Gießener KmiilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1936 Donnerstag, den 24. Dezember Nummer 100 Eia Weihnacht! Von Hermann Claudius. Weihnachten ward das Christkind geboren. Cs lag in der Krippe auf Stroh, ganz klein. Rundum standen Schaf unb Oechselein und der Esel mit den langen Ohren. Die Hirten vom Felbe kamen gelaufen, knieten nieder und beteten an. Und einer, der war schon ein steinalter Mann und mußte sich erst ein wenig verschnaufen. Er trug ein Lamm auf seinen Händen: „Schau, das hab' ich dir mitgebracht!" Die Hirten harrteü die ganze Nacht und mochten nicht die Blicke wenden. Dann gingen sie wieder zu ihren Schafen Maria sang ein Wiegenlied. Die Engel im Himmel sangen mit. Herr Joseph war schon eingefchlasen. Bergweihnacht. Erzählung von Eberhard Meckel. Da leben nun ein paar Holzfäller seit vielen Monaten oben auf dem Berg, sechs rauhe und kräftige Männer hausen in einer Blockhütte, machen für mehrere Talgemeinden Kahlhiebe in deren Bergwäldern, und wenn sie damit fertig sein werden, ziehen sie weiter und schlagen für andere wo anders wieder Holz, wo es eben gerade Arbeit gibt. Aus der Not der Zeit heraus haben sie sich zusammenaetan; aus der Stadt, wo es längst keine Arbeit mehr für sie gab, sind sie hinausgegangen, und da sie mit wenig zufrieden sind, so kommen sie durch, und dos Brot, das sie essen, ist eigen erarbeitetes, und das Wasser, das sie trinken, muß das ersetzen, was tags in der harten Arbeit sie an Schweiß verloren. Das macht sie stolz und frei, sie lassen sich nichts sagen, und wo sie fällen, ist es ihr Wald, und wo sie atmen, ist es ihre Luft. Alle zwei Wochen steigt abwechselnd einer von ihnen hinab ins Tal und holt von den Gemeinden die Verpflegung herauf, auch neues Schlägermaterial, Beilstahl, Zeppeline und Sägebänder. Und das andere ist Speck und Butter und Brot, Büchsensachen, Tabak und ein Kanister Schnaps. Ja, das sind die sechs Holzschläger oben auf dem Berg, so leben sie, und der Sommer ist vorübergegangen, und sie schlugen Holz, der Herbst kam. und sie schlugen Holz, und nun ist Winter, und es liegt hoher Schnee, und es hat bitteren Frost, und sie schlagen noch immer Holz in den Wäldern. Erst im nächsten Sommer werden sie fertig sein, und was dann ist, das weiß kein Mensch. Wenn es hell wird, gehen sie an ihre Arbeit, wenn es dunkelt, hocken sie sich herein in die Hütte und legen sich später nieder zum kurzen Schlaf. Doch jetzt ist Weihnachten herangekommen. Und vor ein paar Tagen war wieder einer von ihnen unten im Tal und hat ihnen ihre Verpflegung herausgeschafft in mühseliger Arbeit durch den Schnee. Aber es hat sich gelohnt und daran merken sie es auch, daß jetzt Weihnachten kommt: ein doppeltes Gemäß Schnaps und die doppelte Ration Tabak gab es dabei, und das war ihnen von den Gemeinden als besondere Weihnachtszulage gedacht. So, so, das war also jetzt Weihnachten. Doch am Tage des Weihnachtsabends selbst hatten sie noch gefällt wie immer, keiner hat irgend etwas anderes gedacht als Bäume anschlagen und niederbrechen machen. Aber als um vier Uhr nachmittags heftiges Schneewehen einsetzte, und damit das Zwielicht grau und neblig in den Wald kroch, und die Füller nichts mehr tun konnten, da machten sie Feierabend, legten ihre Aexte und Sägen hin und verstauten sie wohl hinter der Hütte. „So", sagte der eine von ihnen, der eine Art Kommando führte, „so", sagte er, „jetzt ist Weihnachten", und die anderen nickten, sagten auch nachher ja, und alle gingen in die Hütte. Da hockten sie sich, stumpf und müde, wie sie waren, hm. Weihnachten, das wußten sie immerhin, o ja, das behält das Herz jedes Menschen, mag er [ein, wo und was er will, mag er sonst auch alles vergessen haben, mag er innen versteint sein — aber Weihnachten das ist etwas Besonderes, ja ja, so wußten es die Fäller noch. Und so hockten sie in der Hütte und sahen vor sich hin. Draußen war es bald dunkel geworden, fahl und blaß, die wenige Helligkeit in dex Luft, vom Widerschein des Schnees herrührend, stand im Hüttenfenster unö gab innen einen schwachen Schein, wo die Männer, die noch kein Licht angezündet hatten, schweigend im Kreise saßen. Ab und zu glimmte hier und dort aus einer Pfeife beim Ziehen ein mattes Leuchten auf und lief, sekundenschnell zuckend, über ein wetterhartes und bärtiges Gesicht, es wie gespenstisch mit allen Falten und Rillen und Gruben, die das harte Leben gegraben hatte, erstehen lassend. Keiner sprach ein Wort, nur der Ofen spuckte gelegentlich knallend aus der t)alboffenen Tür ein versengtes Holzstück, wie ein Fauchen in die Stille. Bis einer der Füller hinausging, um neues Feuerholz zu holen, und einen Augenblick die Tür ins Freie hinaus offen stand. Schneeflocken wirbelten herein, Wind fuhr jäh in den Raum, und da hörten sie es, die Füller; kaum vernehmbar ein Läuten ... Nun, an windigen Tagen trug oftmals die Talwehe von tief unten das Läuten der Glocken von den kleinen Dorfkirchen herauf bis zu ihnen, vornehmlich an Sonntagen hörten sie es manchmal, wenn der Lärm der niederbrechenden Bäume und ihre Schläge ihnen nicht das Läuten verschlugen. Aber sie hatten sich niemals etwas dabei