I I it e d « » t n i n it n il rtt te. me 05 Ite «t M ,te. der >en len ’in en it n in >er Tt die icn: Sie Sie MS i*5 i es -rten bi» ölen nab em ;en ics ien tob* !tid). Bet’ is in , der Me« V1’ tu# te ® iejjener Smnilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1956 Zreitag, den 24. Juli Nummer 56 ein Vorteil, feine Hochherzig- mußte so schleunig wie nur Der Diamant öes Raöschah von Robert Louis Stevenson Copyright by Verlag Albert Langen / Georg Müller, München 1. Fortsetzung. Daß zwei Gentlemen seiner Bekanntschaft in so roher Weise auseinander losdroschen, war für Harry ein entsetzlicher Anblick gewesen. Er wünschte diesen zu vergessen, und vor allen Dingen wünschte er eine möglichst große Entfernung zwischen sich und den General Vandeleur zu bringen. Darüber vergaß er ganz und gar, wohin er gehen sollte, sondern lief zitternd nur immer geradeaus. Wenn er daran dachte, daß Lady Vandeleur die Gemahlin des einen dieser Gladiatoren und die Schwester des anderen war, dann empfand sein Herz ein inniges Mitgefühl für eine Frau, der das Schicksal einen so falschen Platz im Leben angewiesen hatte. Sogar seine eigene Stellung im Haushalt des Generals erschien ihm nicht so angenehm wie früher, da er sie jetzt im Lichte des letzten Vorganges sah. Er war, in diese Betrachtungen versunken, ziemlich weit gegangen, als er gegen einen anderen Passanten anstieß und dadurch an die Pappschachtel an seinem Arm erinnert wurde. „Um des Himmels willen!" rief er. „Wo hatte ich denn meinen Kopf? Stiefel abputzte. , , , Ein recht hübsches Dienstmädchen öffnete sofort die Tur und schien den Sekretär mit nicht unfreundlichen Äugen anzusehen. „Hier ist das Paket von Lady Vandeleur", sagte Harry. „Ich weiß", antwortete das Dienstmädchen und nickte. „Aber der Herr ist nicht zu Hause. Wollen Sie es mir hier lassen?" . „Das kann ich nicht. Ich bin angewiesen worden, es nur unter einer gewissen Bedingung herzugeben und werde Sie daher letöer Dinen müssen, mich drinnen warten zu lassen." „Nun, ich glaube, ich darf Sie hier wohl warten lassen. Ich kann Ihnen sagen, ich fühle mich hier recht einsam und Sie sehen nicht aus, wie wenn Sie ein Mädchen essen würden. Aber fragen Sie jnid) nur nicht, wie der Herr heißt; denn das darf ich Ihnen nicht sagen. „Was sagen Sie da?" rief Harry. „Das ist,a merkwürdig! Aber ich habe ja seit einiger Zeit eine Ueberraschung nach der anderen. Nur -me Frage darf ich wohl an Sie richten, ohne unbescheiden zu sein, ist er der Besitzer dieses Hauses?" und wo bin ich jetzt?" Er sah sich den Brief an, den Lady Vandeleur ihm gegeben hatte. Auf dem Umschlag war nur Straße und Hausnummer angegeben, aber kein Name. Harry war nur angewiesen worden, nach dem Herrn zu fragen, „der ein Paket von Lady Vandeleur erwarte", und wenn dieser nicht zu Hause wäre, sollte er auf seine Rückkunft warten. Der Herr, so hieß es weiter auf dem Umschläge, sollte eine von der Dame selbstgeschriebene Empfangsbestätigung vorzeigen. Dies alles sah äußerst geheimnisvoll aus, besonders wunderte Harry sich über die Weglassung des Namens und die Förmlichkeit der Quittung. Er hatte sich über diesen letzten Umstand wenig Gedanken gemacht, als Lady Vandeleur ihn im Gespräch erwähnt hatte; als er jetzt aber mit kühler Ueberlegung diese Vorschrist aus dem Briefumschlag las und sie mit den anderen sonderbaren Umständen in Verbindung brachte, kam er zu der Ueberzeugung, daß er es mit gefährlichen Dingen zu tun habe. Einen Augenblick zweifelte er halb und halb sogar an Lady Vandeleur selber; denn er fand diese dunklen Machenschaften einer so hochstehenden Dame nicht ganz würdig, und vor allen Dingen wurde seine Kritik dadurch geschärst, daß sie ihre Geheimnisse sogar ihm vorenthielt. Aber sie beherrschte ihn so vollständig, daß er seinen Verdacht gleich wieder fahren ließ und sich selber einen Vorwurf daraus machte, daß er ihn überhaupt nur hatte hegen können. . Jedenfalls verlangten feine Pflicht und fein Vorteil, feine Hochherzigkeit und feine Angst eines von ihm; er mußte so schleunig wie nur möglich die Schachtel loswerden. c , Er sprach den ersten Schutzmann an, der ihm begegnete, und fragte ihn höflich nach dem Wege. Es stellte sich heraus, daß er gar nicht mehr 0 sehr weit von seinem Bestimmungsort entfernt war, und ein Gang von wenigen Minuten brachte ihn zu einem Häuschen, das frisch getüncht und peinlich sauber gehalten war; es lag an einer schmalen Seitengasse. Türklopfer und Klingelgriff waren blank poliert; blühende Topfgewächse schmückten die Fensterbänke, und dunkle, schwere Vorhänge verhüllten das Innere vor den Blicken neugieriger Vorübergehender. Das Haus hatte etwas Ruhiges und Geheimnisvolles an sich, das auf Harry solchen C tn= druck machte, daß er ganz leise klopfte und ungewöhnlich sorgfältig seine „Er wohnt hier zur Miete, und zwar auch erst seit acht Tagen. Und nun — Frage für Frage; kennen Sie Lady Vandeleur?" „Ich bin ihr Privatsekretär", antwortete Harry mit einem Erröten bescheidenen Stolzes. „Sie ist Mbsch?" fragte das Dienstmädchen weiter. „Oh, schön!" rief Harry; „wunderbar lieblich, und dabei nicht weniger gut und freundlich!" „Sie ehen selber recht freundlich aus, und ich möchte daraus wetten, Sie sind so viel wert, wie ein Dutzend Lady Vandeleurs." Harry war geradezu empört über diese Worte und rief: „Ich bin ja nur ein Sekretär!" „Wollen Sie mich damit zurechtweifen, denn ich bin ja nur ein Dienstmädchen, wenn Sie nichts dagegen