GiehenerKmilklivMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang V>56 Montag, den 26. Oktober Nummer 83 Die Halsbandgeschichte Erzählt von Wilhelm Schäfer Copyright by Albert Zangen / Oeorg Müller Verlag, München 4. Fortsetzung. Ganz aber zeigte sie den Bürgern die edle Anmut ihres Herzens, als sie mit ihrem Grafen ins Haus des Staatsrats und Präsidenten Surmont ging. Dem war es in den Jahren nicht gut gegangen, weil ihm durch Feindschaft seine Aemter genommen worden waren, so daß nur selten jemand noch den Weg ins Haus fand. Um so peinlicher hielt die Jeanne auf den Besuch und daß es ihr erster war. Sie fand die lebenslustige Frau von damals blaß und fett, den Präsidenten mürrisch und vom Zipperlein gequält in Decken und auf dem Diwan liegend. Sie streichelte ihm wie eine Tochter die weißen Strähnen aus dem welken Gesicht und küßte ihn, sich niederlassend in die Knie, auf feinen bitter verzogenen Greisenmund, so daß ihm in die alten Trinkeraugen noch einmal ein schwaches Leuchten kam von damals, als er wie heute mit einem kranken Bein ans Bett gebunden war, und ihm fein liebes Eidechslein mit einem Buch fo manche Nacht verkürzte. So spielte das Theater der Jeanne ihr Stück mit großer Dekoration zum vorbestimmten Schluß. Sie war die Königin von Bar-sur-Aube; und ob sie es nur für Wochen war, und ob die Bürger das Märchen mit verlegenem Spott begleiteten, das ihre Augen doch nicht ableugnen tonnten: sie war die Königin in Gold und Seide, im Geist und zarter Freundlichkeit, und tat die königlichen Werke; und daß das einzige Zeichen bestehen blieb, wodurch die echten Königinnen sich unterscheiden, daß ihnen aus der Gewohnheit der Jahrhunderte der Glaube an ihre königliche Mission durch keinen heimlichen Spott bezweifelt wird: das war nicht ihre Schuld. Die Königin. VII. Denn nun begann das Welttheater, dazu die La Motte nur das freche Vorspiel geleistet hatte. Ob sie und die Genossen ihrer Schwindeleien auch weiter mitzuspielen genötigt wurden: die eigenen Streiche waren aus. Ende Juli erhielt die selbstgekrönte Königin von Bar-sur-Aube durch ihren Hofmeister in Paris, den Pater Loth von den Minimenbrüdern, die Meldung, daß der Kardinal aus Zabern plötzlich zurückgekommen und ungehalten sei, sie nicht sogleich zu finden. Sie promenierte gerade in den schönen Gürten der Abtei Clairvaux, vom Abt Maury und allen Würdenträgern als Kirchenfürstin durch Rohans Gnaden ehrfürchtig unterhalten, als der Bote mit dem Brief des Paters kam: Der Kardinal ist in Paris und wünscht mich dort zu haben, bemerkte sie leichthin und lächelnd. Ich werde moraen reifen; doch mein Gemahl bleibt hier. Mein Sekretär Billette ist alles, was ich brauche! Sie fand den Kardinal verdrießlich; auch von der ersten Gicht gequält und mißtrauisch, weil die Königin das Halsoand noch nicht getragen hatte, was auch den Juwelieren sehr ausgefallen war. Die Gräfin, die den Leichtsinn hatte, sich immer auf den Augenblick und seinen Einfall zu verlassen, sagte bitter, indem sie nach ihrer Gewohnheit bei heiklen Dingen ihre Fingerspitzen prüfte: sie bedauere sehr, so ehrenvoll es für sie fei, sich in den Handel eingelassen zu haben. Sie könne ihm nicht mehr verschweigen, daß ihr die Launen der Königin noch weniger als ihm besagten. Daß sie den Kardinal noch nicht empfangen habe trotz jenem Abend in Versailles, aus einer unnützen Feigheit vor Breteuil, sei das Geringste: Sie habe das Halsband in einer raschen Neigung angeschafft, sei aber um die Mittel durchaus verlegen, es zu bezahlen, und suche nun nach einem Grund, es wieder zurückzugeben — zumal sie gar nicht die Kühnheit hätte, es vor den Augen des Königs anzulegen, solange es noch unbezahlt fei. Sie wisse freilich von einer Kammerfrau, daß sie es in der ersten Nacht gar nicht von ihrem Hals gelassen habe. Sie habe nun einen Vorwand gefunden, es zum 1. August den Juwelieren zurückzugeben, indem sie verlange, daß der Kaufpreis um zweimalhunderttausend Livres ermäßigt würde. Sie selber, die Gräfin de la Matte, habe schon aus Treue gegen ihren Wohltäter abgelehnt, diese unbillige Bedingung zu übermitteln. Das sei dann auch der Grund, weshalb er nichts mehr von der Königin höre; sie habe geglaubt, daß unterdessen eine andere Person gefunden wäre, willfähriger als sie; sie sehe nun, daß das aus Gründen, die sie nicht wüßte, unterblieben sei. Sie habe ihre Kräfte überschätzt, an ihren Einfluß bei dieser unberechenbaren Königin zu glauben; sie hätte sonst niemals die Eminenz in diese aufregenden Dinge hineingebracht, darin sie kein Werkzeug ihm zum Segen geworden sei, wie sie es aus inniger und treuer Dankbarkeit gewünscht habe. Sie war im Sprechen zuerst bitter gewesen, nachher wehleidig geworden und saß zum Schluß in stillen Tränen, nicht fähig, noch zu sprechen, nur müde und aus dem Herzensgrund verzweifelt. Der Rohan sah den Faden schwächer werden und zerreißen, der ihn der Königin verband; und ohne Besinnung griff er zu: Er könne weder die Königin noch sie in diesen Verdrießlichkeiten stecken lassen; er wolle für den Nachlaß bei den Juwelieren forgen, wenn die Königin das Halsband ernstlich zu behalten wünsche. Als die Jeanne am Abend ihrem blonden Billette diese Unterredung zum besten gab, war sie schon wieder unbekümmert, wie in der besten Zeit. Sie sah nun deutlich, wie sie an dem gefürchteten Termin der ersten Zahlung vorüber kam, weil ihr der Kardinal mit seiner Gicht und seinen schon greisenhaft umringelten Augen sicher war. Nach einer luftigen Siegesfeier, die sie zu