Eichener Zamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger________ Jahrgang 1936 Zreitag, den 2\. April Nummer 32 Hütte für sie gebaut Nest. Und was das eer, wie er vordem war. Aber der Riese schläft noch (am Oh, bis dahin wird David längst eine warme Hütte für sie gebaut haben,' aus Reisig und Rinde, so ein behagliches Nest. Und was das Essen betrifft, so hat er eben darum die Glocke mitgenommen. Wenn es nötig wird, zieht er daran, und dann bringen die Leute Brot und Fleisch an den Weg. Was für Leute? Irgendwelche, Agathe vielleicht. Alle Einsiedler machen es so. Und überhaupt muß Agnes auch eine Kutte bekommen. David wird einmal nachts in das Dorf schleichen und eine Schwesterntracht für sie mtt- sie unterwegs kein Unheil mehr anrichten, wird ihnen Gott am Jüngsten Tag verzeihen. Dann dürfen sie endlich für immer ausruhen, schlafen und schnarchen, das tun sie ja am liebsten. Aber sie lernen es nie, die tappigen Riesen, immer wieder in tausend Jahren treten sie in irgend etwas hinein, oder sie stolpern im Finstern und halten sich an den Gestirnen fest, und dann gibt es Erdbeben und Hochwässer, und Sternschnuppen fallen in der Nacht ... Stille. Schläfst du schon, Agnes? Nein, sie denkt nur an allerlei. Jetzt essen sie zu Hause, denkt Agnes, jetzt bringt Helene die Nockenschüssel herein und stellt sie auf den Tisch. Warum hast du für Agnes einen Löffel hineingelegt, wird der Pfarrer fagen. Agnes ist nicht mehr, das weißt du doch! Und dann weint die Köchin laut in ihre Schürze und trägt den Löffel wieder hinaus. Q Ach, traurig ist das! Müssen wir denn wirklich immer hier bleiben? ragt Agnes, in diesem finsteren Wald? Ja, antwortet David zögernd. Aber es wird ja wieder Tag. Soll das ein Trost fein? Und in einem fort nur Schwämme und Heidelbeeren, nichts Warmes, nicht einmal Zucker darauf? Und wenn es regnet, wenn der Winter kommt? Einmal wird es ja zu fchneien anfangen, was dann? Dann muß Agnes elend erfrieren. ^"©o" eine Schwesterntracht. Agnes sagt nichts mehr. Es ist ja doch alles verloren und zu Ende. Die Dunkelheit nimmt zu und sickert wie Ruß auf die Erde herab, Sterne leuchten auf, ungewiß gleich flackernden Irrlichtern im sumpf- schwarzen Himmel, und die Bäume ächzen und schnarren mit den Aesten im Schlaf. Wolken ziehen vorbei, schwarze Hunde, tagend hinter dem Mond der über den Himmel flüchtet. Wie lange währt eine Nacht, wenn man nur so fitzen muß, den bösen Mächten der Finsternis preis- gegeben, — kann man sie überleben? Das denkt wohl auch David bei sich, seine Zuversicht schmilzt zusammen, die wirre Welt seiner Träume hält nicht mehr stand. Die Wahrheit zu sagen, auch ihn hat die Geschichte von der Nockenschüisel und der heulenden Köchin tief erschüttert. Im stillen wünscht er von Herzen, Agnes möchte ernsthaft aufbegehren. Aber er kann nicht selbst den Anfang machen, das ist unmöglich. . Ehrgeiz hat ihn in dieses Abenteuer getrieben, und wie immer wird er an der Unverrückbarkeit der Welt zuschanden. Es kommt daher, daß alle Dinge ein zweites verborgenes Gesicht haben, eines wenden sie dem Menschen zu, das andere Gott. David hat einen guten Verstand und geschickte Hände. Wenn er einen Nagel einschlagen will, so trifft er ihn auch kunstgerecht Aber zugleich ist etwas Besonderes daran, es ist kein gewöhnlicher Stift aus Eisen sondern ein lebendiges Wesen, das unter dem Hammer zittert und schreit, wie es alle Nägel tun, seit ihrer vier die Gliedmaßen des Herrn durchbohrt haben. Auch in der Schule verkehrte sich dem kleinen David alles auf eine rätselhafte Weise. Er schrieb zum Beispiel die Geschichte von dem mächtigen Feldherrn Wallenstein in sein Heft. Das ist ja sehr schön David, sagte der Lehrer, wie also Wallenstein m feinem Prunkgemach schlief, furchtlos bei offenen Türen, und die Mörder schlichen zitternd an sein Bett. Aber wer in aller Welt hat dir erzählt, daß er plötzlich aufsprang und ihrer sieben zu Tode warf, zwei an die Wand, zwei durch das Fenster und den Rest über die Treppe hinunter, ehe er fein Schwert ergriff und die Feinde in derselben Nacht schrecklich aufs Haupt schlug? Es wäre vielleicht gut, wenn du recht hättest, meinte der Lehrer, aber es ist nicht wahr. Sie haben ihn schändlich umgebracht. So? Woher wußte der Lehrer das so genau, hat er den Wallenstein ^Davw begreift nicht, daß die Dinge ihren vorgezeichneten Lauf nehmen müssen, er möchte sie auf seine Art ordnen und ein bißchen mrechtrücken, damit sie schöner und trostvoller waren. Vielleicht gehört David zur Gattung jener Menschen, denen Gott aus Versehen eine Engelseele eingeblasen hat, die nun zwar voll von einer seligen Ahnung des Unendlichen und der göttlichen Geheimnisse ist, aber gleichermaßen blind und doppelt gualvoll gefangen in der finsteren Enge des Leibes, fo daß diese Menschen sich nie zurechtfinden und nichts Ordentliches werden können, nur Spielleute und Kalendermacher. -.19, f°rge dich nicht! Vater Kumpf ist unterwegs zum Jüngsten Gericht. Die Menschen werden ja von Engeln geweckt und getragen, wenn dieser Tag kommt, aber die Riesen müssen zu Fuß gehen. ®“rf*agt Damd, sie"sind selber daran schuld, höre nur zu. Als nämlich Gott den Adam erschaffen wollte, Solang es ihm nicht oleick versteht sich er hatte ja auch noch