haben!" Als sie aber Harrys offenbare Verlegenheit fah, besänftigte sie sich und fuhr fort: „Ich weiß, Sie haben es nicht böse gemeint, und Sie gefallen mir. Aber Ihre Lady Vandeleur! Oh, diese Herrschaften! Einen richtigen feinen Herrn, wie Sie — am hellen lichten Tage — mit einer Pappschachtel auf die Straße zu schicken!" Sie waren während dieses Gespräches auf derselben Stelle geblieben — sie stand in der offenen Tür, er auf dem Bürgersteig. Wegen der Hitze hatte er den Hut abgenommen und am Arm trug er feine Pappschachtel. Als sie aber diese letzten Worte sagte, nahm Harry eine andere Haltung an und sah verlegen nach links und nach rechts; denn er konnte solche Komplimente über sein Äussehen, die ihm gerade ins Gesicht gemacht wurden, nicht vertragen, und besonders nicht den aufmunternben Blick, womit sie begleitet wurden. Wie er sich nun umsah, sah er am Ende der kleinen Gasse zu seinem unbeschreiblichen Entsetzen den General Vandeleur austauchen. Der General war in seiner Entrüstung trotz der Hitze durch die Straßen gerannt, um seinen Schwager zu erwischen; sobald er aber seinen pflichtvergessenen Sekretär erblickte, wurde sein Zorn in ein anderes Fahrwasser gelenkt. Er drehte sich um und stürmte mit wilden Gebärden und Flüchen die schmale Gasse hinauf. Mit einem Satz war Harry im Hause, indem er das Mädchen vor sich her schob; und im nächsten Augenblick hatte er die Tür seinem Verfolger vor der Nase zugeschlagen. ___ , , ,, a„ r . - „Ist ein Riegel da? wird das Schloß auch halten? sagte Harry, während eine Salve des Türklopfers durch das ganze Haus schallte. „Aber was haben Sie denn?" fragte das Mädchen. „Haben Sie Angst vor dem alten Herrn?" , , . „Wenn er mich kriegt", flüsterte Harry, „bin ich so gut wie tot, er hat mich schon den ganzen Tag verfolgt; er hat einen Stockdegen bei sich und ist ein alter indischer Offizier." . „Das sind ja schöne Manieren!" rief das Mädchen; „und rote heißt er denn wohl, bitte?" . . „ ... , . „Es ist der General, mein Herr, antwortete Harry; „er will feine Schachtel haben." Sagte ich es Ihnen nicht?" rief das Mädchen triumphierend, „ich sagte Ihnen ja, daß ich von Ihrer Lady Vandeleur ganz und gar nichts halte- und wenn Sie Augen in Ihrem Kopf hätten, könnten 6ie selber eben’ was an ihr dran ist. Eine undankbare Kokette ist sie, daraus will ich Gift nehmen!" Der General erneuerte seinen Türklopfersturm; als immer noch nicht aufgemacht wurde, geriet er in eine geradezu fürchterliche Wut und begann mit den Füßen gegen die Tur zu stoßen. Es ist ein Glück", bemerkte das Mädchen, „daß ich allein im Hause bin;’ Ihr General kann klopfen, bis er müde wird; aufmachen tut ihm niemand. Kommen Sie mit." Mit diesen Worten führte sie Harry in die Küche, ließ ihn Platz nehmen und stand neben ihm, indem sie ihm zärtlich die Hand auf die Schulter legte. Der Lärm an der Tür liefe nicht nach, sondern wurde immer stärker, und bei jedem Schlage, den er hörte, zitterte dem unglückseligen Sekretär das Herz. s.Wie heißen Sic?" fragte das Mädchen. "Ich^ heiße" Prudence. Gefällt Ihnen der Name?" Sehr! Aber hören Sie doch bloß mal, wie der General gegen bie Tür haut! Er wird sie sicherlich aufbrechen, und um des Himmels willen, das ist ja mein sicherer Tod!" Sie regen sich ohne jeden Grund viel zu sehr auf", antwortete Pru- ben’c’e .Lassen Sie Ihren General nur gegen bie Tür hauen; damit schlägt er sich höchstens bie Hänbe entzwei. Glauben Sie denn ich wurde Sie hierbehalten, wenn ich nicht sicher wäre, Sie zu retten? O nein, ich bin eine treue Freundin, wenn einer mir gefällt! Und wir haben eine Hintertür, die nach einer anderen Seitengasse hinausgeht. Aber , fuhr sie fort und drückte ihn wieder auf feinen Stuhl zurück, denn er war sofort aufgesprungen, als er diese willkommene Nachricht vernahm, „aber ich zeige Ihnen nicht, wo diese Tür ist, wenn Sie mir nicht einen Kuß geben. Wollen Sie das, Harry?" . Gewiß will ich das!" rief er, als galanter Junglmg, der er mar; „nicht wegen der Hintertür, sondern weil Sie em gutes und hübsches ^Un^er'brücfte ihr zwei oder drei herzliche Küsse auf die Lippen, die sie in derselben Weise erwiderte. Hierauf führte Prudence ihn nach dem hinteren Ausgang, legte ihre Hand auf den Schlüssel und sagte: Wollen Sie wiederkommen und mich besuchen? „Herzlich gern! Ich verdanke Ihnen ja mein Leben! „Und jetzt", sagte sie, indem sie die Tür öffnete, „laufen Sie, so schnell Sie können, denn ich lasse jetzt den General ein." Harry bedurfte dieses Rates kaum; Angst hatte ihn beim Schopf oepackt, und er wandte sich zu eiliger Flucht. Ein paar Schritte, so glaubte er, und er wäre aus allen Fährlichkeiten befreit und wurde ehrenvoll, heil und gesund zu Lady Vandeleur zurückkehren. Aber diese paar Schritte hatte er noch nicht gemacht, da hörte er einen Mann mit vielen Flüchen feinen Namen rufen, und als er sich umsah, erblickte er Charlie Pendragon, der mit beiden Armen ihm zuwinkte, daß er wieder umkehren solle. , Ziefer neue Zwischenfall gab ihm einen so plötzlichen und harten Stoß, und Harry war außerdem bereits in einer solchen nervösen Aufregung, daß ihm nichts Besseres einfiel, als feine Schritte noch zu beschleunigen und weiterzulaufen. Natürlich hätte er an den Vorfall im Kensington-Park denken sollen; dann hätte er gewiß den Schluß gezogen, daß wenn der General fein Feind war, Charlie Pendragon nur fern Freund fein konnte. Aber er befand sich in einer solchen fieberhaften