Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1956 Freitag, den 24. Januar Nummer 7 1SkW.MWe.ri UM! Don Otto Folberth. Copyright 1935 by Nomanvertrieb Langen/Müller, München. Bäume ragten vor ihnen in den Himmel. Lange, tauige Morgenschatten warf die schütter bewaldete Höhe ihnen entgegen. Gerade als sie sich anschickten, sie zu überschreiten, zischte ein dünner, scharfer Pfiff im Sichelbogen über sie hinweg. Da blieb der eine stehen und sah dem noch nie gehörten Laute nach. „Wenn das eine Kugel war...?" „Natürlich war es eine Kugel", sagte der andere. „Aber eine verirrte, eine müde Kugel, versteht sich. Alle fingen nicht so." Und damit sprangen sie in den Laufgraben, dessen Zickzacklinie einige Schritte diesseits des Bergkammes begann. Kaum hatte der, der geführt wurde, bis jetzt Beklommenheit auf dem Weg zur Front verspürt. Es war ja in Wirklichkeit auch tagelang nichts als eine schöne Reife gewesen. Besonders durch Ungarn, wo alle Felder, alle Straßen, alle Dörfer vom gelben Weizenstroh der neuen Ernte überstreut waren. Da hatten die Leute der kleinen Ersatztruppe, die er auf den Kriegsschauplatz brachte, Bauern In der Mehrzahl, die beiden Türen des Viehwagens weit aufgerissen und Tag und Nacht ihre Lieder gelungen. Einmal hatte der Mond scharfe Schlagschatten in ihre Gesichter geworfen, ein Bild, das seither aus dem Brunnen seiner Seele immer wieder heraufspiegelte. Einmal hatten sie Windmühlen gesehen, deren gespenstisch große Schaufeln sich langsam im Pußtawind drehten. Aber auch die Fahrt durch die ausgedehnten Etappenräume Galiziens, der Marsch im Kriegsgebiet von Befehlsstelle zu Befehlsstelle die rnili- tärifche Stufenleiter hinab, die kurzen Ritte der letzten Tage dicht hinter der Front bis zu feiner endgültigen (Einteilung, alles hatte dazu beigetragen, die natürliche (Erregung feiner Nerven in höchst erträglichen Grenzen zu halten. Allein, als er nun nach feinem neuen Vorgesetzten den Laufgraben betrat, der über die Höhe zur Jnfanteriestellung hinunterführte, schlen's doch inwendig in ihm zu krabbeln, und die Wende dieser Stunde ließ fein Herz vernehmlich pochen. Vor einem Augenblick hatte der Tod den ersten Bogen über ihn geschlagen. Und wenn seine Stimme auch freundlich, fast wie die eines schwirrenden Vogels geklungen hatte, war es doch ein ernstes Tor gewesen, das spürte er, durch das er getreten. Nur noch wenige Schritte konnten ihn von der Zone trennen, da er unumschränkter Herrscher war. Vielleicht stand er schon mittendrin. (Er besaß darüber noch keine ganz klare Vorstellung. „Gehören die Berge, dort, schon hinüber?" fragte er etwas schüchtern, als der Laufgraben die Aussicht an einer Stelle freigab. „Ei freilich. Alles, was du dort drüben siehst, ist russisch. Wir erreichen sogleich die vorderste LinieI" Trotz seiner Gefaßtheit, vielleicht aber auch nur, um sie völlig zu meistern, atmete er einige Male hastig und tief. Da stieg iym aus dem firoben Tuch seines Rockes, so unerwartet, daß er erschrocken zusammen- uhr, ein feiner Rosenduft In die Nase. Rosenduft? Ja, wie war er bei der Abfahrt aus der Heimat geschmückt wordenl Und alle Bilder des bewegten Abschiedes standen auf einmal vor ihm da, des Abends, an dem er feine Fahrt in die dunkel verhüllte Nacht angetreten hatte. ...Da find mir!" riß ihn mitten aus diesen Gedanken sein Führer. „Dies hier ist unser vorderster Graben. Uebrigens auch unser einziger. An manchen Stellen sind wohl noch Reseroegräben ausgehoben. Aber keineswegs überall. So, nun setz dich zu mir her und guck dich mal und" Wenigstens bis zu einem Schützengraben hätte ieb's also gebracht, dachte der andere mit den knabenhaften Zügen. Wenn der Krieg morgen zu Ende geht, eine einzige Kugel wenigstens habe ich pfeifen hören. Und er erinnerte sich der vielen bangen Stunden, die ihm die seit Kriegsbeginn erfochtenen Siege bis heutigestags, diesem Augustmorgen des Jahres 1915, bereitet hatten. Jawohl ... Siege ... bange Stunden bereitet hatten. So dumm das auch klingen mochte, sooft man sich's recht überlegte — es war einfach die nackte Wahrheit. Er hatte geradezu körperliche Schmerzen zu Zeiten empfunden, da die wichtigsten Entscheidungen des Krieges zu fallen schienen, ohne daß er an ihnen tätigen Anteil nehmen konnte. Bald, bald mußte es nun ein Ende draußen nehmen, und er war in oll der Zeit nur noch Soldat, niemals auch Krieger gewesen. Schließlich war man an Haut und Haaren heil, war neunzehn Jahre alt... Nun also war er am Ziel. Drüben der Feind, hier ich, in der Mitte bas Niemandsland. War das der Augenblick, den er fiebernd ersehnt hatte? Dieser erste Schützengraben enttäuschte ihn vorläufig unsagbar. Er war weder gehörig tief noch überhaupt sorgfältig angelegt, wie es ihm schien. Wer aufrecht in ihm stand, ragte ein gut Stück aus ihm heraus. Seine Linie folgte ungefähr dem Waldrand diesseits der Höhe, lief teils außerhalb, teils innerhalb des schattigen Dunkels Die Seitenwände des Grabens waren an vielen Stellen eingestürzt, der Boden war feucht und schlüpfrig. Ein muffiger Geruch, als fei er ein durchnäßter Stiefel, erfüllte ihn. Aus manchen Löchern und Lachen fchlug's ihm stinkend entgegen. Dort hatten die Soldaten ihre Notdurft verrichtet. Am meisten schmerzte ihn aber der Anblick dieser Soldaten selber. Einige von ihnen standen in halber Ausrüstung an der Brustwehr des Grabens und blickten feinbroärts vor sich hin ms Leere Ihre Gewehre lagen vor ihnen auf ber aufgeworfenen (Erbe. Ihre Hänbe ruhten in ben Manteltaschen. Anbere