SiehenerMilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger________ Jahrgang 1936 Montag, den 25. Mai Hummer enster über- Das Jahr des Herrn Roman von Karl Heinrich Waggerl Copyright by Insel-Verlag zu Leipzig. 15. Fortsetzung. "'Go schwatzt der Psarrer, zum Abschied taucht °r den Daumen in den Weibbrunnkrug am Türstock und segnet die Stirn der Kranken mit dem ^^Auch David kommt ein paarmal des Tages gelaufen, er ist schon.ganz Zutraulich und setzt sich auf das Bett, um seine blaugefrorenen Hande unter der Decke aufzutauen. Die Mutter strukt ihm Fäustlinge, ledesmal schlüpft er hinein und freut sich, daß sie so schnell wachsen. Und dann hat David eine Bitte. Er möchte noch ein paar Fäustlinge haben, aber viel kleiner und ganz aus roter Wolle. Für wen denn nur? fragt die Mutter. . . - Ja erklärt David verlegen, es ist da jemand im Dorf, em Kind. Das friert 'immer so schrecklich in der Frühmesse, und sein Vater ann ihm aar nichts kaufen, der ist nur ein armer Bahnmeister und hat selbst nichts als einen ehrlichen Namen. Und diesem Kind mochte David d,e roten Ein gutes Herz hat er jedenfalls, sagt Monika später zur Krämerin und erzählt ihr die Geschichte vom frierenden Kind. Ach, das ist wohl Agnes, meint Agathe, — feine Braut. Und Monika wundert sich nicht wenig, daß David schon eine Braut hat, — du lieber Gott, und sie brachte ihm noch ein Rollpferdchen mit! Eines Abends kurz vor dem Fest schiebt David eine Axt unter den Rock und watet durch den tiefen Schnee in das Jungholz hinauf, um U bäume zu holen. Einen, den größten für das Darrhaus den ärgeren für die Krämerin und die Mutter, und zuletzt noch einen kleinen Wipfel Und dann fängt Monika wieder zu reden an. Ach ja, der ganze Sommer verging, der Herbst, damals hatte sie noch Hoffnung. Vom Fenster aus könnte man die Lieferwagen in den Hof emfahren sehen, sie hatte lange gebeten, bis ihr der Arzt dieses Bett am Fenster überließ. Und jeden morgen, rollte dann der graue Brotwagen herein und hielt vor dem Küchensenster. Sie sah weiter nichts als das Dach und die Scheiben, und eine Weile noch die Radspuren im K,es, aber das war doch schon viel. Monika kannte das Horn und die ganze Art, wie Karl den Wagen fuhr. Ja, sie glaubte wenigstens, daß er im Wagen faße, bis einmal ein Reifen gewechselt werden mußte, Agathe und da war es gar nicht Karl, der herauskletterte, nein, ein ganz fremder Mensch! Verstehst du bas, sagt Monika, wie mir war? Ich wollte ja nichts von ihm, ach, das begreife ich schon, daß er mich lange vergessen hat, fo eine, wie ich bin. Aber vielleicht hätte er mich später doch einmal am Kuchenfenster gesehen, er hätte die Mütze abgenommen und den Schweiß heraus- gewischt, wie er es immer tut, — so, würde er gesagt haben, bist du ""^Das^ist es"Agathe/bei einer ordentlichen Arbeit hätte er mich sehen müssen. Mehr will ich nicht, ich schwöre dir, mehr nicht! Es ist so schrecklich, was er damals sagte: aus dir wird nichts. . . Nun, das läßt sich alles wieder zurechtbiegen, meint die Kramerm, das muß man sich nur einmal durch den Kopf gehen lassen. Er wird Urlaub genommen haben oder einen anderen Dienst. Aus der Welt ist er doch nicht, was denkst du dir denn? Bleib jetzt bei mir, bleib bis zum Frnh- iahri Sieh zu, daß du wieder auf die Beine kommst. Den finden wir dann schon, deinen Karl, und Gott weiß, ob er es wert ist. Ja ja, wenn ich Glück hätte, sagt Monika traurig und schüttelt den Kopf. Aber ich habe kein Glück. Das meint Monika nur so, im Grunde ist ihr doch viel leichter ums Ljerz seit sie alles her-ausgesagt und gebeichtet hat. Zudem bleibt ihr auch gar keine Zeit zum Grübeln, jeder Tag bringt ihr etwas Freundliches in die Stube. Der Pfarrer kommt des Weges. Guten Morgen! ruft er durch bas Fenster unb tritt bei ihr ein, um sich em wenig zu warmen. Er lauft auf unb ab unb bläst in bie Hänbe, Monika macht sich gar fernen Begriff wie kalt es braußen ist. So gut möchte es ber Pfarrer auch haben fo schön warm in ben Febern. Unb bann greift er hinterwärts in bie Rock- fchöße, — rechts ober links? fragt er. Rechts, sagt Monika, aber sie hätte gar nicht falsch raten tonnen, benn ber Pfarrer bringt in jeder Hand einen rotwangigen Apfel ans Licht. Ja, wer noch Zahne hätte, da hineinzubeißen! Uebrigens sind es gar nicht seine Aepstl. Katharina schickt sie, ja, die ben B°ler geheiratet hat. Sie ist eine gute Seele, weißt bu, nur ein wenig grob mit ihrem Munb- wurbe: Warum, o herzigs Kinblein, liegst bu so arm unb bloß und nur in schlechten Windlein in deiner Mutter Schoß? für ihn selbst. Er will Heuer auch einen Baum aufputzen, weil er doch gewissermaßen seinen eigenen Hausstand gegründet hat. Lange sucht er unb klettert umher, es müssen schöne Bäume sein, versteht sich, pfeilgerabe unb regelmäßig im Geäst, solche gibt es nicht viele. Unb dabei müssen sie doch dicht genug sein, damit sie etwas tragen können, die Unmenge Kerzen und Nüsse und Backwerk. Es ist richtiges Christwetter, klar und beißend kalt. Der Schnee blüht in langen Nadeln und klirrt unter dem Schuh, und der Tropfen friert einem an der Nase fest. Eine Weile verschnauft David unter den Fichten und betrachtet das abendliche Dorf, wie es da unten liegt, so behaglich und wohlgeborgen in den weißen Betten. Er sucht das Krämerhaus unb bas Fenster ber Mutter. Sie hat schon bie Lampe angezünbet, sicher sitzt sie noch mit bem Strickzeug aus bem Sofa, in Decken eingebrefjt, ach, unb immerfort rollt ihr ber Garnknäuel unter bie Stühle. David