Gießener Zamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger Nummer 82 Zreitag, den 23. Oktober Jahrgang 1936 Die Halsbandgefchichte Erzählt von Wilhelm Schäfer Copyright by Albert Langen x Georg Müller Verlag, München 3. Fortsetzung. Dieses Halsband im ungeheuren Wert von anderthalb Millionen lag den Juwelieren Boehmer und Bassenge, die man kurzweg die Boehmers nannte, schon im elften Jahr lähmend auf dem Geschäft. Es war ursprünglich für die Dubarry bestimmt gewesen, der es der alte König kaufen sollte. Die Juweliere hatten Europa abgesucht nach schönen Diamanten, und im Geschmack der Dubarry und ihres Ludwigs ein plumpes Stück daraus gemacht, das alles überprahlte. Darüber aber war der König an den angesteckten Blattern eines Müllermädchens gestorben, das sie ihm selber zur Genesung beibrachte. Weil sie im Kloster das Diamanten-Halsband nicht mehr brauchen konnte, und weil die Antoinette als Königin gleichsam den hergebrachten Posten der königlichen Hausmaitresse selber verwaltete, so hatten die Juweliere das Prachtstück danach dem neuen König für seine Gemahlin vorgelegt. Vielleicht, daß die den Ursprung kannte, doch sicher auch, weil ihren heißen Kopf schon damals die Revanche an England für den Pariser Frieden bewegte: sie widersprach herzhaft den schon beginnenden Gerüchten von ihrer Verschwendungssucht mit einem Wort, das ihr die Herzen der Franzosen gewinnen sollte, obwohl dies nicht gelang: Eie hätten in Frankreich Schiffe nötiger als Schmuck. Danach versuchten es die Boehmers, die aus Sachsen und zähe Juden waren, nacheinander bei allen Höfen in Europa; doch was dem Sonnenkönig selber zu teuer war, das konnten die Trabanten noch weniger bezahlen. So daß die Boehmers, die außer ihrem eigenen Vermögen achthunderttausend Livres für die Diamanten verzinsen mußten, sich auf die Dauer nicht mehr halten konnten und immer hitzigere Versuche machten, der Königin von Frankreich das Halsband aufzuhängen. Als sich der Boehmer schließlich der Antoinette vergebens zu Füßen geworfen hatte, er müsse ins Wasser gehen, wenn sie den Schmuck nicht kaufe: beklagten sich die Juweliere bei jedermann, daß sie der Hof mit ihrer Kunst im Stich gelassen habe, und boten eine hohe Vermittlergebühr, wer ihnen zum Verkauf verhülfe. Der Laporte war von Schulden so geplagt, daß er die anständigen Gelegenheiten, sie los zu werden, schon nicht mehr von den andern trennen konnte. Er redete der Gräfin zu, den Schmuck zum wenigsten doch anzusehen. Sie ließ sich lange bitten, bis die Boehmers mit ihrem Stahlkästchen in der Rue Neuve-Saint-Gilles erscheinen durften. Und als sie ihr das Halsband zur Probe, damit sie vor dem Spiegel die Wirkung sähe, umhängen wollten, wehrte sie ungnädig ab: Der Schmuck sei viel zu schwer, nicht nur für ihre zierliche Person, und sie begreife, daß die Königin ihn nicht anlegen möchte. Sie sollten ihn zerteilen und die Diamanten einzeln verwerten, statt ihren Zinsverlust zu häufen. Wie wenn sie ihn vor solchem Schicksal schützen müßten, schlossen die Juweliere ihren Schmuck erschrocken wieder in das Kästchen: Das könnten sie natürlich alle Tage, wenn sie nur Diamantenhändler und keine Künstler wären. Sie brachten ihr Stahlkästchen mit der Meinung zurück, daß die Gräfin nur auf einen Wink der Königin so absprechend gewesen wäre, und leuchteten dem Laporte, der sich am selben Abend noch vorsichtig nach den Aussichten seiner Provision erkundigte, unwirsch nach Hause. Doch schien es diesmal, als ob die La Motte die allerhöchsten Launen nicht mitberechnet hätte; denn schon am andern Mittag ging eins von ihren Billetts der Königin nach Straßburg: Obwohl der ersehnte Augenblick noch nicht da sei, beschleunige sie seine Rückkehr eines geheimen Geschäftes wegen, das sie ihm nur durch den Mund der Gräfin anvertrauen könne. Darüber war es Weihnachten geworden und erst nach Neujahr erschien der Rohan in Paris. Die La Motte hatte viel vom Cagliostro gelernt; sie empfing ihn kalt und mißbilligend, wie wenn sie selber die Kammerherrin und für den Leichtsinn am Hofe verantwortlich wäre: Die Königin wünsche im geheimen das Halsband der Boehmers zu besitzen und wolle es aus den Ersparnissen ihrer Schatulle bezahlen. Sie ermächtigte ihn, den Kauf in ihrem Namen abzuschliehen, und werde ihm eine unterzeichnete Vollmacht zukommen lassen. Er möge die Termine mit den Juwelieren abmachen; vom 1. August ab von Vierteljahr zu Vierteljahr, so daß die Summe in zwei Jahren getilgt sei. Ihr Name aber dürfe, weil der Ankauf ohne Wissen des Königs geschehe, in dem eigentlichen Vertrag keinesfalls genannt werden, sondern der Kardinal müsse den Kauf für sie abschließen. Es war zum Abend in der Wohnung der Gräfin, wo sie ihm diese Eröffnung machte. Er saß im Hut und Mantel eines Klerikers vor ihr, weil er nicht wollte, daß ihn die Dienerschaft erkannte. Die lange Wartezeit in Straßburg und Zobern seit jenem Abend in Versailles hatte ihn verdrießlich gemacht, nun blieb er schweigend sitzen, so vorgebeugt, daß sie im scharfen Schatten des Kerzenlichtes seine Miene nicht erkennen konnte. Sie wartete nicht ab, was er ihr sagen würde, stand auf und blieb in eine Ecke des Zimmers abgewandt erbittert stehen; sie war in einem grünseidenen