Aufregung, daß er hieran gar nicht dachte und nur immer noch schneller das schmale Sträßchen entlang lief. Charlie war offenbar ganz außer sich vor Wut, wie man aus dem Klange seiner Stimme und aus den Schimpfworten entnehmen konnte, die er dem Sekretär nachrief. Auch er lies so schnell er konnte; aber so sehr er sich auch anstrengte, die körperlichen Borteile waren nicht auf seiner Seite, und bald hörte Harry, roie fein Geschrei und fein Gerumpel immer ferner verklang. Harry begann neue Hoffnung zu schöpfen. Das Sträßchen war steil und schmal, aber ganz menschenleer; es wurde auf beiden Seiten von Gartenmauern eingefaßt, die von Laubwerk Übersponnen waren. Soweit der Flüchtling blicken konnte, bewegte sich vor ihm kein lebendes Wesen und stand keine Tür offen. Die Vorsehung schien müde geworden zu sein, ihn zu verfolgen, und bot ihm jetzt freies Feld zum Entrinnen. Aber ach! als er gerade an einer Gartenpforte unter einer Gruppe von Kastanienbäumen vorbeilief, wurde diese plötzlich geöffnet und er sah auf einem Gartenwege einen Schlachterjungen mit feiner Mulde auf der Schulter herankommen. Er hatte kaum die Beobachtung gemacht, als er lchon um einige Schritte jenseits der Gartentür sich befand. Aber der Bursche hatte Zeit gehabt, ihn zu bemerken; er war offenbar sehr erstaunt, einen feingekleideten Herrn fo geschwind rennen zu sehen, und er trat auf das Sträßchen hinaus und begann Harry durch ironische Zurufe anzufeuern. Sein Erscheinen brachte Charlie Pendragon auf einen neuen Gedanken; obwohl er kaum noch Luft schnappen konnte, erhob er noch einmal feine Stimme und fchrie: „Haltet den Dieb!" Sofort stimmte der Schlachterjunge in diesen Rus ein und nahm die Verfolgung auf. Dies war ein böser Augenblick für den gehetzten Sekretär. Allerdings gab die Angst ihm neue Kräfte und vermehrte feine Schnelligkeit; mit jedem Schritt kam er weiter von feinen Verfolgern ab, aber er wußte wohl, daß er dicht am Ende seiner Kräfte war, und es brauchte ihm nur jemand entgegenzutreten, so befand er sich auf der schmalen Straße in einer geradezu verzweifelten Lage. Ich muß ein Versteck finden, dachte er bei sich selber, und zwar innerhalb der nächsten paar Sekunden, sonst ist es mit mir völlig aus auf dieser Welt. Kaum war ihm dieser Gedanke durch den Kopf geschossen, so machte die Straße eine scharfe Biegung, und er konnte von seinen Feinden nicht gesehen werden. Es gibt Umstände, in denen selbst der schlaffste Mensch tatkräftig und entschlossen zu handeln lernt, in denen der zaghafteste seine Vorsicht vergißt und waghalsige Entschlüsse saßt. Eine solche Gelegenheit trat jetzt für Harry Hartley ein; wer ihn genau kannte, würde sich über die Kühnheit des jungen Menschen gewundert haben. Er blieb plötzlich stehen, warf die Schachtel über die Gartenmauer, sprang mit unglaublicher Gelenkigkeit an dieser empor, packte den Rand und ließ sich auf der anderen Seite in den Garten hinunterfallen. Als er gleich darauf wieder zu sich kam, sah er in einem Rosenbeet. Seine Knie und Hände waren ausgeschunden und bluteten; denn die Gartenmauer war, um solches Hinüberklettern zu verhindern, auf ihrem oberen Rande reichlich mit Flaschenscherben gespickt. Ihm taten alle Glieder weh. und er hatte ein Gefühl, wie wenn alles vor feinen Augen schwämme. Gerade gegenüber auf der anderen Seite des Gartens, der ausgezeichnet gepflegt und voll von köstlich duftenden Blumen war, sah er die Rückseite eines Hauses. Dieses war von beträchtlicher Größe und wurde offenbar bewohnt; aber in einem seltsamen Gegensatz zu dem wohlgepflegten Garten war das Haus schlecht gehalten und sah schäbig aus. Außer dem Hause sah Harry auf allen Seiten nur die Gartenmauer. Sein Auge erfaßte mechanisch diese Bilder, aber sein Geist war noch nicht imstande, sie miteinander zu einem Ganzen zu verbinden oder aus dem Gesehenen Schlüsse zu ziehen. Und als er Schritte auf dem Kiesweg sich nähern hörte, dachte er weder an Verteidigung, noch an Flucht, obgleich er fein Auge nach dieser Richtung wandte. Die Gestalt, die sich näherte, war ein großer, breitschultriger und sehr schmutziger Mann in Gärtnerkleidung und mit einer Gießkanne in der linken Hand. Wäre er nicht so verwirrt gewesen, so hätte er wohl bei dem Anblick dieser Riesenglieder und der schwarzen, tief eingesunkenen Augen eine gewisse Unruhe verspürt. Aber Harry war von seinem Sturz noch so betäubt, daß er nicht einmal mehr Furcht hatte; er war zwar nicht imstande, seine Blicke von dem Gärtner abzuwenden, aber er verhielt sich vollkommen ruhig, ließ ihn herankommen, ihn an der Schulter packen und mit bärenmafjiger Kraft in die Höhe reißen und auf feine Füße stellen, ohne auch nur den geringsten Widerstand zu leisten. Einen Augenblick starrten die beiden einander an — Harry wie ge- lähmt, der Mann offenbar zornig und voll von einem grimmigen Humor. . . „Wer sind Sie?" fragte der Mann endlich; „rote kommen Sie dazu, über meine Mauer zu springen und mir meine Gloire-de-Dijon-Rosen zu zerdrücken? Wie heißen Sie?" schrie er, indem er ihn am Kragen packte, „und was haben Sie hier zu suchen?" Harry vermochte kein Wort zur Erklärung hervorzubringen. Aber gerade in diesem Augenblick liefen Pendragon und der Schlachterjunge vorüber, und der Schall ihrer Schritte und ihr heiseres Geschrei ertönten laut auf dem schmalen Wege. Der Gärtner hatte seine Antwort erhalten und sah jetzt mit einem bösen Lächeln Harry ins Gesicht. „Ein Dieb!" rief er. „Auf mein