Gießener Zamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1936 Montag, den 23. März Kummer DasIahr des Herrn Roman von Karl Heinrich Waggerl Copyright by Insel-Verlag zu Leipzig. Immer ist der Tod unterwegs, der düstere Engel. Wir kommen aus dem Dunkel, anfangs ist die Welt noch klein zwischen den fünf Brettern der Wiege. Aber die Welt wächst mit uns Jahr um Jahr. Die Macht des Bösen wächst, auch der Mut, die schöne und törichte Kühnheit der Jugend. Liebe kommt dazu, dann ist es schon mehr der Freude und der Qual, Kummer des Herzens, Schuld des- Blutes. Wir treiben umher und kämpfen uns müde, und am Ende ist die Welt wieder klein zwischen den fünf Brettern des Sarges. Ach, Jahr um Jahr, es ist dennoch eine kurze Zeit und unser letzter Schrei ist nur ein Widerhall des ersten. Im grauenden Morgen geht der kleine David mit der Laterne vor dem Pfarrer her durch das Dorf. Es ist kühl, eine klare Nacht im ersten Frühling. Die Dächer der Häuser glänzen silbrig vom Tau. Draußen auf den Feldern stehen Kühe im weißen Bodenrauch, sie strecken verdrossen die Hälse und brüllen, die Weide ist noch kurz und mager um diese Zeit. Aber hoch unter dem Himmel zieht schon der Wind mit rauschenden Flügeln vom Süden her. Das Dorf schläft, zusammengedrängt kauern die Dächer in der warmen Mulde des Tales, wie eine friedliche Herde ruhender Tiere. Irgendwo schlägt eine Uhr in den dämmerigen Stuben, ein Kind schreit aus dem Schlaf, und im Stall wiehern die Gäule. Jetzt geht der Roß- knecht über die Straße zum Brunnen, auf halbem Wege bleibt er stehen und stellt den Eimer hin und schlägt das Kreuz über seiner haarigen Brust. Auch der Pfarrer hält ein, er hebt das heilige Brot, um den Knecht zu segnen, und David läutet dreimal dazu mit silberner Schelle. Amen, sagt der Mensch. Er wischt sich über den Bart, weil seine Stimme so grob war, und dann steht er noch eine Weile allein da, schaut vor sich hin und nickt zu seinen Gedanken. Der Pfarrer nimmt den Weg bergauf über die Wiesen. Allmählich erlöschen die Sterne im Widerschein des aussteigenden Tages, der helle Himmel rundet sich, kleine Wolkenbälle schweben hoch oben im Licht, rosige und runde Wölkchen über den dunklen Leibern der Berge. Auch die Vögel fangen zu singen an, Meisen und Ammern, plötzlich ist da eine Unmenge von Vögeln im Gezweig der Sträucher. Andere steigen von den Aeckern empor, ihr Gefieder entzündet sich plötzlich im Licht, singend fallen sie zur Erde zurück. Dann hebt die Sonne ihr blendendes Haupt über den Berg und rollt prächtig einher, das mütterliche Gestirn, die ganze Weite des Himmels erfüllt sich mit ihrem Glanz, Himmel und Erde. Der Wind macht sich auf, tauig und frisch vom reinen Atem der Nacht. Er bläht das weiße Chorhemd des Pfarrers und umspielt ihn sanft, der den Herrn über die Felder trägt. Unten im Dorf schlägt die Frühglocke an, schon die ganze Zeit wartet David auf das Morgenläuten Er hat zwar noch Agnes im Pfarrhaus geweckt, und sie versprach ihm den Dienst in die Hand, aber Agnes ist ein Mädchen, und das weiß jedermann, wie unverläßlich Mädchen sind, wie hinfällig in ihrer ganzen Art. Es konnte geschehen, daß Agnes den Schlüssel zur Glockenstube verlor, vielleicht zog sie auch den falschen Strang, was Gott verhüten mochte, und läutete zur Vesper in der Morgenfrühe, oder sie schlief überhaupt und vergaß alle Schwüre. Es war nicht auszudenken, was geschähe, wenn Agnes wirklich den Tag einzuläuten versäumte, niemals ist dergleichen vorgekommen. Vielleicht schliefen dann die Dorsleute in Ewigkeit fort, um erst am Jüngsten Tage aufzuwachen, vielleicht rollte sogar die Sanne am Himmel zurück, und die Nacht käme wieder, und selbst Gott sähe es betroffen an und striche diesen mißratenen Tag aus dem Plan seiner Schöpfung. Ja, Morgenglocke, Abendläuten, das ist nicht wie anderswo hier im Tal ist das Leben fest gefügt und geordnet von altersher Der Tag, den du beginnst, ist nicht irgendein Tag. es ist Florian! oder Siebenmanner ober der Tag, an dem du säen sollst, Heu machen und Korn schneiden, damit das Jahr sich rundet. Es hat auch jedermann feinen sicheren Platz in dieser Welt, der Bauer im Kirchstuhl so gut rote e n Landstreicher den der Herr um der Werke willen vor die Tur stellt. Als der Mesner alt wurde und starb, war der kleine David eben groß genug, daß er den Strang ziehen und die Sterbeglocke für ihn lauten konnte. Aber nein, Agnes hat ihr Versprechen gehalten. Sie nimmt auch den richtigen Strick und setzt zweimal ab, wie es Brauch ist damit der Mensch Zeil hat, seiner Sünden halber an die Brust zu klopfen. Und nur zuletzt schlägt der Klöppel ein paarmal nach, das kann nicht anders (ein. Agnes weiß nicht, daß man die Glocke schon abfangen muß, wenn sie am weitesten ausschwingt, daß man es weich und nachgiebig tun muß, mit einer Kunst, die nur wenigen gegeben ist. Und außerdem wäre Agnes ja auch zu schwach dazu, das kleine Ding Ja, er ist zufrieden, David, der Glöckner und Herold des Herrn. Die Sonne scheint warm und freundlich auf der Halde, er hebt wieder seine helle Stimme und antwortet auf den Psalm, den der Pfarrer spricht; und weil ein Hase über den Weg hoppelt, läutet er auch für ihn dreimal mit silberner Schelle. David wird der kleinen Agnes eine neue Schreibfeder schenken oder etwas für ihr Nähzeug. Und wenn der Pfarrer nur ein wenig besser bei Atem wäre, wenn er also noch zurecht käme mit der letzten Wegzehrung für den Bauern auf Eck, so würde wohl auch für David ein Schilling