gedacht; aber heute, heute, nun ja, yeute hörten sie es alle ganz genau. „Glockenläuten", jagte der, der mit dem Feuerholz bann gleich wieder zurück- kam in das Schweigen hinein, unb die anderen sagten es auch. Und wieder stand dann einer auf und ging ins Freie. Nach einer Weile kam er wieder und brummte: „Ganz deutlich hört man es, draußen an der Bergwacht." Und da standen alle auf, wie sie dazu kamen, wußten sie eigentlich nicht, aber sie standen auf und stapften das kurze Stück durch den tiefen Schnee zur Bergwacht. Das war ein Felsvorsprung, der herausstand, und von dort aus fiel es jählings weit über tausend Meter fast senkrecht hinab ins Tal. Dahin also gingen die sechs Männer, ja, um das Läuten zu hören, lieber eine Schneelehne beugten sich alle sechs und hielten die Ohren in die Windrichtung. „Man hört es deutlich", sagten sie, und bann gingen sie wieder zurück. Nicht, daß sie ein anderes Gefühl dabei überkam, nein, so groß war schon ihre Rauheit, daß sie nichts dergleichen aufkommen ließ, aber ein wenig, so, wie sie es nicht oft kannten, wurde ihnen doch zumute, so etwas Unerklärliches lief in sie hinein, in die Brust, und da saß es nun unb ging nicht mehr ganz heraus. War das das Besondere? Ach, es machte, daß die Füller zunächst in der Hütte einmal ordentlich aßen und tüchtig tränten, und dann machte es, daß einer nachher, als die mit Essen fertig waren, einen Tannenbaum schlagen wollte, um ihn mitten in die Hütte als Weihnachtsbaum zu stellen. Denn ein Baum mußte her, das fanden sie alle plötzlich. Ein Baum, das gehört dazu, ein Baum, das muß fein. Doch, als sie ihn absägen wollten, draußen hinter der Hütte, fiel ihnen ein, daß sie ja kein Flitter und nichts und keine Kerzen hätten, damit der Baum auch aussähe wie ein richtiger Weihnachtsbaum. Da kam einer auf die Idee, man sollte ihn doch stehen lassen, so in der vollen Schneelast auf den Zweigen, so wäre es doch am schönsten. Und wieder einer sagte, man könne ja ein paar Späne anbrennen und sie bann brennend ins Geäst stecken, das sei wohl auch nicht schlecht. Also machten sie es, holten Späne und brannten sie an und steckten si, an den Baum. Es war zufällig Windschatten, dort hinter der Hütte, rotr der Baum stand, so blies der Sturm nicht gleich die Spanfeuer aus, ein paar Minuten hielt es schon, ein paar Minuten stand da ein lebender Weihnachtsbaum oben auf dem Berg. Es schneite, es schneite, lautlos und immer tiefer sank alles unter die weiße Schneelast, im Feuerschein der Späne standen sechs Männer und. sahen den Baum an mit glänzenden Augen und sagten nichts. Die abbrennenden Späne prasselten etwas, auch taute es etwas von ihrer Wärme hinein, über den Männern sauste der Bergsturm heulend dahin zwischen den Wipfeln der mächtigen alten Tannen, und trotzdem war es still bis zum Erschrecken. Nichts, kein Zucken, kein Blick verriet in den Gesichtern der sechs, ob irgend eine Bewegung in ihnen war. Reglos jianben sie, doch einer ging vordem, ehe die Späne ganz niedergebrannt waren, hinein in die Hütte. Und als die anderen nach dem Erlöschen auch dorthin zurückkehrten, saß der eine hinter seinem Schnaps und trank und trank. Hoho, und nun ging eine Zecherei los, bis ihnen die Kopfe glühten und halb wirr waren. Sie fangen rauhe Lieder, die Ziehharmonika wurde wieder hervorgeholt, und einer von ihnen, der eigentlich einmal ein Studierter war, es aber zu nichts gebracht hatte, dafür aber weit herumgekommen war, der wußte ganz toll zu spielen. Sie fangen das Lied von dem harten Mann, der den Hirsch im wilden Forst schoß und in Nacht und Eis den Stein zum Bett gemacht hat und dennoch die Liebe einst gespürt hatte. Sie fangen es wieder und wieder, sie liebten es so sehr, und es wurde ihnen seltsam zumute. Hallo, was hat denn der, schau dort, haha, haha! Und fünf Manner rüttelten den sechsten, der plötzlich ganz still dasaß, und ihm lief eine Träne die Stoppeln hinab. Ja, ja, der Schnaps und so ein Lied, das macht halt den stärksten Mann weich, da erliegt der kräftigste Mensch. Doch der Stille schimpfte auf einmal laut auf, aber ganz echt klang es noch nicht, wischte sich das Gesicht am Aermel ab unb sagte, der Qualm Börfl NSW sN W stark. Und alle sechs Fäller wurden am Schluß sehr wortkarg und rauchten wie wütend vor sich hin. Aber nach einer Pause nahm der, der vorhin Ziehharmonika gespielt hatte, das Instrument wieder auf, und, nachsinnend, was er denn jetzt wohl spielen könnte, kamen ihm zufällig mit ein paar Griffen an der Tastatur ein paar Töne heraus, so ganz nachlässig, im langsamen Auseinanderziehen und Einziehen der Harmonika. Tam-tatata, Tam-tatata, ja wahrhaftig, ach so, Herrgott, das war ja der Anfang zu dem Lied von der stillen und heiligen Nacht! Das kannten sie alle, nur war es ihnen vorher nicht eingefallen, seltsam, dah es ihnen vorher nicht eingefallen war! Niemand von den sechs Männern kannte zwar den Tert genau, doch was schadete das, sie bekamen ungefähr das Lied zusammen, und sie sangen dann mit ihren von Alkohol und Rauch heiseren Stimmen das Weihnachtslied. Sangen es oft, sangen es immer wieder, wie vorhin das Lied von dem Jäger. Nur mit dem Unterschied, daß