Nummer 39 Zreitag, den 22. Mai Jahrgang 1936 schon begraben, als sein Dragoner ankam. um uMu uu। die Schlohtreppe, um zu schlafen. Was meinst • ich schlief da nicht schlecht, aber ließen mich die etwa auf egen? Nein, sogleich kam da ein Mann zu ihm, ein Mensch Nun, der Kaiser war s, Thomas legte sich also auf die Schloß Das Jahr des Herrn Roman von Karl Heinrich Waggerl Copyright by Insel-Verlag zu Leipzig. 14. Fortsetzung. GiehenerZamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger________ sie näht. * Hnb das Jahr verwelkt, die Sonne wird müder von Tag zu Tag. Im Sommer sprang sie von der Zinne des Berges weg über den ganzen Pummpf und ieht ist sie eine alte Frau auf ihrem mühsamen Weg, sie L nur ein wenig an! Rand der Welt entlang, gleich ^ift fie wleber m ben Wald und schläft. Der Himmel selbst wirk welk, der blaue Garten, in d^r die schönen Wolkenblumen, blühten die riesigen Bu che und Sträucher im Sommerwind, nun sterben sie ab, und eines Tages fal en die weißen Bllltenblättchen auf die frierende Erde herunter T)ar, fvri wird einem schwer, weil der Sommer so fluchtig ist m oen Bergen, verschwenderisch, a, voll Leidenschaft, stürmischer als anderswo aber so kurz. Das Herz ist noch lange nicht satt, -- hungert m der weißen Ocde es seufzt unter dem Druck des grauen lastenden Gewölkes Und dann geschieht es doch einmal, daß in den Adventnachten der Himmel aufbricht und ein glänzendes Gestirn tritt hervor der Stern der Der- heißung. Irgendwo ist schon Maria unterwegs, die Magd des Her , gebenedeit unter den Weibern durch die Frucht ihres selbes. Lana vor Tag läuten die Glocken zur Messe. Es ist bitterkalt in oer Kirche der Atem dampft weiß vor dem Mund des Pfarrers, wenn er da Rorate coeli betet und inbrünstig fleht: Tauet, Himmel den Gerechten! Wenn sich die Tür öffnet, staubt Schnee herein. der Wind torkeltdurch die Kirche und wirft sich ungestüm an den Altar so daß die Achter erschreckt zusammenzucken. Die Kirchleute drucken die Tur wieder zu und schütteln sich und klopfen an der Toriaule die Schollen von ihrem Schuhwerk. Schwerfällig und steif vom Frost poltern sie in die B°nke dann kleben sie die Adventkerze vor sich auf das Pult ste hauchen ir die Hände und falten sie um das Licht und warmen die Fmger daran. Aus den Bärten der Männer tropft das tauende Eis und die Weiber haben weißgefrorene Nasen, — mein Gott, was für eine Kalte ist das Auch"in^Äl'Fenster stellt man zur Kirchzeit brennende Kerzen damit Maria den Weg findet und einen Trost hat, wenn s,e ,m Dunkeln vor- überoeht Man legt neugewebtes Linnen oder em paar Wollstrahne vor die Ürippe im Seitenschiff der Kirche. Don Zeit zu Zeit sammel.^der Pfarrer diese Gaben und verteilt sie unter die Armen aber eigentlich ist das alles der Lieben Frau geschenkt, Linnen und Wolle, weil sie so arm ist und nichts hat, um ihr Kindchen darauf zu betten. Im Stall kniet sie, ihr Gesicht ist aus weißem Wachs geformt, schon rund und rot blühen ihre Wangen. Zwei blaue Gla^ierlen sind die Augen die schauen so rührend unschuldig ms Leere. Verwirrt ist die jungfräuliche Mutter, ein wenig erstaunt und fdjamig nach allem, was an ihr geschehen ist. Und vor ihr auf einer Schutte Stroh liegt das rosige Himmelskind, da zappelt es und breitet seine Aermchen aus, und Ochs und Esel stecken die Köpfe herein und beglotzen das Wunder. Der Oäis hat sogar noch ein Büschel Heu un Maul, aber er kaut nicht mehr, er starrt nur und starrt, und so tun seither die Ochsen alle. Sie schauen stundenlang vor sich hin und denken nach und begreifen es nie. Joseph hingegen steht am Hackstock und versucht die neue Axt, die er vom Schmied geschenkt bekommen hat. Gleich wird er Feuer anmachen und einen Tops für die Suppe zusetzen. Draußen kommen ,a schon die Hirten gelaufen, Käse bringen ste und Brot, und einer schiebt em Lamm chcn vor sich her. Ja, alle sind unterwegs, sie rennen und wersen die Aime empor, Sennhüter mit zottigen Bärten, Weiber und Buben, und nur der gläserne Hund sitzt hoch oben int Gebirge und bewacht das Schweizerhäuschen zwischen seinen Pfoten. Heber allem aber schwebt ein Engel, golden gefiedert, der Bote des Friedens. Das hat der Pater Johannes schön gemacht auch der Pfarrer findet ein herzliches Gefallen daran. Seht nur den Hund auf dem Berg, den blauen Glashund, ist er nicht wunderbar? Und daß der erste Hirt eine wirkliche Laterne trägt mit einem winzigen Kerzchen darin, das man vielleicht fogar anzünden kann, betrachtet das alles, sagt er m der Truhe" um ihm gleich den' Hals'umzudrehen, wenn er nach Hause kam Ack Gott wie war dem Bischof um die arme Seele bang! Er beschrie unb beschwm den Bösen und schlug das Kreuz ^er ihm allem der wollte nicht weichen. Der Teufel wand sich nur und schwitzte und stank so fürchterlich, daß dem Gottesmann die Augen übergingen. Indessen kam der Eseltreiber heim, er hörte den Lärm im Hause und erschrak weil er meinte, es sei schon die Wache hinter ihm her Ei ig lief er und brachte den gestohlenen Sack wieder an fernen Ort. Auf diese Weise half der Teufel dazu, einen Sünder zu bekehren, und das gef.et dem heiligen Nikolaus so wohl, daß er ihn fortan als Grausknecht in ^'"Alle Kinder kennen ihn, es ist ein haariger Teufel namens K^aubauf. 