zweien in der Rue Neuve-Saint-Gilles bis in den Morgen zogen, diktierte sie dem Sekretär, der von diesen Pflichten des inneren Dienstes noch verkatert war, aus ihrem Bett und oftmals höhnisch lachend ein Billett der Königin: die Gräfin habe ihr zu Füßen gelegen mit Selbstanklagen, die sie nicht verstände. Sie könne ihm versichern, daß sie das Halsband nach wie vor brennend gern besäße und ganz im Ernst die Forderung stelle, den Kaufpreis um die Summe von zweimalhunderttausend Livres zu ermäßigen; um diese Summe fei es tatsächlich — sie habe es geheim abschützen lassen — zu teuer. Sie wisse nun, woran es gelegen habe, daß sie auf den Verdacht habe kommen müssen, an seiner Ergebenheit zu zweifeln. Sie gestehe, daß sie durch sein Schweigen verstimmt, die Angelegenheit des Prinzen lässig behandelt habe; er könne aber bei den Juwelieren kaum schneller eine Einwilligung erreichen, als sie es für ihn beim Könige erhoffe! Nach diesem Billett erschien der Rohan bei den Juwelieren, noch immer leidend und von seinem Kammerdiener leicht geführt; er äußerte den Wunsch der Königin in solcher Bestimmtheit, daß sie nach dem ersten Schreck und nach einer erbetenen Ueberlegungsjeit von 24 Stunden sich bereit erklärten, ihn zu erfüllen; wenn auch schweren Herzens, so doch mit dem Gefühl, aus ihrer Unruhe endlich befreit zu fein. Sie waren beide andern Tags im Hotel de Strasbourg, und weil sie in vorsichtiger Form von ihren Bedenklichkeiten sprachen, ließ sie der Rohan, dem es schlimmer ging, fo daß er liegen mußte, heftig an: dies sei nun ihre eigene Schuld; sie hätten sich nach seinem Rat gleich bei der Königin bedanken sollen. Und erbat sich für den andern Tag ein Schreiben zur Einsicht aus, worin sie nunmehr der Königin zugleich mit der Bereitwilligkeit zur Preisermäßigung den schuldigen Dank aussprächen. Worauf der Bassenge in Bescheidenheit bemerkte: er habe, da einer von ihnen beiden in den nächsten Tagen wegen einer Achselspange zur Audienz befohlen sei, von sich aus schon ein Schreiben aufgesetzt, das dann der Königin übergeben werden solle; er bitte um die Erlaubnis, es ihm vorlegen zu dürfen. Der Rohan, dem ein Tischchen mit Schreibzeug neben seinem Ruhebett stand, überflog das Schreiben und durchstrich es mit einem Federstrich, um auf die Rückseite mit seiner sicheren Hand zu schreiben: „Majestät! Wir sind beglückt, daß die letzten Zahlungsbedingungen, welchen ~>ir uns beflissen und in Ehrerbietung unterwerfen, als ein neuer beweis unserer Ergebenheit und unseres Gehorsams vor den Beschien Eurer Majestät angesehen werden, und daß der schönste Diamantschmuck der Welt der erhabensten und besten der Königinnen seine Dienste weihen darf." Mit diesem Brief in Händen passierte dem Boehmer das Unglück, daß gerade der Finanzminister bei der Königin erschien, so daß er ohne Antwort entlassen wurde. Und weil er der Königin so viele Jahre auf alle Weise mit dem Halsband zur Last gelegen hatte, hielt sie den Brief, den sie und auch die Vorleserin Madame Campan in keinem Wort verstehen konnten, arglos und ärgerlich für eine neue Form, das Halsband anzubringen. So bekamen die Juweliere keine Antwort und mußten mit dem Kardinal ihr Schweigen fo auslegen, daß sich das Halsband tatsächlich im Besitze der Königin befände. So vermochte die Gräfin de la Motte ihren Gang auf des Messers Schneide noch fortzusetzen. Mitte Juli kam sie aufgeregter als sonst zum Kardinal, nicht mehr in Demut, säst als Klägerin: Sie habe die Königin durch einen Fußfall und ihn gleichfalls vergebens gebeten, sich einer andern Vermittlung zu bedienen. Nun käme alles, wie sie befürchtet hätte: die Königin habe nur einen Vorwand gesucht und sei nun tatsächlich in der schlimmsten Verlegenheit, weil sie die erste Rate nicht bezahlen könne. Der Skandal sei unausbleiblich; das einzige, was sie, die Gräfin, noch vermöchte, ^ei dies: sich selber als Opfer anzubieten, darauf man alle Schuld ablegen könnte, obwohl sie auch nicht sähe, was damit noch geholfen sei. Weil der Rohan, der schon wieder, wenn auch noch humpelnd, gehen konnte, das auch nicht sah, nur in der Angst, sich selber bloßgestellt zu sehen nach einem Rückweg suchte, kam mit der Frage — obwohl blaß und schweißbedeckt — indem er drohend vor ihr stehen blieb: So sei die Königin also gewillt, das Halsband doch zurückzugeben? Die Königin, sagte die La Motte mit schriller Stimme, trägt das Halsband jeden Tag, weil sie sich niemals Sorgen macht. Sie meint, daß sie war der Billette Im Ausland, der alles wußte und jederzeit als Drohung aufzuspielen war. # So stand ihr Brett in allen Figuren tollkühn gesichert, nur hätte sie die letzten Züge nicht sorglos andern Händen überlassen dürfen, weil dadurch der eigentliche Hauptzug unterblieb. Als der Bassenge endlich im Hotel be (Strasbourg vor dem Bett des Kardinals erschien, war der Boehmcr schon in Versailles bei der Campan gewesen und wußte nun bestimmt, daß die Königin das Halsband nicht besaß. So mußte er in höchste "gst geraten, als ihm der Kardinal zur Sicherung das Schriftstück nu. üer Unterschrift der Königin anbot, die eine Fälschung war. Er wußte, daß der Kardinal in Schulden stak und nur darum sich mit dem Cagliostro ausfällig eingelassen hatte. Ein ungeheurer Verdacht verschnürte ihm die Kehle: wenn alles nur ein Schwindelspiel vom Prinzen Rohan war, die leeren Ka sen mit dem Namen der Königin zu füllen! Er wagte nicht mehr, die Fälschung anzudeuten, und ließ sich mit der Beruhigung wegschicken, daß der Kardinal den Saint-James