abfallen. David könnte beim Krämer ein Haarband für Agnes kaufen, eines von der breiteren Sorte. Im Hausflur knien die Hafleute, Kinder und Weiber aus der Nachbarschaft. Seit Stunden knien sie da und beten halblaut im Chor, immer dieselben bitter traurigen Worte vorn Kummer Mariä und von der Marter des Herrn. Der Pfarrer tritt ein, niemand begrüßt ihn, niemand geleitet ihn, er weiß selbst, wo sich die Leute auf Eck hinbetten, wenn sie sterben wollen. Aber der junge Bauer steht hinter ihm auf und spricht das Amen mit starker Stimme. Ja, in dieser Kammer zu ebener Erde, düster und schwarzgebeizt vom Rauch der Kerzen, die in vielen Steroc,künden niederbrannten, hier liegt nun Adam und wartet. So wie er lagen alle vor ihm auf den harten Kissen, immer wieder ein Adam oder ein Jakob, bann und wann auch eine von den Frauen im Wechsel der Geschlechter Stall und Tenne standen noch nicht, die ganze geräumige Breite des Hofes, als der erste auf Eck diese Bettlade in die Wand zimmerte. Er hat auch feinen Namen in das Holz geschnitten, ein A und ein 0 und die Zahl des Jahres. Enkel und Enkelkinder lasen diese Ziffer von der Decke, wenn sie sich hier ausstreckten, um auf den Tod zu warten. Im Leben fanden sie nie Zeit dafür, aber nun hatten sie müßige Stunden genug. Sie zählten zurück, es war eine lange Rechnung über Jugend und Kindheit hinaus, und darin lag gewiß ein Trost für den Mann, der die Ziffer vollmachen und sterben mußte. n. Der Pfarrer stellt das Allerheiligfte auf das weiße Linnen des Tisches, dann tritt er an das Bett und beugt sich über den Sterbenden. Adam, sagt er, hörst du mich? Ja, Adam hört. Er atmet mühsam aus seiner breiten Brust, kleine Schweißperlen hängen in seinem Bart, und die grauen Hände hat er weit von sich auf die Decke gelegt. Sie gehören ihm nicht mehr. Werkzeuge des tätigen Lebens waren sie, diese Hände haben gesät und geerntet, und die Wunde ist noch nicht verheilt, die ein Nagel am Zugscheit des Pfluges in das Fleisch gerissen hat. Nun liegen sie da und find welk geworden, sie zerbröckeln wie zwei Schollen Erde auf brachem Ca,2lbam wendet langsam die Augen und schaut den Pfarrer an. Laß es, sagt er, warte! . .... Es ist noch nicht so weit, meint Adam, nein, er hat nur Unglück gehabt vielleicht geht es vorüber. Adam brachte vieles hinter sich zeit seines'Lebens, Gott griff ihn hart an, aber schließlich nahm er doch roieber bie Hand von seinem Nacken, und bann war sein Nacken gesegnet und trug die Last. Geduldet euch, wartet noch mit dem Amen vor der Tür! Es gab eine Zeit, da standen nur zwei Kühe im Stall, jetzt sind es roieber zwölf. Damals riß bie Seuche alle nieber bis auf zwei. Abam überftanb bas, es war in seiner Jugend. Nachts trug er Mist in großen Lasten von den Almen herunter, so half er sich, und das Bauland verlor nicht am Ertrag. Adam hat die Dreschtenne neu gebaut, er hob das Dach und machte Platz für eine Sommerküche. Die Waschhütte kam dazu, der Obstgarten, der schon das zehnte Jahr trägt. Dort wollte er zuletzt ein Zuhaus aufstellen, eine freundliche Kammer für die alten Tage, unter fdjroertragenben Bäumen unb nicht zu weit von den Bienenstöcken. Das Holz lag abgebunden auf dem Anger bereit, dem Sohn war es im Wege, aber dem Vater eilte es nicht damit Dann starb die Frau, das war schlimm für den alten Adam, vielleicht hätte er doch bas Zuhaus schon früher bauen müssen. Er wäre weniger einsam gewesen, bie Mutter hätte noch manches zum Guten geroenbet mit ihrer müben Friedlichkeit Eine neue Magd tarn auf den fiof ein junges Ding aus dem Dorf. Anfangs ließ sie sich gut an, aber bann krachte zuweilen bes Nachts bie Stiege vor ihrer Kammer, unb mit einem Male war auch ihr bas Holz auf bem Anger zuwiber, sie brauchte Platz für einen Bleichboben, gerade diesen Fleck Rasen brauchte sie. Adam schwieg. Geduldet euch, wartet! Zuerst wollte er noch den Heuboden neu belegen . , Laß den Heuboden, meinte der Sohn. Das ist meine Arbeit sagte er. Seine Arbeit? Noch am gleichen Abend fing Abarn barnft an bie I Bretter hinauszutragen, es wurde ihm schwer genug, aber er brauchte ^''unb'bann geschah es, daß er auf dem Heuboden in ein Loch trat und siel hatte das einen Sinn? Das muß der Pfarrer wissen, ob es einen Sinn hat, wenn Adam plötzlich durch einen verdammten Laden bricht und sich unten aus der Futterraufe zu Tode schlagt. Denk an deine Sünden, Adam! sagt der Pfarrer. Sünden, ja freilich. Adam ist kein heiliger, das kann er gar nicht sein Es gab nie einen Heiligen, der mähte und drosch und Vieh aufzog. Sünde! Ach der Haß ist sündhaft, die Harte des Herzens, sogar die Lust am Leben, wenn man es streng nimmt. Es ist schon so, aus dem Boden, der den Schwamm ernährt, kommen auch die Würmer, die ihn verderben. Wann in allen Jahren hatte Adam Zeit gehabt, m Sack und Asche zu gehen? Sack und Asche halsen da nicht der Acker verlangte wie vordem nach ihm, und die Tiere vermehrten sich. Der Her? blieb gnädig und sah nur seine Arbeit an, nicht seine Sunden. Dafür lag ja das Holz auf dem Anger, darum wollte Adam das Zuhaus aufschlagen, — daß ihm zuletzt, wenn alles getan war, etn paar Tage blieben, mit dem Herrn allein zu rechnen. Sieh her, wurde er sagen soundso viel hast du mir anvertraut, soundso viel gebe ich dir zurück, ich war ein guter Arbeiter. Keinen Tag habe ich verschwendet, dein Segen hat Frucht getragen, sieh es an. Ich war nicht demütig, nicht friedfernq, nicht arm in deinem Geiste. Ich habe deinen Namen nicht in Liedern gepriesen, ich