ihnen jetzt dabei immer froher und leichter ums Herz wurde. Sie konnten es sich nicht erklären, was braucht sich ein Holzfäller darüber klar zu sein, wie ihm zumute ist und warum er sich auf einmal so ungekannt friedlich und versöhnlich gestimmt fühlt. Das war schön, das war schön, das war ihr Weihnachten, empfanden sie, hoch oben hier auf dem Berg in der Hütte feierten sie Weihnachten. Und als sie später sich aus ihre harten Lager zum Schlafen legten, sahen sie, im Einschlafen noch das Weihnachtslied vor sich hin summend, durch eine Luke im Dach den Sternenhimmel. Also wußten sie noch, und sie nahmen es mit herüber in ihren Schlaf, war draußen der Nebel gewichen und der Sturm, und es war still und klar um sie ... Eugenie und das Krippenspiel. Eine welhnachkliche Liebesgeschichte von Josef Magnus Wehner. Fräulein Cugenie geht über Land. Gerade ehe der Wetterhahn der großen Dorfkirche hinter dem Wachtküppel verschwindet, hat sie dem Herrn Lehrer, ihrem Bruder, die Hand gegeben. Er schleppt nun keuchend sein Junggesellenbäuchlein den Hügel hinauf, heimwärts, sie aber eilt den verschneiten Feldweg hinab zur Stadt. Die lichtlose graublaue Himmelsglocke atmet milde Wärme. Ein paar Schneeflocken blinzeln an ihr vorbei, unentschieden und leise, kein Wind geht. Es ist feierlich und leer über dem Felde. So sieht den Kindern die Welt aus, wenn sie morgens aus einem Traume auswachen und erst lange umherblicken, ehe sie zu weinen anfangen. Fräulein Eugenie ist kein Kind mehr. Sie ist Anfang dreißig, und die gebrannten Löckchen, die in ihre Stirn fallen, verdecken nicht ohne Absicht ein paar krause Fältchen. Uebrigens macht das nichts; Fräulein Eugenie ist anderswo noch schön und jung genug: man muß nur diesen feingeschnittenen Mund anschauen, hinter dessen Winkeln jener ebenso winzige wie gefährliche Gott sitzt, in sehr versteckten Grübchen, die sich nur beim Lachen öffnen. Jetzt freilich, da sie nicht lacht, ist dieser schöne Mund fast zu üppig für eine dreißigjährige Jungfrau, die höchstens zwei- oder dreimal in ihrem Leben geküßt hat. Nein, sie lacht gar nicht, es ist ihr sogar ein wenig weinerlich zumute, als sie sich nun umwendet und auf der Höhe des Hügels, triumphierend in das gelbe Band des Horizonts gehoben, plötzlich zwei Menschen erblickt. Es scheint freilich nur einer zu sein, so eng stehen die beiden aneinander im fahlen Lichte des unteren Himmels, ihr Bruder und die junge Witwe, die er angeblich schon auf dem Seminar kennengelernt hat. Gestern ist ie angekommen, die Mutter hat sie einladen müssen, der Bruder hat es o gewollt. Und Eugenie wird es nicht hindern können, daß sie länger lableiben wird, vielleicht für immer. Ja wirklich, sie stehen noch da oben am Himmel wie angefroren! Darum ist sie ja auch über die Feiertage zur Base in di« Stadt gegangen ... Sie wird da überflüssig werden ... Ihr Herz tut weh, wenn sie an den Bruder denkt, dem sie jetzt zehn Jahre gedient hat wie eine Magd, ohne nach ihrem Glücke zu fragen. Sie wendet sich nun nicht mehr um. Bann, auf einmal, stampft sie zornig mit dem Fuße auf, sehr zornig, zweimal, mit dem linken Fuß, weil über dem rechten der geraffte Rock sich bauscht. Es ist doch in der Tat einfach lächerlich, daß ihr gerade in diesem Augenblick der Kaufmann Günther einfällt, der Kolonialwarengünther, der Witwer aus der kleinen Stadt, der sich das ganze letzte Jahr ein wenig auffällig um sie bemüht hat. Als ob sie jemals ernstlich an ihn gedacht hätte! An einen Städter! Sie hat ihn immer abfahren lassen. Und er? „Es eilt ja nicht", hat er immer wieder gesagt und sie mit unverschämter Ruhe angeschaut, als werde sie später doch einmal ja sagen, ob sie wolle oder nicht. Ja, nun denkt sie doch an ihn, wie? Sie schlägt sich an die Stirn, sie regt sich auf, und plötzlich lacht sie verhohlen und ein bißchen grausam. Sie hat sich eben ausgedacht, wenn sie ihn mit der Witwe zusammenbinden könnte, die eben am Halse ihres Bruders ... Und da hat sie sich schon wieder umgewandt. Bei Gott — die beiden stehen immer noch dort oben! Wollen sie in den Himmel fahren? Man sollte sie einmauern, sie würden cs wahrscheinlich gar nicht merken, so selig sind sie! „ Fräulein Eugenie hat die Arme in die Hüften gestemmt. Will sie predigen oder ist dies nur der Ausdruck stummer Entrüstung? Ach nein, es ist nur Hilflosigkeit. Denn eben finken ihr langsam die Arme ... Und sie will sich wieder abwenden ... Aber da pfeift jemand! Fräulein Eugenie erschrickt. Wo kommt so schnell ein Mann her? Eben war doch das Feld noch leer wie am ersten Schöpfungstage! Soll sie sich umwenden? Es muß ein Städter fein, der Mann; er flötet so zärtlich und doch so kühn. Hätte sie sich lieber nicht umgewendet! Ihre Knie werden kalt und weich, denn es ist niemand anders als Herr Günther, der da durch den Rauch der Dämmerung herankommt. Sie hat gerade noch Zeit, zornig zu werden, da schwenkt jener schon seinen steifen Hut und grüßt sie "mit einer langwierigen Verbeugung. „Er dreh! sich Trt Ben Msten", denkt str. „Wie kachersichE Sie sieh! auch sofort, daß er graue Lederhandschuhe trägt und einen schwarzen Mantel aus guter Wolle, der auf Taille gearbeitet ist. Indessen sagt sie nur: „Sie haben mich schön erschreckt mit Ihrem Pfeifen? Und wo wollen Sie denn zu dieser Zeit hin?