tue einen Menschen gemacht. Ltt versuchte es also auf diese und jene Weise und bildete Zw-rg«-und Riesen, bis er das richtige Maß herausfand. Und weil er daran gewendet hatte, mochte er nicht gern wieder alles Zerstören. Die Zwerge fanden ihren Platz in den Höhlen der Erde, aber nut den Riesen "°Ich E euch nachher in den Vorhimmel setzen, sagte Gott zu den Riesen. Wartet hier, zertrampelt mir nicht das Paradies I Weil aber Gott indessen die Eva erschuf und In bofe 9eri^- tarn er eine gute Weile nicht zurück. Darum wurde den Riesen d e Qpit [ana sie dachten, es sei ihnen doch wohl erlaubt, sich ein wenig ß? Füße' zu vertreten, wenn sie nur adjtgaben, daß kein Schaden entstand und daß sie mit ihren Köpfen nichts vom Himmel streiften. Denn in ihrer Einfältigkeit meinten sie, das Paradies mußte irgendein kostbares Geschirr sein oder vielleicht einer von den schonen Haarsternen, b°e Gott aus Engellöckchen drehte und an den Himmel heftete. Ach. beinahe hätte der Herr mit seinem eigenen Namen ^flucht, als a>:yrpn trt wiederfand — wie sie Bäume ausrupften und sträuß- ckendmäus banden und wie sie in seinen Meeren herum patschten und Wattttckie aleick Fliegen mit der Hand vom Wasser fingen. Noch heute Z L?Wett an dttser Stelle nicht ganz heil, die Wüste Sahara hegt bOrUnbbQbarum weil's^nicht stillsitzen und warten konnten müssen die Riestn zur Süapzu Fuß'tn den Vorhimmel gehen, und nur, wenn Das Hahr des Herrn Roman von Karl Heinrich Waggerl Cepprlght bp Insel-Verlag zu Leipzig. 7. Fortsetzung. Darüber verging eine lange Zeit, die Sonne ermattete und sank in ihr Grab, kühle Schatten krochen aus dem Wald heraus über die Lichtung. Agnes wurde bang, als sie so allein in der Dämmerung sitzen mußte (sie rief hinauf, ob sie nicht bei David bleiben konnte, sie fröre auch schon, und es sei überhaupt so düster und unheimlich auf ihrem Platz. Ja David erlaubte es. Im Grunde war ihm wohl selbst nicht ganz geheuer in dieser Stille, mit dem schwarzen Wald hinter sich. Sie ruckten ena zusammen, David legte den Suttenarmei um die Schulter des Mädchens und dann kauerten sie da und sahen den Abend kommen. Langsam verblich der Himmel und wurde weiß wie eine riesige Eischale mrt zackigen Rändern. Die Berge verloren ihre Rundung und schoben sich ganz weit an die Grenze der Welt hinaus. Für Linken lag der Vater der Riesen auf dem Rücken, — siehst du ihn sagte David, seine Nase? Er heißt ja auch Kumpf, weil er eine fo mächtige Nase hat. Die Hände faltet er über dem hochgewolbten Bauch, und so schläft er, und sein grünes Hütchen hegt neben ihm, die Menschen in ihrem Unverstand haben eine Kapelle daraus gebaut ^n Frühjahr kann man ihn zuweilen schnarchen und aus dem Schlafe reden Horen, er regt die Glieder und schüttelt Lawinen in das Tal. Der Kumps wird "^Oft^denkt "David nach, wie es wäre, wenn der Vattr Kumpf wirklich einmal aufwachte. Er säße wohl eine Weile da, toauie umher und kratzte sich die Brust, — wie ist ihm denn, war er tatsächlich einen Augenblick eingenickt? Dann griffe er nach seinem Hut und striche einmal nut bem Aermel darüber, um den Staub abzuwischen, Kapellen und solches Zeug Er stieße sein Weib an, auch die Kumpsin stunde auf und nähme chre Kinder an die Hand, und dann ginge er wieder mit feinet Samüie Er hat ja nur ein Weilchen da gerastet, ach Gott, aber die Menschen haben sich inzwischen häuslich eingerichtet mit Korn und Kartoffeln da und dort in den Kleiderfalten, mit ihren Hofen und Almen voll Vieh. Das alles nähmen die Riesenleute jetzt mit sich, sie sind eben keine ferne Familie, sondern eine mit Läusen im Pelz. Ja, und hinter ihnen bliebe also gar nichts mehr, denke dir 0 etwas, Agnes, weder Tal noch Hügel. Der $acf) floffe auseinander und Der- sickerte im Sand, und der ganze große Platz wäre wieder ode und Ja, David ist ratlos, eine unbeschreibliche Bangigkeit hat ihn befallen. Agnes sitzt so merkwürdig still neben ihm, er nimmt sie fest an sich, damit sie wenigstens nicht frieren muh, aber plötzlich fängt sie laut und heftig zu weinen an. Sie drückt ihre Fäuste gegen die Augen und ringt nach Atem, David fühlt entsetzt, wie das Schluchzen ihren ganzen Körper schüttelt. Er hat Agnes nie so weinen gesehen, so hemmungslos in krampfhaften Stößen, es ist, als stürbe sie nun in seinen Händen. Und es nimmt kein Ende, nichts kann sie beruhigen. Schließlich läßt er sie in Angst und Verwirrung los und springt auf und beginnt die Glocke zu schwingen. Schrill und gellend hallt der Klang in die lautlose Nacht. Krähen flattern aus dem Holz und taumeln in den fahlen Himmel, David läutet und läutet und betet laut dabei, Herrgott, sagt er, lieber Gott! Verzweifelt sucht er nach Worten, die den Herrn bewegen und rühren können. Ich will alles tun, betet David. Ich will dem Rotschwanz sofort sein Ei zurückgeben, es ist ja noch ganz gut, lieber Gott, hilf mir jetzt! Und die Glocke klingt, ihr heller Schall dringt durch das Holz, immerfort, immer weiter. Ganz unten im Dorf ist es nur noch ein leises Wimmern, aber der Pfarrer, der in seiner Stube auf und ab geht, der alte Pfarrer in seiner Sorge hebt doch den Kops und tritt an das Fenster und horcht. Er holt auch den Pater Johannes herbei, die Köchin Helene, — ja, kein Zweifel, es ist die Kuhglocke, sie