m r> m he t- ch e- e- n- h- r- r< i« n et !N *ft n i= it it t- n< n hl in I, I« e- er n, >r ib rt st ld e< m n s n n 1- n 1= cs te ei h- ir >e t- in ie « >r jt it. 5 h n n t« ht t- he er er g' SietzenerZamilieMätter Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger Jahrgang 1936 Zreitag, den 26. )uni Nummer §8 Oie Kchrt nach öer Ahnfrau Erzählung von Paul Fechter Copyright 1935 by Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart 4. Fortsetzung. Segel tauchten auf dem Haff auf, niedrige, braune, über kleinen schwarzen Kuttern, die seltsam zu acht oder zehn zu weiten Kreisen angeordnet fuhren. Fischer, die ihre Netze auslegten, beugten sich aus den Booten und gaben wunderliche Schattenrisse gegen das Helle Wasser. Fern glitt ein Zweimaster dahin mit Hellen Segeln; drüben auf Elbing zu qualmten Bagger bei ihrer geruhigen Arbeit. Zuweilen kreischte eine Möoe über ihm, sprang ein Fisch kurz aus dem Wasser; sonst glitt der Dampfer stumm durch die Sommerwelt des eigenen Rauschens. Wie am Bodensee, dachte der Doktor und lehnte dann selbst den Vergleich ab. Dies war doch noch ganz anders. Naher kamen die Berge über dem Haff. Sie standen gegen die Sonne; das Licht glitt in der Neigung ihrer Hänge an ihnen hinab, so daß zuweilen ein Dach hell aufgleiste, ein Feld unerwartet grün aus dem Lichtnebel schien. Die Nehrung begann ebenfalls anzusteigen; Dünen trugen den Kiefernwald höher empor. Der Doktor fing an, die Sandberge zu suchen, die sie als Kinder immer von drüben, von der Höhe aus gesehen hatten, und über die die See herüberblickte. Er fand sie nicht; das Grün der Wälder zogen sich weiter und weiter. Wie hieß doch die große Düne da bei Kahlberg? Das Kamel — richtig; er hatte sich mit seinen Kusinen immer gezankt, welche Höcker mit diesem Namen eigentlich gemeint seien. Wo mochten die jetzt sein, Anna und die dunkle Luise, für die er einmal in einem Jahr die ganzen großen Ferien hindurch geschwärmt hatte. Wunderbar war's gewesen, die Welt war nie so schön — bis er ihr einmal im Uebermut und beinahe aus lauter Liebe den kleinen, kalten Frosch in den Ausschnitt geworfen hatte. Da hatte sie geschrien und war die letzten Tage böse mit ihm gewesen, und zu Weihnachten hatte sie sich verlobt; daran war aber kaum der Frosch schuld gewesen. Georg Ebener suchte wieder mit seinem Glas die Stätten seiner Jugend, aber er fand sie nicht. Wo mochten die guten Mädchen jetzt wohl fein? Seltsam, wie wenig man von alledem behielt, was man einmal im Leben gestreift hatte. Offenbar gingen nicht nur im Krieg Verwandte und Vorfahren verloren. Aber er beschloß doch, auf der Rückreise von Elbing aus einen Abstecher nach Schönwalde zu machen; er wollte wenigstens sehen, wie es jetzt dort aussah. Vor ihm tauchte ein kleiner runder Bau im Haff auf. Er war weiß mit ein paar kleinen roten Flecken dazwischen, hatte etwa die Form eines flachen Napfkuchens, auf den man eine kleine Laterne gestellt hatte. Es schien ein Schiffahrtszeichen zu fein, vielleicht eine neue Boje für die Eibinger Dampfer, um die sie nach Kahlberg einbiegen muhten. Der Doktor sah gespannt hin: als aber das Schiff nah herangerauscht kam, stiegen auf einmal wie ein schneeweißer Springquell Hunderte von Möwen von dem plötzlich grellrot daliegenden Seezeichen empor. Eine kreischende, weihe, in der Sonne funkelnde, grau und rötlich durchsetzte Wolke hob sich mit einem elementaren Schwung von dem Rastplatz im Wasser empor und löste sich, nach allen Seiten flatternd, leuchtend, taumelnd, fallend, wieder emporschnellend auf. Eine Minute später saßen überall die weißen Flecke der ruhenden Vögel leise wiegend auf dem hellbraunen Wasser, und die alte rauschende Stille war wieder um den wartenden Mann. Der Doktor merkte bald, daß seine Vermutung über den Zweck des Möwenturmes richtig war; die „Cito" bog um ihn herum, von ihrer bisherigen Fahrtrichtung ab und nahm ihren Kurs auf die Nehrung. Höher und höher hoben sich die Dünen heraus; Georg Ebener sah, warum er vergeblich den Sandrücken des Kamels gesucht hatte. Es gab keine Wanderdünen mehr, alles war weithin bewaldet: der Leuchtturm ragte nur noch mit feiner oberen Hälfte aus den Kiefern heraus, die damals, als der Doktor ein Knabe war, die Gefangenen als winzige Bäumchen immer mitten in die Strandhafervierecke gepflanzt hatten, mit denen schon damals die Dünen festgelegt waren. Der Arzt bedauerte das beinahe etwas; in feiner Seele schwang noch das alte Bild, und er vermißte es. Er hatte bisher, ohne zu denken, die Landschaft als etwas Unvergängliches betrachtet; hier kam ihm zum Bewußtsein, daß sie sich ebenso wandelte, änderte, neue Züge bekam wie der Mensch, wie er selber. Wer weiß, ob ihn die kleine Kusine mit dem Frosch im Ausschnitt so ohne weiteres wiedererkannt hätte, wenn sie ihm jetzt hier irgendwo begegnet wäre. Mit einiger Umständlichkeit legte der Dampfer am Landungssteg in Kahlberg an. Cs war ein richtiger, solider, fester Damm, nicht mehr das alte, leichte Holzgerüst, von dem die Schritte der Wandernden so schön laut und weit durch den Abend zu hallen pflegten. Der Boden war festgestampft. ein richtiges kleines Haus stand am vorderen Ende mitten darauf, und sogar Pferde gab es am Dampfer. Am Steg entlang lagen mit leuchtend weißen Segeln allerhand elegante Jachten und Kutter, und die bunten Häuschen an den Höhen der