^ „Es war der Pariser Einzugsmarsch", bemerkte Herr Günther, indem er lustig mit den Augen zwinkerte, „und ich habe ihn gepfiffen, einmal, weil mir Ihre Base gestattet hat, Sie einzuholen, und dann auch allgemein, aus Zartgefühl, um Sie nicht zu überraschen. Sie wendeten mir Ihren schönen Rücken zu!" Sie war nun fast neugierig, wie er sich nun weiter benehmen werde. Aber Kaufmann Günther benahm sich nicht anders als ein reifer Mann, der ein widerspenstiges Mädchen zu feiner Frau machen will. Er sprach mitnichten von Liebesdingen, sondern er erzählte von seinen Reisen, die er als junger Mann in alle Landschaften Deutschlands unternommen hatte; er sprach nie von sich, er schien sich überhaupt nicht zu kennen, er sprach immer nur von der großen Schönheit der Welt und ihrer Menschen, und auf einmal war er bei seiner Frau angelangt und erzählte sehr langsam und, wie es Eugenie schien, auch innig von der Mädchenzeit der schönen Jungfrau, wie spröde und lieblich sie gewesen sei und wie er langsam, sehr langsam, ihr Herz ausgeschlossen habe. Und plötzlich war es Eugenie, als gehe sie im Traum, als erzähle der M nn von ihr. Ihr Herz klopfte stark, und sie fürchtete jeden Augenblick, jetzt werde jener ihre Hand ergreifen und vielleicht gar auf die Knie fallen. Aber nein, Jungfrau Eugenie, hab' doch nicht fo viel Angst! Wenn du jetzt sprechen müßtest und deine Stimme zitterte, müßte „jener" ja glauben, er sei es, der dein Herz zum Zittern gebracht habe. Und dem ist doch keineswegs so, nicht wahr? Gewiß nicht, dem war keineswegs fo! Denn als nun Herr Günther anheben wallte, von feinem sechsjährigen Mädchen zu erzählen, das die Verblichene ihm hinterlassen habe, da sprang ihm die Jungfrau fast mitten in den Satz und sagte: „Aber ich kenne ja das Mädchen gar nicht, Herr Günther!" Das war doch endlich einmal eine Absage. Das hieß doch, Fräulein Eugenie fei keineswegs gefonnen, an den weiteren Familienfchickfalen des Herrn Günther Anteil zu nehmen. Und in der Tat hätten sich hier zwei Lebenswege für immer voneinander geschieden, wenn nicht das Schicksal oder sein Hofnarr, der Zufall, drei kleine Handgriffe angewendet hätte, um die beiden Menschen fester aneinander zu binden, als es in diesem Augenblick möglich schien. Es war Fräulein Eugenie warm geworden. Sie zog ihren schwarzen Mantel aus. Selbstverständlich sprang Herr Günther sofort herbei und half ihr. Er nahm ihr den Mantel ab, schlug ihn zusammen und legte ihn behutsam über ihren Arm, den sie ihm entgegenstreckte. In diesem Augenblicke aber sah die Jungfrau auf dem Kragen ihres Mantels ein fitbergraues Haar. Es war nicht kurz, also konnte es nicht von ihm sein. Hatte er es bemerkt? Sie wollte es schnell entfernen; aber wenn er es bemerkt hatte, war es schon zu spät, und wenn er es nicht bemerkt hatte, würde sie ihn durch eine ungeschickte Bewegung erst aufmerksam machen. Aber es war schrecklich genug, dieses graue Haar unter feinen Augen einherzutragen. Als ob er das gefühlt hätte, nahm Herr Günther in diesem Augenblick eine Apfelsine aus der Tasche. Sie war sorgfältig in goldbedrucktes Seidenpapier gewickelt, aber schon aufgeschält und anmutig wie eine offene Blüte in Schnitze aufgeteilt, die sich beim Aufwickeln öffneten. Eine vorbereitete Versuchung also. Fräulein Eugenie schluckte hart; aber sie konnte es nicht verhindern, daß ihr das Wasser im Munde zusammenlief. Woher wußte er, daß sie Apfelsinen für ihr Leben gern aß? „Ich weiß von ihrer Base ..wollte er liebevoll beginnen, aber da hatte sie schon eine Schnitze abgerupft und führte sie schnell zum Munde. Es war wie ein Diebstahl, aber sie machte ein sehr gleichmütiges Gesicht dazu und sagte nur zweifelnd: „So ...?" Um sich selber aber die Sünde mundgerecht zu machen, dachte sie für sich, während der fühfäuerliche Saft ihren Gaumen kühlte: „Er handelt ja damit!" Aber das war eine häßliche Entschuldigung. Sie fühlte das auch sofort, doch sie nahm noch eine zweite Schnitze, in demselben Augenblick, als sie sich schämte. Denn nun stand Herr Günther so nahe vor ihr, daß sie nicht anders konnte. Er hatte sogar das Seidenpapier so kunstvoll gedreht, daß es wie eine zweite Blüte aussah, in der die schwindende Frucht ruhte. Und als sie weitergingen, siehe, da war das graue Haar von Fräulein Eugenies Mantel verschwunden und hing nun an Herrn Günthers Brust, und im selben Augenblicke sahen beide die liebe Base um die Wegbiegung kommen. Sie nickte schon auf hundert Schritt, als sei sie, ohne gefragt zu sein, im voraus mit allem einverstanden. Hatte sie gesehen, wie Eugenie die Apfelsine völlig ausaß? Wie Herr Günther die rote Schale in fein Taschentuch wickelte und ihr dabei fest in die Augen blickte? Eugenie streifte den Mann noch einmal mit den Blicken, und da sah sie, während ihr das Herz fast stehenblieb, das Haar, ihr graues Haar, an feiner rechten Schulter. Wenn das die Base sah, mußte sie ihn heiraten. Sie wollte es ihm herunterreißen — sie konnte nicht. So drängte sie sich denn, nachdem sie die Base aufgeregt und krampfhaft