hat lange nachgedacht, was er der Mutter unter den Baum legen könnte. Erst der Garnknäuel brachte ihn auf den Gedanken, daß eine Spanschachtel das beste wäre. Der Vater Thomas lehrte ihn die Kunst, einen dünnen Span von astfreiem Dachholz zu Hieben. Ueber kochendem Wasser bog er ihn rund, dann leimte er Deckel und Boden hinein, und schließlich setzte er sich in bas Eßzimmer im Pfarrhof und bemalte bie Schachtel mit prächtigen Farben, während Pater Johannes im Beichtstuhl saß. Oh, David hat seine ganze Kunst daran gewendet, an blutrote Rosen und Gemsen zwischen Vergißmeinnicht, und oben auf den Deckel hat er die Mutter selbst gemalt, weiß und rosig und wunderbar lebensgetreu. Der Vater Thomas meinte zwar, das sei nicht üblich, der Vollmond passe nicht auf eine Spanschachtel. Aber er ist ja kurzsichtig, die feineren Züge erkennt er nicht mehr. .. Agnes bekommt die roten Fäustlinge unb bie Kramerm einen Begonienstock. David hofft wenigstens, bah ber Ableger anwachsen unb qebeihen wird, um dessentwillen die Köchin Helene insgeheim schon alle Dorfweiber des Diebstahls zeiht. Er hat ihn sorgfältig in eine Fettbuchse gepflanzt unb auf einen warmen Platz am Kamin gestellt. Vorerst sieht der Ableger zwar noch recht bürftig aus, aber Agathe wirb ihn gewiß zum Blühen bringen, sie hat eine gute Hanb für so kümmerliche Gewächse. Unb es kommt ber Heilige Abenb, ber einzige Tag im Jahr, ben man rein vergeudet und ber erst mit bem Dunkelwerden beginnt. Auf ber ganzen Welt gibt es sicher keinen Christenmenschen, ber biefe Stunbe nicht feiert. Mag er auch selbst ganz arm unb einsam fein, er wird doch an irgendeine selige Zeit feines Lebens zurückdenken, oder er kann an einem Fenster stehen und Kinder lachen hören, und wenn er sich nur in einen fremden Hausflur drückt, fo kommt gewiß jemand vorbei, ber ihm freunblid) zunickt und gute Feiertage wünscht. Denn an biefem Abenb sind alle Menschen freunblid) unb gut. Friebe, fangen die Engel, Friede den Menschen auf Erden! Auch die alten Leute im Armenhaus ziehen ihr bestes Gewand an, sie stecken ein Tannenreis hinter das Bett, und nach dem Aveläuten kniet jedes vor einem Stuhl und hat sein eigenes Wachslicht brennen. Der Pfarrer kommt herüber und kniet auch hin und betet den freudenreichen Rosenkranz mit ihnen. David steigt indessen in die Kammer hinaus und entzündet die Lichter an feinem Baum, Kerzenstummel von ben Altären. Nüsse hängen im Geäst Sterne unb Kugeln aus Stanniol, oergolbete Lärchenzapfen unb ein paar Zuckerstücke, es sieht sich festlich an. Zuletzt schleicht er auf ben Zehenspitzen hinaus, schließt bie Kastentüren unb wartet eine Welle auf bem finsteren Dachboden. , . .. Klingling sagt David, dann macht er bie Türen mieber auf unb steht überwältigt vor ber gleißenben Prallst. Summend und Staunens geht er um den Baum herum und schlägt die Hände zusammen und betrachtet alles was er sich selbst beschert hat. die Aepfel und die Uhr, und das hölzerne Roß auch, ja, bas Pferdchen! Singen kann er leider nicht gut, sonst würde er jetzt ein Lied anftimmen, vielleicht bas vom armen Krippenkinb, wie es in ber kalten Nacht geboren Ja Davib ist selbst um biefe Zeit zur Welt gekommen, es steht in seinem Sparbuch. Aber baß es eine böse Nacht war, ohne einen Stern am Himmel unb ohne Engelgesang, daß der Wusti durch die Magdkammer pfiff, Schnee und eisiger Wind, davon steht nichts in bem Buch. Das hat ihm erft bie Mutter erzählt. Beinahe wären wir erfroren, sagte sie, wir beide. Unb bann, am hritten Tag kam das Fieber dazu. Aber well es Sonntag war tat ber Knecht ei/'gutes Werk unb zog uns auf dem Heuschlitten in das Tal und noch einen halben Tag weit bis in das Krankenhaus. Die Mutter erzählt das wunderschön, wie sie also dieser Knecht aus der Kammer heruntertrug und ins Heu bettete und mit Stricken festband. Er war ein riesiger Mensch, schwer und viereckig wie ein Kasten. Und auf dem ganzen Wege sprach er kein Wort. Er schnaufte nur und legte sich in die Gurten mit seiner Bärenkraft, der Schnee lag knietief auf der Straße, und es schneite immer noch, aber er ging gleich einem Pflug hindurch. Schritt für Schritt, Stunde um Stunde. Manchmal blieb er stehen und blies den Schnee aus dem Bart, dann ging er um den Schlitten herum und stäubte auch die Mutter ab, so zart er es konnte mit seinen schwieligen Händen. Wie ein Vater umsorgte er sie, wie Joseph seine Familie auf der Flucht. David schlief die ganze Zeit im Schoß der Mutter, er hatte es dort warm und gut, denn die Mutter glühte im Fieber. Und alles kam ihr so seltsam vor, sie erinnert sich noch gut, wie sonderbar alles war. Die hohen Wipfel im Wald zogen über ihr vorbei, sie sahen wie geflügelte Wesen aus, wie weihbeschwingte Engel am Himmel, und sie fangen auch. Es war ja nur der Wind, der oben durch die Bäume fuhr, aber ihr schien es doch, als schwebte der Schlitten und würde auf und ab getragen, und die Engel summten und sängen lieblich dazu. Und sie sah den Mann vor dem Schlitten hergehen, er hatte seinen runden Hut ins Genick geschoben, der Schnee sammelte sich in der Krempe, und das sah wunderlich aus, wie ein Heiligenschein um feinen Kops. Dabei kannte ihn die Mutter kaum, er war ein ganz einfältiger Mensch. Nur so ein Knecht, vier Gulden Jahrlohn hatte er, David, solche Menschen gibt es. Das darf man nie vergessen, meinte die Mutter. Den ganzen Tag mühte er sich ab, der Doktor schalt ihn noch aus, weil er ihm Schnee ins Haus schleppte, als er uns vom Schlitten hob und