GichenerKmÄienbMer Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger Jahrgang 1956 Freitag, den 21. März __________________________Nummer 25 Das Jahr des Herrn Roman von Karl Heinrich Waggerl Copyright by Insel-Verlag zu Leipzig. 1. Fortsetzung. Neben ihm, unter einem schwarzen Stein, ruht der Krämer, der ein starker und schwerer Mann war, noch von der alten Art. Vier Kreuze stehen um sein Grab, fünf Frauen hatte er und brachte sie der Reihe nach unter die Erde, aber Agathe nicht mehr. Sie war jung, als er sie nahm. Die ersten Jahre wartete der Krämer geduldig und hielt sie nur knapp. Allein Agathe gedieh dabei, sie machte keinerlei Anstalten, mager und schwermütig zu werden. Darum verlegte sich der Krämer auf das Saufen und prügelte die Frau. Agathe schrie nicht und heulte sich nicht in ihrer Kammer zu Tode, wie es die anderen getan hatten. Nein, sie schlug zurück, und es stellte sich heraus, daß es nicht darauf ankam, stark und schwer zu sein, Agathe war schlau und flink. Sie bekam ein Kind, das trug sie aus, es lebte nur ein Jahr. Ein zweites, das starb bei der Geburt. Nun verdroß den Krämer die Sache, er nahm alles Geld aus dem Ladenttsch und ging auf die Wanderschaft. Aber auch das schlug fehl, Agathe verhungerte nicht, sie sagte es jedem, wie froh sie sei, den unnützen Fresser aus dem Haus zu haben. Sie hatte keine Scham im Leibe, nach sieben Jahren zeigte sich noch immer nichts Sterbliches an ihr. Der Krämer legte sich zuletzt selbst ins Bett, um den Tod anzulocken, er lag allein und schrie Mord und Gift, die Wut fraß ihn aus, und daran starb er schließlich auch, fiel zusammen wie ein leerer Sack und entschlief. Agathe kaufte den schwarzen Stein und deckte den Krämer damit zu. Bisweilen setzt sich der Totengräber auf diesen Stein, um den Mann in der Grube zu trösten. Sie kommt! sagt er. Sie ist die nächste in diesem Frühjahr, die Schwindsucht bringt sie um. Aber Agathe hat gar nicht die Schwindsucht, sie ist noch unverzagt und munter und nur ein bißchen rauh in der Kehle, weil ihr Fenster immer offen steht, im Winter wie im Sommer. Nein, der nächste im Friedhof ist ein Tischlergesell, dann ein Sennhüter, den die Schafe zertteten haben, als er mit dem Salz in der Tasche einschlief. Es stirbt ein Kind an den Fraisen, es stirbt eine junge Magd, die kriecht irgendwo ins Heu und verblutet. Und dann geschieht es, daß gerade diese Magd keine Ruhe unter ihrem Hügel findet. Im Leben duldete sie alles und schwieg, aber jetzt dringt ihre Stimme laut aus der Grube. Sie bringt weithin durch das ganze Dorf und in alle Stuben, nur der Roßknecht hört sie nicht, der ist taub gegen die klagende Stimme der Magd. Eines Morgens kommen fremde Leute auf den Friedhof, der Totengräber muß den Sarg wieder aus der Erde winden und die Schrauben am Deckel lösen. Es stinkt schon zum Himmel, meint einer von den Herren, das könne man wahrhaftig sagen. Und noch am gleichen Tage verhaftet der Wachtmeister den Rotzknecht, holt ihn aus der Schenke und führt ihn weg. Die Toten sind mächttg. Sie gehen ja nicht gerade auf der Stratze umher und zeigen auf den oder jenen, aber sie haben ihre Leidenschaften zurückgelaflen, ihren Haß, ihre Schuld, das alles wuchert noch im Fleisch der Lebendigen. Es laufen Fäden von den Gräbern her Über das ganze Dorf, unsichtbar gesponnen, unlösbar geknüpft, dein Leben lang entrinnst du der Verstrickung nicht, es zieht und zerrt dich näher und näher Der Totengräber sieht die Dorfleute am Sonntag vor dem Kirchtor stehen, da haben sie ihren Handel und ihr weitläufiges Wesen untereinander, aber das alles täuscht ihn nicht mehr, ihr Gelächter und ihr Ueber- mut. Cs sind nur Masken, dahinter liegt bei allen dasselbe Gesicht, eine beinerne Stirn, ein versiegelter Mund. Hier auf dem Friedhof ist für jeden ein Platz aufgespart. Es mag einer ein tüchtiger Bursche sein und große Pläne haben, jetzt ist er vielleicht nur ein Holzknecht, aber er wird auf einen Hof heiraten und gut wirtschaften, das denkt er sich so. Ein Lehen wird er dazu kaufen, und eigenen Wald, noch mehr Ackerland, noch eine Futterwiese. Ja, daran denkt er nicht, daß ihm endlich nur ein winziger Fleck Erde unter seinem Kreuz bleiben wird. Hof und Lehen sind ihm weniger gewiß als dieser letzte Ackerfleck, in dem er selbst wie ein Saatkorn liegt. Es macht ihm auch keine Sorge, daß fein Blut so heftig ist, so leicht entflammt, warum sollte er sich darüber Gedanken machen? Es ist ja fein eigenes Blut, er hat kein Erbe übernommen, und kein Stein steht auf dem Friedhof, von dem man seinen Vatersnamen lesen könnte. Frei und ledig ist er, ganz allein in der Welt mit seinem frischen Mut. Und trotzdem, unversehens rückt einmal der Faden, im Wirtshaus oder auf dem Tanzboden. Er reißt ihm die Hand aus der Tasche, und das geschieht zur Unzeit, denn der Bursche hat das Messer in der Faust. Gut sowett, ein Raufhandel, Blutgericht und Gefängnis. Wer aber hellsichtig wäre und den Dingen auf den Grund ginge, der sähe den heimlichen Faden zwischen der Zelle des Totschlägers und einem bestimmten Grabhügel auf dem Friedhof ausgespannt. Der Manu, der