarer Finsternis tarn, das Medusenhaupt — wie lange noch? — von undurchdringlicher Tarnkappe verhängt. Wir enterten wieder, mit Händen unb Fußen uns festklammernd, an den zu Eis erstarrten Wanten, daß die überkommenden Brecher uns nicht in die Tiefe rissen. Das Schiss duckte sich scheu unter ben Sturzseen es stöhnte unb schrie. Es schrie bisweilen, wie ein Kmd schreit, wenn etwas Furchtbares kommt, vor bem es sich nicht retten kann. Aber grabe, weil unser Schiff mitsühlte in ber Gefahr, hatten wir es um so lieber In dieser Stunde wurde es uns Heimatlosen wirklich Heimat. An „Backen und Banken" war nicht zu denken. Aber es dachte auch feiner an Abendbrot. Die Wolken hatten alle Farbe verloren. Der immer stärker werdende Sturm zerriß sie zu verfratzten Gebilden. Höhnische Totenschädel grinsten graugrllnlich uns an. Bisweilen kroch aus dem verschwimmenden Gesetz ein Stern so nah an uns heran, als er t, it, II il Ib tr k- et n n ib ■n er d ia ls m ls in m er r= eg en nb g- Q5 nb ls eit m ier iie it) tb. te :er ns -------.<- n cwx.. Colour & Grey Control Chart ä ■ Endlich liegt Sero im Ziel. Es ist gerade der Augenblick, da es wieder dunkel um ihn wird, dunkel und unsichtig wie vorher. Nein, es wird viel dunkler noch. Und rasch schickt er noch fünf Granaten, mehr oder weniger aufs Geratewohl, den zehn ersten, gut gezielten, nach. Ihre Erdsontänen lassen sich aber schon nicht mehr einwandfrei beobachten. Dors und Brücke und Tal verschwimmen endgültig in Nebel, Nacht und Finsternis. Und ein mühsamer Marsch auf verschlammten Feldwegen hebt an. Die Schritte der Menschen sind schwer und schwankend wie noch nie. Die Tritte der Pferde stoßen fesseltief durch den schlüpfrigen Grund. Die Räder der Fuhrwerke setzen das Erdreich der Wälder und Hügel in Bewegung. Manchmal überholt der kleine Zug erdbraune Schlangen von Fußtruppen, hinter deren völliger Verkrustung das menschliche Licht erloschen erscheint. Manchmal durchqueren sie Dörfer, deren Belegschaft fluchend die trockenen Quartiere räumt und sich zum Aufbruch zusammenschart. Sie alle und ihre Trains und Sanitätswagen und Munitionskolonnen strömen ebenfalls nach Süden ab, nach Süden, wo es hinter der grauen Nebelwand dieses Tages unaufhörlich, bald lauter, bald dumpfer brodelt. Es ist also doch nicht, wie Kadett-Offiziersstellvertreter d. R. Johannes Möß sich gerne eingebildet hätte, allein die Heeresgruppe Gerö (ein Geschütz, sechzehn Pferde, zwanzig Mann!) den Bedrängten dort zu Hilfe gerufen worden. Nein. Aber eine eigene, eine nadelscharf abgesteckte Aufgabe wurde ihr ganz ohne Zweifel diesmal doch zugewiesen. Vielleicht, wer weiß, sogar eine Aufgabe von strategischer Bedeutung! Der Begriff „strategisch" schmeichelt Möß ganz besonders. Morgen, morgen vielleicht schon kündet der Heeresbericht: „An einem besonders wichtigen Punkte der Ostfront..." _________ Freilich hing's nicht an der Serethbrücke bei Jwaczow-Sorny, sondern an dem großen Loch im Süden, das sich westlich Tarnopol zu gespenstischer Größe ausbauchte. Die Brücke lag längst in Schutt und Asche, das Brodeln im Kessel hielt aber nicht inne, eher steigerte es sich noch und — was das Dümmste'war — es wanderte unaufhörlich tiefer nach Westen. Serös Fernrohr auf dem Strohschober vollführte langsam, Tag für Tag um einige Grade mehr, eine Drehung nach rechts, um die Perlenschnur der Schrapnellwölkchen am südlichen Horizont zu verfolgen. Es blieb wundersam genug und gefiel Gerö im geringsten nicht, daß man das mit solcher Ruhe und Ungestörtheit von hier oben tun durfte. Eines Abends kam dann, holterdiepolter, der Befehl zum Rückzug. Der russische Einbruch barst nun nach der Seite auf, wie Lava floß es von ihm randwärts ab. Der Arm, der sich nach Norden wälzte, bildete fast schon eine Zange. Sie hätte als ersten Happen bas Infanterieregiment geschnappt, das den Höhenrücken mit Serös Strohschober verteidigte, und dazu das Ssbirgsgeschütz. Beide befanden sich jetzt in der । beobachtet den entfernten Einschlag. Jetzt hat er, Rote, einige Minuten lang herrlich