Hausgewand, in dessen Falten die Erregung ihres kleinen Körpers wie Wasser niederrieselte: Bis hierher ginge ihre Pflicht. Sie selber habe jhm zu sogen, daß sie nicht wünsche, noch einen Satz in dieser Angelegenheit mit ihm zu sprechen. Er möge der Königin schreiben, was sie als Vermittlerin nicht zu wissen brauche. So dürfe auch die Ehrfurcht und Verehrung sich nicht dem Leichtsinn einer Königin opfern. Sie wisse aber, daß es gefährlich sei, den Mächtigen zu widersprechen, und bäte ihn zu gehen, bevor ein weiteres Wort gefallen wäre. Die La Motte wußte, daß der Rohan, vom Cagliostro aufgereizt, den sonderbaren Argwohn hatte: sie selber hielte ihn nur hin — gar nicht im Willen der Königin — um ihre Wichtigkeit als Zwischenträgerin nicht zu verlieren. So mußte ihre Warnung den Verdrießlichen erst recht erhitzen. Er beeilte sich, den Cagliostro aus Lyon zurückzurufen, wo er die Seidenhändler von den Krankheiten des Reichtums heilte; und weil die Diplomatenkünste leicht zu einer Dummheit führen, die dem natürlichen Verstand nicht möglich ist: so legte sich der Kardinal auf seinen Rat mit einem Brief der holden Majestät zu Füßen, um sie mit dieser Heimlichkeit, der sich Marie Antoinette leichtsinnig ausliefere, ganz in der Hand zu haben. So konnte Mitte Januar die Gräfin Valois-La Motte zum freudigen Erstaunen der Juweliere mit der Nachricht zu ihnen kommen, daß ein hoher Käufer für das Halsband gefunden scheine. Doch würden ihnen bei dem hohen Preis natürlich Zahlungstermine vorgeschlagen, so daß sie ihnen empfehlen müsse, sich durch peinliche Abmachungen zu sichern. Sie selber möchte in dem Handel nicht genannt sein; auch wäre es ihr unangenehm, von ihnen mit einem Gefühl der Dankbarkeit bedacht zu werden. Sie fände nach wie vor, daß es für dieses Halsband am besten wäre, wenn seine Diamanten einzeln verwertet würden. Wenn sie den Ankauf trotzdem befürwortet habe, sei das aus andern als künstlerischen Gründen ge- fchehen. Die Juweliere verloren vor dieser resoluten Gräfin ihren ganzen Künstlerstolz; sie fanden bei solcher Selbstlosigkeit ihren Einfluß begreiflich und hüteten sich, die Goldwaage ihres Ehrgefühls durch irgendeine Erkenntlichkeit zu verstimmen. Freilich erstaunten sie und verstanden die Warnung der La Motte, als der verschuldete Kardinal Rohan als Käufer bei ihnen erschien. Er fand das Halsband gleich der Gräfin zu mastig, worauf die Juweliere in gekränkter Bescheidenheit erwiderten: es scheine ihnen, als würde dieser Tadel der Königin zuliebe nachgesprochen. Doch sei es ihnen nicht unbekannt, daß nur der Aerger über die böswilligen Gerüchte von ihrer Verschwendungssucht die Königin abgehalten habe, das Halsband zu erwerben. Vor ihnen selber habe sie das Halsband nur seufzend in das Kästchen zurückgelegt. Seufzend? spöttelte der Rohan und strich mit seinen Damenhänden leicht über die Diamanten wie an den Saiten einer Harfe hin. Es wird wohl Eure Zudringlichkeit mehr als das Halsband gewesen sein, was sie seufzen machte. Doch hörte er schon nicht mehr auf die beleidigten Beteuerungen; ihm selber hatte dieser Seufzer den letzten Hauch von Zweifeln fortgeblasen, und er verhehlte den Juwelieren nun nicht mehr, daß zwischen seiner Absicht, das Halsband zu erwerben, und den heimlichen Seufzern der Königin ein Zusammenhang nicht ganz unmöglich sei. Es wurde demnach ein Vertrag in allen Punkten durchgesprochen, und im Entwurf durch die La Motte angeblich der Königin unterbreitet, die einverstanden war. Am vorletzten Januar waren die Juweliere im Hotel Straßburg, die Abmachungen zu unterschreiben; am letzten brachte die Gräfin den Vertrag von der Königin zurück: in jedem Punkt genehmigt und am Schluß ausdrücklich mit Marie Antoinette von Frankreich unterschrieben. Die Königin wünsche, daß er als ein Pfand ihres Vertrauens in seinen Händen bleibe und niemand gezeigt würde. Darauf kamen die Juweliere am ersten Februar zwar mit der Kassette, jedoch mit unverhohlenen Bedenklichkeiten. Sie wußten, daß der Rohan im Besitze sehr großer Renten war, solange er lebte, bei seiner Verschuldung aber, falls er unterdessen starb, kaum eine Erbschaft hinterlassen konnte, auch nur einen Teil der Summe zu decken. Nun hatte er zwar angedeutet, daß er den Schmuck in einem hohen Auftrag kaufe; sie wollten aber in aller Demut wissen, bevor sie die Kassette wirklich aus den Händen ließen, wer diese hohe Stelle sei. So bedrängt, auch viel zu eitel in seinem Stolz, als der von heimlicher Gunst Besonnte dazustehen, zeigte der Kardinal den beiden die Unterschrift der Königin. Da sah der Boehmer den Bassenge an und der ihn wieder, und beide nickten der alten Weisheit zu, daß beim Hof die Hintertüren zu den Gemächern offen stehen, während die Portale vorn nur zu den Sälen der Wache führen, küßten das Stahlkästchen noch einmal zum Abschied und gingen beschämt und glücklich nach Haus, die Last so vieler schweren Jahre los zu sein. Am Abend dieses Tages wurde in Versailles am Place Dauphin die zweite Szene mit beschränkten Rollen gespielt, auf allerhöchsten Wunsch um sechs Uhr beginnend. Die La Motte hatte die Szenerie gestellt: durch Tapetenwände war eine Art Alkoven eingebaut, der durch eine Scheibe in der Tür einen verborgenen Einblick in das