unter diesem Hügel liegt, ist schon lange tot, er war selbst nur ein Taglöhner, jedenfalls hatte er nichts mit dem erstochenen Bauern zu tun. Ober hoch, vielleicht kannten sich bis beiben in ber Jugend, damals blieb etwas unausgetragen zwischen ihnen. Der Taglöhner vermochte ja nichts gegen seinen Feind, und schließlich starb er, ein Raufer und Schreihals. Nur fein alter Haß blieb zurück und wuchs unter irgendeinem Dach auf, bei Lebzeiten wußte er selbst nichts davon. Aber als er tot war, erkannte er fein Fleisch und Blut. Er lag und spann seinen Fähen, und als die rechte Stunde kam, zog er daran. Da stieß das Mester zu und traf. Ja, dergleichen geschieht im Verborgenen, im Jenseitigen, so sagen wir: Allein, es ist auch nicht alles mit Händen zu greifen, was uns im Diesseitigen widerfährt, uns schwachsichtigen und schwerhörigen Menschen. Die Dorfleute tun, was Brauch ist, sie misten, daß man den Namen des Toten drei Wochen lang nicht in Unehren nennen darf, denn während dieser Zeit lebt feine Seele noch im Hause. Und sie lasten auch ein paar Aehren für die Abgeschiedenen auf dem Feld zurück, ein wenig von jeder Frucht. Aber im Grunde glauben sie nicht mehr daran, sie sind längst dahinter gekommen, daß den Kauz nur die Neugier an bas Fenster treibt, und den Totenwurm bringen sie mit einem Tropfen Oel zum Schweigen. Cs ist Blendwerk des Teufels, sagt der Pfarrer, man soll nicht wie ein Heide reden, sondern der armen Seele unablässig mit Gebeten beistehen, damit sich der Herr ihrer erbarmt. Jaja. Aber war das auch nur Blendwerk, als der Totengräber dreimal frisches Weihwasser auf das Grab der schwangeren Magd stellte, und hreimal war das Wasser am Morgen blutigrot? Der Lehrer meinte, das käme von einer Art Algen. Vielleicht saßen solcke Algen in der Tonwand des Gefäßes, so erklärte er sich die Sache. Unh bann erschienen eben boch die Gerichtsherren auf dem Friedhof, und der Roßknecht büßte fünf Jahre im Gefängnis ... Davih steht in der Grube und schaufelt die Erde heraus, schwarze lockere Erde, bann unb wann auch ein weißes Knöchelchen; her Toten- Sräber lieft es auf unb legt es zu ben anberen in bie Truhe. Dann hachten hie beiben bas Grab mit Brettern aus unb legen die Seile zurecht, ben kupfernen Wasserkessel unb bie kleine Schaufel, mit ber die Leidtragenden ihre Handvoll Erde auf den Sarg streuen. Der Abendstern tritt aus der silbernen Tiefe hes Himmels, David steigt in den Turm, um die Aveglocke zu läuten. Ihr klarer Klang schwingt weit hinaus über das friedliche Land, unten sitzt der Totengräber auf der Mauer, ein einzelner Mensch, so verloren und allein. Er hat seinen Hut auf die Knie gelegt und die Hände darüber gefaltet, heilige Maria, sagt er wohl, Mutter Gottes. Drüben geht der Pfarrer in Hemdärmeln über den Acker, auch er bleibt stehen und neigt den grauen Kopf unb schlägt an bie Brust, wenn Davib innehält. Stille sinkt vom Himmel, Haus unb Baum zerschmilzt unb löst sich in ber warmen Dunkelheit. Unb oben blühen die Sterne auf, selig der Welt entrückt. * David ist jedermanns Gehilfe, dafür hat er seinen Schlafplatz im Dachboden des Armenhauses, und sein Essen, wo er gerade zurecht- kommi. Es gibt Milchsuppe bei den Dorfleuten, Mus und Dörrbirnen auf ben Höfen, zuweilen auch etwas Gebackenes, wenn man eine gute Nase hat unb geroiffe Tage im Kopf behält, bie Namenstage vor allem. Gott hat es so eingerichtet, baß bie besten Dinge auch am stärksten duften, die Glanzstücke feiner Schöpfung, Strauben unb Krapfen, von benen er selbst sagte, daß sie gut seien. Und trotzdem ist Davih immer hungrig, ach ja, noch nie in seinem Leben ist ihm etwas Genießbares begegnet, das größer war als fein Hunger. So viel und vielerlei er auch hinunterfchlingt, er bleibt dennoch erbarmungswürdig mager, das wandelnde Leiden Christi, behaupten die ehrwürhigen Schwestern im Armenhaus. Eine buntscheckige Vogelscheuche, sagt der Lehrer, mit einem gelben Strohwisch obenauf. Darum kamen Ja auch die beiden Schwestern einmal auf den Gedanken, David müsse, wenn nicht den Teufel, so doch den Bandwurm im Leibe haben. Sie sperrten ihn zwei Tage lang in die Geschirrkammer und gaben ihm Rübsamen zu essen, damit sich das Verhängnis lösen möchte. Aber auch das schlug fehl, David würgte den Rübsamen geduldig hinunter und gab dennoch nichts Außergewöhnliches von sich. Nein, er wächst nur zu schnell und über alles Matz. Sein Darm ist zu kurz, so erklärte es ber Pfarrer, als er Davib aus bem Gefängnis rettete. Seine Eingeweibe sinb nicht wie bei anderen Leuten ordentlich lachten und klopften sich hinunter. . . , Ach ja, es ist schwer, ein Gerechter zu sein, David weiß, wie schwierig das ist. Cs fällt ihn an wie ein Rausch, die Dinge blähen sich aus, schillern und spiegeln gleich Seifenblasen und wachsen ins Ungeheuerliche, während er sie nennt. Etwas löst sich in ihm, seine Seele löst sich aus der Armut und Dürftigkeit dieser Welt und redet in Zungen. Die Bögel des Feldes sind nicht mehr gewöhnliche Vögel, Ammern und Spaßen, sie haben seidige Farben und wallendes Gefieder, wenn sie vor Davids Augen in den Himmel aufsteigen. Der