Siehener Zamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger Nummer 92 Freitag, den 27. November Jahrgang 1956 begreiflich; Fliederzweig als Dank Zimmer, auf die in und war Sie nicht, nie gewußt, daß Schlohherrin lachte so allein, wie er von mir bringen. eigentlich nicht. Sie war sehr Victoria? ich seine Bücher geschrieben trank ihren Kindern zu und lustig, aber und fuhr in Mutter: Ich habe habe. Was? Aber die sagte: Dankt ihm, dankt ihm. Das als Kind war ... Was tust du. Das Mädchen soll ihm diesen Copyright bg Albert Langen^Georg Müller Verlag,München 6. Fortsetzung. zubringen. Wie hoch ist das alles versichert? Der Gutsbesitzer nannte die Summe, eine auffallende Summe. Im übrigen ist hier im Schlosse nie gespart worden, es handelte sich schon immer um große Summen. Was kostet nicht zum Beispiel em oldjes Essen wie heute! Aber jetzt soll es überall leer aussehen sogar in dem berühmten Schmuckkasten der Schloßherrin, und deshalb soll jetzt dds Geld des Schwiegersohnes die Herrlichkeit wieder aufrichten. Wieviel hat er wohl? Ach, er hat unergründlich viel Geld. Johannes stand wieder auf und ging in den Garten hinunter. Der Flieder blühte, Ströme des Duftes schlugen ihm von Aurikeln und Pfingstrosen, von Jasmin und Maiblumen entgegen. Er suchte sich einen Winkel unten an der Mauer und setzte sich auf einen Stein; ein Boskett verbarg ihn vor der ganzen Welt. Er war erschöpft vor Erregung, todmüde. fein Verstand war verdunkelt; er dachte daran, aufzustehen und heimzugehen, blieb aber sitzen, dumpf und schlaff. Da hört er vorne auf dem Weg Gemurmel, es kommt jemand, er erkennt Viktorias Stimme. Er hält den Atem an und wartet ein wenig, da blitzt auch die Uniform des Leutnants durch das Laub. Das Brautpaar ging zusammen spazieren. Ich finde, sagte er, daß da etwas nicht in Ordnung ist. Was er sagt, macht Eindruck auf dich, du sitzt da und beachtest seine Worte und schreist auf. Was hatte das eigentlich zu bedeuten? Sie hält inne und steht aufrecht vor ihm da. Willst du es wissen? sagt sie. Ja. Sie schweigt. . . , , Es kann mir ja gleich sein, wenn es nicht bedeutete, fahrt er fort. Dann brauchst du es mir nicht zu sagen. Sie sinkt wieder zusammen. Nein, es bedeutete nichts, antwortet sie. Sie gehen wieder weiter. Nervös zuckt der Leutnant mit den Epau- letten und sagt laut: . . Er sollte sich ein wenig in acht nehmen. Sonst könnte er einmal die Hand eines Offiziers auf seiner Wange fühlen. Sie schlugen den Weg zum Lusthaus ein. Johannes blieb eine Zeitlang auf dem Stein fitzen, dumpf und gequält wie vorher. Alles begann ihm gleichgültig zu werden. Der Leutnant hatte Verdacht gegen ihn gefaßt, und feine Verlobte rechtfertigte sich auf der Stelle. Sie sagte, was gejagt werden mußte, stellte das Herz des Offiziers zufrieden und ging mit ihm weiter. Und die Stare 3tmt= scherten in den Zweigen über ihren Köpfen. Jawohl. Möge Gott ihnen ein langes Leben bescheren ... Er hatte bei Tisch eine ^ebe für jie gehalten und fein Herz tjerausgeriffen; es hatte ihn viel gekostet, ihre unverschämte Unterbrechung zu verdecken und wieder gutzumychen, uno sie hatte ihm nicht dafür gedankt. Sie hatte ihr Glas ergnffen und getrunken. Prosit, seht mich an, wie schön ich trinke ... Seht eucy Eine Rede, geradezu ein Versuch zu einer Rede. Sie war nicht eben auch nicht ganz schlecht, die Gesellschaft tränt, ah weiter ihrer Unterhaltung fort. Ditlef bemerkte trocken zu feiner Darf ich das nicht? Nein, antwortete der Leutnant. . Nach Tisch zerstreute sich die Gesellschaft in die Zimmer, auf die aroßen Altane und sogar über den ©arten hinunter. Johannes ging ms Erdgeschoß und gelangte in das Gartenzimmer. Hier befanden sich mehrere Gäste, ein paar rauchende Herren, der Gutsbesitzer und noch einer, der halblaut über die Finanzen des Schloßherrn sprach Sem Hof war vernachlässigt, mit Untraut überwuchert, die Zaune verfallen, ber ®nl» gelichtet; es gina die Rede davon, daß es ihm sogar schwer falle, die erstaunlich hohe "Versicherung für die Häuser und die Einrichtung auf- VAf *4- /S Geschichte einer Liebe von Knut Hamsun übrigens einmal eine Frau von der Seite an, wenn sie trintt. Ob sie nun aus einer Tasse, aus einem Glas, oder aus irgend etwas anderm trinkt, eht sie von der Seite an. Sie ziert sich dabei, daß es ein ©rauen ist. Sie spitzt den Mund und taucht dessen äußersten Rand m die Flüssigkeit und ist verzweifelt, wenn man ihre Hand beobachtet. Seht überhaupt einer Frau nicht auf die Hände. Sie hält das nicht aus. Sie tapituhett. Sofort zieht sie ihre Hand an sich, bringt sie in eine immer fdjonere Stellung, nur um eine Falte, eine Unfchonheit ondfN Fingern oder einen weniger wohlgeformten Nagel zu verbergen. Schließlich halt sie es nicht mehr aus, sondern fragt ganz außer sich: Auf was fehen Sie denn? ... Sie hatte ihn einst geküßt, einmal, im Sommer. Das war so lange her wer weiß, ob es überhaupt wahr war. Wie war es