bin nur ein Bauer, so würde er mit dem I Herrn reden. . ... , Jetzt nicht, sagt Adam laut und schüttelt den Kops — spater! Der Pfarrer setzt sich zu ihm, er nimmt die kalte Hand des Mannes von der Decke und spricht ihm leise zu. Gib nach, sagt der Pfarrer, leg deine Hände überkreuz und gib nach, einmal wirst dis es ja doch tun Auch der Pfarrer ist alt, ein Bauer wie Adam. Krumm und schwerfällig hockt er auf dem Stuhl, mühsam sucht er die Worte in seinem Kopf zusammen. Warum will sich Adam wehren, wenn ihm Gott end ich die Last abnimmt? Noah hat 500 Jahre gelebt, Methusalem 960, aber vor dem Herrn ist es, als fiele ein Blatt vom Baum zur Erde, dieses ein wenig höher, das andere ein wenig tiefer aus dem Geäst, glaube mir! Gott sitzt wie ein Hafner an der Scheibe, so könnte man sagen, wie ein Töpfer formt er die Dinge mit seiner Hand und gibt ihnen Farbe und glüht sie im Feuer, damit es zuletzt gute Topfe werden, prächtig von Ansehen und für ewige Dauer. Da mußt du nicht töricht sein, alter Adam, und klagen, brenne mich stärker, glühe mich länger, Gott versteht sein Handwerk. Adam nickt, er läßt es geschehen, daß ihm der Pfarrer die steifen Finger auf der Brust ineinander flicht. Das Sterben ist eine schwere Arbeit, Herr mein Gott, das letzte Tagwerk ist das schwerste! Die reife Seele löst sich wie eine Kindesfrucht aus den Krämpfen des gebärenden Leibes. Die Kraft der Mächtigen versagt in diesem Kampf, die Weisheit der Weifen, und es ist nirgends mehr ein Trost, außer in dem Licht, das aus der Einfalt des Glaubens leuchtet. Einfältig ist alles, was der Pfarrer sagt, er hat eine gute und vertraute Art zu reden. Mit dem breiten Nagel seines Daumens pflügt er das Kreuzzeichen in die schweißnasse Stirn des Mannes; und wenn er den Namen des Herrn nennt, so schöpft er ihn mit einer ruhigen Gebärde aus seinem Schoß, streut ihn wie Samenkorn aus der hohlen Hand. Und er nimmt dem Sterbenden die Traglast ab, Stein um Stein, er löst die Ketten, die ihn drücken, und die Stricke, die ihn schnüren, sei getrost, Bater Adam, sei zufrieden! Alle Heiligen erwarten dich in der Herrlichkeit, die Stärke deines Engels wird dich tragen! Der Herr selbst ist unterwegs zu dir und tritt ein unter dein Dach in Gestalt des Brotes. Brot war ja auch deine Sorge und der Sinn deiner Arbeit im Guten unb Bösen, barum wirb bir viel verziehen fein. Deine Zweifel werben dir vergeben um der sieben Worte des Herrn willen, der selbst irre wurde und nicht wußte, warum ihn der Vater verlasien hatte. Deine Schuld wird verziehen durch die Milde des Herrn, der den ersten Stein nicht nach der Sünderin warf. Der Pfarrer wartet. Auch Adam sucht jetzt nach Worten in feinem Kopf, es müßte nur ein einziges erlösendes Wort fein, aber die Gedanken gehen schon weite Wege in der Dämmerung der überschatteten Seele. Und vielleicht kommt der Tod schneller als das Wort, nach dem Adam sucht. Allmählich erlischt sein Gesicht, es wird grau und leblos rote morsche Rinde unter dem Gestrüpp des Bartes. Er atmet schnell und flach, bann und wann hebt er die breite Brust und sammelt einen letzten tonlosen Schrei im zerfallenden Gehäuse feines Leibes. Sein Atemstoß erfüllt die ganze Kammer, er bewegt das Tuch auf dem heiligen Tisch, die Kerzenflammen zucken und schlagen knisternd in das Wachs zurück. Adam? fragt der Pfarrer beklommen. Gib mir das Kreuz, antwortet der Mann. Und dann neigt der Pfarrer fein Ohr tief über den keuchenden Mund. Adam hat die Augen weit geöffnet, sein Blick durchstreift die Wildnis des Gebens, die von Sünden wuchert. Laster, ja, sieben schwere zuerst, Hossart qnd Neid, und Sünden wider den Geist, im Herzen verborgen, aber vor Gott ungebüßt, siebenmal sieben. Es ist still in der Kammer, der Tod tritt noch einmal in den Schatten zurück, während der Mensch bekennt, ter Engel tritt zurück und verhüllt sein Angesicht, und nur das Sterblicht leuchtet ruhig und milde wie das rote Wundmal in der Seite des Herrn. Der Pfarrer segnet den Kranken und spricht ihn los, jetzt trägt er die Stola weiß auf den Schultern Er reicht ihm die Wegzehrung und salbt >hn mit heiligem Del. und bas alles, Gebete und Hanbreichungen, bas ist licht nur von ungefähr so, wie ein schwacher Mensch ben anbem tröstet, onbem darin wirkt die Kraft des Glaubens vieler Geschlechter. Und ner immer den Willen hat zu hören, der findet seinen Trost, auch ein ?önig, auch ein Dauer. Vergib uns unsere Schuld, betet der Pfarrer, erlöse uns vorn Uebel! Amen sagt Adam und seufzt und rückt sich zum Schlafen zurecht. Adam stirbt. Am nächsten Tag kommt der junge Bauer in bas Dorsi um den Sarg zu bestellen. Er sucht auch den Pfarrer auf, hockt bet ihm in der Stube und schwenkt ben Hut zwischen feinen Knien, ganz so rote Adam sah, mit feinen breiten Schultern und dem krausen Haar tm @e3a; zuletzt ging es schnell mit dem Vater. Gegen Mittag schickte er Christine auf ben Anger, bie TOagb, mit ihr sprach er no$. Es muß Eisenzeug gekommen sein, sagte er, ich habe Klammern für das Zuhaus beim Schmieb gekauft. Aber als Christine zuruckkam, war er schon hm- über, Gott tröste ihn. Im Frühjahr, sagt ber Schmieb, tm anderen Frühjahr sollte er erst bie Klammern bringen. „ Unb nun will also der Sohn das Begräbnis ausmachen daran soll nichts versäumt werden, das meint auch Christine, am feierlichen Amt UnbSom™intÜ(n)riftin(! das? Dann hast du eine brave Magd im Haus, fa03aerabera”erfoC da kein Gerede geben. Es ist nichts als Bosheit und Geschwätz hinter einem Mädchen