Zimmer erlaubte. Der Vorplatz draußen war hell erleuchtet, drinnen brannten nur zwei Kerzen vor dem Spiegel überm Kamin, durch blauseidene Spitzengardiuchen noch verhängt. Der Alkoven war dunkel bis auf den schwachen Straßenschein und auf das Licht, das durch die Scheibe in der Tür einfiel, so daß, wer darin war, vom Zimmer aus nicht gesehen werden konnte. Um sechs Uhr kam der Kardinal im Wagen. Sein Kammerdiener trug ihm das Kästchen die Treppe hinauf bis an die Tür: dort nahm er selber es unter den Mantel und trat mit seinen anderthalb Millionen in das ärmliche Theater ein, diesmal unverkleidet als Kardinal. Die Gräfin Balois-La Motte empfing ihn schwarz, die Spitzen um ihren schmalen Hals nur mit einer einzigen Perle sestgesteckt, die in dem dicken Licht bleich leuchtete wie ihr Gesicht. Wie wenn ihre Rolle das vorschrieb, schwieg sie, und weil er ihr das Kästchen nicht in die Hände geben wollte, bedeutete sie ihm, es auf die Marmorplatte am Kamin zu stellen, zwischen die beiden Leuchter. Er war durch seinen Cagliostro an solchen Umstand längst gewöhnt: So stand das Prachthalsband der Dubarry nach zehn Jahren endlich zwischen den Leuchtern der La Motte, die das Stahlkästchen mit einem blauen Schein beglühten, und über ihm auf einer goldverzierten Marmoruhr lächelte eine Statue der Empfindsamkeit. Es gehörte zu den Launen der Königin, daß sie manchmal warten ließ. Nach peinlichen Minuten einer durch keine Frage gestörten Panomime fuhr ihr Wagen vor und Schritte kamen aus der Treppe. Namens der Königin hörte der Rohan melden und zog sich auf einen Wink der Gräfin in den Alkoven zurück, wo er das Stichwort durch die Scheibe abwarten konnte. Im Hellen Licht der geöffneten Tür erkannte er eine schlanke Gestalt in schwarzer Seide, die der Gräfin in Unterwürfigkeit einen Brief hinreichte. Die schien leblos vor Würde, las die Adresse und tat den Ueberbringer mit einer Handbewegung hinaus Dann vom Gefühl ihrer Rolle doch überwältigt, winkte sie dem Kardinal und reichte ihm mit beiden Händen, sich tief verbeugend, den kleinen Lilienbrief. Sie sah ihn funkelnd an und todblaß, wie noch einmal zu warnen; erst als er ungeduldig abwehrte und mit dem Brief zurück in den Alkoven ging, klingelte sie dem Kammermädchen, den Boten wieder einzulassen. Dem übergab sie vor den Augen des Kardinals, dem durch die Scheibe nichts entging, mit starrer Feierlichkeit das Kästchen, das er mit ehrfürchtiger Verbeugung von ihr empfing Das Kammerkätzchen öffnete die Tür, mit ihm diskret verschwindend, und auf dem Theater stand die Gräfin mit dem Groß-Almosenier von Frankreich, dem Prinzkardinal Rohan, allein. Ihre Rollen waren so, daß sie nichts sagen konnten; nach einigen Minuten verließ der Rohan verwirrt von dem Ereignis das Gemach. Die kleine Jeanne blieb mitten darin stehen, bis das Geräusch von seinem Wagen verklungen war. Dann löschte sie die Kerzen und verschwand im Licht, das draußen den Borraum blendend füllte. In der Rue Neuve-Saint-Gilles zu Paris aber ging in dieser Nacht die Jeanne de Luz de Saint-Remy de Valois - La Motte wenig vom Spiegel fort. Das Halsband war zu schwer für sie; es funkelte wie Tau im Morgenlicht und stach mit roten und mit grünen Strahlen um ihren nackten Hals und ihr Gesicht. Der Graf und ihr Billette, der Sekretär der ganz geheimen Dinge, noch im schwarzseidenen Kleid der Pantomime, mußten sie umgeben mit Bewunderung. Und keiner ging zu Bett in dieser Nacht, sie legte das Halsband nicht ab bis in den frühen Mor- gen, weil es zum ersten und zum letztenmal von einem Menschennacken getragen wurde. Zwei Jahre lang hatten die Boehmers ganz Europa nach den Diamanten abgesucht, zehn Jahre hatte es gewartet auf einen königlichen Nacken; nun lasteten seine Steine aus den schmalen Schultern einer vom Hause Valois. VI. Es war nicht die Schuld der Jeanne, daß sie das Halsband nicht länger tragen durfte als diese eine Nacht. Sie konnte auch nicht, den Boehmers gleich, zehn Jahre lang auf einen Käufer warten. So mußte sie den Rat befolgen, den sie selber den Juwelieren gegeben hatte, das Halsband aufzuteilen und die Diamanten einzeln zu verwerten. Es war nur schade, daß sie keine Hebung in diesem kostspieligen Gewerbe hatte. So kam nicht jeder der Hunderte von Steinen auf die Behandlung, die ihm im einzelnen gebührte. Was nicht mit den Händen ausgebrochen werden konnte, wurde mit dem Messer abgestemmt, wobei leichthin für ein paar Tausend Livres bei einem ungeschickten Stoß zersplitterte. Auch daß die Diamanten in der Tischschublade sich wie Kieselsteine aneinander scheuerten, war nicht gut. Doch als die Boehmers nach ein paar Tagen in der Rue Neüve-Saint-Gilles speisten, war alles schon besorgt; die Juweliere saßen klug und bescheiden mit der Vertrauten der Königin zur Tafel und ahnten nicht, daß ihre fo mühsam und mit ungeheuren Kosten gesammelten Diamanten ihnen noch einmal so nahe waren; freilich schon gerüstet, in den Kreislauf der Welt zurückzukehren. Weil die La Motte zu ihren Diamanten keinen gefälligen Wappenrichter hatte, der ihr den Stammbaum dafür Herrichten und besiegeln konnte, fo war diese Rückkehr in die Welt heikler als die ihrige. Der Billette versuchte es zuerst und wurde, weil er — Anfänger noch in diesem