SiehenerZaiMenblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1956 Montag, den 2|. Dezember Nummer 99 Klick aus dem Spielzeugladen Roman für das große und kleine Volk Von Friedrich Schnack Copyright by Insel-Verlag zu Leipzig 4. Fortsetzung. Schritt um Schritt pirschte sich Klick näher an Pong. Bernhard kramte aufgeregt in seinen Kisten mit dem roten amerikanischen Obst. .Beißt er?" '.Möglich, aber höchstens mich!", antwortete Klick. „Verhalte dich ruhig." „Pong!", lockte er, „da bist du ja. Wenn du wüßtest, wie dich der Hustenonkel sucht. Den hast du schön erschreckt. Du bist ein Kerl, ein Lausbub!" , , _. Pong spitzte das Mäulchen, es sah aus, als ob er verlegen wäre. Die Apfelsinen rollten unter seinen Händen weg. „Versteht er dich denn?", fragte Bernhard. Muß man denn verstanden werden, wenn man mit einem redet? , meinte Klick und wandte sich wieder dem Affen zu: „Hast dir das Bauchlein vollgefressen? Ein schönes rundes Bäuchlein hast du, voll Bananen und Apfelsinen. Hast du auch Rosinen gefuttert?" Rein!", warf Bernhard ein. „Die haben wir mcht hier ... „Ist ja auch gleichgültig", sagte Klick. „Hauptsache ist, daß ich mit ihm schwätze und meine Hand bereits an seinem Bauchfell habe ... Er kraulte und streichelte Pong. Langsam schob er daoei seinen rechten Arm um das Tier, das noch eine Apfelsine gegen die Wand schmiß, dann wurde es von Klick sanft von seinem goldenen Sitz weggehoben. Ich hab ihn, Bernhard!", jubelte Klick und drückte den Affen zärtlich an seine Brust. „Mach Bestandsaufnahme, melde den Schaden und laß ""^Ind^Klick trug den Flüchtling aus dem Haus auf die Gaffe. Draußen boq gerade ein Junge um die Ecke bei dem Käsegeschäft; der hatte, weiß der Kuckuck, eine braune Wollmütze auf dem Kopf. Das war doch Klicks liebe alte Mütze! Rasch tat der Affenjäger eine seitliche Wendung und stockte den Affen an der Brust. Unmöglich, den Jungen zu verfolgen. Auch wäre'die kalte Luft für Pong schädlich. Er sah dem Jungen mit einem scharfen Blick nach, prägte sich Gang, Haltung, Körpergröße fest em und chwenkte herum. Da der Hustenonkel wahrscheinlich noch nicht wieder im Laden war eilte Klick heimwärts, huschte am Schnürsenkelmann vorbei und ging in seine Wohnung. Hier war es schön warm. Den Assen im Arm haltend, räumte er schnell den Kleiderschrank aus legte auf den Boden innen ein paar Bogen Zeitungspapier und setzte das Tier hinein. Dann eilte er hinunter, um den Hustenonkel und die Freundin herbeizutrommeln. Der Laden war wieder geöffnet, die beiden blickten ihm erwartungsvoll entgegen. Papageiengezeter empfing ihn. „Da kommt er!", rief der Onkel und winkte mit seiner Hand ent- täU*9d)afonnte nicht früher kommen", rief Klick, „hatte zu tun." ',Oh, wir hatten nichts zu tun", spöttelte der Tierhandler, dem der Verlust'des Assen sehr nahe zu gehen schien. „®s kommt nicht darauf an, daß etwas getan wird , meinte Klick, „sondern daß etwas geschieht!" .... « Versteht sich. Siebengescheiter! , versetzte der Hustenonkel bitter. „Du hast ihn wohl in deinem Kopf gefangen, meinen Pong?' . „Zuerst ja. Zuerst kommt der Kopf!", sagte Klick und streifte mit einem lächelnden Blick seine Freundin. „Vorhin habe ich ihn im Kopf gefangen.. Jetzt ... ach!", bat er, „laß mich doch mal schnupfen, Onkel, draußen zieht es, mir ist furchtbar kalt ..." „ Dräsecke rappelte die Dose aus der Tasche und reichte sie seinem Reffen. „Nimm lieber gleich zwei, für alle Fälle!" Klick nahm zwei