heilige Geist raschelt im Birnbaum und ruft ihm etwas zu, aus dem Zaunholz kriecht die Eidechse und hebt sich aus den Schwanz und fängt zu fingen an, süß und lieblich, während sie im Gras verschwindet. Wie ein Vögelchen, sagt David, und die alten Leute hören ernsthaft zu und nicken mit ihren kahlen Köpfen, jaja, das kann schon fein, wie ein Vögelchen. Daran ist kein Zweifel, daß es so seltsame Dinge auf Erden gibt. Nur die Magd will nicht daran glauben, David soll das Zaunholz stehen lassen, sagt sie, und sich um andere Dinge kümmern. Die Magd hat ihr Kammerfensker oberhalb. Er ist genau wie seine Mutter, meinen die ehrwürdigen Schwestern und nicken vielsagend mit ihren weißen Flügelhauben. Aber das ist kein Trost für den Heinen David, er weiß nicht, wie feine Mutter fein mag. Etwas Leises, ein verschollenes Bild, ein Geruch. Einmal saß er im Kittel vor der Haustür, in einer früheren Zeit, da nahm ihn jemand vom Boden auf und trug ihn lange im kühlen Hausflur auf und ab. Das war vielleicht die Mutter, weich und duftend und naß von salzigen Tränen. * Um diese Zeit, kurz vor Ostern, rücken die Zimmerleute auf den Pfarrplatz, um das Kirchendach auszubessern. Das ist eine schwierige und gefährliche Arbeit. Sie werfen Seile über den hohen First, und da hängen sie nun zwischen Himmel und Erde auf schwingenden Balken, es ist offenkundig, daß der Herr die Zimmerleute liebt. Sie haben ja auch ihre eigene Fahne im Kirchenschiff stehen, darauf ist ihr Patron und Für- bitter gemalt, Joses, der im Himmel viel vermag. Ihnen ist es erlaubt, sich, daß sie zu Studien- aber den kleinen David nahmen. Aber was hals heute gibt es einige, die ®„Qa, S4,f, ,u Mb°äd,l< te sich ««laufen h-tt-n, |o fmg -- an auf Ä Gemeindeweide! David hatte unterwegs zwei fremde Manner angetroffen bärtige Männer, am Ende der Dorsgasse waren es schon stchs samt ihrem Hauptmann, aber gleichviel ledensalls knieten sie da auf der «Salbe und gruben und warfen die Erde hinter r.,etJ^r eine als er einen glänzenden Klumpen aus der Grube hob. Ha! schrie auch der andere, denn in diesem Augenblick hatte er David entdeck. Denkt euch das, keine Menschenseele weit und breit, und die beiden mit Mellern und Schaufeln hinter ihm her, und David natürlich Hals über Kopf durch Zäune und Grüben! Schaut ihn an, fo steht em Mensch aus, der um das Leben rennen mußte. , Indessen besannen sich etliche darauf, daß sie auch anderwar.s zwri fremde Leute gesehen hatten, der Briefträger der Brunnsuhre- >m Steinbruch, sie dachten nichts weiter dabei, aber bärtig waren die beiden Fremden, verdächtig in ihrem ganzen Benehmen. Das sagte auch der Schankwirt, warum wollten die Fremden durchaus das Hinterz>mrner haben sagte er, oder wenigstens Vorhänge an den Fenstern, wenn sie die Sonne nicht zu scheuen brauchten? Und so schoß der ftugensarne Davids immer üppiger ins Kraut, zuletzt nahm sich der Vorstand ein Herz und stellte die zwei Dunkelmänner zur Rede. Dies und jenes sei ruchbar geworden, und nun möchten sie in Gottes Namen Farbe bekennen, um des Friedens willen. Ja, und das taten sie dann auch. Es zeigte zwecken reiften, Geologie war ihr Fach. Was uum betraf diesen Schafhüter, so mußte das ja ein verteufelter Bursche sein. Den behaltet im Auge, sagten die Herren und auf den Bauch vor lauter Vergnügen. Schön, wenn sie es von der heiteren Seite bas gegen den Golddurst der Dorfleute! Noch , .. der Sache nicht trauen und die jeden Stein in der Hand wagen, wenn sie ihre Kuh von der Weide holen. Bisweilen befällt den kleinen David eine martervolle Angst vor sich selbst. Was ist das für ein dunkler Drang in ihm, ist es eine Krankheit? Wirklich, vielleicht straft ihn Gott auf biefe Art, vielleicht hat David etwas unausdenkbar Fluchwürdiges getan und weiß es nur nicht. Gewiß hot ihn Gott dafür längst in Zeit und Ewigkeit verstoßen und verdammt. Darum ist David immerfort mit Gelöbnissen und weitläufigen Buß- übungen beschäftigt. Einen ganzen Tag lang geht er seufzend und m sich gekrümmt seiner Wege, weil er dem heiligen Josef versprochen hat, die Schuhe vertauscht zu tragen. Oder er läuft zur Beichte und bekennt in einem Atem sieben Morde und zwanzig Sünden der Unzucht, so daß der Pfarrer entfetzt den Kopf aus dem Beichtstuhl streckt, um nachzusehen, ob es wirklich David ist, der solcher Laster fähig sein will. Ein anderes Mal rollt er stundenlang ein Kerzenende vorn Altar der Mutteraottes im Munde umher, zur Uebung des Schweigens und um seine Zunge zu strafen. Und erst, wenn die Küchenschwester Käsenocken auf den Tisch stellt, widersteht er nicht mehr und kaut auch die Kerze entschlossen klaffende Löcher in das geheiligte Dach der Kirche zu reißen, und was mehr ist, sie haben sogar ein Faß Bier aus der..Empore angeschlagen, dort stehen sie barhäuptig zur Jausenzeit und loschen tforen ehrbaren Durst den das Handwerk mit sich dringt David kr.echt durch den Der. räuberten Wald des Gestühls, unübersehbar und unheimlich ist das Dickicht der mannstarken Säulen und Streben, das Astwerk der schmiedeeisernen Schleudern und der Rasen, an denen lange Spmnwebdarte hängen und Fledermäuse wie