Dünen hatten sich auch vermehrt; sie zogen sich weit über den Leuchtturm hinaus, der früher ganz draußen lag, fast bis zum Kamel hin. Auf dem Stegkopf stand eine Menge Menschen. Fischer, die neue Mieter erwarteten, Sommergäste, Fremde, junge Mädchen, Herren in hellen Anzügen. Der Doktor Ebener musterte sie kritisch und aufmerksam. Er kannte niemand. Er ließ die jungen braunverbrannten Mädchen Revue passieren, ob nicht irgendwo ein bekanntes Jugendgesicht auftauchte; aber vergeblich. Erst allmählich begriff er, daß er seinen Jahrgang unter den älteren Semestern mit Sonnenschirmen suchen mußte, die majestätisch weiter entfernt im Hintergründe standen. Das kränkte ihn; in diesen Junitagen seiner Ostfahrt hätten sie eigentlich auch wieder jung sein müssen. Dann brüllte die „Cito" nach längerem, asthmatisch zischendem Vorversuch: ein paar Tücher begannen zu winken, die Räder drehten sich mit lautem Rauschen — die Fahrt ging weiter. Langsam glitt die Nehrung mit den Binsenvorseldern wieder zurück, langsam stieg drüben im Sonnenlicht rötlich leuchtend der Giebel und der Turm des Domes von Frauen- burg höher ins Licht. Frauenburg, dachte der Doktor, Kopernikus, und war im Innersten etwas verwundert, daß hier so etwas entstanden war. Aber Königsberg war ja auch nicht weit, und da hatte es Kant gegeben und andere tüchtige Leute, und die medizinische Fakultät hatte auch keinen schlechten Rus. Er sah nach der Uhr; die Mittagszeit war längst vorüber. Er hatte zwischendurch gefrühstückt; jetzt verspürte er einen nicht unbeträchtlichen Hunger. Er machte sich auf die Suche nach einem Büfett: ein Mädchen in einer kleinen Kombüse, aus der es stark nach Bier roch, erklärte ihm, er könnte belegte Brote, warme Würstchen ober Soleier haben. Er entschied sich in Erinnerung an junge Tage für ein Schinkenbrot und zwei Soleier — „mit Mostrich". „Na jewiß", sagte das Mädchen. Dann ging er wieder an seinen Platz vorn am Bug des Schiffes, obwohl er fühlte, wie Luft und Wind und Sonne sein Gesicht bereits kräftig in Arbeit genommen hatten. Zur Rechten zog ferne die Bischofsstab! Frauenburg vorüber; die Höhe blieb zurück. Einmal tauchte noch in seinem Glas die Sabiner Kirche auf; bas Ufer würbe flach, flacher als brüben bie Nehrung, von ber jetzt ein Stückchen weißer, unberoalbeter Düne hell herüberleuchtete. Er fragte einen Jungen, ber aus feiner Tonne Wasser holen kam. „Das be Sßanberbien’ von Narmeln", sagte er, erstaunt, baß jemanb so etwas nicht wußte; „bie bleibt so." Der Doktor nickte. Er begann mübe zu werben: bie weiche, warme Luft, bas gleichmäßige Rauschen, bie blenbenbe Helle über bem weiten Wasser lösten fein Denken auf, so baß er sich selbst wie eine böfenbe Möwe vorkam. Er starrte gerabeaus in bie Firne, wo Wasser unb Himmel zusammen- flossen. Traumfetzen hoben sich in fein waches Dasein, brachen roieber ab: ein Auge versuchte sich flatternb zu schließen — ber bumpfe Gang ber fernen Maschine würbe beinahe zum Gang bes eigenen trägen Herzens. Dann kam bas Essen unb ermunterte ihn roieber. Das Solei hatte einen grünlich-gelben Kern unb roch genau wie in feinen Kinbertagen, unb ber Schinken ebenfalls. Er aß unb sah, wie bie Wasserfläche vor ihm langsam bie Farbe wechselte, wie sie aus bem lichten Grüngelb ins perl= muttrig Silberne über bem Spiegelbilb ber großen weißen Wolken hinüber- glitt, mit benen sie in ber Ferne in eins zu verschweben schien. Seitab tauchten fern unb klein ein paar Häuschen am Lanbe auf, Bäume schwebten über ben Wassern in ber Luft wie eine zierlich-unwirkliche Fata Morgana. Dort könnte Braunsberg liegen, bachte er unb war babei weit weg von sich. Ob er es wagen sollte, einen Kaffee zu trinken? Er überlegte eine Weile, soweit sein sommerliches Gehirn bazu imstanbe war; bann brachte er bem Mäbchen sein Eßgerät zurück unb erbat sich wirklich einen Kaffee. Als er zu feinem Platz zurückkehrte, folgte ihm eine Riefentasse mit fernen Blütenerinnerungen in ber Form unb einem leicht gewellten Rand — unb ihr Inhalt schmeckte auch genau wie einst vor breißig Jahren in Neusrhrwasfer ober Kabinen ober oben in Panklau. Auf einmal fuhr er auf: er mußte geschlafen haben. Der blenbenbe Sonnenffreif auf bem Wasser hinter bem Schiff war gelber geworben, schien nicht nur fo burch ben Qualm ber „Cito": bie Sonne begann, sich bem Abend zuzuneigen. Die große Tasse stand glücklicherweise noch heil zwischen seinen Füßen, genau so, wie er sie hingestellt hatte. Der Doktor begann sich zu langweilen. Er hätte doch ben Zug nehmen sollen, bann läge" biese lächerliche Entfernung längst hinter ihm. Ober bas Flugzeug, bas ba brüben jetzt gerade über der Nehrung entlang kroch. Das brauchte keine Stunde, während er jetzt einen ganzen Tag brauchte. Aber bann kamen bie stillen Stunben bes Lichts. Das Haff fing an, in immer neuen Farben aufzuleuchten wie bie Wolken, bie allmählich bas kühle Weiß bes Morgens unb bas fachlich lichte (Brau des Mittags verloren. Sie wuchsen mit scharfen, leuchtettben Rändern beinahe Ä)ie im i Auqust zu phantastischen Türmen empor, über die sich rosing schimmerndes Licht, die erste Abendahnung, breitete. Violett leuchtete ihr Fuß, und die weite spiegelnde Fläche, die reglos dalag, ehe der kleine Dampser sie zerschnitt und eine Weile wellig glitzernd hinter sich ließ, spiegelte all den Reichtum wie ganz weiche, zarte (Selbe