Nummer 57 Montag, -en 27. Juli Jahrgang 1956 er Dicht bei der Tür begegneten sie einem jungen Mann, der offenbar dem geistlichen Stande angehörte; er war dunkelhaarig und ausfallend feinen Augen lag ein gemischter Ausdruck von Schwäche und cheit, und seine Berusskleider, die er trug, waren sehr sauber ' »genehm; aber machte "eine möglichst gute Miene "dazu und sagte lächelnd und zuvor- nmend zu dem Geistlichen: „ , hübsch; in s Entschlossenheit, und seine Berusskleider, gehalten. Dem Gärtner war diese Begegnung offenbar unan; Oer Diamant Ües Raöschah . von Robert Louis Stevenson Copyright by Verlag Albert Langen / Georg Müller, München 2. Fortsetzung. zu entrinnen. „So" sagte der Gärtner, nachdem er die Juwelen in zwei ungefähr gleiche .Haufen geteilt und den einen Haufen näher zu sich herangezogen hatte , fo1 Alles auf der Welt muh bezahlt werden, und manches recht teuer. Nun muffen Sie wissen, flerr hartley — wenn das Ar Name ist — ich bin ein sehr gutmütiger Mensch; meine Gutmütigkeit hat mich in meinem Leben fortwährend zu Fall gebracht. Ich konnte ,a, wenn ich wollte, diese ganzen hübschen Steinchen einsacken — aber ich muh mich ja wohl in Sie vernarrt haben; denn ich erkläre Ihnen, ich kann es nicht übers Herz bringen, so hart mit Ihnen umzugehew So mache ich also — verstehen Sie, rein aus freundschaftlichem Gefühl "den Vorschlag, dah wir beide teilen; und wie ich es hier gemacht habe damit zeigte er auf die beiden Haufen, „scheint es mir eine gerechte und f - schaftliche Teilung zu fein. Darf ich Sie fragen, Herr hartley, ob eie zündet wurde, em anderes ecgmuajtua uun ueiu weg und legte es zu den [einigen. . s Als Harry damit fertig war, gingen Sie beide nach der haustur, die Raeburn vorsichtig öffnete, um auf die Straße hmauszusehen. Diese war offenbar frei von Paffanten; denn plötzlich packte er Harry hinten am Kragen und drückte ihm das Gesicht abwärts, so daß er nichts weiter sehen konnte als den Fahrdamm und die Türstufen der Häuser. Dann stieß er ihn gewaltsam vor sich her, eine Straße hinunter und eine andere hinauf. Es dauerte vielleicht anderthalb Minuten. Harry hatte drei Straßenecken gezählt, als der brutale Kerl ihn losließ und mit den Worten: „Nun pack dich!" dem Jüngling noch einen Stoß gab rote etwas dagegen einzuwenden haben? Ich bin nicht der Mann, dem es auf eine Busennadel ober so ankommt." „Aber, mein bester Herr!" rief Harry; „was Sie mir da vorschreiben ist unmöglich! Die Juwelen gehören nicht mir, und ich kann etwas, das einem anderen Menschen gehört, nicht teilen; also ist es ganz gleichgültig mit wem oder in welchem Verhältnis!" Die Juwelen gehören nicht Ihnen? nein? und Sie können sie mit keinem Menschen teilen? nein? Na, da muß ich sagen: das ist schade Denn dann bin ich genötigt, Sie auf die Polizeiwache zu bringen. Auf die Polizei — bedenken Sie das! Denken Sie an die Schande für Ihre ehrenwerten Verwandten; denken Sie", und er packte Harrys Handgelenk, „denken Sie an die Deportation nach den Kolonien und an den Tag des Jüngsten Gerichts!" „Ich kann es nicht ändern!" jammerte Harry. „Es ist nicht meine Schuld! Sie wollen nicht mit mir nach dem Eaton-Platz gehen? „Nein, das will ich nicht, soviel ist sicher. Aber ich will diese Kinkerlitzchen hier mit Ihnen teilen!" ‘ Mit diesen Worten preßte er plötzlich dem jungen Menschen das Handgelenk zusammen, daß diesem unwillkürlich ein Schrei entfuhr. Dichter Schweiß trat ihm auf die Stirn, vielleicht machten Schmerz und Angst, daß seine Gedanken schneller arbeiteten; jedenfalls sah er in diesem Augenblick die ganze Geschichte in einem vollkommen anderen Licht. Er sah, daß ihm weiter nichts übrigblieb, als auf den Vorschlag des Schurken einzugehen und zu hoffen, daß er das Haus wieder auffmden würde. Dann konnte er unter günstigeren Umständen, und wenn er selber frei von jedem Verdacht war, den Mann zwingen, feinen Raub wieder herauszugeben. „Ich bin einverstanden", sagte er demgemäß. „Ein frommes Lämmchen!" sagte der Gärtner zu ihm. „Aber ich dachte mir, daß Sie Ihren Vorteil schließlich doch einsehen wurden. Diese Pappschachtel werde ich mit meinem Müll verbrennen; so em Ding könnten neugierige Leute vielleicht wiedererkennen. Und Ihnen gebe ich den Rat: kratzen Sie Ihre Kinkerlitzchen zusammen und stecken Sie sie in die Tasche!" . , . . , „ Harry gehorchte ihm; Raeburn sah ihm babei zu und nahm alle Augenblicke, wenn seine Gier burch das Funkeln eines Steines neu entzündet wurde, ein anderes Schmuckstück von dem Haufen des Sekretärs kommend zu dem Geistlichen: „heute ist mal ein schöner Tag, Herr Rolles — em schöner Nachmittag, wahrhaftigen Gott! Dies hier ist ein junger Freund von mir, er hatte Luft, sich mal meine Rosen anzusehen. Darum nahm ich mir tue Freiheit, ihn hereinzulassen; denn ich dachte, keiner von den Mietern würde etwas dagegen haben." „Soweit ich in Betracht komme", antwortete der Ehrwürdige Herr Rolles, „ist dies ganz gewiß nicht der Fall, und ich kann mir auch nicht denken, daß einer von uns etwas gegen eine solche Kleinigkeit einzuwenden hat. Der Garten ist ja Ihr Eigentum, Herr Raeburn, das dürfen wir doch nie vergessen; und weil Sie uns erlauben, im Garten spazierenzugehen, wäre es geradezu unhöflich, wenn wir etwas dagegen einwenden wollten, daß Sie Ihre Freunde einlassen. Aber ich glaube, dieser Herr und ich haben uns früher schon einmal gekannt, fierr hartley, glaube ich? Ich sehe mit Bedauern, daß Sie gestürzt sind.' Und er streckte ihm die Hand entgegen. Eine Art von mädchenhafter Schüchternheit und ein Wunsch, Die notwendige Erklärung solange wie möglich hinauszuschieben, veranlaßten Harry, diese Aussicht auf Hilfe zurückzuweifen, sondern