bestimmen wolle, mit den Zinsen nicht zu drängen. t n Weil aber damit das Halsband verschwunden blieb und weil die Juweliere die Dual dieser Ungewißheit nicht aushielten, auch außer dem Verlust das Schlimmste für sich aus dem Betrug befürchteten, ging der Boehmer am andern Tag nach Trianon und versuchte, sich der Königin zu Fußen zu werfen. Weil aber Könige nur immer zu wissen bekommen dürfen, was sie fragen, hatte Marie Antoinette noch immer keine Ahnung von dem Mißbrauch ihres Namens und lieh den Juwelier nicht vor. Erst als sie andern Tags der Campan vorwars, sie habe ihr den lästigen Narren zu- geschickt, ob sie denn wisse, was er wolle: durfte die erzählen, was sie wußte. Dreimal lieh sich Marie Antoinette ihre Unterredung mit dem Boehmer wiederholen. Dann war es freilich eine Sache, die sie, die Königin anging. Am andern Morgen um neun Uhr stand der Juwelier schon vor ihr, rückhaltlos jede Frage der Campan in ihrer Gegenwart beantwortend, selbst seinen ungeheuren Argwohn gegen den Prinzen Rohan nicht ganz verbergend. So versessen war die Tochter der Maria Theresia in ihrem Haß auf diesen Kardinal, dah sie alles verkannte als ein Gaunerstück von ihm, durch einen Mißbrauch ihres königlichen Namens seine Gläubiger loszuwerden. Zu ihrem Unglück vertraute sie damals als Berater dem Hausminister Breteuil, der als Gesandter in Wien ^er Nachfolger des Rohan gewesen und dessen Todfeind war. Dem legte sie den ausführlichen Bericht vor, den die Juweliere aus ihren Befehl einreichen mußten, so kam die böse Sache einzig darauf hinaus, den Kardinal und Groh-Almosenier von Frankreich, den Prinzen Ludwig Rohan, als einen Gauner zu entlarven. . Am Namenstag der Königin, der als Maria Himmelfahrt seit Jahrhunderten am französischen Hof mit großer Feierlichkeit begangen wurde, i wartete der Rohan mit den Würdenträgern im großen Kabinett des Königs, daß der Hof erscheinen würde, um danach in der Schloßkapelle das Amt zu zelebrieren. Er war noch immer bläh und leidend, und nur mit Schmerzen auf den Füßen. Er wußte nicht, daß unterdessen im inneren Kabinett des Königs fein Schicksal heftig verhandelt wurde, bis er für alle unerwartet hinein besohlen mürbe, unb sich dem König unb der Königin, dem Großsiegelbewahrer und seinem Todfeind Breteuil gegenüber sah. Er war im Chorhemd unb der scharlachroten Karbinals-Soutane, als Gestalt die andern überragend, mit seinem leicht ergrauten Haar und dem schönen blauen Blick der Rohans nicht der Mann, sich als gemeiner Betrüger, wie der Breteuil der Königin zuliebe wollte, ungehört verhasten zu lassen. Er wußte bei seinem Eintritt, dah nun alle schlimmen Befürchtungen aus der gualvollen Verwirrung der letzten Tage grell heraustraten und ihn als unentrinnbare Wirklichkeit umstellten. Und was im Vorspiel albern gewesen war, das fiel nun von ihm ab wie die Verkleidung einer verlorenen Leidenschaft. Er muhte selber in die Schranken, der Prinz von Rohan da zeigte er den Fechter alten Stils, der sich, aus vielen Stichen blutend, einen stolzen Rückzug sicherte; indessen die Königin so hitzig war den Todesstich zu übersehen, obwohl der dicht an ihrem Herzen sah. Weil aber dieser Zweikamps gleich anfangs als Hintergrund den Wechsel der Weltordnung hatte, bemerkten beide Gegner nicht, für wen sie ihre Klingen kreuzten: das Sonnenkönigtum und Habsburg, als ahnungslose Kämpfer sich durchbohrend; im letzten Augenblick, bevor das Volk, sie beide niedertretend, die Bühne stürmte. „ , , Seine erste Antwort war bestimmt und klar, weil er sie hundertmal vorher in Anastträumen und bösen Grübeleien gesprochen hatte: Sire — ich sehe, dah ich betrogen bin — ich habe nicht betrogen. Der König schien sich in keiner Weise der Erregung der Stunde zu unterwerfen, auch vergaß er nicht einen Augenblick, daß ein Rohan vor ihm stand: Lieder Vetter, bann erklären Siel Jetzt erst schoß dem Rohan, der blaß wie der Tod ms Kabinett gekommen war, das Blut siedend zurück, weil ihn jetzt erst die Unmöglichkeit befiel eine Darstellung ohne das Geständnis feiner ungeheuren Torheit zu geben. Mit einem Blick, darin sich die letzte Hoffnung auf die Gunst der Königin noch einmal sammelte wie zwei Hände, die verzweiselt nach ihr griffen, sah er sie an, die nun anders als in den sinnlosen Hoffnungen der letzten Jahre vor ihm stand. Der stöhlich geschwungene Mund unter der habsburgischen Papageiennase war verkniffen wie bei einem bösen Tier, und aus ihren hochgeschwungenen Augen leuchtete der Haß. Da erst muhte der Rohan ganz, daß er betrogen worden war, und nun war es mit der klaren Beherrschung seiner Worte vorbei: Sire, ich bin zu erregt, um Eurer Majestät irgendwie zu antroortenl . So schreiben Sie auf, was Sie zu sagen haben, gab ihm der dicke König zu und trat mit seiner Königin, Breteuil und dem Großsiegelbewahrer in die Bibliothek zurück. Noch wußte der Kardinal nicht, wie weit die Empörung der Königin und der Haß Breteuils ihn zu Bekenntnissen nötigen würden, auch kannte er den Umsang der Anklage noch nicht, aber schon kehrte ihm die Festigkeit seiner Hand zurück, und mit schlafwandlerischer Sicherheit schrieb er seine Erklärung nieder, daß eine Madame La Motte de Valois ihm den angeblichen Auftrag der Königin Überbracht habe, das Halsband geheim zu kaufen, und daß er in 5er Verblendung, Ihrer . I Majestät zu bienen, sich habe täuschen lassen. (Fortsetzung folgt.) doch Freunde in Frankreich habe, die ihrer Königin mit solcher Kleinigkeit ' beiftänben. Wenn dem Schatzmeister der Marine, Saint-James, das