her, das seine Arbeit tut, tm Stall so gut wie früher am Schanktisch. Christine bleibt auf dem Hof, es macht nichts aus, wenn sie vielleicht das Taufzeug früher brauchen wird als den Trauring. Darüber sollen sich die Dorfleute nicht wundern, ber Briefträger ober der Forstgehilfe mit feinem dreckigen Mundwerk. Gut, sagt der Pfarrer, laß ben Förster. Aber was ben Vater betrifft, den bringt ihr also morgen früh. Und dann, fügt er hinzu und streift den jungen Bauern mit einem Blick, dann legst du ja wohl etn sicheres Brett über das Loch tm Heuboden? Der Sohn geht noch zum Totengräber, er soll die Grude ausheben für einen breiten Männersarg, der Vater verlangt seinen P atz >m Leben wie im Tod. Die Bauern auf Eck haben auch tm Friedhof ihren Schritt- breit Boden als festen Besitz, sie leben lang genug, daß der letzte immer fein frisches Bett in der Grube findet, und nur selten kommt eine neue Truhe dazu, ehe die frühere in Staub und Moder zerfallen ist. Der Vater wird in allem seine Ehre haben nach Brauch und Herkommen, sechs Lichter voraus, Laternenträger in blauen Kutten Fahnen und Musik, das ganze Dorf wird ihn geleiten. Aber zuletzt soll sich die Erde für immer über ihm schließen. Ein anderer Adam wird von feinem Grabe weggehen und wird den Pflug in die Furche heben, wo er stehen blieb, derselbe Adam. n , . . Wie sagte der Pfarrer? Leg ein sicheres Brett über das Loch, sagte er Ja auch das. Auch ein neues Schardach auf der Wetterfette, neues Haghoiz für die Zäune, neue Rohre für den Brunnen. Aber das Bauholz auf dem Anger kann nun wieder liegenbleiben, es ist niemandem mehr im Wege. * Seltsam, immer wartet irgendeine Arbeit aus David. Es gibt keinen I Menschen im ganzen Dorf, er mag ansehnlich oder gering sein, der ihn nicht sogleich anriefe, wenn er ihn nur von weitem zu sehen bekommt. Da bricht eine Kuh in das Saatfeld, David läuft und bringt sie wieder auf den rechten Weg. Er schleppt Wasier in die Küchen und holt Frachtgüter vom Postwagen. Anderswo ist der Knecht unterwegs, um ein Gatter zu flicken, aber er hat die Nagelkiste vergessen, bei allen drei Teufeln. Der Knecht fetzt sich hin und pfeift auf zwei Fingern, und wo immer David gerade stecken mag, er kommt an ben Zaun und holt die Nagelkiste. David weiß, auf welcher Tenne dieser Knecht sein Werkzeug liegen f)at. Jetzt, am Abend nach ber Schulzeit, Hilst er bem Totengräber bei ber Arbeit ber steht ihm bafür seinerseits in einer schwierigen Sache bei. Auch Darob hat nämlich seinen Schilling in ber Tasche, anfangs schien es als sollte alles mit ein paar Krapfen abgetan fein, aber im letzten Augenblick kam ihm ber heilige Antonius zu Hilfe, für eine Dreigrofdjen- ter’ wirkte er dieses Wunder. Und nun möchte David das gewisse Haarband kaufen. Allein, er kann nicht selbst in den Laden gehen und danach fragen, das ist unmöglich. Dho, würde die Krämerin sagen, kleiner David, gehst du auf Brautfchau? — und vielleicht käme sogar Agnes in den Laden, um Brennöl zu kaufen, und dann wäre alles verdorben. Nein, der Totengräber wird das Haarband kaufen, obwohl auch er feine Bedenken hat. Laß dir raten, fagt er zu David und redet ihm ernsthaft zu, Haarbänder und Kopftücher, ich kenne das. Hänge dein Geld nicht an die Weiber; das ist alles verloren und vertan, was du an I die Weiber hängst, glaube mir, David sollte bedenken, wie cs dem König Salomo erging, ber ihrer tausenb hatte, unb bann war seine Weisheit bahin, nicht zu reben von bem großen Felbherrn Holosern, ben schon eine einzige um ben Kragen brachte. Was ihn betrifft, ben Totengräber, so hält er sich jeberlei Anfechtung mit Branntwein vom Leibe, bie Weiber unb bie Pest, einerlei. Der Mensch ist gut, wenn er schläft, betrachte bas, Davib! Aber wie kann ein Mensch ruhig schlafen, wenn er nicht betrunken ist? Der Totengräber sitzt auf bem umgelegten Grabkreuz unb schaut mit I Rührung in bas schwarze Loch zu seinen Füßen. Die Reihen ber Gräber betrachtet er, Kreuze unb Hügel, biese seltsame Lanbfchast im srieblichen Abenblicht. Der Winb wiegt die Büsche an der Mauer, immergrünen Wacholder und Haselstauden, die schon Kätzchen tragen. In jedem Jahr begrünt sich der Garten des Herrn zuerst. Das mag von der guten Erbe kommen, aber es könnte auch eine Verheißung sein, ein Gleichnis des seligen Frühlings, von bem geschrieben steht. Einige Gräber sinb mit Tuffsteinen ober mit Buchsbaum eingefaßt unb sauber gehalten, später werben ba Tulpen blühen, Brennenbe Liebe unb Astern im Herbst. Aber auch bie anberen bleiben nicht ganz ohne Schmuck, für sie sorgt ber Winb, ber Gärtner aller Vergessenen, unb bie Vögel bes Himmels kommen unb ftreuen Samen auf bie armseligen Hügel im Mauer- f (hatten. Ja, unb hier, neben bem Tor, wirb Abarn liegen, er hat einen guten Platz, niemanb wirb aus unb ein gehen, ohne sich feiner bühenben Seele mit einem Tropfen Weihwasser zu erbarmen. 