im Gegenteil sich 3u verleugnen. Er wollte lieber von der Gnade des Gärtners abhängig [ein, der ihn doch wenigstens nicht kannte, als von der Neugier und vielleicht dem Mißtrauen eines Bekannten. Darum sagte er: „Ich fürchte, hier liegt ein Irrtum vor. Ich heiße Thomlinson und bin ein Freund von Herrn Raeburn." „So?" sagte Rolles. „Die Aehnlichkeit ist verblüffend. Raeburn, der inzwischen sozusagen auf glühenden Kohlen gelegen hatte fühlte jetzt, daß es hohe Zeit war, diesem Gespräch em Ende zu machen, und sagte: „Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Spaziergang, Herr Rolles." t Mit diesen Worten yahm er Harry an dem Arm und zog ihn mit sich in das Haus hinein, wo sie in eine Kammer gingen, die auf den Garten hinaussah. hier ließ er vor allen Dingen den Fenstervorhang herunter - denn Herr Rolles ftanb immer noch mit einem ganz verblüfften, nachdenklichen Gesicht an der Stelle, wo sie ihn verlassen hatten. hierauf stülpte er die zerdrückte Schachtel auf den Tisch um und stand nun mit gierigen Blicken vor dem Schatz, der in ferner vollen Pracht dalag, und rieb feine Hände an feinen Schenkeln hm und her. Als Harry diese niedrigen Triebe auf dem Gesicht des Mannes sich abmalen sah, fühlte er einen neuen Schmerz zu den vielen, die ihn bereits peinigten. Cs erschien ihm unglaublich, daß er, der einen so reinen Lebenswandel geführt und jede Berührung mit unangenehmen Dingen gescheut hatte, sich im Handumdrehen in schmutzige und verbrecherische Beziehungen verwickelt sah. Er konnte feinem Gewissen keine sündige Handlung vorwerfen, und trotzdem verspürte er jetzt die Strafe der Sünde in ihrer schärfsten und grausamsten Form: Angst vor Bestrafung, Mißtrauen der Guten, Kameradschaft und Berührung mit gemeinen unb brutalen Menschen. Er fühlte, bah er gerne fein Leben hmgegeben hatte, um aus diesem Zimmer und aus der Gesellschaft des Herrn Raeburn ein wohlgeübter Boxer. , Harry schlug einen Purzelbaum; als er sich wieder aufraffte, halb gebeugt unb mit ftartblutenber Nase, war Raeburn vollständig ver- schwunden. Zum erstenmal überwältigten Wut und Schmerz den jungen Menschen so vollständig, baß er in einen Tränenftrom ausbrach unb schluchzend mitten auf bet Straße stehenblieb. Nachbem er auf diese Weise feiner Aufregung etwas Luft gemacht hatte begann er sich umzufehen unb vor allen Dingen die Namen der Straßen zu lesen, an deren Kreuzung der Gärtner ihm den letzten Stoß geaeben hatte. Er befand sich in einem verkehrsstillen Teil von West- london, mitten unter Villen und großen Gärten; aber an einem Fenster konnte er einige Menschen bemerken, die offenbar fein Mißgeschick beobachtet hatten, und fast augenblicklich kam ein Dienstmädchen aus dem fwufe herausgelaufen unb bot ihm ein Glas Wasser an. Gleichzeitig kam von der anberen Seite her ein schmutziger Strolch, ber sich irgenbroo in ber Nachbarschaft herumgetrieben hatte. Sie armer Mensch!", rief bas Dienstmabchen; „rote roh man Sie be- banbett hat! Oh, Ihre Knie bluten ja, unb Ihre Kleider sind ganz zer- ietft! Kennen Sie den Menschen, der Sie so gemein mißhandelt hat? Das tu ich!" rief Harry, ber sich burch bas Wasser etwas erfrischt fühlte • unb ich werde ihn, allen seinen Vorsichtsmaßregeln zum Trotz, ausfindig machen. Für diesen Tag soll er mir teuer zahlen, darauf können Sie sich verlassen!" „ Sie sollten lieber ins Haus kommen und sich waschen und abburjten , fuhr bas Mäbchen fort, „haben Sie keine Angst, meine Gnäbige wird nichts bagegen haben. Und sehen Sie, ich will Ihnen Ihren Hut holen. Ja, barmherzige Güte!" schrie sie plötzlich aus; „Sie haben ja Diamanten über bie ganze Straße verstreut!" , . , ,, „ So war es; die gute Hälfte von bem, was ihm nach den letzten Zugriffen des Herrn Raeburn noch geblieben war, war ihm bei dem Purzelbaum aus den Taschen geflogen und lag wieder glitzernd auf der Eide. Siebener tfamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Siebener Anzeiger Er segnete sein GMck, baß bas Mädchen es so schnell gesehen hatte, unb dachte: Es ist doch wirklich nicht so schlimm, daß es nicht noch schlimmer sein könnre. Unb die Wiedererlangung dieser paar Diamanten schien ihm beinahe ebenso bedeutungsvoll zu sein, wie der Verlust des ganzen Restes. Aber, o weh! als er sich bückte, um seine Schätze aufzulesen, sprang der Strolch blitzschnell herzu, warf mit einer Bewegung seiner Arme Harry und das Dienstmädchen zugleich über den Haufen, raffte eine doppelte Handvoll von den Diamanten zusammen und lief mit ungeheurer Geschwindigkeit die Straße entlang. Sobald Harry wieder aus seinen Füßen stand, lief er mit großem Geschrei hinter dem Spitzbuben her, aber dieser war zu leichtfüßig und wahrscheinlich auch zu gut mit der Oertlichkeit vertraut; denn schon an der nächsten Straßenecke konnte der Verfolger keine Spur mehr von dem Flüchtling sehen. In tiefer Niedergeschlagenheit kehrte Harry an die Stelle seines Mißgeschicks zurück, wo das Dienstmädchen, das immer noch gewartet hatte, ihm sehr ehrlich seinen Hut und die übriggebliebenen Diamanten wieder- gab. Harry dankte ihr von Herzen, und ba ihm jetzt nicht mehr nach Sparsamkeit zumute war, ging er nach dem nächsten Droschkenstand unb fuhr in einem Hansom nach bem Eaton-Platz. Als er dort eintraf, schien das Haus in einer Verwirrung zu fein, wie wenn eine Katastrophe die Familie betroffen hätte. Die Dienstboten drängten sich in der Halle zusammen und konnten, oder wollten auch vielleicht, ihre Heiterkeit nicht unterdrücken, als sie den Sekretär als Ritter von der traurigen Gestalt erblickten. Er ging so würdevoll, wie es ihm nur möglich war, an ihnen vorüber und begab sich stracks in das Boudoir. Als er die Tür