Siehener ZanMenblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang <936 Montag, den 27. Januar Nummer 8 MW.1SMe.rSMm! Von Otto Folberth. Copyright 1935 by Romanvertrieb Langen/Müller, München. 1. Fortsetzung. Als es graut, ist man an Ort und Stelle. In einem Waldtal, dicht hinter den Gräben. Gerö hat zweifellos die Absicht, mit seinem Geschützfeuer den fliehenden Feind bis tief in seine Etappe hinein zu verfolgen. Eigentümlich berührt Möß die völlige Unversehrtheit des schmucken Tälchens, die Leere der Natur, der tauige Morgenfriede. Harmloser kann die Sonne über keinem Bergrücken Siebenbürgens jetzt aufgehen als über der grünen Waldwelle, in der Gerö vor Augenblicken mit den Telephonisten verschwunden ist. Gerade diese Stille, gerade diese scheinbare Harmlosigkeit der Stunde aber wirkt auf die Dauer beklemmend. Wie ist es möglich, grübelt er, daß die Blumen dieser Wiese ihr Leuchten noch nicht verlieren, da sie in einigen Minuten Zeugen eines Tuns sein werden, das alle Kreatur erschüttern muß? Wie ist es möglich, daß mich die Grasbüschel, auf denen ich liege, noch weich betten, da ich mich zum Werkzeug grenzenloser Vernichtung erniedrigt habe? Wie können die Ameisen eine Spanne vor meiner Nase ihren gewohnten Verrichtungen nachgehen, da mein bebender Atem den bevorstehenden Aufruhr rings um sie schon verriet? Schließlich ging es ein erstes Mal los. Und jetzt erst merkte Möß, wohin Gerö ihn mit dem Fähnlein gestellt hatte. Im Handumdrehen dröhnte es im kleinen Tal wie in einem Kirchlein mit viel zu großer Orgel. Die Flugbahn mehrerer Kanonenbatterien strich flach darüber hinweg, überspie es mit wildem Gebell. Stundenlang rauschte die Luft. Rauschte und rollte, zersprang und zerriß und behielt doch, sooft Möß seinen Blick hinaufhob, ihren seidigen, sonnigen Glanz. Hinter einem niedrigen Schutzschild aus Stahl, das die Telephonisten irgendwoher geklaut und vorsichtigerweise heute vor dem Fernsprechgerät aufgestellt haben, die Hand unentwegt am Apparat, so liegt er auf dem grünen Teppich des Tals, übernimmt selber alle Befehle der Beobachtung, notiert sie, gibt sie mit lauter Stimme an die Geschützmannschaft weiter. Cs gibt Minuten, da er von dieser Tätigkeit bis in die Zehenspitzen hinein erfüllt ist, nichts anderes denken kann, fein Blick bei höchster Anspannung der Gehörnerven auf den winzigen Raum beschränkt bleibt, der vor seiner Nase von einem Grasbüschel zum andern reicht. Ja, und doch benutzt er jede Feuerpause dazu, sich vom Bauch auf den Rücken zu wälzen und in das Lichtreich hoch über den Waldwipfeln zu blinzeln, dem der Aufruhr der Erde nichts anhaben kann. So ist dieser Möß. Zuweilen steigen Schmetterlinge von der Wiese neben ihn auf, flattern in schwankem Flug über ihn hinweg. Zuweilen summen fernher — summen wie Hummeln — silberschuppige Flieger heran. Gleiten in schönen Spiralen, scheinbar sorgenlos, über dem Gurgeln der Lüfte. Nun fehlt nicht mehr viel und er ist nur noch Kind. Kneift ein Auge zu und richtet verträumt, verspielt die Frage an sich: Wer ist eigentlich der Größere, von hier, wo ich liege, betrachtet, dieser Falter da oder jener Flieger dort? Im Augenblick draus klönt's. Er wirft sich herum, bohrt das geblendete Auge wieder in die Ameisenwelt zwischen den beiden Büscheln, horcht scharf auf die dünne Stimme im Draht. Von Zeit zu Zeit schreit er die empfangenen Befehle der Mannschaft zu. * Es gibt Ereignisse, in die man kopfüber hineinstürzt. Denen gegenüber Gemessenheit Hohn bleibt. Deren Strömung alle mit sich fortreißt. Hohe und Niedere, Tapfere und Feige. Deren Strudel selbst die Müden und Hoffnungslosen noch einmal erfaßt. Deren äußere Begebenheit ein inneres Fluten entfesselt, das keine Hindernisse mehr anerkennt und keine Grenzen, das sich einer plötzlich geweiteten Zukunst brünstig an den Hals wirft. Vormarsch, Vormarsch ist ein Ereignis dieser Art. Vormarsch verkündete jeder Befehl, jedes Gespräch, jeder Blick dieses Abends. Aber Vormarsch wohin? Wie weit? Wie lange? Zu welchem nächsten Zweck? Die Sternennacht des August hing voll Fragezeichen. Noch nie hatte Möß Heereszüge von der Länge gesehen wie den, dem er tags darauf mit der kleinen Geschützkarawane verschmolz. So findet ein Tropfen zum Strome heim, wie diese dem kriegerischen Gewühl auf der geraden weißen Straße sich gesellte, die heute mit allem. was Vormarsch dachte und schrie, sich drängte und stieß, in den magisch durchsonnten Osten flutete. Im Handumdrehen hatte sich das ganze Leben geändert. Gewiß, es war fröhlicher geworden, denn nun ging es ja vorwärts. Ab und zu flatterten sogar Lieder auf in der endlosen Kolonne. Aber erst Stunden später empfand Möß den rechten Unterschied zu gestern und vorgestern. Man war heute kein Fähnlein mehr für sich, das auf eigene Faust feinen muntern Krieg führte. Man hatte überhaupt keine Entscheidungen mehr zu fällen, man hatte kaum noch etwas zu überlegen. Der Strom der Straße, aus unbekannten Quellen sich speisend, einem unbekannten Ziele entgegenstapfend und -rollend, bestimmte den Rhythmus des Tages, bestimmte den Herzschlag des Augenblicks. Gehen und Halten, Halten und wieder Gehen, das war alles, das schien das einzig notwendige Tun, die wichtigste Aufgabe zu sein des großen unübersehbaren Heers. Gleichmäßig klopfte der Feldstecher im Takt des Marsches die Brust. Niemand hob ihn an die Augen. Wozu auch? Man führte ja längst kein eigenes, verantwortliches Dasein mehr. Man war nur noch Herde, dumpfe, blökende Herde, deren Denken sich von Stunde zu Stunde immer restloser ausschaltete. Mochten jene denken, die weit vorn irgendwo Wälder und