Hals- । band achthunderttausend Livres — die er den Boehmers sur die Sterne geliehen habe — wert gewesen sei, um damit die Gunst der Dubarry zu erringen so würde er sich nicht zu besinnen wagen, der Königin mit der Halste dieser Summe beizustehen, die für ihn nichts bedeute! Der Rohan, der wie beim Rennen sich den letzten Einlauf durch nichts verderben lassen wollte, blieb blaß und häßlich blickend dicht vor der Gräfin stehen, so daß sie nur mit rüdgebeugtem Kopf seinen Blick wahrnehmen konnte, den sie trotzdem aushielt: Die Königin hak recht. Kein Franzose, wer seine Königin verläßt. Er wußte, daß der Saint-James unmäßig reich war und als englischer Jude seine Gründe hatte, dem Hof nicht ungefällig zu sein, und so stellte er ihm tatsächlich den Antrag, der Königin das Geld zu geben. Er rechnete auch richtig, und nur mit der Rechnung der Gräfin stimmte es nicht, daß der vorsichtige Finanzmann nichts als ein Schreiben der Königin verlangte, in welchem sie von ihm das Geld, gleichviel wofür, einfordere. Dieses Schreiben nicht zu schafsen, war die La Motte gewandt genug, doch war ihr damit die Straße abgeschnitten, so daß sie, schon unruhig, sich in die Hintergassen flüchten mußte. Am letzten August ließ sie durch ihre Kammer- zose den Rohan, der auf Saint-James rechnete, dringend zu sich bitten. Sie hatte Diamanten hinterlegt und dafür dreißigtausend Livres erhoben, die sie im Auftrag der Königin dem Kardinal als Zinsen auszahlte für die siebenhunderttausend Livres, deren Zahlung bis zum ersten Oktober verschoben werden müsse. Der Rohan, den die La Motte bis vor kurzem um kleine Unterstützungen angebettelt hatte, konnte nicht anders glauben, als daß die dreihigtausend Livres tatsächlich von der Königin kämen, und fein Mißtrauen wich wieder um einige Schritte zurück. Die Juweliere aber, ourch den Saint-James gewarnt, nahmen die Summe nur gls Abschlagszahlung der fälligen vierhunderttausend Livres an und verlangten die ganze Rate. Der Schatzmeister der Marine war Finanzmann genug, um sich das ausgebliebene Handschreiben der Marie Antoinette zu deuten. I Er ließ zugleich mit einer Warnung an die Juweliere die Königin wissen, dah sie zu ihrer eigenen Beruhigung erfahren müsse, was mit dem Halsband der Boehmers geschehen fei? Marie Antoinette, durch die zweideutige Anfrage beunruhigt, gab der Campan auf, bei den Juwelieren herauszubringen, was diese Warnung bei ihr bedeuten sollte. So bekam der Boehmer ein Brieschen der Campan, gelegentlich noch einmal nach Versailles zu kommen, da sie ihn etwas vielleicht Wichtiges zu fragen habe. Der Boehmer, der strengen Weisung des Rohan eingedenk, sandte das Briefchen der La Motte. Die hatte seit Tagen darauf gewartet; schon war der Graf aus Bar-sur Aube zurück und alles für den Abbruch ihrer Wohnung gerüstet. Sie ließ sofort den Bassenge durch den Pater Loth zu sich holen, um sich mit einer unerhörten Kühnheit den Abgang doch noch zu sichern. Sie sind in Sorge um bas Halsband? sagte sie, ihn sanft zum Sitzen nötigend, der wie ein Kind die Hände faltete und klagend ausbrach: Die Königin wird nicht zahlen. Nein, tröstete die Gräfin und raffte ihren Schal um beide Schultern fest: Das wird sie nicht; denn die Unterschrift — die Ihnen der Rohan zeigte, wie ich erstaunt erfahre — ist gefälscht. Und während der Juwelier die spöttisch Lächelnde sinnlos anstarrte: Wie konnten Sie nur denken, dah die Königin durch den Rohan Ihr Halsband kaufen würde. Sie haben den Vertrag nur mit dem Prinzen Rohan allein geschlossen; er ist der Käufer. Ich rate Ihnen ab, die Bastille zu riskieren, indem Sie von der Königin in dieser Sache sprechen. Der Kardinal hat Einkünfte genug, die Schuld aus seinen Renten zu decken. Sprechen Sie mit ihm, er wird sich hüten, mit der gefälschten Unterschrift der Königin einen Prozeß zu wagen. Sie haben ihn ganz in der Hand, und brauchen keinen Augenblick zu sorgen, daß Sie auch nur einen Livre verlieren werden. Der Graf unb die Billette, die im Nebenzimmer bänglich den Ausgang abgewartet hatten und ausatmend den Juwelier still weggehen hörten, glaubten, sie habe nur einen Vorsprung gewinnen wollen, und drängten nun zur Flucht, der Wagen sei gespannt. Dem Kardinal zuliebe, höhnte sie, die mit dem Scharfsinn eines Schachspielers den verwirrenden Ansturm ihres Gegners kaltblütig benutzte, ihn dennoch mattzustellen. Ich werde fahren, aber zum Kardinal. Und während die beiden in Sorge, ob sie nicht von ihr als Schuldopser zurückgelassen würden, mit dem bösesten Gewissen in eine benachbarte Taverne gingen, bereit, bei jeder verdächtigen Beobachtung zu fliehen, fuhr die Jeanne beim Kardinal vor, dessen Leiden sich durch die Aufregung der Tage wieder verschlimmert hatte, so dah er diesmal im Bett lag unb es nicht verlassen wollte. Sie bedrängte den Schweizer solange, bis es ihr doch geriet, mit ihrer täuschend gespielten Angst vor ihn zu kommen: Nun stürze alles, wie sie es vorhergesehen habe, über ihr zusammen. Sie sei aus Paris verwiesen und könne jeden Augenblick in ihrer Wohnung verhaftet werden. Sie müsse aber, um ihre Angelegenheiten zu ordnen, noch heute nacht dableiben und bitte ihn für eine Nacht um Unterkunft! Sie rechnete darauf, dah die Verfänglichkeit der Bitte den Kardinal verwirren würde, was auch geriet: Er fei bereit, wenn sie mit ihrem Gatten käme, ein Zimmer für sie beide anzuweisen! Nach diesem Kunststück fuhr sie zu den Männern zurück, die sich, von ihrem Hohngelächter begrüht, aus der Taverne wieder einfanden; ging mit ihnen zum