Nummer 91 Montag, den 25. November Jahrgang 1956 sich umzukleiden. VIII. Die Herren erinnerten sich. Sie sagen die notwendigen Worte, machen die notwendigen Verbeugungen und trennen sich. Johannes und Victoria bleiben allein zurück. Er sagt: War das die Ueberraschung? Ja, antwortet sie gequält und ungeduldig, ich tat mein Bestes, ich wußte nichts anderes. Seien Sie nun nicht ungerecht, danken Sie mir lieber; ich sah, daß Sie sroh wurden. Ich danke Ihnen. Ja, ich wurde froh. Eine unendliche Verzweiflung legte sich auf ihn, sein Gesicht wurde leichenblaß. Hatte sie ihm wirklich einmal weh getan, so war das nun reichlich wieder gut gemacht, und er war getröstet worden. Er war ihr aufrichtig dankbar. Und dann bemerke ich, daß Sie heute Ihren Ring tragen, sagte er dumpf. Nehmen Sie den nun nicht wieder ab! Pause. Nein, jetzt werde ich ihn wohl nicht mehr abnehmen, antwortete sie. Sie blickten einander in die Augen. Seine Lippen bebten, er deutete mit dem Kopf zum Leutnant hin und sagte heiser und grob: Sie haben Geschmack, Fräulein Victoria. Er ist ein schöner Mann. Seine Epauletten machen ihm gute Achseln. Mit großer Ruhe gab sie ihm zurück: Nein, er ist nicht schön. Aber er ist ein gebildeter Mann. Das wiegt auch ein wenig. Das gilt mir, Dank! Er lachte laut und fugte unverschämt hinzu: Und er hat Geld in den Taschen, das wiegt mehr. Sie entfernte sich sofort. Wie ein Friedloser glitt er von Wand zu Wand. Camilla sprach ihn an, fragte nach etwas, er hörte es nicht und antwortete nicht. Sie sagte wieder etwas, berührte sogar seinen Arm und fragte abermals ver- $ Nein, da geht er umher und denkt, rief sie lachend. Er denkt, er denkt! Victoria hörte es und antwortete: Er will allein fein. Er schickte auch mich weg. Aber plötzlich trat sie ganz bis zu ihm hin und sagte laut: Sie grübeln gewiß über eine Entschuldigung nach. Darum brauchen Sie sich nicht zu bemühen. Im Gegenteil, ich muh mich bei Ihnen entschuldigen, weil ich Ihnen die Einladung so spät sandte. Das war sehr unaufmerksam von mir. Ich vergaß Sie bis zuletzt, fast hätte ich Sie ganz vergessen. Aber ich hoffe, sie verzeihen mir, ich hatte an so vieles zu denken. Sprachlos starrte er sie an; sogar Camilla blickte von einem zum andern und schien erstaunt zu sein. Victoria stand mit ihrem kalten bleichen Gesicht vor ihnen und zeigte eine zufriedene Miene. Sie war gerächt. Das sind nun unsere jungen Kavaliere, sagte sie zu Camilla. Wir dürfen uns nicht zu viel von ihnen erwarten. Dort drüben sitzt mein Verlobter und spricht von Elchjagden, und hier steht der Dichter und denkt ... Sagen Sie etwas, Dichter! Er zuckte zusammen; die Adern an [einen Schläfen wurden blau. Jawohl. Sie bitten mich, etwas zu sagen? Jawohl. Ach nein, strengen Sie sich nicht an. Sie wollte schon gehen. Um gleich auf die Sache loszugehen, sagte er langsam und lächelnd, aber seine Stimme bebte, um mitten drin anzufangen: waren Sie vor kurzem verliebt, Fräulein Victoria? .... Einige Sekunden lang war es vollkommen still; alle drei horten ihre Herzen schlagen. Camilla antwortete erschrocken: Victoria ist natürlich in ihren Bräutigam verliebt. Sie hat sich eben erst verlobt, wissen Sie das nicht? Die Türen zum Speisesaal wurden geöffnet. Johannes fand seinen Platz und blieb davor stehen. Der ganze Tisch schwankte vor seinen Augen auf und ab, er sah viele Menschen und hörte ein Summen von Stimmen. Ja, bitte, das ist Ihr Platz, sagte die Schloßherrin freundlich. Wenn sich nur alle einmal setzen wollten. t Entschuldigen Sie! sagte plötzlich Victoria dicht hinter ihm. sl/nahm seine Karte und legte sie einige Plätze, sieben Plätze, weiter unten hin neben einem alten Mann, der einmal Hauslehrer auf dem Schloß gewesen war und in dem Ruf eines Trinkers stand. Sie trug eine andere Karte zurück und setzte sich. . .... Er stand da und sah dem allen zu. Die Schloßherrin machte sich, unangenehm berührt, auf der andern Tischfeite etwas zu schaffen und vermied es, ihn anzusehen. , r . Er wurde noch verwirrter als vorher und ging erreg an seinen neuen Platz. Sein früherer Platz wurde von einem von Ditlefs Freunden aus der Stadt eingenommen, einem jungen Mann mit Diamantknopfen in der Hemdenbruft. Zu seiner linken Seite saß Victoria, zu seiner rechten Camilla. Copyright by Albert Langen^Georg Müller Verlag,München 5. Fortsetzung. Das Schiff legte an, Herren und Damen stiegen an Land und nahmen in den Wagen Platz. Da knatterte eine Reche von Schüssen auf bem Schloß' zwei Männer standen oben in dem runden Turm und luden und schossen, luden und schossen mit Jagdbüchsen. Als sie einundzwanzig Schüsse gelöst hatten, rollten die Wagen durch das Schloßportal, und das Schießen hörte auf. Jawohl, es sollte ein Fest auf dem Schloß statt- sinden; die Fremden wurden mit Flaggen und Salutschüssen empfangen. 