gingen mit tlappernben Eßschalen ober Schaufelgeräten grabauf, grabab. Alle waren über unb über mit einer schmutzigen (Erbfrufte bebetft, hatten ungewaschene gebräunte Gesichter unb einen fast schon erstorbenen Blick. Zumal bie Gestalten an ber Brustwehr ftanben mit eingefallener Brust unb krummem Rücken da, als trügen sie eine schwere unsichtbare Last. „Dies Waldstück hier ist ein verrufenes Loch", erklärte der Führer. „Keine Kompanie hält hier länger als eine Woche aus. Zwar liegen die feindlichen Gräben ziemlich weit ab, siehst du, dort drüben auf den Hängen des Tals, und Gewehrfeuer kriegt man hier, außer bei Nacht, kaum zu spüren. Aber eine feindliche Schwere funkt just dieses Stück mit Vorliebe ab." Der Knabenhafte hob den Feldstecher unter seine hellen, fast weißen Augenbrauen. Aber noch ungewohnt, an Erdhausen, Drahthindernissen und Baumstämmen vorbeizuspähen, auch völlig unvertraut noch mit dem Gelände ringsum, sand er sich nur sehr langsam darin zurecht. Sein Führer hingegen wußte frontauf, frontab Bescheid hier wie in seiner Westentasche. „Dort ist die erste, die zweite, die dritte Linie der Russen ... links über der Baumgruppe, einige Schritte neben dem gelben Laufgraben ein Maschinengewehrstand ... hier rechts vor uns das zerschossene Dorf ... ganz vorn das Schloß in Trümmern ..." Umsonst, Johannes Möß, ehemaliger Zögling einer gewiß vorzüglich geleiteten österreichischen Artillerieoffiziersschule und seit wenigen Tagen neugebackener k. u. k. Kadett-Offiziersstellvertreter d. R., entdeckte von all dem so gut wie nichts. Keine zweite, keine dritte Linie, keinen Maschinengewehrstand. Wohl sah er einige Trümmer schräg rechts im Vorfeld liegen, aber was von ihnen einst einem Dorf, einer Kirche, einem Schloß zugehört hatte, konnte er beim besten Willen nicht auseinander halten. „Laß gut fein, Junge. Wird schon werden. Oder glaubst du, wir andern wären am ersten Tag gleich Frontleute gewesen? Oha, das sah anders aus. Uebrigens, mein Lieber, du hast Zeit, Zeit die Hülle und Fülle, nachzuholen, was du versäumtest. Der Krieg geht weder morgen noch übermorgen zu Ende. Vielleicht hat er nur gerade erst richtig begonnen. Im Ernst, manches hier draußen läßt darauf schließen." „Nein!?" „Doch, fiaeskäm, doch! Man muß nur recht sehen können. Gerade darin, verstehst du, will ich dich ja, so gut ich kann, unterrichten. Recht sehen können, jawohl, das ist das Nächste, das ist die wichtigste Aufgabe für uns Beobachter. Man muß aber auch voraussehen können! Das ist schon schwieriger." „Wann werde ich...?" „Geduld, Freundchen, Geduld, ich will dir's schon beibringen. Jawohl. Wozu bin ich denn da? Wozu weiß ich denn alles, was ich weiß? Versteh mich recht, ich war schon lange allein, viel zu lange allein. Ich brauche jemanden um mich, dem ich's sage. Wirklich, ich brauche dich. Junge." So sprach, in fröhlich sprudelndem Ungarisch, Oberleutnant b. R von Gerö und blickte aus klaren, feuchten, funkelnden Jägeraugen seinen neuen Kameraden an. Noch mehr als die Worte sog dieser den Blick des vor ihm stehenden Mannes in sich. Immer schon hatte er die Sprache der Augen höher geschäht als die der Zunge. Jetzt dachte er: das Grün der Tanne leuchtet aus ihnen und der Tanne Grobheit, der Tanne Harz, der Tanne steiler, senkrechter Entschluß. Sie müssen die Hüter eines tapfern Herzens sein. Dann ließ er feine Blicke über die gestraffte, wenn auch nicht mehr ganz jugendlicke Gestalt gleiten: Wie die blanken Sehnen an ihm hinauf und hinunter laufen! Wie die dunklen Haarbüschel der Augenbrauen der Schläfen und des geschorenen Schnurrbartes in ihr funkelndes Spiel hineinschatten! Keine Handbreit an dieser Gestalt, keine Falte in Körper und Rock, die nicht willig einem erfühlten Gebot Folge leistete. Sooft er später nach Geros Wesen lotete, gleich flieg dieses erste Bild ■ vor ihm auf, und er sah die aufrechte Gestatt, gespannt wie die Sehne eines federnden Bogens, vor den, Hintergrund der müden und bereits gebeugten Soldaten des feuchten Grabens. Nein, noch nie zuvor war ihm die Meisterschaft eines Aeltern so unmittelbar, so überzeugend entgegengetreten. Noch nie hatte er sich so willig in den Gehorsam frember Augen gestellt. * Der Abend dämmerte, als Gero und Möß sich in den Sattel schwangen, ihr Nachtquartier zu erreichen. Sie ritten der untergegangenen Sonne nach. Dunkle Waldränder begleiteten sie bald zur rechten, bald zur linken Hand. Hinter ihnen klirrte eine Weile lang die kleine Geschutz- karawane. Da aber schnalzte Gerö einmal mit der Zunge, und sein kleiner Rappe fiel in Galopp, zum gewohnten Endspurt des Tages freudig ausholend. Die Karawane blieb in den Schatten des Waldwegs zurück. „ , .. „ ., Noch ehe es völlig dunkel geworden war, trafen die beiden Reiter im Lager ein. Gerö pflegte es auch feine „Ausgangsstellung" zu nennen. Er hatte überhaupt feine eigene taktische Sprache, und ob sie mit der des „k. u. k. Reglements für das Heerwesen" übereinstimmte, kümmerte ihn wenig. Reglementmäßig, das war überhaupt ein Begriff, den er nicht übermäßig zu schätzen schien. Alles an seinem kleinen Unternehmen ließ darauf schließen. Erstens war Gerö nicht Gebirgsartillerist und niemals einem Gebirgsartillerieregiment auch nur zugeteilt gewesen. Ja, keiner seiner Leute war es je. Er hätte infolgedessen von Rechts und Reglements wegen gar nicht Hand anlegen dürfen an das kleine putzige Ding, das er eines Tages auf einem Ritt in die Etappe in einer Reparaturwerkstätte entdeckte. Er hätte es um so