in dem Spital durch die sauberen Gänge trug. Und am anderen Morgen stieg er dann wieder mit seinem Ziehschlitten in den Holzschlag hinauf. Der Knecht schlug nicht etwa an die Brust und sagte, seht, was für ein guter Mensch ich bin, was für ein Wohltäter! Sondern er vergaß alles wieder. Und wenn Gott einmal seine Werke aus dem Buch lieft und sagt: selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen, so wird der Knecht gar nicht verstehen, wofür ihn Gott lobt. Herr, wird er antworten, das hat leicht geschehen können, das war weiter nichts... Daoib löscht die Kerzen an seinem Christbaum wieder aus, bann wickelt er bie Spanschachtel unb den Blumenstock in Papier und begibt sich in das Dorf zur Krämerin. Auch er hat sein gutes Gewand angezogen, in diesem Jahr feiert er den Heiligen Abend dreifach. Denn später wird er noch beim Pfarrer einkehren und die Handschuhe unter den Baum legen, ganz im geheimen natürlich. Agnes braucht nicht zu erfahren, wer sich ihrer Blöße erbarmt hat. Und nur, wenn sie vor Freude außer sich wäre, und es durchaus wissen wollte, könnte er vielleicht ein Work fallen lassen, — nun ja, sie seien nicht ganz schlecht. Er habe zwar schon bessere Fäustlinge gesehen, aber immerhin,.für die Not taugten sie gerade. Aus allen Fenstern fällt warmer Kerzenschein auf den Dorfplatz. Im Vorübergehen sieht David die Leute in den Stuben vor dem Christbaum beisammenstehen. Das Jüngste hat der Vater auf dem Arm, es hopst und kräht und greift nach den Lichtern. Und bie Mutter hat keinen Augenblick Ruhe, eines zerrt an ihrer Schürze, damit sie ihm endlich in bie neuen Schuhe hilft, unb inbeffen wird sie vom anderen beinahe erwürgt, weil sie bie Puppe noch nicht genug bewundert hat. Anderswo kommt die Sache erst in Gang. Eine Tür öffnet sich eben, ein Rudel Kinder stolpert herein, unb bahinter steht wiederum der Vater, es ist überall derselbe hemdärmelige Mann, der wohlwollend lacht und die Zigarre zwischen den krummen Fingern dreht, und es ist auch die gleiche Mutter, die irgendein Paketchen in den Händen hält und den Kopf dazu schüttelt. Denn es ist ja alles reine Verschwendung, was man ihr schenkt! Auch in den früheren Jahren ging David um diese Stunde über den Dorfplatz, stand vor den erleuchteten Fenstern unb brückte feine Nase an bie Scheiben. Auf biefe Weise konnte er an allem ein wenig teilnehmen, an ber Bescherung im ganzen Dorf. Er selbst hatte ja nicht viel zu erwarten, ein paar Aepsel unb Dörrbirnen vom Pfarrer, eine Hanb- voll Zuckerzeug ober etwas Nützliches, ein Paar Strümpfe vielleicht. Unb ost verging er fast vor Aufregung unb Ungebulb, wenn er mit ansehen mußte, was zum Beispiel dieser Peter mit seiner Munbharmonika anstellte. Rein gar nichts brachte er heraus, während er, David, sicher auf bas erste Mal einen flotten Marsch aufgespielt hätte. Aber Heuer ist es anbers, biesmal ist er nicht mit leeren fjänben unterwegs, nicht Zaungast vor fremben Häusern. Ach Gott, wie freut sich bie Mutter über ihre Schachtel, wie bestaunt bie Krämerin ben schönen Degonienstock! Wirb er nun weiß ober rot blühen? Rot, sagt David prophetisch. Wenn nicht Gott ein Wunder wirkt, um des Friedens willen. David geht stolz und schzvitzenb in ber Stube auf unb ab, er trägt Fäustlinge an den Händen unb einen Wollschal um ben Hals, unb alles ist so überaus prachtvoll unb festlich. Der Lichterbaum, die Kerzen und bas Backwerk unb das glitzernbe Engelhaar über unb über, und ganz oben der gläserne Stern, ber sich in ber warmen Luft langsam breht. Nur biefe Zuckerkiste sollte nicht dastehen, die oerbirbt ben ganzen Eindruck. Aber ist es wirklich eine Zuckerkiste? David, sieh hin! Ja, den ganzen Tag lief der Briefträger im Dorf umher, — Wallner, Wallner, brummte er, ich kenne keinen, der Cornelius Wallner heißt! Zuletzt kam ihm bie Krämerin zu Hilfe. Ach, bu lieber Gott, sagte Sie, bas wirb boch nicht Davib sein? Unb sie nahm die Kiste in ihren faden. Mit einem Wort, der Kämmerer hat sie geschickt, der Pate, und sie enthält keineswegs Zuckerstücke, obwohl das ja auch nicht übel wäre. In blinder Hast stemmt David den Deckel auf. Es ist natürlich bie verkehrte Seite, zuerst findet er nur Holzwolle, aber bann kommt es ans Licht, ein Bohrer, seht her, ein Hammer! Währenb Davib noch den Hammer -n ber Hanb hält, greift er schon nach etwas anberem. Einen Hobel, eine Zange holt er heraus, eine zerlegte Schweifsäge, ein Stemmeisen unb Feilen, unb alles, alles ist blitzblank und nagelneu. David sitzt da, er hält ein Büschel Holzwolle in jeder Hand unb ist völlig verstört unb wirr. Werkzeug, versteht ihr, was bas heißt? Das Werkzeug ist die friedliche Waffe des Mannes. Mit dem Hammer, dem Winkelmaß eroberte er ben Erbkreis, nicht mit bem Schwert. Inzwischen haben wir es ja weit gebracht zugegeben, wir bohren nicht mehr mühsam Löcher in Steine, um einen Ast burchzustecken. Aber im Grunde ist boch ber gewiegteste Maschinenbauer nur ein Lehrling dessen, ber den Hammer erfanb, jenes Halbgottes am Beginn der Zeit, jenes Riesen an Verstand. Unb barum ist bas Werkzeug heilig unb ehrwürbig unb unvergänglich. Der erste gab ihm bie Form. Er formte bie Axt, Schneibe unb Hefthaus unb Stiel, unb so blieb jie burch alle Geschlechter, es war nichts mehr barm zu ändern. Das Werkzeug diente dem Menschen treu, es fügte sich in seine chasfende Rechte und versagte nie. David ist nicht mehr aufzuhalten, er muß feinen Schatz sogleich dem Pfarrer zeigen. Agathe versteht ja nicht viel davon und die