3m Umgang mit dem Heiligen ist er zahmer geworden, als es sonst der Bettachtet auch den Vater Joseph. Er hatte ja seine Werkstatt in Nazareth Haus und Garten und ein paar Geißen dabei, und nun dachte er ’bafj er wohl auch eine Frau haben konnte etliche Kinder um bie Beine, wenn er aus dem Zimmerplatz stand^ Das wäre nicht sch echt, meinte er Seht, und da war Maria vom Nachbarn, die gefiel ihm schon tonae er überlegte bas hin und her in seinem Kopf. Du konntest einmal ein9®ort fallen'lassen, dachte er, sie wäre die Rechte für das Haus und die Geisten und alles. Ja, das machte er dann so, und es war gut bis ber Engel mit der Botschaft kam, meine Lieben. Und dennoch verstieß er sie nicht und vertraute ihr. Wenn ihr aber das bedenkt, so ist es mehr, als der Lobgesang der Hirten und das Gold der Könige, denn Joseph erkannte den ungeborenen Gott, bloß durch die Kraft feines Vertrauens und seiner Liebe. Und es möchte wohl zuweilen geschehen, daß der Herr in einem von euch ein Werk tut, und ihr haltet ihn für sündig dem Ansehen nach Aber das sollt ihr nicht tun, ihr mußt auf den Engel Horen, agt der Pfarrer. Wer seinen Bruder verurteilt, der kann immer irren, ober wer ihm verzeiht, der irrt nie. . Dchür gibt es Beispiele in ber Geschichte ber Heiligen, wie etwa den frommen Bischof Nikolaus, dessen Fest UM diese Zelt gefeiert wird. Nikolaus war ein rechter Bater der Armen, ein Wohltäter im stillen, und moif Jr hnrhte es sei besser wenn die Leute dem Herrn dankten, von dem aller6 Segen kommt, statt ihm, der doch nur sein Knecht und Sachwalter war, darum schlich er des Nachts m tue Hauser, em wunderlicher Einbrecher, der nicht raubte, sondern schenkte. Einmal wollte der Bischof Nikolaus einem armen Eseltreiber Mehl in bie Truhe schütten, da saß der Teufel auf dem Deckel. Hebe dich hinweg! sagte der Bischof. Mit nicbten sagte der Teufel, ich sitze hier gut. Der Eseltreiber war nämlich in seiner Verzweiflung ausgegangen, ..... Sack Mehl zu stehlen, und deshalb hockte der Teufel auf der i ihm gleich den Hals umzudrehen, wenn er nach Hause kam. du emählt er, ich schlief do nicht schlecht, aoer liegen miaj uie ben Steinen liegen? Nein, sogleich kam da ein Mann zu iljni, ein Mensch in einer prachtvollen Uniform, mit Helm und Säbel, wahrscheinlich ein Bedienter des Kaisers. Was ihm einfalle, sagte er, das S'uge nicht da werde er doch nicht schlafen wollen? Und er nahm ihn mit sich in eine warme Stube, da schrieben sie seinen Namen auf. ©o sagten tu Dragoner warst bu bas gefiel ihnen. Und nun bekam Thomas ein Bett für bie Nacht, bas kannst bu bir gar nicht vorstellen, so pradjhg hat A 's? AAen nicht roieber geschlafen. Licht brannte an ber Decke, unb ein Waschgeschirr ftanb da und wenn du vielleicht meinst, daß nun der Zauber em Ende hat, o bist du auf dem Holzweg. Am andern Tag stellten sie ihm das Essen hin er brauchte gar nicht darum zu bitten. Iß nur, Herr Dragoner, s 9 UnJ bann, ob man es glaubt ober nicht, bann fuhr er mit der Eisenbahn nach Hause. Immer mit einem Bedienten hinter sich, unb an ber Seite, und das alles, die gute Kost unb bas Quartier unb bie Reife bas hat ihm keinen Groschen gekostet. Da kannst bu sehen, wieviel em Kaiser Dcrmaa selbst wenn er gestorben ist! , O fa, bas versteht David, er hat fa selbst einmal mit einem großen Herrn zu tun gehabt, und es schlug ihm zum Segen aus Seit damals rundet sich sein Leben. Er ist ja eigentlich noch em Kind, noch nicht einmal ber Schule ganz entwachsen, aber trotzdem hat er schon eine eigene Kammer und seine Truhe auf dem Dachboden und bas alles hat e n Ansehen unb eine gewisse Festigkeit. Sein Besitztum vermehrt sich aus geheimnisvolle Weise von Tag zu Tag die Schillinge hecken ganz von selbst Groschen in seinem Sparbuch, bald ist schon der siebte voll. Acht kostet ein Paar Kaninchen von guter Zucht, und wenn er einmal so wett ist bann kann er einen Handel mit Fellen anfangen, oder er wird noch inmarten unb schließlich einen von den Ringen kaufen, bie Agathe im Laden hat. Der Ring mutz genau so groß wie die Oese an feiner Uhrfette Agnes kann gerade noch den Finger durchstecken. Die Dorsleute reden mit ihm wie mit ihresgleichen. Gm wenig verdreht ist David ja immer noch, aber schließlich hat ihn der Bischof an Tafel geladen, der Kämmerer ist fein Pate. Einmal kommt fogar die Köchin 9Helene und klagt, ihre Nähmaschine sei steckengeblieben. Warum gellt sie denn nicht zum Pater Johannes oder zum Schmied t Ja so ist es nun einmal. Und David legt sich ins Zeug und bringt die Maschine in Gang. Ein paar Schrauben bleiben ihm zwar übrig, aber Kummer hat. (Fortsetzung folgt.) Höllische ta seiner Art hat. Er bleckt zwar die Zunge und rasselt mit Ketten aber wenn man genauer hinsieht, so entdeckt man mitunter Hosenröhren und Schnürstiefel unter seinem Pelz. Im Grunde fürchtet chn natürlich niemand, obwohl es von Vorteil ist, eine Bettstatt hinter sich zu haben, unter der man verschwinden kann, wenn er mit seiner Virkenrute zu nahe kommt. Er ist nichts weiter als ein Mädchenschreck, ein Angsttraum für die ganz Kleinen. Burschen wie David sind seiner Rute schon entwachsen. Mehr noch, David beschließt sogar, diesmal den Teufel mit Beelzebub auszutreiben und sich selbst als Klaubaus zu versuchen. Zu diesem Zweck entleiht er sich eine Hirschdecke beim Totengräber, der gelegentlich mit Fellen handelt, er gürtet etliche Kuhketten um die Hüften und leimt sich schwarze Wolle ins Gesicht. Die Horner kann er sich ersparen, wenn er