weniger tun dürfen, als diese 10-cm-Gedirgshaubitze M. 14, die es ihm angetan hatte, weder der Division noch dem Korps noch überhaupt der Armee gehörte, in deren Verband Gerö stand. Sie gehörte einem Gebirgsartillerieregiment, das in den Karpaten wohl dieser Armee unterstellt gewesen, aber seither schon längst auf einen andern Kriegsschauplatz verschoben worden war. Was hätte man nach dem großen Durchbruch bei Gorlice mit ihr in den Hügeln, Sümpfen und Steppen Galiziens auch anfangen sollen? Die nackte Wahrheit ist, daß Gero sich dieses in der Reparaturwerkstätte aus irgendeinem Grund zurückgebliebene Gebirgsgeschütz — übrigens ein Modell jüngster Bauart, Reichweite sieben Kilometer — vollkommen unrechtmäßig angeeignet, gradheraus gesagt, daß er es gestohlen, jawohl, einfach gestohlen hatte. Freilich, nachher kriegte er seine Vorgesetzten damit herum. Bei manchen, besonders den Ungarn, hatte er ja Gott sei Dank! einen Stein im Brett. Sie wußten, daß keinesfalls selbstische Gründe seinen absonderlichen Plan hatten reifen lassen, sondern Einsicht in die wahren Gegebenheiten des Frontkrieges, wie er sich nun einmal entwickelt hatte und wie ihn niemand besser kennen konnte als gerade Gerö. Denn wer hatte sich mehr da vorn Herumgetrieben? Wem machte es mehr Spaß wie ihm, alle Schützengräben im Umkreis seines Beobachtungsstandes zu durchstapfen und gewissermaßen auf ihre Widerstandsfähigkeit hin abzuklopfen? Wem, die Schlupfwinkel des Frontgeländes nah und fern zu durchstreifen wie ein Jagdhund, stets mit irgendeiner Witterung in der Nase? Wer brachte feine freie Zeit wie Gerö zu, der sich niemals genug darin tun konnte, „die Gegend hierherum kennenzulernen", sein schwarzes Kosakenpferdchen satteln ließ und alle wichtigen Punkte, Brücken, Wege, Sümpfe und Wälder abritt? Sein Kriegsplan aber, den er den Herren vorgelegt hatte, bestand darin, täglich ein Geschütz frontauf, frontal) zu verschieben, um den Feind zu beunruhigen und über Lage und Stärke der eigenen Artillerie zu täuschen. Ein fliegendes Geschütz in jeder Division, ein einziges, das bald aus diesem, bald aus jenem Loch spuckt, muß den feindlichen Generalstäblern Haarwurzelkrätze verursachen, hatte er gesagt. Außerdem läßt sich durch kleine artilleristische Zauberstückchen aus vorgeschobenen Stellungen das verlorengegangene Vertrauen der Infanterie in unsere Waffe leicht wiederherstellen. Das hatte er gesagt und noch manches andere, und die hohen ungarischen Herren hatten den Diebstahl des Gebirgsgeschützes zu vielem Zwecke und bis auf weiteres auf ihre Kappe genommen. Abend für Abend, nun feit Wochen schon, kehrte also Gero mit seiner seltsamen Karawane in diese „Ausgangsstellung" zurück. Morgen wird er sie nach einer andern Richtung wieder verlassen. Möglichkeiten dazu bieten sich ihm genug. Denn an dieser Stelle kreuzen sich, von allen Seiten eines unübersichtlichen Wald- und Wiesenreliefs kommend, mehrere Wege. Das ist ihre strategische Bedeutung gewissermaßen. Fein übrigens, wie Möß sich diesem Einritt ins Lager, dieser abendlichen Heimkehr heute einfügt, als fei es nicht die erste, an der er teilnähme. Wie sie beide gleichzeitig aus dem Sattel springen, so, als geschehe es schon zum hundertstenmal! So, als sagten sie: da wären wir denn wieder! Gut doch, daß der Mensch (ein Zuhaus« hat. Dabei sieht es nach viel Zuhause hier gerade nicht aus. Ein Lagerplatz unter hohen Buchen. In seiner Mitte die Feuerstelle, über der ein Kessel hängt. Auf dem Boden verstreut Säcke, Kisten, schmutzige, erdfarbene Bündel. An den Zweigen der nächststehenden Bäume hängen Stutzen, Bajonette, Pferdegeschirre. Räder, Karren, ein Panjewagen mit einem runden Wagendach ... Aus ein Haar wie ein Lager von Wanderzigeunern in Siebenbürgen, muß Möß denken. Und doch, und doch ... ersetzt ihm die Nähe seines neuen Herrn nicht tausendmal alle Bequemlichkeiten der Erde? Fühlt er sich im Augenblick irgendwo mehr beheimatet als an seiner Seite? Ist es ihm nicht geradezu, als habe er dies alles schon irgendwann einmal — aber wo?, aber wo? — genau so erlebt: dies fröhliche Wiedersehen mit den Zuhausegebliebe- nen, dem Koch Toneian, der schmunzelnd die Meldung erstattet, das Essen lei fertig, dem Burschen Imre, der herbeiläust, seines Herrn Rüstung: Ueberschwung, Pistole und Kartentasche, in Empfang zu nehmen, und den paar Leutchen noch, die sich rings um Küche und Kochstelle unentbehrlich gemacht haben? Unter lautem Hühofchreien der Fahrkanoniere, unter Prusten und Schnauben der Pferde rückt schließlich langsam auch die Geschützkarawane heran. Damit ist alles da. Die ganze Familie beisammen. Viel mehr als eine Familie ist es wahrlich nicht. „Ein Geschütz, sechzehn Pferde, zwanzig Mann!" Pferde, dann Mann, jawohl, so hat jede Meldung in der Heeresgruppe Oberleutnant von Gerö zu lauten. Auf alle Arten wird den Leutchen hier eingeimpft, daß sie einen Dreck wert seien, alle miteinander, wenn einmal'bie Tiere, die braven Tiere da verreckten. Auch jetzt, nach der Ankunft im Lager, müssen zuerst sämtliche Pferde abgefchirrt, an die Bäume gebunden und gewartet werden, bevor auch nur ein Mann seine Nase über den Kochtopf hängen darf. Als das endlich gestattet wird, ist die Nacht bereits ganz aus den hohen Buchen gefallen und die Feuerstelle übt doppelte Anziehungskraft aus. Sie ist nun auch die einzige Lichtspenderin im einsamen dunkeln Wald. Und da liegen sie denn auf ihren Mänteln: Möß neben Gerö, der sich merklich bemüht, in dem Kreis der Mannschaft, diesem