klare Sicht, unten nehmen unerwartet rasch und in zauber- Runbung an. Sie erscheinen, infolge der feuchten i nahe. Fast konnte man die tiefen Radspuren iten ber Brücke zählen. । allem, trotz Seros Ruhe, trotz Dömners Sicher- inten abenblichen Helligkeit bes Himmels hat ber Blue White Cyan Grey 1 Yellow Grey 3 Green Grey 2 Magenta Black Red Grey 4 alles, einfach alles zuschanden machen. Ein Trost für jedermann, daß Vormeister Domner, der kleine stämmige Sachse, an der Richtmaschine sitzt. Jeder weiß, daß er Nerven wie Seile hat, daß er in diesem Augenblick nichts anderes mehr ist, er selber mit Haut und Haaren nichts anderes mehr als Arm und Rad und Zahn und Züngel ber erzenen Maschine. In ebenso langsamen, gemessenen Zeitabstänben rauschen die abge- "‘"‘oanesZC &en Höhenrücken der Beobachtung hinüber. Dort pictäw" hlucke, wartet jedesmal mit zusammengebissenen rn der Luft über ihm verhallt ist, hebt dann das t getroffen. Noch steht die Brücke unversehrt da, die Trichter klaffen. Dafür haben die Sranaten fun$' Jwaczow-Sorny, das Dorf, dessen ts ber Brücke beginnt, in Aufruhr gerät. Deut- 'bie Verzweiflung ber Bevölkerung, benn sie sitzt erkennen. Flüchtende Weiber und Kinder, auf- ||llipill|llll|llll|llll|llll|lllipill!llll|llll|llll|llll|llll|llll|llll|llll|l Ocrn l 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 lll|llll|llll|llll|llll|lll 21 22 23 >nt’ tian fjen •hr, bi« di« bet eht bet flug lk«s iren bet» it ta ber Bott w>r Keg !«» Z S 9 8 6 »wu«, meyr roeruen s NUYI. Zeyn Mann, oyne Ausrüstung, oazu eine rauchende Fahrküche, das ist alles, was in dieser Zeitspanne die Brücke überschritt. Damit bestätigt sich schrecklich wahr, was das Studium der Karten ihm längst schon verriet: diese Brücke ist unwichtig. Für die 2Ibro?hr des Angriffes aus dem Raume von Tarnopol hat sie sozusagen kett" Bedeutung. Besser freilich, ei freilich, man schaffe sie überhaupt aus ber Welt. Wer kann im Krieg jemals wissen...? Und er beginnt mit bem Einschießen. llnb siehe, siehe, ein rötlicher Schein ergießt sich gerade jetzt von Westen her über die Landschaft, die voll Wassers ist wie ein angesogener Schwamm. Will die Sonne doch noch zu guter Letzt, wenn auch aus der verkehrten Richtung, über diesem Tage aufgehen? Oh, das wird sie wohl bleiben lassen. Aber ist diese abendliche Helligkeit in der entscheidenden Stunde nicht schon Beweis genug dafür, daß sie es eigentlich recht gut mit dem Fähnlein des Sebirgsgeschützes meint? In langsamen Abständen verlassen unten auf dem schwarzen Acker die Granaten den hüpfenden Bronzeleib bes Rohres. Den Richtkanonieren, den Telephonisten, sich selber hat Sero ruhiges, wohlüberlegtes Tun befohlen, genauesten Blick unb Griff. In ber Kette ihres zusammenhängenden Hanbelns kann die Verwirrung eines einzigen ungeschickten Fingers los einem nuyransau preisgegeven jag? Der Wind rüttelte an der Zeltbahn. Sestern, dachte er, gestern dürfte die Krankheit ihren Höhepunkt erreicht haben. Heute hatte ich kein Blut mehr im Stuhl. Diese Nacht noch Ruhe und Wärme und Schlaf und ich hab's geschafft! Wenn bloß Mütterchen mir die Decke im Rücken mal gut einfteden könnte. Irgendwo zieht's doch immer noch herein. Und doch kann man nicht sagen, daß Möß die Zelte auf dem feuchten Acker nicht schleunigst abbrechen ließ, als der Befehl dazu eintraf. Der Ort hatte ihm zu viele Enttäufchungen bereitet, als daß er sich durch irgend etwas an ihn gefesselt fühlte — außer durch seine augenblickliche körperliche Schwäche. Allein, diese wurde bald an der frischen, bewegten Nachtluft überwunden. Und bann setzte bas Reiten ein. Unb das Reiten in ber Dunkelheit und die ewige Sorge um die nachfolgende Karawane und die unruhigen Sedanken an Sero, der sich bei diesem Rückzug mehr um die Ordnung der sich vom Feind lösenden Infanterie kümmerte als um fein fliehendes Seschützlein, hielten wach und ruhig, hielten in Atem und gespannt. * In den ersten Dörfern, durch die sie kamen, herrschte bereits ungeheure Verwirrung. Flüchtende Sanitäter, galoppierende Brigadehusaren,