Mutter noch weniger, sie tut es nur aus gutem Willen, wenn sie das Stemmeisen bewundert und meint, das sei aber ein schöner Schraubenzieher. Es ist beinahe gefrevelt, eine Lästerung, freilich nur aus weiblichem Unver- tand. „ Der Pfarrer aber ist aufs höchste überrascht. Nein, sagt er, daß ihm o etwas eingefallen ist, deinem Paten! Das hätte ich ihm nicht zugetraut! Oh, dieser heuchlerische Pfarrer! Hat er nicht selbst vor einigen Tagen einen Brief vom Kammerherrn bekommen und wiederum einen fort- geschickt? , ,, s Nun könnten wir einen Taubenschlag bauen, meint er, was sagst du dazu? Schon seit Jahr und Tag hat er das im Sinn, nur fehlte es immer am Werkzeug für eine so feine Arbeit. Jawohl, ein Taubenschlag wird gebaut, und Blumenkasten für die Köchin Helene, damit ihr niemand mehr Ableger stehlen kann, und ein Fußschemel für Agnes, aus Birnholz, mit geschweiften Seinen. Sie braucht einen, um den Fuß beim Sticken darauf zu setzen, em Schemel ist überhaupt unentbehrlich für so ein winziges Ding. Was hast du da, fragt sie. Fäustlinge? Ja, Handschuhe. Willst du sie? Ach danke! Agnes hat schon welche aus Leder. So lederne. David findet wollene schöner, rote Fäustlinge hat md)t jeder Mensch. Aber gleichviel, Agnes könnte sie ohnehin nicht tragen. Ich glaube, bemerkt David, sie wären dir zu klein. . Zu klein? Das will sich Agnes nicht sagen lassen, sie hat die zierlichsten Händchen von der Welt. Sofort zieht sie die Fäustlinge an, und sie sind mehr als groß genug, seht nur alle her! Wirklich, meint auch der Pfarrer. Und sie stehen dir gut, das muß ich schon sagen! , , . , ... . Oh, allmählich lernt es David, sein Garn so zu legen, daß sich der Vogel fängt. u , . ... . Bis zur Mette darf kein Fleisch gegessen werden, aber das ist em geringes Hebel, wenn man alle Taschen mit Nüssen und süßem Klotzenbrot angefüllt hat. Der Pfarrer schlurft in seinen neuen Pantoffeln durch die Küche und überwacht die Bratäpfel im Rohr. Es ist eine besondere Kunst, Aepsel richtig zu braten. Prall und saftig müssen sie fern und dis ins Kernhaus weichgeschmort. Und obendrein duften sie auch wunderbar, Weihnachten ist ja überhaupt vor allen anderen Festen durch Gerüche ausgezeichnet. Es riecht nach Tannenreisig, nach Wachs und Weihrauch und Vanille, und nicht nur alle Stuben, auch die Leute selbst riechen so, weil sie bis zum Hals mit guten Sachen vollgestopft sind. Von Zeit zu Zeit wird es nötig, vor das Haus zu gehen und eine Weile Luft zu schöpfen. Da steht man unter dem sternklaren Himmel, die Welt liegt still und hält den Atem an unb wartet auf das Wunder. Lange vor Mitternacht sieht man schwebende Lichter auf allen Höhen als hätten sich Sterne vom Himmel gelöst und wanderten nun ins Tal. Es sind die Kienfackeln und Laternen der Bergbauern, die zur Mette gehen. Und dann läuten mit einem Male die Glocken freudevoll, d,e Kirche erstrahlt im hundertfältigen Glanz der Lichter! Gloria! singt der Pfarrer, so laut er nur kann, Gloria in excelsis Deo! Und die Leute fallen ins Knie, Hirten und Bauern, wie damals in der gesegneten Stunde. Zur Christmette singen Frauen auf dem Chor, auch Agathe mit ihrer starken und tiefen Stimme. Der Pfarrer hält inne, um das Lied anzu- horen, diese süße und reine Weise von der stillen heiligen Nacht. Der sie erfand, war kein großer Meister, sondern nur ein geringer Mensch. Ein einziges Mal loste ihm der Engel die Zunge, und bann schwieg er wieder. Nach der Mette wünscht man einander gute Feiertage auf dem Kirchplatz man stampft und schlägt mit den Armen, um sich warm zu machen, ehe man nach Hause trabt. Väter schleppen wimmernde Stoffbündel im Arm, — ja, der Kleine, er wollte sich den Mettgang nicht nehmen lassen, und nun war die Kälte doch zu arg gewesen! Aber es gibt noch heiße Suppe daheim, gewürzten Wein, und das warme Bett macht vieles wieder gut. Nicht alles. Cs gibt einen Heiligen, Ulrich mit Namen, der in dieser Nacht umgeht, und bei denen zu Ehren kommt, die sich zuviel des Guten beigemeffen haben, allzuviel an Mandeln und Rosinen und Zuckerzeug. ♦ Nach den Feiertagen kommt der Knecht zu Agathe in den Laden, er will nach Arbeit fragen. Vielleicht konnte er Holz klein machen, so weit ist es schon mit ihm aekommen, daß er sich im Taglohn anbieten muß. Nein, sagt die Krämerin, ich habe jetzt keine Arbeit für dich. So, keine. Aber dann hätte er noch einen anderen Plan. Er hat einen Marder aufgespürt, ein paar Füchse, unb nun möchte er Koder auslegen und etliche Schillinge an ben Bälgen verbienen. Kurz unb gut, könnte ihm Agathe wohl ein wenig fiöbergift verkaufen? Gift? Das führt Agathe nicht mehr im Laden. Was du sagst, nicht mehr? Aber Adam hat boch Köbergift bei bir gekauft, ber alte Bauer. Es müßte noch im Buch sieben, sieh einmal nach! Agathe schaut ben Knecht von ber S»ite an. Wer schickt bich benn? fragt sie plötzlich, — ber Wachtmeister? Bei mir ist nichts zu erfahren, fag ihm das! Der Knecht rückt seinen Hut und lacht unb geht. (Fortsetzung folgt.) Abendlied. Don Willy Arndt. Acker ruht und Wiesengrund, kühler Halm und müdes Blatt. Stille singt mit leisem Mund, was der Lärm verschwiegen hat. Schließ die Augen, lausche du, wie die Stimme zu dir weht — und im Dunkeln auf dich zu sanft der Atem Gottes geht. Schlafe, schwebe auf im Raum, löse dich in Licht und Klang — Mondhorn tönt in deinen Traum und der Sterne Lobgesang. sie aus der Wiese zu sagen, ist mehr wert wie die Kuh selber. Einmal hat ein fremder Mann im Morgenbrodstal an einer