schwarze vertrocknete Fruchte. Und doch hebt9 das alles mit guter Ordnung über dem mächtigen Rucken des Gewölbes, fest gefügt und für ewige Dauer. Der weiche Staub liegt knöcheltief auf dem Mauerwerk, David legt sich bäuchlings hmem und schaut durch das Geistloch in die Tiefe, fo sieht es Gott an, wenn er über den Altären ruht. David erkennt auch, wie es sich mit der heiligen Taube verhaltbte auf rätselhafte Weife über den Gläubigen schwebt und sich langsam dreht und mahnend umherblickt. Sie hangt an einer dünnen Saite unter bem Loch bas ist ihr Geheimnis. Aber in dieser fynfufjt l)at fic David dwn immer verdächtigt. Tiefer unten glimmt im roten Glas das ewige Licht, von dem die Schwestern sagen, daß die Engel es mit Oel speisten, wenn der Mensch in seiner Schwäche einmal versagte. Nun, einmal liefe e5 David wirklich darauf ankommen. Allem, als der Pfarrer bei der Messe sich zur Gemeinde wandte, um bas Credo anzustimmen, da erlosch das ewige Licht plötzlich mit Geknatter und Gestank. Und David wird den säumigen Engel dereinst zur Rechenschaft ziehen wegen der Maulschelle, die er empfing, als er sich vertrauensvoll auf seinen Diensteiser "^Er^mustert nachdenklich die verstaubten Rücken der heiligen an der Wand Von unten betrachtet stehen sie mit beschwingten Gebärden und mit unirdischer Leichtigkeit aus ihren Postamenten, und nunzeigt es sich daß sie hinterwärts an eisernen Haken hangen Das alles ist neu und ein wenig nüchtern, aber doch auch wieder seltsam und geheimnisvoll Die Kanzel ist nur ein gewölbtes Fafe, nicht großer als em Waschzuber, und mit Blech ausgeschlagen. Kein Wunder daß es so schauerlich dröhnt, wenn der Pfarrer den Teufel in bte Holle stampfß Und nur Gott Vater thront wie immer hoch über den Säulen des Altares, er allein ist ohne Trug und Falsch. Golden fließt fein Mantel über das Gewölk, Engel umspielen ihn, er hat ein mildes -laicht und himmelblaue Augen David denkt mit beklommener Scheu, daß sich diese Augen sogleich auf ihn richten würden, wenn er jetzt etwa niesen mußte. Aber )er himmlische Baier sähe gewiß auch das gnädig an und verziehe 65 &tft Beichtzeit. Der Pfarrer setzt sich in den Stuhl, er lehnt sein Ohr an das Gitter und wartet. Nach und nach füllen sich die Banke, Frauen kommen herein, Mägde aus den Gärten, noch rot und erhitzt. Sie schütteln unter der Tür die Röcke zurecht, bekreuzen sich mü Weih- wasser und schlingen sogleich den Rosenkranz um ihre rotgescheuerten Finger. Auch Agnes kniet in der vordersten Reihe, Gott mag wissen, was das Kind zu bekennen und zu büßen hat. Agnes benimmt sich über alle Begriffe sittsam und fromm, das kann gar nicht anders sein, sie ist die Nichte des Pfarrers. Darum hat Agnes auch ein Gebetbuch vor sich auf dem Pult liegen, m jeder Hinsicht 'st sie eine Ausnahme unter den Sterblichen. Die anderen Weiber muffen selbst (eben wie sie es fertig bringen, alle Laster aus den finsteren Winkeln ihrer Seele zu stöbern. Aber für Agnes wurden die Tafeln des Gesetzes gedruckt überliefert, du foUft nicht töten und nicht ehebrechen Jetzt ist sie an der Reihe und schwebt aus der Bank. Bloß die Zeit eines Ave braucht der Pfarrer, um ihre Seele reinzuwafchen, er staubt sie gleichsam nur ab und entläßt sie wieder. Cs wäre wunderbar, denkt David, eine großartige Gelegenheit, letzt ein majestätisches Wort durch das Loch zu rufen während Agnes vor dem Speisgitter kniet, — fürchte dich nicht, ober fonft etwas Biblifches, fei getrost, dir ist vergeben! , . , . Plötzlich fällt ihm ein, daß er ja noch das Haarband in der Tasche trägt. Bisher fand sich noch keine Gelegenheit, das Band hat auch mittlerweile zwischen Brotrinden und Nietnägeln schon viel von feinem Glanz verloren, aber vielleicht wäre Agnes jetzt besonders fugfam und sanft. ,, , . . . Ach ja, es wird ihm nicht leicht gemacht, — Agnes, das bedeutet Lämmlein, sagt der Lehrer, aber ein Lämmchen ist sie nicht, sie hat eher die Gemütsart einer Katze, so sauber und glatt und unberechenbar in ihren Launen. Im vergangenen Sommer kam Agnes aus der Stadt, ein kränkliches Wesen, die Bergluft sollte ihr frische Wangen machen. Sie ist nicht viel älter als David, klein und schwach und nicht einmal besonders hübsch, nein, gar nicht. Anfangs versuchte David auf die gewöhnliche Art, sich anzufreunden, er warf ihr Pferdeapfel nach und schnitt Gesichter, wenn sie vor der Klasse stand, um das Lied vom braven Mann herzusagen. Allein Agnes schritt unberührt durch Feuer und Wa ser, nichts 'focht sie an in ihrem gestärkten Kleidchen. Manchmal ist sie auch zutraulich und bittet ihn, er möchte ihr doch einen neuen Quirl schnitzen, es gibt so hübsche aus einem geschälten Tannenwipsel. Gut, David setzt Kops und Kragen daran und macht einen Quirl, mit dem jebe Prinzessin Eier rühren könnte. Allein nun will Agnes plötzlich nichts mehr davon wissen. Nein, nie im Leben nähme sie so ein schmutziges Ding in die Hand! Es ist ja wahr, David hält nicht viel auf äußeres Ansehen, aber was macht das aus? Seine Hosen und Röcke haben immer schon ihre beste Zeit hinter sick, wenn er sie übernimmt, und was noch dazukommt an Lappen