Wort — Sie müssen recht gute Geschäfte damit machen; denn roie ich sehe, sind Sie vom Kops bis ZU den Füßen roie ein feiner Herr angezogen. Schämen Sie sich nicht, in solchen feinen Kleidern auf der Welt herumzulaufen, während anständige Leute, das darf ich wohl sagen, ftoh wären, wenn sie solche Sachen, wie Sie da tragen, beim Trödler kaufen könnten? Sprich, du Hund!" fuhr der Mann fort; „du bist doch wohl nicht stumm, und ich möchte noch erst ein Wörtlein mit dir sprechen, bevor ich dich auf die Polizeiwache bringe. , Wirklich, mein lieber Herr", sagte Harry, „es ist alles bloß ein schauderhaftes Mißverständnis; und wenn Sie mit mir zu Sir Thomas Vandeleur am Eaton-Platz kommen wollen, so kann ich Ihnen versprechen, daß alles sich aufklären wird. Der ehrlichste Mensch kann, wie ich jetzt bemerke, in Verdacht geraten." „Ne, Männeken", antwortete der Gärtner, „ich gehe mit Ihnen nicht weiter als bis zur Polizeiwache in der nächsten Straße. Der Inspektor wird gewiß gerne mit Ihnen einen kleinen Spaziergang nach dem Eaton- Platz machen und mit Ihren vornehmen Bekannten eine Tasse Tee trinken. Oder möchten Sie nicht vielleicht lieber gleich zum Herrn Staatssekretär des Inneren gehen? Sir Thomas Vandeleur — ha ha ha? — Vielleicht denken Sie, ich könne einen wirklichen feinen Herrn, wenn ich einen sehe, nicht von einem Strolch roie Sie unterscheiden? Einerlei, was für Kleider Sie anhaben — Sie sind für mich wie ein offenes Buch. Sie tragen ein Hemd, das vielleicht so viel gekostet hat, roie mein Sonntagshut, und der Rock da hat gewiß noch nie eine Trödelbude gesehen; und bann Ihre Stiefel —" Der Mann hatte auf Harrys Füße gesehen; plötzlich hielt er mit seiner beleidigenden Beschreibung inne und sah einen Augenblick scharf aus etwas, das auf dem Boden vor feinen Füßen lag. Seine Stimme klang merkwürdig verändert, als er fagte: „Um Gottes willen, was bedeutet denn dies?" Harry folgte der Richtung feiner Blicke und sah etwas, das ihn mit Staunen und Entsetzen erfüllte. Bei seinem Sprung war er auf die Pappschachtel gefallen und hatte sie vollständig zerdrückt; ein ungeheurer Schatz von Diamanten hatte sich aus der Deffnung ergossen und lag jetzt auf dem Beet, zum Teil in die Erde hineingetreten, zum Teil funkelnd und glitzernd auf der Oberfläche. Darunter war auch ein herrliches Diadem, das er oft an Lady Vandeleur bewundert hatte; ferner Ringe und Busennadeln, Ohrgehänge und Armbänder und sogar ungefaßte Brillanten, die wie Tautropfen zwischen den Rosenbüschen lagen. Em fürstliches Vermögen lag zwischen den beiden Männern auf dem Erdboden — ein Vermögen in der einladendsten, sichersten und dauerhaftesten Form, das man in einer Schürze davontragen konnte —, herrlich schon an und für sich und im Sonnenlicht in millionenfachen Regenbogenfarben strahlend. „Gütiger Himmel!" rief Harry, „ich bin verloren!" Sein Geist eilte mit der unberechenbaren Geschwindigkeit des Gedankens in die Vergangenheit zurück; er begann die Abenteuer des Tages zu begreifen, sie als ein Ganzes aufjufaffen und zu erkennen, in was für einen unangenehmen Wirrwarr er verstrickt worden war. Er blickte sich Hilfe suchend um; aber er war allein in dem Garten mit seinen auf der Erde verstreuten Diamanten und seinem fürchterlichen Ausftager; fein lauschendes Ohr vernahm weiter nichts als Blätterrauschen und das hastige Pochen seines Herzens. Es war nicht zu verwundern, daß der junge Mann plötzlich jeden Mut verlor und mit gebrochener Stimme nur seinen letzten Ausruf wiederholte: „Ich bin verloren!" ... . . Der Gärtner sah sich mit einem Ausdruck von Schuldbewußtsem nach allen Richtungen um; da aber an keinem von den Fenstern em menschliches Gesicht zu sehen war, schien er wieder aufzuatmen und sagte: „Nur den Kopf hoch, Dummkopf! das Schwerste ist ja getan. Warum konntest du nicht sofort sagen, daß hier genug für zwei wäre? Für zwei? wiederholte er; „ja, für zweihundert! Aber kommen Sie mit! Hier können wir beobachtet werden und seien Sie vernünftig: machen Sie die Beulen aus Ihrem Hut und bürsten Sie Ihre Kleider! In diesem lächerlichen Aufzuge wie jetzt kämen Sie auf der Straße nicht zwei Schritte weit. Während Harry mechanisch diese Ratschläge befolgte, ließ der Gärtner sich auf feine Knie nieder, suchte hastig die verstreuten Juwelen zusammen und legte sie wieder in die Schachtel hinein. Die Berührung dieser kostbaren Kristalle machte den herkulischen Mann erschaudern; sein Gesicht war verzerrt und seine Augen funkelten vor Gier. Es war beinahe, wie wenn er eine Wollust daran fände, dieses Aufsammeln zu verlängern und wie wenn er mit den Augen jeden Diamanten streichelte, den feine Finger ergriffen. Schließlich aber war er fertig; er verbarg die Schachtel unter feiner Schürze, gab Harry einen Wink und ging ihm voraus in der Richtung auf das Haus zu. (Fortfetzung folgt.) Sehnsucht. Don Joseph von Eichendorfs. Es schienen so golden die Sterne, am Fenster ich einsam stand und hörte aus weiter Ferne ein Posthorn im stillen Land. Das Herz mir im Leibe entbrennte, da hab' ich mir heimlich gedacht: Ach, wer da mitreisen könnte in der prächtigen Sommernacht! Zwei junge Gesellen gingen vorüber am Bergeshang, ich hörte im Wandern sie singen die stille Gegend entlang: Von schwindelnden Felsenschlüsten, wo die Wälder rauschen so sacht, von Quellen, die von den Klüften sich stürzen in die Waldesnacht. Sie sangen von Marmorbildern, von Gärten, die überm Gestein in dämmernden