öffnete, bot ein erstaunlicher und sogar bedrohlicher Anblick sich seinen Augen dar: er sah den General und dessen Frau und unbegreiflicherweife auch Charlie Pendragon beieinander sitzen und mit Würde und Ernst ein offenbar wichtiges Thema besprechen. Harry begriff sofort, daß ihm wohl' nichts anderes übrigblieb, als alles zu gestehen — denn offenbar war dem General bereits eine vollständige Beichte über den beabsichtigten Angriff auf seine Tasche abgelegt worden, sowie über das unglückliche Mißlingen des Planes, und sie hatten jetzt alle einer gemeinsamen Gefahr gegenüber gemeinsame Sache gemacht. „Dem Himmel fei Dank!" rief Lady Pandeleur, „da ist er! Die Schachtel, Harry — die Schachtel!" Aber Harry stand schweigend und niedergeschlagen vor ihnen. „Sprechen Sie doch!" rief sie. „Sprechen Sie, wo ist die Schachtel!" Und die beiden Herren wiederholten diese Frage mit drohenden Gebärden. Harry zog eine Handvoll Juwelen aus seiner Tasche. Er war sehr blaß und sagte: „Dies ist alles, was davon übrig ist. Ich erkläre bei Gott im Himmel, es geschah nicht durch meine Schuld; und wenn Sie etwas Geduld haben wollen, so kann ein Teil davon sicherlich wieder zur Stelle geschafft werden, obwohl allerdings einige, wie ich fürchte, verlorengegangen sind." „O weh! rief Lady Vandeleur, „alle unsere Diamanten sind fort, und ich schulde neunzigtaufend Pfund Sterling für Kleider!" „Madame", sagte der General, „Sie hätten meinetwegen Ihren Plunder in den Rinnstein werfen können; Sie hätten fünfzigmal soviel Schulden machen können; selbst daß Sie mir das Diadem und den Ring meiner Mutter gestohlen haben, hätte ich Ihnen schließlich noch verzeihen können. Aber Sie haben den Diamanten des Radschahs genommen — ,Auge des Lichtes', wie die Orientalen ihn poetisch genannt haben —> den ,Ruhm von Kaschgar'! Sie haben mir des Rad sch ah Diamanten genommen", rief er, feine Hände gen Himmel streckend, „und alles, Madame, ist zwischen uns aus!" „Glauben Sie mir, General Vandeleur", antwortete sie, „dies war eine der angenehmsten Reden, die ich jemals aus Ihrem Munde hörte; und da wir jetzt zugrunde gerichtet sind, möchte ich diesen Glückswechsel beinahe willkommen heißen, da er mich von Ihnen befreit. Sie haben mir oft genug vorgeworfen, ich hätte Sie wegen Ihres Geldes geheiratet; lassen Sie mich Ihnen jetzt sagen, daß ich diesen Handel stets bitterlich bereut habe; und wenn Sie noch geheiratet werden könnten und einen Diamanten hätten, der größer wäre als Ihr Kopf, fo würde ich sogar meiner Kammerzofe abraten, eine so unappetitliche und unglückliche Ehe einzugehen. — Sie, Herr Hartley', fuhr Sie fort, indem sie sich zum Sekretär wandte, „Sie haben Ihre wertvollen Eigenschaften in diesem Hause zur Genüge betätigt; wir sind jetzt überzeugt worden, daß Ihnen sowohl Mannhaftigkeit wie Verstand und Selbstachtung fehlen, und ich sehe für Sie nur eine Möglichkeit, die Ihnen noch offensteht — nämlich sich sofort wieder zu entfernen und sich, wenn möglich, niemals wieder sehen zu lassen. Ihr Gehalt können Sie als Gläubiger bei dem Bankerott meines früheren Gatten anmelden." Harry hatte kaum diese beleidigenden Worte begriffen, da fiel der General schon mit einer anderen Beleidigung über ihn her, indem er zu ihm sagte: „Unb mittlerweile geben Sie mit mir zum nächsten Polizeiinspektor. Einen einfachen, harmlosen alten Soldaten können Sie vielleicht hintergehen! Aber das Auge des Gesetzes wird Ihr schmutziges Geheimnis zu lesen wissen. Wenn ich meine alten Tage in Armut verbringen muß, weil Sie im geheimen sich mit meiner Frau verschworen hatten, so gedenke ich doch wenigstens Sie nicht ungestraft bleiben zu lassen; und Gott würde mir eine sehr große Genugtuung versagen, wenn Sie nicht von heute an bis zu Ihrer Sterbestunde Werg zupfen müssen." Mit diesen Worten schleppte der General Harry aus dem Zimmer heraus, die Treppe hinunter und über die Straße bis zu der Bezirkspolizei. Hiermit endigt diese traurige Geschichte von der Pappschachtel. Für den unglücklichen Sekretär aber war sie der Beginn eines neuen und mannhafteren Lebens. Die Polizei ließ sich leicht von seiner Unschuld überzeugen; und nachdem er bei der folgenden Untersuchung nach besten Kräften geholfen hatte, wurde ihm von einem der ersten Beamten der Geheimpolizei sogar ein Kompliment wegen [eines rechtschaffenen und aufrichtigen Betragens gemacht. Mehrere Personen nahmen Anteil an einem so sehr vom Unglück verfolgten Menschen, und bald nachher erbte er von einer unverheirateten alten Tante in Woreestershire eine Summe Geldes. Im Besitze dieses Vermögens heiratete er Prudence und ging zu Schiff nach Bendipo oder, nach anderen Berichten nach Trincomali, mit feinem Schicksal außerordentlich zufrieden und unter den besten Aussichten für die Zukunft. Sie Geschichte von dem jungen Geistlichen. Der Ehrwürdige Herr Simon Rolles hatte sichln den Moralischen Wissenschaften ausgezeichnet und hatte es in dem Studium der Gottesgelahrtheit ungewöhnlich weit gebracht. Sein Aufsatz „Ueber die Christliche Lehre von den sozialen Verpflichtungen" verschaffte ihm bei seinem Erscheinen eine gewisse Berühmtheit an der Universität Oxford, und in geistlichen unb gelehrten Kreisen war allgemein bekannt, daß der junge Rolles ein bedeutendes Werk — einen Folioband, sagte man — über die Kirchenväter plante. Diese Bestrebungen und ehrgeizigen Pläne halfen ihm jedoch nichts, um eine Lebensstellung zu gewinnen; und er bewarb sich immer noch um seine erste Pfarrstelle, als ein zufälliger Spaziergang im äußersten Westen von London, der friedliche und behagliche Anblick des Gartens, ein Verlangen nach Einsamkeit und Studium, sowie endlich die Billigkeit