Handel — die Preise zu ungeschickt ansetzte, am ersten Tag schon als Diamaniendieb verhaftet. Glücklicherweise verlor er gleich den Kopf mit dem Geständnis, daß er im Auftrag seiner Gräfin Valois - La Motte am Handeln fei; denn weil die Jeanne bei der geheimen Polizei schon längst bekannt war als eine von den Damen, die mit ihrem Einfluß bei Hof Geschäfte machten, und weil kein Diamantendiebstahl gemeldet war, ließen sie den Billette vorläufig wieder frei. Er sollte nun nach Holland reifen und hatte allen Mut verloren, so daß der Graf La Motte als Chef des Hauses sich selber entschließen muhte, mit dem Warenlager von einer Million in den Taschen nach England zu gehen, indessen der Sekretär der inneren Angelegenheiten zur Beruhigung der ängstlichen Gräfin in der Rue Neuve-Saint-Gilles Wohnung nahm. Es ging dem Grafen genau wie ihm: er verstand so wenig von den Preisen, daß er zur Sicherheit der Steine, von denen die schönsten plump beschädigt waren, in London zum Sitzen kam; bis wiederum die Polizei aus Paris die Weisung erhielt, ihn loszulassen, da kein Einbruch in Diamanten gemeldet sei. Danach gelang es ihm tatsächlich, für einige hunderttausend Livres Steine umzusetzen. Die Jeanne versuchte unterdessen mit kleinen Stücken ihre Künste in Paris, sie tauschte und verkaufte bei Juwelieren, bezahlte Schulden mit Diamanten und schickte zufällige Bekannte aus der Provinz herum mit Steinen aus einem angeblichen Familienschmuck. Gegen das Frühjahr brachte ihr die Steinsaat schon mehr Goldernte, als der Cagliostro mit seinem Stein der Weisen jemals schaffen konnte. Den Kardinal hatte sie zur Vorsicht wieder nach Zabern in den Wartestand geschickt, durch eins der blaubeschnittenen Billetts; nicht ohne noch einmal in Bescheidenheit vom Groß-Almosenier ihre üblichen Louisdor erwirkt zu haben. Die Nachrichten aus London tarnen immer günstiger; längst konnte sie den Bekannten verkündigen, daß der Graf beim Rennen in England große Gewinne mache; die Stimmung in der Rue Neuve-Saint-Gilles fing an, nach so viel Jahren gespannter Sorge sich behaglich ins Breite zu dehnen. Schon nahmen hohe Staatsbeamte und rechtschaffene Leute am Salon der Gräfin teil. Man munkelte, daß die verschwenderische Freundschaft der Königin eine neue Polignac gefunden habe; denn weil die Folgen der Gunst so sichtbar waren, zweifelte keiner, daß nun auf biefer zierlichen Gräfin der höchste Sonnenschein ruhte, der, wie ein frecher Spötter bemerkte, eigentlich ein Mondschein wäre, weil nach den Andeutungen der Gräfin die Königin die nächtlichen Besuche mehr als die andern zu lieben scheine. Als die Rennen in England dann vorüber waren, und der La Motte mit seiner Glückshand ein erhebliches Gepäck mitbrachte in Kleidern, Schmuck und Kunstgeräten, wie sie ein Mann von Welt besitzen muh, der seinen Reichtum würdig tragen will: war das Frühjahr schon in die heißen Tage geraten, so daß die Herrschaften sich aufs Land begeben mußten. Nun endlich kam der Tag, an dem die Jeanne de Luz nach ihren Träumen in die Heimat als eine anerkannte Fürstin vom Hause Valois einziehen konnte. Durch Wochen gingen die Kuriere, und im Mai begannen die Wagenzüge aus Paris, das Zubehör der Spiegelgalerie nach Bar-sur-Aube zu bringen, darin die Gräfin das Muster von Versailles noch übertreffen wollte. Die erstaunten Bürger sahen den Pater Loth als Hofmeister den Troß der fremden Handwerker kommandieren und den Billette die Betteljungen zum Spatz mit Livresstücken werfen, wie wenn im Dienst der Gräfin das Geld geflogen tarne. Die Gerüchte verstiegen sich ins Unermeßliche, auch in der Spottfucht, die sie um ihrer Beziehungen 3um Rohan willen die Kirchenfürstin nannte: und dennoch hatte das Talent der Jeanne gesorgt, daß ihre Wirtlichteit die tühnste Phantasie noch überraschte. Sie kam am letzten Maitag, bei tnallweißen Wolten und einem noch frühlingskalten Wind. Der Billette hatte vor dem Stadttor eine Tribüne errichten lassen und zwölf Mädchen ganz in Weiß gekleidet, die da mit Veilchen in silbernen Körbchen auf sie warten mußten. Die Stadtmufik zu Pferde stand beiseite in grünen langwallenden Gewändern. Er selber war stahlblau in Seide mit golden ziselierten Knöpfen an dem schlanken Rock. Um vier Uhr meldeten drei Schläge an der Turmglocke, daß ihr Wagen im Gesichtskreis der Stadt erschienen wäre. Die Musikanten spielten, daß die Gäule unruhig wurden, Vorreiter tarnen an auf schweißbedeckten Pferden, die Jungen mußten ihre Mützen schwenken, und die Alten, die da zu Hunderten standen, taten spöttisch und staunend mit, bis endlich unter Jubelrufen der Wagen selbst vierspännig anfuhr. Er war perlmutterfarben und mit weißem Tuch ganz ausgeschlagen, Kiffen und Decken aus weißem Atlas glänzten in der Sonne und trugen das Wappen der Valois, das an den Wagentüren umrahmt war von der Devise: „Vom König, dem Ahnherrn, nenne ich Blut, Namen und Lilien mein". Und wenn die Bürger von Bar-sur-Aube, deren nichtsnutzigste hier staunend gafften, auch niemals fo glänzende Lakaien gesehen hatten: ihre Augen hingen doch unverwandt an dem Neger, der mit Silberlitzen und -treffen aus dem Trittbrett stand. Selbst der Nicolas verschwand dagegen, trotz feinem scharlachroten und spitzenbesetzten Samtrock; und