zärtlich wider. Lächelnd lag das ferne Land im sinkenden Abend; wie Helles Gold leuchteten die einsamen Segel, die da und dort auftauchten und gewichtslos ftumm vorüber- glitten. Die heitere Einsamkeit der Welk begann in immer schönerer Wärme aufzublühen. Neue Ufer hoben sich fern im Osten heraus; da drüben, das mußte Balga fein, wo der gestürzte Neuß von Plauen zuerst als Pfleger saß. Das da vorne war der Leuchtturm von Pillau; die Fischhausener Bucht tat sich aus und die Fahrtzeichen des Seekanals. Der Doktor aber war müde geworden. Aus dem sinkenden Licht mit feiner strahlenden Weite stieg ihm Einsamkeit, jenes Gefühl, das zuweilen kam, wenn er in eine fremde Stadt einfuhr und nicht wußte, wo er die Nacht bleiben würde. Es erschien ihm sinnlos, hier durch die Landschaft zu ziehen und Ahnen und Schicksale von Regina Katharina Müller zu suchen, deren Blut er noch wenig verdünnt in sich trug. Als er den Namen dachte, sah er wieder eine schlanke Gestalt und ein schmales, gespanntes Gesicht; zugleich Härte er einen Jubelruf durch einen blauen, flimmernden Seemorgen tanzen. Der wollte seltsam zu dem ernsten Gesicht passen; aber gerade wenn er an ihn dachte, zog sich sein Herz merkwürdig zusammen, und ein Gesühl stieg in ihm auf, als müßte er hingehen und in dem jungen herben Gesicht jenes andere wecken, das damals den jauchzenden Ruf in das Glück des Morgens ausgestoßen hatte. Als das Schiff in Pillau anlegte, ergriff den Doktor eine wunderliche Hast. Er vermochte sich nicht mehr vorzustellen, daß er noch drei Stunden auf dem Dampfer durch die finkende Abendeinsamkeit fahren sollte; er nahm seinen Koffer und stieg aus. Vielleicht ging gerade ein Zug; vielleicht konnte er in Pillau zu Abend essen. In jedem Fall mußte er etwas tun, um Herr seiner Unruhe zu werden. Eine halbe Stunde später saß er allein für sich in einem Abteil des beschleunigten Zuges nach Königsberg. Am abendlichen Haff entlang rollte er auf das Samland zu; die Burg von Lochstädt stieg dicht über ihm in den Abend — lichtgrün wölbte sich junijunger Buchenwald über den Gleisen. Drüben lag schmal und abendlich weit das andere Ufer: der Doktor Ebener faß gedankenlos in feiner Ecke und fand die Situation für einen praktischen Arzt seines Alters und feiner Stellung reichlich merkwürdig. * Diese skeptische und leicht unjunge Betrachtung überlebte aber kaum die Nacht. Als er am Morgen in dem freundlichen neuen Hospiz am Nordbahnhof erwachte — der weite Platz draußen lag wieder in hellem Sonnenlicht, und die gelben Bahnen klingelten vergnügt herüber —, als er gebadet hatte und unten in den zugleich behaglichen und gemäßigt eleganten Frühstücksgemächern seinen Tee und sein Ei zu sich nahm — wo gab es früher derart hübsche Hotels im Osten, dachte er, wo gibt es sie in mittleren Städten, selbst im Westen? —, da war die leichte Nervosität des Abends vergessen, der Rotwein, den er in einer einsamen Ecke des ehrwürdigen Blutgerichts tief unter der Erd' zu sich genommen hatte, ohne Rest verweht. Zu neuen Taten, teurer Heide, pfiff er vor sich hin und beschloß, mit dem nächsten Zug nach Insterburg zu fahren. Es war noch viel zu früh: der Zug ging erst in einer Stunde; so machte er sich zu Fuß auf den Weg durch die Stadt zum Haberberg und dem neuen Hauptbahnhof. Er ging behaglich den Steindamm entlang; wie anders die Atmosphäre dieser Stadt war als die Danzigs! Beinahe berlinischer, härter, energischer; da drüben war alles seiner, weicher, stiller, viel weniger von heute. Hier gab's ganz selten noch ein Stück altes Königsberg; dafür liefen viel mehr Menschen die besonnten Straßen entlang, und die Luft war ftischer, herber, gespannter. Danzig lag im Tal, wenn auch der Weichsel; Königsberg war eine Stadt auf Bergen, wenn er auch die berühmten sieben Hügel, die es hier geben sollte, nie vollzählig gefunden hatte. Bei Lehmanns, an dem Bernsteingefchäft blieb er stehen, betrachtete die flimmernden Dinge, die da in der Sonne im Fenster lagen. Schade, daß er niemanden hatte, dem er etwas mitbringen konnte; die Ketten und Broschen funkelten [o verlockend. Schließlich riß er sich los und bog nach dem Paradeplatz ein. Er wollte die Universität Wiedersehen, an deren Brüsten er auch einmal gesogen hatte. Dort hatte sich kaum etwas geändert. Der lange, noble Bau mit der Säulenhalle am Eingang lag nach immer hell über den hohen, gerade verblühten Fliederbüschen, in denen zur Linken das altehrwürdige Kant- Denkmal schon fast verschwand, während mitten auf dem großen Platz noch immer Friedrich Wilhelm UI. hoch zu Roß die Wacht hielt. Der Doktor mußte an den alten Studentenwitz denken, wie der Dienskmann dem reifenden Engländer, da Kant im Winter unter einem Holzsturz stand, bas Königsdenkmal als das Monument des Verfassers der Kritiken vorsührte, und auf dessen verwunderte Frage, warum man denn den Philosophen zu Pferde dargestellt habe, schnell gefaßt antwortete: „Na, Mannche, der dient' damals jrad' sein Jahr ab — bei de Kavall'rie." Ob es heute auch noch solche Scherze gab? Langsam schlenderte er zum Schloßteich hinab. Sonne lag auf den grünen Anlagen und dem blauen Wasser: ein paar bunte Boote glitten barüben dahin; hell stieg der graue, massige Bau des Schlosses ins Morgenlicht. Bald danach aber stand er vor dem roten Backsteingiebel des Domes in der beschatteten Enge der alten