verwachsenen, etwas strubbelig verwachsenen Haufen, Raum dem neuen Kameraden zu schaffen. Imre hat den Auftrag, für sein leibliches Wohl bis auf weiteres genau so zu sorgen wie für das seines Herrn. Er springt also häufiger als gewöhnlich zwischen der Feuerstelle und dem Mantellager der beiden hin und her, holt Brot und Salz und nachher Wein in einem Aluminiumbecher und überlegt sich, womit er dem Kadetten später die Strohschütte für die Nacht bereiten fall. Da liegen rings um bas Feuer auch bie andern, die Unteroffiziere, die Telephonisten, die Kanoniere, die Fahrmannschaft des kleinen Zugs. Und immer noch tritt einer aus dem Dunkel des Waldes in das flackernde Licht der Feuerstelle und hält seine blecherne Schajka an den Rand des Kessels hin. Das Gespräch hüpft von einer Gruppe zur andern. Kaum daß sich einmal bie ganze.Runde baran beteiligt. Am häufigsten lebt es in ber Gruppe der Telephonisten auf. Natürlich. Ihnen hat ber Beruf bie Zunge gelöst, hat sie leicht und locker gemacht. Außerdem sind sie ja an sich schon die Intelligenzler im Schwarm, sind seine verflixten Kerle, die mehr ober minber fließend sämtliche Sprachen sprechen, bie in diesem kleinen Kreis herüber und hinüber schwirren: Ungarisch, Rumänisch und Deutsch. Ei ja, sie sind bei Gott nicht Leute, die sich verkaufen lassen! Lauter können nur noch bie Ungarn um Korporal Köteles herum fein. Doch guajfelt’s bei denen nicht so leicht und lebhaft über alle Nichtigkeiten ber Welt daher. Ihre Art, lärmvoll und polternd zu sein, hat sich vor allem am Umgang mit den Pferden geschult. Sie gehören fast ausschließlich der Fahrmannschaft an und wissen, was für Pflichten einer mit Halfter und Hafersack übernimmt. Vergessen sie es zuweilen, fo wer- den sie von Köteles handgreiflich daran erinnert. Er kann wild werden, sobald einer sich die geringste Gelegenheit entgehen läßt, Futterdiebstähle für seine vierbeinigen Schutzbefohlenen zu begehen. Ihr lautes Wesen glauben sie aber schon deshalb ungezwungen zur Schau tragen zu dürfen, da ihr Herr und Führer ja auch Ungar ist wie sie und dem Ungarischen ihrer Meinung nach also ein gewisser Vorrang vor den beiden andern Lagersprachen zukommt. Gedämpfter und gehemmter unterhält sich die Gruppe der Sachsen und Rumänen am Feuer. Es ist die Bedienungs- und Munitionsmann- fchaft des Geschützes. Leute, die gewohnt sind, immer bie gleichen Hand- grisse gehorsam und ohne viel Nachdenken auszuführen. Sie haben sich nicht viel zu jagen, und wenn schon, so geschieht es stockend und fast auf heimliche Weise. Keiner von ihnen hat Lust, seine breite, schwerfällige Mundart zur Zielscheibe irgendeines dummen Witzes ber Telephonisten ober ber übermütigen Fahrkanoniere zu machen. Wie seltsam, bentt Möß, alle Sprachen meiner Heimat klingen mir aus diesem Hausen hier entgegen! Und als Toncian, der Koch, ein letztes Holzscheit in die Glut stoßt und diese prasselnd noch einmal aufflammt, zuckendes Licht auf bie rings liegenden Gestalten werfend, da hat er den Eindruck: diese Handvoll Menschen hier ist wie eine Palette meiner Heimat. Alle Farben, aus denen Gott ihr Bild gemalt, liegen drauf herum. Buchstäblich alle. Selbst die Zigeuner sind durch Nummer 2 der Bedienungsmannschaft, den schwärzesten aller dieser dunkeln Gesellen, durch den Zigeuner Duma. Mehr als an der Buntheit der Palette hat aber Möß seine Freude an der ruhigen männlichen Hand, die sie hält. Da gibt’s kein Zweifeln hin und her, keine halbverstandenen oder halbdurchgeführten Befehle. Ueberhaupt gibt es wenig Befehle. Es ist eigentlich immer alles klar. Und wenn schon einmal nicht — eine Handbewegung, ein Achselzucken, ein Zungenlaut, schlimmstenfalls ein Schimpfwort, eines jener sieben- bürgifdjen Schimpfworte, deren urige Kraft sich aus ber Humusschicht breier Volkssprachen herleitet, klärt restlos alles auf. ♦ Zwei Tage später läßt Gerö das Lager um drei Uhr früh wecken. Natürlich haben die Telephonisten es schon gestern der Mannschaft Betraten: Angriff! Eigener Angriff auf der ganzen Linie! Gegen ihren Scharfsinn war keine, noch so schlaue Verschleierung der Gespräche im Draht gewachsen. Sie wissen am Ende doch alles. Der Mond wirst einen letzten blassen Schimmer durch das Gezweig, als die Karawane sich in Bewegung setzt. Flüsterstille im Wald. Niemand, nicht einmal Köteles, ber Polterer, hat Lust, sie zu stören. Man hört das Knistern des weichen Waldbodens unter den Rädern, man hört das Stampfen der Hufe, man hört das Santen der Sättel, sonst hört man nichts. Manchmal gibt der Wald den Blick nach Osten frei. Dann sieht man flatternde Leuchtraketen, die letzten dieser Nacht, im Scheitelflug über den Horizont steigen und muß dabei denken: Sollten bie dort schon i wissen, daß...? I (Fortsetzung folgt.) cd § u e u tt D dl p i ii k al S e d ( i i! fc is tt v 3 o u 9 l ( tt t! b 3 l t 3 I) d 3 s t d 5 Kem von Dir. Von Emil Strauß. Stille lieg ich in der tiefen Nacht, Fern von dir — neben dir, Lausche deines Schlafes Atem nach, j)ör ihn nicht, fand ihn nicht. Nur im Hauche, der mich fuß durchzieht. Schwellt und wiegt, atm ich dich — Nur im Laute, der die Weltnacht füllt. Braust und wogt, braust und wogt, Schütternd, wie gehämmert Eisen klingt, Amboßsang, Glockenklang, Spür ich drängen deiner Seele Puls — Und die Hand, die fern auf deiner Brust Steigt und sinkt, Wiegt mich durch des Himmels, durch der Hölle Glut. Schneebergs im Zimmer. Von Wilhelm von Scholz.. Ich fitze in meinem winterlich-warmen Zimmer nahe dem Fenster, habe zu meiner Arbeit ein