Diner, war übermütig wie in den besten Tagen und neckte sie . mit ihren grämlichen Gesichtern; nur trank sie viel, womit sie sonst vorsichtig war. Am Abend aber muhte der Billette mit gutem Geld versehen, über Genf ins Ausland reifen, während sie mit ihrem Grafen kaltblütig ins Hotel de Strasbourg ging. Die Möbel waren unterdessen einaepackt, alles in der nächsten Nachbarschaft an Schuld beglichen und der^Pater Loth sorgfältig instruiert, wie sich der letzte Umzug gestalten müsse. Den Kardinal sah sie nicht mehr, weil schon am frühen Morgen ihre Reise nach Bar-sur-Aude begann, wo sie fürs erste ihre Rolle weiterspielen wollte. Sie war vollkommen sicher. Der Rohan muhte zahlen, und durste nicht mit der Wimper zucken, und wenn er das Vermögen der halben Verwandtschaft opferte. Ihr selber, der Kirchenfürstin, die bis zur letzten Nacht in Paris ihn an sich gebunden hatte, konnte er nichts antun, ohne Argwohn ju erregen unb ihre Offenbarungen zu fürchten. Für alle Fälle der Gewalt HambuchensauSe. Von Friedrich Rückert. O Laub', in der ich manchen Tag Des Denkens und des Dichtens pflag, Wer denkt in dir und dichtet, Nun dich der Herbst gelichtet? Sonnstrahlen, die das Laub gelupft, Zaunkön'ge, die im Strauch geschlüpft. Sahn still mir ab vom Munde Den Klang im Herzensgründe. Der alte Pächter ging vorbei Und wußte nicht, was mit mir sei, Wie übern Zaun er guckte Und dann sich seitwärts duckte. Ich aber, was mir Feld und Hain Und ihre Geister gaben ein, Von Leben und von Lieben, Hab' ich hier ausgeschrieben. Sie haben gern mit mir verkehrt, Mich, was sie wußten, hier gelehrt; Nun ich von hier muß kehren, Wen werden sie es lehren? Sie werden, wenn in Winternacht, Sie sich was Neues ausgedacht, Herkommen mich zu suchen In dieser Laub' Hainbuchen. Und wenn sie da nicht finden mich. So werden sie verbinden sich Zu Tanz und Musizieren Und Glanzirrlichtelieren. Dann spricht der Pächter, wo er lauscht. Und sieht und hört, wie's flimmt und rauscht: Der lange Herr, ich glaube, Spukt in der Buchenlaube. Oie weißen Pillen. Erzählung von Wilhelm Pleyer. Der sudetendeutsche Dichter Wilhelm Pleyer erhielt 1934 von Hans Grimm den Schünemann-Preis für seinen Roman „Der Puchner. Ein Grenzlandfchickfal". Am Sonntagabend kamen Vater und Mutter heim. Sie schauten schier feierlich drein und zogen ohne viel Reden das sonntägliche Zeug aus. Den schwarzen Kittel hängte die Mutter sorgsam über die Bett- lehne, die schwarzseidene Bluse legte sie darüber, das plüschene Kopf- tüchel faltete sie zusammen. Ich schaute von dem schwarzen Kittel zu der Mutter, die das Stallzeug zum Melken angezogen hatte, und von der Mutter zum schwarzen Kittel. Ich lauerte auf die Zuckerln, hie fällig waren. Aber die Mutter rührte sich nicht damit. Sie zu fragen, das traute ich mich nicht; ihr fremdes Schweigen verbot mir den Schnabel. Nur manches Mal ließ sie was gegen den Bater verlauten, der wohl mit den nämlichen Gedanken umging wie sie. Ungefähr fo: „Und wie er gleich auf den Blick alles erraten hatl Daß ich keinen Appetit hab, daß ich wenig schlaf, daß ich mit Kopfweh zu tun hab." Der Vater: „Ja, so ein Mensch tut einen Blick und ervat't alles". Wie er das nur so versteht? Er ist doch kein Doktor?" Der Vater: „An dem liegt's nicht, ja! Er hat auch seine Studien." „Das muß wohl sein." Der Vater: „Ja, und solche Leute tun sie eben mit allen Mitteln verfolgen, was die Aerzte sind. Da geht's ihnen um die Existenz, ja!" „Das Mittel wird mir helfen, das weiß ich gewiß." Als die Mutter hörte, wie draußen die Kühe eingetrieben wurden, nahm sie den Melkeimer und ging in den Stall. Der Vater aber zündete eine Zigarre an, auch so ein Zeichen feierlicher Umstände, und schleimte vor die Tür. Jetzt, wo ich allein in der Stube war, jetzt, bevor die anderen kamen, muhte ich geschwind einmal nachschauen, ob denn die Mutter nicht doch ein paar Zuckerln in der Kitteltasche hatte. Ich fingerte den Kittel ab und spürte den wohlbekannten Kegel einer Stranizze (Tüte). Leise wendete ich den Kittel so, daß ich zu der Tasche konnte, ohne daß man es merkte, diebisch krochen die Fingerlein in die Tasche, zupften die Stranizze auf, packten ein paar Kugerln und bargen sie in der winzigen Tasche am Hosenlatz. Die Kugerln sahen aus wie die Krauseminzpillen, aber sie waren glatter, sie waren härter, lösten sich langsamer zwischen Zunge und Gaumen, und ich mußte tüchtig zuzeln, um einen süßen Geschmack herauszukriegen. Immer wieder schlich ich zu Mutters Kittel, auch als die anderen schon in der Stube waren. Das ging, weil die Lampe noch nicht brannte. Es konnte nicht mehr viel in der Stranizze sein. Mir schlug das Gewissen. Vielleicht ist das zuviel gesagt, alsdann: ich hatte ein bissel Wind vor der Prügel. Die Mutter kam mit der Milch, die Lampe wurde angezündet, die Schwestern nahmen die große Schüssel und brockten das Brot ein, schälten goldige junge Erdäpfel, brachten noch goldigere Butter. Ich wünschte ein so geschmackiges Mahl, daß keines auf den Gedanken käme, die Mutter zu fragen, ob sie etwa Zuckerln mitgebracht habe. Und dann acht hörte ich einmal leise reden und sah im Zwinseln, wie licher Lärm, und er galt mir. ,, Als sie sahen, daß ich munter war, kamen sie alle und lachten. Die Mutter kriegte dabei noch das Wasser in die geröteten Augen Sie schmatzte mich ein bissel unmäßig ab und hob mich mit weichen Armen ans^ben Feder? breit durchs offene Fenster. Ich konnte mir denken daß ich doppelt Zucker in den Kaffee kriegte, und daß mir heute der Karl die Ziehharmonika