Stadt. Hier war auch Alter; aber wie anders das wirkte als in Danzig. Der Doktor fühlte ordentlich die andere Geschichte, die diese ostpreußische Welt von der westpreuhischen sonderte. Er umwandelte die alte Kirche, ging hinein in den Hof, stand vor den ragenden weihgrauen Pfeilern der Stoa Kantiana, unter den die Gebeine Kants ruhten und über denen der Chor des Domes in den tiefblauen, fchwalbendurchflogenen Sommerhimmel flieg. Das Häuschen da drüben jenseits des Hofes war einmal die Universität gewesen; der Doktor schüttelte den Kopf. Das war noch gar nicht lange her, noch zur Zeit der 'rgroßmutter, hinter der er herreiste. Die Welt war seitdem doch anders geworden. Er überlegte inwiefern — und wußte es eigentlich nicht. Er dachte an seine Instrumente und Apparate, an die blanken Maschinen und Skalpelle; aber.wenn man die ein paar Jahre unbenutzt in einem ver» chlossenen Laboratorium stehen ließ, dann sahen sie auch um nicht anders aus als die merkwürdigen Museumsstücke von Maschinen und Instrumenten in alten Sammlungen und Alchimistenküchen. Der Doktor hatte gelegentlich skeptische 2lnroanblungen. Die Domuhr schlug; es war Zeit, zum Bahnhof zu gehen. Vorüber an dem bunten Rathaus des Kneiphofes ging er zur Langgchfe, warf noch einen Blick auf die Süßigkeiten im Schaufenster von Plouda, beschloß im Vorbeigehen, am nächsten Tag bei Jüncke zu frühstücken und wieder einmal den Blick auf den Pregel und seine Dampfer und drüben die Speicher zu genießen. Dann stand er vor dem langen, neuen Backstein- bahnhof, der noch beinahe am Rande der Stadt lag, und wenige Minuten päter rollte er durch die sonnige, grüne, leicht gewellte Landschaft nach Insterburg. Er war nie dort gewesen und wanderte vom Bahnhof zur Stadt mit einem richtigen Fremdengefühl. Es gab nicht viel zu fetten; nur ein moderner großer Bau mit flachem Dach erregte feine Bewunderung. Hier hätte er so etwas nicht vermutet. Dann stand er am alten Markt, bewunderte den schönen, wie mit Spitzen gemusterten Giebel neben dem schweren, alten Turm der lutherischen Kirche und beschloß, erst einmal etwas zu essen, ehe er wieder auf die Ahnensuche ging. Im Hotel Dessauer Hos fand er einen angenehmen Platz, ein kühles Bier und einen älteren Kellner, glatt rasiert, mit dünnem, grauem Haar und goldgefaßter Brille, der sich seiner so diskret-fürsorglich annahm, daß der Doktor, als die bestellten Frankfurter Würstchen tarnen, vertrauensvoll ein Gespräch begann und es nicht zu bereuen hatte. Er erfuhr alles, was er wissen wollte; das Pfarramt sei drüben, gleich neben der Kirche — es kämen jetzt oft Herrschaften, die Auskunft über ihre Großeltern wollten. Es wäre nur ein Glück, daß die Russen 1914 nichts verbrannt hätten, als sie hier waren. Jawohl, hier in diesem Hotel hätten Nikolai Nikolajewitsch und Rennenkamps gewohnt und regiert, später auch Hindenburg und Ludendorff. Nein, er fei damals nicht hier gewesen, er war selbst im Feld, im Westen, und [ei jetzt zum ersten Male in Inster- bürg tätig. „Herr Müller", klang eine hohe weibliche Stimme aus dem Raum hinter dem Büfett. Der Doktor zuckte leicht zusammen, als sein freundlicher Mentor dem Rufe folgte. Er sagte sich, daß Müller ja in der Tat ein sehr häufiger Name sei; aber er nahm es doch für ein gutes Omen, daß der erste Jnsterburger, mit dem er gesprochen hatte, den zwiefach teuren Namen trug. Beim Zahlen fragte er den alten Herrn, was es sonst hier in der Stadt zu sehen gäbe. Der freundliche Mann lächelte aufrichtig: das sei nicht allzuviel. Er könnte hinüber nach Oeorgenburg, ins Instertal, nach dem Sportplatz — ja, und bann sei da die große Landesfrauenklinik; aber da müsse man wohl den Professor Stempel vorher fragen, ob man sie besichtigen dürfe. „Stempel?" fragte der Doktor Ebener nachdenklich, „Stempel? Ja, so heiße der Direktor. Ob der aus Freiburg gekommen sei? Herr Müller lächelte diskret: Kenntnisse auf dem Gebiet der medizi- nischen Personalien gingen über fein Ressort hinaus. Aber wenn der Herr Wert darauf legte, wolle er sich gerne erkundigen. Der Herr legte keinen Wert darauf. Er dankte und meinte, er werde selber nachfragen. Er schob dem leicht Erstaunenden einen Obolus zu, der offenbar Jnsterburger Gewohnheiten übertraf und den freundlichen alten Mann beim Ueberreidjen des Hutes fieberhaft nach einer paffenden Titulatur für so viel Großmut suchen ließ. Dann stand der Doktor der Medizin Georg Ebener wieder draußen im Sonnenschein und bald daraus in der ihm nun bereits vertrauten Atmosphäre von fernem Pfeifentabak, altem Papier und ein wenig Menfchenluft, die offenbar allen Pfarr- kanzleien gemeinsam war. Die Sache war diesmal ohne geistlichen Beistand nicht so einfach. Der Herr der Jnsterburger Kirchengefchichte, ein großer ruhiger Mann mit langem blondem Schnurrbart, fah offenbar die Wichtigkeit der Forschung nach den Vorfahren der Frau Regina Katharina Müller nicht ganz ein. Er holte wohl wortlos die gewünschten Registerbände heran; aber er überließ die Arbeit ohne menschliches Mitgefühl gänzlich seinem Gast, der von Berufs wegen an das Wälzen und Lesen alter Handschriften ebenfalls nicht gewöhnt war. Als eine Schwarzwälder Uhr über dem Schreibtisch laut und unzweideutig einen einzelnen Schlag von sich gab, äußerte der Blonde ebenso laut und unzweideutig, fr müsse jetzt schließen; er ginge zum Essen. Wann er