3n den Wagen saßen einige Militärs; vielleicht war Otto, der Leut- """Johannes stieg vorn Hügel herab und begab sich nach Hause. Er wurde von einem Mann vom Schloß emgeholt, der ihn anhielt. Der Mann trug einen Brief in der Mütze, er war von Fraulem Victoria gesandt und sollte Antwort haben. . .... Mit klopfendem Herzen las Johannes den Brief. Victoria lud ihn trotzdem ein, schrieb ihm herzliche Worte und bat ihn zu kommen. Dieses eine Mal bitte sie ihn darum. — Antworten Sie durch den 93oteri Eine wunderbare und unerwartete Freude war ihm widerfahren, das Blut stieg ihm zu Kopfe, und er antwortete dem Mann, er wolle kommen, ja. Dank, er wolle fofort kommen. er^gab^bem Boten ein lächerlich großes Geldstück und eilte heim, VA ♦ a4* Geschichte einer Liebe lV Ivl l von Knut Hamsun Zum erstenmal in seinem Leben trat er durch das Tor des Schlosses und begab sich über die Treppe hinauf in den ersten Stock. Stimmen summten ihm von dort entgegen, sein Herz schlug stark, er klopfte an und trat ein. , .... ... . Die noch junge Schloßherrin kam ihm entgegen, begrüßte ihn freundlich und brückte seine Hand. Es freue sie, ihn zu sehen, sie entsinne sich seiner noch aus der Zeit, da er nicht größer gewesen sei al-> so; jetzt se, er ein großer Mann ... Und es war, als wollte die Schloßherrin noch mehr sagen, lange hielt sie seine Hand und sah ihn forschend an. Auch der Schloßherr kam hinzu und reichte ihm die Hand. Wie seine Frau gesagt habe, ein großer Mann, in mehr als einer Beziehung. Em berühmter Mann. Sehr erfreut ... . Er wurde Herren und Damen vorgestellt, dem Kammerherrn, der seine Orden trug, der Frau Kammerherrin, einem Gutsbesitzer aus der Nachbargemeinde, Otto, dem Leutnant. Victoria sah er nicht. Sine'qeraume Zeit verstrich. Victoria trat ein, bleich, sogar unsicher; sie führte ein junges Mädchen an der Hand. Sie gingen rund durch ben Saal, begrüßten alle, sprachen kurz mit jebem. Vor Johannes blieben sie stehen. Victoria lächelte und sagte: . „ — Sehen Sie, hier ist Camilla, ist bas nicht eine Ueberraschung? Ihr kennt einander. .... . ... ... Sie blieb ein wenig stehen und sah die beiden an, bann verlieh sie ben Saal. . Im ersten Augenblick blieb Johannes starr und betäubt auf dem Fleck stehen. Das war die Ueberraschung; Victoria hatte freundlichst eine andere an ihre Stelle gesetzt. Hört nun, geht hin und nehmt einander, Ihr Menschen! Der Frühling steht in Blüte, die Sonne scheint; macht die Fenster auf, wenn Ihr wollt, denn im Garten ist ein Duft, und in ben Birkenwipfeln draußen fingen auch die Stare. Warum sprecht Ihr nicht miteinander? Aber so lacht doch! Ja, wir kennen einander, sagte Camilla offen. Hier geschah es, daß Sie mich damals aus dem Wasser zogen. . Sie war jung und hell, munter, rosenrot gekleidet, in ihrem siebzehnten Jahr. Johannes biß die Zähne zusammen, lachte und scherzte. Nach und nach fingen ihre fröhlichen Worte an, ihn wirklich aufzumuntern, sie sprachen lange zusammen sein Herzklopfen nahm ab. Sie hatte noch aus ihren jüngeren Jahren die reizende Gewohnheit, den Kopf schief zu legen und abwartend zu lauschen, wenn er etwas sagte. Er erkannte sie wieder, sie überraschte ihn nicht. Victoria kam wieder herein, sie nahm den Leutnant beim Arm, zog ihn mit sich und sagte zu Johannes: .... Kennen Sie Otto, — meinen Verlobten? Sie erinnern sich seiner wohl noch. GiehenerZamilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger Und das Essen fing an. ' „ ., , Der alte Hauslehrer erinnerte sich an Johannes, aus der Zeit, als dieser noch ein Kind war, und es kam ein Gespräch zwischen ihnen zustande. Er erzählte, daß auch er in seinen jungen Tagen die Dichtkunst betrieben habe, die Manuskripte lägen noch da, Johannes solle sie bei Gelegenheit einmal zu lesen bekommen. Heute sei er hierher zu diesem Jubeltag des Hauses gerufen worden, damit er an der Freude der Familie über Victorias Verlobung teilnehmen könnte. Der Schloßherr und die Schlohherrin hätten ihm aus alter Freundschaft diese Ueber- raschung bereitet. Ich habe nichts von Ihnen gelesen, sagte er. Ich lese mich selbst, wenn ich etwas lesen will; in meiner Schublade liegen Gedichte und Erzählungen. Sie sollen nach meinem Tod herausgegeben werden; ich möchte doch, daß das Publikum erfährt, wer ich war. Ach ja, wir Weiteren vom Fache sind nicht so flink mit dem Druckenlassen, wie man es gegenwärtig ist. Ihr Wohl! Die Mahlzeit schreitet weiter. Der Schloßherr klopft an sein Glas und erhebt sich. Sein vornehmes, mageres Gesicht ist bewegt vor Erregung, und er erweckt den Eindruck, als wäre er sehr froh. Johannes senkt den Kopf tief. Sein Glas ist leer und niemand gibt ihm etwas; er füllt es selbst bis zum Rande und läßt den Kopf wieder finken. Nun kam es! Die Rede war lang und hübsch und wurde mit großem und freudigem Lärm entgegengenommen. Die Verlobung war erklärt. Eine Menge guter Wünsche strömten von allen Seiten des Tisches bei der Tochter des Schlohherrn und dem Sohn des Kammerherrn zusammen. Johannes trank sein Glas aus. Einige Minuten später ist seine Zerrissenheit von ihm