läutet irgendwo im Wald. Eine Weile später ist die ganze Schar unterwegs und zieht -mit Laternen und Windlichtern diesem Klang entgegen. Auf halbem Wege aber hält man inne und bekreuzigt fick mit Staunen und Scheu. Es ist ja auch seltsam genug, wie David letzt mit wallender Kutte durch den nächtlichen Wald herabgeschritten kommt. Er führt Agnes an der Rechten und schwingt die Glocke in der Linken, nein, man kann einen auferstandenen Elias nicht einfach bei den Ohren nehmen. Laßt jetzt das Läuten, sagt der Pfarrer und lächelt, — es ist schon gut! Und bann geleitet man die Kinder in das Dorf zurück. Aber Agathe nimmt den kleinen David noch hart in die Lehre. Du stiehlst ja, sagt sie, das habe ich gar nicht gewußt! Und was sind das überhaupt für Possen bei einem so ausgewachsenen Lümmel, wie du einer bist? Was soll die Krämerin antworten, wenn die Mutter fragt, ob denn David jetzt ein verständiger Bursche sei, auf den man sich in der Not verlassen könne? Denn das soll David nur wissen, der Mutter geht es nicht gut. Sie hat die Stelle in dem Wäscheladen wieder aufgeben müssen, schreibt sie, es war kein besonders günstiger Platz. Anfangs wohl, aber dann kam etwas dazwischen. Die Krämerin kann dem kleinen David nicht vor- lesen, was seiner Mutter in diesem Wäscheladen geschah, — daß nämlich einmal ein junger Herr eintrat, um sich Hemden von Monika zeigen zu lassen. Ach, sagte er plötzlich zu ihr, kennen wir uns nicht? Das' ist ja reizend, meinte der junge Herr, untertags verkauft sie Wäsche und nachts das übrige! Ja, es ist ein Glück, daß Monika den kleinen David nicht in die Stadt mitgenommen hat, sie mußte auf der Stelle gehen, und wohin brächte sie ihn jetzt! Auch Karl mochte ihr kein Wort mehr glauben. Das kenne ich schon, schrie er, deine Lügen! Dieser Herr wird schon gewußt haben, was er sagte. Und wie war es denn damals mit David, wo blieb es denn, ihr heißgeliebtes Kind? Geh, sagte Karl, scher dich weg! Aus dir wird nichts. Später fand sie aber doch wieder eine Stelle, und vielleicht hätte sie dort lange bleiben können, in dieser Gegend kannte sie niemand. Ja, und es war dennoch zu spät. Monika muß etwas eingestehen. Damals, nach dem Unglück im Wäscheladen wollte sie ein Ende machen, und es gelang ihr nicht, sie hat sich nur von neuem erkältet, als sie so lang in dem falten Wasser trieb. — Hören Sie, sagte die Frau, Sie husten mir zuviel! Man konnte es ihr gewiß nicht verargen, wenn sie keinen brustkranken Menschen bei den Kindern haben wollte. Und seither liegt Monika wieder im Spital. Es geht mir gut, schreibt sie. Sobald sie aufstehen kann, wird sie den Oberarzt bitten, daß er ihr wieder Arbeit in der Küche gibt. Es fehlt ihr nicht viel, Agathe soll keineswegs glauben, daß Monika etwa schwer krank sei. Sie ist zäh, bas hat der Doktor selbst gesagt, und darum wird wohl alles gut enden. Nur vor dem Winter hat Monika Angst, sie ist ja auch nicht wehr jung genug, und alles geht ihr gleich so nahe, die Sache mit Karl unb alles. Aber wenn sie Arbeit in ber Küche bekäme, bann hätte sie roieber Hoffnung. • Davib, schreibt die Mutter, unb ein paar Schillinge steckt sie in ben Brief, bie soll er in seine Sparkasse legen. Siehst bu, sagt Agathe, bie Mutter meint, baß du ordentlich bas Deine beisammen hast. Sie liegt krank unb gibt ihr letztes Gelb in deine Dbl)ut, wahrend du bloß herumstreichst und die Leute zum Narren hältst. Was wolltest bu benn mit Agnes im Walb? Büßen. Davib wollte Einsiebler werben, ein Wunbertäter. So, (EinBebler. Ich will bir etwas sagen: Einsiebler sinb wir alle. Unb übrigens hat Gott mehr Freube an einem fröhlichen Arbeits- wenschen als an sämtlichen büßenben Taugenichtsen. Ja, schon, aber was soll Davib nun tun? Soll er den Pater Johannes um Verzeihung bitten, weil er ihm bie Kutte genommen hat? Sie hangt jefct gewaschen im Pfarrgarten, ein kümmerlicher Lappen, unb auch bie Kuh kann sich noch immer nicht recht beruhigen. Helene meint, sie sei geistesgestört. bm5 5? 1° Ed" nur albernes Zeug, hat benn bas ganze Dorf ben Verstanb verloren? Die Krämerin betrachtet ben kleinen Davib mit Sorge und heimlicher Rührung. Ihr Herz ist ja gar nicht so hart, baß sie seinen Kummer nicht sehen könnte, seinen verzweifelten Kamps gegen bie Tränen. Agathe hat ihr Herz nur still gemacht unb verborgen, es tat zu weh, wenn jemanb banach griff. Vielleicht war es sogar noch viel weicher und empfindlicher als bei anderen Menschen. Einsiedler sind wir alle, sagt sie. Mit den Jahren rückten die Leute immer weiter von ihr ab, sie weint keinem nach, aber zuweilen friert sie in ihrer einsamen Kammer. Es macht ihr feine Freude mehr, ihr Fenster so unbefüm- inert offen zu halten. Zeitlebens hat sich Agathe tapfer gewehrt, zuletzt blieb kein Gegner übrig, man wich ihr aus wie einer unbezwinglichen Festung. Und darum brauchte nun Agathe jemand, für den sie sich schlagen konnte. Zu einer anderen Zeit hätte sie eine andere Monika vom Scheiterhaufen geholt, genau fo furchtlos und kaltblütig, wie sie diese aus der Kirche geleitete, und die Leute hätten die Köpfe geduckt, weil sie es tat, die streitbare Krämerin. Agathe hat an Monika geschrieben, es sei auch in ihrem Haus eine Küche zu versorgen, sie möge nur kommen, wenn sie Lust habe, gesund