Quelle gestanden und hat ein Sieb untergehalten, in dem sind lauter Perlen gewesen. Wie er die gewaschen hat, da hat er sie in seinen Holster getan, und dann hat er sich selber die Hände gewaschen und dabei gesprochen: Im Morgenbrodstal, da wasch' ich mich. Und in Venedigen, da drög' ich mich. Wie er das gesagt hat, ist er mit einem Male verschwunden gewesen. Das hat ein Bergmann gesehen und gehört und hat ihm die Worte nach- gesprochen und plötzlich ist er in einer ganz fremden Stadt, wo die Leute eine Sprache sprechen, die er nicht versteht. Da begegnet ihm der Mann, den er belauscht hatte und sagt ihm, daß er in Venedig ist, und nimmt ihn in sein Haus mit, das ist ganz aus Marmorstein gebaut und alle Geräte sind aus Silber und Gold; da bewirtet er ihn und erzählt ihm, daß er seinen ganzen Reichtum aus dem Morgenbrodstal hat. Dann be= hält er ihn die Nacht bei sich, und am andern Morgen, wie er sich wäscht, da muh er sagen: Geschichten aus dem Harz. Erinnerungen von Paul E r n st. Gute Sitten, Ehrbarkeit und sittlicher Stolz, die in zwar furchtbar armen, aber sichern und geachteten Verhältnissen sich durch Jahrhunderte entwickelten, gehen nicht so schnell verloren. 3" meiner Kindheit gab das noch den allgemeinen Charakter für die oberharzische Bevölkerung und ich habe Jahre gebraucht, als ich meine Heimat verließ, ehe ich mich in die ganz andere Lebensauffassung der Städte gewohnte. Diesen Unterschied von heutigen Verhältnissen muß man sich immer klar machen, wenn man an Volksleben denkt, wie es früher war. Es taucht etwa das Andenken an einen Abend bei dem alten Klmgen- föbr in nur auf. Ein hohes Alter erreicht der Bergmann selten; die Grubenarbeit in der schlechten Lust erzeugt die „Bergsucht", an welcher die meisten um die sechziger Jahre sterben; dafür werden die Frauen oft sehr alt. Ich denke an die niedrige Stube, durch deren Tur ein großer Mann nur gebückt eintreten konnte; die Fenster sind zum Schieben eingerichtet, der häufigen Stürme wegen; in den Fensterbrettern stehen sorgfältig gepflegte Blumen, meistens die rosa Alpenveilchen, seltener die weiße Art, von der erzählt wurde, daß es unter ihnen „Bocke gebe, die tauben Samen tragen; am häufigsten waren dann noch Geranium und Rosmarin. Der Ofen sprühte eine starke Hitze aus; das Holzfeuer wurde fleißig unterhalten, denn der Bergmann erhielt fein Feuerholz für einen niedrigen Betrag und sägte und spaltete es selbst am Feierabend, so daß mit der Feuerung Luxus getrieben wurde. Das neumodische Petroleum hatte der alte Klingensöhr noch nicht elngesuhrt, er brannte noch die trübe Oelfunzel, die einst den noch alteren K,enspan abgelöst hatte. Der sechzigjährige Alte sah m einem uralten Lehnstuhl mit Schnitzerei, den ich später seinem Enkel abgekauft habe, mit andern alten heimatlichen Möbeln befindet er sich heute, von einem geschickten Tischler in Ordnung gebracht, in meinem Arbeitszimmer u"d erreA die Bewunderung meiner altertümersammelnden Freunde, die sich schwer vorstellen können, daß in so schönen Möbeln früher arme Bergleute gewohnt haben. Die fast neunzigjährige Mutter saß auf der „Hltsch dem Fußbänkchen, am Ofen, die Frau des Alten wirtschaftete rüstig n der Küche, der verheiratete Sohn paßte „Vugelhaisel zusammen, die allbekannten kleinen Harzer Vogelbauer, die Schwiegertochter strickte lange weiße baumwollene Strümpfe, die ein Unternehmer nach Leipzig brachte, und die Kinder 'aßen zu zweit auf dem noch übrigen hoch- lehnigen alten Stuhl und horchten aufmerksam auf den Erzah er; selber sprechen durften sie nicht. Da erzählte denn der Alte von der Erfindung der „.Kunst": wie früher die Bergleute auf Leitern emfuhren die im Schacht von einer gezimmerten Bühne zur andern hoch gestellt waren, und wie ein Kunstjunge die jetzige Art erfunden habe — man stelle sich ein doppeltes Gestänge vor, das von oben bis unten in den Schacht reicht und in gewissen Entfernungen mit Trittbrettern und Handgriffen versehen ist, und sich in entgegengesetzter Richtung abwechselnd von oben nach unten und unten nach oben bewegt, so, daß für einen Augenblick sich immer die Tritte gegenüberstehen und der ein- oder ausfahrende Bergmann, immer auf den gegenüberstehenden Tritt tretend, nach oben ober nach unten getragen wird. Dann erzählte er von der Kathedrale von Sevilla, denn in seiner Jugend war er in Spanien gewesen und schilderte die Pracht des verschiedenartigen Marmors, sprach auch abfällig Über den Dom von Mailand, den er selbst zwar nicht gesehen, aber ein Kamerad. Und indem eine Erzählung sich an die andere Ijangte, kam die Rede auf die alten hannoverschen Zeiten und am den geliebten König Ernst August. Da wurde die Probenbüchse — das ist eme für Die Schliegproben bestimmte holzgedrehte Büchse — aus dem Schapp geholt und ein Taler mit dem Kopf des Ernst August gezeigt und dann kamen noch andere alte Münzen zum Vorschein; in meiner Kindheit hatte fast jeder Mann einige gute alte Stücke, die aufgehoben wurden für Zeiten der Not. Manche alte Stücke, die mehrfachen Taler, welche man Löfer nannte, waren für diesen Zweck ausdrücklich geprägt und hatten em besonders schönes Gepräge, weil sie nicht von Hand zu Hand gegen mußten. Wenn heute der Bergmann seinen Lohn bekam — wennschon er höher war wie früher, was man fchuldigerweise nicht verschweigen sollte, denn einiges Gute hatten die Preußen doch an sich — so kriegte er ein paar Goldstücke: die füllten nicht die Hand, wie in den hannoverschen Zeiten die Gulden und