gewichen, seine Ruhe zurückgekehrt; der Champagner brennt gedämpft durch seine Adern. Er hört, daß auch der Kammerherr eine Rede hält, und daß wieder Bravo und Hurra gerufen und mit den Gläsern angestoßen wird. Einmal sieht er zu Victorias Platz hinüber; sie ist bleich und scheinbar gequält, sie blickt nicht auf. Dagegen nickt Camilla ihm zu und lächelt, und er nickt zurück. Der Hauslehrer neben ihm spricht weiter: Es ist schön, es ist schön, wenn zwei einander bekommen. Dieses Los habe ich nicht gezogen. Ich war ein junger Student mit großen Aussichten, viel Begabung; mein Vater hatte einen alten Namen, ein großes Haus, Reichtum, viele, viele Schiffe. Ich darf also sogar sagen, ich hatte sehr große Aussichten. Auch sie war jung und aus einem vornehmen Haus. Ich gehe also zu ihr hin und öffne ihr mein Herz. Nein, antwortet sie. Können Sie sie begreifen? Nein, sie wolle nicht, sagte sie. Ich tat, was ich konnte, arbeitete weiter und trug es wie Mann. Da tarnen die Unglücksjahre meines Vaters, Verluste, Bürgschaftsschulden, kurz gesagt, er machte Bankrott. Was tat ich da? Trug es wieder wie ein Mann. Und jetzt kam tatsächlich sie, das Mädchen, von dem ich eben sprach, zu mir. Sie kommt, sucht mich in der Stadt auf. Was wollte sie von mir? werden Sie fragen. Ich war arm geworden, ich hatte eine kleine Lehrerftelle erhalten, alle meine Aussichten waren verschwunden und meine Gedichte in die Schublade geworfen, — jetzt kam sie und wollte. Wollte! Der Hauslehrer sah Johannes an und fragte: Können Sie sie begreifen? Aber nun wollten Sie nicht? Konnte ich, frage ich? Entblößt, entblößt, nackt, eine Lehrerftelle, nur Sonntags Tabak in der Pfeife — wo denken Sie hin? Ich konnte ihr das doch nicht antun. Aber, ich sage nur, können Sie das begreifen? Und was wurde dann aus ihr? Ach Gott, Sie antworten mir nicht auf meine Frage. Sie verheiratete sich mit einem Kapitän. Das war im Jahr darauf. Mit einem Kapitän der Artillerie. Ihr Wohl! Johannes sagte: Man sagt, es gebe gewisse Frauen, die einen Gegenstand für ihr Mitleid suchen Geht es dem Mann gut, so hassen sie ihn und fühlen sich überflüssig; geht es ihm schlecht und wird er zu Boden gedrückt, so triumpieren sie und sagen: hier bin ich. Aber warum schlug sie nicht ein, als die Zeiten noch so gut waren? Ich hatte Aussichten wie ein kleiner Gott. Sic wollte eben warten, bis Sie zu Boden gedrückt wären. Wer weih das? Aber ich wurde nicht zu Boden gedrückt. Niemals. Ich behielt meinen Stolz und gab ihr einen Korb. Was sagen Sie nun? Johannes schwieg. Aber Sie haben vielleicht recht, meinte der alte Hauslehrer. Bei Gott und allen Engeln, Sie haben recht, mit dem, was Sie sagen, brach er plötzlich aus, neu belebt, und trank wieder. Schließlich nahm sie einen alten Kapitän: sie pflegt ihn, füttert ihn und ist Herr im Hause. Einen Kapitän der Artillerie. Johannes sah auf. Victoria saß mit ihrem Glas in der Hand da und starrte zu ihm herüber. Sie hielt ihr Glas in die Höhe. Er fühlte sich von einem Stoß durchzuckt, und auch er ergriff fein Glas. Seine Hand zitterte. Da rief sie laut feinen Nebenmann an und lachte; es war der Name des Hauslehrers, den sie rief. Gedemütigt stellte Johannes fein Glas nieder und lächelte sogar ratlos vor sich hin. Alle hatten ihn angesehen. Der alte Hauslehrer war ob dieser freundlichen Aufmerksamkeit seiner Schülerin bis zu Tränen gerührt. Er beeilte sich und tränt aus. Und da gehe ich nun umher, ich alter Mann, fuhr er fort, gehe umher hier auf der Welt, allein und unbekannt. Das wurde mein Los. Niemand weiß, was in mir wohnt; aber niemand hat mich murren hören. Kennen Sie die Turteltaube? Ist es nicht die Turteltaube, dieses tieftraurige Tier, das das klare, helle Quellwasser erst trübt, ehe cs daraus trinkt? Das weih ich nicht. Nein, freilich. Aber es ist schon so. Und so mache ich es auch. Ich bekam die nicht, die ich im Geben haben wollte, doch ich bin trotzdem durchaus nicht so arm an Freuden. Aber ich trübe sie mir erst. Da kann die Enttäuschung hinterher nicht Uebermacht über mich bekommen. Sehen Sie Victoria. Sie trank mir jetzt zu. Ich bin ihr Lehrer gewesen; jetzt wird sie sich verheiraten, und das freut mich, ich fühle dabei ein rein persönliches Glück, als wäre sie meine eigene Tochter. Jetzt werde ich vielleicht der Lehrer ihrer Kinder. Doch, es gibt wirklich trotz allem mancherlei Freuden im Beben. Aber was Sie da über das Mitleid und die Frau und den gebeugten Nacken sagten — je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr scheint es mir, daß Sie recht haben. Weiß Gott, Sie haben ... Entschuldigen Sie einen Augenblick. Er stand auf, ergriff sein Glas und ging zu Victoria. Er schwankte bereits ein wenig auf den Seinen und ging sehr vornübergebeugt. Mehrere Reden wurden gehalten, der Leutnant sprach, der Gutsbesitzer aus der Nachbargemeinde trank auf die Frau im allgemeinen, auf bas Wirken der Frau im Hause. Plötzlich stand der Herr mit den