nur die Jeanne, die Herrin selber im weißen Atlas mit Girlanden aus schwarzem Samt und zarten Federsäumen, zog durch ihre Einfachheit die Blicke an, als der Billette vor ihr vom Pferde stieg und barhaupt an den Wagen schreitend mit Bersen sie willkommen hieß. Sie reichte ihm mit Lächeln ihre Hand, die er mit demütiger Verbeugung küßte, indessen der Graf steif auf- gerichtet wie die Lakaien sitzen blieb. Dann mußten die zwölf Mädchen von der Tribüne ihre Veilchen in den Wagen schütten, die Stadtmusikanten setzten ihre Gäule und Trompeten vor dem Wagen her in einen feierlichen Schritt, und unter Glockenläuten und Böllerschießen, wie eine Königin, zog Jeanne de Valois-La Motte in ihre Heimat ein, darin kein Fenster an der Straße, die sie zog, geschlossen blieb. Der Einzug endigte mit einem großen Fest, dazu ein jeder als Ehrengast geladen war, der, wie der aufgeputzte Herold in allen Gassen verkündigte, Wein und Kuchen einer Valois zu schätzen wisse. Und wie es angefangen hatte, fo ging das Schauspiel alle Tage, und jeden Abend war im Hause der Gräfin große Tafel, auch wenn sie selber nicht zu Hause war. Wer aber meinte, daß sie mit ihrem Glück dem Hochmut verfallen war, der mußte sich bekehren, als sie am dritten Tag schon mit der Prozession demütig nach Clairvaux ging, wo sie freilich vom Abt um der Beziehungen zum Rohan willen wie eine wirkliche Kirchenfürstin ausgenommen wurde. (Fortsetzung folgt.) Barbara Men. Von Theodor Fontane. Es war im Herbst, im bunten Herbst, wenn die rotgelben Blätter fallen, da wurde John Graham vor Liebe krank, vor Liebe zu Barbara Allen. Seine Läufer liefen hinab in die Stadt und suchten, bis sie gefunden: „Ach, unser Herr ist krank nach dir, komm, Lady, mach ihn gesunden." Die Lady schritt zum Schloß hinan, schritt über die marmornen Stufen, sie trat ans Bett, sie sah ihn an: „John Graham, du liehest mich rufen." „Ich lieh dich rufen, ich bin im Herbst und die rotgelben Blätter fallen, hast du kein letztes Wort für mich? Ich sterbe, Barbara Allen." ,Zohn Graham, ich hab ein letztes Wort, Du warst mein All und Eines; Du teiltest Pfänder und Bänder aus, mir aber gönntest du keines. John Graham, und ob du mich lieben magst, ich weiß, ich hatte dich lieber, ich sah nach dir, du lachtest mich an und gingest lächelnd vorüber. Wir haben gewechselt, ich und du, die Sprossen der Liebesleiter, Du bist nun unten, du hast es gewollt, ich aber bin oben und heiter." Sie ging zurück. Eine Weil oder zwei, da hörte sie Glocken schallen; sie sprach: „Die Glocken klingen für ihn, für ihn und für — Barbara Allen. Lieb Mutter, mach ein Bett für mich, unter Weiden und Eschen geborgen; John Graham ist heute gestorben um mich, und ich sterbe um ihn morgen. Erste Opfer für Oeulschsüdwest. Zum 50. Todestage von Lüderitz am 24. Oktober. Von Dr. Hermann Dreyhaus. Auf der Kattenburg in Lesum bei Bremen herrschte etwas ungemütliche Stimmung. Verwandte und Bekannte glaubten dem Hausherrn Adolf L ü d e r i tz den Plan ausreden zu müssen, durch eine abermalige Reise in das von ihm erworbene Schutzgebiet in Südwestasrika seine politische und wirtschaftliche Berechtigung zu erweisen. Die wohlmeinenden Stimmen vertraten die Ansicht, daß man im sechsten Lebensjahrzehnt nicht mehr auf Forschungsreisen gehe. Zudem habe Lüderitz seinem Volke dadurch übergenug getan, daß er in ihm den kolonialen Gedanken überhaupt erst geweckt und sogleich durch ein großes Beispiel erhärtet habe — „... wenn es auch nur eine wertlose Sandwüste ist", ergänzten die weniger freundlich Gesinnten. „Laß dir an der Ehre genügen und lebe deiner Familie und ihrem Besitz I" Solche Worte verletzten Adolf Lüderitz. In seinem Leben hatte er es nicht vermocht, sich mit der Erhaltung des Bestehenden zu begnügen. Nun aber, wo ihm gelungen war, den Baumeister des neuen Deutschen Reiches aus der europäischen Enge in die Weltweite zu führen, wo ein Kranz von Kolonien von Westasrika bis hin zur Südsee der deutschen Wirtschaft neue Wege wies, sollte er bei dem Abflauen der ersten Begeisterung das begonnene Werk nur aus der Ferne betreuen oder anderen überlassen — Nein, noch fühlte er sich nicht alt. Noch war ja überhaupt nicht der Ausgangspunkt feiner kolonialen Absichten zur Geltung gekommen: Siede- l u n g s l a n d wollte er seinem Volke geben, wo es Fuß fassen konnte zum Segen der Heimat! Für die Ersorschung des Schutzgebietes nach dieser Richtung war bisher so gut wie nichts getan. Es fehlte an geeigneten Männern. Was lag da näher, daß er selbst die Aufgabe ergriff, er, der Landwirt und Kaufmann, und der Schöpfer dieses Werkes, das in Pälde nach seinem Willen wachsen sollte! In Würdigung aller landeskundlichen Unterlagen dachte er Siedelungsland im Süden der Kolonie auf dem Norduser des Oranjeflusses unfern der Wüste zu finden. Bei der Durchführung seiner Reise erfuhr Lüderitz nur bei feiner Frau gleichbleibendes Verständnis. Sie hatte in den zwanzig Jahren ihrer Ehe gelernt, seine ungestüme Natur zu begreifen und mit ihrem weichen Herzen darin alle Härten zu mildern. Als er an einem leuchtenden Frühlingstage Ende April 1886 von ihr Abschied nahm mit den Worten: „Wir sind allerwärts in Gattes Hand!" fiel auch der letzte Rest von Sorge von ihr. Sie fühlte