GiehenttZamilieilblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang <956 Montag, den 24. Zebruar Hummet U> eheimnis der «Zeide ROMAN VON FRANK F. BRAUN 3. Fortsetzung. Sie trug den Stock nicht mehr, wie sie es vorher getan hatte. Sie hielt ihn jetzt in der Mitte und trug ihn neben sich her. Denn unerwartet wie diese Entdeckung und der Schreck darüber m sie gefahren waren, kam nun auch der Entschluß über sie. Es hatte keinen Zweck, darüber aU grübeln, ob diese vertrocknete dunkle Kruste am Stock des Schriftstellers eine alte Farbe war, oder ob es — Blut war Frau v. Bllnk- bura war nicht so feige. Sie würde es vorziehen, eine schauerliche Wahrheit zu erfahren, als mit dem Zweifel zu leben. Daß alle Hoffnung in ihr wünschte, es möge diese schreckliche Wahrheit nicht geben war natürlich Denn dies alles war ja noch kein Beweis einer Schuld Steuers nicht wahr. Es sah so aus, man konnte Indizien zusammen- traqen; aber auch Indizien sind nicht Beweise. Klar würde man freilich sofort sehen, wenn es sich herausstellte, daß die braunen Flecke auf des Schriftstellers Stock tatsächlich Blut waren. Menschenblut! Dann allerdings und Frau 0. Blinkburg seufzte tief, dann muhte man wohl an eine Schuld glauben. Aber selbst dann ... seien wir vorsichtig. Was wissen wir? Sie trafen sich. Einer schlug zu, sonst hatte es der andere getan. Die Nacht und die Einsamkeit deckten alles zu. Was wissen wir? Sie schritt durch die Dorfstraße. Ihre schönen blauen Augen leuchteten im Licht ganz auffallend hell. Ihr Haar hatte einen Goldton. Sie war sehr schön, die Frau v. Blinkburg, das fand auch Herr Pfrundt, der am Fenster feines Amtszimmers stand und auf die Straße schaute. Als sie zufällig zu ihm hinaufblickte, verbeugte er sich und grüßte lächelnd. <8(in(burg bantte erschrocken. Dies Lächeln hatte sie erschreckt. Wie durfte dieser Mann lächeln! Aber sie verwies sich. Jener wußte nichts Nichts? Und da überfiel sie ein neuer Schreck. Wie nun, wenn diese Leute längst einen Verdacht hegten? Wenn sie Steyer gegenüber nur deswegen so kühl und interessenlos gewesen waren, weil ihr Verdacht sich gegen ihn selber richtete! Oh, dann wurde manches klar, dann verstand man, warum die Behörde nichts von einem Morde wissen ro°6tet)er sollte sich sicher fühlen, sollte seine Ablenkungsmanöver versuchen — und sich nur um so tiefer verstricken. r Sie schritt rascher aus. Ihr Plan stand fest. Sie sah d-e Hausschilder an. Metzger, Kolonialwaren, Bäcker, Schlosser. Ah, endlich. Tischlerei und Drechslerei. , _ . _ Sie ging in das Haus. Die Werkstatt war zur ebenen Erde. Der Meister in Hemdsärmeln, eine blaue Schürze bis zum Hals vorgebun- den, empfing die fremde Dame. Die Gesellen standen eine halbe Minute erftarrt. „Ich möchte Sie bitten, mir diesen Stock abzusägen", sagte Frau v Blinkburg, und sie wies die Stelle, wo sie die Abtrennung wünschte. Es war so, daß der eigentliche Griff dabei abfallen würde. „Ader Sie werden doch nicht!" wehrte der Meister ab, „so ein ferner Stock, Eiche, ein gutes Holz." Er versuchte ihn zu biegen. „Hart , sagte ßr fehv hort ' Frau v. Blinkburg hielt seine Hand fest. „Schneiden Sie ihn hier ab", forderte sie nochmals, „ich warte darauf." ...... <-■ Der Alte sah ihr verdutzt auf den Mund. „Ja, natürlich, wenn Sie es durchaus wollen." Er klemmte den Stock ein und fügte ihn durch. Frau v. Blinkburg nahm den Griff an sich. „Was bekommen Sie, bitte? Der Tischler rieb sich das rechte Ohr. „Das war ja nun keine große Arbeit", meinte er, „aber so eine Feierabendzigarre könnte vielleicht dabei herausspringen?" Er lachte verlegen. Frau v. Blinkburg gab ihm 50 Pfennig. Da geleitete er sie zur Tür. „Den Stock wollen Sie nicht rnitnehrnen?" Sie schüttelte den Kopf. Er sah ihr nach. Kornische Leute, diese Städter. Mit dem Griff konnte sie doch nun überhaupt nichts an- fangen! . Frau v. Blinkburg kaufte sich im Dorf noch Papier und Bindfaden. Dann ging sie wieder in das Hotel. Sie packte den Stockgriff ein, schnürte ein kleines Postpaket; bann setzte sie sich an den Tisch und schloß die Schreibmappe auf. Sie sann nach. Dies war die erste Minute, da sie richtig zur Ruhe kam. Warum tue ich es? Will ich, gerade ich denn diesen Mord an unferm Geschäftsführer klären? Wahrhaftig nicht. Wenn es nicht der Doktor wäre, um den es geht, würde ich abreisen. Sofort. Ich will nichts mit dieser gräßlichen Geschichte zu tun hoben. Aber ich kann nicht einfach abreifen. Ich bin ja mitten drin in der Geschichte. Ich kann nicht einfach die Augen zumachen und mir die Ohren verstopfen. Ich sehe doch und würde auch hören Still, liebe Leute. Ihr sagt: lächerlich Aber ihr seid fern und in Sicherheit. Oder ihr habt ein Herz, das wohltemperiert ist. Oder ihr liebt und seid anderer Liebe gewiß. Dann ist es leicht ihr Lieben. Aber ich bin allein. Und ich habe ein törichtes Herz; ich bin beinahe verzweifelt. Oder sehr, sehr traurig. Denn ich bin eine Frau und möchte vertrauen können und bin in Zweifel gestürzt. Und darum muß ich es tun. Ich will Gewißheit. Ich schreibe den Brief an Schwager Edwin, der Leiter