seine Wollhaube aussetzt und ein paar Krähenfedern hineinsteckt, und was die Zunge betrifft, so braucht er nur seine eigen« herauszustrecken, die ist lang genug. Fehlt noch etwas? Versuchsweise, um die Wirkung zu erproben, rasselt er einmal durch den Gang und über die Treppe hinunter. Schwester Angela kommt aus der Stube, sie kreischt laut aus und fällt rücklings wieder in die Tür zurück. Dann steht David also draußen in der Dämmerung, ein einsamer Teufel auf dem verschneiten Kirchplatz. Kein Mensch ist unterwegs, das trifft sich gut, aber gewissermaßen ist es auch unheimlich, so still und so dunkel. Nur die Bäume bewegen sich im lautlosen Wind und schütteln den Schnee aus dem Gezweig. Di« Wahrheit zu sagen, es ist David nicht ganz wohl in seiner Haut, ein wenig graut ihm vor sich selber, vor dem scheußlichen Gespenst, das er ist. Er hat eigentlich vorgehabt, in das Pfarrhaus zu gehen, nicht um den alten Pfarrer zu versuchen, sondern um vor einer bestimmten Tür so lange zu rasseln und zu grunzen, ms da jemand auf den Knieen lag und mit ausgehobenen Händen um Erbarmen flehte. . Bist du Agnes, wollte er sagen, die einen gewissen David auf den Tod gekränkt und beleidigt hat? Ja, aber sie wollte es nie mehr tun. Oh, das käme nun zu spät, die Tränen und das reumütige Gewinsel, sie hätte sich früher besinnen sollen. Ohne Gnade müßte sie zur Holle fahren. Ja, und da würde sie an den Zöpfen aufgehängt, unter ihr stünde eine Pfanne mit siedend heißem Krapsenschmalz, und jeden Tag risse ein Haar, nur ein einziges. So dick die Zöpfe auch sind, einmal hinge sie doch am letzten Härchen und fiele und müßte elend verbrennen, wenn nicht David sich im Himmel ihrer erbarmte und ein rotes Band hinunterhängen liehe, an dem sie sich halten könnte. Aber es wäre wohl nicht so sicher, ob er ihr wirklich zu Hilfe käme, nach allem, was sie ihm angetan hat. Ach, würde Agnes jammern, gibt es denn gar keine Rettung mehr? Nein, keine. Und wenn ich ihn kniefällig um Verzeihung bitte? Wenn ich auch den Ring annehme, den er mir kaufen will und ihm ewig treu fein werde, immer und ewig? Ja, dann! Dann würde David wohl doch ein letztes Mal gnädig fein, wenn Agnes so gute Vorsätze hätte! Wäre er nur schon so weit! Es friert ihn erbärmlich an den Zehen, unschlüssig schaut er in den Pfarrgarten hinüber. Dort ist es noch viel finsterer u"d unheimlicher als unter den Bäumen auf dem Kirchplatz. Außerdem ':ri David schon die ganze Zeit in der Nähe etwas knurren und sck- ii, und wenn das vielleicht der Försterhund ist, so wird es gut fein ,.rb noch dem Rückweg umzusehen, nach dem kürzesten Weg hinter eine Haustür. nrx„., . » ... . Ja, aber leider hat der Försterhund die Wildhaut schon gewittert, plötzlich kommt er durch den Schnee herangestäubt, und im nächsten Augenblick hockt der hirschlederne Teufel auf dem Birnbaum. Waldmann läuft im Kreis um den Baum und verbellt das Wild, wie es sich für einen guten Hund gehört. Wahrscheinlich kommt es ihm ein bißchen wunderlich vor, daß die Hirsche neuerdings auf Baume klettern. Ader einerlei, er tut seine Pflicht und gibt gar nichts auf schone Reden, auf alle Würste und Zuckerstücke, die ihm David verspricht. Darüber vergeht eine gute Zeit. Dann und wann unternimmt der Hund etwas gegen die Langeweile, er springt und schnappt nach Davids Zehen und David zieht die Beine noch ein wenig höher in das Astwerk hinauf Die Finger frieren ihm ab, vielleicht muß er die ganze Nacht hier oben sitzen, und am Morgen ist er zu Eis erstarrt, ein erfrorener Klaubauf im Birnbaum. . In seiner Herzensangst fängt David laut zu beten an. Alle vierzehn Nothelfer ruft er herab, die vierzig Märtyrer im besonderen, einige von ihnen waren ja selbst mit wilden Tieren ins Gedränge geraten. Den Försterhund rührt fteilich auch das nicht, aber schließlich kommt der Retter doch, und zwar in Gestalt des heiligen Nikolaus, der an feinem Tag durch das Dorf wandert, weißbärtig und würdevoll mit Stab und goldener Mütze. Erstaunt hebt er feine Laterne und betrachtet dieses zottige Gespenst auf dem Baum, bann hakt er feinen Krummstab in das Halsband des Hundes, um ihn zum Schweigen zu bringen. Wer bist du? ruft er hinauf. Aber David bleibt die Antwort schuldig. Blitzschnell wischt er herunter und verschwindet mit rasselnden Ketten in der Dunkelheit. Der heilige Nikolaus und (ein Klaubaus stehen da und schütteln die Köpfe und wundern sich sehr. War das etwa doch ein richtiger Teufel, der Leibhaftige, wie man sagt? Stinkt es nicht ein wenig nach Schwefel hinter ihm her? # Ein paar Tage später kommt die Krämerin zu David in die Dachkammer. Das ist eine Ehre für ihn, er räumt auch gleich die Aepsel von der Bank, damit sie sich setzen tarnt. Nimm Platz, sagt er nut Anstand. Aber Agathe will nicht bleiben, cs ist ihr zu kalt in dieser Stube. Sie bringt nur eine Nachricht für den kleinen David. Deine Mutter ist gekommen, sagt die Krämerin. . .. So die Mutter! David hat einen Apfel angebissen, letzt legt er ihn wieder weg. Die Mutter, sagt Agathe ganz einfach, sie ist da. Den ganzen Sommer hindurch hat c an sie gedacht, sie war etwas Lichtes, das ihn überall begleitete, eloa» Heiliges in feinen Gedanken. Oft faß er um die Mittagszeit tm Kirchturm und wartete, bis die Postkutsche in das Dorf rollte. Allerlei fremde Leute fliegen vom Wagen, die Mutter nicht. Er hätte mit allen Glocken