der Wohnung ihn veranlaßten, sein Heim bei Herrn Rae- burn, dem Gärtner in Stockdove Lane, aufzuschlagen. Es war feine Gewohnheit, jeden Nachmittag, nachdem er sieben ober acht Stunden über St. Ambrosius oder St. Chrisostomus gearbeitet hatte, sich eine Weile unter den Rosenbüschen des Gartens zu ergehen unb über seine Arbeiten nachzubenken. Dabei hatte er gewöhnlich seine glücklichsten Einfälle für neues Schaffen. Aber auch eine aufrichtige Freude am Denken und an ernsten Problemen, die der Losung harren, sind nicht immer genügend, den Sinn eines Philosophen vor den kleinlichen Einflüssen der äußeren Welt zu bewahren. Unb als der junge Rolles den Sekretär des Generals Vandeleur, mit zerrissenen Kleidern und blutend, in der Gesellschaft feines Hauswirts fand; als er sah, wie beide erbleichten und seinen Fragen auszuweichen versuchten, und vor allen Dingen, als der junge Mann sich mit der größten Kaltblütigkeit verleugnete, da vergaß er sofort die Heiligen und Kirchenväter um einer ganz gemeinen, alltäglichen Neugier willen. „Ich kann mich nicht geirrt haben", sagte er, „ohne allen Zweifel ist es Herr Hartley. Wie kommt der in eine solche Klemme hinein? Warum verleugnet er seinen Namen? Und was kann er mit diesem gefährlich aussehenden Kerl, meinem Hauswirt, zu tun haben?" Während er mit solchen Gedanken beschäftigt war, erregte ein neuer sonderbarer Umstand seine Aufmerksamkeit. Das Gesicht des Herrn Rae- burn erschien an einem Fenster des Erdgeschosses neben der Tür, unb ein Zufall fügte es so, daß seine Augen sich mit denen des jungen Geistlichen begegneten. Der Gärtner schien darüber ärgerlich, ja sogar unruhig zu fein, und unmittelbar darauf wurde der Vorhang am Fenster mit einem scharfen Ruck heruntergezogen. Es mag ja alles vollkommen in Ordnung fein, dachte Rolles bei sich selber; es mag alles schon und gut [ein; aber ich gestehe frei heraus: ich glaube, daß es nicht der Fall ist. Mißtrauisch, unaufrichtig, ängstlich darauf bedacht, nicht beobachtet zu werden — ich glaube wahrhaftig, die beiden haben irgendeine verbrecherische Handlung vor. Der Geheimpolizist, der in uns allen schlummert, erwachte im Busen des Herrn Rolles, unb mit schnellen, rüstigen Schritten, die von seinem gewöhnlichen Gange ganz verschieden waren, machte er eine Runde durch den Garten. Als er an die Stelle kam, wo Harry über die Mauer geklettert war, bemerkte [ein Auge sofort, daß ein Rosenbusch abgebrochen und daß das Erdreich zertrampelt war. Er blickte in die Höhe und sah an den Ziegeln der Mauer verschiedene Schrammen, während an einer Flafchenscherbe ein Fetzen hing, der offenbar von einer Hose flammte. Auf diese Weise war also der junge Mann, den Herr Raeburn seinen guten Freund nannte, in den Garten gelangt! Dies war die Art, wie General Dandeleurs Sekretär einen Blumengarten bewunderte! Der junge Geistliche pfiff leise vor sich hin; bann bückte er sich, um ben Erbboben zu untersuchen. Er sah beutlidj, an welcher Stelle Harrys Füße nach bem gefährlichen Sprunge bie Erbe berührt hatten; er erkannte ben breiten Fuß Raeburns, wo ber Stiefel tief in bas Erdreich eingesunken war, als der Gärtner den Sekretär am Rockkragen in bie Höhe gerissen hatte. Bei näherer Untersuchung glaubte er sogar Spuren zu bemerken, wie wenn taskenbe Finger irgend etwas, was zerstteut auf der Erde gelegen war, hastig zusammengerafft hätten. Auf mein Wort, dachte er bei sich selber, die Geschichte wird aber höchst interessant! Unb gerabe in diesem Augenblick erblickte er etwas, was beinahe gänzlich in bas Erdreich getreten war. Im Nu hatte er ein hübsches Marokkoleberkästchen ausgegraben, das mit goldenen Zieraten und Spangen geschmückt war. Es war durch einen schweren Fuß in die weiche Gartenerde gedrückt worden und auf diese Weise Herrn Raeburn bei seinem eiligen Suchen entgangen. Rolles öffnete das Kästchen, unb vor Erstaunen und Entsetzen blieb ihm beinahe der Atem stehen, denn vor ihm lag auf einer Unterlage von grünem Sammet ein Diamant von wunderbarer Große und vom reinsten Wasser. Er war so groß wie ein Entenei, von schöner Form und ohne jeden Tadel; und als bie Sonne barauf siel, strahlte er wie ein elektrisches Licht unb schien in feiner Hanb von tausend innerlichen Feuern zu brennen. Rolles verstand wenig von Edelsteinen; aber der Diamant des Rad- schahs war ein Wunder bas sich selber erklärte. Hätte ein Dorfkinb ihn gefunben, es würbe mit Geschrei in die nächste Hütte gelaufen sein, unb ein Wilber würbe sich anbetenb vor einem fo machtvollen Fetisch nieber- geroorfen haben. (Fortsetzung folgt.) Oer Reisebecher. Von Conrad Ferdinand Meyer. Gestern sand ich, räumend eines langvergessnen Schrankes Fächer, Den vom Vater mir vererbten, meinen ersten Reisebecher. Währenddes ich, leise singend, reinigt' ihn vom Staub der Jahre, War's, als höbe mir ein Bergwind aus der Stirn die grauen Haare, War's' als dufteten die Matten, drein ich schlummernd lag versunken, War's, als rauschten alle Quellen, draus ich wandernd einst getrunken. Menschen unterwegs. Von Helene Voigt-Diederichs. Dreikäsehoch. Der Wagen stoppt auf dem Kirchplatz, noch hämmert sein geschwindes starkes Herz. Blicke klimmen hoch: unerhört, wie frühes zwölftes Jahrhundert diele Türme lichtsuchend aus sich herausbluhen laßt ... » besinnt sich auf seine Füße, staunt, wittert um Mauern und Giebel, fragt sich durch nach der Wohnung des Küsters. Wie nicht anders zu erwarten, hat sich bei unserer Rückkehr allerhand spielendes Kroppzeug um den Wagen gesammelt. Es ist so vertieft in Nummer, Stempel, Vierradbremse, Druckknöpfe von Verdeck und Taschen, dah unser Nahen unbemerkt bleibt. Der Gruppenalteste, em siebenjähriger