ist in der chemischen Fabrik von Baßler & Co. Ich schreibe ihm nicht meine Antriebe. Nur ganz kurz. Dies ist ein Stockgriff; stelle, bitte, fest, ob die dunklen Flecke Blut sind; wenn möglich, welche Art Blut. Dann ein Gruß und die Bitte um Beschleunigung. Denn es eilt ja, wahrhaftig, es eilt mir sehr! Frau von Blinkburg schrieb den Bries. Dann brachte sie das Paket und das Schreiben noch vor Tisch zur Post. Es würde am Nachmittag schon in Hamburg fein. Sie blieb den ganzen Tag allein. Weder am Nachmittag, noch am Abend trat Doktor Steyer in Erscheinung. Der Kellner behielt recht. „Der Herr Doktor wird mit dem Spätzug kommen", tröstete er, „hoffentlich übernachtet er nicht in Hamburg." „Ich habe Sie nicht nach Ihrer Ansicht gefragt", sprach Frau von Blinkburg ärgerlich. . „ , ... Der Kellner verzog sich. Er war lange genug im Beruf, um sich zu sagen, daß sie Recht hatte; anderseits, er hatte es nur gut gemeint. „Hans!" rief er den kleinen Roten heran, „serviere du nachher bei der Frau 0. Blinkburg ab; wir sind uns eine Weile böse." Er war ein Gemütsmensch, wie sich erwies. Als bann der Doktor Steyer tatsächlich mit dem Nachtzug angekommen war, als jener in die Hotelhalle trat, nahm er ihm triumphierend den Sommermantel ab. „Herr Doktor können noch speisen, ich habe bestimmt damit gerechnet, daß Herr Doktor um diese Zeit zu- rückkämen." ~ , . _. . , , So", meinte Steyer, „nun, das ist schön. Dann bringen Sie doch eine Kleinigkeit. Kalt natürlich. Ist Frau v. Blinkburg noch unten?" „Die gnädige Frau sitzt im Salon und wartet auf den Herrn Doktor. „Wieso?" fuhr es Steyer heraus. Der Ober lächelte matt. „Ich darf es annehmen", erläuterte er, „denn die gnädige Frau fragte, wann Herr Doktor wohl zurück waren. Ich habe diesen Zug angegeben. Ich freue mich, daß meine Annahme richtig war." Und er lief in die Küche. Ein guter Mensch; und so gar nicht nachtragend. Steyer ging hinüber in den Salon Als die Tür klappte, blickte Frau v. Blinkburg auf und sah Steyer herankommen. Sechs, acht Meter Parkettfußboden trennten sie noch. Blieb ihr Zeit, sich zusammenzunehmen? Sie war auf diese Begegnung selbstverständlich vorbereitet; sie hatte das geglaubt; nun sand sie, daß eine gewaltige Willensanstrengung nötig war, sich zu beherrschen und harmlos gleichmütige Freundschaft aufzubringen. Steyer sah sie an, während er heranschritt. Ihm wollte scheinen, sie verfärbte sich, aber das mußte eine Einbildung fein. Wahrscheinlich fiel das Licht ein bißchen ungewohnt auf ihr Gesicht. Es war sehr hell im Raum, aber ihre Züge, dies Lächeln der Begrüßung war kaum strahlend. Sie gaben sich die Hände. Frau 0. Bllnkburg tat eine einladende Gebärde, und er fetzte sich zu ihr an den Tisch. „Zurück von der Forschungsreise?" Pst ich bitte Sie!" Er schaute sich um. Niemand war in der Nahe. Da "wagte er das vertrauliche Lächeln des Komplicen. „Zurück, ja. Ick war in Hamburg, ober in Altona, wenn Sie lieber wollen. Das Chinesen kafsee liegt so etwa auf der Grenze der beiden Städte." „Sie haben es gefunden?" Klein-Peking? Das war nicht schwer. Aber ich habe noch mehr gefunden. Ich weiß jetzt, wer diese Olga ist, deren Zettelbrief ich an der Mordstelle sand." Ah ..." Frau v. Bllnkburg brach ab. Der Kellner kam und servierte eine Art Schwedenplatte. Er hielt sich eine ganze Wette am Tisck auf. Aber die beiden Gegenüber schwiegen sich an. Da zog er sich denn zurück. Als er außer Hörweite war, fragte Frau v. Bllnkburg, und ihre Anteilnahme war verständllcherweise ganz echt: „Wie fanden Sie die Frau, wo entdeckten Sie sie, wer war es?" Keine Frau, ein Mädchen. Rothaarig, mittelgroß; im landläufigen Sinne hübsch. Ich schätze sie in die Mitte der Zwanzig. Und wo ich sie sand? Nicht im Chinesenkaffee. Aber dort half man mir weiter. „Nun essen Sie doch erst." Ja, danke." Er nahm wirklich ein paar Happen; aber es drängte ihn wohl selber, die Geschichte loszuwerden Er begann wieder. „Es war alles nicht schwer, wirklich nicht. Ich hatte mir die Ausgabe ganz gern ein bißchen komplizierter gewünscht. Jeder andere wurde die rot Olga auch gesunden haben Als ich in das Lokal kam, schien auf den Straßen noch die Sonne; es war vier oder fünf Uhr nachmittags. In „Klein-Peking" war die Zeit ausgelöfcht. Hier brannte immer künstliches Licht. Unter der Decke hatte man bunte Papiergirlanden kreuz und quer durch den Raum gezogen. Immer, wo sich diese bunten Ketten schnitten, brannte eine rote, grüne, gelbe und chinesische Laterne, wir sagen Lampion, nicht wahr; es sah nach Karneval aus. Ich weiß nicht, ob das Lokal immer fo hergerichtet war. Vielleicht feierte man ein chinesisches Fest. Tatsächlich bestanden die Gäste, soweit es Männer waren, fast nur aus Chinesen. Die Mädchen, die mit diesen gelben Männern tanzten und an den Tischen herumsaßen, waren überwiegend blond. Manche Schwedin und Dänin saß da und bemühte sich um ein hartes Englisch. Blicke, Fingersprache und Englisch. So verständigte man sich. Und daß man sich wirklich verstand, bewies die gute Stimmung, die allenthalben herrschte. „Diese Chinesen sind