Dörfer säuberten und den Rauchfahnen am Horizont nachjagten. Einmal, wartet nur, kommt die Reihe auch an uns. Dann ... dann ... Jetzt schob man und wurde geschoben. Jetzt legte der Staub der Straße, der Dunst der Fahrküche, der scharfe Schweiß gedrängter Pferde- und Menschenleiber einen dichten Schleier um die marschierende Kolonne und schläferte ein. Eines Abends durchquerten sie eine kleine Stadt, in der noch einige Häuser kohlten. Später, als es schon völlig dunkel geworden und auch diese Stadt schon längst wieder in ihrem Bewußtsein versunken war, ließ man die Artillerie auf Feldwegen seitlich hinausfahren. Irgendwo, zwischen den Mondscheinhügeln einer unfaßbaren Landschaft, bezog das Gebirgsqelchütz Feuerstellung. Als Möß nach tiefem, traumlosem Schlaf im hohen weichen Steppengras erwachte, hing vor ihm im Sonnenlicht ein russischer Fesselballon. Gerö saß schon im Sattel und sprengte davon. Jnsanterieabteilungen gingen links und rechts in lockern Rudeln vor. Ein Widerstand also? Und schon heute? Die Befehle jagten einander. Dreimal mußte das Gebirgsgeschütz Stellung wechseln, bis es aus einer kleinen, aber ziemlich tiefgefalteten Mulde endlich den ersten Schuß abgab. Möß freute sich, daß es trotzdem als eines der ersten im anhebenden Konzert der Geschütze zu Worte kam. Sie waren alle, hüben und drüben, nur gerade noch dabei, ihre vielseitigen Instrumente zu stimmen. Da fiel auf feine Freude langhin ein dunkler Schatten. Eine säumige Kanonenbatterie hatte zwischen den flachen Hügeln noch immer fein rechtes Plätzchen gefunden und zwängte sich nun schon zum zweiten Male mit ihren acht Sechsspännern am Gebirgsgeschütz vorbei durch die kleine Erdfalte hindurch. In unmittelbarer Nähe des Fähnleins stürzte ein Pferd, hinderte die Fortbewegung der übrigen, rief in dem dichten Knäuel der ineinander geschobenen Deichseln, Protzen und Munitionswagen große Verwirrung hervor. Einige Minuten steckte das kleine Tal bis zum Rande voll einer ameisenartigen Unruhe. In diesem verhängnisvollen Augenblicke näherte sich sronther in geringer Höhe ein feindlicher Flieger. Und ausgerechnet jetzt auch gab Gerö aus der Beobachtung einige rasch auseinander folgende Feuerbefehle durch. „Wenn der da oben nicht gerade blind ist, müssen ihn unsere stäubenden Abschüsse auf die dümmsten Gedanken bringen", sagte Ruschill, der Geschützführer. Und wirklich zog der Kerl fast senkrecht über ihnen seine Schleife und strich dann ab, woher er gekommen. Fünf Minuten drauf war die Kanonenbatterie vom Schauplatz verschwunden. Eine Hügelfalte, weiter hinten gelegen, hatte sie eilig verschluckt. Vorwurfsvoll blickten die Leute vom Gebirgsgeschütz ihrem letzten Reiter nach. „Kutyaläb, wart nur, kutyaläb te!“ rief ihm der Zigeuner Duma, Nummer 2 der Bedienungsmannschaft, mit drohender Faust nach und lachten über feinen Witz. Er hatte Gerös Lieblingsschimpfwort sozusagen als dessen Stellvertreter gebraucht. Dann war es einige Augenblicke unheimlich still und leer um die Handvoll Kanoniere. Man konnte von der Stelle aus, wo has Geschütz jetzt stand, außer der grasbewachsenen Mulde und dem blauen Himmel darüber eigentlich nichts anderes wahrnehmen, keinen Baum, kein Haus, ja fein einziges lebendes Wesen. Dazu schwiegen eine Weile auch die Rohre ringsum. Sind wir denn selber wirflich da? Ist es nicht nur unsere erregte Phantasie, die unser Geschütz ausgerechnet auf jenes Fleckchen gestellt sieht, wo der Feind jetzt dichtgepserchte Artillerie vermuten muß? An einen Stellungswechsel ist nicht zu denken. Erstens sind die heftigen Beschießung der Mulde, ziemlich weit Dann ist auf einmal alles klar. Und fast atmen ste erleichtert auf, als die ersten feindlichen Schüsse sich herantasten. Sie wissen nun, welche Farbe dieser Tag haben wird. Sogar Maß weiß es, obwohl er unerfahren ist und der heutige Tag seine Feuertaufe bringen muß. _ Wortlos richten sich alle darauf em. Selbst Duma, der schwarze Zigeuner, gibt es bei dem Ernst der übrigen auf, weiter noch Witze zu reihen. Er greift nach einem Spaten wie die andern und schippt mit ihnen zusammen drauflos. ... . Doch wie sie sich auch abmühen, verflucht festgewachsen ist dieser Boden zwei Spannen schon unter der Erdoberfläche. Nie noch hat em Pflug feine -aut geritzt, seit Wochen kein Tropfen ihn durchfeuchtet. Es ist völlig ausgeschlossen, mit dem schwirrenden Gelichter da oben auch nur Halbwegs Schritt zu halten. „Vai Doamne! Hilf uns, Mutter Gottes!" Bukur, Nummer 6 der Bedienungsmannschaft, kraut sich, nichts Gutes ahnend, hinter dem Ohr. Schon schlagen die nächsten Granaten auf fünfzig bis sechzig Schritte ein. Mäh verfolgt sie aufmerksam, -orcht gespannt auf den entfernten Abschuß. Verdreht dann nach jeder Kopf und Ohr. Was die Mannschaft vor ihm voraushat, ihre Vertrautheit mit den Biestern, kann er nicht rasch genug nachholen. Bald, sehr bald macht es ihm keine Schwierigkeit mehr, aus dem Sauselaut der Geschosse Kurz- und Weitschüsse voneinander zu unterscheiden. Die einen sind fast so rasch wie ihr Schall. Im -u, sind sie da und auch schon zerplatzt. Man hat gerade nur Zeit, sich dort, wo man steht, zu ducken. Die andern sind vornehmer. Sie geben vernehmliche Warnungszeichen von sich, sooft sie vorübersausen. Man hat also Zeit, sich richtig vor ihnen zu verbergen. Man hat auch Zeit, ihre Explosion am drübern -ang, die Möß manchmal sehr eindrucksvoll findet, umständlich zu betrachten. Wenn mehrere rasch aufeinander folgen, könnte man fast meinen, es würden Regenschirme über einem aufgespannt ... Kurzum, dürfte Mäh wünschen, er wünschte sich auf hundert Weitschüsse nicht zehn