Buch chinesischer Sprichwörter vor mir und lese eben darin, daß die Erinnerung und die Sehnsucht „gefährliche Diebe" find." Ich denke nach: natürlich Diebe des Augenblicks, der Gegenwart. Wer in der Sehnsucht oder in der Erinnerung lebt, dem entgleiten Tag und Stunde. Er versinnt sich in innere Stimmungen und Bilder, die ihn erst erfüllen, bald auch umgeben. Ich habe lange darüber gegrübelt, warum das chinesische Sprichwort wohl davor warnt. Vielleicht weil das Träumen untätig macht. Vielleicht weil in beidem, in der Sehnsucht wie in der Erinnerung eine Unbesriedi- gung, eine Wehmut über das Entschwundensein oder das Nichthaben mitklingt; das Ungenügen an dem, was man hat, bleibt doch allein übrig. Ich gehe in der Stube auf und nieder. Mein Blick streift flüchtig das Draußen. Schnee ist wie aus dem Nichts überall in das Bild gefallen, das ich jetzt weit weiß vor mir sehe, aus dem ich gleich zu meinem chinesischen Sprichwort zurückkehre. Jede schöne erfüllte Stunde müßte doch verarmen, wenn wir nicht innere Stimmungen und Bilder mit in sie verweben würden, die nur In der Seele sind, und jeder graue nüchterne Tag würde ohne Zufluß solcher Seelenquelle noch grauer, noch öder werdenl Der Mensch vergißt so leicht, daß er ja die Sinne gar nicht hat, um all das, was er zum Vollgefühl des Daseins braucht, als äußere stoffliche Wirklichkeit gleichzeitig zu ergreifen.. Das meiste muß als Traum und Schatten, Gedanke und Gefühl in jede Stunde mit hineinverwoben werden — nur eben nicht als Sehnsucht oder Erinnerung, sondern als Gegenwart: nicht mit dem Bewußtsein, daß es uns fehlt, sondern mit dem, daß es vorhanden ist und daß wir es unverlierbar besitzen. Die ewigen Wanderer, die ihre ruhige Stätte verlassen, um, was in ihrer Seele auftaucht, draußen zu finden, weil sie meinen, daß es dann schöner sei, erreichen nie ein Ziel, müssen alle schließlich erkennen: das ist der falsche Wegl Es gilt, die Bilder unserer Sehnsucht auszuschöpfen, wo wir sind, nicht ihnen ins Ungewisse nachzusetzen wie der Jäger der weißen Hinde. * Ich habe winterliche Hügel vor meinem Fenster, gewellten Boden, Wald, Wiesen, über die, ein ferner Kranz, fast ein feiner unterer Randsaum des Himmels, das Gebirge gebreitet ist. An klarem Tage wie jetzt oder auch beim Stürmen der Wolken ist der schmale Fries seiner Felsen und Gletscher als Bandstreifen sichtbar; wenn Nebel geistern, ist er doch gefühlt und geahnt. Gewiß ist es verlockend, wenn man so in den reinen Wintertag hinaussieht, seine sieben Sachen zusammenzupo.cken, sich aufzumachen, die Tür hinter sich fest ins Schloß fallen zu lassen und im knirschenden Schnee auszuschreiten. Ich muß lächeln. Wie oft habe ich es dann erlebt, daß wieder und wieder alles ins Weite fortschwand, dem ich nachwanderte, und daß ich es heimgekehrt plötzlich in mir fand. Jetzt habe ich in stillem Zimmer bei meiner Arbeit den Blick nur wenig vom Blatt gehoben. Er soll die Berge heranziehen. Er vermag es, wenn man die Lider nur etwas schließt. Freilich muß man ihn schon dann und wann geübt haben. Das ist nicht allzu schwer. Ich habe es oft abends am verhangenen Fenster versucht, bin nahe an den Vorhang getreten und habe mir dann die Straße einer fernen Stadt, in der ich früher gewohnt, hinter dem Fenster vorgestellt — so deutlich vorgestellt, daß es mir einmal begegnet ist, daß ich in meiner Versonnenheit nicht mehr wußte, welche Straße draußen wirklich war, und einmal gar, es war auf der Reise, wirklich in einer anderen Stadt zu sein glaubte. „Welch nutzloser Unfug!" höre ich die Neunmalweisen sagen. Aber so bekomme ich jetzt, wo ich am Schreibtisch sitzen muß und nicht reisen kann, die Berge ins Zimmer. Schnee stöbert um nackte Felsen, um gefrorene Rinnsale, die in steilen Runsen erstarrt sind oder als Eiszapfen von vorgeneigten Wänden herunterglitzern. Ich habe es vor mir, wie es drüben jetzt aussieht, wo die weißen und die luftig-dunklen Flächen gezackten scharfgeschnittenen Randes gegen den gelblich grünblauen Himmel stehen, Schluchten und Schründe, mächtige schräge Dreiecksslächen, Kanten und Spitzen, alles mit Flocken beweht. Sonne bricht durch. Das Schneien läßt nach. Wind oben jagt fchnee- stäubende Wölkchen auf, die, wie sie sich zu Gestalten erheben, wieder verglitzern, verrieseln, in Spalten verschwinden, zerfallen. Irgendwo rollen kleine Stücke von.Felsgestein herab, bildet sich in der hervorbrechenden Sonne ein langer, tief bis zum Tal verfolgbarer Staubbachfall von Schnee. Unendliche Einsamkeit. Ich habe das Fenster geöffnet mtb das Prismenglas vors Auge genommen. Die Schneeluft läßt die reine Klarheit über meine Haut gleiten; mit dem Blick atme ich sie im Rund des Zouberglafes. Und doch ist alles ferner, als es mein inneres Auge sieht. Bom Vaum vor meinem Fenster fällt Schnee herab. Eine Amsel ist im Geäst, hüpft, flattert, streift wieder die leichte flaumige Decke vom Zweig. In den weißen weichen Senken, die Sommers grüne Matten sind, entdecke ich ganz fern, kaum wie ein Punkt groß, Häuser, ein Dorf. Es rückt plötzlich nahe. Das ist, wie wenn im Lichtspielhaus auf der Leinwand eine Großaufnahme kommt; wenn ein winziges Stückchen des Bildes — eine Hand, eine Uhr, ein Türschloß — allein die Fläche füllt, die eben noch ein menschenvoller Raum war. So sehe ich die dicke weichgerundete Last des Schnees auf den Dächern, die vereisten Traufen, die schmale, zwischen hohen Schneewällen ausgeschaufelte und von Schlittenkufen mit tiefen Spuren eingefahrene Straße. Blauer Rauch