1 (Fortsetzung folgt.) phidtte. Don Matthias Claudius. Ich war erst sechzehn Sommer alt. Unschuldig und nichts weiter Und kannte nichts als unfern Wald. Als Blumen. Gras und Kräuter. Da kam ein fremder Jüngling her; Ich halt ihn nicht verschrieben Und wußte nicht wohin, woher; Der kam und sprach vom Lieben. Er hatte schönes langes Haar Um seinen Nacken wehen; Und einen Nacken, als das war. Hab ich noch nie gesehen. Sein Auge, himmelblau und klar! Schien freundlich was zu flehen; So blau und freundlich, als das war. Hab ich noch keins gesehen. Und fein Gesicht wie Milch und Blut! Ich habe nie so gesehen: Auch, was er sagte, war sehr gut Ich konnt's nur nicht verstehen. Er ging mir allenthalben nach, Und drückte mir die Hände, Und sagte immer o und och, Und küßte sie behende. Ich sah ihn einmal freundlich an. Und fragte, was er meinte; Da fiel der junge schöne Mann Mir um den Hals und meinte. Das hatte niemand noch getan; Doch war's mir nicht zuwider Und meine beiden Augen sah'n In meinen Busen nieder. Und sagt chrn nicht ein einzig Wort, Als ob ich's übelnährne, Kein einzigs, und — er flöhe fort; Wenn er doch wiederkärne! Blitz. Die Geschichte eines Wildkaters. Von Peter Esten. Am Oberlauf des fröhlich murmelnden Eifelbaches liegt die alte Mühle, in deren Nachbarschaft Blitz, der Wildkater, vor nun wohl zehn Jahren zur Welt gekommen ist. Die mächtige. Hohle Kopfesche, in der damals an einem rauhen Vorfrühlingstag Musch, die Katzenmutter, drei Jungen das Leben gab, steht heute noch, zwischen Fichten und Waldkirschbäumen, in der Mitte der bewaldeten Berglehne. Von den Erlebnisien seiner Iugendtage hat Blitz wohl keines mehr hell in der Erinnerung. Weder entsinnt er sich, wie er auf dem weichen Mulm der Kinderstube mit feinen Geschwistern sich balgte, noch wie er um das blutwarme kleine Getier, das die Mutter nachts in ihren Schlupfwinkel schleppte, fauchend die ersten harmlosen Kämpfe ausfocht. Auch die vom süßen Dust der blühenden Kirschbäume, dem Schlag der Nachtigall und dem Klappern des Mühlrades erfüllte Helle Mondnacht, in der zum ersten Male der Tod nach ihm griff, ist längst aus feinem Gedächtnis gelöscht. Damals war, als sie zu dreien sich vorsichtig aus ihrer Höhle gewagt hatten und auf dem moosgepolsterten Kopf der Esche kauerten, wo sie ungeduldig auf die Rückkehr der Mutter warteten, die diesmal länger als sonst ausblieb, plötzlich ein schwarzer Schatten aus dem mondbeglänzten Geäst auf sie zugestoßen. Blitz hatte, mehr aus Instinkt als in rechter Erkenntnis der Gefahr, das einzige getan, was ihm Rettung bringen konnte: er war rückwärts kopfüber in die Baumröhre gekollert und hatte sich, am ganzen Leibe vor Schrecken zitternd, in den hintersten Winkel der Höhle verkrochen. Daß es Hassan, der Waldkauz gewesen war, der sie überfallen mit mit seinen dolchscharfen Krallen die Schwester davongettagen hatte, konnte Blitz damals noch nicht wissen. Er hatte noch einige schrille Wehschreie des von Hassan davongetragenen Opfers vernommen und dem kläglichen Miauen des Bruders gelauscht, der, statt wie Blitz in die Höhle zu plumpsen, nach draußen gepurzelt war und minutenlang, kläglich miauend, um den Stamm der Esche irrte, den er nicht zu erklettern vermochte. Dann war es still geworden, und auch Musch mußte dem Bruder nicht begegnet fein. Als sie gegen Morgen mit einer Amsel im Maul in der Höhle erschienen war und nur noch Blitz angetroffen hatte, mochte sie wohl geahnt haben, was vorgefallen war. Stundenlang hatte sie draußen die Kleinen mit zärtlichen Lauten gelockt, dann ihre grimmige Totenklage in den dämmernden Wald geschrien und zuletzt Blitz aus seiner Kinderstube getrieben und ihn in den verlaßenen Schieferstollen geschleppt, dessen verfallener Eingang eine Strecke weiter unter wucherndem Brambeergerank versteckt lag. , In diesem Stollen, der nun wohl schon seit Menschenaltern von keines Menschen Fuß mehr betreten wurde, hat Blitz jetzt fein Quartier ausgefchlagen. Daß er dieselbe Herberge bewohnt, in der er, ängstlich behütet, heranwuchs und von den Anstrengungen seiner ersten inst Musch unternommenen nächtlichen Jagdzüge ermüdet, die Tage verschlief, ist ihm noch dunkel erinnerlich. Aber er weih nicht, was aus Musch geworden ist. Im ersten Herbst seines Lebens hatten sie, nachdem ihr Verhältnis allmählich an Zärtlichkeit verloren hatte, eines Tages sich getrennt und sind sich seither nie wieder begegnet. Blitz, der vor Wochen aus fernen Wäldern in das heimatliche Tal zurückgekehrt ist, liegt nun feit Stunden vor dem Eingang des alten Stollens in einer Mulde unter dem dichten Brombeergerank und döst in den dunstverhangenen Wintertag. Seit neulich, als ihn der Hunger in einen Dorfgarten trieb und er, der Witterung eines Hafenwechfels folgend, durch eine Luke in der Weitzdornhecke schlich, ein hinter einem Baum auf der Lauer stehender Bauer feine Schrotflinte auf ihn richtete und ihm das rechte Auge ausfchoß, fühlt er sich reichlich elend. Die grimmen Schmerzen, unter denen er das halbe Augenlicht verlor, haben zwar allmählich nachgelassen. Sie waren übrigens nicht schwerer zu verwinden, als andere Wunden, die er im Laufe feines an Kämpfen reichen Lebens davongetragen hat. Damals etwa, als er sich in den Bau Grimbarts verirrte und nach heldenhaftem Kampf mit einer aufgeriffenen Flanke weichen mußte; und ein ander Mal, als er Reinecke, der ihn überfiel, zwar mit feinen Krallen die bösartige Fratze schlimm zurichtete, es aber nicht verhindern konnte, daß der rote Teufel ihm ein handgroßes Stück Fell vom Rücken riß. Diese und andere Kämpfe, deren Wunde, so sehr sie auch schmerzten, bald verharschten, hatten Blitz im schlimmsten Falle für einige Tage in ein Versteck getrieben, in dem er sich gesund schlief und die Kräfte für neue Kämpfe fammelte. Aber nun ist plötzlich alles anders. Wenn er in den letzten Tagen eine Beute anfprang und mit der rechten Tatze zu- fchlug, bann mußte er hinterher meist die felifame Erfahrung machen, daß er daneben gegriffen hatte, und die Beute ihm entronnen war. So entging ihm neulich sogar ein Wasserhuhn, das er früher