kurze ... Nun ist da aber plötzlich noch etwas in der Luft, das ferne ganze Aufmerksamkeit auf sich lenkt. Es kommt von halblinks und überschneidet zuerst in hohem Bogen die Flugbahn der bisher scharf und flach herbei- slitzenden Geschosse. Durchwirkt sie dann dichter und dichter. Schließlich setzt es einen berstenden Schlag in die Nähe, daß er meint, die Erdkugel müsse zersprungen fein. Da weiß er: auch eine feindliche Schwere also hält unser Gebirgsfähnlein für massierte Artillerie. Prost Mahlzeit! trachtet das Vernünftigere wäre. So bleibt denn das Trüpplein im Feuer, das ist so gut wie abgemacht. Im Feuer, das in dieser Stärke und Hartnäckigkeit sicherlich nicht ihm allein gilt — was wäre das für eine dumme, ungerechtfertigte Kraftvergeudung! —, sondern einem an seiner Stelle vermuteten richtigen Artillerienest. Ruschill, Besitzer der silbernen Tapferkeitsmedaille erster Klasse, meint sogar, es werde ganz gewiß vom Fesselballon aus geleitet. Und feiner unbezweifelbaren Kriegserfahrung widerspricht niemand. Auch Möß nicht. Nein. Gerade der Umstand, daß der Fesselballon die Geschützmulde nicht ganz, nicht bis zur Talsohle selber einsieht, macht ihm die Täuschung des Feindes begreiflich. „Vorwärts! Vorwärts, Leute!" treibt Ruschill die Kanoniere In den beiden Gräben neben dem Geschütz zu bescheunigter Arbeit an. Notwendig ist es eigentlich nicht. Die zwei Mann, die in je einem Graben stehen, schuften sowieso, daß ihnen der Atem vergeht. Noch aber stehen ste erst hüstetief in der Erde, als ein erstes Feuergewitter sich krachend über der Mulde entlädt. Aus all ihren Schlünden speien die feindlichen Batterien herüber, was an Gift und Galle und Eisenhagel in ihnen aufgespeichert ist. Don vorn zischen in flachem Fluge Schrapnelle heran. Zerbersten über den sonnigen Hügeln, spritzen Zünder und Hülsen, Pulvergestank und Tausende von kleinen runden Kugeln die Hänge herunter. Von halblinks spucken schwere Granaten in steilem Bogen herein, schleudern hohe Crdfontänen in den Himmel, pflastern die Talsohle hinauf und hinunter mit rauchenden Näpfen. Mäuschenstill liegt die Mannschaft hinter dem Stahlschild des Geschützes und den Maulwurfshügeln der kleinen Gräben. Keiner rührt sich. Keiner sagt etwas Nur Telephonist Fischer, der mit Möß im rechten Graben kauert, weint leise vor sich hin: „Istenem, dräga j6 szent Istenem, müssen wir sterben?" Pferde, wegen der heftigen Beschießung der Mulde, ziemlich weit weggeführt worden. Wer es wagt, sie jetzt wieder heranzuziehen, verdoppelt voraussichtlich alle zu erwartenden Verluste. Zweitens hat Gerö das Geschütz auf die wichtigsten Ziele bereits eingeschossen — von einem Meierhof Urlow ist dabei immer wieder die Rede — und überhaupt pölwert er munter drauflos. Drittens besteht Möß heute feine Feuertaufe. Denn in richtigem, schwerem Artillerieseuer ist es noch nicht gelegen. In der Durchbruchsschlacht an der Zlota-Lipa sind sie ja kaum beschossen worden. Dort hatten sie nur nach Kräften mitgeholfen, selber chweres Feuer auf die feindlichen Gräben zu werfen. Heute nun scheint ich das Blatt zu wenden. Und da soll er gleich bei der ersten Geleaen- >eit, da seine Bewährung auf die Probe gestellt wird, mit dem Anliegen um Stellungswechsel an seinen Vorgesetzten herantreten? Nein, das kann er nicht. Selbst wenn es ganz kühl, ganz nur von außen de- Nach einer Ewigkeit banger, bitterer Minuten wechselt die Feuerwelle über die Hügel hinüber Einer nach dem andern hebt den Kopf in die Höhe, schüttelt den Erdstaub von den Schultern, mustert neugierig die rings klaffenden Trichter. Möß sperrt die Augen weit auf: keinem der braunen Gesellen wurde auch nur ein Haar gekrümmt, Gott sei Dank keinem! Zweimal, dreimal, viermal wiederholt sich dies Schauspiel den endlos langen Tag. Nach jedem Feuerüberfall wirft Gerö den ganzen Trumpf seines unversehrt gebliebenen, nach wie vor präzis arbeitenden Geschützes in die gegenüberliegende Waagschale der Schlacht. Wirft dazu die von Stunde zu Stunde sich steigernde Leidenschaft der schwer heim- gesuchten, wie ein Wunder noch heilen, verbisien rackernden Mannschaft. Freilich sieht sich der Feind gerade dadurch zu immer neuen Uebersällen aus die Mulde veranlaßt. Bedauerlich ist nur, daß sich die Infanterie im Meierhof Urlow trotz allem die Zähne ausbeiht. Sie kommt nicht voran. Es stellt sich gar heraus, daß dieser Meierhof eine echte, seldmähige Festung ist, ein von langer Hand schon für diesen Rückzug vorbereiteter Stützpunkt. Am Abend endlich, so vernimmt Möß aus den Gesprächen, die durch seinen Draht schwirren, soll die Infanterie zum Sturm einfetzen. Ader die Nacht naht, ohne daß man davon etwas zu spüren bekommt. Wohl leuchten Brände röter und röter über die Felder herüber, wohl erklimmen sie hoch die dunkle Himmelswand, daß die Sterne an ihr verlöschen. Doch das Gewehrseuer verliert merklich an Heftigkeit. Zuweilen schläft es sogar ein. * Noch den ganzen nächsten Tag hielt der Kampf an der Strypafront an. Alles blieb vorerst beim alten. Das Gebirgsgeschütz in seiner gefährdeten Mulde. Die Russen der Meinung, daß man die österreichische 2h. !