Bonbons. „Danke!" Die grünen Dinger steckte er in die Backenecken. „Und nun ...?, drängte Ali. . Jetzt habe ich ihn im Kleiderschrank! , rief Klick ftegesftcher. Zwei verblüffte Gesichter starrten ihn an. Kornüch sahen die aus Er lachte. Die Vögel stimmten in sein Lachen ein und tauchten auf ihren „Im Kleiderschrank steckt er, Onkel. Ich hab ihn erwischt. Bei Kublers Erben hab ich ihn gefangen." „Klick!", rief der Hultenonkel. „Aus dem Apfelfinenlager hab ich ihn herausgeholt. Der Huftenonkel begann auf feinen dünnen Fliegenbetnen hin und her zu schaukeln. „Klick, bist ein Mordskerl. Hast fünf Mark bei mir gut. Eine Spürnase bist du! So ein Strick, dieser Spitzbube ..." „Wie, bitte?", unterbrach ihn Klick. „Ich meine natürlich Pong, den Spitzbuben .. ", sagte der Onkel und langte nach seinem Regenschirm. „Run wollen wir ihn aber heimholen, den verlorenen Sohn!" Ricka krächzte: „Hast du auch bezahlt?" „Nachher zahl ich den Finderlohn aus", antwortete der Tierhändler seinem bunten Vogel. „Kommt jetzt!" Und da holten sie Pong aus dem Kleiderschrank. Das Schiff „Anastasia" und eine kleine Miitzenjagd. Klick kaufte sich von feinem Affenlohn eine sandfarbene Sportmütze. Sie war hübsch und kostete zwei Mark fünfzig. Den Rest des Geldes legte er für bedürftige Zeiten auf die hohe Kante, er steckte sie in feine Sparbüchse. In der neuen Mütze stellte er sich seiner Freundin vor; aber Ali war etwas enttäuscht, wenn sie auch zugeben mußte, daß die Sportmütze ihren Freund gut kleidete. An ihre angefangene Strickerei dachte sie. „Die braune Wollmütze willst du nun nicht mehr haben?" „Aber Ali, die neue ist doch eine Sommermütze. Was soll ich im Winter aufsetzen, wenn ich deine warme Wollmütze nicht habe?" Ihr Gesicht heiterte sich auf. „Laß dir aber nur Zeit damit", riet er. Vor Ostern machte er sich wieder im Spielwarengeschäft nützlich. Frau Trockenhut lag krank, das Packmädchen muhte Verkäuferin (ein, die erste Verkäuferin bediente die Ladenkasse — da war es denn gut, daß Klick in seiner freien Zeit hinter dem Packtisch stand. Ball- und Sandspiele, Osterhasen und ähnliche Spielsachen für das Frühjahr wurden gekauft. Auch Schiffe. Eines Tages kam der lange Kapitän, den der Huftenonkel Sassafrah genannt hatte, in den Spielzeugladen. „Guten Tag, Herr Kapitän!", wünschte Klick hinter dem Packtisch. „Tag, mien Jong!", antwortete der Seesahrer. „Na. dich kenn ich doch?" „Ich hatte bereits die Ehre im Tierladen des Herrn Dräsecke", schnurrte Klick. „Du scheinst mir ja der reinste Hansüberall zu sein, bald bist du hier, bald dort." „Womit können wir dienen, Herr Kapitän?", fragte die Verkäuferin, die das Wort Kapitän aufgeschnappt hatte. Kapitän, Kapitän ... läutete es in Klicks Ohren. Wie das klingt! Wie eine Schiffsglocke im Wind auf der Elbe, wenn die Schlepper unter der Brücke durchfahren. „Ich möchte ein Schiff haben", sagte der Kapitän. Natürlich will er ein Schiss haben, meinte Klick insgeheim. Was anders könnte ein Kapitän auch verlangen? „Soll es ein Schiff mit Uhrwerk fein?", erkundigte sich die Verkäuferin. „Oder ist ein einfaches Boot angenehm? Ist der Junge, für den es bestimmt ist, schon älter?" Sassafrah strich seinen Knebelbart. „Nicht für einen kleinen Jungen!", sagte er. „Für einen großen, wie ich einer bin, für mich will ich ein Schiff haben. So etwas wie ein Modell. Ein großes Segelschiff soll es fein — das größte, das Sie haben." _ , „ , , ,, „, , , Klick kam hinter