ohne Anstrengung beschlich, das ihm aber diesmal, als er es brauten im Mühlen- graben anfprang, mit schrillem Angstraf entwischte. Seit Tagen wühlt ihm nun ber Hunger wie brennenbes Feuer im Magen. Vorgestern hat er oben im Walbe eine oerenbete Krähe gesun- ben unb sich an bem Aas halb satt gefressen. Aber hinterher schüttelte ihn ber Ekel, unb er brach ben nach Verwesung riechenben Fraß roieber aus. Er hat seither immer roieber bie morschen Baumstümpfe umlauert unb gierig bem Piepsen ber Mäuse gelauscht, bie branten ihren Siebes» spielen nachgingen. Aber wenn einer ber kleinen Wichte, die er früher ohne Anstrengung überrumpelte, schließlich aus seiner Röhre austauchte und er nach ihm griff, faßte er daneben. Blitz hat vor etlichen Wochen, bevor er fern Auge verlor, einige Nächte lang sich drunten bet der Mühle umhergetrieben und allerlei Beute gemacht. Feiste Ratten trieben im Hof und in der ffiagenremife ein fo sorgloses Spiel, daß man nicht lange auf der Lauer zu liegen brauchte, um mit federndem Sprung unter sie zu fahren unb sich die stattlichste herauszugreifen. Aber als er bas letzte Mal unten jagte, war plötzlich aus einem Winkel bes Schuppens ein Wesen herausgeschnellt, vor besten unheimlicher Schnelligkeit er sich nur mit Mühe burch einen Sprung auf bie Hofmauer hatte retten können. Zunächst war er sich nicht barüber klar gewesen, mit welchem Feinb er es zu tun habe, aber als er, fauchenb unb mit gekrümmtem Rücken oben auf ber Mauer sitzenb, wuterfüllt von bem'nach ihm schnappenben Gegner angebellt würbe, wußte er, bah er es mit einem Hunbetter zu tun hatte. Aber nicht mit einem der gewöhnlichen harmlosen Dorfköter, von denen er schon manch einen jaulend und mit blutiger Nase in die Flucht getrieben hatte, sondern mit einer Bestie, vor der man sich in acht nehmen müßte. Seit der Begegnung mit diesem Bösen hat Blitz feine Streifen nach ber Mühle eingestellt. Er ist auch, als er jetzt mit bellenbem Magen aus feinem Lager in ber Brombeerhecke aufbricht unb durch den Wald schleicht, über bem nun bie schmale Sichel bes Neuwonbes hängt, entschlossen, bie Mühle zu meiben So versucht er sein Glück zunächst bei einem Holzstapel, den er vorsichtig abhorcht und nach Witterung von Bogelgetier untersucht Aber diesmal scheint nicht einmal ein Zaunkönig zwilchen den Klafterscheiten zu nächtigen. Unb fo trottet Blitz verbrosten weiter. Er erklettert unten am Waldrand eine Kopfweide und horcht lange in das Gewirr der Gänge, die in den morschen Stamm hinunterführen. Irgendwo in der Tiefe pfeifen Mäuse. Es mästen auch einige Kohlmeisen in den Schlupflöchern stecken, aber nur Ohr unb Nase kommen auf ihre Kosten, und so heftig Blitz, des Lauerns endlich müde, mit wütenden Tatzenhieben das Moospolfier um die abwärtsftihrenden Gänge aufreißt, ber Erfolg bleibt aus unb nichts Lebenbiges torkelt ihm aus ben Schlupflöchern in bie Fänge Er sucht bann noch ben Mühlengraben ab, in bem er früher oft ein Teichhuhn ober eine Wasterarnsel unter ber Uferböschung aus ihren Schlupflöchern herausholte aber ba wittert er halb, baß ein Hermelin schon vor ihm bageroefen ist und daß er sich keine Mühe mehr zu geben braucht. Und fo kommt es. baß Blitz, ben ber Hunger schließlich alle Vorsätze vergessen ließ, eine Weile nach Mitternacht auf ber Hofmauer der Muhle sitzt und entschlossen ist, sich, koste es was es wolle, eine Ratte zu holen. Er hört erst, lang hin auf die mit Hauswurz bewachsene Mauer gestreckt, die ihm bekannten Geräusche ab: bas Klappern des alten Rades, das Rauschen des fallenden Wassers, das dumpfe Mahlen ber Steine im Innern ber Mühle unb an was sonst noch sein Ohr gewöhnt ist Nichts Derbächtiges erregt sein Mißtrauen, unb so sehr er sich anftrengt, bas Halbdunkel des Hofes mit feinem bellen Auge zu durchforschen: auch von bem Hunbetter ist nichts zu sehen. Trotzbem hält Blik noch eine Viertelstunbe auf seinem Beobachtungsposten aus. Dann richtet er sich auf gleitet in ben Hof unb brückt sich im Schatten der Mauer auf den Schuppen zu. Aber ba stürzt ihm, kaum baß Blitz einige vorsichtige Schritte getan hat, aus besten halbgeöffnetem Tor ber Dobermann entgegen und es beginnt ein Kampf auf Leben und Tod Blitz nariert ben ersten Angriff mit einem furchtbaren Tatzenschlag, ber bem fWnb au er über bie Nase fährt unb ihn verbüßt rurückichnellen läßt ©efunhenlang stehen sich bie beiben atemlos gegenüber. Blitz mit straff vorgerecktem geschrieben und die von Shakespeare Beweis der Verwandtschaft zwischen in Deutschland Shakespeare so liebt Wagner. Cs ist wahrscheinlich ein jahrelangen Erfahrungen für die englische Presse wurde, ist für uns Deutsche besonders interessant. Für einen englischen Mr deutsche Schauspieler können Shakespeare spielen. Von W. D. Omand. W. D. Omand ist ein namhafter englischer Regisseur. Der folgende Artikel, der von Mr Omand auf Grund seiner Ich habe immer das Gefühl, daß auf dem Gebiet der wahrsten schöpferischen Kunst England und Deutschland am meisten verwandt sind und ihre wertvollste Annäherung erleben. Denn in den Annalen der Kunst in jedem Land der Welt gibt es immer wieder zwei Namen, die im Relief herausgearbeitet find, Nur deutsche Schauspieler können Shakespeare spielen. Engländer, der noch dazu so enge Beziehungen zum „ , Theater unterhält, ist das eigentlich eine beschämende Erkenntnis. Trotz- Kopf und gekrümmtem Buckel, der Dobermann, mit dem Leib an die Erde geduckt, unter drohendem Knurren die Taktik überlegend, mit der er seinen nächsten