alle Seeleute?" „Gewiß. Zumeist Heizer aus Ostasiendampsern oder Kohlentrimmer. Auf St. Pauli aber sind sie für ein paar Tage, solange die Heuer reicht, Gentlemen. Es kommt auf ein Pfund nicht an." „Schrecklich, diese armen Menschen." Adalbert Steyer lachte ein bißchen. „Oh, Sie sollten sie sehen. Kein einziger kommt sich bedauernswert vor. Warum auch? In den chinesischen Armeen der Nord- und Südgenerale haben sie kein besseres Leben. Oder Kuli aus holländischen Pflanzungen in Ostindien? Rikschahläufer, Packer in den Häsen des Ostens? Nein, unsere seefahrenden Chinamänner haben kein fo schlechtes Los gezogen. Aber ich schweife ab. Als ich mir in „Klein-Peking" das Treiben eine Weile angesehen hatte, besorgte mir ein Kellner einen Platz an einem Tisch, der vor einem Sofa stand. Auf dem Sofa saß ein Mädchen. Es rückte bereitwilligst zur Seite, aber ich wollte die Dame nicht einengen und setzte mich auf den Stuhl. Es ergibt sich in diesem Lokal leicht, daß man mit einer jungen Dame in ein Gespräch kommt, gnädige Frau, Sie werden mir das glauben? Das Mädchen, Toni, war der Name, schien mir ganz aufgeweckt. Ich hatte Mühe, das Gesprächsthema unauffällig dahin zu lenken, wo ich es haben wollte. Hätte Toni etwa in meiner Person einen Spitzel gewittert, konnte ich gewiß sein, kein Wort zu erfahren. Aber es gelang mir, Toni glauben zu machen, daß ich ein Verehrer der roten Olga fei." Frau v. Blinkburg hatte gut aufgepaßt. Sie fragte dazwischen: „Als Sie in „Klein-Peking" sahen, wußten Sie schon, daß das Mädchen Olga rothaarig sei? Woher wußten Sie es?" Steuer schüttelte den Kopf. „Ein Erzählungsfehler. Ich wußte es nicht. Ich beschrieb der Toni höchst unbestimmt eine Frau, die Olga heiße, in der Silbersackstrahe bisher gewohnt habe und die ich hier in „Klein-Peking" zu treffen gehofft habe. Da half mir Toni sofort mit ihrem Zuruf: Die rote Olga? auf die Spur. Ich erfuhr, die rote Olga habe sich mit dem Chinesenwirt des Lokals erzürnt, und bet Portier dürfe sie eine Weile nicht in das Tanzcafs lassen. Aber wenn ich mir wirklich die Mühe machen wallte, wenn ich denn durchaus gerade Olga treffen müßte — sie fei im Hammonia-Hippodram zu finden. Ich verabschiedete mich von der gefälligen Toni und wechselte das Lokal. Hammonia-Hippodrom. Der Admiral eines Phantasiestaats stand in großer Uniform vor der Tür. Das Transparent bestrahlte auch ihn noch; alles leuchtete und blinkte an dieser Uniform von Goldstreifen. An seiner Mütze stand statt eines Schlachtschiffnamens geschrieben: Hippodrom Hammonio. Da mar ich meiner Sache ganz sicher und stieg in den K."' ' j.n Keller stiegen Sie?" „Ja. Die Manege befand sich im Keller. Eine Treppe führte von der Straße aus hinunter. Für die zweibeinigen Besucher. Die Pferde, denke ich, werden einen anderen Ein- und Ausgang haben, hinten hinaus über Höfe und Gänge. Es war noch zu früh am Tage, als ich dort war. Die Pferde standen allerdings schon gesattelt in der Mitte des Reitkreises. Blechmusik spielte einen Marsch. Es roch nach Pserdedung, kaltem Rauch und Alkohol, eine Mischung, die nicht sehr lange erträglich ist. Aber dann gewöhnt man sich doch daran. Nach Minuten schon spürte ich die Gerüche nicht mehr. Ich hätte aber gewiß auch sonst ausgehalten, denn hier im Hippodrom fand ich die rote Olga. Ich sagte eben, die Pferde standen in der Mitte der Manege zusammengedrängt und niemand ritt. Das stimmt nicht ganz. Jemand ritt; jemand bewegte in langsamem Trab den Schimmelwallach Die rote Olga. Sie saß im Herrensattel. Ihre Beine hoben sich kaum ab von den weißen Pferdeflanken; sie trug einen kurzen, für diese Zwecke gut geeigneten dunklen Rock, darüber eine helle Bluse. Ihr rotes Haar leuchtete förmlich, wo es unter dem Filzhelm hervorquoll. Ich erkannte sie sofort. Das mußte die rote Olga fein! Ich setzte mich in eine Ecke und bestellte etwas. Es waren noch nicht viele Gäste im Lokal. Ein paar gutgekleidete Ausländer standen mit ihren Damen und starrten das reitende Mädchen an. Dann gingen sie wieder. Ich wartete ab. Es dauerte nicht lange, und der hakennafige Stallmeister — graukarierte Breeches, schwarze Reitjacke, Zylinder, lange Peitsche — half Olga aus dem Sattel. Es war wohl nicht nötig, daß sie noch länger „Schau" ritt. Sie schüttelte sich zurecht, ordnete ihr Haar und schritt durch die Tischreihen. Einigen Kolleginnen nickte sie zu. Die Männer blickte sie nicht an. Als sie in meiner Nähe war, rief ich sie an. Sie zögerte und kam dann an meinen Tisch. Ich bot ihr Platz an, und sie setzte sich. Das Gespräch kam glatt in Fluß. Ich soll Sie grüßen, sagte ich. Van wem? meinte sie, nicht sonderlich interessiert. Darauf ging ich aufs Ganze und sagte: Van Herrn Alwien, ich sprach ihn noch gestern abend. Sie sah mich an. Ihre Verwunderung schien ehrlich. Den kenne ich gor nicht. (Fortsetzung folgt.) Beim Tanz. Don Joseph Viktor von Scheffel. Des Dorfes Jugend kommet heut Zur Schenk' im Wald herauf, Ein Musikant sitzt auf dem Tisch Und spielt zum Tanze auf. Die Dirnen all im Sonntagsschmuck Drehn sich tn frohem Rechn, Ein' jede hat