sich ihrem Manne verbunden in einem durch nichts zu erschütternden Gottvertrauen. * Lüderitz sah sich in feinen Hoffnungen nicht getäuscht. Als der Sommer in Europa auf der nördlichen Halbkugel zur Neige ging, bereitete sich auf der südlichen in Südwestafrika der Frühling vor. In dieser Zeit hatte Lüderitz längst den Hafen Angra Pequena verlassen und von der Missionsstation Bethanien im Innern des Landes aus den Weg in den Süden der Kolonie angetreten. Eine stattliche Karawane durchquerte das zunächst felsige, ständig grüner werdende Land. Am Tage des Frühlingsanfangs, am 21. September 1886, kam die Karawane in Nabas Drift am Oranje» fluß an. Nun konnte die eigentliche Forschungsreise beginnen. Die Ochsenwagen wurden mit ihrer Begleitung nach der Station Aus, halbwegs zwischen Angra Pequena und Bethanien, zurückgeschickt. Lüderitz aber fuhr mit drei deutschen Begleitern in zwei zusammenlegbaren Booten den Fluß abwärts. Fast einen Monat dauerte die Fahrt. Zweiundfünszig Sttom- schnellen muhten überwunden werden. Doch hatten die wackeren Pioniere die Genugtuung, auf dem Nordufer eine Steppenlandschaft zu beobachten, die eben ihr Frühlingskleid anlegte. Was Wunder, daß Lüderitz ausrief: „Hier ist das Land der Zukunft. Hier können Tausende von Deutschen als Schafzüchter ihr Brot finden. Wolle kann hier wachsen und in der Heimat die Spindeln in Bewegung halten!" In Aries Drift, 100 Kilometer vor der Mündung, wo bald die Namib, die böse Küstenwüste, beginnt, beendeten die Forscher ihre Fahrt. Sie hassten, von hier einen Boten nach Aus senden zu können, der die Ochsenwagen zur Heimführung der Expedition nach Angra Peguena herbeiholen sollte. Das Hauptziel der Fahrt, die Entdeckung von Siedlungsland, war erreicht. . Aber wie war Lüderitz entsetzt, als sich in Aries Drift weit und breit kein Bote fand! Sollte feine kleine Schar sich aufteilen, indem zwei den Weg nach Aus suchten und zwei bei dem Gepäck verblieben? — Dieser Gedanke lag am nächsten. Aber Lüderitz ließ ihn nicht aufkommen. Man lagerte nur hundert Kilometer von der Flußmündung entfernt. Konnte man mit dieser Fahrt nicht noch den Zweck verbinden, die nur wenig bekannte Mündung zu erforschen? Wenn man am Oranje siedeln wollte, mußten der Unterlauf und die Mündung von besonderer Bedeutung werden; die Boote hatten sich zudem bei der Flußfahrt über alles Erwarten gut bewährt. Sollte man es da von der Hand weisen, bei dem sanften Südwind mit einem Boot an der Küste entlang nach Angra Pequena zu segeln? Glückte das, dann war man in derselben Zahl von Tagen am Ziel wie über Land in Wochen, ohne daß man sich besonderer Strapazen aussetzte. Als Lüderitz seinen Gefährten diesen Plan darlegte, erschraken sie. Der Mitfahrer, Steuermann Steingröver aus Essen in Oldenburg, erhob schwere Bedenken: ein Boot von nur zwölf Fuß Länge sei auch in den Küstengewäsfern des Ozeans zu unsicher. Ein anderer schlug vor, mit beiden Booten den noch nicht hundert Kilometer südlich der Oranje- münbung liegenden englischen Hafen Port Nolloth aufzusuchen, von wo aus sich eine Schiffsgelegenheit nach Angra Pequena finden würde. Lüderitz jedoch wollte keine Umwege machen. Da erklärte sich Steingröver bereit, allein mit Lüderitz die Fahrt nach Angra Pequena zu wagen. Glückhaft ging die Fahrt auf der Flußstrecke bis zur Mündung. Hier rasteten die beiden kühnen Männer einige Tage bei einem burischen Farmer. Dieser riet ihnen dringend ab, sich auf das Meer hinauszuwagen, unterstützte sie aber doch nach Kräften, als sie auf der Durchführung ihres Planes bestanden. So fuhren sie am 23. Oktober 1886 an einem schönen Vormittag mit leichtem Südost aus der Oranjemündung nordwärts. Christtan, der älteste Sohn des Farmers, hatte mit Teilnahme das Tun der unerwarteten Gäste verfolgt. Wenn das Boot nicht gar zu klein gewesen wäre, hätte er seinen Vater um die Erlaubnis zur Mitfahrt gebeten, denn niemand kannte wie er die Küste bis zur Walfischbai. „Die Fremden können Glück haben, wenn das Wetter so bleibt", überlegte er. Trotzdem zitterte er für sie. Am Nachmittag hielt er es nicht mehr aus. Er sattelte fein Pferd und ritt auf das höchste Kopse. Nach langem Suchen entdeckte er das Segel nur wenig außerhalb der Barren, die der Oranjemündung weithin vorgelagert sind. Er atmete auf: nun konnte die Fahrt auf eine lange Strecke glatt oonftatten gehen. Am andern Morgen erwachte Christian in aller Frühe. Das Haus wurde vom Sturm gerüttelt. Die Windrichtung hatte gewechfelt. Ehristians erster Gedanke waren die beiden Deutschen. Bald war die Farm alarmiert. Christian jagte mit seinem Vater und einigen Bastards wieder zu dem Kopse, von dem er am Abend zuvor das Boot zuletzt gesehen hatte. Ein gewaltiger Anblick bot sich von der Bergkuppe. Der Ozean raste unter der Peitsche des Nordweststurmes. Wild schäumten die Kronen der Wellen auf. Die scharfen Augen der Afrikaner suchten die Fluten des Meeres ab. „Wenn sie noch am Leben sind, müssen sie zurückgetrieben und bald wieder in Sicht fein“, meinte der Farmer. Doch nirgendwo entdeckten sie ein Segel. „Wir wollen die Küste entlang reiten", entschied er bann, „vielleicht haben sie sich irgendwie retten können und sind jetzt in Not." Hastig ging es abwärts. Viele Meilen jagten