Thaler; ganz zu schweigen daß es auch die Mathier (Vierpfennigstücke aus Kupfer), die Mariengroschen (Achtpfenmg- stücke aus Silber) und die Nappelpfennige (einseitig geprägte und deshalb hohle Stücke) nicht mehr gab. Aber freilich, der Segen beim Bergbau hatte überhaupt nachgelassen, und das war Gottes sichtbare ©trat für das Uederhandnehmen der Ruchlosigkeit; wie denn auch der Bergmann heutzutage ein Sofa haben wollte mit einem polierten runden Tisch davor. In den alten Zeiten muß der Segen ganz anders gewesen sein, nur waren die Harzer damals noch zu dumm; damals soll et Venediger gesagt haben, der Stein, den einer nach einer Kuh wirst, um In Venedigen wasch' ich mich, Im Morgenbrodstal, da drög' ich mich. Da ist er plötzlich wieder im Morgenbrodstal gewesen. Solche Geschichten kommen zwar heute nicht mehr vor, aber die Alten haben sie erzählt und zu ihrer Zeit sind solche Dinge geschehen. Inzwischen ist es acht Uhr geworden und die Kinder werden zu Bett gebracht m die ’Sobentanmier, wo die ganze Familie schläft, dicht unter den..Ziegeln, zwischen d-nen wohl der Wind einmal den Schnee durchblast auf die Betten der Schlafenden; und auch die Erwachsenen und die Alten denken nun an die Ruhe; da holt der Sohn, der seine Schnitzarbeit beendet hat, seine Gitarre von der Wand, der Alte nimmt die Zither, und nun folgt noch ein schönes altes Lied: Ist alles dunkel, ist alles trübe, Dieweil mein Schatz einen andern liebt. Denn ich hab gedacht, er liebet mich. Ach nein! Ach nein! Ach nein! Ach neinl Ach nein! Ach nein! Er hasset mich. Die Kanarienvögel in den Bauern an den Wänden werden wach und schmettern in den Gesang hinein, und auch dann noch konn^, sie sich nicht beruhigen, wie zum Schluß der Alte aus der großen Bibel das abendliche Kapitel vorliest. Die Fröhlichkeit und Frömmigkeit sind vereinigt in diesen guten, tüchtigen Gemütern, wie das Trillern der Vögelchen zwischen die düstern Schilderungen der Offenbarung Johannis tont. Wenn der Bergmann in die Grude steigt, in seiner schwarzen Tracht, so weiß er nicht, ob er nicht in sein Grab steigt; da mag er wohl ernst werden; aber sein gläubiges Herz bewahrt ihm einen fröhlichen Sinn. Malerei der Innerlichkeit. Von vr. E. Gud enrath. Es war in den ersten Jahrzehnten nach 1800, ats allüberall m Deutschland Maler und bildende Künstler den Akademiesalen und Ateliers, in denen man an Hand antiker Gipsmodelle und mythologgchec Lehr- bücher und nach den Rezepten verstaubter und verknöcherter Kunsts systeme ein natur- und vvlksfremdes klassistisches Kunstideal aufgerichtet hatte, entflohen. Die neueren Wege, die von den Malern der damaligen jungen Generation eingeschlagen wurden, waren verschieden. Mancher dieser Wege erscheint uns heute nur als Ausweg, und zuweilen war es auch ein Irrweg. Dennoch verfolgten sie ahnungsvoll dasselbe Ziel: eine " Auf Zollen ^ndstraßen wandern in jener Ze" deutsche Maler, Verbindung mit der Natur und neues Erleben suchend. Manche Gestalt erkennen wir wieder, von vielen wissen wir nicht viel mehr als den Namen und von sehr vielen wissen wir auch diesen nicht mehr. So viele waren unterwegs, und die meisten von ihnen pilgern über die ^Nur oben im deutschen Norden steht fast allein und einsam ein Wanderer auf, durchstreift das Riefengebirge, wandert an der Äreibetufte Rügens: der Greiswalder Caspar David Friedrich. Neben chrn eine kleine sehr lebendige Gestalt, der Mecklenburger Georg Friedrich K erst i n g. Er gibt uns in einer rasch gemalten Skizze ein launiges Bild von dem wandernden Friedrich, der sich die ausgezogene Jacke und die leichte Maltasche an einem Knotenstock über die Schulter gehängt hat. Bald darauf — 1813 — ist Kersting im Lützowfchen Freikorps. Er erstürmt als einer der Mutigsten den Steimker Hügel, er erlebt aus der Nahe den Tod Theodor Körners. Von der romantisch-patriotischen Stimmung dieser Zeit zeugt sein Bild „Der Vorposten auf dem d iunae Körner darqestellt ist, von ihr berichtet auch die ,,Sran3romDerm , eine9 symbolisch gedachte weißgekleidete Mädchengestalt unter mächtigen ti'rfSie zu einem besonderen Kreis zur „n o r d deutj che n Ro ma n - tit" zählenden Maler mit der überragenden bestatt C 2 Fr.eo richs folgten nicht dem allgemeinen Zug nach dem Süden. Dortunten Ä man in der vorraffaelischen Malerei die großen Vorbildes Für die norddeutschen, sehr wirklichkeitsnahmen und sehr erdwuchsigen Romantiker aber wird die deutsche Landschast Zur bedeutungsvollsten Aus- drucksform der romantischen Sehnsucht, ^hr Vorstoß m bie La ftiaft ist zugleich ein Vorstoß in die deutsche Seele. Durch die Jiaiur ollte da? seelische Leben der Menschen ausgedruckt werden Einen frühen Verkünder der besonders in den Bildern Friednchs verwirklichten Maturfrömmigkeit erblicken wir in Phmpp su u n a e der nahe Friedrichs Geburtsort, in dem pommecschen Städtchen Wolgast als Abkömmling eines deutschen Vauerngeschlechts geboren wurde Und an Stelle eines Bildes von Runge sprechen auch die Wor , | mit denen er das neue Gefühl, die echt deutsche.