schon ihren Schatz, Da misch' ich mich nicht drein. . Nur einsam an der Schwelle steht Eine arme Bettelmaid, Die schauet mit sehnsücht'gem Blick Auf all die Herrlichkeit. „Du Bettelkind, hab' du nur Mut, Setz' ab dein' schwere Last! Glaub' nicht, es sei fein einz'ger da, Dem du gefallen hast. Auch ich ein armer Teufel bin Und trag' fein Sonntagskleid, Drum scheu' dich nicht und tanz' getrost Mit mir, du arme Maid! Wir haben allzweibeide nichts. Was kümmert uns das groß? Da liegt für uns die ganze Welt Noch in der Zukunft Schoß. Und wenn es einstmals anders wird, So daß ich König bin. Dann komm ich wieder und mache dich Zu meiner Königin. Statt wilder Rose schmückt dich bann Eine Kron' mit gülbnem Glanz, Dann gehn in schwerem Königsornat Wir wiederum zum Tanz." Herzdame. Line Faschingsgefchichle. Von Dorothee Rauch. Da saß das Mädchen Gis mit seinen einundzwanzig Jahren, Kunstgewerblerin ohne Einkommen, in dem zum Atelier erhobenen großen Dachzimmer und legte die Stirn in krause Falten. Es war recht schwierig, den Verwandten zu zeigen, daß man als „Verstoßene" auch ohne ihren in jedem Fall ungern gegebenen Zuschuß leben konnte! Kein Mensch wollte sich um den Pappkarton an der Haustür kümmern, auf dem „Maskenverleih" zu lesen war. An wie vielen Türen hing jetzt im Fasching so ein Stück Papier! Und woher sollten die Leute auch wissen, daß man dort oben etwas anderes fand als den üblichen „Pierrot", den roten Russenkittel mit der Borte um den Hals ober ben „echt amerikanischen Boy". Nein, bamit gab sich Gis nicht ab. Ihre Kostüme waren nicht nur ganz neu, fonbern auch neuartig, nach eigenen Entwürfen von ihr selbst genäht, unb sie hing fo sehr an ihnen, baß sie trotz ihrer bebrängten Lage mögliche Käufer eher fürchtete als ersehnte, weil sie sich nur ungern von ben Sachen trennte. Da waren ber „Kosak" und das „Bauernmädchen" und -die „Dame mit dem Reifrock" und die süßen roten Stiefel — da hingen und lagen sie. Wie wäre es, wenn sie selbst schnell einmal da hineinschlüpfte — wenn sie alle ihre Lieblinge selbst einmal anzog — alle zugleich und auf einmal? Das weiße Glasbatisthöschen der Ballerina, den luftigen langen Rock, der bei jedem Schritt auseinanderfiel in viele bunte Teile, das glitzernde Bolerojäckchen und der venezianische Hut mit der goldenen Maske, auf ben sie befonbers stolz war. Schon ftanb sie vor bem Spiegel unb brehte unb roenbete sich und dachte an das Plakat, das von allen Anschlagsäulen leuchtete: Che- rubin, Reflamefest der Künstler-Gilde! Zu dumm, daß sie nicht dorthin gehen konnte. Da hätte sie die Sachen aller Welt zeigen unb bie Leute aufmerksam machen können. Aber ihr bißchen Gelb gestattete ihr solche Ausgaben nicht, unb fo blieb ihr nur bie Hauswirtin als ftaunenbes Publikum. Die schlug bie Hänbe über bem Kopf zusammen: „Ja, so schön, fo fesch! So müßten ’S heut abenb ins Cherubin gehen! Das Fräulein vom ersten Stock geht auch schon roieber aus, bie kommt überhaupt nur mehr zum Ausruhen heim, aber fo was Schönes hat bie nicht an." Trübselig roanberte Gis bie Treppen hinauf. Da fiel bie Haustür ins Schloß, Schritte tarnen herauf, unb vor ihr ftanb ein Mann im Frack. „Ich bachte schon, Sie würben nicht mehr kommen, machen Sie nur schnell!" Er zog sie bi- 's auf bie Straße, wo ein Wagen stand. »Aber ich Gar nichts aber, wir fahren fetzt, Sie haben es mir fa versprochen. So fuhr sie also jetzt aus ein richtiges Fest. Freilich mit einem Unbekannten. Schön. Sie stellte diese Tatsachen vor sich hin, kühl und klar erkannte sie ihre Chance. Dieser Mann hatte sich eben geirrt, weil sie eine Maske trug. Wahrscheinlich war das Fräulein vom ersten Stock gemeint. Aber die ging ja jeden Tag aus und konnte noch auf viele gehen — Die Bremsen knirschten, der Wagen hielt vor dem Cherubin und ihr Begleiter sah sie von der Seite an. „Sie sehen entzückend aus, wer hat Ihr Kostüm gemacht?" Ich selbst — und ich bin nicht die, die Sie abholen wollten. Als Sie' mich auf der Treppe trafen, kam ich gerade von meiner Hausfrau, der ich dieses Kostümgemisch aus meiner Werkstatt vorführte — lauter verschiedene Bestandteile meiner Lieblingskostüme. Irgendwer sollte sie doch sehen! Ich kann mir weder Anzeigen noch Plakate leisten, und so kennt mich noch niemand in der fremden Stadt, und ich finde keine Käufer. Und da ich mir keine Karte kaufen konnte, ließ ich Sie in Ihrem Irrtum und vertraue auf Ihre Großmut. Seien Sie mir nicht böse und Helsen Sie mir zu meinem Glück —" „Das will ich gerne tun, mein Kind! Ich werde Sie hineinführen — dann müssen Sie mich freilich entschuldigen. Ich muß doch meinen Irrtum wieder gutmachen und die andere holen." „Aber natürlich! Jedenfalls schönsten Dank und vielleicht sehen wir uns noch heute abend." Der junge Mann fuhr belustigt den gleichen Weg zurück. Hoffentlich lwar die andere nicht gekränkt, daß er fo spät kam. Aber sie war gekränkt. „Sie sind mir der rechte Kavalier", fauchte sie gereizt. „Ich sah Sie doch tatsächlich mit einer anderen Dame aus meinem Haus gehen! Meinetwegen — ich brauche Sie nicht! Setzen Sie mich nur