oder krank. Aber Monika wollte doch lieber im Spital bleiben, sie wäre nur eine Last für Agathe. Laß mir Zeit, antwortet sie. Ich weiß, daß ich mich versündige, aber laß mich das noch versuchen! Vielleicht ist doch nicht alles versäumt und verloren. Und wenn er miebertäme, möchte sie ihn wenigstens wissen lassen, daß sie ihn nicht vergessen wirb. Kauf ihm eine Pubelmütze dafür, sagte er damals. Nicht wahr, so etwas kann man doch nie mehr vergessen? Gut, bann will Agathe warten. Sie richtet für alle Fälle ein Bett in ber zweiten Kammer, unb bem kleinen Davib fetzt sie ben Kopf zurecht, fo gut bas bei ihm möglich ist. Du kannst mir morgen im Laden helfen, sagt sie ihm. Morgen ist Fronleichnam. * Das Jahr des Herrn hat viele prächtige Feste, aber feines ist mit diesem zu vergleichen. Am Fronleichnamstage geht Gott über Land mit Prunf und Glanz, und darum schmückt sich der Dorfplatz schon den Abend zuvor mit grünem Laub, mit Birfenstämmchen und jungen Lärchen und Blumen, so viele die Gärten spenden tönnen. Die Altäre werden von den Böden geholt, uraltes geschnitztes Ranfenwerf um dunfle Bilder, zinnerne Leuchter aus den Truhen, geweihtes Linnen, mit dem Namen des Herrn bestickt. Viermal wird Gott unterwegs rasten. Es ist von altersher festgesetzt, wo er einfehren will, beim Krämer, beim Schmiedhaus, vor der Schule unb bei ber Kapelle. In ben Stuben stöhnen die Mädchen zwischen den Knien der Mütter, das Haar wird in lauter Heine feste Zöpfchen geflochten, damit es sich am anderen Tag um so schöner träufelt und wellt. Und was Hosen trägt, fommt nicht besser weg. In den Hinterstuben gehen entsetzliche Dinge vor, Gebrüll und Gezeter bringt aus bampferfüllten Waschfüchen, wie am Tage bes Kinbermorbes zu Bethlehem. Später hocken bie Buben sittsam auf ben Hausbänfen, bamit sie trocken werben, unb sie sind bis zur Unfenntlirfjfeit entstellt mit ihren rotgescheuerten Hälsen und den glattgebügelten Haarbvrften Sie betrachten einander voll Mißtrauen und Unbehagen, es ist bei Leibesstrafe verboten, in diesem Zustand überirdischer Gewaschenheit noch Räuber und Soldaten zu spielen oder auch nur auf einen Baum zu flettern. Weiß Gott, wie das einmal im Himmel fein wird. Engel sehen jedenfalls auf allen Bildern so wie Mädchen aus, genau fo weiß geftärft und sterbenslangweilig, wie sie es schon auf Erden sind. Aber auch sonst ist dieser Tag in mancher Hinsicht ein Tag des Gerichtes. Der Vater ist bei der Feuerwehr, unb nun fann er den Parade- heim nicht finden, weil auch fein Sohn, der Räuberhauptmann Thomas, diesen Helm zu benützen pflegt. Oder der Vater hat bas ehrenvolle Amt, bei ben Veteranen bie Fahne zu tragen, er benft, baß er nun feinen Feberhut aus dem Kasten nehmen und abftauben fönne. Oh, und dann wird ein bleicher Räuberfnecht in die Stube gerufen, wortlos wird ihm plötzlich etwas um die Ohren geschlagen, dieser jämmerlich gerupfte Hahnenschwanz auf dem Fähnrichshut des Vaters. Unversehens gerät auch die Mutter ins Gefecht, es ist ja ihre Zucht, die fo herrliche Früchte trägt. Ach! Sie hat wohl nichts anderes zu tun, als einen lächerlichen Federbusch zu hüten, neben der Wäsche und dem Kochen und der ganzen Plage Tag und Nacht! Es wird wieder einmal deutlich ausgesprochen, daß die Mutter vor fünfzehn Jahren nichts mitgebracht hat, feinen Hofenfnopf, — glücklicherweise, denn was ihn betrifft, ben Mann, ber hat ja sogar ben Tauftaler versoffen unb verspielt. Zuletzt haut sich der Vater den Hut ohne Federschmuck auf den Schädel unb geht zur Sitzung in die Schenfe. Der Vater hat allen Grund, sich zu ärgern und zu tränfen, denn der Prangtag ist für jedermann eine Gelegenheit, fein volles Ansehen vor der Welt zu entfalten. An diesem Tage ist man nicht bloß Bäcker ober Sägefeiler, fonbern ein Gefolgsmann bes Herrn. Darum schmückt sich auch ein jeher mit allem, was ihn unter ben Mitmenschen auszeichnet, er trägt ein Militärfreuz, bas der Kaiser feinem tapferen Kanonier verliehen hat, ober wenigstens ein Schützenbest aus der Zeit, in der die Männer noch wehrhaft waren und eine Kugelbüchse handhaben tonnten. Gewisse Würden ruhen auf den Häusern selbst. So ist das Recht, den Himmel zu tragen, für alle Zeit jenen vieren Vorbehalten, die einen Hausaltar aufftellen, während wiederum der Vorstand mit dem Wacht- meister die Ehre teilt, die Flügel des Rauchmantels zu halten, Staatsgewalt und irdische Gerechtigteit. Nur unter den sechs Jungfrauen am Traggerüst des Gnadenbildes finden sich von Jahr zu Jahr ein paar neue Gesichter. Denn das müssen echte, beschworene Jungfrauen sein, nicht nur solche, die auf gut Glück hinter der Fahne hergehen und unterwegs von den Burfchen allerlei zu hören befommen, — ob sie sich auch den Kranz gut feftgefterft hätten? Es ginge fo ein mertroürbiger Winb um! Ja, man fommt erst spät zur Ruhe in dieser Nacht, und faum wird ber Morgen grau, so zieht schon roieber Musst auf, es frachen bie Böller unb fnallen bie Stutzen ber Prangschützen auf allen Wegen. Noch einmal wird die Straße gefehrt. Staub wirbelt in Wolfen auf unb läßt sich gebulbig roieber anbersroo nieber, auf bem Golb ber Altäre ober auf ben Teppichen, die man jetzt ausbreitet unb mit frischen Blumen bestreut. Unb bie Fahne tun bas Ihrige bazu unb angeln schöne