Angriff anlegen soll. Plötzlich muh er entdeckt haben, daß ihm aus dem breiten Kopf des Katers nur eln einziges Auge wut- funkelnd anflammt. Das erscheint ihm zunächst sonderbar, weil ihm ein einäugiger Feind bisher noch nicht gegenübergestanden hat Aber dann fühlt er, daß da irgendeine Ordnung gestört sein müsse, deren Fehlen ihm zum Vorteil gereichen kann. Er beginnt daher Blitz 311i umtanjen, um ihm an die Seite zu geraten, auf der ihn nicht das hahflammende Auge anstarrt. Blitz macht die drehende Bewegung einige Male mit, dann (eat der Dobermann eine kleine Pause ein. Als er sein Spiel in einem von Zorn und Blutdurst gestachelten Tempo von neuem beginnt, kann Blitz, von Hunger und Entbehrungen enthaftet, nicht schnell genug folgen, und nun hat der Dobermann ihm jäh die rechte Seite abgewon- nen und schlägt ihm sein furchtbares Gebih in den Nacken. Blitz fühlt daß es aus ist, aber er hat gerade noch Zeit, eine kleine Wendung zur Seite zu machen und feine dolchscharfen Zähne in einen Borderfutz des Sjunbes zu schlagen, so dah bet laut aufjault unb fein Opfer abschutteln will Aber bas hält viel Mühe, unb erst nachbem er noch einige Male zugebissen hat, streckt sich Blitz, unb ber Hund ist frei. Als ber Müllerbursche, auf ben Lärm im Hofe aufmerksam geworben, aus ber Mahlkammer herbeigeeilt, ist ber Kamps schon zu Ende. Es kostet ihm aber noch einige Anstrengung, bem wie wilb sich gebärbenben Dobermann bie Beute zu entreißen. In ber Mühle zerbricht man sich am anbern Morgen ben Kopf. Denn eine so stattliche Katze, bie vom Kops bis zur Schwanzspitze einen guten Meter mißt, hat man noch nie gesehen. Auch bie Farbe bes Katers, ein bunkles Gelbgrau mit fast schwarzen Querstreifen, und das furchtbare Gebiß, das die mit langen Schnurrhaaren eingefaßten und im Todeskampf hochgezogenen Lippen freigelegt haben, flößt Respekt ein. Man einigt sich, obwohl man von dem Vorhandensein von Wildkatzen in dieser Gegend schon lange nichts mehr gehört hat, schließlich dahin, daß es nur eine solche sein könne. Und der Förster, der später bet der Mühle vorbeikommt, bestätigt es. Der Tierpräparator in der Stadt hat den Kater in einen fast lebensechten Zustand versetzt, und nun sieht Blitz, der in der guten Stube bes Müllers in einem Glaskasten über einen Baumast gestreckt, auf Beute lauert, roieber mit zwei scharfen Augen tn bie Welt. Man erzählt sich, er sei ber letzte Wilbkater weit unb breit gewesen. Aber wer will das wissen? Deutschland unb England, daß man , . .. und in England Wagner. Tatsache ist jedenfalls, daß Shakespeare das für die Literatur bedeutet, was Wagner für die Musik darstellt. Diese beiden großen Meister haben gleicherweise das Oberflächliche verachtet unb beide sinb tief in bie Seele bes Menschen eingedrungen. Beide haben cher gewisser Dialoge, sie doch allgemein vollkommen unbrauchbar sind, stellt man sie in einem Shakespearestück auf die Bühne. Der Grund hierfür steht in engem Zusammenhang mit dem Proolein, ob Kunst national oder international ist. Derjenige, der hierüber wirklich einmal nachdenkt, wird früher oder später zu der Erkenntnis gelangen müssen, daß alle wirkliche Kunst nur insofern international sein kann, als man international ihren Wert erkennt. Die musikalischen Genies Deutschlands sind deswegen so überragend groß, weil ihre Kunst so un- zweiselhast und Überwältigend germanisch ist. Shakespeares einzigartige Stellung in der Welt des Dramas rührt ebenfalls daher, daß er in [einer Ausdrucksart wie in den von ihm erschaffenen Charakteren der charakteristischste aller Engländer gewesen ist. Die moderne Technik, die den Austausch der Kunstgüter aller Nationen ermöglicht, ist durchaus nicht, wie man allgemein anzunehmen bereit ist von so wohltätigem Einfluß auf bie Kunst gewesen. Der internationale Einfluß hat unweigerlich eine Schwächung jener ausgeprägten nationalen Charaktereigenschaft herbeigeführt, die ber Kunst jebes ßanbes tf)re größte Ausbrucksfähigkeit verliehen. Wenn man so gänzlich unter[chieb- liche Kunstarten all jener Eigenarten beraubt, bie sich als vollständig unvereinbar erweisen unb den Rest in einen Topf wirft, so kann das Ergebnis ein recht eigenartiges, gut gewürztes Gericht sein, das sich aber wenn man es analysiert, als eine Zusammensetzung erweist, die keinerlei positive Eigenschaften besitzt Internationale Kunst ist nur in einem Ort ber Welt wirklich zusammengebraut worben, unb zwar in Hollywood. Die besten Techniker und Künstler wurden aus allen Landern der Welt dorthin gebracht, aber jeder, der sich ein etwas kritisches Gefühl bewahrt hat, wird leider feststellen müssen, daß die allgemeine Zusammenschmelzung und Normalisierung all dieser wunderbaren Künstler nur bas Ergebnis gezeitigt hat, sie ihrer besten Jndividualkraste zu berauben unb eine riesige synthetische Masse zu schassen, bie mit der Kunst nur noch den Namen gemeinsam hat. In keinem andern Land der Welt ist die sogenannte internationale Kunst zu einer so entsetzlichen Fratze verzerrt worden. Aber es gibt Fein Land in der Welt, in welchem die ästhetischen Schöpfungen nicht durch fremde Einflüsse geschädigt worden sind. Vor wenigen Jahren ehe die I nationalsozialistische Regierung ans Ruder kam, bestand ine sehr ernste I Gefahr, daß die Eigenarten der deutschen Kunst vollkommen verschwinden würden. In einigen Fällen war die fremde Kunst, bie man m ben beutschen Theatern unb Konzerthallen zu sehen bekam, vielleicht gut, aber sie war, was ihre Qualität unb