doch, faßen sie 'nicht auf einer Bank? Sie sprachen lange miteinander, und als sie gingen, kam er ihr so nahe, daß er ihren Arm berührte Vor der Woh- nungstür küßte sie ihn. Ich liebe Sie! sagte sie ... Jetzt gingen sie vorbei, sie sahen vielleicht noch im Lusthaus. Der Leutnant wollte ihm einen Schlag auf die Wange geben, sagte er. Er horte es sehr wohh er schlief nicht, aber er erhob sich auch nicht, trat nicht cor. Sie fjanb eines Offiziers, hatte er gejagt. Jawohl, — es war ihm gleichgültig ... Er erhob sich von dem Stein und ging ihnen nach, zum Lusthaus. Es war leer. Oben auf der Veranda des Hauptgebäudes stand Camilla und rief ihm; es gäbe Kaffee, im Gartenzimmer. Er folgte ihr. Im Gartenzimmer faßen die Verlobten; es waren auch noch mehrere andere Leute anwesend. Er nahm seinen Kaffee, trat zurück und suchte sich einen Platz. „ , „ ... Camilla fing an, mit ihm zu sprechen. Ihr Antlitz war so hell, und sie sah ihn mit offenen Augen an, er konnte ihr nicht widerstehen, er sprach mit, beantwortete ihre Fragen und lachte. Wo er denn gewesen sei? Im Garten? Das sei nicht wahr. Sie habe im ©arten gesucht und ihn nicht gesunden. Nein, nein, im ©arten sei er nicht gewesen. War er im ©arten, Victoria? fragt sie. Victoria antwortet: Nein, ich habe ihn dort nicht gesehen. , Der Leutnant wirft ihr einen erbitterten Blick zu und sagt, um feine Brau zu warnen, unnötig laut zum Gutsbesitzer: Wollten Sie mich nicht auf die Sdjnepfenjagb bei Ihnen mitnehmen Jawohl, antwortet der Gutsbesitzer. Sie sind mir willkommen. Der Leutnant sieht Victoria an. Sie sagt nichts und bleibt fi&en> fie hält ihn durchaus nicht von dieser Schnepfeniagd beim Gutsbesitzer zurück. Sein Gesicht verfinstert sich immer mehr, mit nervösen Bewegungen spielt er an seinem Schnurrbart. Camilla richtet wieder eine Frage an Victoria. Da erhebt sich der Leutnant mit einer raschen Bewegung und sagt ^^Hat^er Sie gestoßen? fragte Camilla höchst erstaunt. Aus Versehen. Er traf mich ins Auge. Sehen Sie her. Mein Gott, das ist ja rot, und hier ist Blut. 9tein, reiben lassen Sie es mich mit Wasser auswaschen. Ihr Taschentuch ist f 8 > sehen Sie nur ftlbst. Stecken Sie es wieder em; ich nehme mein eiaenes Nein io etwas, gerade ins Auge! - 9 Victoria zog ebenfalls ihr Taschentuch hervor. Sie sagte nichts Dann SSL L S’XÄÄ zum Gutsbesitzer: Gut, bann gehe ich gleich heute abend mit. Damit verläßt er das Zimmer. Der Gutsbesitzer und einige andere folgten ihm. PlötzUch°geht°die Türe auf"und der Leutnant tritt wieder ein. Er ist Haft'du ^twas^rgesfen? fragt Victoria und steht auf. Er macht ein hüpfende Schritte an der Türe, als konnte er nicht still- Heben und geht geradeaus zu Johannes, den er gleichsam ,m Vorbe gehen mit der Hand stößt. Dann läuft er zur Ture zurück und hupft ^^Nehmen Sie sich in acht, Mann, Sie stießen mich ins Auge, sagte ^°Sie"?rrm^sich,^antwÄete der Leutnant, ich gab Ihnen eine Ohrfeige. ^°Thann?s'grift nach7em^Tafchentuch, wischte sich bas Auge und sagte: Sie meinen das nicht so. Sie wissen ja, baß ich Sie zusammenklappen und in die Tasche stecken kann. Za'chsnet'e dÄ Leutnant eilig die Türe und trat hinaus Ich meine es! schrie er zurück. Ich meine es: Dummkopf! Dann schlug er die Türe mit einem Krach zu. Wctoria dstand° noch mitten im Zimmer. Sie sah ihn an Streifen. Einige Minuten danach öffnete sie die Türe und verließ das Gartenzimmer, still und stumm. IX. Camilla kam munter und ohne weiteres zur Mühle gegangen. Sie war allein. Sie trat gleich in die kleine Stube ein und sagte lächelnd: Entschuldigen Sie, daß ich nicht angeklopft habe. Der Fluß rauscht so stark, daß ich glaubte, es sei doch umsonst. Sie sah sich um und rief aus: Nein, wie reizend ist es hier! Reizend! Wo ist Johannes? Ich kenne Johannes. Wie geht es mit seinem Auge? Sie bekam einen Stuhl angeboten und setzte sich. Johannes wurde aus der Mühle geholt. Sein Auge war entzündet und blutunterlaufen. Ich komme von selbst, rief Camilla ihm entgegen; Ich hatte Lust, hierher zu gehen. Sie müssen auch weiterhin kalte Umschläge machen. Das ist nicht nötig, antwortete er. Nein. Gott segne Sie, weshalb kommen Sie hierher? Wollen Sie die Mühle sehen? Dank, weil Sie gekommen sind. Er umfaßte seine Mutter, schob sie vor und sagte: Das ist meine Mutter. Sie gingen zur Mühle hinunter. Der alte Müller zog die Mütze tief ab und sagte etwas; Camilla verstand es nicht, aber sie lächelte und sagte aufs Geratewohl: Danke, danke. Doch, ich will sie gerne sehen. Der Lärm machte sie ängstlich, sie hielt Johannes bei der Hand und sah mit großen aufmerksamen Augen zu den beiden Männern auf, ob sie wohl etwas sagen würden. Sie sah wie eine Schwerhörige aus. Die vielen Räder und Vorrichtungen in der Mühle erfüllten sie mit Verwunderung, sie lachte, schüttelte im Eifer Johannes' Hand und deutete nach allen Richtungen. Die Mühle wurde abgestellt und wieder in Gang gesetzt, damit sie es sehen