Blohsuß, hat den kleinen blanken Löwen losgeschraubt, bohrt abwechselnd Nase und Augen in den Kühlerhals. Jetzt schreckt er herum. Zahnlücken, gesunder Mund, Schelmenaugen unter sonnen- fleckiger Stirn. Er schnieft verblüfft, doch er denkt nicht daran, sich zu drücken. Geschwind den Löwen festgedreht, und nun strafst sich bis in den zerfransten Strohschopf die schmale Lausbubengestalt. Rechte Hand vor die Brust, linke Hand in die Luft geschmissen — so steht er, leibhaftiges Wunschbild aller Jungen: in jedem Muskel sich selber zur Rettung Ver- kehrsschupo. Es ist zu vermuten, daß sich hier aus der ersten Neugier weitere Kühnheiten entpuppt hätten. Aber jetzt, seine unerschrockene Haltung sänftigt das Mihtrauen. Man winkt ihn zu sich, macht ihm: klar dah da leicht kleine Nichtsnutze an so einem Auto herumsingern. Wie heißt er? Hans Schaumann — also, Hans, du paht jetzt aus, daß nichts an dem Wagen geschieht — läßt keinen anderen Jungen heran — verstanden? O ja Hans versteht. Er grinst den Gefährten zu, ist seit einer Viertelminute Autobesitzer, der bei gehörigem Abstand immerhin einiges Dienstvolk brauchen kann ... Uns selber sieht er mit Genugtuung unter dem Türbogen der Kirche verschwinden. Der erste Blick aus birksndustiger Kühle in den warmen Tag gilt dem wartenden Wagen jenseits des Platzes. Wir haben uns nicht getäuscht, Hans Schaumann ist sest auf dem Posten. Er spürt wie ein Jagdhund ums Auto, gefahrenlüstern; jetzt hat er uns bemerkt, steht stramm, bringt den Beweis seiner Zuverlässigkeit, indem er der Lust widerstebt, uns nur einen einzigen Schritt entgegenzukommen. Nun' hat er gut achtgehabt? Sein blanker gespannter Jungensblick frohlockt Antwort. Dann zählt er die Angriffe her, die er obgewehrt hat. Biel ist losgewesen. Diese hier (er weist aus zwei Knirpse neben sich) sind seine Kameraden, auf die kann er sich verlassen. Aber andere Jungen waren da, von allen Seiten kamen sie. Einer hat versucht zu hupen, em anderer mit voller Kraft am Reifen gedrückt. Zweie haben sich aus den Tritt gestellt, mit Stöcken aufs Polster geklopft, und hier — er hat es nicht weggewischt, damit wir uns selbst überzeugen: ein ganz Schlimmer hat hinten auf den verstaubten Koffer ein Tier mit drei Semen, außerdem noch eine Fratze gemalt ... Na. der ist schön ausgerissen, wie er gemerkt hat, daß ein Wachmann dasteht ...Er selber, Hans, wäre hinterher und hätte ihn verwalkt, wenn er nicht zur Sicherheit hier beim Wagen hätte bleiben müssen ... . Also Hans, das hast du tüchtig gemacht. Eine Tute mit Schokolade kommt zum Vorschein. Die spendende Hand füttert von Mund zu Mund. Dem Jungen ist's vollauf recht, daß auch seine Freunde was abkriechen — obgleich er allein die Arbeit geleistet hat. Gönnerisch lächeln seine eifrig kauenden Backen. Als wir einsteigen, scheuert er ehrbeflissen mit dem Hemdärmeln hinter uns den Koffer blank. Der Wind spielt einen Papierfetzen über das Pflaster. Das Kind springt ihm nach, holt einen Bleistiftstummel aus der Tasche, kritzelt und überreicht stolz, zu besserem Gedächtnis, seine Namenskarte. Nun aber los. Neben dem Wagen steht Hans Schaumann, bolzengerade, klappt die Arme, weist an der Kirche vorbei — Diener, Amtmann, Fürst, kurzum: Verkehrsschupo. Werkmann. Sehr viel gute Straße. Gerade weil es so wenig Wedjte gibt, überrennt man die paar Kilometer leicht ein bißchen scharf. Rollt flott darüber hinaus, weiter auf glatter breitgeteerter Bahn. Ausgang des Dorfes. Krach — ein Stein schleudert unterwärts gegen den Wagen? Stopp. Untersuchung. Nun ja, da haben wir s. Federbruch vorn links .. Am Grasrand der Straße kauern Mädchen, aroeitslose Burschen um sie herum. Sie bemerken unser Pech, halten Maulaffen feil, lachen Beifall. Man betrachtet die Landkarte. Zehn Kilometer bis zum nächsten größeren Ort ... Lange Gesichter, Ratschlage. Beides hilft "'^Ein^alte'r^Marin^schlurft vorüber Filzschuhe, Filzpfropfen unter dem Stock, auch in der Kehle Filz. Er dreht bei. befummelt den Schaden, heisert zum Straßenrand: Willy! . Der Gerufene springt vor. Schirmmütze und verschlissene Jacke, em munterer wohlgewachsener Bursche. Glück Eß man haben es f e sich heraus; Willy ist tatsächlich Autoschlosser. Wahrscheinlich war er es vorhin, der am lautesten gegrinst hat. Jetzt wo man ihn ruft und braucht, grinst er durchaus nicht. Ist nicht mehr und nicht weniger gelernter Arbeiter, das ist beileibe genug — noch dazu im vorliegenden Fall des lahmen Wagens auf freier Straße. Er beugt sich, prüft, wirft sich bäuchlings in den Staub. Seine Gefährten treten ebenfalls näher, einer biegt dem Liegenden vor dem überholenden Auto geschwind die Beine beiseite. Willy späht hin und her, wackelt und klopft, versucht bald von hier, bald von dort der Bruchstelle beizukommen. Er beachtet Fragen nicht, verliert auch seinerseits kein Wort, schwitzt und schnauft. Nicht zu reparieren! verkündet er schließlich. Freilich, er will den Versuch machen, mit dickem Kupferdraht die böse Stelle soweit zu flicken, dah die Feder hält, der Wagen nicht gleich beim ersten Stoß auf der Achse liegt ... Er springt ins Haus; nicht nur seine Person, auch sein Werkzeug ist genau im rechten Augenblick zur Hand. Wieder liegt er unter dem Wagen, keucht und windet sich; um ihn herum schart sich vielköpfig die Freundschaft. Keiner ist gelangweilt, keiner mehr eindeutig schadenfroh — hier ist eine Maschine, die den rettenden Mann braucht; jeder Gaffer befeuert, aufs Gelingen gespannt, Hände, Zange und Draht des Kundigen. Nach wenigen Minuten ist der Schaden behelfsmäßig geheilt. Nun aber Schritt fahren bis zur nächsten Stadt. Behutsam humpelt der Wagen an, die vielen Augenpaare blicken Billigung. Ganz