Lauben verwildern, Palästen im Mondenschein, wo die Mädchen am Fenster lauschen, wenn der Lauten Klang erwacht und die Brunnen verschlafen rauschen in der prächtigen Sommernacht. Oie SilSerplatte. Von Heinrich Hauser. Das war ungefähr zwei Jahre nach dem Krieg. Damals lebte ich in einer Ostseehafenstadt, ganz in Bücher vergraben, ganz einsam, traumhaft und fast ohne Beziehung zur Außenwelt. Es war November; Regenböen und Hagelböen wechselten Stunde um Stunde, naß glanzte das holprige Pflaster unter den schmalbrüstigen Speichern, verödet war der Hafen, verödet war das Straßenleben. Die Rufe der Heringsweiber klangen ebenfo klagend wie die Schreie der Möwen zu meinem Fenster, hoch über dem Hafen. Warm konnte ich mich noch ganz gut halten, ich zog nut einem Handwagen weit in die Heide vor der Stadt und sammelte mir Brennholz, aber immer notwendiger wurde der Besitz einer guten Leselampe. Es sollte womöglich eine sein mit einem grünen, gläsernen Schirm, aber meine Wirtsleute, die „Zeppelins", besahen keine solche Lampe, und Geld zum Kaufen hatte ich kaum. „Warum gehen Sie nicht mal auf den „Änjas Potemkin , fragte Herr Zeppelin — er war Werftarbeiter und kannte sich aus —, „die Kerle an Bord verscheuern doch alles, was nicht niet- und nagelsest ist. Da erfuhr ich erst, daß ein russischer Panzerkreuzer im Hafen lag und mit einer bolschewistischen Besatzung. Das war aber kein Kriegsschiff mehr, sondern ein schwimmender Haufen Schrott; eine Abwrackwerst hatte das Schiff gekauft, die russische Besatzung hatte es nur noch übergeführt. Es war damals ein großer Mangel an Metallen, besonders an Kupfer und Messing in Deutschland. Ein kleiner Junge ruderte mich hinüber zu dem Panzerschiff. Es lag weit draußen im Hafen an den Dückdalben festgemacht, vollständig ab- aeschnitten wie ein Krankheitsherd, auch der Besatzung war es verboten, an Land zu gehen. Es wehte hart, das kleine Boot schlug klatschend mit dem Bug auf die kurzen Wellen auf, eisige Spritzer kamen über, ich saß an der Pinne, die Hände unter dem alten Militärumhang verborgen; wie gehämmert sah das Hafenwasser aus, über das die Regenböen wanderten. Der Panzer aber lag so regungslos, als stände er mit dem Kiel auf Grund, und je näher ich kam, um so phantastischer erschienen mir seine ungeheuren, plumpen Massen. Er war wohl noch im 19. Jahrhundert erbaut, ein altmodisches Schiss, turmhoch, ungeheuer breit, das, was man sich damals unter einer „schwimmenden Festung' vorst'ellte Er war über und über bepackt mit Geschütztürmen und übereinandergestaffelten Decks, Brücken, Kranen, Rettungsbooten, eine schwülstige, chaotische Kriegsmaschinerie, kaum zu begreifen, daß das Ganze überhaupt auf dem Wasser schwamm. Das Fallreep war herabgelassen, aber es stand kein Posten an Betf. Mit dem peinlichen Gefühl eines Eindringlings in verbotenem Land stand ich an Deck — Aufbauten wölbten sich Über mich von allen Seiten, es war dunkel, keine Lampe brannte, Kondenswaffertropfen klat chten eintönig auf die von Roststreifen getigerten Deckflanken, keine Menfchen- seele war in Sicht. Ein paar Mal rief ich: „He, an Deck!" Aber nur das Echo meiner eigenen Stimme hallte vielfach gebrochen von den Panzerwänden wider. Endlich tauchte ein Matrose auf, ein ganz unglaublich „vermischtes Päckchen", wie wir in der deutschen Marine so was nannten, in schwärzlich- grauem Drillichzeug und mit verkehrt angelegtem Mützenband; die Goldfäden, mit denen der Schiffsname gestickt war, zeigte sich von der Innenseite, die auswehenden Bandenden waren rot. Er führte mich gleich zum „Kommandanten". Es war nur ein Bruchteil der früheren Besatzung an Bord, vielleicht 100 Mann, einzeln verloren sie sich in dem Höhlenlabyrinth des riesigen Schiffes aber ihre Quartiere haften sie in den früheren Raumen der Offiziere aufgeschlagen. Diese Messen und Kammern waren weit prächtiger als irgend etwas, was ich auf deutschen Kriegsschiffen gesehen hatte. Sie waren ungewöhnlich weitläufig, die Wände mit Teakholz getäfelt, die Treppe war breit wie die eines Schlosses mit kunstvoll geschnitzten Geländern. Der Salon des Kapitäns besaß einen prachtvollen großen Balkon, der einen Teil des Schiffhecks bildete. Der jetzige bolschewistische „Kapitän", ganz augenscheinlich ein früherer Matrose, lag in der Koje des Kommandanten. Es war eine riesige Koje, geräumig wie ein altmodisches Himmelbett, sie hatte gedrehte Säulen, war mit Damastvorhängen verhangen und schien für einen Mann von mindestens zwei Meter Länge berechnet. Daß alles Messing, alles Kupfer blind war und grünfpanbedeckt, daß die ganze Einrichtung völlig verdreckt war und halb zerstört, das hatte ich schon gesehen, aber der Anblick des Matrosen in der Koje des Kommandanten war ein Bild roie aus einem alten Piratenbuch. Er schlief. Das Geräusch unserer Schritte weckte ihn, er schob den Vorhang beiseite und blinzelte uns an aus schmalen Augspalten, die tief versunken waren in bleichem, ungesund gedunsenem Fett. Er war anscheinend völlig angezogen, aber die Beine waren ein- gewickelt in ein Etwas, was ich zunächst für bunte Bettücher hielt. Bis ich erkannte, daß das die riesigen Kriegsflaggen des Panzerkreuzers waren, die Flaggen des Zaren. Später fah ich noch mehrere Mitglieder der Besatzung in ihren Kojen durchweg in Flaggen emgewickelt; augenscheinlich gab es kein anderes Bettzeug an Bord. Mein Anliegen, das mit der Lampe, war mir mittlerweile ganz gleichgültig geworden, mich interessierte