und Flicken, das macht seinen Anzug nur bunter, aber nicht besser. Agnes sollte doch mehr auf das Innere sehen, sein Herz ist fest und verläßlich und unwandelbar treu. Willst du? fagt David vor der Kirchtür und streckt Agnes einen roten Knäuel in der Fault entgegen. Agnes sieht nicht einmal hin, schon das wäre sündhaft. Sie schiebt ihre Unterlippe vor, diese Sippe ist ohnehin ein wenig zu dick, aber nun schwillt sie geradezu auf von Verachtung und Abscheu. (Fortsetzung folgt.) Feierlicher Abend. Von Wilhelm Luetjens. Nun da du wieder das Steigen der neuen Sonne gespürt, siehst du sie golden sich neigen, von innerem Glück berührt: Kein Windhauch bewegt die Aeste, die Bäume stehn wartend still, da sich zu purpurnem Feste der Himmel entzünden will. Wie heben sich selig die Zweige auf in das scheidende Licht, das seine brennende Neige in ihr Netzwerk verflicht: wie sie ausglühend funkeln im letzten, verlöschenden Schein, während die Wälder schon dunkeln über dem Ackerrain — Aber hoch in den Lüften nun erst beginnt es und sprüht wie Feuer aus felsigen Klüften und überflammt den Zenith: Ins eisige Blau, in die Himmel wirft sich die feurige Flut, der Zephirwölkchen Gewimmel lodert in ihrer Glut-- Ein Mal, ein heiliges Zeichen, das dein Auge mit Freude füllt! Fern, bei den blinkenden Teichen, wo der Schnee noch den Acker verhüllt, siehst du den Tag nun entschwinden: Schreckt dich des Dunkels Gesicht? Aus der Nacht, mit den harschen Winden, tritt wieder das zeugende Licht! Erinnerung. Von Josef Ponten. Denk ich „Film", das englische Fremdwort, welches „Häutchen" bideutet, so denke ich an meine andauernde zwiespältige Beziehung dazu, ,iif nur von feiten der Kunst oder des Gewerbes, die sich auf dem langen kufenben „Häutchen"-Band betätigen, zu einer im hohen Sinne des Wortes einfältigen umgebildet werden könnte; zugleich aber auch daran, sitz ich eine alte Lebensbeziehung zum Film habe, eine uralte, könnte man fast, das kurze Sein des Films angesehen, sagen. Denn wer unter bin heute Lebenden hat sich schon vor fünfunddreißig Jahren mit dem Firn abgegeben — wie ich? „Abgegeben" nicht in einem spielerischen, gt nichts verpflichtenden Sinne von „sich Gedanken darüber machen", „sich ein Urteil darüber bilden", sondern — man wird es hören! Ich war ein Schüler, war noch „auf der Penne". Das allgemeine E»schäft des Erbauens und Ausbauens der deutschen Städte durch den Einzelnen, den kleinen Mann, den Bauunternehmer, dies Geschäft begann st leckst zu gehen. Ich habe diese Welt und ihre Hintergründe in dem foman „Der Babylonische Turm" als Einziger für Gegenwart und Igifunft geschildert. Mein Vater hatte Wind — er kaufte einen Vor- shrungsapparat, ließ sich von einem Manne unterweisen, der sich „I ngenieur" nannte, und begann Vorstellungen zu geben. Es war mir äußerst peinlich, als wir eines Tages aus dem sehr allen hochstolzen Kaiser-Karl-Gymnasium in Aachen in die Pontstraße hiraustretend Zettel in die Hand gedrückt bekamen, auf welchen Josef fbnte (denn mein Vater hieß wie ich) zum Besuch einer „kinomato- Mphischen Vorstellung" in einem Saale, der „Bavaria" hieß, auf- orberte. Meine Mitschüler, bie gcrabe gleich mir ben lebenbigen Tag >razens ober Homers genossen hatten, blickten mich höhnisch an. Ich glaube, wir sinb tatsächlich bie ersten gewesen, bie in ber „alten Siifcrftabt Aachen", wie sie sich nannte, bies heutigste Ding gezeigt litten. Denn trotz bem Lächeln ber Mitschüler — ich schmiß zu Hause bi? Schulbücher hin unb ging in bie „Bavaria". Ich studierte am Appamt herum, probierte, drehte, schraubte und „knusfelte". Am Abend war Vorstellung. Die Spule wurde mit der Hand gedreht. Die Brandgefahr irnr groß. Der „Ingenieur", der apparateverkaufende Firmenvertreter, trnr anwesend, bie Vorführung gebiet) bis zur Hälfte, bann verfügte bas Emel. Wir beruhigten bie wenigen Leute, bie gekommen waren, mit Verführung ber herrlichsten Stanbbilder von der Welt, die man einfach ?rf)tbilber nennt, mit Bilbern van Schneehäusern ber Eskimos unb von Äi kospalmen am Stranbe von Babylon. Vielleicht war Aachen eine für unser bescheibenes Beginnen schon damals zu sehr ausgekochte Stabt. Auf nach Belgien. Den Ingenieur liehen wir zurück. Das Mitnehmen würbe zuviel gekostet haben. Wir Taren nur zwei Personen, mein Slater sprach wallonisch, ich französisch. 351 war Vorführer. Ausrufer, Kassierer. Aber bamals n-h es bie „lateinische Münzunion": in romanischen Umbern hatten alle Münzen ber Länder, deren Einheit, der Franken, dl? Lira, die Drachme ufro. gleich achtzig Pfennige roaren, Umlaufs« acht, also auch schweizerische, griechische, portugiesische — wie sollte man «Ri alle kennen, wenn man Schüler eines humanistischen Gymnasiums I ®nr? Ein Herr, dem ich beim Wechseln fünf Franken zuviel herausgab, | leftte sich statt meiner an die Kasse, nahm richtig ein, wechselte richtig ! irb lieferte zum Schluß die Einnahme richtig ab. Ein anderes Amt verlangte mich: Ich schloß emfad) die Kasse. Alle Spätlinge kamen umsonst herein. Damals nämlich gab es noch keine lausende Schrift, man behalf sich mit Standschrift Aber wir hatten N8k