- lerie durch Feuerüberfälle auf diesen Punkt in Schach halten müsse. Die Infanterie blieb mit der Nase vor dem Meierhof Urlow liegen. Als habe ein hüpfender Pflug, von scheu gewordenen Pferden gezogen, den Steppenacker aufgerissen, so sah es jetzt rings um Möß und feine Leute aus — infolge der vielen Gefchoßeinschläge. Einmal, als sie wiederum rasch nacheinander von mehreren Feuerwellen überschüttet wurden, stellte Möß mit Schrecken fest, daß seine Knie bedenklich zitterten und Angstschweiß auf seiner Stirne stand. Er hatte überhaupt das deutliche Gefühl, lange könne er es nun nicht mehr aushalten. Zu schwer lastete ein dumpser, sinnelähmender Druck auf ihm. Zu plötzlich war er in dies Teufelsloch geraten. Aber gab es einen Ausweg daraus? Gab es eine andere Möglichkeit für ihn als die, feine Ver- zweiflung und fein bebendes Herz, fo nahe es irgend ging, der guten Erde anzuvertrauen, die ihn schon bis jetzt freundlich geschützt hatte? War jetzt irgend etwas angezeigter, als sich so sest als möglich an die Grabenwand zu drücken, den Erdklümpchen zuzusehen, die nach jeder Erschütterung auf Rock und Hofe riefelten, und zu hoffen und zu hoffen? Auf alle Fälle waren es Stunden, möge man später, dachte Möß, Über sie sagen was man wolle, waren es Stunden voll Not und voll Harm. Aber es gab auch eine stolze. Am Spätnachmittag war die Infanterie zum Sturm geführt worden und hatte durchgestoßen. Der russischen Artillerie war nichts anders übriggeblieben, als schleunigst das Weite zu suchen. Doch ließ sie es sich nicht nehmen, noch einmal, aus einer entfernten Stellung, in den Kampf einzugreifen und Abschiedsschrapnelle herüberzusunken. Sie krepierten genau wieder über der kleinen Mulde, allerdings hoch in den abendlichen Lüften. Da riß Möß militärisch stramm seine Hacken zusammen und hob die Hand an den Schirmrand seiner Mütze. Und damit wollte er sagen: Recht so, Muski, Muskali! Ihr wißt, was sich schickt. Gabt mir den ersten Gruß gestern, gebt mir den letzten heute. Eine Feuertaufe, die sich gewaschen hat. Doch nun macht, daß ihr fortkommt und bleibt sobald nicht wieder stehen. Es ist höchste Eisenbahn. Avanti! Muski, Muskali! Und wirklich, damit war der Schrecken aus der trichterreichen Mulde gewichen. Wie wölbte sich wieder in mildem Licht über ihr der runde Himmel, seit die Geschosse ihn nicht mehr zerzausten und zerpflückten! Die Bitternis fiel ab, Stück für Stück. Wie Fetzen konnte man sie vom gemarterten Leibe reißen. Man faßte wieder Vertrauen zur Schöpfung. Man sah die Zukunft, deren Tore zwei Tage lang mit eisernen, ja wahr- hastig mit eisernen Riegeln versperrt gewesen waren, sich wieder herrlich, ach herrlich auftun. Man schmiedete wieder Pläne. Man freute sich wieder auf Jahre, die es vielleicht doch noch gab ... Gerö kam herbei. Und seine klare, reife, im Beobachtungsstand uner« schlittert gebliebene Sicherheit strömte nun ebenfalls auf den Knaben ein. Dabei wechselten sie kaum einige Worte. Möß hatte ja keine Ahnung, wie so etwas, was sie erlebt hatten, überhaupt zu erzählen fei. Auch die abgekämpfte Mannschaft drückte sich wortlos um die beiden herum. „Kinder!" fuhr da Gerö aufheiternd in den Schwarm, „ihr seid heute, scheint mir, wieder einmal ausgezeichnet worden." Fragend hingen die Blicke an ihm. „Nun ja", sagte er und zeigte auf die rings gähnenden Trichter, „gibt es denn schönere Orden für euch als diese da?" Am nächsten Morgen hört Möß ein sonderbares Trommeln über seinem Kopf. Er öffnet die Augen, aber sehen läßt sich nichts. Er hebt den Arm — da stoßt er gegen eine feuchte Wand. Regentropfen fallen ihm ins Gesicht. Ach so! Gerös Bursche hatte während der Nacht, als es zu regnen begann, beide mit einer Zeltbahn zugedeckt. Im Regen setzen sie den Vormarsch nach Osten fort. Im Regen über das Schlachtfeld von Urlow. Dieser graue, immerfort fallende Vorhang tut eigentlich wohl. Tut wohler jedenfalls, als Maß bei Anbruch des Morgens befürchtet hat. Versucht er nicht, zartfühlend, einen Schleier um Dinge zu hüllen, die man am besten nicht sieht? Als habe man gestern und voraestern den schweren Kampf nur hinter den Kulissen her verfolgt, genau so ist es, und trete jetzt erst auf die offene Bühne, die noch alle Spuren der grausigen Ereignisse bewahrt. Der Meierhof — endlich sieht Mäh den vielgenannten Meierhof Urlow — liegt auf einer Bodenschwelle jenseits der Strypa. Die ist hier, an ihrem Oberlauf, nicht größer als ein Wiesenbächlein. Spärliche Baumgruppen umstehen die weitläufigen Wirtschaftsgebäude, dürre, zerzauste Akazien. Ragen sie mit ihren hilflos hängenden Armen in der nebeligen Ferne nicht wie trauernde Gestalten eines Kalvarienhügels in den Tränenhimmel? (Fortsetzung folgt.) Wach auf! Von Diemar M 0 ering. Die Nacht verraucht, ein Stern verglimmt, Im Frührot licht die Wolke schwimmt — Wach auf! Im Dorfe kräht der Hahn, Am schilfnen Strand wiegt sich mein Kahn. Wach auf, o süßer Rosenmund! Wach auf! Im Hofe bellt der Hund — Wach auf! Wir haben uns geliebt — Nie fei dein Herz von Not getrübt — Wach auf! Die Nebel wallen grau — Wach auf! Die Wiesen netzt der Tau — Wach auf! Die kühlen Winde wehn — Nun muß ich gehn auf leisen Zehn — Am schilfnen Strand wiegt sich mein Kahn — Wach auf! Im Dorfe kräht der Hahn. Die Nacht verraucht, ein Stern verglimmt — Ins Frührot licht die Wolke schwimmt. Wateten über dem Montblanc. Von Anton Schnack. Als die Gäste des Hotels „Zum Engel" von Courmajeur sich im Speisesaal an den Tischen niedergelassen hatten, klopfte ein junger Italiener. der Marchese Ernesto del Carretto, an sein Glas und erhob sich, da er alle Augen auf sich gerichtet sah und das Geplauder und der Lärm von Messern und Gabeln verstummt waren. „Entschuldigen Sie vielmals, meine Damen und Herren, daß ich mir erlaube, Sie zu stören: aber ich muh Sie alle um ihren Beistand bitten, von dem es abhängt, ob ein Unternehmen durchgeführt werden kann, das in der Geschichte der Bergbesteigungen und Bergeroberungen einzig dastehen dürfte. Wenn Sie uns helfen, wird es in Zukunft in den Alpen einen unersteigbaren Gipfel weniger geben. Sie kennen alle vom Sehen den