jetzt dies unheimliche Schiff, diese Leiche eines Kriegsschiffes, in dem die Besatzung wie fressende, zersetzende und verzehrende Würmer vegetierte. Der „Kommandant" schob meine Zigaretten mit einer überaus geübten Handbewegung in seinen Mützendeckel — er hatte die Mütze aucf) tn der Koje aus — und stülpte sie dann wieder über die mächtig vorquellende, schwarze Haartolle. Der Matrose sollte mich im ganzen Schifi umhersühren, sagte er in gebrochenem Deutsch. Geheimnisse gäbe es nicht mehr es sei ein schlechtes Schiff, die Franzosen hätten es gebaut, es taugte nichts für Russen. Er lachte, spie über die Kojenreling und war gleich wieder eingeschlafen. Der Matrose führte mich zuerst in den Kommandoturm, er sprach jetzt in überstürzendem Schwall auf mich ein, versuchte anscheinend mir alles zu erklären und wies mit großem Stolz auf Dinge hin, die er für wichtig hielt. Das waren jedesmal die Spuren der Zerstörung. Alle Anlagen, die ein Schiff lebendig machen, waren mit einer Gründlichkeit und, wie mir schien, auf einen Schlag zerstört, wie ich Aehnliches nie zuvor gesehen hatte. Die riesigen Kabelbünde mit ihren vielen hundert Seelen, die sich im Kommandoturm zu dicken Knoten vereinigten, waren anscheinend mit Schneidebrennern oder auch mit Beilen radikal durchschnitten, und zwar so, daß ganze Kabelstucke ausgeschnitten waren, damit man die Enden nicht etwa wieder verbinden könnte. Man war so sorgfältig dabei zu Werke gegangen, daß die Kabelenden mit ihren stromführenden Strängen samt und fonders mtt Lappen dick umwickelt waren — zur Verhütung elektrischer Schlage. Wie ich die Sappen näher betrachtete, sah ich, daß das Hemden waren, buntbestickte, leinene Bauernhemden, wie sie die Heizer und Matrosen unter der Uniform zu tragen pflegten. Sie erschienen mir wie Symbole: unter der Uniform des russischen Matrosen stak der Bauer, er war nie Seemann gewesen, dieser Muschik, der da die Nervenstränge des Schiffes mit dem Beil durchschlagen und abgebunden hatte. Im Schein einer qualmenden Oellampe, wie die Heizer sie im Bunker brauchen, durchquerten wir Gänge, Batterien und Kasematten, wo unsere Schritte einsam hallten, wo es dumpfig roch nach alten Pulvergasen und nach jahrealtem, tief in die Oelfarbschichten einge- brunqenem Schweiß. Die völlige Menschenleere und dabei der intensive raubtierhafte Menfchengestank im ganzen Schiff waren etwas sehr Unheimliches. ... Wir tarnen in den Maschinenraum. Die Zeiger der Maschinentelegraphen standen auf „Volle Kraft voraus", aber die Maschinen lagen tot. Ich war gewöhnt, einen Schiffsmaschinenraum von dem eigentümlichen, hochtönigen Summen und Singen erfüllt zu finden das die Hilfsmaschinen auch dann noch erzeugen, wenn die Hauptmaschinen stille stehen, ihn erfüllt zu finden von der Treibhauswarme der nahen Dampfkessel, vom Oelgeruch der warmen Lager. Aber dieser Raum war eiskalt, hallend und stumm; ich schauderte. Die Kröpfungen der enormen Dampfmaschinen ragten ins Leere — die Revolutionäre hatten die Kolbenstangen aus den Zylindern herausgerissen. Auch hier wieder Zerstörung, wie sie Sklaven vollbringen an dem, was ihnen, wie sie fühlen, überlegen ist. Denn man kann eine Dampfmaschine viel leichter außer Betrieb setzen als dadurch, daß man ihr die Kolben herausreiht. Bei den weniger zugänglichen, dicht umkapselten Dynamomaschinen waren sogar die Fundamente, anscheinend mit Dynamit, gesprengt. Wir kletterten durch das tote Schiff wie durch ein düsteres, verlassenes Bergwerk. Immer wieder mußten wir an Deck, weil alle Schotten verschlossen waren, um dann von neuem tief tn den Schifss- leib hineiiiiutauchen, die blakende, rauchwirbelnde, flockende Oellampe an einem Strick hängend unter uns, an den senkrechten Lettern. Ost warnte mich mein Gefährte mit einem dumpfen Ruf, den ich nach einigen Erfahrungen zu verstehen lernte: plötzlich baumelten nämlich meine Beine in der Luft, verloren jeden Halt; sämtliche Leitern, die zu den Bunkern und zu den Mannschaftsräumen führten, waren von unten her mit Schneidebrennern abgeschnitten. Fallen, von den Meuterern angelegt. Die Echos unserer schweren Schuhe auf den Eisenplatten um- haüten uns aber wenn wir im Gehen innehielten vor Mannlöchern, vor riesengroßen Kostenträgern, die es zu überklettern galt, vor riesigen Pfützen von öligem, rostigem Bilgewasser, dann horten wir wie in den Tiefen eines Bergwerkes dumpfes Pochen und Hämmern. Zmvellen sähen wir in dem sich überkreuzenden Gewirr des Stahls, am Ende von Tunnels oder unter engen Bogen, Lichter flackern und tanzen: Gestalten krochen entlang an nietengepanzerten Wänden, lchwarz die Gesichter von Kohlenstaub und Ruh, speckig glänzend die Kesselanzuge. Wie die Gnomen nahmen sie sich aus. Neugier packte mich: Warum dies Rumoren, dies Wühlen in der Tiefe, während auf Deck kein Mensch zu sehen war warum diese Unraft? Was hämmerten sie an dem toten Schiff, das balD genug zerschnitten und zerschmolzen fein würde? Von dem Matrosen konnte ich keine Auskunft erwarten, aber als mir mm letzten Male an Decke kamen, stand da der ..Kommandant . Er hielt eine bronzene elektrische Lampe mit einem grünen Glasschirm m der Hand, wie ich sie Im Kartenhaus gesehen hatte über dem Kartentisch: ein schönes, schweres Stück, eine massive Arbeit. Mit einem Ruck war sie augenscheinlich aus der Täfelung gerissen worden, die Holzschrauben hingen noch in ihren Führungen. „Woher das Hämmern, das Schürfen, das Pochen? Ein breites