Standschrift in Deutsch, in einer französisch sprechenden Stadt half sie uns nicht. Unb so gab ich meinem Vater bie Spule in die Hand mit der Weisung, hübsch langsam zu drehen — damit der Film nicht reifte und auch die Zeigung hübsch lange dauere — trat auf die große Kiste hinaus, die unsere Vorführungsbühne war unb schrie ber Besucherschaft in ben Rücken: „L’empereur ä Hildesheim“ . .., ber Kaiser Wilhelm NM dem schönen Schnurrbart nickte, grüßte, blickte bedeutend in Hildeshelm um sich ... der Film riß nicht, fing nicht Feuer. Ich war glücklich. Die Zuschauer klatschten ein wenig. Es tarnen die Standbilder, die zum Füllen dienten. Das Zeigen war einfach. Aber das viele Französisch! Schneehäuser in Grönland, Kokospalmen in Indien, Forellen hochzeitend. Französisch! Wer kann bie Fachausbrücke? Murrten bie Zuschauer-Zuhörer? Was bebeutete bas Raunen? Gewiß. Gewiß Unmut über bas Französisch bes Ausrusers ... vielleicht aber auch ... „Genuss ber Festbilber!" rief ich meinem Vater zu. „Die Leute sinb gekommen, bas Wanbelbilb zu sehen!" Es kam ber große Schlager bes Abenbs. Ich rief laut, kühn unb siegesbewußt in ben Saal bes „Globe"-Theaters in Verviers: „Les Anglais attaquant les Boers” ... ah, ich hatte es! Die Englänber fielen über bie unfchulbigen Buren her... Ich konnte ein paar Szenen aus bem Burenkriege zeigen. „Les Anglais attaquant les Boers” zeigte ich keck zweimal. Die Zuschauerschaft war zufrieben. Der brave Belgier ging als letzter hinaus. Als ich von ber Vorführungskiste herunterkam unb an ihm vorüberging (Beschließer gab es auch nicht), legte er mir bie Hanb auf ben Kopf unb sagte auf Deutsch: „Abenn Sie gutt gemacht, monsieur..." Mein Französisch wirb nicht besser gewesen sein. Der Vater ging schlafen. Ich aber faß viele Stunben am Bahnhof. Um vier Uhr kam ich in Aachen an, um acht Uhr faß ich im Kaiser» Karl-Gymnasium... „ Natürlich trieb ich bas nicht lange. Der Schuldirektor, der „Zeus, fragte denn auch einmal heimlich: „Gebummelt, was? Gesoffen, wie?" — .Nein, Herr Direktor! Mit meinem Vater Geld verdient in Belgien! Ich komme morgens erst um halb fünf mit bem Pariser Schnellzug an. Dann bin ich ein bißchen schläfrig in ber Schule..." Glaubt ihr, „Zeus" hätte ein anertcnnenbes Wort gefunben wie der brave Belgier? Er glaubte wahrscheinlich schon unvorfchriftsmäßig weitherzig gewesen zu sein, wenn er bie Schulorbnung nicht gegen mich tn Bewegung setzte. Natürlich trieben wir es auch in Verviers nicht lange, Vater unb ich. Der guten Leute, bie für Laufbilder im „Cinema" des Globetheaters Sinn hatten, mochte es nicht gar so viele geben. Ach dir gefüllten Kinosäle von heute in jeder Stadtstraße, im letzten Dorf! Ich werde blaß vor Neid. Unserem Geschäft fehlte es einfach an Stammgeld. Kassierer, Vorführer, Ausrufer, Zettelverteiler, Aushangkleber, alle die Leute hätte man täglich müssen bezahlen können. Mein Vater sah sich nicht mächtig, das aus feiner eigenen Tasche zu tun — in Verviers verschwand wieder das „cinema allemand”. Waren wir nun unglücklich? Es kamen Angebote aus Oesterreich, aus Tirol, aus der Schweiz. , „ .. Wir versuchten es noch einmal in Aachen. Ich war nicht mehr ängstlich. Ich stand selbst vor bem Ausgang bes Gymnasiums (ich war ein bißchen vor Schluß ber letzten Unterrichtsstunbe weggelaufen) unb verteilte bie Handzettel, ich steckte sie selbst ben Herrn Lehrern zu. Ich sagte dabei, es möchte auch ihnen nicht schaden, eine Lebensäußerung bar Welt von heute kennenzulernen. Sie sahen mich stummerstaunt an. Ich war roilb von Entschlosfenheit... Ich lief ben Nachmittag burdj bie Straßen ber Stabt unb verteilte Hanbzettel. Ich lief auch in bie Häuser ber Freunbe, namentlich der begüterten, und beschwor sie, mit Kind unb Kegel zu erscheinen ... ich lernte schon bamals Enttäuschung über bas träge Herz ber „Freunde Meine kleinen Schwestern sollten ihre Freundinnen herbeischleppen..« ®S' gab eine furchtbare Niederlage. Das Filmband zerriß fofort, es qab Feuer, wir löschten mit Händen und Röcken, id) trug eine Brandwunde an ber Hanb bavon. Ich trat hinaus unb beruhigte bie Zuschauer- id)aft Ich lief fort — mein Vater zeigte währenb besten die Kokospalmen im glücklichen Jnbien — zum Fernsprecher, um ben „Ingenieur" (ben wir hasten foaren wollen), flehentlich herbeizubitten — er war nach Amsterbam gereift. Ich rief, um bie Leute zu einer glücklichen Vorstellung auf morgen laben zu können, Amsterbam an. Er gäbe bork selbst Vorstellungen. Er bächte nicht baran ... Die 'Besucher haben getobt. Mit kaltem Gesicht habe ich an der Kaste jedem sein Eintrittsgeld zurückgezahlt. Für Hohn und Beleidigung hatte ich kein Wort. „Unglück", sagte ich zu jemandem, der sein Geld nur zögernd zurücknahm. . .. „ Der Besitzer des Theaters hat m ber Nacht gerast unb mich mir ’Beleibiqunqcn überschüttet (mein Vater war nach Hause gegangen), aus Rache bafür habe ich ihn zum Urbilb ber roibermärtigften Mannsgestalt, bie ich je geschaffen, genommen, freilich ohne feinen Namen zu nennen, fierr Bernaerts hat brüüenb gebroht — es hat im leeren Theatersaal arofiartiq gerollt — er werbe uns „Schwinbler" verklagen, uns