bitte dort ab!" Die Fahrt verlief recht einsilbig. Dumme Pute, dachte der junge Mann. Und dieses Kostüm! Die andere war viel netter. Ich muß sie wieder finden. m v , Der Wagen hielt. Ohne Gruß und Dank verschwand die „Pute durch die Drehtür. Gut so! dachte der Verlassene, besser konnte das ja gar nicht gehen. Gis hatte inzwischen ihre Gedanken von dem Mann abgelenkt, der |id) so fabelhaft anständig gegen sie benommen hatte. Gut ausgesehen ija't er auch — aber das gehört jetzt nicht hierher, erinnerte sie sich energisch. Vergiß nicht, Gis, daß du jetzt „ernste Pflichten" zu erfüllen hast. Das fiel ihr nicht allzu schwer. Von der Decke und den Wänden fiel nus unsichtbaren Quellen warmes Licht und der Rhythmus der Musik drang bis zu den Zehenspitzen. Faschingsluft lieh Freude an ihrem Abenteuer aufleben. Sie tanzte und lachte, und jegliches Bedenken ertrank in dieser unbeschwerten Atmosphäre. Bewunderer drängten hinter dem auffallend hübschen Kostüm her. „Für wen machst du denn Reklame?" fragte einer. „Für eine Leihanstalt!" „Welche Leihanstalt hat denn so schöne Sachen?" — „Wo ist sie? Straße, Hausnummer, Stockwerk, Vorder- oder Hinterhaus?" Sie hatte tausend lustige Antworten, flüsterte die Adresse in männliche und noch mehr weibliche Ohren. Wie war das Leben schön! Sie saß In einer Loge, wohin man sie zum Ausruhen eingeladen hatte, als sie plötzlich mit einem vergnügten kleinen Schrei aufsprang und den Kreis der Verehrer allein lieh. Die sahen sie einem hochgewachsenen Mann im Frack nacheilen, sich bei ihm einhängen und strahlenden Auges mit ihm reden, bis die beiden einträchtig im Gewühl verschwanden. Und so oft sich die Neugierigen bemühten, sie zu erwischen, immer war dieser lange Kerl dabei. * Auch als am nächsten Tag der eine oder andere nach der angegebenen Adresse ihr Atelier aufsuchte, fand er sie durchaus nicht allein. Und rnochten sie noch so lange in ehrlicher Begeisterung in den Kostümen kramen, der Mensch saß da und blieb. Und als die anderen abgezogen waren bis auf einen ganz Hartnäckigen, hörte der ihn sagen: „Hast du vielleicht ein Kostüm „Herzdame"? Ich möchte heute mit der Richtigen rmsgehen." „Cafe mich von deiner Meitzwurschi beiden Münchener Faschingsbilderbogen. Don Mara Mägander. Es gibt immer noch Menschen, die meinen, der Münchener Fasching sei lediglich eine Angelegenheit für die, „die sich's leisten können". Freude aber ist in der schönen Jsarstadt kein käuflicher Artikel. Sie blüht sozusagen auf der Straße, ein reizendes Unkräutlein mit einer sehr duftreichen Blüte. Ach, es ist nicht immer eine stilvolle Orchidee oder eine stolze Rose. Sehr oft ist es nur ein ganz hescheidenes Gänseblümchen. Aber gerade in ihrer naiven Anspruchslosigkeit ist die Freude am schönsten. Und nun gebt mir die Hand und geht mit durch die Feste des Münchener Faschings! Dann werdet ihr sehen, daß es überall lustig ist. Redoute im Löwenbräu. Es ist Samstag abend, also Redoute. Der Turm vom Löwenbräu- E?err’r erstrahlt in hellstem Lichte und scheint die Masken anzulocken Sie $np: ■ n nicht in stolzen Karossen. Von allen Seiten trippelt es heran Zu Fuß ober mit der Straßenbahn geht es auch. Schon lange vor Beginn stauen sich die Menschen vor dem Portal. „Sakrisch kalt is’ und der Maxi hat mir’s für gewiß versprochen, daß $r kimmt." „A geh zua! Du mit deinem Maxi! Der muß doch zerscht noch I fein Laden zufperren. Find'st leicht was Besseres." Zwischen die wartenden Masken drängt sich allerhand Zuschauer- □olt. Zuschauen macht beinahe so viel Spaß wie Mitmachen. „Die schaug oa! Die fmm's noch vom Oktoberfest aus der Bölkev» schau dab'halten. See, Freilein, See kommen wohl von Abessinien?" Aber die braunhäutige Schöne, deren schlanke Beine in hochroten Kunstseidenhosen stecken, geht stolz vorüber. Im Saal ist um 9 Uhr schon kaum noch ein Platz zu erhalten. All die jungen Leute, die schwere Tagesarbeit hinter dem Ladentisch ober im Handwerk ernährt, sind jetzt Kavaliere und Damen. Der bunte Maskentand gibt ihnen eine gewisse Würde. „Bitt schön, Fräulein, was stellen denn Sie vor?" Nach dem dritten Tanz fragt es der Jüngling sehr schüchtern. „Ein Aquarium. Dees siecht ma doch." „O mei, a Aquarium!" läßt sich eine laute Stimme vom Neben- tisch hören. „A Aquarium! Wo mir in München Überhaupts koa Fisch net mög’n. Und 's Wasser a nett. Da kimmt sie als Aquarium daher!" „Er möcht reden von Dingen, die er net versteht." „Geh, Fischerl, net glei beiß'n! Tanz mer halt mitsamm." Das Aquarium und die bayerische Lederhose vereinigen sich miteinander im Tanze trotz der bayerischen Abneigung gegen alles Wässerige. „Schön bist heut, Lenerl." „G'sallt's dir? I hab's selber gemacht. S'ist fei aus Seide!" „Schneidig bist beinander." „Zensi, a Maß für den Herrn Vaterlandsoerteibiger! An Solbaten, wann ich siech, nachher hupft mer's Herz im Leib vor Freid'." „Ihrer Fräulein Tochter scheint es ähnlich zu gehen" sagt neibvoll ein Stubent. ,,S' Mabl hat halt an g'sunben Geschmack, Gott sei Dank!" Um 12 Uhr ist Hochstimmung. Die Musik schmettert ein „Prosit der Gemütlichkeit" nach