steigt da und dort von den weißen Dächern auf. Es glühen nun die Holzkloben im Herd und wärmen die dunstende Luft hinter den Scheiben. Fröhliches Geschrei hallt. Die Dorfstraße zu dem kleinen Eisfee hinab fliegen die Schlitten der Jungen und Mädchen. Sie werden von den Stapfenden immer wieder bis zum Marktplatz mit dem kriftallumrindeten Brunnen heraufgezogen, wo der getretene Steig gute Anfahrt gibt, bis jeder Rodel unten schließlich im ungepflügten und ebenen Schneefeld stoppt und steckenbleibt. Erinnerung will auf und Sehnsucht. Jugendtage sind da und die Ueberlegung, ob man nicht doch über den Sonntag — Aber ich laß' es nicht hoch. Ich denke lachend eines Oheims, der die tiefe Weisheit hatte, sich bei allen Plänen, die ihm durch den Kopf fuhren, zuerst das Unbequeme und sämtliche Schwierigkeiten vorzustellen, mit denen die Sache verbunden war, und der bann gerne zu Hause blieb. Der Gedanke an den mauerdicken Reisrand hat ihn nie ins Schlaraffenland kommen lassen! Dieser Oheim ist gewiß nicht mein Vorbild. Aber er hilft mir, in einem Hereinwehen von Winterluft durchs offene Fenster und einem Blick durch das Zeißglas den großen Winter, den Winter der Berge hereinzuziehen in Stadt und Wohnung. Denn der Winter ist oben in den Drei- und Viertaufendern zu Haufe. Bei uns, im besiedelten Land, ist er nur Gast, der kommt ober auch nicht kommt — einmal Wochen bleibt, einmal nur Tage unb nach einer Pause wieder Tage. Unb dann gefällt es ihm nicht mehr, und er geht ganz — oft viel früher, als es Frühling wird. Aber da oben ist er das liebe lange Jahr, auch wenn bei uns Hochsommer brütet und wir in Seen und Flüssen haben. Was schert ihn bie steigende, immer wärmere Sonne? Mag sie tags an der Schneedecke herumtauen — nachts läßt Winter das Tropfende, Riefelnde, Sickernde wieder einfrieren. Das Wasser muß anhalten, der Tropfen, der schon am Spitzzapfen entlangglitt, um ins Tal zu fallen, ; muß an der blanken Zacke still hängen bleiben und glasklar fest werden. Der Schnee wandelt sich in Cis, verharscht und vergletschert. Kurz ist bie Zeit, in ber bie wärmenden Strahlen eben dem Winter beikommen. Es ist dort fast noch Frühling, wenn schon der Herbst ein» fällt. Höchstens, daß sich der Winter ein, zwei Monate lang hinter den Nordwänden und in den engen Felsschründen verbergen muß, ehe wieder alles Gebiet ber hohen Berge fein ist. Wie bas Winterbehagen gibt, baran zu benken! Wieviel tiefer gleich ber kärgliche Winter hier bei uns wird, wenn man burchs Fenster vorn Schneewinb sich anwehen läßt unb weiß, woran er gestreift unb seinen silbernen Hauch gekühlt hat! Es ist später Nachmittag geworben, unb hinter ber Graubläue bes fast burchfichtigen nahen Vorberges bricht ein aufstrahlenbes Gelb ber untergegangenen Sonne empor bis in die Höhe, von ber Dämmerung einfinken will. Schon stehen ba unb bort kleine Lichtpunkte im Lanb, bie schnell sich vermehren, als zerfprühte ein brennenbes Scheit in glitzernbe Funken. Ich schließe ben Vorhang und sinne im Schein einsamer Lampe, ob ber Chinese mit seiner Branbmarkung ber beiben Diebe Sehnsucht unb Erinnerung wohl recht habe ober nicht Woher habe ich alles, was ich jetzt sah, wenn es mir ber Dieb Erinnerung nicht zugebracht? Unb hätte ich es so genossen, wenn ber Dieb Sehnsucht mir bie Freude daran nicht immer hätte stehlen wollen? Was eben Weisheit war, scheint Torheit — unb boch nicht! Denn unbegreifbar ist jeder Augenblick des Lebens mit allem, was du denkst und fühlst, mit allem, was er enthält an Wirklichem und Erträumtem. Oer Dichter Ernst W'echert. Ein Umriß feines Schaffens von Karl Rauch. Ernst W i e ch e r t ist Oftpreuhe von Geburt. Später einige Jahre In Berlin ansässig, wohnt er feit mehreren Jahren am Starnberger See im südlichen Bayern. Der Heimat entfremdet? Nein, heute wie immer lebt er bodenverbunden in feiner Welt, einer Welt freilich grundsätzlich anderer Art als die der vermeintlichen Ordnung ber „fortgeschrittenen Welt. In ber Stabt, in Bürgerlichkeit und Zivilisation hat sich Wiecherk nie zu Hause gefühlt. „Der Wal d" hieß eines feiner früheren Romanwerke, und Waldverbundenheit ist einer der stärksten Wesenszüge der Gestalten feiner Bücher. Alle seine Menschen sind Außenseiter dessen, was sich neuzeitlich „menschliche Gesellschaft" nennt. Wald, Wiese, Tier und Erde sind jedem von ihnen näher als der Mensch. Oft brennt ein offener Haß gegen ben Menschen normaler Drbnung ihnen auf Herz unb Zunge. — „Du siehst doch, was sie sind. Ein Wrukenseld, nichts weiter. Klopssresser, sagt mein Onkel, und der weiß Bescheid in ber Welt. Sie haben bie Macht Schön. Aber wie weit reicht sie? Bis an beine Fußsohlen!" sagt ber junge Holger zu Percy in ber „Geschichte eines Knaben"; — in „Der Walb" spricht Henner, der Hauptmann, dem todwunden alten Onkel den .Katechismus" vor: „Gott? — Im Waldei — Seligkeit? — Im Walde! — Treu? — Der Hund! — Sicher? — Die Büchse! — Ewig? — Der Haß! ; — und im ,Totenwolf" ist dies des scheidenden Kämpen letzter Grub an die Mutter: „Die Welt ist der Liebe nicht reif .. einmal .. der deutsche Mensch ... vielleicht wird er in Liebe leben können. Aber durch den Haß muß er gehen, gepanzert, gegürtet, eisenklirrend ... nun bleiben diese drei ... aber der Haß .. ist das Größte ... Ruckoerbindung zu Verlorenem ist zumeist der Sehnsuchtskern dieser Menschen. Krank" macht diese Sehnsucht nach üblicher Auffassung. Für den Tiefer- sehenden liegt aber gerade in diesem „Kranksein" die Fähigkeit zum außergewöhnlichen Tun, zum