Nelfen- stocke und Pelargonien von ben Fensterbrettern. (Fortsetzung folgt.) Oie Geister am Mummelsee. Von Eduard Mörike. Vom Berge was kommt dort um Mitternacht spät Mit Fackeln so prächtig herunter? Ob das wohl zum Tanze, zum Feste noch geht? Mir klingen die Lieder so munter. O nein! So sage, was mag es wohl sein! Das, was du da siehest, ist Totengeleit, Und was du da hörest, sind Klagen. Dem König, dem Zauberer, gilt es zuleid, Sie bringen ihn wieder getragen. O weh! So sind es die Geister vom See. Sie schweben herunter ins Mummelseetal, Sie haben den See schon betreten — Sie rühren und netzen den Fuß nicht einmal — Sie schwirren in leisen Gebeten — O schau. Am Sarge die glänzende Frau! Jetzt öffnet der See das grünspiegelnde Tor; Gib acht, nun tauchen sie nieder! Es schwankt eine lebende Treppe hervor. Und — drunten schon summen die Lieder. Hörst du? Sie fingen ihn unten zur Ruh! Die Wasser, wie lieblich sie brennen und glühn! Sie spielen in grünendem Feuer; Es geisten die Nebel am Ufer dahin, Zum Meere verzieht sich der Weiher — Nur still! Ob sich dort nichts rühren will? Es zuckt in der Mitten — o Himmel! ach hilf! Nun kommen sie wieder, sie kommen! Es orgelt im Rohr und es klirrt im Schilf; Nur hurtig, die Flucht nur genommen! Davon! Sie wittern, sie Haschen mich schon. Oie rote Babett. Von Friedrich Schnack. .u.i der Entrümpelung und Säuberung des Speichers kam bei dem Kaufmann Lärchenholz, der in einer süddeutschen Großstadt ein Kolonialwarengeschäft betrieb, aus einem seit Jahren nicht mehr berührten Altväterkoffer ein stümperhaft ausgeführtes Schnitzwerk zum Vorschein. Es war eine Holzfigur, eine Frau darstellend, die aus einem Knollenkopf, einem dickleibigen Untergestell und kurzen henkelartig gekrümmten Armen bestand. Die Glotzaugen des Gesichtes waren mit Tusche oder tiefschwarzer Kaisertinte gemalt; der Mund war ein wie zornig gezogener Messerschnitt, das Kinn stieß hakig vor, das Haar hatte der unbeholfene Schnitzer strähnengleich in die Schädeldecke geritzt — man hätte das Erzeugnis, ebenso häßlich wie ungeschickt gearbeitet, für eine derbe Negerschnitzerei halten können, wäre ihr Holz nicht eben heimisches Lindenholz gewesen. Der Kaufmann hielt die kaum zwei Spannen große Figur gegen das Licht des Bodenfensters und betrachtete sie mit einem nachsichtigen und auch träumerischen Blick. Das ist doch ... dachte er, das hat doch damals der Riedel Hans gemacht ...! Und da wurde das Erinnerungsbild in seinem Innern deutlich. Einen Augenblick schaute er durch das Fenster gleichsam in eine ferne Welt hinaus, wo aus der Bläffe der vergangenen Jahre Gesichter und Gestalten auftauchten, an die er sich lange nicht wieder erinnert hatte. Die Figur wieder musternd, das von Sprüngen zerrissene, ausgedörrte Stück, das grobe Gesicht, die schmutzige Obersläche, die goldene Hüftenschnur, lachte er leise heimlich und sagte, mehr zu sich, als zu seinem Jungen, dem zwölfjährigen Dieter, der ihm bei der Arbeit half: „Die rote Babett!" „Was für eine rote Babett?" fragte der herantretend und nach der Figur langend, die der Dater zum Abfall werfen wollte. „Eine Spottfigur aus meiner Jugendzeit", erklärte der Gefragte. „Meine Eltern hatten eine Waschfrau, der man den Spitznamen „rote Babett" angehängt hatte, weil ihr Haar rot war. Ein Schulkamerad hat sie in Holz geschnitzt. Das ist sie." Und er erzählte seinem Jungen von einem Volksbrauch in seinem Heimatort, wo die Burschen und Mädchen alljährlich nach dem vierten Fastensonntag eine Strohfigur aus dem Feld verbrannten. Sie malten ein Maskengesicht nach irgendeinem Vorbild im Ort, schmückten die Gewalt mit roten Kleidern, steckten sie auf eine Stange und trugen sie durch die Gassen zum Tor hinaus ins Freie, wobei sie sangen: Wir tragen den Tod zum Feld hinaus Und bringen den Frühling wieder, Krankheit und Tod verschon dein Haus! Stimmt an die frohen Lieder! „Auf einem Hügel wurde die Figur hingestellt und angezündet. Das war der Winter, der verbrannte. Das Maskengesicht war jedes Jahr anders. Es hieß, in diesem Jahr sterbe keiner von den Bewohnern des Hauses, aus deren Mitte einer das Vorbild für die gemalte Mask» abgegeben hatte. Da wollte nun jeder Modell fitzen, und einmal kam auch die rote Babett an die Reihe. Wir Buben ahmten die Großen nach, indem wir kleine Figuren anfertigten und verbraünten. Mein Schulfreund, Hans Riedel, der später das Tischlerhandwerk erlernte, schnitzte die rote Babett ganz von Holz, halbwegs war sie der wirklichen Babett ähnlich. -Ein roter Tuchfetzen wurde ihr mit einer goldenen Schnur umgebunden, und dann sollte sie verbrannt werden. Im letzten Augenblick aber, wie ich mich erinnere, verhinderte ich es und kaufte sie dem Riedel ab. Für mein Kasperltheater. Wie sie in den Koffer hineingekommen ist, weiß ich nicht, meine Mutter hat immer alles aufgehoben ..." Dieter besah sich die Schnitzerei, der Vater aber bückte sich wieder zu seinem Koffer, den er vollends ausräumte. Den Inhalt tat er auf die Seite zum ausgelesenen Gerümpel und Schund. Dieter aber schob die rote Babett in seine Rocktasche und nahm sich vor, das nachzuholen, was in seines Vaters Bubenzeit nicht ausgeführt worden war — die rote Babett zu verbrennen. Er würde ihr einen roten Fetzen