borgen würde. Es dauerte nicht lang, da kam der Postbote. Es wurde ihm alles ermhlt. Er meckerte, hehehe, und sagte: „Das sind die weißen Pillen, die er dem Pferd eingibt, wenn es lahmt, dem Pferd, wenn es dampfig ist den Weibern gegen Gicht, den Weibern gegen nervöse Herzbefchwer- de'n, den Männern gegen Gallensteine, den Maideln gegen Lungsucht, und' wenn kleine Buben die Pillen für den (Belüfter einnehmen, so macht das auch weiter nichts. Hehehe! Er veralberte die Mutter um des Vertrauens willen, das sie zu der Heilkunst des Herrn Kostumlatzki gehegt hatte, und sagte amh was von Leuten, die der tiefe Wald gutgläubig macht. Aber meine Mutter sagte diesmal nichts dagegen, sondern nahm mich wieder auf den Arm und qinq in die Stube. Dort flüsterte sie vor den Heiligenbi'd-rn. wahrend ich an ihrer Brust die Innigkeit ihres Gebetes spürte: , O f^rr Jesus" Du heilige Moria Mutter Gottes! ich dank euch tauien'mj daß d-- Kostumlatzki einen Dreck versteht und nichts weiter ist als em -chwmdler aß ich auch mit, daß die Kugerln Gesellschaft kriegten mit Erdäpfeln und Millichbröckeln. Die Mutter trug den schwarzen Kittel mit der Stranizze darin in den Schrank, wir schickten uns zum Schlafengehen an, und es schien alles gut vorübergegangen zu fein. Da fingen sie wieder von dem Kostumlatzki an, den die westböhmischen Doktern ins Kriminal bringen möchten, weil er den Leuten besser hilf als jeder Arzt. Und da jagte die Mutter: „Jetzt wird es Zeit für meine Pillen. Dreißig Minuten nach dem Nachtmahl, na, und das ist doch eine halbe Stund nach dem Abendessen?" Der Vater warnte: „Nimm nur ja nicht mehr als zwei Pillen, wie er gesagt hat. Er hat's über die Stiegen nunter noch einmal gesagt: Bitte jedesmal nur zwei Pillen!" . . Letzter Hoffnungsstrahl: daß die Pillen nicht in der Stranizze in der Tasche im schwarzen Kittel im Schrank sein würden. Aber auch dieser Strahl erlosch. Die Mutter ging in die große Stube zum Schrank. Nach einer kleinen Weile kam sie aufgeregt wieder. Sie hielt die fast leere, verdrückte Stranizze in der Hand und hatte den schwarzen Kittel über dem Arm. „Jetzei muß ich nur schauen, ob die Taschen ein Loch hat. Die Stranizza ist ausgegangen, es sind nur mehr 3 oder 4 Pillen drinne. Der Vater stand aus und schaute verwundert und beteiligt zu. Aber es zeigte sich, daß die Kitteltasche, die teere, kein winziges Löchlein hatte Der Vater meinte: ,No sollten sie seithalb ransgesollen sein? Aber die Mutter sagte, während ihre Augen schon auf mich zu flatterten: „Dazu hängt ja tue Taschen zu tief" Und da schaute sie mich so bedrohlich an, daß ich aufschrie, einen Svrunq machte und davon wollte. Si" sprang mir noch und erwischte mich. Ich schrie, noch mehr, weil es gleich einschlagen mußte. Aber die Mutter riß mich an ihr Herz und schrie: „Jesus Maria! mein Kind! mein Kind'" Ich schrie nach Leibeskräften mit, weil ich glaubte, es könne jetzt jeden Augenblick fürchterlich losgehen in meinem Bauch. Der Bater prang um Mutter und Söhnlein herum und stotterte was von Brechmittel und Doktor, der Gefell schlupfte schon in die Stiesel, nach dem Brillenmann zu lausen, ich fühlte, wie der schluchzenden Mutter die Glieder versagten da riß sich mein Vater doch zusammen und fragte: „Spürst was, Bübel?!" — „Nein, nicht — noch nicht!" heulte ich zurück. „Nachher müssen wir ihm was geben zum Brechen!" hastete^ der Vater und zog mich der Mutter aus den Armen. „Läuliches Wasser! — Während ich überlegte, wie ich das würde machen müssen, läuliches Wasser brechen, ward es in meinem kleinen Kaffeelössel hergeschafft. „Trink, Bübel, trink!" drängte der Vater. Ich hatte das schon einmal verkostet und spürte keinen Appetit. Aber da sah ich meine Mutter vor ben Heiligenbildern in die Knie sinken, was ich noch nie gesehen hatte. Das ging mir doch gewaltig nahe. Ich foff hastig das Töpsel leer. Es schmeckte übel. Zum Speien, aber doch nicht so arg, daß man s mutzte. Spei Bübel, spei!" drängte der Vater. Aha, ich sollte speien. Ich kannte das schon, beim Fest, da war mir ja so gewesen, nach den warmen Kücheln. Aber jetzt mußte ich nicht. Das läuliche Wasser mergelte im Magen herum, es gluckerte hinunter, ja. aber heraus kam nichts. Spei, Bübel!" hetzte der Vater und die Mutter kam herangezittert und bettelte: Tu dich speien, mein Schöner!, geh!" Sie stellten mir verlockender Weise einen Schessel hin, aber es war mir ganz einfach nicht danach, und ich konnte allen zusammen nicht helfen. . Da marterten sie mich weiter. Ich mutzte den Finger in den Hals stecken. Ich schob den Finger hinein, so weit ich konnte. Ich mutzte husten, aber speien, nein, das mußte ich nicht. Sie ratschlagten über dies und das, und ich hatte scheußliche Aussichten auf einen Löffel Petroleum. Von dem hatte ich auch schon gekostet! Da mußte ich mich denn doch zur Wehr setzen! Ich schrie: „Horts auf, mir fehlt ja nix, mir is wie auf der Kirchweih!" Das überzeugte, denn dort ist einem sprichwörtlich wohl. Ich wurde gefragt, wann ich die Pillen verschafft habe. Da prahlte ich: „Sind schon eine Ewigkeit drinne, die Dreckerln!" .,, .. Meine Stimme mochte ein weiteres bewirken: sie war nicht die Stimme eines Sterbenden. Aber trotzdem jammerten und rieten sie noch lang hin und her, bevor der Gesell die Stiesel wieder auszog. Am meisten war mir leib, daß sich die Mutter so auf re gen muhte. Sie saß an meinem Bett und ich sah sie also lange den Rosenkranz beten, bis ich einschlief. ’ , In der Nacht hörte ich einmal leise reden und sah im Zwinseln, wie sich