großen, freien Leben. Viele der Gestalten Wiecherts sterben einen frühen und plötzlichen Tod — aber es ist dabet nicht so, daß sie am Leben zerbrechen, weil sie es nicht zu tragen vermöchten. Wiecherts Menschen sind stark, dämonisch, zuwellen unheimlich. Auch wo er ein Leben zeitlich zusammendrängt, einen Jüngling in der Frühe enden läßt, sind diese kurzen Lebenstage voller, tiefer, spürbar reicher, als es uns oft in der Erscheinung eines hohe Jahrzehnte erreichenden Menschen begegnet. Wiecherts Naturen find von ungewöhnlicher Lebensstärke, das irdische Dasein, der sie umgebende menschliche Durchschnitt ihnen zu eng, als daß sie es lange darin aushielten. Wie aus einem fremden Lande adelsstrenger Lebensweise kommend und königlich in der Haltung schreiten schon die Knabengestalten seiner Bücher. In ihrem Abscheiden ist gar nichts vom Sterben. Wie Tiere zurücksinken rn den ewig fruchtbaren Schoß der Natur, so scheinen sie einzugehen in weitere größere Zusammenhänge, in ein Dasein vitalerer Stärke, des die Menge nicht fähig ist, in die größere, höhere Heimat, die ihre Edlen ruft, wenn sie gereift sind und der irdischen Welt die Reife fehlt, sie aufzunehmen, sich ihnen zu öffnen. Solcherart ist noch in der schönen „Hirte n n o v e l l e", das Leben und Sterben des dörflichen Hirtenjungen em auch den ihm nächsten Menschen fremdes, aus einer höheren Welt kommend und in diese wieder einkehrend. Und wie eine Ahnung dämmert das auch der Dorfgemeinde, die ihn als einen Helden königlich zu Grabe trägt. Allem bürgerlichen Denken entgegen ist der Weg des „Haupt- mannsvon Kapernau m", der auf dem Wege, dem Schicksal in die Zügel zu fallen und einen als würdig erkannten von der Urteilsvollstreckung zum Leben zu erretten, durch den unerwarteten Lauf des Geschicks zur letzten Erkenntnis geführt, vom suchenden Leben zum wissenden Tod erhöht wird. Eine Gefahr, die in allen frühen Büchern Wiecherts lauert, die Ge- K des einer höheren Artung bewußten Menschen, der der Absage und Haß sich verschworen hat: sie wird erstmals in dieser Novelle sichtbar gelöst und überwunden. Haß des Einsamen und Abseitigen wandelt sich in Mitleiden und Mitsühlen gegenüber der betörten und unerlösten Menge. Noch der Novellenband „Pan im Dorfe", in dem der Dichter den Leser bis ins innerste Herz hinein aufwühlt, trägt Spuren des Haffes, birst geradezu von der Maßlosigkeit und Verlorenheit des höheren Menschen, an der in artverwandter Struktur Nietzsche zersprungen ist. Wie die Masse der Durchschnittsmenschen aus der Unerträglichkeit des anders gearteten Menschen sich letztlich nur den einen Ausweg weiß, den anderen umzubringen, um sich ihre Ungestörtheit zu retten: diese immerwiederkehrende Tragödie des Genius wird hier im Leben und Sterben eines Hirtenknaben aus Zigeunerblut wie eine alte Sage erzählt. Und ähnliche Empfindungen steigen in Leid, Abseitigkeit und Schuldverstrickung des Fährmanns in der „M agd des Jürgen Dos- k o c i l" mehrfach auf. Was im „Hauptmann von Kapernaum" aber erstmals den Dichter erhebend und befreiend, den Haß in Liebe, die lieber» legenheit zur Hingabe wandelnd anklang: es macht jetzt den überragenden Wert aller neueren Bücher Wiecherts aus. Doskocil erlebt die alles hinter sich lassende Macht der Liebe durch Tat und Opferung einer Frau, in der alles, was Frauentum ausmacht und den Mann aus Verstrickung befreit, vom Irrweg zur Erlösung führt, einfach und selbstverständlich und gerade darum unausweichlich und groß seine Verkörperung findet. Aehnliches begegnet in Wiecherts Kriegsroman „Jedermann" in der Bitternis der Heimkehr aus dem verlorenen Kriege dem Kriegsfreiwilligen Johannes durch die Gestalt der Mutter. Und der aus der Irre der Kriegsgefangenschaft und langer fluchender Wanderjahre Heimkehrende in der „M a j o r i n" wird, da alle sonstigen Mächte und Kräfte versagen, zuletzt gleichermaßen durch das Erlebnis des Mütterlichen ins geordnete Leben der Heimat zurückgerettet. Woher, so wird zuweilen gefragt, kommt die außergewöhnliche Wirkung, der große Erfolg von Ernst Wiecherts neueren Büchern, der „Magd des Jürgen Doskocil", der „Majorin", der „Hirtennovelle", die in Auflagen von über 50 000 verbreitet sind? Die Antwort ist einfach, wie alles Wahre einfach ist: In einer Zeit, da eine neue Ordnung über die geplagte und sich nicht mehr zurecht findende Menschheit kommen will. In einer Zeitenwende, wie wir sich um uns und in uns erleben, in der Gebrochene und Verzweifelnde nach Innerer Stütze und Hilfe suchen, geben Wiecherts Romane genau das, von wo aus Aufrichtung erst möglich wird: Haltung! Es wird in ihnen nichts verschmäht und nichts überredet. Die Verworfenheit des Menschlichen inmitten der Entfremdung von den unantastbaren Gesetzen der Natur wird rücksichtslos und unverfälscht aufgezeigt, dazu aber das Heilmittel auch gegeben, das der Menich, wenn er nur erkennen und der Erkenntnis gemäß handeln will, in sich selber unverlierbar trägt: die Liebe, die allen Haß hinter sich (äf’t die Güte, die alles Leid überwindet, der Glaube, daß in alles ’B'-' -'t zuletzt ein Funken Gutes noch im verkommensten Menschen blinkt, und die Hoffnung, daß diesem Guten die Ernte aller Tage gehören wird. Oie fische kommen. Von Maria Wolter. Wenn die Männer mit ihren Fischkuttern heimkehren, bann laufen die Frauen von Trästeholt an den Strand. Ein geschäftiges Treiben, voll Lachen und Frohsinn, beginnt, bis die Fische ausgenommen und gejaijen in den Versandkörben liegen und ein Freudenfest mit Harmonikaklängen