dem Packtisch hervor. Kem Wort hatte er sich entgehen lassen Hier redete ein Seefahrer, ein Mann, der zwischen Deutschland und Schweden durch Stürme fuhr. Er raste die Treppe hinauf ins Lager: das allergrößte Segelschiff, für das sich bis jetzt noch kein Käufer gefunden hatte lag oben aufbewahrt. Seine Zeit war angebrochen. Er rammte die Leiter gegen ein hohes Gestell, kletterte hinauf und zerrte eine riesige Pappschachtel herunter. In den Laden mit ihr! Noch ehe die Verkäuferin ihre Schiffsvorräte vorgesührt hatte, war er wieder unten. Wir haben einen schönen Dreimaster, Herr Kapitän!", rief er. "Donnerkrach!", sagte der Kapitän, einen Blick aus die hohe Schachtel werfend, „du kennst dich aber aus. Du hast ja Schiffsverstand, möchtest wohl auch mal Kapitän werden?" m » Berufssorgen kannte Klick nicht. Das Leben lief seinen Gang — Tag um Tag. Einen künftigen Beruf hatte er noch nicht «-wählt Aber da ihn nun der Kapitän fragte, stieg in seinem Herzen ein ,ahes Wunschbild auf- Klick in einem weihen Leinenanzug, schlank und gebräunt unter einem Segel stehend, in den Wind gebogen, wie er es im Sommer auf der Elbe einmal gesehen hatte. So zu sein, das wünschte er. „Mal sehn", sagte der Kapitän, „rote das Ding aussteht. Seine tiefe Bauchstimme rollte durch den Laden. Die Verkäuferin hob die Fregatte aus der Schachtel. Segel gerefft'" bemerkte Klick. Er kannte die Seemannsausdrucke. Sassafrah bfinferte ihn an. Fühlend umglitten die breiten Seemanns» hä„de den Schiffskörper, wie man den Leib eines jungen Rassetiers ab- frischen Farben bemalt. Sie fußte auf einer künstlichen Wiese, die gleich einer runden Tischplatte im Raum hing. Grasstofs wuchs daraus, ein zierlicher Busch und einige hochstenglige Blumen mit Blättern. Die junge Schöne hatte ein schwefelgelbes Kleid angetan, trug ein schwarzes Pelz, jäckchen und einen kecken schwarzen Hut. Vor ihr sprang ein kleines Mädchen mit Reifen, hinter ihr hüpfte ein Drahthaarterrier. Die Beine dieser schwungvollen Dame mußten mindestens so lang wie ein Stockwerk hoch sein. Klick im zweiten Geschoß bewunderte die schmissige Gestalt. Aus einmal erwischte sein Blick eine braune Wollmütze zwischen den Wühltischen. Sie saß auf einem Jungenkopf, und kein Zweifel, es war jener aus der Webergasse. Rasch entschlossen sauste Klick zum Fahrstuhl, aber der Aufzug war unterwegs, er huschte gerade an der Glastür vorbei zum dritten Stock hinauf. Mit ein paar Sätzen fprang Klick die Treppe hinunter, — als er unten ankam, war der Junge fort. Klick glaubte, ihn plötzlich auf der Rolltreppe zu sehen. Er stürzte sich auf die laufenden Stufen nach oben. Nichts. Alle Verkaufstabteilungen besuchte er und rollte auch in den dritten Stock, wo im Erfrischungsraum die Nachmittagsmusik aufprasselte. Sogar in die Telephonzellen schaute er — der Gesuchte aber blieb unsichtbar. Er hatte wohl durch einen zweiten Ausgang das Geschäft längst verlassen. Klick beugte sich noch einmal über das Geländer des Lichthofes, und auf die Wühltische blickend, trauerte er der Mütze und ihrem entwichenen Träger nach. Die schöne Dame lustwandelte auf der Blumenwiefe. Wie eine Kleiderfee schwebte sie über den Strümpfen, Blusen und dicken Frauen, die in dem halbseidenen Zeug herumfingerten. Andertags in der Schulpause zwischen Rechenstunde und Aussatz sah Klick seinen Mützenmann wieder. Diesmal aber war er bloßköpfig. Er stand im Hof bei Mehlhose aus der Zahnsgasse und einigen anderen Schülern. Klick umstrich die Gruppe, weil er dem Jungen ins Gesicht blicken wollte, da sah er es: es war Schrimps, der bei der Schneeballschlacht auf der Gegenseite gekämpft hatte. Ein Freudenblitz durchzuckte Klick. Als der Schüler von der Gruppe wegging, trat Klick zu ihm. „Schrimps, du erinnerst dich doch noch an die Schneeballschlacht auf dem Altmarkt?" Schrimpf, der etwas älter als Klick war, streifte ihn mit abweisendem Blick. „Kann schon sein, daß ich mich erinnere, wie feig du warst. Aus- reißet!