bem anberen in ben Saal unb bie umfangreichen Heben müssen sich gerabezu schicken, baß sie mit bem Nachfüllen der Krüge mitkommen. Das schmeckt bei der Hitze. Es tauscht keiner sein Krügl Bier um einen Kübel Sekt. Gibt keiner sein herziges Münchner Madl für bie raffinierteste Schöne ber Welt, unb braußen am Portal wacht ber bayerische Löwe. NachtberKün stier. Nacht muß es fein, wenn Faschings Sterne strahlen! Je bunkler, befto schöner. Es gibt Plätzchen, ba sieht man kaum bie Hanb vor den Augen. Dort ist es am allerschönsten. Die Dekoration, von Künstlerhänden geschaffen ist märchenhaft. Soeben erscheint Salome, bekleidet mit drei Perlenschnüren, aber ohne den Kopf des Jochanaan. „O Gott, mein Fräulein, Sie werden sich erkälten", bandelt ein Jüngling aus Ostpreußen mit der Schönen an. _ „Reden's mi net so schwach an!" tönt es zurück. Der Jüngling wird belehrt, daß diese Salome aus Schwabing stammt. Man sieht Schlangenbändiger mit Negerinnen im Baströckchen flirten unb eine schneibige 'Kunstreiterin liebäugelt mit bem Märchenerzähler aus Bagbad. Das Biedermeierfräulein, das sich hierher verirrt hat, geniert die Stoffülle, bie sie um sich gebauscht, unb sie würbe gern an Minberbemittelte etwas abgeben. Das Röckchen einer Ballerine steht schneeweiß unb zuckrig in seiner blütenhaften Frische um ein Paar braungebrannte Beine. Trikot? I wo! Das war einmal zu Großmutters Zeiten. Längst überrounbener Staub- punkt. Bei einer üppigen Blonbine hängt bie ganze Kostümherrlichkeit an einem schmalen, schwarzen Schnürchen, bas um ben Hals geschlungen ist. Wenn bas reißt, ist alles dahin. Man sieht Othello mit einer winzigen Schere in lchwerster Versuchung um ben fettgepolsterten Schwanenhals schleichen. Ab unb zu knallt es. Aber es sinb keine Sektpfropfen, fonbern nur bunte, luftige Luftballons, bie bem Feuer einer Zigarette zu nahe gekommen sinb. Ach nein, Sekt, bazu reicht es nicht, Die Tafelrunbe ist froh, wenn sie ein Maß Bier gemeinsam bezahlen kann. Dann wirb der Maßkrug sorgfältig ausgespült unb mit kristallklarem Leitungswasser gestillt. Aus ben Taschen ber Feuerfresser ynb Ritter kommen verschämt Zitronen unb Zuckerbüten ans Faschingslicht. Selbstgemachte Zitronenlimonabe — ein herrliches Getränk. Unb ben Rausch, ben großen Freudenrausch, ben hat man boch mitgebracht unb braucht ihn sich nicht erst anxutrinten. Der Vereinsball. • „Also heuer muah was Extrigs her, baß ma siecht, was a neuer Vor- ftanb ausmacht!" Der Herr Huber klopft zum Nachbruck für feine Rebe energisch auf bie Tischplatte. „Z'erscht kauf ma amal für unsere Damen Papiermützen. „Ja, bes ta mer. Unb für unsere Ehrenmitglieber kauf mer Nasen zum Aufsetzn. Dees gibt a Morbsgaubi. Lampiohne müß mer scho aa a Dutzenb mehr nehma als wia voriges Jahr. Weil mir bees Fest Venezianische Nacht heißen." „O mei, zu vui kosten berfs a net. Ham ja eh blos fünf Mark unb zwanzig in der Kassn!" wirft der Kassier schüchtern ein. Dann ist ber große Abenb ba. Die Rosa vom Herrn Metzgermeister Pikelsteiner ist zur Ballkönigin auserkoren. Jetzt steht sie vor bem Spiegel, eng eingeschnürt in ein bauschiges Rokokokleid. Die angestaubte Perücke, die ihr der Friseur Lampl als Ehrenmitglied des Vereins zum Vorzugspreis geliehen hat, thront wie Schlagrahm über dem himbeerroten Gesicht. _ m . . Es ist ein großes Staunen und Bewundern, als Fraulein Rosa den Festsaal im „Goldenen Ochsen" betritt. „Nur scheen! Also bes is sozusagen gewissermaßen bie Mabam Pom- pabour" meint ber Herr Lampl stolz unb verbessert rasch noch etwas an ber Perücke. Der Saal ist schier nicht wiederzuerkennen vor lauter Papiergirlandsn und Tannengrün. Der Herr Erste Vorstand ist sehr stolz aus seine Venezianische Nacht mit den bunten Lampions. Wie ein Gott thront er auf seinem ehrengeschmückten Platz und trägt im Schweiße seines Angesichts die enge Perücke und den Rock eines Dogen. „Also, dees is a Fest! So scheen war's noch nie net." Holdselig lächelt die Frau Sekretär den Herrn Vorstand an. „Jawoi, Frau Sekretär, deß muß ma verstehn, gewissermaßen dem betreffs. Wissen's, im nächsten Jahr ..." Was im nächsten Jahr wird, hat die Frau Sekretär nie erfahren denn im Augenblick löst sich eine schwere Girlande von Tannengrun und klatscht dem Herrn Vorstand in den Maßkrug, daß es nur so pritscht. „Jetzt wird's erst richtig venezianisch, jetzt kennt ma leicht a Gondl brauchen" lacht der Maxi. Der Herr Vorstand sieht nach dem ersten Schrecken einen Grund, die damische Perücke und den engen Rock abzulegen. Die venezianische Nacht geht mit einem lauten Juhuh und Juchheh in einen bayerischen Almtanz über. Weißwurschtpause. Eines ist allen Festen, was für Menschlein sie auch zum fröhlichen Reigen unter dem Szepter ihrer Narretei versammeln mögen, gleich, die Weißwurschpause. Punkt 12 Uhr marschieren die Heben in tue Sale und reichen die dampfenden Weißwürste in Riesenterrinen herum. Unter dem Kranz dieser leckeren Spezialität vereinigen sich alle Münchner Herzen einmütig. Die Weißwurst ist sozusagen der Uebergang in die Morgendämmerung. Das erste Frühstück für