die Reiter über den feuchten Strand. Von den Deutschen keine Spur — Mit beklommenem Schweigen hielt der Farmer inmitten seiner Schar. Alle entblößten ihr Haupt. „Das sind Gottes Wege", sagte er, „nun gehört dieses Land den Deutschen. Der es erworben, hat es durch das Opfer seiner selbst feinem Volke verbunden!" Okioberende. Dcm Ruth Schaumann. Der Gärtner macht die Beete klar, Gebeugt, daß er das Unkraut reute, Und unser Sohn formt Krippenleute Aus Wachs, das um den Honig war. Ein gelbes Lamm, ein blauer Hund, Die Jungfrau Magd, der Hirtenengel, Ein Vogel auf dem Brunnenschwengel Und Stroh in einer Krippe Grund. Oktober wird in Nächten kalt, Am Fenster schwanken tote Reben — Der Knabe legt ins Stroh mit Beben Des kleinen Kindes Wachsgestalt. Eroberte Schiffe. Aus dem Leben südamerikanischer Seeräuber. Von AntonSchnack. „M a r q u e s a." Das Schiff hatte von Spanien her eine mühselige Fahrt hinter sich, von Haifischrücken, vorüberrollenden Delphinen und großen Gewittern begleitet, und die Besatzung war froh, daß sie aus dem schwabbeligen Tang des Sargassomeeres heraus war, wo sie von einer fahlen Windstille über drei'Wochen festgehalten war. Zwischen den Inseln Espanola und Puerto Rico zeigten die Schiffskarten keine Korallenbänke. Aber in einer Nacht krachte es fürchterlich im Schiffsboden. Schwarz kam das Wasser herein. Alle schöpften die ganze Nacht, und erst am Morgen hatten die Zimmerleute den Riß mit Pech, Wachs und Werg verstopft und übernagelt. Nun hatte die „Marquesa" die Insel Monses hinter sich. Der ruhige Golf von Venezuela öffnete seinen Trichter ins Land. Abgefahren war das Schiff im Auftrage des großen Handelshauses Jose. Escondito in Granada. Cs hatte folgendes an Bord: Eisenwaren aller Art, Hämmer, Beile, Hauen, Stoffe in vielen Farben, Leinwand, Garn, Seife, Gewehrschlösser, Schuhe aus rotem Atlas für die reichen Kausmannsf rauen; auch anderes aus dem Mutterlands war bei der Ladung. Mit Kakao aus den Plantagen von Maracaibo, Gibraltar und Baracoa sollte die „Marquesa" zurückfahren: dafür war die Kaufsumme an Bord, die ein Sohn von Jose Escondito verwaltete und überwachte. Das Schiff wurde von l'Olonois, genannt der finstere Franz, zuerst im Mondlicht gesehen. In der Frühe standen die beiden Schiffe tief im Golf von Venezuela. L'Olonois hatte es, das etwas schwerfällig war, bereits überfegelt und gab ihm unvermittelt und rücksichtslos einen harten Morgen^-ruß. Der erste Schuß, den er abgab, stieß das Rahfegel der „Marquesa" um. Der bleiche Dominikanermönch, der unter dem Maste kniete und den Schutz Gottes gegen die Seeräuber anflehte, wurde von dem niederstürzenden Holz erschlagen. Eine Musketenkugel traf den Steuermann des spanischen Schiffes ins Genick. Er fiel um und verblutete unter seinem Steuerrad, das niemand mehr lenkte. Wilde Verwirrung kam unter die Spanier. Viele wurden bleich und verkrochen sich hinter die Stoffballen und Warenkisten, bis die Piraten sie mit Fußtritten hervorholten. Die Eroberung kostete l'Olonois nur zwei Leute, da die spanische Schiffsbesatzung sich schlecht zur Wehr setzte. Bevor er die Gefangenen mit finsterem Blick musterte, ließ er Geld und Waren sich zeigen. Vor seinen Augen wurde es abgezählt: die Silbertaler füllten drei große Truhen aus; die waren mit dicken Schlössern versehen, die geheimnisvolle und verborgene Tricks hatten. Es waren verschiedene Portugiesen unter der Besatzung, auch ein Franzose war dabei, der mit einer Spanierin in Maracaibo verheiratet war: diese ließ der finstere Franz bei sich. Die Spanier aber wurden ins Meer geworfen. Noch lange hielt sich der spanische Kapitän Juan Gallego über Wasser. Bis zum Schluß rief er den Namen „Jesus, Jesus, mein Gott!" Einige der Seeräuber bekreuzigten sich, wenn der Ertrinkende den Namen „Jesus" schrie. Aber keinem fiel es ein, ein Seil oder Holz dem Versinkenden zuzuwerfen. L'Olonois behielt den Sohn von Jnsö Escondito als Geisel. Immer lag er in Ketten und Handfesseln im untersten und finstersten Teil des Schiffes, wo die Ratten über fein Gesicht sprangen. Der Pirat nahm stracks Kurs nach Tortuga und verkaufte die ganze Schiffsladung an französische Juden, die lange mit ihm schacherten. „Das Schiff „Grande E a y a m a n". Das Schiff machte seinem Namen alle Ehre. Das Raubgeschwader von l'Olonois segelte um das Ostkap der Insel Espanola, als er den „Grande Cayaman" zu Gesicht bekam. L'Olonois, um diele Zeit verwöhnt, stolz, eitel und äußerst ruhmsüchtig, signalisierte seiner Flotte, datz er die Verfolgung und Eroberung des Spaniers allein unternehmen wolle. Er meldete weiterhin, das Geschwader möge inzwischen an der Siidklllte der Insel Savona ankern und Süßwasser einnehmen. Der „Grande Cayaman" kam aus San Juan de Puerto Rico, der gleichnamigen Insel und hatte Kurs nach dem neuspanischen Festland. An Bord hatte er allerbesten Kakao, der schon gemahlen war und das Schiff oanz eingestäubt hatte. Der August dieses Jahres brachte viel Gewölk, Regen und Luftunruhe. Das Meer war grau und unfreundlich, und aus Nordosten pfiff ein steifer und unbehaglicher Wind. Der „Grande Cayaman" wurde gut und geschickt gesegelt und entzog sich immer wieder den Manövern des „Speienden Drachen". So hieß damals das Flaggschiff