Stümper vernichten sich an uns „Nichtskönnern" schablos halten unb uns pfänben lallen ' ich ftanb still, ben Kopf gesenkt unb ließ bie Flut über mich Die Zeitungen behanbelten uns grausam, meine Schwestern mieben brei Tage bie Schule, bie Mitschüler blickten mich bebauernb an unb bie Lehrer griemelten... Noch Jahre lang hat uns das Pariser Filmgeschäst Pathe Fr6res seine Filmverlagsverzeichnisse geschickt. . Als ich einige fünfundzwanzig, bis dreißig Jahre spater in Neuyork meinen einst ausgeriffenen unb verschollenen Bruber Jakob ausmachte unb wir in ber „weißen Nacht bes Broabway" in bas schaurig großartige Roxy-movie” (so heißt in Amerika ein Filmtheater) gingen, fragte er ob bafjeim auf bem Söller noch ber alte Kinoapparat ftünbe. Er habe ihn burch lange Jugenbzeit hinburch langsam abgebaut, erst kffe Linse, dann die Spulen, die Räder und andere Vestandlekke, mfB seinem mageren Beutelchen dadurch aufgeholfen... Er habe seine kleine Goldgrube gesegnet. Die Reste des Apparates sind abhanden gekommen. Und während die ungeheure Orgel im Roxy-movie ein Stück aus Lachs viertem Brandenburgischen Konzert brausend spielte, sagte nach langem Schweigen mein Bruder: „Wenn nun damals...?" — a, wenn", sagte ich. Gesang der Geister über den Wassern. Von I. W. von Goethe. Des Menschen Seele Gleicht dem Master; Vom Himmel kommt es. Und wieder nieder Zur Erde muß es. Ewig wechselnd. Strömt von der hohen Steilen Felswand Der reine Strahl, Dann stäubt er lieblich In Wolkenwellen Zum glatten Fels, Und leicht empfangen. Wallt er verschleiernd, Leisrauschend, Zur Tiefe nieder. Ragen Klippen Dem Sturz entgegen, Schäumt er unmutig Stufenweise Zum Abgrund. Im flachen Bette Schleicht er das Wiesental hin, Und in dem glatten See Weiden ihr Antlitz Alle Gestirne. Wind ist der Welle Lieblicher Buhler; Wind mischt vom Grund aus Schäumende Wogen. Seele des Menschen, Wie gleichst du dem Wasser! Schicksal des Menschen, Wie gleichst du dem Wind! Das Glaubensbekenntnis eines preußischen Patrioten. Aus dem Leben des Generals von der Marwitz. Von Harald von Koenigswald. In der Geschichte der preußisch-deutschen Erneuerung ist eine Persönlichkeit lange Zeit nicht mit dem Gewicht ge- würdigt worden, das ihrer Bedeutung entsprechen würde, nämlich F. A. Ludwig von der Marwitz, der große konservative Gegenspieler Hardenbergs, lieber diesen preußischen Patrioten, der die Ueberlieferungen des Junkertums in bestem Sinne verkörperte, erscheint demnächst bei Hesse und Becker, Leipzig, ein Buch „Pflicht und Glaube" von Harald von Koenigswald. Im November entwirft. Marwitz eine Eingabe an den König. Er nennt es ein altes Recht der Stände, als „freie Männer und getreue Untertanen mit ihrem Landesherrn zu reden". Dieses Recht will er geltend machen, ehe es ganz zerstört wird. „Wir sind bereit", so versichert er, „auf dem Wege des freien Vertrags, wie es unsere Väter taten, alles zu tun, was die Pflicht des getreuen Untertanen erfordert, nur bitten mir Eure Majestät, uns ebenso huldvoll und würdig zu behandeln, wie Ihre glorwürdigen Ahnherrn unsere Väter behandelten, und sie durch diese edle Behandlung über die Selbstsucht erhoben und !u wirklichen Edelleuten machten, die nicht ihren kleinlichen Verhältnissen, andern vor allem dem Regenten und dem Staat angehörten." Stolz auf einen Stand, setzt er der demokratischen Strömung der Zeit den Wert ier ~r““’*10".ent8e?®n: »Es geht das Bestreben der durch das Irrlicht oer Philosophie verblendeten Skribenten und der sich in ihrer Schule gcbitbeten Jugend dahin, alles darnieder zu treten, was ehedem die Mittelperson zwischen Fürst und Volk war, und diesem Stand alle Schuld und Sunden dieser schweren Zeit aufzubürden. Doch die Ersah- rung wird schwerlich lehren, daß Emporkömmlinge, die weder einen ehrwürdigen Namen zu erhalten, noch durch Erb- und Grundeigentum an das Schicksal eines Staates gebunden sind, getreuer und im Leiden mit diesem Staate ausharrender fein werden wie diejenigen, deren Rech^ zerstört werden sollen..." Darum bittet er, daß ein Landtag öer Stande sich versammeln dürfe, „wo wir bereit sein werden alle Opfer zu bringen, die sowohl die Not der Zeit als auch der Zeitgeist erfordern". Marwitz zwelsest nichk an Bef päkrlokischen Gesinnung (ein Mitstände. Diese Sicherheit läßt ihn vor dem Röntg sagen: „... sollt, sich Unwürdige finden, die nach einem solchen Beweis Königlicher Gm> selbstsüchtige Gesinnungen äußern, so bitten wir, ihnen die gan Schwere Ihrer Königlichen Ungnade fühlen zu lassen..." Nichts als die Erfüllung der alten, bestehenden Verfassung forde Marwitz vom König, die Anerkennung der Gesinnung, die Hardenbei, Gesetze verweigern. Während neue Gesetze, neue Reformen des Staatskanzlers im Nanu des Königs unnachsichtig den neuen Weg einschlagen, findet sich b Opposition gegen Hardenberg in Berlin zu einem Kreis zusammen, bi sich bald Christlichdeutsche Tischgesellschaft nennt. Hier werden Gebaute und Pläne ausgetauscht, gemeinsames Handeln verabredet, aber an hier reiben sich die Meinungen, zu verschieden sind die Gedanken, fir die Voraussetzungen und Wünsche, mit