umhängen, sie auf einen Stecken nageln und im Garten ein Feuer um sie anzünden, denn ihn lockte mit unbestimmtem Reiz das unvollendete Abenteuer. Herr Lärchenholz, nun einmal eingetaucht in die Erinnerung an die vergangene Bubenzeit, war in das Erzählen gekommen. Er redete von seiner Heimat, wie schön es dort sei, sprach von den alten fränkischen Gassen, ihren Türmen und Wehrmauern, seinem lustigen Bubenreich, und malte mit einfachen Worten das kleine Vaterhaus am Markt, in dem noch feine unverheiratet gebliebene Schwester, die Tante Regina, wohnte. Er nahm sich zugleich vor, innerlich angerührt von dem Fernzauber feiner lang nicht aufgesuchten Heimat, im nächsten Sommer, so Zeit und Geld es erlaubten, mit Dieter einmal auf ein paar Tage hinzufahren: es wäre zu hübsch, durch die alten Gassen zu schlendern, bis hinunter zum Mainufer, wo die Badeanstalt sich befand, und die Kähne der Fischer und Sandschöpfer im Wasser lungerten. Dann werde er auch die rote Babett, die noch lebe, aufsuchen und sich einiges von ihr erzählen lassen. Sie hause in einem ärmlichen Häuschen am Ausgang des Orts, wo die Straße nach Schwarzenau sich hinziehe. Krumm und schief lehnte sich das baufällige Ding gegen die Schwedenmauer. Unten enthalte es einen Schuppen für Holz, Karren, Gerät und Ziege. Eine knarrende Stiege führe hinauf zur engen Küche, wo es beständig ge= ; raucht habe. Den brenzlichen Geruch schmecke er noch heute... Sie verbrannte meirtms dürres Rebholz, das gebe einen besonderen Qualm. Von ihrem Fenster aus habe er oft hinaus auf die Hügel gesehen, auf den, auf dem die Dorfjugend im Vorfrühling ihre Strohpuppe ansteckte. Er wisse aber nicht, ob es noch heute Sitte fei. Als der Boden entrümpelt und das Zeugs in den Hof hinuntergeschafft war, schleppte der Junge die Wanduhr in sein Bubenzimmer. Die Holz- sigur aber legte er auf die Seite in sein kleines Büchergestell, hatte er doch genug damit zu tun, die Wanduhr auszuweiden und zu zerlegen. Die Messingräder rollten auf den Tisch, und das Schlagwerk, eine starke Stahlspirale, klingelte. Einige Tage daraus, es war an einem Mittwoch, an dem Dieter nachmittags schulfrei hatte, begann die Vorarbeit im Garten Die Wege wurden gesäubert, die Beete hergerichtet. Reisig, Tannenwedel und Stroh wurden auf einen Hausen jufammengetragen, um verbrannt zu werden. Da erinnerte sich Dieter der Holzfigur. Er holte sie aus seiner Stube, band ihr einen blauen Fetzen um, einen roten hatte er nicht aufgetrieben, nagelte sie auf einen gefaulten Rosenstecken und spießte den mit der Figur, die nun beinahe einer kleinen Vogelscheuche ähnelte, mitten in den Hausen Da stand sie wie zum Tanz geschmückt, und blickte mit ihren Tintenaugen finster drein. Dieter hatte in der Schule von den Hexenverbrennungen in alter Zeit gehört — nun, hier war eine alte Hexe, und das aufgerichtete Stroh und Reisig der schönste Scheiterhaufen. Herr Lärchenholz lachte, als er den Aufbau feines Jungen sah. Die Flammen huschten auf, Rauch träufelte empor, brenzlich riechend — schmeckte er nicht wie verbranntes Rebholz in der Nähe der roten Babett? Und da fiel ihm auch gleich der alte Singsang der Burschen und Mädchen aus seinem Heimatort ein: Wir tragen den Tod zum Feld hinaus Und bringen den Frühling wieder, Krankheit und Tod verschon dein Haus ...! Bald knarrte das dürre Reisig lichterloh, die Flammenspitzen urn- züngelten den Stock, den blauen Tuchfetzen ergreifend, und leckten gegen die hölzerne Figur. Bald stachen weiße Feuerstrählchen aus dem Linden- Holz, wie wenn sie nur darauf gewartet hätten, aus dem Kops der roten Babett herauszufahren. Dieter las die letzten Tannenwedel zusammen, eifrig feinen Scheiterhaufen schürend. Der Stecken flammte und die Holzfigur verbrannte zu einem glühenden Klumpen. Endlich knickte das Stroh zusammen, und die rote Babett fiel glührot in den brennenden Hausen, um Asche zu werden. So hatte fein Junge ausgeführt, woran er vor Jahrzehnten feinen Schulkameraden Hans Riedel gehindert hatte. „Das war der Winter", meinte er, „das Alter..." Und er freute sich über die neue Sonne, die feine Gartenbeete beglänzte. Nach einigen Tagen — der Frühling war mit Wärme und jungem Grün gekommen — erhielt Herr Lärchenholz von feiner Schwester Regina einen Brief. Sie schrieb ihm von ihrem Ergehen, kramte auch Nachrichten über allerlei Vorfälle in ihrem Landflecken aus. In freundlicher Teilnahme las er. Plötzlich erzitterte feine Hand. Er fpähte erschrocken über den Rand des Briefes hinweg. Was hatte er gelesen? Am vergangenen Mittwoch.. ? Hatten wir da nicht den Garten gesäubert, das Reisig verbrannt und die Holzfigur? Mein Gott! ging es ihm durch den Sinn. Dieter, Di"t-r! Was für I eine seltsame Sache! Das hätten wir nicht gedacht! Zufall? Was für ein I Zufall! ... ble keineswegs i sondern gerade also nicht für । gegeben sein? Eine ganz gestalten ist die, Menschen mit Stirnaugen. eigenartige Ueberlieferung von urzeitlichen Menschen- worin von einem Stirnauge die Rede ist. Wir kennen diesen Menschen als Polyphem In der Odyssee; er lebt auch in nordischen Volksmärchen. So heißt es u. a. im Märchen von der „Schönen Melusins"' „Es war eine Mutter aus uraltem Geschlecht der Menschen; die hatten noch ein Auge aus der Stirn." Auch