konnte. Noch eine gute Weile, nachdem sie die Mühle verlassen hatte, sprach Camilla ganz komisch laut, als dröhne ihr der Lärm immer noch in den Ohren. Johannes begleitete sie auf dem Rückweg ins Schloß. Begreifen Sie, daß er es wagte, Sie ins Auge zu stoßen? sagte sie. Aber bann war er auch auf einmal verschwunden, er fuhr mit dem Gutsbesitzer auf die Jago. Das war eine schrecklich unangenehme Sache. Victoria Hai die ganze Nacht nicht geschlafen, erzählte sie wieder. Dann kann sie heute nacht schlafen, antwortete er. Wann, glauben Sie, werden Sie wohl wieder Heimreisen? Morgen. Wann kommen Sie in die Stadt? Im Herbst. Kann ich Sie heute nachmittag treffen? Ach ja, tun Sie das! Sie haben mir von einer Höhle erzählt, die Sie wissen, die müssen Sie mir zeigen. Ich werde kommen und Sie abholen, sagte er. Als er wieder heimging, sah er lange auf einem Stein und dachte nach. Ein warmer und glücklicher Gedanke hatte in ihm Wurzel gefaßt. Am Nachmittag ging er ins Schloß, blieb draußen stehen und ließ nach Camilla senden. Während er dastand und wartete, wurde Victoria für einen Augenblick in einem Fenster des ersten Stockes sichtbar; sie starrte zu ihm hinunter, wandte sich um und verschwand im Zimmer. Camilla erschien, er führte sie zum Steinbruch und zur Höhle. Er fühlte sich ungewöhnlich ruhig und glücklich, das junge Mädchen zerstreute ihn, ihre hellen leichten Worte umflatterten ihn wie kleine Wohltaten. Heute waren gute Geister nahe ... Ich enfinne mich, Camilla, daß Sie mir einmal einen Dolch verehrten. Er hatte eine Scheide aus Silber. Ich legte ihn mit anderen Dingen zusammen in eine Lade; denn ich hatte keine Verwendung dafür. Nein, Sie hatten keine Verwendung dafür; aber was weiter? Ja, jetzt habe ich ihn verloren. Nein, wirklich? Das war Pech. Aber ich kann Ihnen vielleicht einen ähnlichen verschaffen. Ich will es versuchen. Sie gingen heimwärts. Und können Sie sich an das schwere Medaillon erinnern, das Sie mir einmal gegeben haben? Cs war ganz dick und schwer von Gold und stand auf einem Ständer. In das Medaillon hatten Sie ein paar freundliche Worte geschrieben. Ja, ich erinnere mich. Als ich voriges Jahr im Ausland war, verschenkte ich es, Camilla. Ach nein? Daß Sie es verschenkt habenl Warum denn? Ein junger Kamerad erhielt es von mir zur Erinnerung. Er war ein Russe. Er fiel auf die Knie und dankte mir dafür. Freute er sich so? Mein Gott, sicher muß er sich stürmisch gefreut haben, wenn er aufs Knie fiel! Sie sollen ein anderes Medaillon für sich selbst bekommen. Sie waren auf den Weg zwischen Mühle und Schloß angelangt. Johannes blieb stehen und sagte: Hier in diesem Gestrüpp habe ich einmal etwas erlebt. Ich kam eines Abends dahergegangen, wie ich es damals fo oft in meiner Einsamkeit tat, es war Sommer und helles Wetter. Ich legte mich hinter die Büsche und dachte. Da tarnen zwei Menschen still des Weges. Die Dame blieb stehen. Ihr Begleiter fragte: Warum bleiben Sie stehen? Da er aber keine Antwort erhält, fragt er wieder: Ist etwas im Wege? Nein, antwortete sie; aber Sie dürfen mich nicht so ansehen. Ich habe Sie nur während des Gehens so angesehen, sagte er. Ja, antwortet sie, ich weiß wohl, daß Sie mich lieben, aber mein Vater wird es nicht erlauben, verstehen Sie; es ist unmöglich. Er murmelt: Ja, es ist wohl unmöglich. Da sagt sie: Sie sind hier so breit an der Hand; Sie haben so merkwürdig breite Handgelenke! Und dabei fährt sie ihm über das Handgelenk. Pause. Ja, wie ging es dann weiter? fragte Camilla. Das weiß ich nicht, antwortete Johannes. Warum sagt« sie das von feinen Handgelenken? Sie waren vielleicht schön. Und dann hakte er wohl ein weißes Hemd darüber, — o doch, das verstehe ich schon. Vielleicht hatte sie ihn auch gern. Camilla! sagte er, wenn ich Sie sehr gerne hätte und einige Jahre wartete, ich frage nur ... Mit einem Wort, ich bin Ihrer nicht würdig; aber glauben Sie, daß Sie einmal mein werden könnten, wenn ich Sie nächstes Jahr oder in zwei Jahren darum bäte? Pause. Camilla ist plötzlich blutrot und verwirrt geworden, sie windet ihren feinen Körper hin und her und legt die Hände zusammen. Er umfaßt sie und fragt: Glauben Sie das später einmal? Wollen Sie? Ja, antwortet sie und sinkt an ihn hin. * Am Tage darauf begleitet er sie zur Landungsbrücke. Er küßt ihre kleinen Hände mit dem kindlichen, unschuldigen Ausdruck und ist voll Dankbarkeit und Freude. Victoria war nicht dabei. Warum hat dich niemand begleitet? Camilla erzählt mit Schrecken in den Augen, daß das Schloß in die furchtbarste Trauer versetzt worden sei. Heute früh war ein Telegramm gekommen, der Schloßherr war leichenblaß geworden, der alte Kammer- Herr und seine Frau hatten vor Schmerz aufgeschrien — Otto war gestern auf der Jagd erschossen worden. Johannes packte Camilla am Arm. Tot? Der Leutnant? Ja, sie sind mit seiner Leiche unterwegs. Cs ist fürchterlich. Sie gingen weiter, jedes in feine Gedanken