denn wiederkäme? „Um drei!", lautete die lakonische Antwort. Ob er, der Doktor, nicht inzwischen dableiben und suchen könne. „Nei." Er könne ihn ja einschliehen. „Nei." Diese Tonart der weiten Ebenen reizte den ostpreußischen Anteil in dem Doktor Ebener allmählich auf. In seine Stirne gruben sich ebenfalls zwei Falten, und er fragte, wo der Pfarrer wohne. Das werde ihm denn doch allmählich zu dumm. Der Mann mit dem blonden Schnurrbart bekam auch Falten in die Stirn. Der Pfarrer wohne nebenbei; aber der esse jetzt auch Mittag. Und vor drei gäb’s nuscht. Der Doktor nahm feinen Hut und erklärte, das würde er ja sehen. Der Mann nahm seine Kopfbedeckung und sagte gar nichts. Wie der Pfarrer hieße. „Bethke", kam es trotz des zweisilbigen Wortes einsilbig zurück. (Fortsetzung folgt.) Oie Heimat. Von Friedrich Hölderlin. Froh kehrt der Schiffer heim an den stillen Strom. Bon Inseln fernher, wenn er geerntet hat; So kam auch ich zur Heimat, hätt ich Güter so viele, wie Leid, geerntet. Ihr teuern Ufer, die mich erzogen einst, Stillt ihr der Liebe Leiden, versprecht ihr mir, Ihr Wälder meiner Jugend, wenn ich Komme, die Ruhe noch einmal wieder? Am kühlen Bache, wo ich der Wellen Spiel, Am Strome, wo ich gleiten die Schiffe sah, * Dort bin ich bald; euch traute Berge, Die mich behüteten einst, der Heimat. Verehrte sichre Grenzen, der Mutter Haus Und liebender Geschwister Umarmungen Begrüß ich bald und ihr umschließt mich, Daß, wie in Banden, das Herz mir heile. Ihr treu gebliebnen! Aber ich weiß, ich weiß, Der Liebe Leid, dies heilet so bald mir nicht, Dies singt kein Wiegensang, den tröstend Sterbliche singen, mir aus dem Busen. Denn sie, die uns das himmlische Feuer leihn, Die Götter schenken heiliges Leid uns auch, Drum bleibe dies. Ein Sohn der Erde Schein ich; zu lieben gemacht, zu leiden. Hermat und Abschied. Aus Christoph Michels Erinnerungen. Von Hans Brandenburg. Zwei Menschen hatten sich in dem kleinen römischen Fremdenheim kennengelernt und waren Freunde geworden. Wie ich ins Cafö Greco wollte, rief eben der Zeitungsoerkäufer Oesterreichs Kriegserklärung an Serbien aus. Ich packte, und Maria packte auch. Wir gerieten in einen Sturm der abreisenden Landsleute und erkämpften uns, über Wälle von Gepäckstücken steigend, noch zwei Plätze im Nachtzug. Maria wollte die Fahrt unterbrechen, um mich heimzubegleiten, um mein Dorf und Häuschen kennenzulernen; der Uebergang über'den Brenner und die Grenzen zwischen Oesterreich und Deutschland würden ja nicht geschlossen werden. Ich nahm ihre Absicht, die sie mir erst unterwegs verriet, als Ueberrafchung und Glücksgeschenk entgegen, und doch erschreckte sie mich, denn ich hatte über mein Zuhause nur Andeutungen gemacht und konnte sie auch jetzt nur durch gelegentliche Entschuldigungen unserer kleinen und traurigen Enge ergänzen. Aber Maria ergriff lächelnd meine Hand, sie hielt sie lange, wir schwiegen. Am nächsten Tage gab es zweimal, vor und hinter der Grenze, einen langen Aufenthalt: Soldaten, erst italienische, dann österreichische, suchten den ganzen Zug nach Waffen und Spionen ab, und die österreichischen auch nach feindlichen Ausländern. Und als wir uns Bozen näherten, sahen wir die ersten Einberufenen in vollen Cisenbahnzügen; wir fahen sie mit ihren Koffern und Kasten und hörten sie den brausenden Jubel der nach- winkenden Menge erwidern. — Diese Züge verstopften den Bahnhof und unsere Einfahrt. Aber schließlich kamen wir an. Es war am frühen Nachmittag. Ich brachte eine köstliche Beute heim — ich brachte sie heim — heim zu mir: es war mein Heim, kein enges dürftiges Häuschen bloß, dessen ich mich geschämt hätte, sondern mein Reich, meine Herrschaft, mein Besitz. Und der Krieg hob mich hoch über alle Grenzen und Gültigkeiten. Ich war mit Maria allein aus der Welt ober wie außer der Welt. Dort gehörte mir nichts als das Leben und mein Begehren, dort gehörte sie mir. Ich führte sie unter Umgehung des Dorfes, der Straße und des Wirtshauses auf holprigen Steigen zwischen Weinbergsmäuerchen, durch diese Bachbetten der augustheißen Sonnenflut. Mir war, als ob Sonne, Lava, niederrinnende Traubenhitze und mein kochendes Blut den vertrauten Grund durchschwemmten und meine Füße mit sich rissen, bis die geschlängelte Strömung nach einem rückwärtigen Bogen um mein Haus mit uns über die brennende Schwelle münden würde wie in die unterirdische Herzkammer alles Feuers. Aber ich mußte Maria vor der Tür stehen lassen und lief allein die paar Schritte zum Wirt, den Schlüssel zu holen. Der Alte, den ich erst wer weiß wann wiederzusehen geglaubt hatte, konnte mich nun also schon lange vor dem letzten Ferientage begrüßen. Er empfing mich jedoch wie einen längst Erwarteten: „Da bist ja, Lehrermichel", und fügte strahlend hinzu, als sei das Schöne an diesem Wiedersehen, daß es kurz oder gar das letzte war: „Gelt, einrucken willst?" Ich aber gab keine Antwort, sondern entriß ihm nur den Schlüssel und lief zurück. Maria, die heimlich wartende, lächelte mir mit bleichem Gesichtchen entgegen. „Zu Hause!", sagte sie. Leise klang es und meinem Ohr wie ein Lockton. Sie stand gleichsam Wache haltend an der Pforte des Paradieses, ich reichte ihr den Schlüssel, sie sollte aussperren und mich einlassen. Da schlug aus der geöffneten Tür ein süßlicher, dumpfer Moderduft mir entgegen. Maria riß alle Türen und