unbesiegten Viertausender, die wunderbare Nadel der Aiguille du Geant in der Montblancgruppe. Bis jetzt hat dieser furchtbare Felsenzahn mit den zwei Spitzen jede Eroberung abgeschlagen und unmöglich gemacht. Nun soll feine eisige Jungfräulichkeit mit Hilfe der Technik und der Wissenschaft bezwungen werden. Menschlicher Fuß und menschliche Hand allein werden es niemals fertigbringen, die abschüssigen und riß- losen Wände des Berges zu überwältigen. Aber der unermüdliche menschliche Geist hat andere Mittel sich ausgedacht. Diesen Mitteln wird der grauenhafte Stein nicht widerstehen können. Ich möchte Sie, meine sehr verehrten Damen und Herren, bevor ich näher darauf eingehe, mit dem Urheber dieser Idee, mit Herrn Giuseppe Filippi bekanntmachen." Unter dem lauten Beifall der Tischgäste erhob sich der braune, scharfgeschnittene Kops eines anderen Italieners, der sich nach allen Seiten mit liebenswürdigem Lächeln verneigte und den Eindruck eines Willensstärken, ehrgeizigen und zähen Menschen machte. Der Marchese deutele aus Filippi und fuhr in seiner Ansprache fort: „Herrn Filippi ist die Anregung zu verdanken, unzugängliche Berggipfel wie die Aiguille mit der Rakete zu erobern. Von ihm angeregt, beraten und mit Geld unterstützt, ist es dem Cavaliere Bertinetti aus Turin gelungen, eine Vorrichtung zu bauen, die es ermöglicht, ein schweres Kletterseil weit über hundert Meter hoch zu schleudern und dabei eine genaue Zielrichtung einzuhalten. Dieses Meisterwerk der Technik ist nun in Courmajeur ein- getroffen" ... „Sehen lassen, sehen lassen", schrien verschiedene Gäste dem Sprecher zu. „Ich bitte noch etwas um Geduld", beschwichtigte Carretto die Neugierigen", geplant ist, den Raketenapparat auf der Firnfläche des südöstlichen Bergstockes der Aiguille aufzustellen und das Seil durch die Gipfelscharte zu schießen, damit es auf der Nordwestseite der Pyramide niederfällt. An diesem Seil wollen wir hinaufklettern, da der abgeplattete Fels keine andere Möglichkeit der Besteigung gestattet. Aber wenn wir nur schon so weit wären", seufzte der Sprecher, „leider sind unsere Geldmittel erschöpft. Zwar hat sich die Liebenswürdigkeit des großen englischen Alpinisten Lord Wentworth bereit erklärt, den ganzen Proviant für die Träger zu stiften, aber bas genügt noch nicht. Ich will deshalb offen zu ihnen reden, meine Damen und Herren, offen ist die Sprache der Menschen, die die Berge lieben. Wir haben zur Bestreitung der Führer- und Trägerkosten noch 260 Franken nötig, sonst scheitert das ganze Unternehmen oder muß verschoben werden, bis wir die fehlende Summe zusammengespart haben." „Es darf weder fcheitern noch verschoben werden", schrie einer der begeisterten Zuhörer und warf ein 20-Frankstück klingend in einen Teller auf dem Tische. „Ganz recht", dankte lächelnd Carretto, „das Unternehmen darf nicht fcheitern, und ich sehe an Ihrer Begeisterung, daß es nicht scheitern wird." Mit diesen Worten ergriff er ebenfalls einen Teller und sprach weiter: „Solchermaßen ermutigt, gestatte ich mir eine kleine Sammlung zu halten, die ich aber keineswegs als Belästigung aufzusassen bitte. Jeder, der gibt, hat einer großen Idee, einem hohen Wollen und einem heldischen Augenblick gegeben!" Dann ging der Marchese von Tisch zu Tisch und es dauerte nicht lange, so lagen über 260 Franken im Teller. Auch der Wirt des Gasthofes hatte sich an der Sammlung beteiligt, ebenso der Gemeindesyndikus Ottoz und der Gemeindesekretär Ruffier, die, im Gegensatz zu den Einheimischen, den seltsamen Plan unterstützten, weil sie sich vom Gelingen Weltruhm und Zulauf versprachen. Der Apparat, der den Hotelgästen gezeigt wurde, war nach dem Muster eines Raketenapparates zur Rettung Schiffbrüchiger gebaut worden. Die Raketen hatten eine besonders starke Ladung: denn das schwere Seil mußte mindestens 120 Meter hoch getragen werden. Bei i)en Schießproben in Turin war diese erreicht worden Die Steigungs- lähigkeit genügte, denn der Höhenunterschied zwischen der Firnfläche und der Scharte betrug nicht mehr als die Steigungshöhe der Rakete. Man konnte den Apparat wie eine Kanone richten und einfteUen. Das vierhundert Meter lange und sorgfältig gedrehte Seil war in einen besonders starken, keilförmigen Karton gelagert, der mit der Rakete verbunden war. Das Seilende war durch ein zwei Meter langes Drahtseil mit dem Kartonboden verknüpft, dieses Drahtseil war hinwiederum durch ein anderes Seil aus Hans, bas besonbers biet war unb eine Länge von 150 Metern hatte, in den Firm und Fels verankert. Der Spielraum, der den verknüpften Seilen gegeben war, hatte mehr als die doppelte Länge der Wandabstürze, die Nordfeite und die Südoftfeite zusammengerechnet. Besondere Aufmerksamkeit war der Stärke unb Güte der Seile geschenkt worden; denn von ihnen hing hauptsächlich das Gelingen des Abenteuers ab. Man hatte vorher Zerreißproben angeftellt und sie großem Belaftungsdruck unterworfen: die Seile waren tadellos und ohne Fehler. Am 12. Juli 1878 brach die sonderbare Kolonne zur Eroberung der Aiguille auf. Courmajeur hatte einen großen Tag unb war von Neugierigen aus ber ganzen Umgebung überlaufen. Einheimische und Fremde hatten sich vor dem Hotel- versammelt und brachten den Alpinisten mit ihrer Kanone stürmische Kundgebungen. Nur ein Teil ber Bergführer und der einheimischen Träger nahm nicht an dem vorhergespendeten Beifall teil; die einen glaubten nicht daran, daß man die furchtbaren Wände der Aiguille durch reine Seiltietterei überwinden könnte, die anderen glaubten schon daran, aber hegten insgeheim die Hoffnung, das Unternehmen möge fcheitern. Sie