Diamantknöpfen auf und nannte Johannes' Namem Er habe die Erlaubnis dazu erhalten, er möchte dem jungen Dichter einen Gruß von den Jungen überbringen. Es waren lauter freundliche Worte, ein wohlgemeinter Dank der Gleichaltrigen, voll Anerkennung und Bewunderung. Johannes traute beinah feinen eigenen Ohren nicht. Er fragte den Hauslehrer flüsternd: Spricht er von mir? Der Hauslehrer antwortete: Ja. Er kam mir zuvor. Ich wollte es selbst tun. Victoria bat mich bereits heute nachmittag darum. W e r bat Sie darum, sagten Sie? Der Hauslehrer starrte ihn an. Niemand, antwortete er. Während der Rede richteten sich aller Augen auf Johannes, sogar der Schloßherr nickte ihm zu, und die Frau des Kammerherrn nahm ihr Lorgnon vor die Augen, um ihn anzusehen. Als die Rede zu Ende war, tranken alle. Sie müssen jetzt erwidern, sagte der Hauslehrer. Er hat Ihnen eine Rede gehalten. Eigentlich wäre das einem Aelteren vorn Fache zugekommen. Außerdem stimme ich durchaus nicht ganz mit ihm überein. Durchaus nicht. Johannes sah über den Tisch zu Victoria hinüber. Sie hatte diesen Herrn mit den Diamantknöpfen zum Reden veranlaßt; warum hatte sie das getan? Erst hatte sie sich an einen anderen deswegen gewandt, schon während des Tages hatte sie daran gedacht; weshalb? Nun saß sie da, blickte nieder, und keine Miene verriet sie. Plötzlich läßt eine tiefe und heftige Erregung seine Augen feucht werden, er hätte sich ihr zu Füßen hinwerfen und ihr danken mögen, ihr danken. Er wollte es später tun. Nach dem Essen. Camilla saß da und sprach nach rechts und nach links und lächelte über das ganze Gesicht. Sie war zufrieden, ihre siebzehn Jahre hatten ihr nichts als eitel Freude gebracht. Sie nickte Johannes wiederholt zu und machte ihm Zeichen, daß er sich erheben solle. Er stand auf. Er sprach kurz, seine Stimme klang tief und erregt: Bei diesem Fest, mit dem das Haus ein freudiges Ereignis feiere, fei auch er — ein ganz Außerhalbstehender, aus feiner Unbemerktheit hervorgezogen worden. Er möchte der danken, die diesen liebenswürdigen Einfall zuerst gehabt, und dem, der ihm so viele angenehme Worte gesagt habe. Aber er möchte auch nicht vergessen, das Wohlwollen anzuerkennen, womit die ganze Gesellschaft sein — des Außerhalbstehenden — Lob angehört habe. Das einzige Anrecht, hier bei dieser Gelegenheit überhaupt anwesend zu sein, gebe ihm nur die Tatsache, daß er der Sohn des Nachbarn im Walde sei ... Ja! rief plötzlich Victoria mit flammenden Augen. Alle sahen sie an, ihre Wangen waren rot, und ihre Brust wogte. Johannes hielt inne. Ein peinliches Schweigen trat ein. > Victoria? sagte der Schloßherr erstaunt. Fahren Sie fort! rief sie wieder. Ja, das ist Ihr einziges Anrecht; aber sprechen Sie weiter! Dann schloß sie plötzlich die Augen, sie fing an, hilflos zu lächeln und den Kopf zu schütteln. Darauf wandte sie sich an ihren Vater und sagte: Ich wollte nur übertreiben. Er übertreibt ja selbst. Nein, ich wollte nicht stören ... Johannes hörte diese Erklärung und fand einen Ausweg; fein Herz schlug hörbar. Er beobachtete, wie die Schloßherrin Victoria mit Tränen in den Augen und mit unendlicher Nachsicht betrachtete. Ja, er habe übertrieben, sagte er; Fräulein Victoria habe recht. Sie sei so liebenswürdig gewesen, ihn daran zu erinnern, daß er nicht allein der Sohn des Nachbarn, sondern auch der Spielkamerad der Schloßkinder in der Jugendzeit gewesen sei, und diesem letzten Umstande verdanke er nun seine Anwesenheit hier. Er danke ihr, so sei es. Er sei hier zu Hause, die Wälder des Schlosses seien einmal seine ganze Welt gewesen, hinter denen das unbekannte Land, das Abenteuer blaute. Und in jenen Jahren hätten Ditlef und Victoria oft nach ihm gesandt, um ihn zu einem Ausflug oder zu einem Spiel zu rufen — das feien die großen Erlebnisse seiner Kindheit gewesen. Später, als er darüber nachgedacht habe, habe er erkannt, daß diese Stunden eine ungeahnte Bedeutung für sein Leben gehabt hätten, und wenn es sich so verhielte — wie eben gesagt worden sei —, daß das, was er schreibe, mitunter auf flamme, so käme das von den Erinnerungen an jene Zeit, die ihn entzündeten; es fei der Widerschein eines Glückes, das zwei Kameraden ihm in feiner Kindheit bereitet hätten. Deshalb hätten auch sie einen großen Anteil an feinen Arbeiten. Zu den allgemeinen guten Wünschen anläßlich der Verlobung möchte er daher noch einen persönlichen Dank an die beiden Schloßkinder hinzufügen, für die schönen Jahre der Kindheit, für damals, da weder die Zeit noch das Leben zwischen sie getreten war, für jenen frohen, kurzen Sommertag ... (Fortsetzung folgt.) Kräuterspruch. Von Josef Weinheber. Sieben so gut wie neun, Baldrian, Dill und Lein, Hagebutt bricht den Stein, Minz und Wermut drein. Butzbann, Hexentrutz, • Blitz-, Hagel-, Feuerschutz; Saat, Vieh und Mensch zunutze Kron, Stengel, Stutzl Anis und Enzian steht aus kein' Doktor an. Akelei und Majoran, Leiden wohlgetan. Legs zu der