Fenster aus, das Häuschen wurde luftig-durchsichtig, es hing wie ein Vogelbauer über der Tiefe, die herauf- und hereinbrach mit Weingärten und grünen Matten und Schlössern und Dörfern, mit dem Eisackfluß drunten und mit den Kastanienwäldern und dem Schiern und dem Rosengarten darüber und mit den phantastischen Säulen der Erdpyramiden in der Nähe. Draußen beim Gang über dem offenen Lande erzählte ich meine ganze Kindheit und Jugend. Es war ein Vertrauen, wie man es nie ober nur ein einziges Mal im Leben unb nur einem einzigen Menschen schenkt, biefem damit allerdings fein ganzes Leben und Herz ausliefert. Erft in der Dunkelheit, da ich heute nicht gesehen werden wallte, führte ich Maria durchs Dorf und zeigte ihr auch die Schule, wenigstens von außen. Die Sommergäste waren abgereist, wir würden zu so später Stunde in der Gaststube allein sein, und der Wirt schien uns nicht eher erwartet zu haben. Während er auf blumengeschmücktem Tisch eigenhändig das Essen auftrug wie ein Verlobungsmahl, behandelte er Maria wie die künftige Frau Lehrer. Spät brachte mich Maria noch bis an die Tür meines Häuschens und wünschte mir mit innigem Nachdruck gute Nacht. Ich stand am Morgen auf, kleidete mich an und trat ins Freie. Da kam mir Maria schon entgegen. Sie wollte noch die Alm sehen, wo ich als kleiner Hirt meine Krippenfiguren geschnitzt hatte. Wir stiegen die Weinhänge hinan und Über sie hinaus, bis wir uns in die Mattenregion erhoben, die uns mit der melodischen Verwirrung der Herdenglocken entgegenläutete. Der barbeinige Hüterbub begrüßte seinen Lehrer. Maria fragte ihn mit einem schelmischen Seitenblick auf mich, ob ihnen der Herr Lehrer etwa sogar für seinen Urlaub und für ihre jetzigen Ferien was aufgegeben habe. „Nur ein Gedicht", antwortete das Bübchen. — „Was? Ein Gedicht? Zum Auswendiglernen? Nun, es ist ja noch Zeit bis zum Schulbeginn. Oder kannst du es gar schon?" — Und der Bub fing an zu trompeten: „Ich bin vom Berg der Hirtenknab', seh auf die Schlösser all herab; die Sonne strahlt am ersten hier, am längsten weilet sie bei mir: ich bin der Knab' vom Berge!" „Bravo!", rief Maria. „Und wie hübsch paßt das zu dir hier oben. Nur weiter!" Aber da stockte er schon. Maria hatte sich auf den Boden gelegt, neben die Tränke. Sie fuhr mit Mund und Hand in den Quell, der das Farbenbad meiner Figürchen bereitet hatte, die Perlen sprühten ihr von Haar und Gesicht, Armen und Fingern, sie lachte und fuhr selber fort, und auf ihrer Zunge wurde der Schulstoff zum Urwort aus dem Born der Sprache geschöpft: „Hier ist des Stromes Mutterhaus, ich trink ihn ftifch vom Stein heraus; er braust vom Fels in wildem Lauf, ich fang ihn mit den Armen auf, ich bin der Knab' vom Berge!" Da es aber dem Buben nicht einzuhelfen schien, mußte ich doch als Lehrer nun auch einmal eingreifen — ein bemooster Porphyrvorsprung war mein Podium, drunten aber lag mein Spukhäuschen wie ein weißer Würfel ober nur wie ein Glimmerstückchen im Glast der Landschaft verloren: „Sind Blitz und Donner unter mir, so steh ich hoch im Blauen hier; ich kenne sie und rufe zu: Laßt meines Vaters Haus in Ruhl Ich bin der Knab' vom Serge!® „Herr Lehrer, Sie haben ja einen Vers vergessen", rief das Bürschchen keck. Ja, ich hatte vergessen, daß der Berg mein Eigentum ist, daß die Stürme ringsumher ziehen und daß, wenn sie von Nord und Süd heulen, sie doch mein Lied überschallt. Da fiel mir Maria um den Hals und küßte mich. Hinter ihr standen im Morgenduft die Tempelbasteien und Türme von Schiern und Latemar; hinter ihr stürzte, von Rebengirlanden überringelt, die Ties in den Eisack, um sich jenseits an der Schattenseite zu den Felsenburgen in Wäldern hochzubäumen, aber Tiefen und Höhen, Himmel unb Sonne riß der kleine geschwungene Sogen ihres Munbes in sich unb in meinen Mund, er war entspannt und von Blut durchwärmt und feucht gekühlt von meinem Heimat- und Bilderguell. „Ich meinte nur den Buben!" lachte Maria. Nach unserer Rückkehr ins Dorf wollte sie noch das Grab meiner Eltern sehen. Sie kaufte Blumen, nahm sie aus dem Tops unb pflanzte sie auf bas Grab — es war mir wie bie Opferhanblung einer Priesterin. Ich bürste sie nur bis zu meinem kleinen Bergbahnhof bringen, das wünschte sie ausdrücklich. Sie fuhr auf ihrer Reise in das rasch von allen Seiten sich zusammenziehende Wettergewölk ihres Vaterlandes hinein, das sich in den einander jagenden Kriegserklärungen Deutschlands an Rußland, Deutschlands an Frankreich, Englands an Deutschland entlud. Als sie, von der Plattform winkend, mit dem Wagen in der Tiefe entschwunden war, setzte ich mich wieder auf die Bank des Bahnsteiges, an der sie bis zum Einfteigen neben mir gesessen hatte, aber auf ihrem Platz, und nachdem ich mich ängstlich umgesehen, ob ich allein sei und mich auch von weitem niemand beobachten könne, kniete ich nieder und streichelte die Spuren ihrer Füße, die noch dem Sande eingedrückt waren. Ich kehrte an diesem Tage noch mehrere Male zu dieser Bank zurück, bis ich die letzte Spur Marias von den Stiefeln des Nachtrupps der ausziehenden Krieger zertreten fand. Da war es auch Zeit für mich. Meinem Gretchen. Mit einem kleide. Bon Eduard Mörike. Drunten in des Kaufherrn Warenhalle Sehnte sich ein Kleidchen schon seit lange (Ohne daß es drum, versteh' mich! eben. Was man sagt, ein Ladenhüter wäre). Sehnte sich aus des