begrüßt hatte, sofort zwischen die beiden. Sie verhinderte, daß die Base dem Manne die Hand gab, sie schlang vielmehr ihren Arm sofort unter den der Frau und drängte eilig zur Stadt, von Herrn Günther fort, sie verleugnete ihn geradezu. Und so führte sie sich auch beim Abschied auf, fo daß sowohl Herr Günther wie auch die erfahrene Safe langsam ihr« Hoffnungen abbauten. __ , . ~ Aber da schaltete das Schicksal sich zum dritten Male ein. Cs hatte es diesmal leichter, denn, um es gleich zu sagen, Fräulein Eugenie träumte in dieser Nacht von nichts anderem als von Herrn Günther: sie mußte ihm in einem paradiesischen Garten zahllose Apfelsinen pflücken und er stand unten in golbgrünem Grase und fing die Früchte in kunstvoll die drei, Christofer. Herrgott dem ab- ^^-rräulein Euaenie freilich stand nach dem Spiele noch eine Viertelstunde in Flammen, als Herr Günther strahlend aus sie zulrat und ihr dankte daß sie sich, wenn auch „unbekannterweise", seines Töchterchens anaenömmen habe. Es standen so viel Leute dabei, als er das sagte, und die kleine Himmelsmutter lachte so freundlich an ihrem Knie emp , hnc. t;e ais die Leute sich verlausen hatten, mit dem Vater und dem Kinde zusammen in das Haus ging, als dessen Mutter sie sich >a schon halb^bekannt nitf{e lästig mit dem Kopse, als sie vom Scheine'des Glücks umleuchtet, bis an die Tur geleitete. du der Fischer? — Ja, ich bin der Fischer, der Alzfischer, mich kennt schließlich jeder Mensch in der Gegend, du bist wohl der einzige, der mich nicht kennt! — Du, Fischer, du kennst das Wasser da oben, zwischen Hosmark und Dors? Ja, sag einmal, ist das Wasser so tief, daß man nicht mehr durchwaten kann? Oder geht es noch? — Nein, das geht nicht, das sollst du gar nicht erst versuchen. Cs geht nicht! Wenn ich dich aber um der Liebe Christi willen bitte, daß du mich hinübersührst! Du weißt die Kiesbetten und die Mulden, du kennst das Wasser, wo es Drehwirbel setzt. Und es ist doch nicht sehr tief? Ach Gott, es ist nicht sehr tief, es geht mir gerade bis an die Brust, wo der Schwemmkies liegt. Aber weiht du, wie das kalt ist und wie es reißt? — Ich will es gar nicht wissen, Fischer, führ mich hinüber, um der Liebe Christi willen bitt ich dich, führ mich hinuberl Wenn den da die große Angst jagte, und wenn er bei allen Heiligen bettelte, dann wollte der Fischer nicht hart sein. Vielleicht hatte es sehr viel Not mit dem, es mußte wohl sein. Freilich morgen war Feiertag, und heute mußte er den Kindern etwas bringen und der Fischerin etwas auf den Tisch legen, da wollte er die Freude selber sehen. Das war vorbei für heute, wenn er nah und ausgefroren heimkam. Aber weil der fremde Bauernmensch fo hastig redete, und weil die Angst aus ihm schrie, kehrte der Fischer um und ging neben dem anderen auf der Straße zurück. Sie gingen schweigend nebeneinander, der Fischer hatte eine lange Weile Zeit zum Prüfen des Wasferstandes, bis der andere das Notwendige in der Hofmark besorgt hatte. Dann traten sie beide gleicherzeit hinein, und der Fischer hatte jetzt eine heisere Stimme: Du mußt ganz nahe bei mir bleiben, wer die Kiesbänke nicht weih, der kann abgetrieben werden, und für den ist die Alz dann gefährlich. Hast du alles in die oberen Taschen gesteckt? Herrgott, ist das kalt! So kalt ist es doch sonst nicht! Bei dem anderen schrie nun auch die Kälte mit, daß sein hastiges Reden ins Zittern kam. Er zog Schritt um Schritt seinen Körper durchs Wasser, und dieser Körper war schwer, er kannte das Wasser nicht fo wie der Fischer es kannte. Dableiben! Bei mir bleiben! Der Fischer war klein und seine Brust war schmal, aber er hielt sich gegen das Wasser. Der andere, der groß war, verlor die Kraft in der schneidenden Wasserkälte. Ich muß doch hinüberkommen!, schrie er. Aber seine Knie gaben nach. Es geht nicht mehr, Fischer, es wird mich wegreißen, die Füße tragen mich nicht mehr! Er tappte irr, wie Ertrinkende es tun, nach dem Begleiter, und er riß an seinem Gewand, daß auch der unsicher wurde. Auslassen! Nein, er ließ nicht aus. Er klammerte sich fest, und der Fischer spürte auf einmal das Wasser am Hals. Dann schlug der Fischer, und er stieß mit den Kmen gegen den anderen, aber der Stoß hatte keine Kraft im Wasser, er half nicht in dieser sonderbaren Wehr, bis der Fischer den andern am Kopf faffen konnte, daß der schlagende Körper unter dem harten Griff nachgab. Willst du dich ruhig halten! — Er schob sich, eben die Lippen noch über dem Wasser, unter dem Arm des anderen durch, er drehte den Körper zurück, daß der große Bauernmensch dann quer über dem watenden Fischer lag, fast regungslos weil die Kalte und die zweite Angst ihn starr gemacht hatten. Hast du mich erdrosseln wollen, du Narr? — Nein, gar nicht, aber ich muß doch hmuberkommen Der Mann keuchte, und unter der Last seines Körpers stöhnte der Fischer bei jedem Schritt. I Jetzt haben wir gerade die Mitte. Halt dich ruhig! Er konnte ihn wohl nicht tragen bis hinüber, die ganze Strecke, noch wenigstens achtzig Meter. Mußt dich ruhig halten! Sem Mund "ahm Wasser auf, wenn die plumpe Last sich regte. Er schlug nun auch schon mit den Händen, wie der fremde