bei anderen Volkern, 'beispielsweise in den Märchen aus Tausendundeine Nacht, oder in altägyptischen Berichten kommt diese Eigentümlichkeit zur Sprache. Man kann nun solches rein allegorisch deuten; aber es ist doch eigenartig, daß es in früheren Erdepochen wirklich Tierwesen gab, denen jene Eigentümlichkeit gleichfalls zukam. hat man das aber früher überhaupt wissen können? Und wie kam man dazu, dies von Menschen zu behaupten? Dahinter muß doch mehr stecken als bloße Phantasterei; es scheint Wege des Wissens über eine ferne, ferne Urzeit der Menschheit zu geben, die gar nicht unsere gewohnten naturwissenschaftlichen sind. Drachen und Seeschlangen. Vollends die vielen, vielen Md mannigfaltigen Berichte von Drachen, Lindwürmern, Seeschlangen? Wie kommen die Sagen gerade zu diesem immer wieder und wieder abgewandelten Motiv? Nun wissen wir aus der ganz nüchternen Erdgeschichte, daß es im Erdmittelalter auf der ganzen Welt diese sagenhaften Wesen wirklich gab. Wir graben sie aus den Schichten, und für den Naturforscher sind sie nichts weniger als bloß sagenhaft. Konnte der Urmensch solche Gestalten zusammenphai^ lasieren oder hat er sie am Ende erlebt? Man sagt sich zwar: auch unsere Urväter haben gewiß schon Saurierknochen in manchen Ländern im Boden gefunden; in gewissen Gebieten liegen sie ja geradezu her- ausgewittert an der Oberfläche; daran erhitzte sich ihre Phantasie. Dem aber ist entgegenzuhalten, daß die Lindwürmer in den Sagen gar nicht - so knochenmäßig geschildert werden, sondern geradezu in den Gestaltungen, wie sie in der paläontologischen Wissenschaft als ehemals lebende Wesen mit Fleisch und Blut und Haut und Panzern rekonstruierbar erscheinen. vermochte. Zwerge und Menschen mit Schwimmhäuten. Es gibt Ueberlieserungen, die uns merkwürdigerweise von Dingen berichten, die wie natürliche Geschichte anmuten. So ist zuweilen die Rede von zahlreichen frühzeitlichen Zwergvölkern — nicht von den Zwergen und Wichteln in der Natur, das ist etwas anderes; sondern von richtigen zwerghaften Msnschenvölkern. Es ist aber ein Gesetz der natürlichen Lebensentwicklung, daß gerade die höheren Tiere, die Säugetiere, zu denen der Mensch seiner physischen Natur nach gehört, stets im Anfang ihrer Stammesentwicklung mit besonders kleinen Rassen begonnen haben und erst späterhin größere und größere Formen hervorbrachten. So entspricht diese Sage von den Zwergrassen durchaus einer naturhistorischen Möglichkeit. Oder es wird uns berichtet von Menschenarten, die Schwimmhäute hatten und besonders im Wasser sich aufhalten konnten; so wird erzählt, daß gewisse Menschen vor Noah noch verwachsene Finger hatten; und die Geschichte eines Königs, der zu seinem Ahn ins Totenreich fährt, um sich Rat über Leben und Tod zu holen, endigt damit, daß der Ahn sich wundert, weshalb der Nachkömmling eine anders gestaltete Hand als er selber habe. Merkwürdig ist nun, daß der Mensch in seinen inneren Organen vielfach Formbildungen aufweist, an das ihm nahestehende höhere Landsäugetier erinnern, an Wassersäugetiere, wie Westenhöfer zeigte. Sollten da gewisse urzeitliche Menschenarten noch Hinweise mit Weinland am Pol. Oder wenn in nordischen Sagen die Rede ist von Polarländern, in denen es mild und wohnlich war, wo Wälder standen und Weinlaub gebiet) — wann könnte das gewesen sein? Denn in den vergangenen Jahrtausenden gab es dort oben doch nur ein rauhes Klima und Eis, und zuvor erst recht; denn da war die Eiszeit, in der das ganze Polargebiet bis herunter in unsere Breiten von Gletschern und Jnlandseis überzogen war; so kann es auch damals keine Wälder, keinen wärmeliebenden Pflanzenwuchs im Norden gegeben haben, und wir dürften danach meinen, es handele sich in der oage um bloße Wunschträume. Aber da finden wir nun merkwürdigerweise unter den Ablagerungen der Eiszeit in Grönland und anderwärts tertiärzeitliche Schichten, in denen wirklich wärmeliebende Gewächse fossil liegen und uns zeigen, daß es ehedem in jener weiter zurückliegenden Erdepoche dort oben üppige Vegetationen gab, daß es mild, ja warm war — und so entspricht die Sage wirklich den naturhistorischen Tatsachen. Warum sollte sie also nicht eine rechte Urkunde aus urweltlicher Vergangenheit des Menschengeschlechts sein, freilich eines Menschengeschlechts, das weit, weit älter ist, als es unsere Schulweisheit sich heute noch träumen läßt? Der Urmensch in neuem Licht. Wir haben eine Epoche allzu rationalistischer Gelehrsamkeit hinter uns, in der man es für ausgemacht hielt, daß die alten Mythen und Sagen nur die Ausgeburt der unzureichenden Urteils- und Denkfähigkeit verängstigter spätzeitlicher Naturmenschen gewesen seien. Alles, was für unser rationalistisches und materialistisches Denken unverständlich war, wurde in seinem inneren Wirklichkeitswert geleugnet. Die positivsten Aeußerungen und menschheitsaeschichtlichen Ueberlieserungen wurden als Wahn erklärt und zu Nichtigkeiten heruntergesetzt. Nun aber stehen wir, da wir nicht mehr an die Abstammungslehre in der Ausgestaltung, die ihr das 19. Jahrhundert gab, glauben und andere Gründe für em sehr hohes erdgeschichtliches Alter der Menschheit haben, plötzlich vor | der überraschenden Aussicht, auf eine neue, erweiterte Weise in das Dunkel der