geläutet, wahrhaftig, das hätte er getan. Ein paarmal fragte er die Krämerin, ob denn die Mutter nicht kommen wollte. Ich weiß es nicht, sagte Agathe, sie ist genau so närrisch wie du. Und nun, mitten im Winter, ist sie plötzlich da. David ist den ganzen Tag herumgelaufen wie sonst, es war gar kein besonderer Tag. Und indessen fuhr die Mutter über Land, reifte durch Schnee und Kälte, — ob David wohl beim Schlitten fein wird? dachte sie vielleicht. Komm jetzt mit, sagte die Krämerin. Aber fei nicht laut, sie ist krank. Ja, die Mutter sitzt im Bett, sie hat ein weißes Nachtjäckchen an; und auch ihr Gesicht ist seltsam weiß und schmal unter dem aufgebundenen Haar. Nun steckt sie das Sttickzeug zusammen, David tritt an das Bett und schluckt und nimmt ihre Hand und fchluckt noch einmal hinunter, es ist so schwer, etwas zu sagen. Du bist aber groß geworden, meint die Mutter, und dann rührt sie ihn wieder so an der Schläfe an, wie damals in der Stube des Pfarrers. Er ist wirklich gewachsen, fügt sie für sich hinzu, und die Krämerin bestätigt das, ja, sagt sie, aber nicht an Weisheit! Wie stellst du dich denn an, David, du Haubenstock, kannst du nicht wenigstens Guten Tag wünschen? Guten Tag, stößt David heraus und schweigt wieder. Was soll er denn sagen? Die Krämerin versteht das zu wenig, sie selbst freilich ist nie um ein Wort verlegen. Laß ihm Zeit, meint die Mutter, ich bin ihm ja noch fremd. Sie greift unter die Kissen und zieht eine Schachtel heraus. Da habe ich dir etwas mitgebracht, sagt sie. Aber ich weiß nicht, vielleicht freut es dich gar nicht, du bist mir ja ganz entwachsen, Kind. Meinen ©ebanten, verstehst du? __ „ Und was ist es also, was holt die Mutter aus dieser Schachtel? 1'^Nun ja, ein hölzernes Pferdchen auf Rädern, einen Schimmel, man kann ihn an einer Schnur hinter sich herziehen. Hetze! macht David und betrachtet das Ding und stellt es auf den Boden. Er wünscht von Herzen, es gefiele ihm, oh, die Mutter soll nicht meinen, daß er keine Freude daran hat. Es ist sicher em besonders hüb ches Pferdchen, mit seinem Schweif und dem Sattelzeug und allem. Er wird es zwar nicht immer hinter sich herziehen können, wenn er dem Pfarrer beim Blochfahren hilft, aber auf der Truhe wird es sich gut machen, ober ber Pater Johannes kann es für eine Weile in die Krippe (teilen. Ja sagt die Krämerin, bann nimm also bein Roß und beine Schachtel unb troll bich! Die Mutter muh jetzt Mebizin schlucken, unb bann muß sie Vor ber Haustür wartet Davib, bis Agathe herauskommt. Er möchte etwas fragen, — ob die Mutter (ehr krank ist, ob sie doch nicht sterben muß? Der alte Andreas hat auch Medizin genommen, und dann ist er g^Nun, antwortet Agathe, heule nur nicht gleich. Wenn sie den Winter übersteht, dann ist es gut. Die Krämerin gibt der Kranken heißen Tee zu trinken. Siebenkrauter» tee sie rückt ihr die Kissen zurecht, und Monika macht auch gleich gehorsam die' Augen zu, es gibt keine Widerrede, wenn Agathe jemanben zum Schlafen bettet Unb es wäre boch seltsam, wenn bas alles nicht hülfe, Oie Ruhe unb bie Wärme unb bie gute Pflege, von bem nicht zu reben, was Davib aus eigenen Stücken tut. Davib nämlich geht mit feinem Sparbuch zum Postmeister unb tunbigt das Darlehen. Gewiß, es täte ihm leib, wenn der Staat seinetwegen in Bedrängnis geriete, aber er braucht bas Gelb auf die Stunde. Sechs Schillinge und zweiundsechzig Groschen zählt er dem Pfarrer auf den Tisch er soll drei Messen lesen, damit die Mutter wieder gesund wird So auf Meinung! Das will ber Pfarrer gern tun, aber bas Geld soll David nur wieder mitnehmen. Bring es mir ein, sagt der Pfarrer gutgelaunt, wenn du einmal Bischof bist. Ja, und grüße die Mutter! Krank ist Monika, es wurde nichts aus der Arbeit im Spital. Sie sollte lieber aufs Land gehen, meinte der Oberarzt, das könnte sie noch retten, bessere Luft unb Sonne unb so. Ob sie benn niemanb habe, bei bem sie ein paar Monate bleiben könne? ’Rein, log Monika, niemand. Und sie wollte es doch in der Küche ver- ^Wirklich niemand? Merkwürdig, ber Oberarzt hatte ba einen Bries bekommen, darin wurde er sozusagen auf Ehre und Gewissen verpflichtet, in dieser Sache mit Monika Ordnung zu schassen. Das muß em handfestes Frauenzimmer fein, sagte er, diese Krämerin, nut der mochte ich keine Händel haben! Und außerdem hatte sie recht, Monika mußte zunächst einmal trachten, gesund zu werden, in jeder Beziehung nicht wahr» Und dann würbe sich auch bas übrige schicken, ganz gewiß! Kurz unb gut ber Oberarzt brachte Monika selbst in feinem Wagen zur Bahn unb löst- bie Karte für sie, auch bas war in bem Brief fo befohlen. Anbei zwanzig Schilling für bie Kosten, schrieb Agathe. Unb nun hat die Krämerin, was sie braucht, einen Schützling, den sie hegen unb pflegen kann, mit einer Art gewalttätiger Güte, wie es in ihrem Wefen liegt. Monika fügt sich willig, sie ißt Suppe und ttmkt fuße Milch, — o ja, sagt sie jeden Morgen, es geht mir schon bester. Monika lächelt, aber die Krämerin läßt sich nicht täuschen. Warum weinst du benn? fragt sie plötzlich. c . . Ich meine ja nicht, sagt Monika erschreckt. Jetzt nicht mehr glaube mir. Gut Agathe schweigt. Eine Wunde muß bluten, denkt sie, sonst heilt sie nicht. Wie ist es, fragt sie eine Weile später geradezu, hast du ihn noch einmal gesehen? ’Rein, nicht mehr, antwortet Monika leise. Die Krämrin schaut nicht