den neuen Tag. Sie mundet herrlich und ist selbst dann bekömmlich, wenn man ein wenig Uber den Durst getrunken hat. Sie regt an, ohne aufzuregen. Sie schlingt die zarten Bande der Liebe fester. Jawohl, auch das. Denn zu einem Paar Weißwürsten kann man die Heißgeliebte selbst unter bescheidensten Verhältnissen einladen. „Er füttert mich. Also liebt er mich" — das ist eine alte Weisheit. Sehr vornehmseinwollende Leute essen die Weißwurst mit dem Besteck, aber eigentlich werden sie mit den Fingern gegessen. Das darf man sogar in der allerbesten Gesellschaft tun. Und bitte, den Senf nicht vergessen! Süßen deutschen Senf. Der andere paßt nicht dazu. Enger rücken die Pärchen bei der Weißwurst zusammen. Wenn man erst einmal gemeinsam aus dem Maßkrug getrunken hat — das gehört selbstverständlich dazu, selbst wenn den ganzen Abend champagniftert wurde —, dann ist die Freundschaft schon so gut wie besiegelt. „Laß mich einmal von deiner Weißwurst beißen, dann laß ich dich aus meinem Maßkrug trinken!" Es lebe die Münchner Gemütlichkeit, die immer und überall durchbricht unedle die Grundmelodie angibt für den echten Münchner Fasching! Oer Hanswurst wird verbrannt. Ein Gedenkblakk für karoline Jteuber. Von Otto Rombach. An einem Oktobertag des Jahres 1737 wurde von der Theatertruppe der Karoline N e u b e r in Leipzig ein Schauspiel dargeboten, das für das gemeine Volk zwar eine Unterhaltung wie jedes andere Spiel der Komödianten zu sein schien, das aber tiefere Bedeutung hatte: nach feierlichem Urteil hat man den Hanswurst, der bislang die größte Rolle auf der Bühne spielte, aus dem Bereich der schönen Künste hinausgewiesen und ihn auf einem Scheiterhaufen gnadenlos verbrannt. Nun lag der Fettsack in seinem bunten Flitterkleide auf dem Holzstoß, mit Schellen angetan, mit seiner Pritsche in den Händen und mit der Säufernase im Gesicht, und ging in Flammen auf. Dem Harlekin, der überall im Spiel der deutschen Komödiantentruppen die Hauptperson gewesen war, hat man in Leipzig das Recht versagt, auf einem Platz zu wirken, der besseren Dingen, der den Musen vorbehalten war, der hohen Kunst, die es noch gar nicht gab, die erst geschaffen werden solltel Weil dieser Harlekin, der Pickelhering wder Hanswurst, die Kunst herabgewürdigt hatte, weil er nicht nur Späße, sondern Zoten und gemeinste Witze von der Rampe aus ins Publikum hinunterfeuerte, weil er dem niedrigsten Geschmack entgegenkam, hat ihn die Neuberin geächtet und seine närrisch aufgeputzte Puppe jämmerlich verbrennen lassen, belohnt vom Beifall eines kleinen kunstbeslissenen Kreises, an dessen Spitze der gelehrte Gottsched stand und der wie sie ein neues und gereinigtes Theater für Deutschland schaffen wollte. Mit dieser Tat, die einen Wendepunkt in der Entwicklung der deutschen Bühnendichtung und Theaterkunst bedeutet, hat Karoline N e u b e r eine Kluft aufgerissen und zwischen sich und jenen Komödianten, die mit den plattesten und übelsten Erzeugnissen, die je geschrieben wurden, das Volt zu speisen hofften. Sie kannte jene „Banden", weil sie selbst mit ihnen durchs Land gezogen war, mit Recht verachtet und kaum geduldet und niemals ernst genommen. Was brachten sie den Menschen? — Sie brachten Hanswurststücke mit Witzen aus der Gosse, bunten Flitter, Kleider und leidlich ausgeputzte Frauen, denen oft der Hunger aus den Augen blickte, wenn sie nicht andere Wege wählten, ihr Leben angenehmer zu gestalten... Kunst war es nicht, was sie begeisterte; das öotter- leben war's vielleicht, das sie verleitet hatte, die abenteuerlichen „Gastspielreisen" ntitzumachen, die schäbigste „Boheme", die es jemals gab. Mit sünfzehn Jahren ist Friederike Karoline Weißenborn dem Elternhaus entlaufen, um einem Studiosus der Rechte anzuhangen, der bei ihrem Vater, dem unerbittlichen, tyrannischen Gerichtsinspektor Weißenborn in Zwickau Schreiberdienste getestet pam. aa« t*e aus sich, als man sie für sieben Monate in eine Gefängnis steckte nachdem das sonderbare junge Pärchen schlimmste Not auf ferner SW aelitten hatte. Sie hat, als sie ins Elternhaus zurückgelteferl wurde, noch qröbere Mißhandlungen erdulden müssen und — wiederum mit einem Studiosus, der Johann Ne über hieß und dessen Name sie für alle Zeiten tragen sollte — noch einmal die Flucht gewagt. Not und Entbehrung haben das junge Liebespaar der „Spiegelberg- schen Komödiantenbande" zugetrieben, die in Weißenfels gastierte. Mit diesen Kunstzigeunern, deren Prinzipal ein eitler Säufer war, sind sie herumgezogen, und schon jetzt fiel Karoline Neuber nicht nur durch ihre große Schönheit auf; es wird berichtet, daß bereits in ihrer ersten Zeit die innere Beseelung ihres Spiels erschüttert habe, daß ihre Art, das Wort durch Gesten schön zu unterstreichen, von der Macherei der andern abstach. Gewiß hat sie den „Stil" der Staatsaktionen, wie sie die Stucke häufig hießen, mitgemacht, und als sie bei der Haakschen Bande eine neue Unterkunft gesunden hatte, die stolz den Titel „Königlich Großbritannisch Privilegierte Hoskomödiantenbande" führte, war nichts gewonnen als eine neue