** " Feig?", sagte Klick scharf. „Es war bloß ein geordneter Rückzug. Nicht vor euch, deinem Mehlhose und dem Zulauf, vor dem Chauffeur ging ich in sichere Stellung. Wahrscheinlich hast du nicht bemerkt, daß ich ihm einen Ball aegen die Schutzscheibe warf ..." ,®as willst du mit dem alten Kohl? Mensch, du bist von gestern. „Von gestern? Na, ich bin jünger als du. Aber darüber wollte ich nicht mit dir sprechen. Damals verlor ich nämlich meine braune Mütze. Ich hatte Schneeballen darin, sie muß mir auf dem Altmarkt aus der Hand gerutscht fein. Hast du vielleicht gesehen, wer sie aufhob?" „Du meinst wohl gar", versetzte Schrimpf, „daß ich mich um deine speckige Dreckmütze gekümmert hab? Was du dir denkst!" „Sachte, färbte!"', meinte Klick. „Ich habe dich gestern mit einer braunen Wollmütze gesehen." „Und da glaubst du nun, es wäre deine Mühe?", suhr ihm Schrimps grob In die Rede. Das sagte ich nicht", erwiderte Klick. „Deine Mütze erinnerte mich nur an meine, die auch braun war. Ich würde sie unter vielen heraus wiedererkennen." ... .Jedenfalls möchte ich sie meinem Kopf nicht zumuten, nicht einmal, wenn du sie mit Karbol wäschst und ein Jahr lang in Kölnisch Wasser legst" Mehlhose machte sich heran. „Was habt ihr da?", fragte er. Mehlhose und Klick waren nicht gut auseinander zu sprechen. Zwischen ihnen Ion die alte Feindschaft der Nachbarsgasfen, der Zahnsgasse und Webergasse. Schrimps berichtete. Da stieh Mehlhose Klick vor die Brust, so daß der einen Schritt zurücktaumelte. . , , , „ „Meinst du vielleicht, deine Mistmütze hat jemand aufgehoben? Tagelang noch lag sie auf dem Altmarkt herum. Nicht mal 'n Hund mochte dran schnuppern." „An deiner hätte er geschnuppert!", versetzte Klick, und wenn jetzt nicht die Schulglocke das Ende der Pause angekündigt hätte, wäre es zu einer Balaerei gekommen. Cs war sicher, daß weder Mehlose noch Schrimpf etwas von der verlorenen Mütze wußten. Klick kannte ihre Lügereien. Außerdem b^ - er ia mit Ali am gleichen Spätnachmittag den Altmarkt abgesucht. Wenn die Mühe noch dort gelegen hätte wäre sie ihnen nicht enloangen. Schrimvf hafte eine braune Wollmütze noch Schulschluß auf, sie war der von Klick ähnlich doch fehlte ihr der blaue Konierfleck. Und darauf kam es an Er war das Klückszeichen. das Klickfche Wappen. Am Nachmittag schickte der fiuftenonfel zu Klick einen Zettel darauf stand das eine Wort: Kommt! Klick rief seine Freundin an und ging mit ihr in den Tierladen. Sollte er etwa von meiner Mütze wissen?, fragte sich der Junge. Nein, er muhte nichts davon. „Das Krokodil irf da!", erläuterte der Hustenonkel. „Hurra!", rief Klick. Das war wieder mal etwas Neues in der Webergasse. Da stand der Käfig von starken Metallstäben, und darin auf einer flachen Blechwanne, lag das Krokodil. „Willkommen!", saate Klick. „Ein fnnaesl". rief Ali. Der Wistenonkel hatte den Käfig in die Nahe des Ofens geruckt, der tüchtia Wärme auslnuckte. und aeaen den