von l'Olonois. Er hätte das andere niemals erwischt, wenn es nicht selbst auf ihn zugedreht hätte, wobei eine unvermutete Breitseite aus acht Geschützen losdonnerte. Die Kugeln, schlecht geschossen, klatschten wasser- sprühend ins Meer. Zwei Stunden dauerte die pfeifende Kanonade, hinüber und herüber, und da das Meer unruhig war, wurde von beiden Seiten wenig erreicht. Endlich gelang es einer Salve der Piraten, gemischt, mit Musketenschüssen der Scharfschützen, in die Besatzung und Geschützbedienung des „Grande Cayaman" eine blutige Gasse zu reißen. Leise fing auch das Deck zu brennen an. Unter großem Geschrei wurde gerammt, und um beide Schiffe lag ein bitterer Pulverrauch und verdüsterte alles mit seiner Wolke. Blitzschnell, verborgen in die bleigrauen Schwaden, kamen die Piraten mit den Dolchen zwischen den Zähnen und den Pistolen in der Hand an Deck und machten reinen Tisch. L'Olonois hatte außer sechzehn Kanonen, von denen eine während des Duells geplatzt war, hundertzwanzigtausend Pfund Kakao erobert, ungefähr zweihunderttausend Mark gemünztes Silber und dazu noch Juwelen erbeutet, die er gar nicht abschätzen konnte. Noch vor hereinsinkendem Abend ließ er den „Grande Cayaman" mit der Kakaoladung nach Tortuga gehen. Diesmal bekam der dortige Gouverneur die Ladung zur Verwertung. Zum Abzählen des Silbers brauchten sie auf dem „Speienden Drachen" Stunden. Zum Wiegen und Abzählen der Juwelenkörner viele Tage. Die Eroberung hatte dem finsteren Franz acht Mann an Toten und Verwundeten gekostet, die gefangenen Spanier wurden mit nach Tortuga gebracht, wo sie der Gouverneur erst auspeitschen ließ und dann als Stein- träger bei Befestigungsarbeiten verwendete. Das Schiff „San Pedrido." An der langgestreckten Insel Savona, wo süßes Wasser aus einer Felswand unmittelbar ins Meer stürzte, wartete l'Olonois mit seinem Raubgeschwader auf die Rückkehr der eroberten „Marquesa", die von Tortuga frischen Fleischproviant mitbringen sollte. Gemächlich ließen sie die Fässer mit Wasser vollaufen. Von der nahen Küste der Insel Espanola kamen prächtig geputzte Mischlingsweiber herüber und lachten. Waren die Piraten nicht bei diesen Schönheiten, so stiegen sie aus den Felsen umher und sammelten Eier in die Hüte; denn der große Felsen war ein einziges Vogelnest. Andere Räuber ließen das Meerwasser auf heißen Steinen verdunsten, in denen seit undenklichen Zeiten Mulden geschabt waren. Das zurückbleibende Salz kratzten sie ab und sammelten es in Säcke. Der Wind war heiß, oft brachte er aus der Sandwüste, die hinter den Felsen begann, Staubwolken und Millionen Körnchen mit. Abends saß das Gesträuch im Steinwald voll summender Moskitos und bedeckte schwarz die Landzelte, unter denen ein Teil der Piraten saß und Feuer hatte, woran Tabaksblätter verbrannt wurden, um die Stechfliegen zu vertreiben. So lungerten sie schon acht Tage und hatten etwas Langeweile. Um diese Zeit war ein leichtes spanisches Kriegsschiff, bekannt unter dem Namen „San Pedrido", aus dem Hafen Comana an der venezuelanischen Küste abgefahren und hatte Kurs nach der Stadt San Domingo im südlichen Espanola oder Haiti. Durch widrige Winde war das Fahrzeug weit nach Osten abgekommen und versuchte an der Küste von Savona günstigen Westwind vom Lande her zu finden. Das war sein Verderben. Es segelte mitten in das Raubgeschwader von l'Olonois hinein. Von allen Seiten umringt, machte die Besatzung, die von einem Kapitän befehligt wurde, den sie nur den „dicken Jerimo" nannten, keinen Versuch, zu entkommen oder sich zu verteidigen. Es fiel kein Schuß, und es floß kein Tropfen Blut. Zwei Affen faßen hoch in den Segelschnllren. Die Besatzung hatte sie zur Belustigung. Als die Piraten an Bord kletterten, meckerten und schimpften die Alten grimmig. Ihre Bancmenfchalen klatschten l'Olonois vor die Füße. Er sand in der Pulverkammer des „San Pedrido" ganze siebentausend Pfund Pulver und einen Berg von Lunten. In der Gewehrkammer standen, sorgfältig eingefettet, fünfzig Musketen, die noch keinen Schuß getan hatten. Auf den Läufen der acht Deckgeschütze lief der Glanz der Sonne sprühend hin und her und bewies, daß sie erst frisch aus einer Waffen- gießerei gekommen waren. Am meisten Spaß machte ihm die Tatfache, daß das Schiff die Löhnungskasse für die Besatzung der Stadt San Domingo mitsührte. Es waren vierzigtausend Mark in Silber, wunderbare runde Scheiben neuester Prägung, dick wie Wurstscheiben und hell im Klang, wenn er sie auf dem Handteller Hüpfen und tanzen ließ. „Donner und Doria: die Schnapswirte von San Domingo werden schlechte Geschäfte machen und die Soldaten werden hunderttausend Flüche gegen mich speien." „Sollen sie, sollen sie", schrie l'Olonois nach einer Pause. „Haß und Flüche habe ich gerne!" Dann ließ er der ganzen spanischen Besatzung die Ohren schlitzen und in die Sandwüste hinter den Küstenfelsen jagen, ohne Waffen natürlich, nichts zum Fressen und der ganzen Kleidung entledigt. Nackt und voll tiefer Traurigkeit zogen die Männer ab. Nach den Affen in den Segelschnüren schoß der finstere Franz zum Zeitvertreib. Wie man nach Scheiben schießt. verantwortlich: l)r. HansThyriot.— Druck und Verlag: Vrühl'fche Universitäts-Buch» und Stein dr uckerei. R. Lange, Gießen.