hell des Schlossers Gesicht, nicht zuerst wegen der Münze, die in seiner Hand liegt. Die Feder bleibt beisammen, durch die ganze folgende Schneckenstunde. Endlich schickt die Stadt den ersten freundlichen Häuserarm, bald auch einen Postboten uns entgegen. Bereitwillig gibt er Auskunft. Eine Werkstatt — gleich hier links, eine weitere rechts, unterhalb der Gärten ... Die Bessere? Nun, die erste ist gut! Hier paßt offenbar dem Gewährsmann das Menschliche; gern nimmt er Gelegenheit, einen Kunden hin- zuweisen. Aber, berichtigt ihn sein Sachgewissen, wir sollen denn man schon zur zweiten fahren. Hat vielleicht mehr Vorrat — kann sich ja nicht ein jeder in dielen Zeiten hinlegen, was etwa gebraucht wird ... Schon bei der Anfahrt wird deutlich, daß die rechte Zuflucht winkt. Kranke und genesene Fahrzeuge spreizen und straffen sich im Hof. Als wir halten, steht auch schon der waschblaue Oberdoktor da. Ein Blick, ein Griff, die Diagnose ist gestellt. Der Wagen rollt in den Schuppen, sozusagen geradewegs auf den Operationstisch. Blaue Wärter springen herzu; oberhalb am eisernen Balken schnattert ein Haken, zielt, senkt sich, angelt nach der Vorderachse. Gleichzeitig öffnet sich die Erde, mittels einer kleinen Leiter hastet er hinab, blaulinnen, augenweiß unter berußter Stirn ... Dankbar, des glückhaften Ausgangs sicher, begeben wir uns aus Rattern, Kreischen und klingendem Hammerschlag, aus Gestank und Dunst von Eisen, Feuer und Del zur Stadt hinauf. Zu Markt, Schloßhügel altwucherndem Park, Nachtigall und Feierabendvolk. Nach drei schnell vergangenen Stunden sind wir wieder zur Stelle; der Oberdoktor entläßt mit gutem Wort seinen Pflegling. Wir steigen ein, steuern ihn behutsam vom Hofe. Doch über ein kleines mag er sich nicht mehr halten, fängt an brummend und brausend, bei gesundem Appetit, die nächtliche Straße zu fressen. Der Garien als Oemeinschastsraum. Von Karl Foerster. Unser Volk ist im Begriffe, den Garten als Gemeinschaftsraum und als gemeinschaftsbildende Kraft so ernst zu nehmen, wie das noch nie geschah. Es handelt sich hier um den Wohn- und Nutzgarten der Familie, um Schul- und Schülergarten, kleine und große Anlagen, Volksgärten und Volksparks in und außer der Stadt, um die Lauben- und Sportplatzgärten, ferner um Gastgärten, Kur- und Krankenhausgärten, schließlich um Botanische Gärten mit der neuen Schaugartenerweiterung. Gartenwesen muß immer mehr ein heiliger Volksbegriff und Bildungsbegriff für Glück und Wirtschaft werden, immer tiefer als Verföhnungs- ftätte zwischen klein und groß, zwischen Familie und dem übrigen Gemeinschaftsleben erkannt und ausgebaut werden. Wir gehen jetzt in unserem Volk ganz neuen Bindungen zwischen dem Leben der Persönlichkeit und der Volksgemeinschaft entgegen, ganz neuen gegenseitigen Anerkennungen der beiden. Der Nutz - und Wohngarten der Familie gehört so recht zum Leben der Familienzelle mit ihrer tiefsten Besonderheit. Daß ein Garten neuer Art durch seine Verwandlung von Woche zu Woche Mittelpunkt einer Familie sein kann, die noch vor kurzem gartenfremd war, dies Wunder bringt erst unsere neue Gartenherrlichkeit unserer Tage zustande. Gemeinsamkeit der Naturfreude auf Reise und Wanderung ist für die Familie säst nur auf Ferien beschränkt. Aber gemeinsame Naturfreude am Garten erfüllt tausendstündige Breiten des Alltagslebens. Naher Umgang mit Pflanzen und Tieren erschließt auch immer wieder neue Erkenntnisse und Anblick tiefer Eigenart unserer Nächsten, ja, Hilst frühzeitig Begabung entdecken und ans Licht holen. Gartenbeschäftigungen der Kinder können schon bedeutsame Abbilder der Zukunftsentwicklung in sich tragen. Und wunderbar ist nun der Verkehr der Kinderseele mit der Bodenfeele des Heimatgartens durch die Riefenfülle schon allein der bodenständigen Klein- und Strauchvegetation geworden. Unfaßbare Reichtümer und Kräfte vermag der Garten von heute dem Kinde auf 80 Jahre Lebensweg mitzugeben, schöpferische Gaben anregend, die eben früher von öer Gartennatur noch nicht angesprochen und ans Licht gehoben wurden. Unglaublich früh setzt sehr reife Blumenfreude oft schon bei Kindern ein, unb welche Urfrifche und Jungsräulirbkeit des Weltgefühls, welche Unterscheidungsfreudigkeit und wachsende Begeisterung für den Weltfortschritt der Blume findet man immer wieder in Menschen, die schon 70 oder 80 Frühlinge erlebten! Wir treffen also hier im Garten auf neue aemein- schaftwirkende Bande zwischen Alter und Jungen, Hochalter und Kindheit. In welchem Maße die öffentlichen Anlagen und Volksgärten den angrenzenden Stadtgartieren alles Kalte und Unverfönliche benehmen und ihnen Gesicht, Wärme und freundliches Lokalgefühl, alG mit anderen Worten, schon unbestimmtes keimendes Gemeinschaftsgefühl verleihen können, ist wohl bekannt genug. In welchem Maße aber die Garten- leidenschast eines ganzen Volkes aus diesen öffentlichen Gärten Nahrung ziehen könnte, das macht man sich nur wenig klar. Die Kräfte, die aus dem edelsten Blumenleben in das Zueinander aller Seelen strömen, sind uns allen schon wunderlich in kleinen Erlebnissen zum Bewußtsein gekommen. Wir kommen von den größten Gärten nun zu den kleinsten, nämlich zur wichtigen Laubengartensrage, Daß hier Menschen, die mit ihrer ganzen Familie an diesem Stückchen Land arbeiten und hängen, infolge Häuserbaues jederzeit plötzlich ohne jeden Sündenfall aus ihrem Paradiese jederzeit herausgeworfen werden können, macht diese Gärten nicht gerade zur Keimstätte hohen Gemeinschaftsgefühls, Die Stadt Frankfurt am Main hat unter Führung ihres hochverdienten Stadtgartendirektors ein Laubengartengesetz herausgebracht, wonach dem Laubengarteninhaber bei zwangsweisem