Bauernmensch geschlagen hatte. Hat das sein müssen, diese Narretei? — Hat sein müssen, ja, Fischer Sonst geht das arme Vieh drauf. — So redet doch kein Christenmensch — Vieh! — Ist doch ein armes Vieh! — Warum? Jst's denn wirklich ein Vieh? — Was denn sonst? Hab' ich's denn nicht gesagt? Ein Roß ist krank, es wird draufgehen, wenn ich nicht schnell heimkomme. So ein Roß. Sonst gar nichts! Und der Fischer bäumte sich auf, er riß an der plumpen Last, er wollte den Menschen hineinstoßen, der ihn um eines Tieres willen da durch das Wasser gejagt hatte. Der Bauernmensch spürte, was sich auflehnte gegen ihn er bettelte wieder mit dem Wort von der Liebe Christi, aber der Fischer stieß mit den Fäusten gegen ihn. Da sah er in dem gehässigen Wenden des Kopfes einmal die Augen des anderen, in denen die Sterbensangst stand, er sah sie so groß und so starr wie die Augen eines Pferdes, das auch sterben mußte und auch diese großen Augen riß, aus denen das ungeheure Leid der Kreatur weinte um tue Liede. Der mußte sterben, und das Roß mußte draufgehen - aber sie hatten so riesengroße Augen und nichts stand darin als das Betteln um eine kleine Liebe. Hatte der nicht von etwas ganz Großem gesprochen, als er um dieses sonderbare Weggeleite bat um eines kranken Tieres willen? Was war denn für ein irrsinniger Tag heute, daß er den Menschen nicht ins Wasser rannte? Er ging mit seiner Last und brach drüben nieder, wie er schon vor sechzig Meter hätte niederbrechen müssen, wenn er nicht die Augen gesehen hätte und ihre Bitte um Liebe. Und dann, als der Fischer wochenlang im Fieber lag, schrie er wie er im Wasser geschrien hatte. Nach dem Aufwachen wußte er nichts mehr von dem, was geschehen war. Er hatte ein paar swh- farbene Dinger in den Taschen getragen, und was den Kindern zum Sviel hätte sein sollen, war zerdrückt. Der Fischer aber, weil er von attern nur noch das Große und Schwere und Ungeheure eines von der ganz stillen Liebe geforderten Dienstes im Erinnern spurte, Jagte im fiebriacn Erwachen, er tjabe den Herrgott getragen tn ber felbigen karfit9 Und weil nach dem sonderbaren Geschehen kein Mensch mehr nach der Wttksichkeii fragte, erzählen es heute die Kinder noch so wunderlich, wie es vielleicht doch die einzige Wahrheit» dieser Nacht ist. daß der Fischer den Herrgott getragen hat über die Alz. gedrehten Tüten aus. Am Abend des nächsten Tages über ging sts mit ] ber Base, die vom Kopfnicken zum Kopsichütteln übergegangen war, nut lesie brennendem Herzen und voller Ahnungen m ben Stadtsaal zum Weihnachtsspiel der Schulkinder, das man mitten zwischen die Feiertage »ig eine Ä< »-i»n°ch>-mn>i, und di- Schn. Ser schon zum Spiel gekleidet, zogen em; zuerst mit viel Getrappel, die Hirten dann die Heiligen Drei Könige und zuletzt Maria und Jo eph. Das kleine Mädchen, basbie Jungfrau spielte, trug ihr Kmblem sittig im Arm auf der Bühne war schon die Krippe ausgestellt, in ber es liegen sollte. Aber da widerfuhr der Heiligen Familie em bitteres Miß- 0C'1ns die kleine Maria von dem Treppchen das, allen sichtbar, zur Bühne hinausführte, in die Seitenwande rauschen wollte, wo sich schon die Hüten mit den Engeln leise aber innig stritten, da trat Joses der ungeschickte Joseph, auf Mariens silbernen Brautschleier, und er siel samt dem Heiligenschein zu Boden und rollte die Treppe hinab in den Zu- ^“M^arme kleine Jungfrau brach sofort in lautes Weinen aus, Joseph ftanb verstockt und tölpisch daneben, und auch die Zuschauer waren durch die Szene dieses Unglücks so gefesselt und vielleicht sogar belustigt, daß "'°Jn"die?em^Augenblick erhob sich Fräulein Cugenie^ Sie eilte zu der Kleinen, die sassungslos meinte, band ihr den Brautschleier wieder schon um das Häuptlein und führte sie, da sie sich heftig an 'hre Kme druckte mütterlich auf die Bühne. Sie hörte nicht das Tuscheln und Kichern des ganzen Saales, als sie hochrot, die große Mutter der kleinen Mutter, auf die Bühne trat und das Kind erst vor der Krippe entlieh. Es war qut, daß sie in der Seitenwand stehen blieb. Die kleine Himmelsmutter nämlich bemerkte, kaum daß sie an die Krippe getreten wa? daß dort im Stroh schon ein anderes Kindlein tag, von einer am beren Klasse die gestern gespielt hatte, jämmerlich vergessen und dort zurückgelassen Die Selige faßte das falsche Kindlein nicht eben zart an, sie war zornig vor neuer Scham und man sah, sie hatte es beinahe Inrtnpmnrien- beinahe denn als sie es schon hoch in den Schein der goldenen Lampe gehoben hatte, sah sie plötzlich ihre neue Mutter m einer ntifrhe der Seitenwände stehen. Freudig lief sie zu ihr, Fraulein Eugenie nahm das wächserne Kindlein auf ihre Arme und die Kleine lies nun eilig ihrem echten Kinde in der Krippe das Lager zu bereiten. Sie fchüttelte das Stroh auf, glättete es liebevoll mit den Händen und fetzte endlich voll mütterlichen Stolzes dem Christ ihren eigenen Heiligem ^Vn^nem Abend im Winter - das mag so gewesen fein mie jetzt - muhte der Fischer in der Hofmark die Häufer abgehen mt ber alten KSrinen SW »<™ SÄ” Ä »urden u i)\hpr hie Hokmark war groß, und es kam doch allmayucy jo, vay die suchende Hand im Wasser nicht mehr überall auf einen