sagten sich nämlich, wenn es gelingen würde, die Aiguille auf diese Art und Weise zu erobern, bann seien Bergführer für bie Zukunft bei schwierigen Unternehmungen überflüssig. Die Gruppe ber Alpinisten bestaub aus ben Italienern Carretto unb Filippi und dem Engländer Lord Wentworth und einer Frau, die in Bergsteigerkreifen einen guten Namen hatte, es war Jola Caccia Rey- naub. Als Führer gingen Sanier Vater unb Sanier Sohn mit, ferner Emil Rey, Proment unb 8. Sich. Drei Maultiere trabten, geleitet von einem Dutzend Träger, hinterdrein und schleppten die Seile, die Raketen, den Proviant und die anderen notwendigen Dinge für ein großes Bergunternehmen. Die Gruppe übernachtete in einer Berghütte an ber Aiguille du G6ant, wo man sich über bie Frage unterhielt, in welcher Drbnung bie Erkletterung vor sich gehen sollte. Der junge Sanier rühmte sich vor allem seiner Kletterkunst unb wollte unbebingt ber Erste am Seil sein. Er beftanb auf feiner Sortierung mit solchem Nachdruck, daß er es sogar zu einer Angelegenheit der Beteiligung oder Nichtbeteiligung machte. Gut, er sollte der Erste sein, als nächster wurde der Marchese bestimmt, die weitere Reihenfolge sollte an Ort und Stelle getroffen werden. Ein wunderbarer Tag brach mit dem 13. Juli an, ungetrübt, windstill, blau und von prächtiger Fernsicht, aber es war doch ein dreizehnter. Noch im Silbergrau des aus der Sternennacht sich lösenden Tages marschierten die Führer Rey und Proment, von zwei Trägern begleitet, zur Nordseite ber Aiguille ab. Sie hatten ben Auftrag, bas über bie Scharte geschossene unb über bie Wanb nieberfaUenbe Seil auf* zufangen, zu sichern unb zu verankern. Eine Erkletterung hatten sie zu unterlassen. Alle anderen Teilnehmer strebten dem Eis- und Schneefelb zu, bas an der Südostseite des Gipfelabsturzes lag. Um neun Uhr morgens war die Firnfläche erreicht und um zehn Uhr war der Apparat an der günstigsten Stelle, unmittelbar unterhalb der Wand, aufgestellt. Der Tag hatte seine Abenteuerlichkeit: von Courmajeur und Chamonix waren Gruppen von Bergsteigern heraufgekommen unb umsäumten, erwartungsvoll und gespannt, den Apparat, der einen neuen Abschnitt in ber Geschichte ber Bergeroberungen beginnen sollte. Die spitzzulaufenbe Nabel, bie keinen Riß unb keine Narbe in ihrem steinernen Bau zu haben schien, stand eisig und abweisend in der dunkler werdenden Bläue, die diesen merkwürdigen Tag segnete. Filippi war sehr aufgeregt, als er die erste Rakete auf die Safette brachte und den Sauf richtete. Als er bie enbgültige Richtung getroffen hatte, traten alle heran unb gaben ihre Meinung ab. „Ich glaube, jetzt ist bie Richtung gut", sagte Filippi zu ben Um= stehenben. „Ich würbe sie hoher richten", bemerkte ber Marchese. Da aber fein Zweifel von keinem gebilligt wird, bleibt bie Sage ber Rakete unb bie Richtung bes Rohres unoeranbert. „Nun also in Gottes Namen los!" Der schweigsame Englänber hatte biefe Worte gesprochen, auch ihn packten ber Zauber bes Augenblicks unb bie Abenteuerlichkeit bes Ortes unb des Unternehmens. Filippi zündete selbst mit zitternder Hand die Bunte an unb währenb sich bas Feuer an bie Rakete Heranfratz, ftanben alle wortlos unb feierlich hinter bem Apparat. Manche hatten ihre Kopfbebeckung abgenommen, als ob sie einer heiligen Hanblung beiwohnten. Eine kleine Flamme zischt auf, bas Schutzgeheul wirft sich an bie Wanb unb löst bie Erstarrung ber Umstehenben, bie in begeisterte Ruse ausbrechen. Die Rakete steigt empor, Meter für Meter, bas schwere Seil rollt sich auf unb zieht wackelnb unb schwänzelnb hinterbrein, aber Carretto hatte recht, Enttäuschung kommt in bie Gesichter, ber Kopf bes Geschosses schlägt an bie Steinroanb, weit unterhalb ber Scharte, prallt ab, schleudert das Seil zurück, das klatschend in einer großen Schleife nach links herunterfällt, während das Echo des Schusses noch in den Ewigkeitsgründen der Berge verrollt. Es dauert eine Weile, bis das Seil wieder in Ordnung und für den zweiten Abschuß hergerichtet ist. Filippi läßt sich auch den zweiten Schuß nicht nehmen, nur folgt er diesmal den Angaben des Marchese und stellt den Lauf höher und steiler ein. Diesmal wird das Seil wunderbar gleichmäßig emporgetragen, es steigt dreißig Meter, fünfzig Meter, achtzig Meter, es hat hundert Meter erreicht und strebt der Scharte zu, doch Filippi stampft wütend mit bem Fuß in ben Schnee. Warum? Die Rakete überfchießt bie Scharte und schlägt an die Felsen des südlichen Gipfelzackens an, prallt ab und saust zum zweiten Male zurück. Nun sieht Filippi ein, daß er keine glückliche Hand hat. Er gibt die Leitung an Carretto ab, der die Vorbereitungen für den dritten Raketenschutz trifft Und wieder glüht die Lunte, und wieder brüllt der Knall in das ewige Schweigen, poltert und kracht, entfernt sich, kommt näher und erstirbt in einem dutzendfachen Echo in der Ferne. Auf der anderen Seite der Aiguille haben Emil Rey und Proment die Augen auf den Riesenobelisken gerichtet, der fast lotrecht und schrecklich glatte Wände herunterjagt. Rey liebt die kühne Radel, letztes Heber« bleibsel vorgeschichtlicher abschleifender Gletscherarbeit, die letzte Säule eines zusammengebrochenen Bergaufbaues, der von den Kühnsten be- rannt, immer noch unbesiegt blieb Ahnt er etwas? Er kennt die Radel, er hat sie schon bestürmt und er muhte wieder unverrichteterweise, Steinschläge hinterdrein, von ihr weichen. Ahnt er etwas? Ahnt er, dah sie ihn, viele Jahre später, von sich schleudert und ihn zerschmettert? Heute wartet er nur auf die Rakete, die ist einmal etwas anderes als Steigeisen und Pickel, vielleicht läßt sich ein Berg