Gewölbes Schatten An das Tageslicht, in Luft und Sonne, Einem guten Mädchen oder Fräulein, Das so um die vierunddreißig stünde, Angeschmiegt vom Hals bis auf die Knöchel, Sich mit ihr im Zimmer, durch den Garten Und auf Markt und Straßen zu bewegen. Ei, da kamen wir zur guten Stunde, Sah'n der schönen Ware eine Menge, Mit noch schönem Worten angepriesen, Ausgebreitet vor uns auf den Tischen. Doch dies Kleidchen sprach zuletzt bescheiden: „Wählet mich! Dem heißen Sommer bin ich Und dem kühlen Herbst gerecht, an Farbe Mild, und linde fallen meine Falten. Nehmt mich mit! Ihr kaufet nicht zu teuer/ Nun, in kurzem war der Handel richtig, Und hier ist es, dir zum Dienst gewidmet. Sieh! Es fremdet noch, beschämt ein bißchen, Ungewiß, ob es gefallen werde. Doch es darf durch manche stille Tugend Hoffen, mit der Zeit sich wert zu machen: Fühlt es doch in dem und jenem Stücke Sich voraus der lieben Herrin ähnlich. Wenig wird es dich ins Schauspiel locken, Zu Konzert und Prunkvisiten wenig; Eher könnte Dorf und Wald es reizen. (Wundershalb nur möcht' es dieser Tage Gleich einmal die Eisenbahn versuchen.) Aber ach, was will ein armes Kleidchen, Heut' bedeuten in des Mannes Händen, Der dich gar zu gern, oh Allerbeste, Um und um in seine Liebe hüllt, Daß du, nur in diesem Aether wandelnd. Dich wie heute fühltest alle Tage! Das Erleben der deutschen Landschaft. Bon Hans Franke, Heilbronn. Aus allen Gegenden des Reiches donnern die Züge voller Menschen, die andere Gegenden suchen, ihre große Heimat kennenlernen, neue Landstriche aufsuchen, andere Eindrücke haben wollen und sich, wo es auch sei, wissen als Söhne der großen Mutter Germania. Süden kommt zum Norden, Westen zum Osten, deutsche Jugend wird ausgetauscht, die Lagerfeuer brennen auf den Höhen der Mittelgebirge, in der Heide und am Meer, die Wasser rauschen in den Träumen, die Wipfel singen uralte Lieder, die Sage tönt auf und neben ihr steht die Geschichte: klingend aus dem Stein der Burgen und Schlösser, der reichen Städte und aus den einsamen Gehöften der verborgenen Landschaft. Oh, nun werden die Herzen weit, und der Sinn spürt den Dingen nach, geht aus die Jagd nach Ereignissen und taumelt aus einem Erlebnis in das andere. Es gibt ja nichts Wunderbareres als etwa sich eine Stadt zu erobern! Nur soll man sich dabei nicht aufhalten mit der später nötigen historischen Kleinarbeit: man soll den Rhythmus belauschen, den Wunderklang, der aus der Gesamtheit eines Gemeinwesens klingt und uns anruft oder abschreckt. Man findet diese Melodie, wenn man geradenwegs in das Herz der Stadt vorstößt, und umgeben von Raum sich dennoch ohne Grenze weiß, ohne eine solche der Zeit jedenfalls; denn es naht ja nun Jahrhundert hinter Jahrhundert, es entrollen sich Zeiträume, gewaltig und sonst als Grenze unfaßbar. Man lauscht dem Kreisen des Blutes, das durch die Zeit gleichblieb oder unruhig wurde, nichts oder sehr vieles hat sich verändert, man sieht offene Wunden oder ein großes heiteres Angesicht. Man findet sich wieder aus brennenden Brücken, unter denen der Strom rauscht, man sieht sich auf Türmen, vor den Portalen hoher Kirchen, man tritt voller Ehrfurcht in die Krypten, in denen die Könige aus Stein liegen, das Schwert in der Hand. Man sieht Menschen hineilen, viele Menschen, und doch nur dann und wann ein Gesicht, das uns groß und offen anspricht und wie aus der Heiligkeit früherer Zeiten zu fein scheint. Das ist das Gesicht der Madonnen, das ist das fränkische Muttergesicht etwa oder das Gesicht der seherischen Jungfrauen, das Traumgesicht, das Bolk-Gesicht. Es sieht dich an, überlächelt die Zeit und hat dein Herz erfrischt. Oder man flieht unter die Bogengänge und Pfeiler, oft ist das Heute so ungefüg, hier aber ist Ruhe und Behagen, hier stehen die Körbe der Marktfrauen mit grünen Stachelbeeren, mit den ersten Aevfeln, mit den zartwangigen Pfirsichen und dem frühen Wein. Hier riecht es nach Erde. Hat man so eine Stadt sich erobert oder sie hassen gelernt, dann soll man sich selig oder schweigend hinwegmachen; man soll brennende Liebe, tödlichen Haß. Ungewißheit, Geheimnis, Dunkel oder Helle lieber hin- wrgnebm" ' als daß man andern Tages im Kleinkram der Geschichte sich in v'">» Einzelheiten verliert. Denn es muß Sehnsucht bleiben in uns rm s b— Natur, nach den steinernen Zeugen der großen Geschichte. B"-ntano sagt einmal, daß der, der sich nach der großen Natur sehnt, ste am besten beschreiben könne! „Wer mitten darinnen ist und mit glühendem Gesicht oben (auf dem B>rge) ankommr, der schläft wie ich auf dem grünen Rasen ein und denkt nicht weiter viel. " Und hat nicht T i e ck recht, wenn er einen mit reiner Seele, weitgeöffnet im Innern, erlebten Sonnenuntergang mit dem Blute des Heilands vergleicht in feiner herrlichen „Landschaftsvision", in der es heißt: „Sein Haupt, die Sonne, sinkt tiefer und tiefer hinab, der Nacht und dem Tode entgegen; nun ist die göttliche Scheibe verschwunden, und die Röte gleitet ihr dunkler und farbloser nach", ach, und all das strömende Blut, er verglich es ja mit dem Blute des Herrn, „vom Haupte strömend, aus der Seite, den Füßen und Händen entfließend." Und wie oft schon haben es uns die Maler erzählt, daß sie vom Anblick einer Landschaftsschönheit oder Naturstimmung überwältigt, nicht in der Lage waren, den Griffel zu führen, sondern daß sie