hin, sie kniet vor dem Ofen und schichtet Späne hinein, unb in ber Stille, währenb bie Flammen aus bem Holz schlagen hört sie, wie Monika verstohlen schluchzt und wie die Tropfen aus das Deckbett fallen. Das ist gut, Tränen sind immer gut, wenn man Lbsen. Das Gärtchen. Von Ruth Schaumann. Weht der Wind mein Seidentuch, Spielt dein Wunsch an mir vorbei. Rührt ein Falter mir am Buch, Spricht dein Odem: lieb dich frei. Birgt das Kind fein Haupt bei mir, Singt dein Bild: fo war ich einst. Alter Ring sagt stumm von dir: Lächle, Liebe, weil du weinst. Dust und Tau und Echo spricht. Händlern wacht am Gartentor. Die vertraute Zuversicht Legte schon den Riegel vor. — dichterisch starke Momente hat und wider "— —• Werte die gut so. Wiederkehr seines Todestages am 23. Mai. Von Wilhelm von Scholz. Am 23. Mai jährt sich zum dreißigsten Male der Tag, an। bem ftenrit Ibsen — aus der noch unverminderten Hohe seines Ruhmes nnh (FinHuffea — in Oslo starb. Drei Jahrzehnte geben, auch nach dem Tode eines im biblischen Alter gestorbenen Schöpfers und Kulturträgers, nocb nicht die Sicht für den endgültigen Rückblick auf ihn frei. Dennoch St es eine Erscheinung, von der die Zeit so stark beeinflußt wurde wie von Ibsen, auch jetzt schon im Rückblick neu in uns auszunehmen und “"’Ä LL ÄÄ'-Tw-, °-x Icheirt schon heute das Geheimnis geschwunden zu sein, das er d'eses Schwindens sicher vor uns allen bewußt - in «einen von einem aren endlichen Verstände erhellten Stücken fast immer mit künstlichen Mitteln, mit halb symbolisch, halb real gesehenen Gestalten, mit Seltsamkeiten, die manchmal fast Schrullen waren, zu erhalten und zu nähren suchte, das Geheimnis das der junge Dichter der „Kronprätendenten , des Peer Gynt", der „Kaiser und Galiläer" in seinem ^erpen I>atte bas vielleicht dem späteren letzten Ibsen, der ,eine zweifelhafte „Nora - Periode weit hinter sich gelassen hatte, der den Borkmann und die erwachenden Toten schuf, wieder zu erreichen gelang. Ibsen hat im Jahre 1874 in einer Rede zu Studenten in Kristiania, die ihn feierten, das merkwürdige Wort gesprochen: „Wenn Kaiser Inlian am Ende seiner Laufbahn steht und alles um ihn her zusammenstürz" da Lt 8n Gefühl nichts so tief nieder der Gedanke daß er keinen anderen Erfolg als diesen aufzuweisen habe: mit achtungsvoller Anerkennung weiterzuleben in klaren und kühlen Köpfen, wahrend seine Widersacher „reich an Liebe, wohnten in warmen lebendigen Menschenherzen Dieser Zug ist etwas Durchlebtem entnommen: er hat seinen llHnruna in einer Frage, die ich mir zuweilen selbst vorgelegt habe . I M e /fürchtet für sich selbst, daß er nur in der Achtung der klaren und kühlen Köpfe weiterleben werde (was nicht wenig ist ). Er suh das Schwinden des Geheimnisses, in dem alles Nichtkuhle, Nichlklar to° öas/ft das Geheimnis, wenn man von einem Dichter von Dichtwerken spricht in denen, um die es ist oder nicht ist? Es ist d.e wesent- lickste Aehnlichkeit oder Gleichheit der Dichtung mit dem Leben, de sei ist mir immer gefährlich erschienen. Sie gehennmslose Dichtung wird durchschaubarer Ablauf, nicht Geschehen sein. _ . n Wo^fm rma/fihn^’^^^^rauZ^mn Sie ge- denkt Sw. -I- an B-tlpi-I- b«« Romane, deren Spannung, sobalb mcm sie za{aube jjcift Vorgänge und Gestalten immer wieder in sich »uruckmmml oas um, sSn Ä.«7t!"L"-n »Ä schulen, ssnd d-s.'-s'b--. UN- «>- mal, wenn man es betritt neue ^verwandelte Raumes,no^,^ unb Rän/e vDchwunde/sind wenn ^^wi^d« hineinkommt^In bet geheimnisvollen Dichtung a^*»Lb ® k be" Schreiner vom Holz sagt. •* * ** man in stillen Nächten es sich regen h Publikum Ibsen Sie Sichtung des mittleren 3hb*en^ u6t ein5[aqe zu weit ab vom schlechthin ist, ist wohl zu doch 'N Ahnungen aufgefaßt worden, untergründigen Spiel der Kräfte, Strom , 0 ' i($t u zu nahe einem klaren Hellen Verstände - was 1'e an 1 , mindern brauchte — aber einem Verstände, der nur praktisch umschrankt, mit Zeitfragen beschäftigt, der nicht verwoben war in das Ra elfem, das unlösbar ist, sondern mit lösbaren, moralischen, auf Besserung menschlicher Einrichtungen und Verhältnisse zielenden Ausgaben be- schöftiqt. Ser Ibsen der „Nora"-Zeit erscheint nicht einmal mehr wie ein Dramatiker, der ins Moralisieren geraten ist, sondern geradezu als etn Moralist, der sich der dramatischen Form bedient. Manche der Fragen, die ihn zum Schaffen von Dialogen und Ge- stallen reizten — Frauenfrage, Ehe vor allem, Soziales — sind seither in eine andere Phase der Entwicklung getreten. Sie sind, gewiß nicht zuletzt durch Ibsens reformatorisches Einwirken auf die beitimmenben Kräfte der Zeit, gelöst ober boch weiter geförbert worben. Unb er — ein Teil von ihm wenigstens — erleibet bas Los der J** durch ihr eigenes Einwirken veralten muffen, weil ihr Wollen sich zum Schaden ihres unmittelbaren Weiterlebens erfüllte. Das geht Entdeckern, Reformatoren, großen Erziehern ost fo; es ist ihr Berufslo-. Einem Dichter kann es nur begegnen, wenn Tendenz in sein Schaffen einörang. Ibsens Dichtung empfängt nicht in erster Linie von Tendenz ifyren Antrieb. Wohl aber ist Tendenz überall in sie eingedrungen, scheint schon ins Keimen der Werke im Geist eingedrungen und gibt seinen tragenden Gestalten mehr Programm als Charakter. Wenn sich in bezug auf einen so bedeutenden, die Bühm so uberlegen meisternden Schriftsteller von Tendenz spreche, so meine ich freilich