vertieft; erst die Menschen auf der Landungsbrücke, das Schiff, die Kommandorufe weckten sie auf. Schüchtern reichte ihm Camilla die Hand, er küßte sie und sagte: Ja, ja, ich bin deiner nicht wert, Camilla, nein, in keiner Welfe. Ader ich will dir alles so schön machen, wie ich kann, wenn du mein werben willst. Ich will dein werben. Ich habe es die ganze Zeit gewollt, die ganze Zeit. Ich komme in einigen Tagen nach, sagte er. In einer Woche sehe ich dich wieder. Sie war an Bord. Er winkte ihr, winkte ihr, so lange er sie erblicken konnte. Als er sich umwandte, um heimzugehen, stand Victoria hinter ihm; auch sie hatte ihr Taschentuch in der Hand und winkte zu Camilla hinüber. Ich kam ein wenig zu spät, sagte sie. Er antwortete nicht. Was sollte er auch sagen? Die über ihren Verlust trösten, ihr gratulieren, ihr die Hand drücken? Ihre Stimme war so tonlos, und es war so viel Verstörtheit in ihrem Gesicht, ein großes Erlebnis war darüber hingegangen. Die Leute verließen die Brücke. Ihr Auge ist noch rot, sagte sie und fing gleichzeitig zu gehen an. Sie sah sich nach ihm um. Er stand da. Da drehte sie sich auf einmal um und trat zu ihm hin Otto ist tot, sagte sie hart, und ihre Augen brannten. Sie sagen kein Wort, Sie sind so überlegen. Er war hunderttausendmal besser als Sie, hören Sie. Sie brach in Schluchzen aus und begab sich mit großen, verzweifelten Schritten auf den Heimweg. Spät am Abend klopft es bei den Müllersleuten an: Johannes öffnet die Tur und sieht hinaus. Draußen steht Victoria und winkt ihm. Er folgt ihr. Die ergreift heftig feine Hand und zieht ihn mit sich auf den Weg; ihre Hand ist eiskalt. Setzen Sie sich lieber, sagt er. Setzen Sie sich und ruhen Sie ein wenig aus; sie sind so erschöpft. Sie setzen sich. Sie murmelt. Was müssen Sie von mir denken, daß ich Sie niemals in Frieden lassen kann! Die sind sehr unglücklich, antwortet er. Jetzt sollen Sie mir gehorchen und zur Ruhe kommen, Victoria. Kann ich Ihnen mit etwas helfen? Die sollen mir um Gottes mitten verzeihen, was ich heute gesagt habe! bat sie. Ja, ich bin sehr unglücklich, ich bin viele Jahre lang unglücklich gewesen. Ich sagte, er sei h und er tiause ndm al besser gewesen als Sie; bas ist nicht wahr, verzeihen Sie mir! Er ist tot, und er war mein Verlobter, das ist alles. Glauben Sie, daß es mit meinem Willen so weit gekommen ist? Johannes, sehen Sie bas hier? Es ist mein Verlobungsring, ich habe ihn vor langer Zeit bekommen, vor langer, langer Zeit; jetzt werfe ich ihn weg — werfe ihn weg! Und sie wirft den Ring in den Wald; sie hörten ihn beide niederfallen. Es war mein Vater, der es wollte. Mein Vater ist arm, er ist so arm wie ein Bettler, und Otto sollte einmal so viel Geld bekommen. Du mußt es tun, sagte mein Vater zu mir. Ich will nicht, antwortete ich. Denk an deine Eltem> sagte er, denk an das Schloß, an unfern alten Namen, an meine Ehre. Ja, dann will ich, antwortete ich, laß mir noch drei Jahre Zeit, aber ich will. Er dankte mir und wartete, Otto wartete, alle mitanber warteten; doch den Ring bekam ich sofort. So verging eine lange Zeit, und ich sah, daß nichts mir Helsen würbe. Warum sollten wir länger warten? Bring mir setzt meinen Mann, sagte ich zu meinem Vater. Gott segne dich, erwiderte er und dankte mir wieder für das, was ich tun wollte. Dann kam Otto. Ich empfing ihn nicht auf der Dampfschiffbrücke, ich stand an meinem Fenster und sah ihn vorfahren. Da lief ich ju meiner Mutter hinein und warf mich vor ihr auf die Knie. Was fehlt dir, mein Kind? fragt sie. Ich kann nicht, antworte ich, nein, ich kann ihn nicht nehmen, er ist gekommen, er steht unten; laßt lieber mein Leben versichern, dann werde ich in der Bucht ober beim Wasserfall umkommen, das ist besser für mich. Mama wird leichenblaß und weint über mich. (Fortsetzung folgt.) Advent. Don Lina Staab. Will uns kein Tag mehr grauen? Wachsen die Nächte wie Wald? Sterne im Dunkelblauen blitzen so fern und kalt. Alle die nahen Bäume stehen so fremd und vermummt, klingende Wälderräume starren so tot und verstummt. Aber hinter dem Schweigen — wir hören es, ich und du — pocht's wie ein Herzschlag so eigen, tastet ein Schritt auf uns zu. Mitten im weihen Winter Stimmen und Glanz überm Feld: Suchen viel tausend Kinder von weither den Weg in die Welt. Flimmert allen ein Scheinen um das helle Gesicht, geht, wie einst mit dem Einen, mit jedem ein tröstliches Licht. Wir wollen die Hände biegen zum offenen, schimmernden Schrein, wir wollen warme Wiegen und kühlendes Linnen sein. Lübecker Scheimengeschichte. Von Hans Friedrich Blunck. Daß nahe den großen Städten die Hollentöchter und Swanewitten gern ihr Wesen treiben, ist ja bekannt, und wie die Hamburger und Bremer damit fertig geworden sind, habe ich zu anderer Zeit erzählt. Wo bei Lübeck der Fruhollenberg liegt, habe ich noch als Jungkerl gewußt, kann mich aber heute nicht mehr daraus besinnen. Dagegen habe ich