dastanden: überwältigt von dem Anruf des Seins, dem göttlichen Hauche des großen Einen. Goethe läßt seinen Werther darum schreiben: „Ich könnte jetzt nicht zeichnen, nicht einen Strich, und bin nie ein größerer Maler gewesen als in diesem Augenblicke." Denn nun ist unter dem Zuruf des Himmels die höchste Gestaltungskraft mächtig in uns, nur scheut sich der ordnende Geist, sie wieder als Werk neben die Natur zu setzen. — Nun schickt sich wohl unser Denken an, die Krusten der Erde zu studieren; von den Städten sind wir in die Einsamkeit der Wälder, der Meere entschritten, alles liegt unseren Blicken bloß, und wir brauchen es nur aufnehmen und verbinden, wie es uns unsere Großen gelehrt haben. Herder sieht das Meer und nennt den Wassergrund eine neue Erde. „Welch neue Seekarten sind über den Ozean hinaus zu entdecken", ruft er, „die nur jetzt Schiffs- und Klippenkarten find! Welch neue Welt von Tieren, die unten im Seegrunde wie wir auf der Erde leben, und nichts von ihnen. Gestalt, Nahrung, Aufenthalt, Arten, Wesen, nichts kennen! ... Welch große Aussicht auf die Natur, der Menschen und Seegeschöpfe und Klimaten, um sie, und eins aus dem andern, und die Geschichte der Weltszenen zu erklären!" Das ist das Auge des Welterforschers, während bei einem Humboldt das Auge des reinen Naturforschers zu blicken pflegte. Er schreibt von seinen weiten Reisen, oft von den großen Rätseln und dem Gefühl der Ohnmacht, mit der der Mensch dem Walten der Naturmächte gegenüber steht, wenn er auch noch so tief die Zusammenhänge erklärt und erforscht hat. Ein Munn und Militär wie Roon, Kriegsminister im Siebziger Kriege, freilich kann den Blick des Soldaten auch auf einer Reise nicht ablegen; wenn er die iberische Halbinsel beschreibt, dann gliedert er die Massive zwar in ihrer geologischen Form und stellt die Formen nebeneinander, aber man merkt allzudeutlich, daß sich dabei sein Gestirn die Möglichkeiten von Truppenverschiebungen, von Bewegungen und Transporten vorstellt, er sieht im Grunde nicht Landschaft, sondern „Gelände". Auch für viele junge Menschen ist ja heute ■ ein solcher Blick nichts Unnatürliches mehr! „Bor der Kühnheit der Meisterwerke stürzt der Geist voll Erstaunen und Bewunderung zur Erde; dann hebt er sich wieder mit stolzem Flug über das Vollbringen hinweg, das nur eine Idee eines verwandten Geistes war", so schreibt der vielgereiste Naturforscher und Geograph F o r st e r angesichts des Innern des Kölner Domes. Da sind wir wieder bei den Wahrzeichen der Kultur, die wie mächtige Riesen die Riesen der Natur ablösen, aufgehobene Finger sind ihre Türme, breite Mäuler ihre Portale und helle Augen die breiten Fronten der Schlösser und Bürgerhäuser. Wie uns inmitten der Natur, nachts beim Schlaf unter den Sternen, oft der panische Schrecken überfällt, so ruhen wir hier in der heiteren Gelöstheit, dem Rausche der Architekturen und finden uns wieder in dem großen Geist-Raum des' Volkes. Dazu find die Reisen ja vornehmlich da, und wir sind stolz auf den großen Bestand unserer Heimat an solchen Dingen! Kleist ist beglückt in Würzburg, er beachtet selbst die Biegung des Flusses, die dieser um einen Vorsprung der Landschaft herum macht, aber er hat dabei ihre ganze Stadt und ihre heitere Landschaft im Auge, wie es Im m ermann auch macht, wenn er uns von Heidelberg oder der fächsischen Schweiz erzählt. Nur hat der das Ohr geöffnet zudem noch den Stimmen in der Landschaft: den Stimmen der Sage und denen des Märchens, er ist so Romantiker, daß er schreibt: „Das Märchen einer Gegend ist der Atem ihres Geistes. Im Harz deuten die alten Sagen aus das geheimnisvolle Leben des Metalls und der Berggewässer, das ist die Krone der Prinzessin, das sind die Kleinodien, die der Schäfer aus dem Berge holt, und nicht ansehn darf, sie verwandeln sich sonst. Im zerstreuten Riesengebirge foppt Rübezahl ohne Zweck, der Rhein erzählt die Geschichte von Fehde und Zwist, von Scheiden und Meiden ... hier nur, im Tale des Neckars, sprach die Natur in prophetischer Weise von ihren noch verhüllten Schätzen." Von solcher deutschen Landschaftsbetrachtung und solchem Erlebnis ist nur noch ein Schritt bis zur wahrhaft romantischen Deutung: bis zur Traumlandschaft wie sie ein Novalis uns kündet und deutet! In seinem „Ofterdingen" folgen wir ihm, sehen eine seltsame Welt sich aufbauen, eine fast durchsichtige glasklare Landschaft, ohne anderes Leben als das, das der Dichter ihr gibt, Wildwasser rauschen, Herdenglöckchen klingen, bald wird der Eremit aus der Türe seiner Hütte treten, und bann wieder ist der Jüngling allein auf der Suche nach der edelsten aller Blumen: der blauen Blume. Wer so die Städte und die Landschaften zu erleben weiß, wem sie ein doppeltes Wesen tragen: das in der Zeit und Wirklichkeit und das in der Vergangenheit und in der Ueberwirklichkeit oder im Traume, der kann sich niedersetzen im deutschen Vaterlande, wo es auch sei: vor einer kleinen Dorfkapelle oder einem Friedhof, vor einer Burg oder einem Dom, vor einem Tannenwald am Abend oder vor der 'Gletscherwand des Gebirges: immer wird ihn der Geist der Dinge und der Natur umrauschen, und er wird heimkehren, den Gral ewiger Sehnsucht und Liebe im Herzen! V«r i >■. . . . i i i .6 Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Drühl'sche Universitäts-Buch, und Lteindruckerei. R. Lange, Dieben.