Verlassen das Recht auf einen neuen Garten in nicht zu großer Entfernung zusteht. Das ist das Minimum, das eine Kulturstadt den gläubigen Kleingärtnern zu gewähren hat. Die Laubengarten- und Schrebergartenfrage ist und bleibt in alle Zeit hinaus eine menschliche Gemeinschaftsfrage ersten Ranges. Hier sind die Menschen, die iM großen Kampf mit dem Leben stehen, am ungestörtesten. Bei den Gastgärten, den Kur- und Bädergärten empfindet der Fremde aus der Nähe oder Ferne besondere Pflanzen- oder Garten- fchönheit als warme Gastlichkeitsgebärde, die ihn freundlich mit fremdem Ort, mit neuem Volkstum und Stammestum verbindet. Niemand hat ein so gutes Gedächtnis wie der Kunde oder der Gast. Erinnerung haftet am Sichtbaren. Gast- und Kurstätten müßten also von Rechts wegen ein unvergleichliches Interesse an den Fortschritten des modernen Garten- und Blumenwesens nehmen. Sie haben auch eine wenig benutzte Möglichkeit, den Fremden mit dem ganzen wilden Natur- und Pflanzenwesen ihres Bereiches in Fühlung zu setzen und ihm auf diesem Wege auch schon Witterung für das besondere Volkstum der Gegend zu verschaffen. Meeresstrand-Kurhäuser sollten die edelsten Pflanzen der Strandwildnis zum Ausgangspunkt natürlicher Gartenanlagen machen, unbeschadet breiter Promenadewege und Ruheplätze. Daraus werden Stimmungen aufsteigen, welche die Menschen lösen und zueinander bringen und im tiefsten Gegensatz stehen zu den faden und steifen Kurgartenstimmungen bisheriger Zeiten. Botanische Gärten waren bisher noch selten eine Angelegenheit der Gemeinschaftswärme und des feinen gemeinsamen Kulturstolzes. Sie können es aber werden. Für unser deutsches Heimatgefühl und Gemeinschaftsgefühl in diesen Gärten ist es von großer Wichtigkeit, daß alle diese fremden und vertrauten Schönheiten nicht durch eine fremde Sprache vergittert werden, sondern uns durch wohlerwogene deutsche Volkheitnamen nähergebracht werden. Auch hier wäre ein durchgreifender Befehl von oben an alle deutschen Botanischen Gärten ein Segen. Wo noch keine rechten Volkheitnamen vorhanden sind, müssen sie von den hierzu geeigneten Menschen gefunden werden. Wir Menschen von heute ahnen erst dunkel, wie wohl es der träumespinnenden Einzelseele allgemach im Arme beseelter Gemeinschaft sein wird. Wir erquicken uns zu selten am inneren Anblick der Daseinshöhen, zu denen das Menschenleben in der Fülle der Zeiten emporwachsen wird. Unser Blick geht so tief in die Vergangenheit und allernächste Zukunft, aber zaghaft und unbeschwingt in die große Zukunft der Welt. Der Traum. Von Eberhard Meckel. Wild, Tobias Wild, beinahe dreißigjährig, nicht gerade arbeitslos, nein, aber (eit einiger Zeit ohne Stellung und festes Einkommen, sich seither mit Arbeiten aller Art tapfer und mühsam durch das Leben schlagend, aus seiner süddeutschen Heimat vor mehreren Jahren nach Berlin gekommen und zur Mieke in einem kleinen Zimmer in der Altstadt wohnend — dieser Tobias Wild schläft jetzt. Er schläft nach einem Tag wie immer, einem Tag voll Hetze, Mißerfolg, Enttäuschung, aber auch kleinem Erfolg und Freude, Hoffnung und Niedergeschlagenheit, auf jeden Fall aber mit großer Müdigkeit abends. Die Arme unter dem Kopf verschränkt, liegt der große und kräftige Mensch da; und merkwürdig, wie im Schlaf alles, wie so ein Tag abfallen kann mit allem Gewesenen, und nichts bleibt zurück als etwas Friedliches, Stilles mit leisem Atem und festverschlossenen Lidern, hinter deren dünner feingeäderter Haut nur manchmal der bläulich durchschimmernde Augapfel zuckt. Alles fällt ab, auch das, was über den Tag hinaus den Schlafenden beherrscht, was er denkt und glaubt, hofft und weiß von diesem seinem Leben in dieser Zeit. Und nun ist er bald dreißig Jahre, er, Tobias Wild; früher, da mußte man mit Dreißig etwas [ein, denn dreißig Jahre sind eine gewichtige Schwelle im Leben eines Menschen, eines Mannes. Dreißig Jahre sein, das hieß früher, sich den Grund und Boden geschaffen zu haben, worauf es die nächsten dreißig Jahre immer mehr aufzubauen galt. Aber heute? Und dabei gibt es so viel, was man möchte. Man schafft, was man kann. Aber wer will immer allein fein, wer will nicht einmal Frau und Kind haben? Wer möchte nicht... Still! Genug davon! Tobias Wild schläft jetzt. Und in der Nacht hat er einen seltsamen Traum. Ihm träumt, aus der Reihe seiner Vorfahren treten nacheinander ein paar vor ihn hin, hier vor fein Bett, wo er liegt. Sie, die längst Toten und Vermoderten, kann er wie leibhaftig und lebend vor sich sehen. Einzeln kommen sie aus dem Dunkel der Zimmerecke und bleiben, von einem unsichtbaren Licht angeleuchtet, stehen. Und der Träumende erkennt alles von ihnen, weiß plötzlich jedes einzelnen Geschick und Geschichte. Aber er selbst, traumgefangen, vermag sich weder zu bewegen noch die seltsamen Erscheinungen anzurufen; er muß alles über sich ergehen lassen, muß alles ansehen und anhören bis zum Ende. Und der Erste, der als Traumgestalt vor sein Bett kommt, ist sein Vorfahr Bastian Wild, gewesener Bauer zu Leben im Breisgau, Mitverantwortlich: l)r. Hans Tbvriot. — Druck und Derlag: Brühl läufer beim Bundschuh und geendet wegen „beürischen uffrur" auf dem Hochgericht anläßlich der Niederwerfung des Bauernaufftandes im Ober- elfaß durch das Heer des lothringischen Herzogs im Jahre 1525. Der Vorfahr sagt nichts, stumm steht er im Zimmer hier, wie er gelebt. Aus seinem Gesicht blickt bittere Armut und furchtbare Not, die sich in tiefen Rinnen in die Haut eingruben. Die Hände, verarbeitet, mit Buckeln und Rissen und Schwielen, Hände, die ihr Lebtag um das kärgste Brot schufteten hinter dem Pflug, Hände, die Frau und neun Kinder ernähren mußten, bis sich die