erfahren, wie einstmals einer der würdigen Bürgermeister der alten Stadt hineingeraten und, Gott sei Dank, durch seinen Stolz und durch seine Ehrbarkeit ohne Schaden davongekommen ist. Einmal nämlich hat der Verlocker wieder rund um Lübeck sein Wesen getrieben, ohne daß die Bürger ihn anhalten konnten. Diesen und jenen hat er genarrt, und als er den Bürgermeister Buscherump in der Sonntagsfrühe lustwandeln und an der Trave seine Angel auswerfen sah, hat er sich den Armen aufs Korn genommen und hat,dem eifrigen Herrn gleich als ersten Fang einen alten Feuereimer an den Angelhaken gehängt. Danach, als der Herr Bürgermeister scheltend die Rute wieder auswarf, hat er’s noch ärger gehalten und ihm einen Pudel — das find ja seine Lieblinge — an die Leine gezaubert. Der hohe Herr hat mit Mühe das schöne Tier retten können. Endlich hat er sich einen Hauptspaß machen wollen und hat sich selbst in einen Riesenfisch verwandelt. Und er hat getan, als wenn er den Angelhaken verschluckt hätte, und einen so fürchterlichen Tanz in der Trave vollführt, daß die tapferen Lübecker fchon mit Booten und Peekhaken ihrem Bürgermeister zu Hilse kommen wollten. Jan Buscherump, so hieß der Starke, hat lange mit dem wilden Fisch gefochten, und es hat ihm mehr Schweiß gekostet, als seine großen Siege zu Lande und zu Wasser. Bis zum Abend hat er sich gemüht. Dann hat der Fifch gerade bei Sonnenuntergang noch einmal hart gerückt und hat den tapferen Buscherump, weil er von seiner Angelleine nicht lassen wollte, huihupp, vom hohen Ufer heruntergerissen. Gerade auf dem Rücken des Wals — oder was das für ein Tier sein mochte — ist der edle Herr gelandet, vor allem Volk ist der Fisch mit seiner hohen Beute davongezogen. Und die schlechten Bürger haben gelacht, und die guten sind in große Sorgen geraten, denn Buscherump war einer der besten Bürgermeister, die die Stadt feit langem gehabt hatte. Und wenn er zuweilen als hoffärtig galt, so hat ihn, wie wir noch sehen werden, sein Stolz am Ende doch auch aus aller Rot gerettet, in die ihn der Verlocker gebracht hatte. Was glaubt ihr nämlich, was der Fisch mit dem Herrn Bürgermeister vor hatte? Geradeswegs in den Fruhollenberg ist er mit ihm gefahren, hat dreimal mit der Schwanzflosse an das Wassertor gepocht und dann in hohem Bogen den Gast durch eine lichte Psorte ins Berginnere geschwungen. Nun war die Königin im Fruhollenberg in jener Nacht gerade zu ihrer Mutter gefahren. Der Locker, der jetzt wie ein fremder Kaufherr aussah, machte sich deshalb ein Vergnügen daraus, den Gast selbst zu führen und ihm das schlimme Reich und die Versucherinnen zu zeigen, die darin wohnen. Jan Buscherump hat die schönen Zauberinnen auch angesehen. Aber er hat nur gelächelt und nach der Herrenstube verlangt. Dort hat er sich, ohne sich weiter um die Fräulein zu kümmern, einen alten eichenen Tisch ausgesucht, hat sich in den besten Stuhl gesetzt und getan, als müßten sich, wo er hinkäme, alle Leute nach ihm richten. Hat also auf den Tisch geklopft und roten Asmannshaus^ bestellt. Dann Hai er die Pfeife aus der Weste gezogen, hat nach Tabak gelangt und befohlen, der Schreiber solle kommen, er habe auf den Abend noch wichtige Regierungsgeschäfte. Der Böse wunderte sich über den Befehl, aber weil er wissen wollte, wie weit der Gast es weiter treibe, und weil er vielleicht auch fürchtete, daß der Bürgermeister eine heimliche Macht hätte, die er nicht kannte, hat er sich verbeugt und auf den Weg gemacht. Als die schönen Gespielinnen im Berg nun sahen, daß ihr hoher Herr selbst sich um den Gast kümmerte, wollten auch sie ihm die Zeit vertreiben. Und weil er keine Augen für sie hatte, machten sie die Wände durchsichtig, wandelten die Kammer in einen herrlichen Wagen und führten Jan Buscherump schwebend über ihr Reich dahin. Das ist ja leider größer, als man gemeinhin glaubt, und wenn es auch statt des lichten Himmels eine dunkle Decke hat, so gibt es doch köstliche Gewässer und Inseln da unten; tausend bunte Bäume wachsen an den Ufern. Das Thronhaus der Hollentochter aber ist bis oben von Rosengrün umschlungen, und von den Lilienbeeten zieht ein Duft bis zu den Vögeln und bis zu dem erstaunten Reisenden auf seinem gläsernen Stuhl. „Nun", fragten die Gesellinnen ins Fenster, „wie gefällt dem Herrn unser Reich?" „Na, so", antwortete Jan Buscherump mürrisch und gab kein Wort dazu. Er hatte Lübeck lieber und wartete noch auf seinen Schreiber. Da wurden die Fräulein besorgt, daß der hohe Herr keine Freude an ihrem Land hätte, und obschon sie sich sonst nicht selbst um die Gäste kümmern — d'ie Jungfern sind ja so schön, daß die Augen der Schwachen blind werden und auch die Herzstarken neben ihnen niemanden ansehen —, nahmen sie des Bürgermeisters Wagen und führten ihn weiter aus den schwebenden Wolken in die Tiefen der Gewässer. Das war nun wie ein anderes großes Wunder. Auf dem Grund der Teiche nämlich wächst alles noch