Krippen hin, birg's in der Scheuer drin, wirf's auf die Flamm', daß brinn Speit und Rosmarin! Mop, auch Quendel gut, Vorsicht beim Fingerhut! Boretsch, der recht das Blut wieder säubern tut. Farnkraut in' Sack hinein, wird ein gut's Schlafen sein. Nimmt dir die Gliederpein besser dann der Wein. Sieben so gut wie neun, laß norm Altar benebeln; soll dir an Sankt Marein großer Segen sein. Schwerer Abend. Erzählung von Hermann Stahl. Mit diesem Beitrag stellen wir einen jungen Dichter vor, von dem jetzt ein umfangreicher Roman „Traum der Erde" als Erstlingswerk erscheint. Im Haus des Schmiedes sahen sie beim Abendessen. Der Schmied, die Frau Henrike, der Sohn. Horcht, sagte Henrike. Der Schmied streckte den Kopf vor und sah fragend seine Frau an. Sie deutet« mit einem kurzen Kopfnicken nach oben. Hm, brummte der Schmied. Er taucht« den Löffel in seinen Teller und spießte große Stücke Kartoffel auf die Gabel. Frau, sagte der Schmied, gib mir ein Stück vom Geräucherten. Eilige Schritte erklangen im Hof, dann wurde an bas Fenster geklopft. Schnned! Des Schmiedes Frau ging rasch zum Fenster und öffnete. Draußen stand Karline, des Emil Stürzers Frau. Sie lugte blinzelnd in die dunkelnde Küche. Schmied, rief sie, komm rasch zu uns, das Kalb kann nicht kommen! Ist es die Blesse? fragte des Schmiedes Frau. Ja, ja, rief Karline, es gibt ein Unglück. Seit heute mittag ist die Kuh schon dran! Und das Kalb kommt nicht! Ich muß noch ein paar holen! Sie tief davon! Die Schmiedefrau schloß das Fenster und ging zum Tisch zurück. Iß erst fertig! rief sie dem Schmied zu. Aber der stand auf. Wo ist meine Jacke? schrie er. Henrike lief hinaus und holte die Jacke. Er fuhr mit feinen Fäusten aufgeregt in die Aerrnel. Hilf mir doch? schrie er Henrike zu. Ja! ries Henrike. Fahr hinein! Seid doch nicht so aufgeregt allesamt! fchrie der Schmied. Damit lief er aus der Türe; er schlug sie krachend hinter sich zu. Es war nicht weit bis zu Stürzers Stall. Aus dem kleinen viereckigen Stallfenfter an der Vorderfront leuchtete gelbes Licht. Der Schmied öffnete die Türe. Vier Männer standen um die Kuh versammelt, beim Eintritt des Schmiedes hoben sie die Köpfe. Er trat zwischen sie. Was ist es? fragte er. Die Männer kratzten sich den Kopf. Einer meinte: Es wäre besser, wenn wir den Doktor holten. Laßt mich mal sehen, sagte der Schmied. Seine Stimme klang in dem niedrigen Stall sonderbar gedämpft. Die Kuh stand. Sie bewegte unruhig, wie sucherch, den Kopf. Ihre Flanken überlief ein Zittern. Der Schmied klopfte auf ihre Hinterbacken. Du muß dich legen, sagte er freundlich. Er ging zum Kopf der Kuh und griff ihr an das Maul. Jaja, sagte er. Jaja. Er wiegte den Kopf und sah Emil Stürzer an. Sie kalbt zum drittenmal, sagte der. Die andern zwei Kälber sind gut gekommen, da brauchte ich keine Angst zu haben. Was machen wir? Sie kann mir doch nicht kaputtgehen? Mhmh, brummte der Schmied. Er sah sich im Kreise um. Die Männer hockten auf Kisten, Eimern, sie sahen sich an. Emil stand über die Wand des Schlages gebeugt. Die Männer standen auf. Wollen mal sehen, sagten sie. Sie griffen zu. Emil hielt den Kops. Der Schmied stemmte sich hinter die Flanke der Kuh. Eins, zwei! rief der Schmied. Die Kuh wankte. Der Schmied hob den Kopf, er kniete neben der Flanke der Kuh, sein Gesicht war dunkelrot, er sah aus wie ein Riese. Die Narbe auf seiner Stirn war ein breiter Streifen. Schweiß rann ihm über die Backen in den Bart. Nochmal! rief er Sie packten an. Die Kuh brummte kurz, sie warf den Kopf mit einem Ruck auf. Die Männer schnauften. Heee? fchrie der Schmied. Langsam, gut! Dann lag die Kuh. Sie wischten sich die Stirnen. So, sagte der Schmied zufrieden. Er dehnte die Schultern und streckte die Arme zurück, er atmete schnaubend. Er griff tastend über den Bauch der Kuh hin. Es liegt nicht richtig, sagte er bedachtsam. Er wiegte den Kops. Ja, und ich sage, wir sollten den Doktor holen, rief wieder einer der Männer. Emil Stürzer sah von einem zum andern. Er kratzte sich den Schädel. Was meinst du? fragte er den Schmied. Hol Wasser und Seife und eine Schere, und Del, und einen sauberen Strick, antwortete der. Vorläufig holen wir den Doktor nicht, entschied der Schmied. Emil brachte das Verlangte Der Schmied knöpfte sich die Aerrnel auf. Er zog Jacke und Hemd aus. Nackt bis zum Gürtel stand er und wusch sich die Hände und die Arme. Das gelbe Licht der Lampe traf feine Schulter. Die Männer wichen einen Schritt zurück, als er sich aufrichtete und nach dem Handtuch griff. Die Kuh wälzte sich. Sie hob sich aus die Vorderbeine, zitternd, schwerfällig stand sie aus. Sie schwankt«. Sie begann zu trampeln. Holla! schrie der Schmied. Er schnitt noch an seinen Fingernägeln. Emil reichte ihm die Flasche mit dem Del. Der Schmied rieb sich die Hände ein. Dann stand er hinter der Kuh. Die Männer standen daneben. Emil hielt den Kopf der Kuh. Der Schmied griff zu Es liegt nicht richtig, sagte er. Er