Kosta hatte er eine el-ktrilche fieirinnne aerWM. hie dem Tier den Nanzerrücken wärmte. Ganz still lag es, stocksteif, faul und gar nicht aefräßig. (Fortsetzung folgt.) spürt. Auch das Schiff war rassig geformt, wie ein Bogel, wie ein Bogel schmal und zugespitzt. Braun gebeizt waren die Schiss-wanbe, und eine rote Wasserlinie war darausgesetzt. Der Kapitän rüttelte an den Masten. Sie faßen fest. Er ließ das Ruder spielen. Leicht schlug es aus. An den lauen zog er. Sie waren gut gespannt. Er drehte das Steuer. Es arbeitete genau. Alle Vorrichtungen waren musterhaft. Er brummte und nickte zufrieden. Endlich ließ er alle Segel fallen und blies zum Spaß kräftig hinein. Wie ein gemalter Winbgott hatte er Pausbacken. Die Leinwand bog sich, und die Segel wurden für einen Augenblick prall. Auch die Flagge erhielt einen kleinen Luftstoh. „Anastasia" hieß das Schiff. Er erkundigte sich nach dem Preis. Für Klick schien es eine schwindelnd hohe Summe, ihm wurde ein wenig bang, als er sie hörte. Wenn dem Kapitän der Preis nicht paßte, mußte er das Segelschiff wieder hinaufschasfen. Aber der Kapitän sagte: „Ich nehm's. Ich chartere das Schiff." eine Schiffslast rutschte vom Herzen Klicks. Gott fei Dank, die Fregatte wurde verkauft, schwamm weg. „Kannst du das Schiff zu mir hinbringen?", wandte sich der Kapitän an Klick und nannte ihm seine Wohnung in Loschwitz. Nichts tat Klick lieber. Er trug es sogleich auf den Packtisch, verstapelte es in den großen Pappkarton und verschnürte bas Paket. Nachmittags setzte er seine Mütze auf und fuhr mit dem Segelschiff nach Loschwitz. Der Kapitän wohnte in einem hübschen Haus mit großen Fenstern in einem terrassenförmig abfallenden Garten. Von der Gartentür aus, auf der zu lefen stand: Kapitän Kasimir Schneider, sah Klick in die Tiefe des Elbtales aus den blitzenden Fluß. Sassasraß weilte gerade im Garten, als Klick läutete. Er trug eine blaue Hose von Seemannstuch und eine graue Strickweste. Aus dem Kops hatte er die Bordmütze mit einem goldenen Anker über dem Schild. „Komm herein, mien Jong!", rief er gutgelaunt. „Wie heißt du eigentlich? Hab vergessen, wie dich der Papagei nannte" „Ich heiße Nikolaus Bodenweber und werde Klick genannt", sagte der Bote aus der Webergasse und folgte dem Kapitän. Sie gingen auf einem grauweißen, geleckten Plattenweg, In dessen Fugen kleines Gras sproßte. Klick wagte kaum aufzutreten, befürchtend, das Gras zu beschädigen. Die Sonne schien hier viel wärmer als in Dresden. Blumen blühten in der Wiese. Die Büsche öffneten ihre Knospen. Der Kapitän führte ihn zu einer Baumgruppe rund um einen Teich. Hier hatte Sassasraß gearbeitet und den Boden mit feinem, glitzerndem Kies überzogen. Mit Kies von einer Beschaffenheit, wie ihn Klick noch nie gesehen batte. Solchen Kies gab es an der ganzen Elbe nicht. „Stell ab!", sagte der Kapitän. Klick setzte die große Schachtel zu Boden. „Was für ein schöner Sand Ist bas?", fragte er. „Du hast Augen. Junge! Gesällst mir, siehst was. Das ist ein befonberer Kies ... Kies von ber Ostsee. Hab ihn mit der Bahn kommen lassen. Wie ber glänzt unb flimmert, nicht wahr? Das Meer hat ihn gewaschen, bas Salz gebeizt. Eine Kostbarkeit!" Klick betrachtete ben Kies beinahe ehrfurchtsvoll. Die Sonne über» sprühte ihn. unb er schimmerte, als wären winzige Müschelchen in ihn hlnelngemilcht. „Pack aus! Will dos Schiff gleich mal vom Stapel lassen, um zu sehn, ob es auch seetüchtig ist." Klick packte es