einmal, was sich im Wasser spiegelt. Schöner und goldener als alle Wirklichkeit scheint es und ist erbaut aus den Bildern von Türmen und Wällen und Toren, die ihren Abglanz im Wasser gefunden haben. Und es herrscht ein Leben und Treiben, man kann den hellen Tag darüber vergessen. Ob er mit ihren Reichen zufrieden sei, fragten die Versucherinnen. „Na, so", sagte der Bürgermeister wieder und schmauchte, aber Lübeck war ihm lieber. Gerade da kam der Böse aus der Stadt zurück; er hatte einige Umstände mit dem ängstlichen Stadtschreiber gehabt, brachte den sich Sträubenden aber jetzt glücklich ein. Fragte auch gleich grinsend mit einem falschen Bückling, wie es dem hohen Gast in der Tiefe gefallen habe. „Na, soso", antwortete der und zog die Stirn in Falten. Und alle Bedienten erbleichten über seinen Hochmut, und der Verlocker wurde verwirrt. Denn als er nun wirklich den Schreiber von Lübeck vor sich sah, befahl der Bürgermeister dem von oben her, vor allem andern der Sicherheit wie auch der Ordnung halber ein Verzeichnis der neuen Länder aufzuschreiben, die unter der Stadt gefunden, und, ohne Frage, ihr vorenthalten und verborgen seien. Und er wisse jetzt, sagte er zornig zum Locker, warum das Stadtgebiet so klein sei. und werde die Gelegenheit wahrnehmen und den neuen Besitz halten und mehren. Dann verlangte er, als sei alles andere nebensächlich, einen weiten Sitzungsaal für den hohen Rat der Stadt. Nun hatte der Locker im Fruhollenberg ja vielerlei Dinge vorbedacht, aber auf solchen Wunsch war er noch nicht verfallen. Er tat indes, als sei alles schon in Auftrag gegeben, und bat den Gast, bis zur Fertigstellung mit dem Ehrenplatz seines Reichs fürlieb zu nehmen, wie es Ihm gebühre. Damit geleitete er Buscherump zu einem herrlichen Sessel, von dem aus der große Saal des Hollenschlosses und durch viele Spiegel hindurch das halbe Untererdland zu überschauen war. Und er hieß den hohen Gast auf dem mit weifen Sprüchen bestickten Kissen der Königin Platz suchen. So, meinte er, werde der wohl endlich zufrieden fein und zum Schaden feiner armen Seele ein lobendes Wort finden. Gerade in dem Augenblick aber ist jene Hollentochter, die das Reich bei Lübeck führte, zum Tor hineingekommen und hat prüfen wollen, was ihre Töchter und Gesellinnen inzwischen begonnen hätten. Als die nun Jan Buscherump steif und still auf dem Königsstuhl sitzen sah. der nur ihr vorbehalten war, ergriff sie eine Eifersucht ohne Maßen. Sie fragte nicht den vorwitzigen Locker, sie fragte nicht nach dem Namen des Fremden, sie zog blitzschnell ein Hollenkreuz durch die Luft, vsiff, bis sich in der hohen Decke ein Loch öffnete, und blies den armen Bürgermeister wie auch Teufel und Schreiber ffeilauf zum Hollenberg hinaus. Hoch durch die Luft find die drei geflogen. Hätte das Dach der Domkirche den Sturz nicht aufgehalten, wer weiß, was die Herren sich noch gebrochen hätten. So sind sie zwar gleitend und rutschend, aber mit heilen Gliedern über Dach und Stützpfeiler zu Boden gekommen. Und der Bürgermeister Buscherunsp ist, während die Lübecker ihn noch bis ans Meer suchten, plötzlich mitten in der Stadt wieder erschienen. Und er hat in einer heimlichen Sitzung von einem Land erzählt, das dicht unter der Stadt läge, und hat verlangt, daß man nachgrabe und suche. Aber als alle weisen Herren die Köpfe schüttelten, hat er selbst vermeint, das Abenteuer mit dem Fisch habe ihm wohl seine Einnerung getrübt. Ich hab's mir trotzdem aufgezeichnet, weil man nie weiß, was richtig ist, und vielleicht ein anderer aus des Bürgermeisters Weisheit fernen kann. Wie dem VSrlocker der Sturz auf das Kirchendach bekommen ist, kann ich nicht berichten. Einige sagen ja, daß er viel Schwefel gelassen habe, als er das Kirchendach niederglitt, andere sagen, daß er gleich abgeiprungen und sich damals das Hinken tn Lübeck geholt habe. Aber roe*: weiß, ob es bei dieser oder anderer Gelegenheit war. Schlafendes Land, ruhe du aui... Von Paul Anton Keller. Schüttet der Herbstwind sein Gold an den Feldrain, Traurig klagen die Vögel, die Tage sind fahl. Schweigend schreitet der Mann aus dem Norden herein, Firnt alle Berge und wandert allmählich zutal. Ist dies die Zeit, alte Kränze zu hüten? Den Garten zu schließen? Es tarn’ wer daher Und bannte den Obstbaum und nähm' späte Blüten, — Sehet, die Sonne schirmt ihre Kinder nicht mehr ... Schlafendes Land, also ruhe du gut. Nimmer furchen dich Pflüge, die Eggen stehen beim Haus. Glimmt eines Hirtseuers ärmliche Glut, Nebel und Nordwinde löschen es aus. Daß meine Treue dein Schlafen erfülle Neig’ ich mich, Erde, vor Baum und Getier. Bebt die geheiligte Flut durch die Hülle Von Frucht und Verderb in die Tiefe zu dir, —: So schließt sich der Kreis. Aber oben Erzittert mein Leib, und er handelt und spricht. All seine Worte, aus Urktaft gehoben, Ketten sich innig und werden vor dir zum Gedicht . Das Pferd der Turandot. Von Hans Franke. Ich