schüttelte den Kops. Er sah sich um. Gib mir den Strick, sagte er. Was ist es? fragte Emil. Ach, sagte der Schmied und mühte sich mit dem Strick, es ist nicht so schlimm. Es ist ... Die Kuh war unruhig Emil biß sich auf die Lippen. Nur die Ruhe, Emil, sagte der Schmied. Er zog. Das gelbe Licht spielte auf seinen Schultern, Bergen von Muskeln. Die Männer sahen ihn an. Sie hielten die Kuh. Die Kuh trat. Brot, schrie der Schmied, gebt ihr Brot. Emil stürzte hinaus, Brot zu holen. Sie hat schon sechs Stück gefressen, rief er, ich kann ihr doch nicht soviel Brot geben, rief er. Sie wird mir krank! Wenn sie es nimmt, ist es gut, rief einer. Halt doch dein Maul! fchrie der Schmied, und pack an! Er schnaufte, seine Schultern hoben und senkten sich wie ein Blasebalg. Emil kam mit altem Brot zurück. Er stand bei dem Kopf der Kuh, er hatte ein Messer in der Hand und schnitt dicke Stücke von dem Brot. Sie frißt! rief er. Auf seiner Stirn perlten Schweißtropfen. Der Schmied trat zurück. Er holte tief Atem. Heiß, rief er. Verdammt noch mal! Der Kopf liegt nicht richtig, schrie er, er liegt nicht auf den Seinen! Er kratzte sich mit der Schulter am Kinn. Die Männer schwiegen. Er hantierte wieder mit dem Strick. So! schrie er, es ist gemacht! Wir wollen ziehen, riesen sie. Der Schmied nickte. Auf seiner Brust rannen di« Schweißtropfen zu kleinen Bächen. # Zwei Männer stemmten sich gegen die Kuh. Emil stand bei dem Kopf. Er umklammerte mit beiden Händen die Stirn der Kuh, als hielte er sie gegen einen, der sie ihm fortnehmen sollte. Er starrte den Schmied an. Geht cs? fragte er. Sie hatten Stroh hinter die Kuh gebreitet. Sie zogen an. Sie schwitzten. Die Kuh zitterte auf den Seinen. Langsam, schrie der Schmied. Lang—sam! Sie liehen los. Cs geht nicht, riefen sie durcheinander. Aber sie zogen von neuem an Lang—faaam — ho—opp! fchrie der Schmied. Sie packten fester zu. Der Strick war wie eine Saite Sefpannt. Jetzt langsam, jetzt langsam, schrie der Schmied Die Männer hnaubten. Emil bei dem Kopf der Kuh schluckte Speichel. Wenn sie mir nur nicht drauf geht! rief er jammernd. Ach was, fchrie der Schmied. Zieht wieder an. Also sest«! Sie ließen locker Sie wischten sich di« Stirnen.. Die Kuh stand jetzt ganz ruhig. Der Schmied klopfte ihr über die Flanke. Schön machen, sagte er, hör, schön machen! Er war dunkel im Gesicht, die weiße Narbe zeichnete sich lohend von der Stirn, fein Gesicht war bekümmert. Ran! rief er. Sie stemmten sich, sie zogen behutsam, aber mit aller Kraft. Des Schmieds Schultern glänzten naß. Jetzt kommt es! schrie der Klein«. Sie schwiegen. Die Seine tarnen. Sie konnten zugreifen. Nun hatten sie den Kops. Der Schmied lachte. Haha! schrie Emil. Es ist da! brüllte der Schmied. Es war ein starkes Bullenkalb. Es lag im Stroh, feine verklebten nassen Flanken atmeten wie ein Blasebalg. Er streckte die Beine ab. Die Männer standen um das Kalb. Holla! schrie der Schmied. Daß bald die Kuh in Ordnung kommt! Paß auf, Emil! Ich bleib dabei, rief Emil. Das ist doch klar. Karline war gekommen mit Salz, sie streute das Salz über das Kalb. Dann legten sie das Kalb zum Lecken vor die Kuh. Es ist alles heil! schrie der Schmied. Er wusch sich. Das Wasser spritzte aus dem Eimer. Karline reichte ihm das Handtuch. Er richtete sich auf Er sah sich im Kreis um. Das hast du gut gemacht mit dem Binden, lobte einer. Der Schmied hörte es nicht. Er zog sich an. Helft mir in das Hemd! schrie er. Sie lachten und zogen ihm die Aerrnel über die Fäuste. Emil kam mit Schnaps. Sie tränten einen, neben der Kuh. Dann gingen sie. Linier Sternen. Von Gottfried Keller. Wende dich, du kleiner Stern, Erde! wo ich lebe, Daß mein Äug', der Sonne fern, Sternenwärts sich hebe! Jywlig ist die Sternenzeit, Oeffnet alle Grüfte; Strahlende Unsterblichkeit Wandelt durch die Lüfte. Mag die Sonne nun bislang Andern Zonen scheinen, Hier fühl' ich Zusammenhang Mit dem All und Einen! Hohe Lust, im dunklen Tal, Selber ungesehen, Durch den majestät'schen Saal Atmend mitzugehen! Schwinge dich, o grünes Rund, In die Morgenröte! Scheidend rückwärts singt mein Mund Jubelnde Gebete! Besteigung des Kilimandscharo. X Von Sofie von Uhde. „Still, Bibi, still, die Elefanten kommen!" Und das wie eine Quelle dahin plätschernde Gespräch meiner vier Bantuneger verstummte jäh. Die schweren Lasten auf den geduldigen, schwarzen Wollköpfen, schieben sie sich lautlos, spähend wie Falken im Blau, das Buschmesser in der Hand, den verstrickten Urwaldpfad zur Höhe. „Still, Bibi, still!!" und mit raschem Griff zieht mich Pishi, der Koch, ins Dickicht, zitternd blaß, wie seine dunkle Haut es erlaubt, steht er neben mir. „Wo denn? Ich höre nichts!" Schon will ich mich lustig machen über seine Angst, da hebt sich, seltsam lautlos, ein dunkler Berg aus der Pflanzenwirrnis und durch das mannshohe Elefantengras des Wechsels kommt die Herde an, voran ein uralter Leitbulle, schwarz, verwittert, die gewaltigen Zähne