Grinsen ging über sein Gesicht: „Sie suchen nach der Silberplatte — da unten — irgendwo — soll sie sein." „Nach der Silberplatte?" „ „Ja, silberne Panzerplatte. Soll Geheimnis sein von Zarenzelt. Soll Kriegsschatz sein für Notfall: silberne Panzerplatte, eingebaut irgendwo. Vierzig Zentner schwer, Millionen, viele Millionen — ach, was sage ich — Milliarden Mark!" (Wir lebten in der Inflation.) „Wir sie sicher noch finden, dann wir alle reich: ganze Besatzung. Wir sie nicht mit abliefern — silberne Panzerplatte, nein, nein!" Er schüttelte immer noch heftig den Kopf, als ich schon ganz unten am Fallreep war und ins Boot kletterte. An eine Aeolsharfe. Bon Eduard Mörike. Angelehnt an die Efeuwand Dieser alten Terrasse, Du, einer luftgebornen Muse Geheimnisvolles Saitenspiel, Fang an. Fange wieder an, Deine melodische Klage! Ihr kommet, Winde, fern herüber, Ach! Von des Knaben, Der mir so lieb war. Frisch grünendem Hügel. Und Frühlingsblüten unterwegs streifend, Ueberfättigt mit Wohlgerüchen, Wie süß bedrängt ihr dies Herz! Und säuselt her in die Saiten, Angezogen von wohllautender Wehmut, Wachsend im Zug meiner Sehnsucht, Und hinsterbend wieder. Aber aus einmal, Wie der Wind heftiger herstößt. Ein holder Schrei der Harfe Wiederholt, mir zu süßem Erschrecken, Meiner Seele plötzliche Regung: Und hier — die volle Rose streut, geschüttelt. All ihre Blätter vor meine Füße! Olympische Musik. Von Hans Joachim Moser. Daß für diese und frühere moderne Olympiaden internationale Musikwettbewerbe abgehalten worden sind und nun das große Fest in Berlin auch mit reichem tonkllnstlerischen Schmuck eröffnet und begleitet werden soll, bedeutet ein erfreuliches Bekenntnis dazu, daß dieser Zusammenstrom der Nationen nicht einzig dem Kult des Muskels, des Trainings, der Willensenergie dienen soll, sondern daß auch der Geist, die Andacht, die körperlose Schönheit des Klanges dabei ein Recht haben wird. Natürlich kann, wenn die Musik bei solchen Riesenveranstaltungen von gänzlich anderer Perspektive und Hörsamkeit nicht rettungslos ertrinken oder lächerlich fehl am Ort erscheinen soll, nur eine ganz bestimmte Art von ihr hier auftreten: die monumentale, hymnische, mit Tanzschwung und Marschrhythmus an die Bezirke des Sports angrenzende oder womöglich innerlichft mit ihm verbundene Tongebärde, und das wird in dem Gesamtbilde dessen, was vor allem wir Deutschen unter Musik verstehen, immer nur ein sehr begrenzter Anteil ihrer Möglichkeiten sein dürfen. Doch das verschlägt nichts an der erfreulichen Tatsache des Bekenntnisses zur Musik als solcher auch vor diesem Forum der Völker. Man kann sogar vielleicht die Erwartung aussprechen, falls diese Musikveranstaltungen unter einem glücklichen Stern von Vorbereitung und Ausführung stehen, daß von ihnen große Zukunstsmöglichkeiten ausgehen können. Ich darf wohl dazu zitieren, was ich 1930 am Schluß meiner „Epochen der Musikgeschichte" (Cotta) geschrieben habe: „Vielleicht — hoffen wir es! — wird die Musik des einundzwanzigsten Jahrhunderts nicht ein brutaler Jazzrausch sein, den ein Riesenlautsprecher durch die Fabriken und Tanzlokale der Welt sendet; sondern man wird unter .Musik" vor allem gewaltige Chorhymnen der Schönheit, Kraft und Frömmigkeit verstehen, die in Sportstadien, Volksparks, in Tempeln auf Bergeshöhen unter kaum merklicher, aber doch unentbehrlicher Fachleutebeihilfe den Feiertag der Seele adeln helfen; eine monumentale Laienkunst, auf deren musiktechnische Bewältigung der Volksschul-Musikunterricht der Zukunft wird hinführen müssen..." Man sieht: heutige Olympiamusik wirkt bestenfalls wie eine Vorprobe auf der Bahn zu so weitgesteckten künftigen Zielen, kann aber als solche von vorerst noch kaum abmeßbarer Wichtigkeit werden. Da darf die Frage berechtigt erscheinen, wie es denn zu diesen Gegenwarts-Versuchen einer Musikmitwirkung innerhalb des großen Olymviareigens gekommen ist? So. wie das Sportfest der Olympiade eine Neubelebunq antiker Ideen darstellt, stammt auch der Gedanke der olympischen Musik aus dem griechischen Altertum. Da hat er zunächst sogar noch viel Weiteres bedeutet als nur tonkünstlerische Mitwirkung bei den Turnspielen zu Olympia. Die Schalmeienmusik phrygischer Hirten auf dem kleinasiatischen Berg Olympos wurde etwa um 800 vor Christus zum wichtigen Gegenelement griechischer Jnstrumentalausübung, die sich bis dahin wesentlich auf die Kitharamusik der Ionier und Dorer beschränkt zu haben scheint. Diese „Auletik" (die olympische Urklarknette hieß „Aulos") brachte mehr Klangsinnlichkeit in das antike Melodienreich, als bisher die begleitende „Kitharodik" der epischen Harfner besessen hatte. Die Alten haben sogar, wie sie gern die sonst schwer greifbaren „Einflüsse" einer künstlerischen Richtung oder Idee an die „Er- indung" frühgeschichtlicher Heroengestalten zu knüpfen versuchten, aus der Summe dieser auletischen Neuerungen zu der Person eines noch in halb mythischem Dunkel verbleibenden Musikers Olympus verdinglicht. Und diese „olympische" Musik hat denn auch auf die Tonkunstpflege bei den berühmten Festspielen des sechsten Jahrhunderts entscheidenden Einfluß gewonnen. Denn es war ein „Aulos", auf dem im Jahre 586 bei den Spielen zu Delphi der Musiker Svkadas aus Argos einen berühmten Kunstsieg gewann. Er spielte — eine wunderliche Vorstellung für uns durch große Orchesteraufgebote verwöhnte Nachgeborene — auf seiner einzigen Oboe eine Art Programm-Symphonie, einen „pythischen