fluchtigen Flos enrücken stich Da war es aber schon Nacht und da- Dors war weit weg - was heißt weit weg? Das Dorf lag gleich ba bruoen man sah9 die paar Lichter in ber Nacht, das Dorf war ganz nahe, aber die Alz war dazwischen, und die Brücke war irgendwo da drunten, wo es kein Licht m Haus. Bann ging der Mr brütfenmärts auf ber Straße. Gute Nacht!, sagte irgendwer, der von unten her die gleiche Straße gm^ Das Poltern des Zug wägerls war lauter als ber Gruß. Em Kind stapfte nut schweren Schuhen vorbei. Dann sagte wieder einer Gute Nacht, und eine Magd ging die Straße, bie sagte es ebenso. m Einer aber kam, der faßte ben Fischer an der Wasserioppe, de sagte nicht still seinen Gruß, denn hinter ihm jagte bie Angst. Erzählung von Joses Martin Bauer. Da isi die heilige Mär von dem kleinen Flutzsischer, der ben Klick aus dem Spielzeugladen Roman für das große und kleine Volk Von Friedrich Schnack Copyright by Insel-Verlag zu Leipzig 5. Fortsetzung. „Hat es schon zu Mittag gespeist?", erkundigte sich Klick. „Was hast du ihm aufgetischt?" „Es fastet, davon wird es nicht zu dick. Ein Wasserschwein kann ich ihm nicht zuschanzen, und meine Papageien sind mir zu gut. Sie haben es übrigens sofort gespürt, als ich es im Laden hatte. Wie alte Weiber schimpften sie." „Dummer Kerl, dummer Kerl!", schallte es aus dem Vogelkäfig. „Die müssen sich erst an seinen Anblick gewöhnen", meinte Ali, die mit scheuer Furcht das Raubtier betrachtete. „Es gibt Vögel, die furchtlos auf dem Panzer der Krokodile herumlaufen", sagte Klick. „Vielleicht geht das auch mit den Papageien zu machen. Das wäre hübsch." Der Hustenonkel hustete kurz. „Zu dieser Anfreundung wird keine Zeit sein: das Krokodil wird bald abgeholt, der Besteller ist schon benachrichtigt." Das bedauerten die Freunde sehr. Gern hätten sie sich länger mit dem Krokodil abgegeben. Einer sehr großen, gefährlich aussehenden Eidechse glich es. Die Webergasse, dachte Klick, ist doch eine sehr merkwürdige Gasse. Was es da alles gibt! Ein Krokodil, einen Affen, Schildkröten aus Griechenland, aus Madagaskar, Feuersalamander, seltene Vögel — was alles mag noch in ihr vorhanden sein, ohne daß ich es weiß. „Wie alt ist es?", fragte Ali. „Seiner Größe nach zwei Jahre", sagte der Onkel. .Kann es schwimmen?" „Wie ein Hecht." „Schnell laufen?" „Blitzschnell." Es hatte, sich ausschlafend von der Reise, die Augen zugeknifsen. Fest zugeklappt war auch die lange Schnauze. Der Onkel warf einen kleinen Kieselstein dem Schläfer auf den Kopf. Klack!, machte der Stein, aber das Krokodil kümmerte sich nicht darum. Wie ein Stück versteinertes Holz lag es in seinem Käfig und stank ein wenig nach Fäulnis, Nil und Fischen. Während der Onkel von einer Krokodiljagd in Afrika erzählte, an der er vor vielen Jahren teilgenommen hatte, trat ein Junge herein, ein Mitschüler Klicks. „Ich möchte das Krokodil abholen", sagte er. „Stenzel, ist es dein Krokodil?", rief Klick. „Ja, es ist mein Geburtstagsgeschenk." Sie umstanden den Jungen, der das Krokodil fortbringen wollte. Er hatte dem Hustenonkel ein Schreiben vorgelegt; der Tierhändler sagte: „In Ordnung!" „Zum Geburtstag?", sagte Klick. „3ft dir denn nichts Besseres eingefallen?" „Wieso?", versetzte der andere, so tuend, als wäre es eine Sache, von der man kein Aufhebens macht. „Für meinen kleinen Zoo ist es bestimmt. Mein Onkel ist der Direktor des Zoologischen Gartens in Frankfurt. Und ich will auch mal Zoodirektor werden. Habe bereits eine Ringelnatter und einen nahmen Storch." „Gib nur acht", mahnte der Hustenonkel, „daß die beiden nicht vom Krokodil aufgefressen werden. Krokodile können ganze Zoologische Gärten verschlingen." „Das Krokodil wird gezähmt", behauptete der Junge. „Und wie willst du es wegschaffen?" Stendel öffnete die Tür. „Dienstmann!" Ein Dienstmann trat ein und zog die Mütze. „Schaffen Sie den Käfig auf den Wagen", forderte Stenzel auf. Der Dienstmann packte an, der Junge faßte zu, und auch Klick leistete Hilfe. Da war das Krokodil rasch zum Laden hinausbefördert. „Besuch mich doch mal", Klick!", lud Stenzel ein. „Welchen Namen wirst du ihm geben?", rief der Onkel. „Namen?", meinte der Junge. „Den hat es doch schon. Cs heißt: Crocodilus niloticus." Der Dienstmann warf eine Plane über den Käfig, damit das Krokodil In den Straßen kein unliebsames Aufsehen errege, und fuhr mit der seltsamen Fracht davon. „Es ist nur gut", sagte der Onkel", „daß wir warmes Wetter haben, sonst bekäme das Krokodil einen tüchtigen Schnupfen." „Ich bin eigentlich froh, daß es fort ist", sagte Ali, „es hat mir gar nicht aefallen. Stell dir nur vor, es wäre ausgerissen wie der Affe Pong!" „Wenn schon!", sagte Klick. „Da hätte es höchstens die Würste und Hamburger Mastgänse in der Webergasse aufgefressen." Eine Wirtschafterin, die sich wundert. Klick pendelte zwischen dem Tierladen und dem Spielzeuggeschäft hin und her. Auch im Laden der Frau Trockenhut gab es Krokodile. Aber sie waren harmloser Natur und stammten nicht vom Nil. Von Holz und Blech waren ihre Echsenleiber, gleich Schachteldeckeln klappten die Kinnladen, und ihre Schlünde flammten rot gebeizt. Friedlich ruhten sie neben Lämmern, Kühen