nicht, daß er seine Dichtung nur als Dienerin von Programmen — gar ben Programmen anderer! schuf. Es »st aber schon Tendenz in einem Dichter wenn er mit seiner Dichtung irgend etwas auf dieser rollenden Erde zu ändern zu reformieren strebt, nicht in allem bte ungeheure Erscheinung des Ledens nicht, die Übergroß vor ihm steht die in ihm sich W neuer aeUtiaer Erscheinung wandeln will. Ein Dichter soll außerhalb seiner Dichtung Gutes tun, atis Mitleid Opfer auf sich nehmen, aus Altruismus sich selbst opfern, Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit legren, d'e Schaden bes Lebens bessern, reformieren wollen — sobalb er an sein dichterisches Werk geht (unb bas ist bei manchen großen Dichtern in allen Augenblicken ihres Lebens) barf nur noch bas Gnbgulhge m ihm fteben. Co_ lange ber Dichter in feinem Werk ist, ist ihm bas Leben nur in seiner Sichtung, strahlt bas ganze Weltall in sie als bte Wesensmitte ein. In biefem hohen Sinne war Ibsen, vor allem ber Ibsen ber mittleren Zeit, nicht von Tenbenz frei. Er ist selbst unser Zeuge. Er sagt, duß et —' zwar „ohne es bewußt unb unmittelbar erstrebt zu haben als Schilderer von Menschencharakteren unb Menschenschicksalen „ju ben gleichen Ergebnisfen gekommen ist, wie bie sozialistischen Moralphtlo- sophen burch wissenschaftliche Forschung". Senn im Wesen unbesserbar, unreformierbar ohne Ergebnis ist das Leben, das zwischen Geburt unb Tob liegt, bas für unser 2luge oft ungerecht unb grausam ist, bennodj: ein Herrliches unb das Einzige! In ihm stehenb, baß es wie ein Laub oder ein Fluß, em H1 mmeswitch oder ein raunenden Baum um ihn ist, bildet der unnutzltche geheimnls- beschenkte ergebnislose, der in hundertfachem Sinne germanische Dichter aus dem ungreifbaren Stoff, ber bas Ewige m allem allen Ersehet nnngen Gefühlen, Gebenken, im Dasein unb im Geiste ist. Ist er wirk lieb aant unnützlich? Nein, er ist wichtiger als ber Reformer mit Ergeb- nsisen, die denen der Moralphilosophen gleich sind! Er lehrt ganz er- traaen was jener ein wenig bessern wollte: bas Leben. - Sem „Nora - 3bkm sieht hier vielleicht schon ber bes „Solneß , sicher ber bes t- mann" als reiner Sichter gegenüber, ber, wenn er auch noch Eigen- tiimlichkeiten bes Zeitschriftstellers bewahrte, boch jetzt — wohl durch die späte, dem Abschied nähere Lebensstunde gemahnt — ■ tn bte tieferen Gründe hinabstieg, sich wieder auf das Lebensuberzeitliche besann. Natürlich kann diese Gegeneinanderstellung, bie, um deutlich zu sein, : in Farbe unb Behauptung übertreiben, schwarz und weiß, stark ab- ; heben mußte, nur bas Wesentliche bes ganz auf bie Zeit eingestellten ’ Ibsen im Gegensatz zu bem Sichter kennzeichnen, um bas zu erkennen > * die dreißigste Wiederkehr seines Todes besonders nahe bringt: mos uns der zeitliche Abstand von ihm 'ehrt Saß ein Mann der dichterisch so große Singe geschrieben hat wie „Aases Tod , wie die Toten- klaae in den Helden auf Helgoland", der die „Kronprätendenten schuf, auch in den Sramen der „Nora"-Periode - vielleicht mit Ausnahme Duvvenheims" selbst - dichterisch starke leche" Ti/rie und sein Moralisieren ost zugunsten höherer Doktrin verläßt, ist selbstverständlich. Auch die Ablehnung ist, nach einem Wort Fontanes: „Ablehnung mit Bewunderung So ist schon zum Beispiel bie „Frau vom Meere ber verwandten Hora nach ber Seite bes Lebenspositiven weit überlegen. So haben auch Se bie anberen Sramen biefer, Ibsens Zeitbedeutung festlegenden Schaffensperiobe Sichterisches in sich, bas uns einst erschütterte, das heute nnn bem Veralteten uberbeeft erscheint, unb bas vielleicht einmal spater ^"wenn bas Veraltete gleichgültig geworden, zerfallen ist ober ohne meiUres historisch gesehen, das heißt verziehen wird — zu einer neuen Bewunderung Ibsens führt. „ re. läfct sich heute noch nicht erkennen, ob bann aus ben lebendig unb erhalten gebliebenen Seilen seines Werkes genug Geheimnis aus- Urhmen mirb bas Ganze schwebend zu erhalten. Immerhin glaube ich, Iblen wird später noch einmal zur Bewährung im geistigen Kampf Piner Zeit stehen. Sas scheint mir wahrscheinlicher, als daß fein Bild (ich für die Menschheit einst zur Sage wandelt, wie es ihm geschah, mit rührendem bei Ibsen besonders rührenden Worten einmal an- lätzlick einer Feier gesagt hat: „Ich, der alte Dramatiker, «ehe mein geben selbst sich zum Gedicht, zur Märchendichtung wandeln. Es hat sich mir in einem Mittsommernachtstraum gewandelt! . Dies aber erscheint heute schon gewiß: er wird Se«ch>chtlich stets> eine bedeutsame Stellung in der großen sozialen und ethischen Entwicklung einnehmen, die bas‘19. Jahrhundert brachte, unb feine Erscheinung wird von ihr immer untrennbar sein. Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot.-Druck und Verlag: Drühl'sche Universitäts-Duch. und Eteindr uckerei. R. Lange, Sieben. Cr nickte kaum merklich zu der Meldung des Leutnants. Er sagte ruhig: „Sie packen Ihr Zeug, nehmen die Offiziersjolle und melden sich beim Kapitän des .Zephir'! Diesen Brief geben Sie abl" — „Zephir", das war die Fregatte, die auf Station in Westindien bleiben sollte. Langsam, bedrückt ging Philipps durch das leise sich wiegende Schiff. Er nahm Abschied von den Kameraden, packte seine Sachen, rief die Jolle ans Fallreep. Auf Quarterdeck des „Zephir" stand Kapitän Wood und sah zu, rote sein Erster die Ankergasten ans Gangspill pfiff. Er war untersetzt, breit, beinahe dick. Doch man sah es ihm an, daß ihm der Wind aller Meere um die Ohren gepfiffen hatte, und er sein Handwerk verstand. „Da sind Sie ja, Philipps", lachte er und hielt dem Leutnant die Hand hin. „Wohl ein bißchen marode, daß Sie der Hardy hier in Westindien läßt? Machen Sie sich nichts draus! 