Natur anbetraf, mcht bie bem beutschen Wesen zuträgliche Kunst. Unb sie war bemitleidenswert unwürdig dieses Landes, das einen Beethoven, einen G o e t h e und einen Wagner zu feinen Söhnen zählt. Trotzdem haben die deutschen Schauspieler weder in technischer Vollkommenheit noch im Geist sich roeit von der Tradition und der Inspiration ihrer berühmten nationalen Vor- biltgd) Sollte,1 mir könnten dasselbe von England sagen. Man tann aber auf keiner Londoner Bühne die ursprünglichen angelsächsischen Qualitäten von liefe und derber Intensität finden. Stattdesfen sehen wir die abaeschliffene Possenhaftigkeit, die aus Frankreich herübergekommen ist, und das Handwerk der lateinischen Völker. Die Wahrheit ist, daß aus ber Vermengung europäischer Kunst, bie man bem englischen Drama unterschoben hat, jener Schauspielertyp hervorgegangen ist, den man gemeiniglich als den intellektuellen Schauspieler bezeichnet. Man kann sich keinen größeren Unterschieb benten, als ihn und seinen Kollegen in Deutschland, der in der Hauptsache ein Gefühls-Schauspieler ist. Die Stärke bes intellektuellen Schauspielers ist seine Fähigkeit Wirkung zu erzielen unb mit einem Minimum an Tätigkeit, Bewegung ober [ogar Ausdruck. Das bedeutet durchaus nicht gleichbedeutend mit mittelmäßiger Kunst. Ohne den deutschen Schauspielern zu nahe treten zu wollen, möchte ich behaupten, daß ein Schauspieler wie unser Sir Cedric H a i d w i ck e manchmal durch das einfache Heben eines Augenlides eine größere Wirkung erzielt, als ein Gefühls-Schauspieler mit vielen Gesten unb Bewegungen. Trotzdem, in ber Schauspielkunst gelingt es allein bem I mit bem Körper arbeitenben Schauspieler, sofort ben Kontakt mit dem Publikum zu finden, und ihm allein ist es möglich, jene vielen gewöhnlichen körperlichen Bewegungen darzustellen, die so sehr menschlich sind, er allein kann wirksam die oft turbulenten aber in jedem Fall menschlichen Charaktere darstellen, die Shakespeare und andere Meister bes Dramas uns überliefert haben. Unb barum sind heute die englischen Schauspieler meistens nicht für Shakespeare-Rollen geeignet, nicht deshalb, weil es unter ihnen keinen großen Schauspieler gibt, sondern weil ihre Kunst sich so weit von der viel größeren Kunst, deren Meister Shakespeare war, entfernt hat. Intellektuelle Schauspielkunst kann manchmal sehr geistreich sein, aber niemals kann mit dieser Technik die wahnsinnige Eifersucht eines Othello ober ber unbeherrschte Ehrgeiz einer Laby Macbeth bargestellt werben. Würbe man die Wahrheit erkennen, so müßte man feststellen, daß die Schauspieler zur Zeit der Königin Elisabeth, deren Lippen zuerst die wunderbaren Sätze Shakespeares sprachen, nicht viel anders waren, als jene Schauspieler, die heute auf ben Brettern in allen Teilen Deutsch- lanbs spielen. Dann möchte ich noch darauf Hinweisen, daß der internationale Einfluß sich stark in ber englischen Sprache bemerkbar gemacht hat. In ben Tagen Shakespeares sprach man breiter mit angelsächsischem Vokabularium unb angelsächsischer Aussprache. Damals sprach man Shakespeare kräftiger unb bramatischer als man ihn heute auf englischen Bühnen hört. Ich glaube, ich habe recht, wenn ich behaupte, baß ber Shakespeare, ben man damals sprach, ähnlich wie ber klang, ben man heute auf ben beutschen Bühnen hört. Unb so, selbst auf bie Gefahr hin, einigen meiner Canbsleute zu nahe zu treten, behaupte ich noch einmal: Nur beutsche Schauspieler I können Shakespeare spielen. bie gleiche urwüchsige Elementarkraft unb sowohl bie Worte von Shakespeare wie bie Klänge Wagners gewähren eine berartige Befriedigung bes menschlichen Kunsthungers, baß man ohne weiteres behaupten kann, es gibt keine anberen literarischen und musikalischen Werke, welche die immer vorhandene Sehnsucht der menschlichen Seele nach künstlerischen Dingen so zu stillen vermögen. Nur Deutsche verstehen es, Wagner richtig zu interpretieren. Darüber läßt sich nicht streiten, denn wie käme es sonst, daß während der Covent Garden Saison es immer wieder notwendig ist, die besten deutschen Sänger und Sängerinnen zu importieren. Das gleiche ist der Fall in Neuyork und in anderen führenden Städten ber Welt, in benen bie Bezeichnung Wagner-Oper gleichbedeutend ist mit beutschem Musiktalent. Leiber ist das Verhältnis der englischen Bühne zu Shakespeare ein ganz anderes. Man kann nicht länger wahrheitsgemäß behaupten, daß das Talent der englischen Schauspieler in irgend welcher Beziehung zu dem Genius unseres Nationalbarden steht. Ohne einen Augenblick lang daran zu denken, die schauspielerischen Fähigkeiten unserer modernen britischen Schauspieler herabzusetzen, muß ich eins doch sagen, daß, so groß sie auch als Darsteller gewisser Charaktertypen sind und als Spre- dem entspricht sie der Wahrheit. Um es gleich vorweg zu nehmen, mein Urteil ist nicht die Folge jenes Minderwertigkeitskomplexes, den man so vielen Engländern zuzutrauen sich angewöhnt hat. Wie überzeugt ich von der Kunst meines Landes bin, läßt sich aus der Tatsache ersehen, daß ich ohne Bedenken William Shakespeare als den einzigen zeitlosen Dramatiker der Welt bezeichne, er ist der einzige Mann, dem es gelang, Charaktere unb Sprache zu schassen, beren Darstellung unb Vortrag in jedem Zeitalter den Beweis für einen besonders hohen Standard an schauspielerischer Fähigkeit erbringen würde. Veran iwortlich: Dr. Hans Thhriot. — Druck und Verlag: Brühl'sche Universitäts-Buch» und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.