und Tanz die Menschen hinreißt. Aber in den letzten Jahren war ihnen das Glück nicht hold gewesen. Die Fischpreise sanken, und die Fischzüge machten den Preisausfall nicht wett. Wäre es besser gegangen, dann hätten Djardja und Frederik Holmsen längst das Haus oben auf den Klippen bezogen. So blieb alles beim alten. Sie besorgte den Hof ihrer Eltern. Er fuhr mit den Brüdern hinaus und bekam als Jüngster den geringsten Anteil. Wenn er wenigstens Unternehmungsgeist gehabt hätte! Aber sie mochte ihn drängen und stoßen, er war zu nichts zu bewegen. Djardja verbrachte indes ihre Tage bei den Ziegen, die auf der kleinen Wiese zwischen den Felsen weideten. Morgens ruderte sie zu den Vogelinseln, um die Eier aus den Nestern zu sammeln. Tagelang war der Himmel wolkenlos gewesen. Jetzt zog es sich langsam zusammen. Eines Morgens, als sie wieder auf den Vogelinseln war, sah sie den Himmel über dem Meer dunkel werden. „Ich muh machen", dachte sie, 's wird ein arges Wetter geben." Die Luft war schwül. Der Schweiß perlte ihr von der Stirn, obgleich die Sonne noch niedrig stand. Die schwarze Wolke kam schnell herauf und steuerte geradeswegs auf die Bucht zu. Djardja rannte zum Boot hinunter. Plötzlich hielt sie inne. Alles in ihr erstarrte. Das war ja gar keine Wolke. Da begriff sie, daß ihre große Stunde gekommen war. Sie sprang ins Boot und ruderte, so schnell sie konnte, zum Dorf zurück. In Schweiß gebadet sprang sie an Land und rief das Dorf zusammen. Die Frauen rannten durcheinander. Die alten Männer kamen mißtrauisch näher. Djardja hatte keine Zeit, lange Erklärungen zu geben. Mit klarer Stimme erteilte sie ihre Befehle. Aus Holmsens Schuppen wurde das alte, ausrangierte Netz geholt. Die Frauen machten die Ruder und Segelboote klar, die ihnen verblieben waren. Ein paar alte Fischer fliegen mit ein, um ihnen zu helfen. In wilder Fahrt ging es zur äußeren Bucht hinaus. Die Wolke kam heran. Betäubendes Kreischen und Pfeifen erfüllte die Luft. Ein gewaltiger Schwarm von Vögeln brauste hinter einem breiten Wall her, der sich aus dem Wasser zu heben schien. Es tobte wie Sturmwind. Plötzlich bog die lebendige Wolke ab und sauste an der Bucht vorbei. Die Frauen konnten noch rechtzeitig das Netz ausrudern und die Boote als Verteidigungslinie an den Korkschwimmern entlang postieren. Das Wasser leuchtete hell auf. Der breite Strom silberfchuppiger Heringe stieß gegen das Netz. Es bog sich unter der Last. Djardja wartete nicht, bis das volle Netz glücklich an Land gebracht war. Am Morgen hatte sie erfahren, daß die Männer aus Finmarken heimkehrten. Sie mußte ihnen entgegenfahren. Vielleicht gelang es, den Fischen den Weg abzuschneiden. Sie setzte Segel und fuhr davon. Der Wind stand gut, bas Boot schnitt spritzend das Wasser. Unruhig und leer lag das Meer vor ihr. Es war ein gefährliches Wagnis. Aber Djardja dachte nicht an Gefahr, sie dachte daran, daß die Männer den Heringsschwarm erwischen mußten. Es wurde Abend. Die Nacht sank herab. Sie steuerte durch die Dunkelheit, die Augen in die Fin»->- ' bohrend. Jeder Nerv ist gespannt. Das leiseste Geräusch, das sich vom Rau des Meeres unterscheidet, läßt sie aufhorchen. Da glaubt sie Motoren geräusch zu vernehmen. Die Lichter eines Bootes tauchen auf und versinken wieder. Djardja steuert darauf zu, legt die Hände an den Mund und schreit. Es ist Fischer Malvesen, der sie aus seinen Motorkutter übernimmt. Er liegt weit vor den anderen Booten. Als er erfährt, welchen Weg die Heringe genommen haben, wendet er, um die anderen zu benachrichtigen. Noch in derselben Nacht jagen die Fischer von Trästeholt den Heringen entgegen. Es ist möglich, daß sie sie irgendwo draußen im Meer noch erwischen. Djardja ist bei ihnen geblieben. Ein Tag und eine Nacht, ohne daß sich eine Spur von den Heringen zeigt. Eine Wolke kam herauf, ja, aber es war ein Sturm, der Säten das Hauptsegel zerriß und Berkholm die Wassertonne über Bord spülte. Man murrte, wollte umkehren. Aber diesmal war es Frederik, der das Wort führte und sie beschwor durchzuhalten, seine Brüder antrieb, die Spitze zu übernehmen. Solange die Fischer Kielwasser vor sich hatten, würden sie nicht umkehren. So kann ein Mann sich ändern, wenn er unter zwei Frauenaugen fährt. Der Sturm ging vorüber. Am Abend des zweiten Tages tauchte eine neue Wolke auf, die am Horizont entlang zog. Die Fischer schwärmt-n aus und schnitten ihr den Weg ab. Als sie näher tarnen, wuchs ein tausendstimmiges Kreischen an, und sie ertannten den Riesenschwarm der Bögel. Da machten sie sich bereit. Es war der größte Tag von Trästeholt, als die Männer drei Tage später mit ihrer zappelnden Last heimtehrten. Jubel und Festlichkeit herrschte, während die Heringe unter den Messern der Fischerfrauen zerlegt wurden. Tage vergingen, bis die Fische ausgenommen, verpackt und verladen waren. In die Hütten kehrte der Glanz alter Tage wieder. In diesem Jahr litten die Fischer von Trästeholt keine Not. Djardja und Frederik bezogen das Haus auf den Klivpen. Frederik war ein Mann geworden, der mit klaren Augen in die Zukunft blickte. Er hatte nun fein eigenes Netz und fein Boot und konnte eine Mannschaft anheuern, die ihn ihren Bootsmann nannte. D-nn Djardia hotte b'xt Hauvtanteil am Gewinn bekommen. Das alte Netz, das ihre Zukunft begründete, hängten sie als Talisman über den Eingang ihres Hauses: I Möge das Glück nie von uns weichen! Verantwortlich: Dr. Hans Thtzriot. — Druck und Derlag: Drühl'sche UniversitätS-Duch- und Steindruckerei.A. Lange, Gießen.