und Ziegen, sie befanden sich in anständiger Gesellschaft. Abenteuer, wie sie sich im Laden des Hustenonkels zutrugen, ereigneten sich bei Frau Trockenhut nicht. Und doch — für Klick gab es da ein Abenteuer, ein sehr gefährliches sogar. Es war die Geschichte vom langsamen Niedergang des Geschäfts und der Krankheit seiner Inhaberin. Jedes abgehende Holz- und Stoffkrokodil, jeder zur Tür hinausrollende Wagen, jedes Schiff, das davonschwamm, nahm für immer ein Stück mit weg, ein Stück des Spielzeugladens. Es wuchs kaum wieder nach. „Nach Ostern", sagte der Vater, „werde ich viel Zeit für mich haben. Ich geh in die großen Ferien. Schade nur, daß ich kein Junge mehr bin. Was alles könnte ich tun und treiben!" „Große Ferien? Wie meinst du das?", fragte Klick mißtrauisch. „Nur noch dreimal in der Woche arbeite ich ..." Klick senkte den Kopf, auf die Osterzell fiel ein Schatten. „Dann werden wir wohl am besten die Butter weglassen, Vater!", meinte er. „Butter kann man entbehren", sagte der Vater. „Es soll Länder geben, wo man gar keine Butter kennt." „Es gibt viele Länder, in denen man viel nicht kennt", sagte Klick. „Ob wir da nicht überall jetzt etwas Heimatrecht hätten?", ergänzte der Vater. Plötzlich dachte Klick wieder an seine verlorenen Lose. Fand in diesen Tagen nicht die Ziehung statt? Wenn die Lose nur nicht gewännen, wünschte er, sonst ärgerte er sich schwarz. Aber im Losgeschäft erfuhr er durch einen Anschlag, daß die Ziehung bis Mitte Juni verschoben war. Das war ja gut. Möglicherweise fand er inzwischen doch noch seine Mütze. Und hatte er nicht auch Pong aufgetrieben? Oder sollte er besser ein neues Los erstehn? Noch einmal einen Griff wagen? Er unterließ es. Zudem hatte er das verdiente Geld in feine Sparbüchse gesteckt, und die konnte nur geöffnet werden, wenn zehn Mark in Fünfzigpfenniqstücken darin enthalten waren. Am nächsten Mittag nach Schulfchluß sagte sich Klick: Höchste Zeit, daß ich wieder einmal ans Meer gehe. Ich werde zu Sassafraß fahren. Der Tag war schön und zu Seefahrten geeignet. Ali kutschierte „Das Kind". So nannten die Freunde das Zeitungspaket, das sie in dem alten Kinderwagen zum Postplatz schoben. Klick schlenderte neben dem Karren her. Er war gut gelaunt, in der Schule war alles glatt gegangen, und nun war er zu Sassafraß unterwegs, zu dem er eine herzliche Zuneigung gefaßt hatte. Das Zeitungspaket wackelte im Wagep. „Schlaf, Kindlein schlaf, Dein Vater hüt die Schaf ..." summte Klick. Ali lachte. Wer denn der Vater sei?, meinte sie. „Der Zeitungsschreiber auf seinem Schreibtischstuhl", sagte Klick. Ob denn die Zeitungsleser nicht Schafe wären? Er schnitt ein Gesicht. Am liebsten hatte er gute Bücher: Flieger-, Entdecker- und Seefahrergeschichten. Er dachte an den beabsichtigten Besuch. „Wirst du auch einmal Zeitungstante werden, Ali?" „Nein!" Sie wollte nicht mit der Sprache heraus. „Was denn? Sag mir's!" „Säuglingsschwester .. ", gestand sie, errötend. Was für ein komischer Beruf! Mußte sie da kleine Kinder einwiegen? „Ach, wohl deshalb", meinte er, „weil du schon mit einem Kinderwagen ausfährst?" „Bummer Kerl, bummer Kerl!", schalt sie im Tonfall der Papageien. Da war sie am Postvlatz bei der Tante Mittwoch, die den bernsteingelben Kater auf dem Schoß hielt: durch ihn hatte sie alle Katzenfreunde der ganzen Verkehrsqegend zu Zeitungskunden gewonnen. Klick verweilte nicht. Er ging fort. Ali schaute ihm nach. Der Kater machte einen Buckel. In Loschwitz ließ ihn die Wirtschafterin ein. „Mas willst du?", fragte sie streng. „"'Mben Sie mich dem Herrn Kapitän. Ich heiße Klick." „^er Schiffsjunge!", sagte sie von oben herab. „Der Herr Kapitän liegt im Garten." Klick fand ihn am Rand seines Teiches. Seine lanae Gestalt war mit einem schwarzen Badeanzug bekleidet, er trug Segeltuchschube. Ausgestreckt lag er im Kies, rauchte Pfeife, guckte ins Wasser und ließ sich den Rücken bescheinen. „Melde mich zur Stelle, Kapitän!" „Tag, mien Jong!", holländerte der Seefahrer und reichte zu einem seekräftigen Händedruck die Hände nach hinten. e Klick angelte danach, die Hand druckte, der Arm zog, und ehe sich's der Schiffsjunge versah, lag er auch auf dem Ostseekies. So begrüßte mart sich bei Seeleuten auf dem Trockenen. Der Knebelbart tunkte in den Sand, wie ein Darnvfschlot qualmte die Pfeife. „Nun bist du eine Wasserratte, Klick", sagte der Kapitän. „Wenn wir einmal über den Aequator fahren, wirst du auch noch getauft." „Dann taufen wir uns gegenseitig", meinte Klick. Der Kapitän blickte ibn schräg an. „Wie meinst du das?" „Sind Sie denn schon über den richtigen Aequator gefahren, Herr Kapitän?", erkundigte sich Klick vorwitzig. „Das weißt du also auch schon", sagte Sassafraß. „Aequatorwasser ist Sonntagswasser, Ostseewasser ist Werktagswasser, Klick. Am Werktag muß man verwünscht anyacken, am Sonntag wird gefaulenzt. Bin dauernd Werktagswasser gefahren, Junge; wünschte mir immer mal eine Suppenkelle Sonntagswasser. Aber man kann nicht alles haben, Klick. Laß man, Jong!" (Fortsetzung folgt ! Verantwortlich; vr. HanSThyriot. — Druck und Derlag:Brühl'sche Univ erst täts-Duch- und Steindrucke rei. R. Lange. Gieße».