Urzeit, in die Urgeschichte unseres Geschlechts einzudringen. Der Mensch erscheint uralt, und seine sagenhaften Ueberlieferungen bekommen nun eine zeitliche Weite und Tiefe, die man zuvor nicht ahnte. Ein anderer mannigfaltigerer Urmensch erscheint an Stelle des vermeintlich ersten Menschen der Eiszeit, der etwas mehr tierische Merkmale gehabt hat und der irrigerweise für den Ahnen gehalten wurde, während er nur ein seitlicher Abspalter einer viel umfassenderen und viel weiter in die Vergangenheit zurückreichenden Menschheit war. Wir wissen im einzelnen noch nicht, wie jene märchenhafte, in den Sagen auftauchende Frühmenschheit mit ihren vermutlich vielen Abwandlungen ausgesehen hat, und sind mit unseren Vorstellungen zunächst noch auf die Ueberlieserungen selbst angewiesen. Wohl können wir etwas Allgemeines von ihr sagen. Wir kennen ja den jeweiligen Entwicklungszustand der Tierwelt in Öen einzelnen Erbepochen, und irgendwie muh der Mensch in feinen Körpergestaltungen auch an solchen Entwicklungszuständen, den Zeitformbildungen, teilgehabt haben. Und da kommen wir durch solche Vergleiche zu Vorstellungen, die naturwissenschaftlich gefaßt und begründet sind, die aber nun gerade dem entsprechen, was uns die Sagen spiegeln. Hat die Menschheit körperliche Wandlungen durchgemacht, die vielleicht viel, viel weitergehen als die geringe Abwandlung vom uralten Vollmenschen der Eiszeit und vielleicht Voreiszeit zum mehr tierischen. Neandertaler? Gab es am Ende ergeschichtliche Zeiten, in denen der Menschenstamm auch primitive Säugetiermerkmale ober noch tiefere Stadien des Tierreiches als eine Art Zeitbauftil an sich trug? Und wenn auch, so wäre er doch immer feiner inneren Potenz nach Mensch gewesen und nicht Tier, nicht Vierfüßler. Die alte Vorstellung der darwinistischen Abstammungslehre, als fei einmal der Mensch Amphw und Fisch und wer weiß was alles Tiefere gewesen, mutet wie ein I irreales Bilderspiel an. Aber hier liegt Geheimnis über Geheimnis. Und bann sagten seine Augen noch einmal burch die Zellen, und er las wiederholt: „In dem Häuschen war am vergangenen Mlltwoch- nachmittag Feuer ausgcbrochen. Sie hatte einen solch schlechten Herd. Anscheinend war die Feuerungsklappe nicht geschlossen. Glühende I Kohlen mußten herausgesallen sein. Beim Herd hatte sie em Gundel Rebholz liegen. Das ist in Brand geraten und hat die Küche angesteckt und im Nu das ganze alte Gerümpel. Da sie seit längerer Zell nur noch am Stock humpeln konnte, kam sie nicht schnell genug aus ihrer Stube Bevor noch an eine wirkliche Rettung zu denken war, hatten ble Flammen ihre Kleider erfaßt. Die Feuerwehr brachte sie zwar noch über die Leiter aus dem brennenden Haus auf die Gasse — aber tm Spital ist sie dann ihren Wunden erlegen. Das Häuschen brannte bis auf den Grund nieder..." Arme alte Babett! Schrecklich und sonderbar ... Mit dem Mitgefühl für die unglückliche Frau einte sich in feinem Innern eine fremdartige, beunruhigende Empfindung: er wußte sich feine Antwort daraus zu geben, wurde aber auch seiner Verstörtheit "'^Benommen^zerriß er den Brief in lauter kleine Stücke und erwähnte von dessen Inhalt kein Sterbenswörtchen. Mandelst mmchen. Von FritzGräntz. Kleines Mandelstärnrnchen, bogest zärtlich Dich mir zu im ersten Blütenschmelze, Weiß und rote Anmut, schön zu schauen. Rühren dich die kahlen Wiesengänge? Dauert dich die leere Gartenmauer? O dahinter warten tausend Blüten, O dahinter lauert groß der Frühling! Sieh doch seine ersten Falter lodern lieber dürres Laub und junge Knospen, Lodern über deine Blumenarme! Doch du lächelst, deiner zarten Neigung Sicher trauend, mein erblühtes Bäumchen. tfrmenfd) und Sagenwett. Von Edgar Daegus. Eine neue Art der Deutung für die Erscheinungen der Erd- und Lebensgeschichte sucht heute die Wissenschaft, indem sie, statt nach der äußeren Beschreibung und Darstellung zu streben, wieder nach dem ideenhaften Gehalt in allen Däferns« formen fragt, und sie gewinnt damit einen tieferen Einblick in die Wirklichkeit des Menschen selbst und den Zusammenhang alles Geschehens. In diesem Sinne behandelt Edgar DacguL ausgewählte Stücke aus der Geschichte unseres Erdballs ünb des Lebens auf ihm in einem neuen Buche Aus der Urgeschichte der Erde und des Lebens", das tm Verlag R. Dlbenbourg, München-Berlin, erscheint. Wir geben von feinen höchst anschaulichen Darstellungen einen Abschnitt wieder, der eine besonders fesselnde Frage erörtert. Im Gedächtnis aller Völker leben von altersher Märchen, Sagen und Mythen. Niemand kennt ihre Schöpfer oder ersten Erdichten Selbst bei den wildesten Naturvölkern, als man sie entdeckte, lebten brefe Ueberlieferungen in einer Reinheit und Tiefe, die denen unserer Ahnen In nichts nachstehen. Freilich sind sie vielfach umgedichtet, und wohl ,edes natürliche Volk, jede Rasse hat sie in anderer Weise ausgestaltet — aber im Kern und Wesen sind sie alle gleichartig und deuten auf eine Urvergangenheit menfchlichen Wesens und Denkens. Und gerade da, In den Sagen und Mythen, finden wir nun allerhand Aufschluß, den uns die Naturwissenschaft bis heute noch nicht in gleicher Weise zu geben Verantwortlich: vr. Hans Thhriot. - Druck und Derlag: Drühl sche Universitäts-Buch. und Steindruckerei.D. Lange, Gießen.