denen die einzelnen in den Kanq gegangen sind. Marwitz steht bald in vorderster Reihe. So wenig er fu vordrängen möchte, die Lauterkeit feiner Gesinnung, die Sicherheit j Gefühl des guten Rechts läßt ihn nicht schweigen, wenn die anbei ängstlich verstummen. Immer wieder entspringt seinem persönliche Einsatz die Formulierung dessen, was für die Allgemeinheit, für bi Staatswohl, für die Bekräftigung des sittlichen Wertes der Oppositi« notwendig ist. „Es kommt darauf an, den Grundbesitz der Spekulativ das ruhig Erhaltende dem Treiben nach Neuerung und leichtem Erweii das Ererbte dem Erworbenen und den festen Grund und Boden, au welchem die Nation erwachsen und mit dem sie verwachsen ist, bir leicht beweglichen Gelbe entgegenzustellen...!" Noch ein Jahrzehnt nachbem der Kampf verloren ist, grollt er: „Die Wucherer sind eingehe ten in die Reihe der europäischen Mächte. Männer sind diesem Wuch ergeben und leben davon, deren Väter ergrimmt fein würden, wen man ihnen für ihr Geld auch nur gewöhnliche Zinsen angebot« hätte..." Die Opposition hat zu Beginn des Kampfes versucht, durch ei» Zeitung auf die Oeffentlichkeit zu wirken. Kurz vor dem bitteren En!« seines von Dämonen getriebenen Lebens hat Heinrich von Kleist bi Schriftleitung der „Berliner Abendblätter" übernommen, deren Erschb nen er mit dem inbrünstigen Gebet eingeleitet hat: „... stähle mich nt Kraft, den Bogen des Urteils rüstig zu spannen, und, in der Wahl bu Geschosse, mit Besonnenheit und Klugheit, auf daß ich jedem, m es zukommt, begegne: den Verderblichen und Unheilbaren, dir zm Ruhm, niebermerfe, den Lasterhaften schrecke, den Irrenden warne, br Toren mit dem bloßen Geräusch der Spitze über sein Haupt hin nette Und einen Kranz auch lehre mich winden, womit ich auf meine 2Bei> den, der dir wohlgefällig ist, kröne I lieber alles aber, o Herr, möge Liebe wachsen zu dir, ohne welches nichts, auch das Geringfügigste mtf|t„ gelingt: auf daß dein Reich verherrlicht und erweitert werde durch ali« Räume und alle Zeiten. Amen..." Aber Hardenberg knebelt den Kampfwillen der Zeitung. Bald ist Klch gezwungen, zu Kreuze zu kriechen: er muß Hardenberg versprechen, bas „kein anderer Aufsatz als der in seiner Exzellenz Interesse geschrieben ist", ausgenommen werden soll. Ein halbes Jahr nach ihrem Erschein«! sterben die „Berliner Abendblätter" unbeachtet dahin. Kleist ist mittel* los in die letzte Verzweiflung gestoßen. In diesen Monaten des Kampfes wird Marwitz' politisches Glauben»' betenntnis fest und klar: „Der Monarch ist groß durch das Gesetz, aber viele Diener der Monarchen haben niedrige Seelen und verwechsel« Gewalt und Würde..." sagte er einmal, dann wieder: „Die Richtschnur für das Tun der Regierenden heißt die SBerfaffung, für die Regiertet das Bürgerliche Recht." Er fetzt feinen lebensvollen Glauben gegen einen starren Mecham» mus: „Der Staat besteht weder in den Regenten, noch in den Unter tanen, sondern in dem freien, sich gegenseitig durchdrängenden Lebe der Regierung und der Untertanen. Wo dieses nicht stattfindet, da il politischer Tod ..." Immer wieder betont er die Verantwortung und Verpflichtung bei einzelnen als die notwendige Voraussetzung alles staatlichen Sehens „Der Staat ist die gemeinschaftliche geistige Richtung ihres Wollens woraus dann folgt, daß dieses Wollen niemals auf ein Individuum gerichtet fein kann, sondern auf das Ganze gerichtet fein muß, daß all-' die Regierten wollen müssen, daß man sie so regiere, wie es dem A gemeinen frommt, daß die Regierenden wollen müssen, daß man nidf ihnen, sondern dem Gemeinwohl gehorche. Darum ist Despotie feit Staat." Darum stellt er auch mit dem ganzen Ernst seines Veranb wortungsgefühls den liberalen Theorien der Zeit seine Ueberzeugun« entgegen: „Man vergesse nicht, daß der Wille der Nation nicht noif der Mehrzahl ihrer Köpfe und Meinungen bestimmt werden kann, so«' dem man bedenke, daß die Nation aus denjenigen Individuen nut besteht, die die Idee Vaterland zu denken vermögen, daß also alle bie jenigen, die dessen nicht fähig sind, weiter nichts sind, als eine tott Masse..." Denen aber, die in dem ausgebrochenen Kampf nur einen Streit um Erhaltung ober Verlust wirtschaftlicher Vorteile sehen wollen, wirst er mit scharfer Spitze gegen die Jünger Adam Smith', deren Bibel fei« „Wealth of nations" ist, die Fragen vor: „Beruht denn das Heil bes Staats auf ökonomischen ober auf moralischen Prinzipien? Ist bei reichste Staat seines Reichtums wegen der glücklichste? Oder oerbienl der glücklich genannt zu werden, welchem die Freiheit der Bürger am festesten gegründet ist? Und wenn ein Staat durch die Unbürgerlichkeil seiner Bürger gefallen ist, kann ihm durch ökonomische Maßregel« geholfen werden. Wird es nicht vielmehr darauf ankommen, ob man bas äene Volk zur Bürgerlichkeit wieder zurückführen könne ober nicht? man enblich ben Entbürgerlichten, also selbstsüchtigen Individuen Reichtum darreicht, werden sie dadurch bürgerlicher werden ober noch selbstsüchtiger?..." Verantwortlich: Dr. Hans Thyrivl. - Druck und Derlag: Drühl'lche Universitats-Duch. und Steindruckeret. A. Lange, Gieb^