'n Schiff ist der olle „Zephir" schließlich auch. Sie haben ein Dienstschreiben? Geben Sie her!-- Eben ging drüben auf dem Admiralsschiff ein Signal hoch. Von allen Rahen der Flotte fiel das weiße Tuch, flatterte knatternd im Winde, üllte sich und stand dann prall und rund in der Sonne. Eine Stunde später glitt auch der „Zephir" aus dem Hafen von Fort de France. Er ging nach San Domingo. — Sechs Wochen blieb der „Zephir" in Westindien. Dienst gab's wenig. Dafür Tanz und Landausflüge. Ließ sich eigentlich recht gut an, diese Strafversetzung! Nur schade, daß man nichts von Nelsons Flotte Hörtel Eine Woche, ehe der erste Postsegler fällig war, ging der „Zephir" wieder in See. An einem strahlenden Morgen lief die Fregatte in Kapstadt ein. Am Nachmittag bat Leutnant Philipps um Landurlaub. Kapitan Wood sah ihn an, sagte „tio!" und verschwand brummend unter Deck. Philipps zuckte die Achseln. War eine Seele von einem Menschen, der Alte, aber manchmal schon verdammt wunderlich. Auch am zweiten und dritten Tage sagte der Kapitän nichts als „no! . Was der Käpt'n nur hatte? Er hatte ihm doch, weiß Gott, nichts getan. Philipps ging ick die Messe, um seinen Aerger beim Zeitungslesen zu vergessen. Aber Zeitungen lagen keine auf. Merkwürdig! Erst zu Mittag hatte doch das Postboot einen Pack Zeitungen gebracht. Mit der ersten Post, die die Fregatte seit Fort de France erhielt. Da rief ihn der Kapitän an: „Kommen Sie mal mit, Philipps! Es klang gröber als es wohl sollte. In seiner Kajüte blieb Kapitän Wood mit einem Ruck vor dem Leutnant stehen. „Werden sich gewundert haben, Herr, über mein ewiges ,no!‘. Kann's nicht ändern. Haben ja selbst gesagt, daß Sie von England nichts mehr hören wollen. Kann ich dafür, daß Sie ein Narr waren und der Hardy ein Satan ist?" Jetzt wußte Leutnant Philipp, warum die Kameraden schwiegen, wenn er von England zu reden begann. Um Landurlaub bat er nicht mehr. Hätte ihm auch wenig geholfen! Kapitän und Kameraden blieben freundlich und zuvorkommend. Nur von England sprachen sie nicht. Briefe und Zeitungen bekam er keine. Selbst der Bordbarbier, dem der Schnabel klappernd wie seine Schere ging, redete von Gott und der Welt, nur nicht vom Königreich. Nach zwei Jahren ging der „Zephir" von Bombay aus in die Heimat zurück. Nur Philipps blieb. Er kam als dritter Offizier in das neue Stationsschiff. Sonst änderte sich nichts. Nie fiel in seinem Beisein em Wort über England. Nie lag in der Messe eine Zeitung oder eine Zeitschrift auf. Nie erhielt er einen Brief. Schiff um Schiff kehrte nach zwei, nach drei Jahren nach England zurück. Nur Philipps blieb. Auch die neuen Kameraden waren zuvorkommend und liebenswürdig. Sooft er aber den Kapitän eines neuen Stationsschiffes, von leiser Hoffnung getrieben, um Landurlaub bat, erhielt er als Antwort, je nach Temperament des Gefragten, ein grobes, sanftes oder verlegenes „No!" — Fünfzehn Jahre vergingen so. Da kam wieder, diesmal mit einem Linienschiff, Kapitän Wood auf Station. Aber wenigstens hatte das leidige Auf-der-Reede-liegen ein Ende. Das Linienschiff hatte den Auftrag, die Goldküste von Piraten zu säubern. Kapitän Wood begann für Philipps zu hoffen. Nach einer tapferen Tat des Leutnants würde wohl auch die Admiralität ein Einsehen haben. Vor Santa Isabel auf Fernando Poo kam es an einem Nachmittag zum ersten Gefecht. Ein amerikanischer Pirat, dessen Ausluger wohl berauscht in den Marsen schliefen, segelte, aus Santa Isabel auslaufend, dem Linienschiff vor den Bug. Zwei Breitseiten des Engländers brüllten auf, dann kam es zum Entern. Seinen Leuten voran sprang Leutnant Philipps auf das Deck des Korsaren. Ein Pistolenschuß warf ihn zurück. Am Abend lag er bleich, mühsam atmend in seiner Kammer. „Zwei Stunden noch — vielleicht!", meldete der Schiffsarzt dem Kapitän, als dieser nach dem Befinden des Leutnants fragte. Langsam ging Kapitän Wood in die Kammer des Schwerverwundeten. Er legte seine sjZranke aus die wachsgelben Hände des Leutnants, fragte freundlich: „Was kann ich für Sie tun, Philipps?" „Sie dürfen ja nicht, Kapitän!", antwortete der Leutnant leise und sah gegen die Balken der Decke. „Was darf ich nicht, Philipps?" „Mir von England erzählen, Kapitän." Tränen rannen über fein weißes Gesicht. . . Da verschluckte Kapitän Wood einen Fluch. Ob er es durfte, wußte er nicht. Cs scherte ihn auch nicht. Er zog einen Stuhl ans Bett, setzte sich, nahm wieder die eiskalten Hände des Leutnants in seine und begann zu erzählen. Leise, wie eine Mutter zu ihrem Kinde spricht, das schon die Augen zum Schlafe schließt. Er erzählte von Trafalgar, von Nelsons Ruhm und Tod, von Wellington, Blücher und Waterloo, von Napoleons Sturz und Ende und davon, wie nun Englands Flaggen über allen Meeren wehten. _ Dann blickte er auf. Da lag lächelnd der Tote vor ihm. Nelsons Offiziere. Novelle von Alfons von Czibulka. Ein halbes Jahr vor dem Ruhme von Trafalgar suchte Nelson, von Toulon nach Aegypten jagend und im Weststurm wieder bis Gibraltar aufkreuzenü, die französisch-spanische