auch auf diese Weise erobern, obwohl es nach seiner Ansicht keine edle Art ist. Auch Proment hat keine gute Meinung von dieser Bergeroberung und außerdem glaubt er an den dreizehnten. Proment hat es im Gefühl, dah der dreizehnte ein dreizehnter ist, der nichts Gutes und Gerades beschert. Reys scharfer Vogelblick hängt an der Scharte. Die Aiguille ist seine große Sehnsucht und an einer großen Sehnsucht ist schon mancher Mann zugrunde gegangen, ob das nun das Meer, ein tropisches Land, eine Frau oder eine unerreichbare Bergspitze ist. Vielleicht hört er im Innern eine Stimme: Rey, hüte dich vor der Aiguille, Rey, nimm dich in Acht, aber für Einflüsterungen ist jetzt keine Zeit, denn gerade über der Scharte erscheint, während noch der Schuß als Echo in den Wänden herumläuft, die Rakete mit der Seilschlange. Sie hat gute Richtung und diesmal wird sich das Seil in die Scharte legen und an der Nordseite herunterfallen. Sie spucken sich in die Hände, um es fest zu fassen, aber als sich das Seil gerade auf die Gipfellücke legen will, bäumt es sich widerwillig und in mächtigem Bogen auf, wirst den langen Hals zurück und verschwindet wieder aus der Scharte und dem Blick von Rey und Proment. Der Tag war nicht umsonst ein dreizehnter. Das Seil war weit hinter dem Apparat niedergestürzt und brachte Niedergeschlagenheit und Hoffnungslosigkeit in die Männer. Der Gipfelwind, an den man weder gedacht hatte noch mit dem man gerechnet, hatte mit einem ungeheueren Stoß das Seil von feinem Ziele abgewehrt. Nun lag es wieder im Firn und mußte zusammengerollt werden, während von hochoben her, vom stolzen Gipfel der Aiguille lautes Heulen und Pfeifen johlten Der Wind fang seinen Sieg, und die Aiguille stand ferner und unerreichbarer denn je vor menschlicher Sehnsucht. Die Rakete mit dem Seil erschien nicht mehr über der Scharte, obwohl noch fünf Schüsse abgefeuert wurden, zwei platzten vorzeitig und brachten das Seil überhaupt nicht zur Entwicklung, die anderen verfehlten bei dem stärker werdenden Wind die Richtung: die Eroberung war gescheitert. Die Kolonne stieg wieder nach Courmajeur ab. Ewigkeitsruhe lag weiterhin um die wunderbare und jungfräuliche Spitze, bis der Sommer des Jahres zweiundachtzig anbrach. Unter dramatischen Ereignissen bestieg sie der kühne Maquinaz, es war die nördliche Gipfelspitze und ihn begleiteten die italienischen Brüder Sella. Kurz darauf bezwang der Engländer Graham, begleitet von Payot und Cupelin, die südliche. Menschliche Hand und menschlicher Fuß hatten das Unglaubliche vollbracht. Tanz und Tod bei den Kopfjägern. Ein Reisebericht über Riederländifch-Reuguinea. Von Hans Nevermann. Im Auftrage des Berliner Museums für Völkerkunde hat der Verfasser 1933 und 1934 eine Forschungs- und Sammelreise in die Südsee, vor allem nach Niederländisch-Neuguinea, unternommen, über die er in dem in der Union Deutschen Verlagsgesellschaft Stuttgart - Berlin - Leipzig erscheinenden Buch „Bei Sumpfmenschen und Kopfjägern" berichtet. Der Darstellung Nevermanns über seine Erlebnisse im äußersten Zipfel van Frederik-Hendrik-Eiland, das bisher noch kaum von der europäischen Zivilisation berührt ist, entnehmen wir den folgenden Abschnitt. In Kladerdam ist heute trotz der Moskitos alles Volk vor den Häusern. Was die Ankunft der Europäer nicht vermocht hatte, wird heute durch die Aussicht auf Tanz erzielt. Kaum ist es dunkel, als die Holzfeuer neben dem Tanzplatz beim Haufe Muirambu aufflammen und die Trommeln gestimmt werden. Auch hier wird zuerst der Ngati gesungen, den man aus Komolöm gelernt hat, bann aber der einheimische Watschib. Die Männer wippen die ersten Takte nur mit den Knien und die Mädchen, die ihnen gegenüber in einer Reihe stehen, springen dazu gerade auf der Stelle hoch und wiederholen das mit schneller Geschicklichkeit. Dann wird zum Klang der Trommeln und zum Gesang auf und ab marschiert, so daß einmal die Männer und einmal die Mädchen voraufgehen. Nie aber blicken sich die beiden Gruppen dabei an. Der Zwischenraum zwischen den Jünglingen und Mädchen verringert sich allerdings mit der Zeit immer mehr. Zwei Mädchen legen beim Tanzen einander die Hände auf das Kreuz und wechseln bann beim Umkehren. Währenb sie heute morgen noch kurze Haare trugen, haben sie nun eine Netzkappe aufgesetzt, an ber Bastzöpfchen hängen, damit sie beim Springen die Haarverlängerungen ebenso fliegen lassen können wie diejenigen, die sie stets an ihre echten Haare es auch einen Watschib, dessen Text aus Kawe und besten Melodie aus Wangambi stammt. Mit viel Begeisterung wird ein neuer Watschib von Murwa ange- timmt, der ein Spottlieb auf ben Mann Tschamu ist. Tschamu hat nämlich die Tochter seines verstorbenen Bruders adoptiert und groß- gezogen und beging bann bie auf Freberik-Henbrik-Eilanb unerhörte Schamlosigkeit, bas Mäbchen zu heiraten. Von seinen Dorfgenossen würbe ofort ein Spottlieb auf ihn gebichtet, bas nun auf ber ganzen Insel bis nach Tschuam hin bekannt ist, unb Tschamu, ber selbstherrlich bie alten Sitten verleugnen wollte, ist nun schwerer burch bie allgemeine Verachtung gestraft, als es jemals burch einen Urteilsspruch möglich gewesen wäre. Um Tschamus Vergehen in feiner ganzen Schwere zu erfassen, muß man bebenfen, baß überall in Südguinea und auf Frederik- Hendrik-Eiland die Adoption eine gewaltige Rolle spielt. Es ist schon bei ben Marinb-anim fast unmöglich, von einem Menschen zuverlässig genau u erfahren, ob die Leute, die man im Dorf als seine Eltern bezeichnet, eine wirklichen ober seine Pflegeeltern sind, beim man wahrt das Geheimnis unverbrüchlich und läßt bie Kinber nie die