aus und überreichte es dem Seemann. Der besah es liebevoll von allen Seiten. „Schade bah mir keinen Winb haben, sonst könnte die .Anastasia' gleich mal nach Schweben in die See stechen", sagte der Kapitän und senkte das Schilf auf ben Wasserspiegel. Klick erschartte rings um ben Teich ein SeefaHrerl.and. braune unb grüne Küsten. Er ließ sich in ben Kies nieder, der Kavstän gab dem Schiff einen leichten Wink. Es scheuerte am Riff entlang. Aber auf die See hinaus konnte er es nicht fahren lassen. Er Hatte auch fein Garn da, an dem er es hätte zuriickholen können, unb außerbem herrschte Winbstille. „Die .Anastasia' hat Haltung", sagte er. „Wie eine Dame schwebt sie. Ein gutes Fobweua. Es fehlt nur ber verwünschte Winb. sonst könnte man einige Schifssknoten zurücklegen. Na, ein anbermal, Klick. Kannst wieberkommen, wenn hu Lust haft, kannst mein Schiffsjunge werben. Muß einen haben, so einen Kerl, wie bu einer bist, mit Mövenaugen. Willst bu angeheirrf werben? Sprich!" Er hie't (hm seine geöffnete Bärenpfote hin. Klick befann sich nicht lanoe: in bleiern Garten gefiel es ihm. Der Ostseekies Wimmerte, bas Wasser blitzte, bie Auaen bes Kavitäns lachten, ein neues Erlebnis winkte. So legte er rafch entschlossen leine Jungenhanb in bie Männerhanb — unb her Seefabrerbimb war geschlossen. „Ick, habe keine Kinber ", saate Sassasraß. „Einen Gruß an ben 'Nen Noaelhänhter. ich käme nächstens wieher zu ihm. muß ein paar wische hah«n. Unb hier, tnien Jong, hast bu Handgeld, Heuergeld, ich bin Mn Srhiffspatron." Er fingerte eine Mark aus seiner föosentasche unb sckenkte sie Klick. Der zog mit vollen Seneln eine Fregatte ber Begeisterung unb bes 'tbenfeiiers. ber Webergasse entgegen. Klick hatte sieh damals nach her Afsensagd die Gestalt Jenes Jungen ■>ut gemerkt ber in b=r Webergasse mit einer braunen Wollmühe an bem ^äseaeicküilt narühergina. gerade als er mit Pong aus bem Apfelsinenlager herauefam Nun Iah er ben fiunaen wieher. Es war Im Kaitthaus. K'ick ftonb nm Gelänher des großen Lichthofes unb bstckk- hinunter in ben N-rkgufsraum. Er betrachtete bie Waren bie nach ben Siahrpgieitm wechselten, ähnli-h wie bie Svielfochen bei Wau Trn-fenhut. im Sniefaeuglaben lebt vor allem Sanbformen. Ball- tchläaer unb .$t"bernarten(nMe ausgestellt, fo erschienen im Kaufhaus Snortstrüm"se ftrilhinhrgbtufsn. Badezeug fflartenftühle. bunte (Barten« Wirme unh a-,sche für Erwachsene für die Wachenendbäiischen Wir eine Waufuftige Menge Wroebte mitten im Li-Whof. wo in den Weihnachtsmachen her Niesenbaum aufmvcüs die grobe, vrächttge Dame Aus einem ''"gen Brett hatte sie der Tischler herausgesägt unb der Maler sie mit zu Winterhilfe zur Weihnucki. Von Joses Magnus Wehner. Es segnet jede Hand, die heute schenkt; Cs betet, wer der Armut heut gedenkt. Wer heute gibt, steckt an der Liebe Licht, Auf ihm ruht Gottes ernstes Angesicht. Denn nur die Liebe hat die Welt geweiht, Das Opfer nur wirkt ihre Ewigkeit. Drum fei gesegnet, wer sich heut vergißt, Dem Nächsten Vater, Freund und Bruder ist. In deiner Gabe tönt der Schöpsung Klang, Dein Liebeswort wird Gottes Lobgesang ... Der Knecht las mit schwerfälligen Augen die Aufschrift und sah sie ungläubig an. „Nur abgebenl", sagte sie kurz. — „Soll ich auf Antwort warten?", fragte er bedächtig. — „Ich weiß nichtl", sagte sie tonlos. Es schien einen Moment, als ob sie im Begriff fei, den Brief wieder an sich zu nehmen. Aber dann riß sie sich zusammen. „Geh schon", sagte