gebräunt und beschädigt von vielen Kämpfen. Wenn er uns entdeckt, sind wir in wenigen Minuten zu Brei zerstampft. Aber ruhig zieht er mit der Herde vorbei, nur ein Baby, das den Beschluß macht, hebt den Kopf in unsere Richtung, bleibt stehen — Kind Gottes, verrat' uns nicht! — aber da holt schon der lange Rüssel der Mutter es energisch an sich heran und hinter der grünen Mauer der Lianen verschwinden die Kolosse. Das ist aber mal gut gegangen! Und bald plätschert der Redefluß meiner schwarzen Träger fröhlich wie vorher durch den endlosen Urwaldgürtel dahin, der fruchtbare Täler und wilde Lavaeinsamkeit voneinander trennt. Als die Nacht mit Purpur und Gold und raschem Dunkel in die Wälder einfällt, haben wir auf etwa 2700 Meter Höhe die Bismarckhütte erreicht, ein einsames und verlassenes Rasthaus, unter Luftwurzeln, Lianengerank und farrenbedeckten Aesten fast erstickt. Ein paar Matratzen finden sich im Wohnraum, ein Tisch, ein kleiner eiserner Ofen, in dem bald ein freudig begrüßtes Feuer prasselt; denn, nun die Sonne verschwunden ist, ist es recht unafrikanisch kalt hier oben. Meine braven Schwarzen haben mir schnell das Lager und den Abendtee gerichtet, nun sitzen sie draußen ums offene, flackernde Feuer, kochen ihren Maisbrei und singen seltsam eintönig in die Nacht. Unsichtbar Über der geschlossenen, schwarzen Wipfeldecke, dort wo der Himmel ist und die Sterne, steht flcts blasse Haupt des Berges, dem unsere Safari gilt: der Kilimandscharo. Der tiefe, wie Glocken tönende Morgengesang der schwarzweißen Colobusaffen weckt mich. Schon dämmert der Wald. Und bald schiebt sich unsere kleine Kolonne durch Tau und Kühl« weiter bergan. Nach wenigen Stunden öffnet sich der Urwaldgürtel vor einer wunderbar weiten und freien, mit wehendem Elefantengras bestandenen Hochebene und über ihr, fern noch, sehr fern, ragen die beiden Gipfel unseres Berges, der 5355 Meter hohe, schroffe Mawenzi und der 6010 Meter in den Weltraum ragende, gletscherbedeckte Kibo, Ziel unserer Wanderung. Ein heißer Tag, der uns über gewaltige Entfernungen, aber nur wenig zur Höhe gebracht hat, liegt hinter uns. Die wilde, afrikanische Sonne hat mir, trotz Tropenhut, schier das Hirn aus dem Kopfe geschmolzen, den dauerhaften, schwarzen Wollschädeln meiner Bantuneger hat sie nichts anhaben können. Nun setzen sie mit freudigem und erlöstem Geschrei ihre Lasten vor der kleinen Petershütte ab, die uns in 3800 Meter Höhe zur Nacht aufnimmt. Noch immer dehnt sich weithin Üppigste Bergslora, eine Quelle rauscht aus grüner Schlucht. Aber schon weht Über Busch und Blüte der lebensabgewandte, kalte Hauch der toten Höhen und der junge, silbern« Mond spiegelt seinen zarten Schein auf einem weißen, fernen Haupt. Mit todesmutiger Hintansetzung aller europäischen Begriffe esse ich, was meine Schwarzen mir da mit viel Eifer zusammengekocht haben: eine dunkle Mischung aus Mais, Zebrafleisch und einigen ebenso unergründlich wie verdächtig schmeckenden Geheimnissen, denen ich klugerweise nicht nachlorschte; Tee, in dessen sicherlich nicht abgekochtem Wasser allerhand schwimmt, was nicht hineingehört und Zucker dazu, in dem die interessantesten „Dudus" spazieren gehen, ein Sammelbegriff, unter dem man hier alle Lebewesen kleinen Ausmaßes versteht. Aber man bekommt allerhand gesunden Gleichmut in Afrika und zudem ist das Gesicht, mit dem Pishi mir diese Kostbarkeiten auftischt, so strahlend, so erwartungsvoll, was ich nun sagen werde, daß ich ihn über alle Zinnen lobe und alles aufesse, samt Dudus unb bangen Geheimnissen. Wir frieren ganz europäisch in dieser Nacht, vor allem die armen Schwarzen, die unter dem bis zur Erde verlängerten Dach auf dem blanken Boden liegen. Als mein Koch mir früh den Tee ans Bett bringt, hat er noch immer feine Decke über den Kopf gezogen und aus den Falten schaut fein gutes, schwarzes Gesicht mich klagend an: „Böses Berg, Bibi, schlechtes Berg!" Und eine verachtungsvolle Handbewegung tut ihn in Grund und Boden hinein ab. Ich überlasse ihm und seinen Kameraden eine Zigarettenschachtel und ein Säckchen Zucker zur freien Benutzung, da finden diese großen Kinder ihre strahlende Laune wieder. Mit Wasser und Holz bepackt, denn von beit)em ist höher oben nichts mehr zu finden, sind wir aufs neue einen Tag gewandert. Mählich ist Flora und Fauna hinter uns zurück geblieben, all die kleinen, üppigen, duftenden Büsche haben das weitere Vordringen zur Höhe aufgegeben und mit ihnen die scheuen Bergantilopen. Nur die flügelgeroaitXn Adler wiegen sich fern im kalten Blau und ab und zu steht noch eine verlorene, rötliche Strohblume zwischen den Steinen und erfüllt mit ihrem starken, süßen Duft die Dergeinsamkeit. Abweisend und schroff, ein roemg Neuschnee in den tiefen Fallen seines Gesteins, ragt der Mawenzigipsel neben uns empor. Meine Träger werfen sich ausruhend zu Boden und sind augenblicklich eingeschlafen; ich bin allein mit dem Berge, klein und einsam gegenüber