saß mit dem Meister in seinem Atelier. Rings um uns standen die Schalen und Vasen, die seine Hand mit wunderbar ausspriehenden Blumen und dem Gitterwerk der Ranken von Zweigen und Blättern bemalte: jene phantastisch seltsame Welt war es, die wir alle liebten so wie in Gold und leuchtenden Farben auf dem blendenden Weitz des Porzellanes erstand. Schon immer war mir unter den kleinen Bildwerken, die abseits in einer Vitrine standen, unter den vielerlei Tieren, Tänzerinnen, Reitern und schreitenden Mädchen ein Pferd ausgefallen, das wie aus einem Märchen gekommen schien. Es war ein gezäumtes und gesatteltes Pferd; bunt war dieser Sattel, lang und breit hing das Zaumzeug hernieder, man mochte denken, daß soeben ein hoher Satrap oder gar eine Prinzessin aus diesem Sattel sich hatte niedergleiten lassen, das Rotz aber trabe nun mit hoch erhobenem Kopfe in seine Stallungen zurück, ins Märchenland, aus dem es gekommen war. „Sie betrachten das Märchenpserd", sagte da der Meister hinter mir, „ja, es hat feine Geschichte, das Pferd der Turandot ... und schon erzählte er mir: „Kurz nachdem ich hierher berufen worden war, es mag nun zehn Jahre her sein, besuchte ich eine der vielen Veranstaltungen, die um Weihnacht und Fasching herum in dieser Gegend besonders eindringlich und mit viel Laune, volkstümlichem Einschlag und wilder, derber Sinnsn- lust gefeiert werden. Ich war damals noch unbekannt hier, auch unter den Leuten meines großen Betriebes, und konnte deshalb gewissermaßen inkognito den lauten Trubel dieser Feste durchmessen, die sich mit Larven und Masken, Musik und Tanz, fröhlicher Ungebundenheit und schwelender Sinnenfreude aneinander reihten. Auf einem solchen Feste nun näherte sich mir ein zartes Geschöpf, das in der Maske einer Märchenprinzessin einherging; da es in diesen Gegenden üblich ist, daß auch die Frauen und Mädchen sich ihre Partner selbst holen oder sie zum Danze auffordern, war ich mit einem Male am Arme dieses schlanken leichten Wesens, das wundersam schwebend tanzte, hell unter seiner Larve hervor lachte, und dem ich allerlei törichte Dinge ins Ohr flüsterte. Obwohl es ja im Grunde gar nicht zu passen schien, taufte ich es „Turandot". Ich bin mit diesem Wesen noch ein paarmal auf diesen Festen zusammengewesen und immer tiefer spürte ich ein Unbehagen, wenn es nicht zu finden war, mir schienen manche der Damen meiner Gesellschaftsschicht fade und reizlos, wenn ich an die heitere Grazie dieses Geschöpfes dachte. Niemals wollte Turandot ihre Maske lüften, nie eine feste Verabredung eingehen. Ich wurde plötzlich verabschiedet, einmal verschwand sie mitten im Gespräch um eine Hausecke. Dann kam die Zeit ernster Arbeit und nun ärgerte ich mich doch ein wenig, daß es mir nicht gelungen war, diese Flocke Leben zu halten oder gar an mich zu fesseln. Sie können sich denken, daß ich eifrig nach dem Mädchen des kleinen Ortes spähte, auch in dem großen Betrieb unauffällig spähend umherging, ob mir nicht ein Lachen, ein Wort oder ein rascher Gang verrieten, was ich so gerne wirklich vor mir gesehen hätte. Ich hielt mich nun öfter bei den Mädchen auf, die als Garniererinnen oder an den Glasurbottichen bei uns tätig sind, ich schützte eine kontrollierende Arbeit bei den Malerinnen vor, ja, ich lustwandelte selbst in den Packereien und hielt meine Augen offen: von Turandot konnte ich keine Spur finden. Eines Tages nun wurde mir ein umständlich verschnürtes Paket ins Haus gesandt, dem ich ein kindlich angelegtes Tonmodell entnahm, das ein Pferd darstellte und dazu eine um viele Grade sicherere Zeichnung, die das Urbild jener kleinen Plastik geworden ist. Es war „das Pferd der Turandot" — fo stand jedenfalls mit sehr ungelenken Schriftzügen unter der Zeichnung, die märchenhaft fein, traumhaft hinfchwebend, in Hellen Farben aus einer kindhaft glücklichen Phantasie heraus gemalt war, ein Wunder einer ursprünglichen Begabung! Obwohl alle Kennzeichen peinlich entfernt waren, schien mir jetzt doch kein Zweifel mehr möglich, daß die Gesuchte unter den Mädchen meiner arbeitenden Umgebung zu finden sein müsse. Um so eifriger spähte ich also aus, und mir wurde langsam zur Gewißheit, daß es sich nur um ein kleines liebliches Geschöpf handeln könne, einer der Malerinnen, die über ihre Farben und Abziehbilder gebeugt Tag um Tag die Geschirre mit Blumen und Mustern versehen. Ich sah jedenfalls die Betreffende ost rasch den Kopf nach mir heben und bemerkte, daß ihr Gesicht freudig erglühte, als sie mein Auge auf sich ruhen fühlte. Nun war der Name „Turandot" zwischen uns das einzige, was eine Brücke bilden konnte. Wir hatten das Märchen ein wenig ins Liebliche umgedichtet. Es war auch von einem Pferde die Rede gewesen, auf dem sie wohl soeben in den Saal geritten wäre. Ich wußte es also einzurichten, daß ich mich in der Nähe ihres Arbeitstisches aufhielt und ihr dabei rasch einen vorbereitenden Zettel zuschob, auf den