Nomos", der den Kampf Apolls mit dem Drachen schilderte. Solcher „Nomos" war eine Folge gleichwertiger Melodien mit Einleitung und Abschluß, und es spricht ebenso für die Verdeutlichungsgabe jenes Tonkünstlers wie für die phantasievolle Willigkeit zum Mitgehn seiner Hörer, daß man sich durch solch arme Einlinie sozusagen einen ganzen „Siegfried"-Akt bis zu künstlerischer Begeisterung suggerieren lieh. Noch heute trifft man in Nordafrika auf solche instrumentale „Löwenkampf"-Melodie. Wie dann auch auf den nemeischen, isthmischen, olympischen, spartanischen und athenischen Spielen Gesang und Saitenspiel mit den körperlichen Höchstleistungen in edlen Wettstreit getreten sind, erinnert sich jedes deutsche Schulkind aus Schillers „Kranichen des Jbykos", und der Inbegriff olympischer Verbindung von Gymnastik und Lyrik, des „Kampfs der Wagen und Gesänge", hat sich in der erhabenen Gestalt des Pindar von Theben verdichtet, dessen „Epinikien" oder Siegeslieder zum Preise der Kampfspielgewinner ganz Griechenland beglückt weitertrug. Hat es doch etwas Erschütterndes und Ehrfurchtgebietendes, wie in der Jugendzeit dieses Dichter-Sängers der Perserkönig in Griechenland einbricht und sich wundert, daß sich von dem als kampfkräftig berühmten Volk ihm niemand entgegenzustellen scheint: sie halten eben Gottesfrieden für ihre nationalen Spiele jenseits der Landenge .. Scheint auch jene Odenmelodie des Pindar, deren Notenzeichen im siebzehnten Jahrhundert angeblich in Sllditalien auftauchten, nur eine barocke Irreführung des deutschen Jesuitenpaters Athanasius Kircher in Würzburg und Rom (übrigens des Erfinders der Laterna magica) darzustellen, so spiegelt sich selbst in dieser Fälschung der gewaltige Nachhall, den Pindars „olympisches" Dichten und Singen durch die Jahrtausende behalten hat. Die griechischen Spiele und die ihnen zugrundeliegenden Ideale der Gleichgewichtigkeit von geistiger und körperlicher Schönheit verklangen und verschollen. Es kamen Jahrtausende, in denen der Körper eher als Träger fehlvoller Jrdischkeit, als Gefäß der Sünde verhüllt, geknutet, abgetötet werden sollte. Doch mit dem neuzeitlichen Wiedererwachen der Athletik und Körperpflege, die besonders im gemeinsamen Tun immer wieder zu rhythmischer Formung hindrängt, erwachte mit Notwendigkeit auch der uralte Zweiklang von Musik und Orchestik. Das geschah wohl zuerst in den Wunschtraumbildern des klassizistischen Operntheaters: die herrliche Orchestermusik von Gluck zu den Athletenkämpfen in seinem Musikdrama „Paris und Helena" könnte man in diesem Sinn als die erste olympische Musik der Neuzeit betrachten, und sie wäre es wert, als deutscher Beitrag zu der nächsten Olympiade dargebracht zu werden. Dann sind es wohl vor allem die vaterländischen Marschlieder der Jahn- schen Turner gewesen, die bas Kapitel einer neueren sportgeborenen Gebrauchsmusik eröffnen — sie haben ja durch das ganze neunzehnte Jahrhundert hin immer wieder neuer Absenker getrieben. Sie stellen freilich bei aller guten Gesinnung und manch forschem Ergebnis noch keinen Jdealfall dar, denn mancher Leser wird sich aus der eigenen Schulturnstunde erinnern, daß der „Turngesang" meist mehr laut und stramm als schön klang und das stille Entsetzen des stimmbesorgten Schulmusiklehrers gebildet hat. Aber das war eben Ausdruck und logische Entsprechung des mehr exerziermäßigen deutschen Turnens im 19. Jahrhundert, dem ja heute ein wesentlich elastischeres und auf Bewegungsschwung gebautes Ideal gefolgt ist, das von selbst der eigentlichen Musik näher verwandt heißen darf. So sind denn auch heute die Aussichten für ein spezifisch turnerisches Musikmachen weit günstiger geworden. Mit der Begleitmusik zu der „rhythmischen Gymnastik" für Männer und Frauen hat diese Entwicklung um 1905 ihren eigentlichen Anfang genommen, und hat sich besonders in der Nachkriegszeit zu einer beträchtlichen Freilich!- und Freiluftmusik entwickelt. Georg G ö t s ch ist dann das Verdienst zuzusprechen, um 1928 an unserer „Hochschule für Leibesübungen" wohl erstmals aus marschfähig zu handhabenden Jnstrumenten- qattunqen turnerische Musikgruppen zusammengestellt und mit diesen alte Tonsätze von turnerischer Haltung („flockige Musik", sagte er) zu den Bewegungsreigen des neuen Turnens wesensgemäh zugeordnet zu haben. Schon die letzten deutschen Turnfeste haben davon einiges gezeigt, und diese Entwicklung erscheint höchst aussichtsvoll nicht nur für die Turnerei, sondern auch für die nach neuen festen Formen und Verwendungszwecken ausschauende Musik. Daß nun über das Turnerische und Reigenmäßige hinaus die olnmpische Festidee im weitesten Ausmaß als Anlaß und Auftraggeberin für eine ihr innerüd) entsprechende Repräsentationsmusik auftritt, darf als sinnvolle Weiterentwicklung der geschilderten Keimformen gewertet werden. Wie eingangs erwähnt: man übertreibe nicht die Erwartungen betreffs dieser Möglichkeiten für die Musik im ganzen, deren tiefste und innigste Möglichkeiten gerade aus der deutschen Schau bei Haus- und Kammermusik liegen dürsten, deren hochsinnige Bindungen ebensowohl mit Kirchen und Gottesdiensten auch künftig fortbestehen werden. Aber eines ist gewiß: nach der Front der „öffentlichen Staatsmusiken" hin ist die „olympische Tonkunst" als eine der bedeutsamsten Zukunftspforten anzusehen. verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Derlag: Drühl'sche Tlniversitäts-Buch» und Steindruckerei. 3L Lange. Gießen.