„Empsindung des Zw I sammenhangs des ganzen Universums mit uns schildert. „-Wenn oer Derantwortlich: Dr. HanS Thyriot. — Druck und Verlag: Drühl'sche Univerfitäts-Duch- und Eteindruckeret.R. Lange, Dieben. Der Bauer sank In die Fron, und der Ritter wurde sein Herr; bei hörige Mann in der Stadt hob seinen Stand in den Stolz einer neuen Bedeutung: Stadtluft macht frei! stand über dem Tor, aber der Burger machte sich selber die Luft. . .... .. Und als er frei war, nahm er die schonen Dinge der Freiheit anders zu Hand als der Ritter; der Ritter war Einer im Kreise seiner Burg, er aber war in den Mauern der Stadt die Gemeinschaft. Er konnte mit hundert Händen das ©einige halten, mit hundert Augen und Ohren das Dasein bewachen; er konnte verhundertfacht fühlen und wollen und über die einzelne Tat das Richtmaß gemeinsamer Täglich- leit stellen. , ,, „ .... . So wuchsen Gassen mit Giebeln und Brunnen, so wuchsen Rathauser steinern und stolz, so wuchsen Kaufhallen mit zierlichen Lauben, so wuchsen die bunten Stuben der Zünfte und der prunkende Saal der Geschlechter. So wurden Schulen, die Kinder zu lehren, und Krippen der Wissenschaft, so wurden Bauhütten mit Zirkel und Richtscheit, so wurden Werk- statten, die schönen Gewerke und hohen Künste zu üben. So wurden die Städte Lebensgewalten, so kam die Bildung der Bürgerschaft zu, so wurde der deutschen Seele neue Wohnung bereitet. Die Gilde. Tauschen und täuschen galt gleich vor der Zunft; aber im Rathaus stand die Waage, den Pfennig zu wiegen, in den Gewölben boten die Händler römische Seide und englisches Tuch feil: wo es der Zunft wohl- ging, hatte der Kaufmann den Wohlstand bereitet. Denn die Stadt hielt den Markt für die Landschaft; Bauern und Ritter kamen zu kaufen, was Acker und Weide nicht gaben. Schiffe brachten den Wein und Wagen das Tuch zu Gewändern, Saumtiere trugen Gewürz und feine Gewebe, auch köstliche Steine und Silber: die Gaben des Wohlstandes gingen dem Händler mit reichem Gewinn durch die Hände. , . o Für die Marktsicherheit sorgte der Stadtherr, aber draußen tm Lande war das Gut der Schiffe und Wagen gefährdet: ungerechte Zolle, biebische Herbergen, gewalttätige Räuber lagen ihm auf, und schlechte Markt- knechte brachten den Händler um seinen Gewinn. So mußte der Stand dem einzelnen helfen: den Zünften der Handwerker gleich hatten die Händler den uralten Geschlechteroerband lebendig gemacht in den Gilden; die hielten der Waage daheim das Recht und den Nutzen und reichten mit silbernen Händen hinein in die Fremde. In Wisby auf Gotland, in Nowgorod weit in der östlichen Kalte, in Venedig und London standen die stolzen Häuser der Gilde, und über das Reich war das Netz ihrer Geltung gebreitet. Den Kaufmann des Kaisers hießen sie draußen den Gildegenossen: und wie der Ritterstand Ehre und Ruhm eintrug, so war der Kaufmann des Kaisers im Abendland ehrlich geachtet. Der Ritter trug Lanze und Leben im Dienste der Lehensgewalt: fein Stand war mächtig, weil ihm der einzelne Ehre und Tapferkeit zutrug: der Kaufmann faß in der Gilde geborgen, wo er auch war: der einzelne galt in der Welt, weil ihm der Stand Schutz und Geltung verschaffte. Der Ritter diente der Ehre, der Kaufmann dem Nutzen; aber die Gilde war auch ein Reis der freien Gemeinde: Huld und Treue zwangen den Pfennig, dem Taler der Gilde redlich das feine zu halten; und das Wort war ein Mann, auch int Nutzen. Die Hansa. Seit Heinrich dem Löwen war Lübeck die Fürstin der nordischen Länder; durch Friedrich den Sizilianer zur Freien Reichsstadt erhoben, ließ sie den zweiköpfigen Adler über der kalten Meerkuste flattern. Lübifches Recht galt in den Städten der Ostsee, lübische Gilden hatten bis Bergen hinauf die stolzen Kaufhallen gebaut. Lübeck, Wisby und Rügen schlossen zuerst den Bund des gemeinen Kaufmanns gegen den dänischen König und wußten ihr Nechi mit dem Schwert trotz Kaiser und Fürsten zu wahren. _ Hansa, das ist Schar, hießen sie ihre Gemeinschaft, und so gluckte dem lübischen Rat die Geltung der Schar, daß die Gesandten der Könige kamen, mit ihm zu verhandeln. Aber danach war Waldemar Kömg der Danen, den sie Atterdag nannten; er trat dem hansischen Hochmut die Haustür ein: Wisby auf Gotland ging der Hansa verloren, die hansische Flotte wurde bei Helsing- borg bitter zur Demut genötigt. ,, Fünf Jahre lang lag der hansische Hochmut darnieder, bis Winrich von Kniprode ihn wieder weckte: mit kluger Verhandlung und zündender Rede brachte der starke Deutschordensmeister die Städte der Ostsee noch I einmal zusammen, das preußische Schwert an die Geltung der Hansa zu ma ©o' tarn über Nacht die hansische Tagfahrt in Köln zustande: siebenundsiebzig Städte beschworen der Hansa den Bund; so übergroß wuchs die Macht der Kontore, daß Waldemar den Kampf nicht mehr wagte. Im Frieden zu Stralsund wurde den Dänen die hansische Rechnung gemacht; die Kaufleute zwangen den König, mit gutem Silber zu zahlen, und waren hochmütig genug, niM handeln zu lassen. Seit dem Tag von Stralsund wehte die hansische Flagge über den nordischen Meeren; sie kam herein in den Hafen, wie der Fürst ins Gefolge, wie der Mond in den Sternenplan steigt. Die hansischen Herren ließen dem Kaiser das Reich und den Fürsten die Ritter: sie blähten die Segel im Wind und hingen die Wimpel der Schiffahrt aus an den stolzen Rathäusern. Die Welt war weit, und der Reichtum stand in hundert Höfen gestapelt: die Hansa brachte ihn ein von den kältesten Küsten; Wikingerlust im Bürgerkleid saß in den reichen Kontoren, die Sagen tollkühner Fahrten standen vergüldet im hansischen Glück. Dem Abenteuer der Staufer verbrannten irrt Süden die Flügel, das Abenteuer der Hansa trug Schnabel und Krallen des Reichsadlers noch ‘ manches Jahrhundert. Astniml über mfr von unzähligen Sternen wimmelt, der Wind saust | durch den weiten Raum, die Woge bricht sich brausend tn der weiten Nacht, über dem Walde röthet sich der Aether, und die Sonne erleuchtet die