ich das Wort „Turandot" geschrieben hatte. An dem plötzlichen Zusammenzucken und der Hast, mit der sie den Zettel verschwinden ließ, erkannte ich nun, daß ich die Richtige gefunden hatte. An dem Strom, der von Beginn an von diesem Wesen ausgegangen war, an der Art ihrer Zeichnung wußte ich, daß ich alles vermeiden mußte, um plump oder brutal dies schwebende Herz zu überfallen. Ich war aber entschlossen, das Mädchen aus der drückenden Fron ihrer Arbeit herauszunehmen und vielleicht den künstlerischen Ateliers zuzuleiten. Der Zufall oder das Schicksal wollten es nun, daß ich schon in den nächsten Tagen, ehe ich einen festen Entschluß gefaßt hatte, auf eine internationale Ausstellung nach Paris gesandt wurde. Ich erlebte dabei jenes Eifenbahnunglück, das, wie Sie wissen, mich nur durch ein Wunder am Leben ließ und wobei auch mein Name zunächst unter den Toten dieses schwarzen Tages in Lothringen auftauchte. Bis ich von meiner schweren Verletzung erholt, einen Urlaub beendet hatte und wieder in den Betrieb kam, mochte gut ein Vierteljahr vergangen fein. Ich kehrte heim, fest entschlossen, das Mädchen, dem sich meine Gefühle aus der Ferne immer stärker zuwandten, unter einem Vorwande zu mir zu bitten und hier mit einem offenen und guten Worte fein Herz zu gewinnen oder doch feine Zukunft zu ändern. Wie erschrak ich, als ich den Arbeitsplatz leer fand. Meine Frage nach dem Mädchen begegnete einem heftigen Erstaunen, einige der Kolleginnen brachten ihre Taschentücher an die Augen, und ich erfuhr, daß die Betreffende, die ich hier Emilie nennen möchte, von einem grausamen Schicksal heimgesucht worden war, und daß ich selbst unwissend an diesem Schicksale teilhatte. Emilie nämlich, die als siebentes Kind ärmlich lebender Porzellanarbeiter ausgewachsen war, keinen Vater mehr, wohl aber eine kranke Mutter hatte, war ihr Leben lang ein stilles und nachdenkliches Geschöpf gewesen, das viel in Büchern las und in linkischen, kindlichen Versuchen kleine phantastische Zeichnungen fertigt^ Tue sich nach ihrem Tode auch noch gefunden Haden. Zum ersten Male in diesem Jahre hatte sie an den Aufzügen und Festen, dem Trubel des Faschings und Mummenschanzes teilgenommen, in langer Arbeit hatte sie sich ihr Märchenkostüm selbst ersonnen und ihre etwas derberen und vielen Liebschaften wohl zugänglichen Schwestern hatten sie wohl ausgelacht über so großer Erwartung doch ganz alltäglicher Dinge. Diese Schwestern erzählten auch später, "daß Emilie von den wenigen Abenden, die sie im Strom des Mummenschanzes verlebt hatte, beseligt heimgekommen sei und dann mit seltsamen Vorbereitungen dazu begonnen habe, ein märchenhaftes Pferd zu bilden, das sie auf vielen Zeichnungen, deren keine ihr genügte, dar- gestellt hatte. Emilie fei in dieser Zeit sehr glücklich gewesen, sie sei ausgeblüht und ihnen sei sie oft wie eine kleine Heilige erschienen. Um jene Zeit nun kam die übereilte Nachricht von meinem Tode bei dem Eisenbahnunglück in Frankreich. Man sagte mir, daß sich das Gerücht wie ein Lauffeuer durch die Fabrik verbreitet habe, aber niemand ahnte natürlich in welchem Zusammenhänge der schreckliche Schrei stand, den Emilie mit einem Male ausstieß, um daraufhin in eine tiefe Ohnmacht zu fallen. Jene Emilie, die aus dieser Ohnmacht erwachte, war ein anderes völlig verändertes, verwirrtes Wesen. Die Schwestern erzählten, daß eine gräßliche Ruhelosigkeit über die kleine Zarte gekommen sei, von einem Tage zum andern habe sie ihr Wesen geändert, es habe sie auf die Straßen getrieben, wobei sie die Männer mit konfusen Anträgen verfolgte; es waren unzusammenhängende verwirrte Worte, die sie sprach, und es war furchtbar anzusehen, wie sie mit flatternden Haaren ohne Hut und Mantel durch die Straßen zog, von einem entsetzlichen wilden Dämon getrieben. Als sie sich bann eines Tages aus der Stadt entfernte und in einer weitabliegenden Großstadt völlig mittellos aufgegriffen werden mußte, mischten sich die Behörden ein, man untersuchte sie und führte sie einer Heilanstalt zu. So habe ich Turandot nie mehr wiedergesehen. Immer mehr versank ihr zarter Geist in eine tödliche Nacht. Das Licht, das ihr kleines Leben einmal erleuchtete, war zu stark gewesen: es hatte sie geblendet. Nichts hatte ich von ihr, der ich schuldlos ihre Seele erschüttern mußte, als die Zeichnung und das kleine Modell. Ich selbst habe daraus dieses Pfesd geformt, nur in diesem einen Stücke existiert es. Es ist anzusehen wie ein Wunder, ich weih es, denn es kgmmt tatsächlich aus dem Raume des Märchens, aus dem Geiste eines kindhaften, scheuen Menschen, der den Zusammenprall mit dem Geben nicht ertrug. Nun ist Turandot schon einige Jahre tot, aber ich weiß, daß sie durch meine Träume reitet auf ihrem hellen märchenhaften Zelter: dem Pferde der Turandot ... verantwortlich: Dr. Hans Thhriot. — Druck und Verlag: Drühl'jche Llniverfitäts-Buch» und Steindruckerei, R. Lange, (Sieben.