Flotte vergebens im Mittelmeer. Als er Gibraltar passierte, hörte er, daß die Franzosen und Spanier einen Handstreich auf die englischen Besitzungen in Westindien planten. Nelsons Flotte flog über den Atlantik. Drei Wochen später tauchten aus leise atmendem Meer die blauen Berae von Martinique. Von der Besatzung eines karaibischen Fischkutters erfuhr man, daß die feindliche Flotte fast einen Monat in Fort de France geankert habe und erst vor zwei Tagen mit Kurs gegen Europa wieder in See gegangen sei. Brausend wie die Tornados über der Westindischen See, jauchzte der Jubel über die britischen Schiffe. Hatte man doch vom Feinde bisher nicht ein Segel gesehen. Nelson befahl, auf der Reede von Fort de France zu ankern. Ohne Wasser und Proviant konnten auch Nelsons Schjsfe nicht fahren. . „ . Am Abend saßen in „Kapitän Morgans Schatzhöhle', rote zur Erinnerung an die alte Flibustierzeit eine am Ende des Hafens gelegene, romd- fchiefe Weinschenke hieß, unter Hibiskussträuchern und Palmen Offiziere der „Victory“. An einem kleinen, länglichen Tisch, auf dem em Windlicht stand und um den die Glühwürmer tanzten: der erste und dritte Leutnant des Flaggschiffs, ein dicker Häuptling von der Achtern-Batterie, der Schiffs- arzt und ein Midfhipman. ri o , . , . ,Gott verdamm mich", rief Johnson, der erste Leutnant, „zehn Guineen, daß der Nel innerhalb zweimal vierundzwanzig Stunden diesen verdammten Villeneuf am Kragen hat!" Villeneuf, das war der Admiral der französisch-spanischen Flotte. . Von Nelsons Offizieren schien keiner anderer Meinung zu sein. Der Erste gab’s noch nicht auf. „Zehn Guineen und meinen Hut — samt totem versteht sich!", rief er, um die Wettlust zu wecken, und stülpte den Zweimaster rote einen Teewärmer über sein Weinglas. Johnsons Hut, das wollte was heißen. Bei Gott! Seit vier Jahren war dieser Hut in der britischen Flotte berühmt. Vielmehr der Rubm daran, der jetzt im Flackern des Windlichts glühte, und den Johnson vor Malta einem algerischen Korsaren abgenommen hatte. Niemand?", fragte der Erste betrübt. „Na, Philipps, und Sie? Philipps, der dritte Leutnant der „Victory“, schüttelte den Kopf. „Nein, Johnson, ich wette nicht." „Warum denn nicht?", fragte der Schiffsarzt. „Wie sollen wir denn den Feind einholen, wenn wir hier sinnlos auf Martinique fitzen?" . Der dicke Batterieoffizier widersprach: „Ohne Wasser können wir nicht fahren, Philipps, und Grünzeug brauchen wir auch." „Grünzeug! Sehr richtig!", sekundierte der Doktor, der jetzt in fernem Element war. „Grünzeug brauchen wir. Oder wollen Sie, daß uns der Skorbut befällt und uns allen die Zähne wackeln?" Besser unsere Zähne wackeln als die Bäuche aller Landratten über den"Spaß, daß wir seit drei Monaten hinter Napoleons Flotte her find und nicht einen Rattenschwanz gefunden haben. Ein Narrenstreich, diese Fahrt über den Atlantik! Hat wohl Tinte gesoffen, der Nel!" Johnson wollte auffahren. Da kam vom Strande her Nelsons Flagg- kapitän. Kapitän Hardy schien gut gelaunt. Er rief schon von weitem: „Halloo boys, gute Nachricht! Morgen früh, neun Uhr, geht s Anker auf! Mit einer herrischen Bewegung des Kopfes winkte der harte, riesengroße Mann den Mulatten herbei, der in der schwach erhellten Tür lehnte: Wein! — den besten — für alle!" Dann fetzte er sich. „Na, Johnson, ich wette Sie haben schon Ihren nächsten Monatssold zum Pfand gefetzt, daß die „Victory“ innerhalb einer Woche Bord an Bord mit Villeneufs Admiralschiff liegt —" „Innerhalb von vier Tagen, Kapitän!" „Johnson, Sie waren immer schon Optimist. In einer Woche ja, in sechs Tagen vielleicht ..." , „In vier, Kapitän ... Zehn Guineen und meinen Hut! Kapitän Hardy schlug sein Feuerzeug an. „Ihren Hut samt Stein? Johnson, das ist unchristlich. Sie wissen, Spielen und Wetten fuhrt m des Teufels Rachen. Aber für Ihren Hut will ich gern in der Hölle braten ... Zwanzig Guineen dagegen! In einer Woche. Johnson, nicht eher. Er schob seine Pranke in Johnsons Hand. „Schlagen Sie durch, Philipps! ■ „Nein, Kapitän!" . , . Hardy ließ Johnsons Hand los, sah den dritten Leutnant verwundert an, lachte und sagte: „Warum denn nicht, Philipp?" „Weil weder Sie, Kapitän, noch Johnson die Wette gewinnen werden. „Weshalb?" „Weil wir diese Affenfahrt von Aegypten nach Westindien uno wieder zurück nach Portsmouth umsonst gemacht haben werden. Eine Schande diese Fahrt! Lieber will ich von England nichts mehr hören, als noch länger wie ein Narr hinter dem Villeneuf herjagen." Hardy legte die Pfeife vor sich auf den Tisch. „Schlechter Scherz, Leutnant, ober Ihr Ernst, daß Sie lieber von England nichts mehr hören wollen, als noch länger mit Horatio Nelsons Flotte zu fahren?" „Mein Ernst, Kapitän!" — Kapitän Hardy klopfte feine Pfeife aus, warf eine Münze auf den Tifch, nickte Johnson zu und ging. In der Stille, die ihm folgte, konnte man tun darauf die Riemen von der Kapitänspinasse plätschern hören, die auf die ..Victory“ zuhielt, deren Lichter noch aus der Reede blitzten. Leutnant Pbilipps schlief in dieser Nacht nicht viel, Kapitän Hardys Gesicht hatte nichts Gutes verheißen. So wunderte er sich auch nicht weiter, als ihm schon um fünf Uhr morgens ein Matrose meldete, daß der Leutnant sofort zum Kapitän kommen solle. Hardy stand, mit den Händen auf dem Rücken, an den Kreuzmast gelehnt unter dem turmhohen Dom aus Wanten, Stangen und Rahen.