eine brennende Kerze bewegte; bann schlief ich roieber sehr gut Nicht schlechter als alle Tage. Am Morgen wachte ich ein bissel eher aus; aber da war der Lärm im Hause schuld. Ich merkte gleich: es war ein froh- Oie Begegnung. Von Gottfried Keller. Schon war die letzte Schwalbe fort und wohl seit manchen Tagen auch die letzte Rose abgedorrt, nach altem Erdenbrauch. Es flimmerte der Buchenhain wie Rauschgold rot im Abendlicht; Herbstsonne gibt gar sondern Schein, der in die Herzen sticht. Ich traf sie da im Walde an, nach der allein mein Herz begehrt, mit Tuch und Hut weiß umgetan, von güldnem Schein verklärt. Sie war allein; doch grüßt' ich sie verschüchtert kaum im Weitergehn, weil ich so feierlich sie nie, so still und schön gesehn. Es blickt' aus ihrem Angesicht ein vornehm' Etwas neu hervor, und ihrer Augen Veilchenl-icht glomm hinter einem Flor. Ein fremder Hirt, ein blasser, ging im Schatten dieser Huldgestalt; im Gurt ein silbern' Sichlein hing, das klang: ich schneide bald! Es scheint mir ein Rival erwacht! sprach ich und schaut' ins Abendrot; bis es erlosch und bis die Nacht die dunkle Hand mir bot. Gastliches Bremen. Von Hans Brandenburg. Zwischen dem Süden und dem Norden Deutschlands, zwischen Hochebene und Tiefebene, zwischen München und den Hansastädten Bremen und Hamburg ist bei aller Verschiedenheit viel Verwandtschaft. Diese Städte können wohl Weltstädte werden, und seien es kleinere Weltstädte, aber niemals im banalen Sinne Großstädte. Sie sind gewachsene Städte und haben hinter ihren Ebenen die größten Naturhintergründe, die es überhaupt gibt, abschließende und öffnende zugleich: hinter der Hochebene die Alpen, hinter der Tiefebene das Meer. Aber der alpine Mmsch ist ein beinahe theatralischer Mensch, sein Leben ist fast immer öffentlich, es spielt sich auf Almen und geschmückten Plätzen, in Kirche, Passionstheater, Bierkeller, in Festbrauch und Umzug ab, es ist ein festliches Leben. Das Leben des Wasserkantenmenschen dagegen ist privat, noch in einer Art, welche Welt und Fremde in sich hereinzieht, ins Haus und ins Erwerbswesen, es ist gastliches Leben. Wenn man, vom Donaulande kommend, über das Rheinland nach Norden fährt, so tut sich hinter dem Knie, in dem Teutoburger Wald und Wesergebirge zusammenstoßen, die Weite auf. Und wie man hinter der Donauebene das Hochgebirge und weiterhin den Süden sucht, so wittert man hinter der Weserniederung ein verwandtes und doch noch freieres Element: See und Uebersee. Man wird von Bremen, dem nächst Hamburg bedeutendsten deutschen Seehandelsplatz, diesem Ausfalltor zum Weltmeer, nicht erwarten, daß es wie andere niedersächsische Städte, wie Lübeck oder Lüneburg, mehr historisch blieb, ein museales Stadtbild, sondern man wird ihm eine größere, längere, gegenwartsbezogenere, gegenwartsbetontere Gewordenheit zugestehen, den Charakter einer ganz modernen Stadt. Konservativ und fortschrittlich, dem Stolz auf die Väter und auf die Zukunft zugleich verschworen, muh es gerade dem Münchner lieb und wert, ja vorbildlich und anspornend sein. Altes fiel, doch es ist genügend übrig, und Neues wurde, daß zwar kein rundes Schaustück entstand, aber daß Atem und Puls des Lebens Altes und Neues bindet. Noch spürt man das Stadtgebiet als einen Boden, den das Meer freigab, noch spürt man den Gründungs- und Baubeginn, die Lage des Doms auf der Düne. Noch sind die alten Straßennamen voller Geschichte, noch zeigt das patrizische Bürgerhaus mit feiner Diele als Herz- und Kernraum, die Entstehung aus dem Bauernhaus, das hier, wie bei uns in Oberbayern, Mensch und Tier unter einem Dache vereinigte und vereinigt. Noch steht der Steinerne Roland an seinem Platze, der gewaltigste unter den so benannten Schwert-, und Schildträgern, die das Mittelalter in einer Reihe von Städten zurückließ. Und gerade der Rolandsmarkt mit diesem großen Wahrzeichen ist das eigentlichste Bremen: ein Dersammlungssaal, unter freiem Himmel und doch kein Festplatz, sondern eine Gerichtsstätte im Schwur- und Bannkreis jenes gelockten, wappengeschmückten Cherubs. Und so stehen, alt und neu, die Bauten gleichen Sinnes rings herum: Dom und Liebfrauenkirche, Ratdaus und Schütting, Börse, Baumwollbörse, Glocke, unterschiedlich und mit den Zeiten wechselnd in Kunst- und Kulturwert, aber alle großartig bürgerlich und repräsentabel nicht im Festsinne, sondern nur nach den gastlichen Bedürfnissen von Handel und Wandel. Der Erzbischof war einmal Reichsfürst, allein die Bürgersiadt, mit eigener Kirche, wuchs gegen die Dornstadt an, wuchs ihr reformatorisch und handels- müchNg über den Kopf, die weltliche Herrschaft siegte über die geistliche, die Hanse siegte, der Kaufmann, die freie Stadt, der Freistaat, der Stadtstaat, die Stadtrepublik. „Buten und binnen wagen und winnen" steht am Schütting, dem Korporationshause der Kaufmannsgilde. Das Gegenüber von Rathaus und Schütting wurde so noch wichtiger als das der Kirchen. Für ihre Form war die Anregung der niederländischen Renaissance gleichermaßen entscheidend wie etwa in Augsburg die der italienischen. Und wie Augsburg an Elias Holl, so hatte Bremen an Lüder von Bentheim einen Stadtbaumeister, der das Fremde in Eigenes wandelte. Er hat das Kornhaus imö die Stadtwaage gebaut, und er ließ im Rathaus die Renaissance naturvoll aus der Gotik wachsen. Renaissance wie Barock wurden nicht fürstlicher oder kultisch-volkstümlicher Selbstzweck, sondern weltmännisches Feiertagskleid eines Bürgertums, dessen tüchtigem Alltag ein gesellschaftlicher Luxus