seinem gewaltigen Angesichte, in dem runenhaft alle unlösbaren Rätsel Gottes stehen. Noch immer einen Tagmarsch fern, schwebt der weiße &bo, der Berg des Geistes, wie ihn die Eingeborenen nennen, im ewigen Blau und hat nichts mehr zu schaffen mit dem Reich der Menschen. Weiter! Weiter! Schon sind wir über Montblanc-Höhe, schon färbt sich Fels und Stein mit dem brennenden Purpur des Abends, schon erröten die keuschen Gletscher über uns unter dem Kuß des scheidenden Gestirns: da haben wir die Hans-Meyer-Höhle erreicht, tiefer, schwarzer Schlund in einem gewaltigen Lavabrocken, der bisher den Besiegern des Kilimandscharo zur Unterkunft diente. Wir haben es besser: ein wenig höher, auf 5000 Meter Höhe empfängt uns ein winziges Blechhäuschen, das vor einem Jahre auf 150 Trägerköpfen hier herauf geschleppt wurde und nun mit vier sauberen Matratzen, Bank und Tisch und einem kleinen, eifernen Oefchen, ein unbegreifliches Wunder von Geborgenheit und Heimat darstellt in der kalten, zerrissenen Lavawelt ringsum. Wir frieren maßlos; denn wir müssen sparen mit Holz und Wasser zum Tee. Mein braves Oefchen hält die Wärme noch eine Weile in dem kleinen Raum, aber die Schwarzen, deren ganze Unterkunft ein gegen die Felswand gelehntes Wellblech ist, haben's schwer. Beunruhigt wandere ich nachts durch die tiefen, eisigen Nebel, die uns eingehüllt haben, zu ihnen hinüber und finde sie in einer grotesken Vermummung: sie haben sich alles, was sie nur greifen konnten, selbst die Kochkessel, über die Köpfe gestülpt, getreu der merkwürdigen Eigenschaft des Negers, wenn ihn friert, vor allem den Kopf zu verhüllen; die langen, nackten Beine haben sie in die heiße Asche gegraben. Vorwurfsvoll und einem Aufstand nicht mehr ferne, schauen sie mir entgegen: „Böses Geist in Berg, Bibi, macht armes Neger tot! Schnell in Tal, schnell!" In einer furchtbaren Mischung aus Englisch, Deutsch und Kisuaheli reden sie auf mich ein. Nun heißt's raus mit den letzten Reserven! Ich greife mir den Pishi und händige ihm eine Trägerlast ein, um deren unbekannten Inhalt die großen, schwarzen Kinder schon immer voll Neugier standen. Unter Jubelgeschrei packten sie nun eine halbe Antilope aus, schon ein wenig duftend, wie sie der Neger liebt. Fleisch belebt und erwärmt ihn beinahe wie Alkohol; und so sitzen denn auch meine Vier bald in lautem Freudenrausch um das mit dem letzten bißchen Holz wieder entfachte Feuer und reißen das Fleisch in Stücke. So, diese Ermunterung reicht bis zum Aufbruch! Befriedigt ziehe ich mich in die Hütte zurück und erwarte auf meiner Matratze frierend den Morgen. Um drei Uhr rüsten wir uns. Die Nacht ist sternklar geworden und von einer beispiellosen Kälte. Ich wage die Neger, deren Widerstandskraft gegen Frost sehr gering ist, nicht länger dieser eisigen Nacht aus- zusetzen und schicke sie mit den Lasten zu der Petershütte zurück. S o schnell haben sie noch nie aufgeladen und mit seligem: „Kwaheri, Bibi!" rennen sie zu Tal. Nur Pishi bleibt bei mir, ein alter, treuer Boy noch aus der deutschen Zeit, härter und widerstandsfähiger als die anderen und schon zweimal auf dem Kibi gewesen. Hinter seiner voranschwankenden Laterne beginnt der letzte Anstieg. Ein schwerer Weg. Steiler, als alles bisher, der lose Lavaschotter gleitet unter den Füßen weg und macht das Gehen überaus mühselig; zudem beginnt mählich die Luft zum Atmen knapper zu werden, ein eisiger Wind, der vom Gipfel herabfällt, drückt allen Sauerstoff, der aus dem Urwaldgürtel aufsteigt, wieder ins Tal zurück. Wieder und wieder müssen wir rasten; doch bis zum Kraterrand werden roir’s schon schaffen und die letzten 300 Meter von dort bis zum eigentlichen Gipfel, der Kaiser-Wilhelm-Spitze, sind zu dieser Jahreszeit ja doch nicht zu machen, weil der Neuschnee nicht trägt; wir würden versinken. Stunde um Stunde verrinnt. Die Sterne verblassen jäh. im Osten steigt ein merkwürdig glanzloses, eisiges Licht empor und erhellt die Welt bis hinein in die fernsten Täler, bis hinein auch in die tiefen Gletscherspalten, die über und neben uns hinab ziehen. Da ist unser Ziel erreicht. Wir lagern, nach Lust ringend, unter dem Kraterrand. Schwarze Lavabrocken türmen sich um uns, seltsam dunkel gegen das glasklare, grüne Eis und gegen das Weiß des Schnees, erstorbene Zeugen ferner Erdenjugend, ein Bild von erdrückend starrer und toter Gewalt. Pishi schläft augenblicklich ein. Da schlägt mir die große Stunde einsamer Andacht, hoch über den Tälern, Höch über ihrem Glück und ihrem Leid, ihrer Schuld und ihren Verwirrungen. Noch sind sie in die silberne Farblosigkeit der Stunde zwischen Nacht und Tag getaucht. Aber meine große Felsenkirche hier oben erwärmt schon ein rosiger Schein auf dem weißen Haupt des Kibo, diesem Fußschemel Gottes, leuchtet der Morgensegen des ersten Sonnenstrahls. ^»rani wörtlich: Dr. Hans Lhyriot. — Druck un dB erlag: Drühl'sche Univ ersitätS-Duch« und S lein drucker ei, R. Lange, Gieße».