Existenz in einem „besseren Ensemble . Der Mann der diese Bande führte, war Barbier gewesen, nun verehelicht mit einer Bürstenbinderstochter. Er führte wunderliche, mit großem Pomp erfüllte Stücke auf, die allegorische Figuren, Tanz, Gesang und andere Dinge für Ohr und Auge boten. Ihr nächster Prinzipal, der sich an die Verdeutschungen französischer Tragödien wagte, besaß in Braunschweig ein Kaffeehaus. Mit diesen Stücken faßte sie in Leipzig Fuß, wo sie zur Zeit der Messe die Blicke auf sich lenkte und nicht zuletzt das Interesse des Literaturpapstes ihrer Zeit erregte, des Professors Gottsched, der sich bald mit ihr verbündete. In Leipzig, wo sie eine eigene Truppe gründete und wo sie zwar mit den Behörden und mit der Hanswurst-Truppe Müller schwer zu kämpfen hatte, setzte Karoline Neuber alle Kraft daran, die Buhne frei zu machen van dem Ungeschmack, der sie bisher verschandelt hatte, sie zu säubern und nicht zuletzt die deutsche Bühne zu einem Podium deutschen Dichtertums zu machen! — Sie hat die Mitglieder ihrer Truppe mit allen Mitteln zur Disziplin erzogen: wer in den Kneipen lungern wollte ober spielte, konnte gehen, und wer die Absicht hatte, em liederliches Techtelmechtel anzufangen, der irrte sich. „Heiraten ober Abschieb war bas Ultimatum der Neuberin! Mit ihrem Willen, Sauberkeit zu schaffen, mit ihrem Fanatismus, bem vogelfreien Bandentum der Komöbianten bürgerliches Ansehen unb Beachtung zu erringen, hat sie als Dienerin ber Sprache selber Stücke verfaßt. Sie hat vornehmlich Werke aus Frankreich übersetzen lassen unb sie aufgeführt, mochte auch ber Hanswurst Müller im Fleischhaus unter großem Zulauf nach wie vor fein zotiges Theater treiben. Die Neuberin, ihr großes Ziel vor Augen, hat ihre glühenbe Begeisterung binausgetragen in die Welt. In Hamburg, in Hannover, in Frankfurt unb in Straßburg trat sie auf, wo sie sogar „bei Frost agieren" bürste, bis ihr Theaterspiel zum Anlaß würbe, Trinkgelage vor ihrem Pobium abzuhalten, bis zuletzt bie roilben Zecher selber auf bie Buhne sprangen, um in ihrem Sinne mitzuspielen. Unterbewert hatte ber Hanswurst Müller in Leipzig roieber Oberhand gewonnen. Aber wenn man auch der Neuberin nur einen Platz für ihre Komödienbude anweifen konnte, wo sie „darauf achten mußte, keinesfalls die Türen zu den Pferdeställen zu verbauen" — sie wagte doch von jener Stätte aus, „wo annietzo einige aus ber Stabt geführte MUt- hauffen liegen", ben großen Angriff gegen Müller: sie verbrannte jene Puppe, bie ihm nachgebilbet war, unb hat bamit als erste bem Theater ber Pöbelhastigkeit unb Plattheit ben Tobesstoß gegeben! Der verbrannte Hanswurst sann auf Rache, unb währenb Karoline Neuber ihren Ruhm von Stabt zu Stobt unb an bie Fürstenhöfe trug — sogar nach Rußlanb hat man sie gerufen —, währenb sich ber erste Zwiespalt mit Gottscheb vorbereitete, ber sich immer peinlicher mit seiner pedantischen Genauigkeit bemerkbar machte, unb währenb sie, bie Prin- zipalin, allmählich alterte, verblaßte auch ihr Ruhm. Das letzte Stück, das sie mit ihrer Truppe aus ber Taufe hob, ein beutfches Stück von einem beutfchen Dichter, war — ein Werk von Lessing! — Mit biefer Feuertaufe, bie zwar ein Durchfall war, hat bie Theatertruppe ber Neuberin zu bestehen aufgehört. Der künstlerische Weg ber großen Prinzipalin war burchschritten. Das, wofür sie in ihrem stolzen unb an Abenteuern reichen Leben immer gerungen hatte, war erreicht, ihr selbst, ber Neuberin, wohl kaum bewußt. Mit biefem jungen Dichter namens Lessing brach eine neue Zeit herein, bie bem Theater jene Reinigung unb jene Stellung unb Anerkennung brachte, um bie bie Neuberin ihr Herzblut immer roieber verschwendet hatte. Ihr Leben war erfüllt. Sie trat von ihrer Bühne in Leipzig ab, nun wieder eine Komödiantin, wie sie alle waren, verarmt und ausgestoßen unb namenlos vergehenb. Noch einmal schien bas Schicksal sie emporzutragen, als bie Kaiserin in Wien bie große Komödiantin hören wollte. Aber man verstand sie nicht mehr, man begriff die Kunst nicht, die sie brachte, ihr Pathos nicht und ihre Gesten nicht, auch ihren Fanatismus nicht. Sie war für ihre Zeit zu alt geworden; ihre Kunst war überlebt. Die Neuberin bettelt sich durch Deutschland bis nach Leipzig, wo sie niemand mehr ertennt! Und als der Krieg in Schlesien ausbricht, als Johann Neuber sich aus dieser Welt davonstiehlt, findet sie zuletzt bei einem Bauern in Loschwitz an der Elbe notdürftig Unterschlupf. Dort schließt sie im November 1760 ihre Augen, bis zuletzt verjagt, weil niemand will, daß eine Komödiantin in feinem Hause stirbt. Und als der Bauer, der ihr das letzte Obdach gab, die Tote in ein paar roh zum Sarg gefügte Bretter bettet und sie auf einem Schubkarren auf ben Friebhof fährt, verweigert man ber toten Komöbiantin auch bort bie letzte Ruhe. Vor ber Kirchhofsmauer wirb Karoline Neuber beigesetzt. — Einhundert Jahre später hat bie deutsche Kunstwelt an jener Stelle ein Denkmal eingeweiht. Neraniwortlich; vr. HansThyrioi. — Druck undDerlag:Drühl'scheUniv er siiäts-Duch» undEteindrucker ei. A.Lanae, Gieße».