ziemt. Die schwebenden Modelle der Kauffahrteischiffe im Rathaus- Prunksaal sind noch wesenhafter als der Prunk, und noch wesenhafter als dieser obere Stock ist die öffentliche Verkehrs- und Durchgangsstätte der Eintrittshalle, deren Decke auf roh behauene, wie mit Schiffsteer geschwärzten Eichenpfosten ruht. Unten wölbt sich der berühmteste aller Ratskeller mit seinen barock geschnitzten Riesenfässern und seinen echt bürgerlich privaten Seitenkabinen. Man weiß, was Wilhelm Hauff in ihm träumte, Max S l e v o g t hat es in einem der Säle an die Wände gemalt. Süddeutschland ist also gern in Bremen zu Gast, und namentlich München, Rudolf Maison bekam hier Aufträge, Gabriel Seidl baute das neue Rathaus, weil nur der Münchener Meister damals jene landschaftlich bodenmäßige Stadtbauweise beherrschte, die Bremen sich wünschte, Hermann Hahn gestaltete das Denkmal Moltkes und Adolf Hildebrand dasjenige Bismarcks, das er in [einer raumschaffenden Art in einen Platzwinkel der Domfront stellte. Die Bremer Kunsthalle ist ein Muster gastlich-bürgerlichen Verständnisses für alle gediegenen, auch fremden Werte. Und im Musikleben der Stadt haben Hanns Rohr und Hedwig Faßbaender, ebenfalls von München kommend, Aufnahme und neues Wirkungsfeld gefunden. Allenthalben ist es das bürgerlich Durchwohnte, das Bremen auszeichnet. Kirchen sind unter grün gewordenen Kupferhelmen bürgerhaus- artig mit Backsteinen gegiebelt, Erkerbauten und Kllsterhüuschen kleben dran, der weltliche Feldmarschall reitet unbefangen als Relief aus einer Kirchenwand heraus, ein Turm schichtet sich aus Feldsteinen und Findlingen, und der Blumenmarkt breitet sich darunter aus. Ein altes Patrizierheim, das Essighaus, wurde zur Gaststätte, und ein Museum wurde in Stil und Einrichtung eines Patrizierheimes lebendig. Paula Becker- Modersohn, die so unvereinbare Bezirke wie Worpswede und Cezanne, zeitlichen Schematismus und Märchengefilde mit nachtwandlerischer Weiblichkeit verknüpfte, erhielt ihre eigene Sammlung als dauerndes Denkmal. Stadtteile, zünftisch gesondert, gliedern sich vom stolzen Zentrum der Baumwollmänner ab gegen die Weser zu, wo die Packhäuser ragen. Sandsteinfassaden mit den gemeißelten Erkern der „Ut- luchten" wechseln mit schlichten holländischen Giebeln, die den Aufzugbalken tragen und die alten Hohlziegel auf ihren Dächern. Und überall drängt Grün zwischen die Häuser und auf die Plätze, die geheiligte Bauwelt der Germanen. In einem Einfamilienhause war ich bei Freunden eingeladen. Ich bekam dort eine ganze Wohnung angewiesen, den obersten Stock: ein Schlafzimmer mit Balkon über Garten und Nachbargärten, ein Wohnzimmer, ein Badezimmer. Es gab dort einen Keller mit tausend erlesenen Flaschen, der Hausherr wählte täglich neue Proben in Wechsel und Steigerung und komponierte mit Hilfe der Hausfrau für einen Abend ein Festmahl, das Wein- und Speisenfolge kunstreich vermählte und stufenweise höher führte — großartige Gastlichkeit von wirklicher Kultur. Ich wollte Rudolf Alexander Schröder, den Dichter, begrüßen, er war mir als unzugänglich, abweisend, hochmütig bezeichnet, ich ließ mich nicht schrecken, und eine Anfrage nach einer genehmen Besuchsstunde wurde gleich mit einer Einladung zu Mittag erwidert. Von der weit hin- ausziehenden Schwachhauser Heerstraße geht die Lillenstraße ab, in der er wohnt. Es unterschied sich hier draußen unter großen Wolken auf der Ebene, wo die Türme der Stadt fern im Dunste schwammen, nicht sehr von Münchner Vororten. Das Schrödersche Haus, von ihm nicht gebaut, sondern nur übernommen, ist äußerlich ein Landhaus wie andere, auch drinnen ist es kein Aesthetenheim, es ist mit allem Schönen und Köstlichen, wie Bremen selbst, bürgerlich durchwohnt, behaglich und persönlich vollgestellt und mitten aus einem der Zimmer fuhrt, wie aus einer Diele, die Treppe nach oben. Ein Gärtchen hinter dem Haufe ist mit Beeten und Bögen symmetrisch angelegt und geht auf den Eschen- hintergrund eines benachbarten alten Landsitzes. In dem Dichter von strengem Geiste und klassischer Haltung, dem Ehrendoktor der Münchner Universität, fand ich einen blauäugigen Mann von breiter Bonhommie und echter Jovialität, klug, humorvoll weise, herzlich offen, ebenso geschickt im Reden wie im Zuhören. In ihm und seiner Schwester, die ihn betreut, lebt das gebildete, humane, norddeutsch-bürgerliche Hanseaten- tum, in feinem reinsten Wesen. Von einem alten Kornbranntwein, den ich bei ihm lobte, schickte er mir eine Flasche nach München, und ich wurde verpflichtet, nichts anderes gegenzuleisten als die Angabe einer Quelle für Schwarzwälder Himbeergeist, die ich Wilhelm Hausen- st e i n verdanke. Dann machte ich noch einen Besuch weit außerhalb auf dem Lankenauer Deich. An diesem Damme liegen Höfe unter uralten Strohdächern wie unter Tierfellen, gestutzte Linden davor. Nach der einen Seite erhebt sich der Wall über grüne Unendlichkeit mit schwarzweisiem Vieh, nach der anderen blickt er auf die Hafenwelt, auf Dampfer, Docks, Lagerhäuser, Skelettfinger der Kräne, die in langer Zeile bis zu den silbrigen Türmen und Schloten der Stadt zu wandern scheinen. Diesen großen Ausblick bietet auch das kleine altväterische, steinern gedielte Haus, in dem mich ein altes Fräuleinchen, blond, rotbäckig, meeräugig, bewirtet, ein einsames Frauenwesen, dessen Bauerngeschlecht feit Jahrhunderten hier in Lankenau sitzt. — Äcrantwortlich; Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Vrühl'jche Universitäts-Vuch» und Steindruckerei, R. Lange, Gießer».