Unterdrückten empörten. Und dafür mußten sie dann büßen. Nach einer Weile dreht sich die Gestalt um und verschwindet langsam ins Dunkel zurück. Die zweite Traumgestalt, die dann erscheint, ist der Vorfahr Wolf Wild, ein Enkel des Vorigen. Ackerbürger zu Leben im Breisgau und Gütler zu Umkirch, gestorben eines natürlichen Todes im Alter von 74 Jahren auf Martini 1599. Der Mann hatte sich einst heraufgearbeitet, so mißgünstig auch die Zeit damals den Bauern war. Das Leben hatte es auch gut mit ihm gemeint, wenn es sich auch noch schwer genug gab. Aber in der Schwere liegt ja oft die tiefste Freude verborgen. Die Traumgestalt zeigt einen großen Mann, breit, im zeitlosen Aussehen und Gewand des Bauern. Und dann hört der Träumende die Borte von ihm Herkommen: „Ihr, und du Tobias Wild, glaubt nicht, daß wir vor euch längst und ganz vorbei sind. Was wir waren und schafften, gilt auch noch für euch. Ohne das wäret ihr nicht da. Wir leben noch mehr, als ihr denkt. Wir sind wacher, als ihr glauben mögt." Dann nach diesen Worten, die mit fester Stimme gesprochen sind, weicht auch diese Erscheinung des Wolf Wild zurück und löscht aus. Die dritte Erscheinung, die kommt, ist der Sohn des Vorigen, der erste mit Namen Tobias Wild. Ein alter Mann, zerlumpt, hinfällig. Seine tief in den Höhlen liegenden Augen verraten unsägliche Sorge und Kummer. Diese Augen, unverwandt und starr auf den Träumenden gerichtet! Im Lause des Dreißigjährigen Krieges haben ihm die Kriegsvölker Mansfelds, die Schwedischen, das Heer des weimarischen Herzogs und die Welschen, die übel mit Morden und Sengen im Breisgau hausten, alles weggenommen, geplündert, gestohlen, das Haus über dem Kopf angezündet und die Meder verheert, lieber zwanzig Jahre in ständiger Aufregung und Not — und mit Mühe vermochte damals der Tobias Wild, nachdem ihm noch zuletzt feine Frau erschlagen worden war, feine Kinder in die Stadd zu retten und von sich selbst nichts außer dem nackten Leben, bis er elendiglich starb „im siechenhus ze Friburg im Brißgow", voll innerer Unruhe und Kummer. Den Frieden nach der Entscheidungsschlacht und den Sieg der Kaiserlichen hatte er nicht mehr erlebt. Seine Gestatt bleibt einen Augenblick reglos stehen, seine Gestatt, Zeugnis eines bitteren Lebens, und ehe sie wieder verschwindet, stoßen sich seltsam hart und wild im alemannischen Dialekt ein paar Worte aus seinem Mund hervor: „Schaut mich an, die ihr jetzt lebt. So wie mir ging es damals den meisten. Denkt daran. Jammert und klagt nicht!" Der nächste, der erscheint, ist der Vorfahr Hermann Wild, einst Doktor juris und Bürger in der vorderösterreichischen Stadt Freiburg, verhältnismäßig jung gestorben am Schlagfluß im Jahre 1749. Wahrscheinlich hatte er ein wenig zu schnell gelebt. Während fein Vater und feine Brüder noch in Lehen ackerten, war er in die Stadt gegangen, hatte studiert und sich mit Fleiß zum „Herrn" heraufgearbeitet. Weltgewandt, ein Schützling des Bischofs, mit zierlichem Degen an der Seite, mit feinem Schuhwerk und gepflegten Händen steht er da. Nach dem Tode wurde zu seinem Andenken eine schön gedrehte barocke Tafel in die schlichte Lehener Dorfkirche gehängt: So weit hatte es noch keiner seiner Vorfahren bisher gebracht. Seine Söhne wurden Städter, lind er sagte zu seinem träumenden Nachfahren: „So, Tobias Wild, so". Mehr sagte er nicht, aber es klingt wie ein Trost und eine Mahnung zugleich. Dann nimmt auch diese Erscheinung wieder das ewige Dunkel auf. Danach kommen bann kurz aufeinander ein paar Frauen. Der Träumende sieht sie wie Schatten vorübergleiten. Meist sind sie verhärmt, verbraucht, alt. Sie weisen nur ihre Hände deutlich vor, verarbeitete Hände, und sagen nur, wie viele Kinder sie hatten. Sonst sagen sie nichts. „Elf", sagt die erste, „sechs", sagt die zweite, „neun", sagt die dritte und so fort. Zum Schluß huscht eine ganz junge Frau vorbei, scheu und zart. „Eins" sagt sie. An dem einen starb sie auch, aber das eine blieb leben, und ohne dieses eine träumte Tobias Wild jetzt nicht. Das waren die Mütter ... Und die letzte vor den Schlafenden hintretende Erscheinung "ist fein eigener Vater, gefallen durch Kopfschuß am Reichsackerkopf im Elsaß in den heftigen Kämpfen Ende 1915. Er, der Sohn, der Schlafende, hat ihn nicht mehr sehr deutlich in der Erinnerung, aber nun ist er ihm seltsam nahe, wie lebendig, zum Greisen. Und des Vaters Blick ruht auf ihm, verstehend, gütig. Und dann hört der Sohn feines Vaters Stimme wieder, die er vor bald zwanzig Jahren beim Auszug der Truppen zur Ü3erteibigung der Heimat zum letzten Male hörte. Der Vater beugt sich zu ihm herab und flüstert ihm unfagbar leise, aber deutlich zu: „Schau, so ist das alles. Die Kette, die Kette, an der wir alle hängen und von der wir Glieder sind. Und alles kommt und geht. Und nichts, nichts ist umsonst, was immer war und was jetzt dir, was jetzt allen, was unserem Volk geschieht. Nichts ist umsonst, für die, die nach dir kommen; vergiß nie, bedenke es genau. Habe Mut und glaube!" — Und nachher, als er sich wieder aufgerichtet hat, sagt der Vater noch: „Mein lieber Sohn". Mehr, nein, mehr sagt er nicht. Aber alles ist in diesen Worten, was ein Vater seinem Sohn sagen und sein kann. — Dann ist auch diese Traumgestalt plötzlich fort ... Und Tobias Wild will jäh ausfahren aus dem Traum, will rufen, schreien, will alles, was er auch sah und hörte, halten und darauf antworten. Aber er wacht nur auf, und Dunkel ist um ihn und die Stille des Zimmers. Und während er wieder in kurzen Schlaf versinkt, kommt ihm alles gut vor, das ganze Leden, wie es auch fei, gut wie noch nie... '[che Univerfitäts-Buch- und Steindruckeret.B. Lange, Gießen.