Wahrheit erfahren. Höchstens kann adoptierten Kindern auffallen, daß sich die von ihnen nicht erkannte wirkliche Mutter unb ber Vater mehr um ihr Wohlergehen kümmern als es beliebige Dorfgenossen wohl tun würben. Wirklich schwierig wirb bie Klärung ber Verwanbtschastsverhältnisse aber erst bann, wenn bie Kinber zu Erwachsenen geworden sind und heiraten wollen. Sie nehmen bann meistens an, baß sie zur Grohfamilie ihrer Pflegeeltern gehören, und nun müssen die Alten im Dorfe aufpassen, daß sie nicht jemand aus der ihnen zur Heirat verbotenen Großfamilie ihrer Eltern suchen und damit eine der schwersten Sünden begehen, die die Eingeborenen kennen. In Kladerdam selbst sind der Hungersnot wegen keine Kinder adoptiert worden, wohl aber haben die Leute von Mombum, bei denen das Aboptionssystem besonders verbreitet ist, Kinder aus Jnungaliam und Kladerdam angenommen, unb so bekennt sich z. B. ber Kladerdam-Mann Siwer, unter vier Augen befragt, bazu, sein Kind dem Mombum-Mann Nangifib und dessen Frau Baswa anvertraut zu haben. Ein Mann von Tordam stimmt einen Watschib an, der in seinem Dorf entstanden ist, und begeistert fallen die Kladerdamer ein: „Ihr merkt noch nichts, aber wir zahlen es euch noch heim, Wir zahlen es euch noch heim, und darum schreit nicht so stolz!" Es ist ein Kriegslied von Tordam, das sich gegen die Leute von San» binam richtet, und hat eine bewegte Vorgeschichte. Vor Jahren zogen nämlich bie Leute von Kariram, ßember, Kawe, Wetau, Murwa und Tjibendar aus, um sich Schädel zu holen und baten die Leute von Tordam, ihnen den Weg nach Jnungalnam zu zeigen. Tordam nahm bie Einlabung zur Kopfjagd an und brachte die Kariram-Leute im Morgengrauen nach Jnungalnam, das meuchlings überfallen wurde. Die Kariram-Leute mit ihren Verbündeten erbeuteten dabei viele Schädel und waren so von dem vergossenen Blute berauscht, daß einer von ihnen, ber auf seine Stärke besonders stolz war, zwei kleinen Mäbchen aus Jnungalnam besaht, sich hintereinanber aufzustellen, unb beide, zugleich mit einem einzigen Pfeilschuß tötete. Was aus Jnungalnam fliehen konnte, rettete sich nach bem benachbarten unb befreunbeten Kandinam. Hier griffen bie Männer sofort zu ben Waffen unb zogen mit ben Geschlagenen den Siegern nach, die nun von ihnen auf bem Rückmarsch überfallen wurden. Dabei fiel nur ein Mann von Kandinam, aber viele von ben Kopfjägern aus Kariram. Zur Rache verzehrten bie Krieger von Kanbinam einen Kariram-Mann, unb bie Leute von Jnungalnam nahmen seinen Schöbet mit in ihr verwüstetes Dors. Danach blieb alles etwa ein Jahr lang ruhig, aber in Jnungalnam unb Kanbinam begann man immer mehr, ben Tordamern zu grollen, weit sie ja erst den Feind ins Land gebracht hatten und an allem schuld waren. Eines Tages erschien nun aber der japanische Abenteurer G. Wada auf einem Segelboot mit den timoresischen Matrosen Seleiman, Karel, Tino unb Paulus unvermutet vor Kandinam und forderte selbstherrlich Kopra ein. Er erhielt zur Antwort, hier sei nichts vorhanden, weil die schlechten Leute von Tordam sich schon der Kopra von Kandinam bemächtigt hätten, er könne aber so viel haben, wie er nur wolle, wenn er mit seinen Gewehren zusammen mit den Kandinam-Kriegern gegen Tordam vorgehen wolle. Der Japaner ging darauf ein unb begleitete bie Krieger von Kanbinam gegen Tordam. Der Ueberfall glückte nicht so recht, aber immerhin gelang es einem Kanbinamer, einem überraschten Mann von Tordam sein Pfeil- bünbel in den Leid zu stoßen, und die übrigen Krieger fingen zwei kleine Mädchen, die sie mit nach Hause nehmen und adoptieren wollten. Eins von ihnen lebt heute noch in Kandinam, während das andere nach Jnungalnam weitergegeben wurde unb dort bald nachher starb. Nun fühlten sich die Tordamer verpflichtet, diese Schande wieder gutzumachen, warteten aber, bis der gewissenlose Japaner aus Nimmerwiedersehen verschwunden war. Dann' begannen sie sich zu rüsten, unb einer von ihnen ersann das neue Lied: „Ihr merkt noch nichts, aber wir zahlen es euch noch heim, Wir zahlen es euch noch heim, unb barum schreit nicht so stolz!" Und als eines Morgens zwei Männer von Kanbinam nichtsahnenb am Ufer bes Charkarflusfes zwischen Kandinam unb Tordam entlanggingen und Zuckerrohr tauten, wurde es hinter alten Kokuspalmblättern lebendig, unb fast gleichzeitig fuhren beiben Pfeile der Torbam-Krieger in ben Leib. Einer war sofort tot, aber die Tordamer konnten seinen Kopf nicht mitnehmen, weil sie kein Messer hatten, unb der andere schleppte sich noch bis zum Dorf. Kandinam wagte nicht mehr Rache zu nehmen, und Tordam hatte durch diese „Heldentat" seine Ehre wiedergewonnen. Seitdem ist alles ruhig geblieben, und wenn auch die beiden Dörfer nichts miteinander zu tun haben wollen, regen sich die Leute von Kandinam doch nicht mehr über den Watschib-Text auf unb fingen ihn bisweilen sogar selbst zum Tanze. Für Torbam aber gilt er als bas Lied, bas seinen Ruhm verkünbet, und die Begeisterung der Tänzer ist auch heute abend wieder grenzenlos. angeknotet tragen. Die älteren Leute, denen die gute Sitte das Tanzen verwehrt, sehen mit uns zu. Selbst bie Zuschauer [mb in zwei Gruppen getrennt, benn nur bie Männer setzen sich zu uns, unb die Frauen hocken jenseits der Tänzer und Tänzerinnen. Von ben älteren Männern wird mir bei jedem Watschib gewissenhaft bie Herkunft angegeben. Viele stammen aus dem Kariram-Gebiet von Wetau, Kawe, Pember unb Kariram selbst, anbere aus Bamuro unb Wangambi unb einer sogar von Tschuam. Einmal gibt Derantwortlich: l)r. HanS Thyriot. — Druck und Derlag: Brühl'sch e UniversitätS-Buch- und Lteindr uckerei. B. Lange, Gieße»