Welt; das Thal dampft und ich werfe mich im Grase unter funkelnden Thautropfen hin, jedes Blatt und jeder Grashalm wimmelt von heben, die Erde lebt und regt sich unter mir alles tont in einem Aecord zusammen — da jauchzet die Seele laut auf und fliegt umher in dem unermeßlichen Raum um mich ..." Im Jahre 1810 vereinigten sich auf dem Monte hinein zu Rom bie deutschen Maler Friebrich Overbeck, Philipp Veit, I. v o n Führich, Eduarb Steinle, Wilhelm S ch ab ow , Cornelius und Schnorr von Caro, sfeld zu einer Kunstlergememschaft, bie von ben gegnerischen Klassizisten spöttisch „Nazarener genannt würbe Diese Malergemeinde forderte an Stelle der entseelten Formenschonhelt vor allem wieder Gefühl und Empfindung in der Sunft Unb ihre Forderung wirkte wie ein Magnet. Nach hatten nach Rom und m d.e Nähe dieses Kreises zu kommen, war die höchste Sehnsucht so vieler aus der Heranwachsenden Malergeneration. Man kann sich nicht genug den unvorstellbar trockenen Akademismus deutscher Kunstschulen vergegenwärtigen, wo ein Ludwig Richter noch in der Landschaftsklasse mit dem unentwegten Studium des Baumschlagzeichnens nach Vorbildern in der „gerundeten Lindenmanier" und „gezackten Elchenmanler geschunden wurde, um jene oft schon verzweifelt anmutende Sehnsucht nach dem „goldenen Süden" recht zu begreifen. In Scharen zogen sie aus, um „das neue Licht an feiner Quelle zu schauen . Richter, von dem diese Worte stammen, schildert uns einen solchen Aufbruch. Namen, heute zumeist verweht, in einem Jahr (1823) und aus etner ©taöt. Es heißt da: „Von Dresden waren bereits die Mecklenburger Schumacher und Schröder, der Hamburger Flor, der Meininger Wagner und Draeger (aus Trier) abgereift. Dehnte und der Landschaftsmaler Heinrich folgten; auch Lindau unb Bertholb aus Bresben hatten bem allgemeinen Zuge nicht wiberstehen können unb hatten, letztere beiben mit wenig Talern in ber Tasche — man sagte zwanzig bis breißig —, ben weiten Weg per pedes apostolorum zurückgelegt. Meist bei gutherzigen Bauersleuten I nach angestrengtester Wanberung einkehrenb, mit Brot, Fruchten unb Milch sich nährenb, hatten sie bas Ziel erreicht." Im Jahre barauf roanbert Richter selbst von München aus zu Fuß über Salzburg, burch bas Zillertal, Jnntal unb über ben Brenner nach Italien 1826 kehrt er roieber aus Rom zurück. Eine zehrenbe Sehnsucht nach Italien wirkt in ihm nach, bis ihm auf einer Ellstalwanberung bie eigene Schönheit ber beutschen Lanbschaft aufgeht; er matt jetzt fern Bilb „Uebersahrt am Schreckenstein". Unb roieber ist Lubroig Richter auf Wanderungen, diesmal kreuz und quer durch Franken, den Harz und das Riesengebirge. Eine „reiche Ausbeute von Bildern und Erlebnissen aus dem deutschen Volksleben hat er nach seinen eigenen Worten, gewonnen, und er will bie malerischen Gegenden „in Verbindung mit den Volkstrachten, Festen und Gebräuchen zu einem poetischen Gesamtbilde" verarbeiten. Eine große, entscheidende Wendung war eingetreten: die Kunst der Romantik kam wieder zum Volke. Erstrebten nicht jene Nazarener in Rom dasselbe? Manchmal erscheinen sie, besonders im Urteil der Nachwelt, fast als Abtrünnige im großen Aufbruch ber beutschen Romantik. Aber haben sie nicht, aus beut- schem Herzen, Gefühl unb Empfinbung roieber für bie Kunst geforbert? Haben sie nicht auf ben bamats fast vergessenen unb nicht verstanbenen Dürer gedeutet als Inbegriff deutscher Kunst! Im übrigen: man wird diesen Nazarenern und ihrer Bedeutung für bie Erneuerung ber beutschen Kunst so wenig gerecht, weil man immer nur auf ihre großen Wandmalereien blickt, in benen auch sie sich selbst so wenig gerecht werden konnten. , „ Verborgen in den Schränken der Museen aber ruht ihr zeichnerisches Werk, bas als Buchillustration ober selbstänbiges Mappenwerk einst hie weiteste Verbreitung im Volk gesunden hatte. Unb hier verwirklichten sie ihren Traum von nationaler Kunst Nur ein paar Hinweise: bas Nibelungenlieb wirb zum Gegenstanb einer Bilderfolge gemacht von Peter Cornelius (1817 in Rom entstanden) und von Schnorr von C a r o l s f e l d (1840), außerdem auch von Alfred R e t h e l (1840). Sodann hat Cornelius die Faustdichtung illustriert (1811), während I. v o n Führich Goethes „Hermann und Dorothea" (1827) sowie das Volksmärchen „Genoveva" (1830) zum Bildstoff nahm. Später hat bann vor allem Moritz v. S ch w i n b auf tounberbarfte Weise bie beutsche Kunst- phantasie mit ben beutschen Märchen- unb Sagenstoffen erfüllt. Bilder aus dem deutschen Mittelalter. Von Wilhelm Schäfer. Die Bürgerschaft. Der Turmbau ber Lehnsherrlichkeit war auf ben Wohlstanb ber Scholle gegrünbet; keine Burg stand anders im Land, als daß ein Ritter den Ueberfluß dessen verzehrte, was der Bauer dem Boden abrang. Aber das Reich war noch immer bas Laub ber neblichten Wälber: mühsam unb zäh ging ber Pflug in ber Robung, inbessen bie Fähnlein ber Reichsritterschaft beutegerecht burchs Abenb- unb Morgenlanb zogen. Das Reich war arm unb ein Bauernlanb, karg unb voll Krieger, bis ihm ber Kausmann bie Arme freimachte, bis in ben Stillsten ber Hanbel ben Reichtum, ber Reichtum aber bas stolze Gewerk ber Bürgerschaft brachte. Die Bürgerschaft wuchs an bem Lehnsherrenbaum, wie ber Efeu am Cichenstamm wächst, unb ftanb noch im üppigen Grün, als ber Stamm ausaehöhlt unb ber rechte Ast schon oerborrt war. Fremb unb fein im Bereich ber Bauern unb Ritter schien ihr ummauertes Dasein bem Freienmann; aber bie Mauern hielten ber kommenden Freiheit bie Tore gerüstet.