sie, „und beeile dich, damit du nicht zu spät zur Weihnachtsfeier nach Hause kommst." . „ . „ Sie stand am Fenster, als der Schlitten wieder aus dem Hoftor glitt. Der Schnee leuchtete so stark, daß man trotz der Nacht das Gefährt eine ganze Strecke die Landstraße entlang verfolgen konnte. Sie deckte das schlafende Kind zu und ging in die Küche. Die alte Magd stand am Herd und richtete ihre sorgenvollen Augen auf die Frau. Sie hatte Magdalene schon als Kind auf dem Arm getragen. Die beiden Frauen sprachen nichts, aber die junge qina rastlos auf und ab rückke Tövse an das Feuer, schnitt Brot und Flettch aut. deckte den gescheuerten Tilch mit einem weißen Tuch und stellte Teller darauf. Die Magd folgte ihr mit den Augen und sah. daß die Frau einen Teller mehr als sonst auf den Tisch gestellt hatte. Es sah aus, als ob sie etwas fragen wollte, aber ste schwieg. Nach einer geraumen Zeit begann Magdalene von selbst zu sprechen. Sie sprach, ohne aus Antwort zu warten, sie zählte auf, was man in diesem Jahr eingenommen haste, wie gut das Getreide gestanden und wie gut es verkauft war. Zwei Küde waren anqeschafft. und die Stute hatte ein Fohlen geworfen. Dabei sah sie die Magd eindringlich an. „Du hast gut gewirtschaftet, Magdalene", sagte die Alte, „ihr seid nicht mehr so arm. wie ehel>-m " Bei dem „ihr" zuckte Magdalene zusammen und begann weiter zu sprechen fiebrig und eilig, als wolle sie etwas betäuben. Unzählige Male ging sie in die Stube hinüber, stellte den Weihnachtsbaum auf den Tisch Weihnachtsgeschichte. Bon Mar6 Stahl. Den ganzen Tag über hatte es in dichten Flocken geschneit. Sie sielen Io leise wie Watte auf Berge, Wälder und Städte, es sah aus, als follte ile ganze Welt unter dicken, weißen Daunenbetten begraben werden. Alle Geräusche waren gedämpft. Wenn ein Pferd mit einem Schlitten über die makellos weiße Landstraße fuhr, fo hörte man keinen Laut außer dem Schnauben des Tieres und dem Läuten der Schlittenglocken. Die Mutter war mit dem Kinde in der Stadt gewesen, sie hatte die junge, braune Stute vor den kleinen Schlitten gespannt und war vom srühen Nachmittag an von Laden zu Laden gefahren, um einzukaufen. Es hatte bis zum Abend gedauert, denn die Geschäfte waren voll von Leuten, die alle noch in den letzten Minuten etwas zu besorgen hatten. Es war schon lange dunkel, als sie heimfuhren. Sie faßen beide, Mutter und Kind, auf dem kleinen Holzbänkchen, das quer über den Schlitten gelegt war. Hinter ihnen lagen die Einkäufe im Stroh, geheimnisvolle Bündel, die das Kind mit neugierigen Augen betrachtete, jedesmal, wenn die Mutter aus dem Laden trat und ein neues Paket zum Schlitten trug, hatte das Kind, das auf dem Schlitten wartete, vor Vergnügen leise aufgeschrien und das harte Gesicht der Mutter war bann etwas weicher geworden. Jetzt saßen beide eng aneinander geschmiegt. Die Mutter hatte den städtischen Hut abgenommen und sorgfältig in eine Tüte verpackt, die hinten im Stroh lag. Das weiche, dunkle Kopftuch, das sie jetzt umgebunden hatte, ließ ihr blasses Gesicht in dem Schneelicht noch blasser erscheinen. Sie lenkte das fromme Pferd fast gar nicht, es trabte ganz von selbst nach Hause, beflissen, bald in den warmen Stall zu kommen. Die Mutter hielt die Zügel mit der einen Hand und hatte den anderen Arm um das kleine Mädchen geschlungen, das aus großen Augen in die Schneenacht sah. Cs war alles so einschläfernd, der Schnee, der so leicht fiel, der leise Gang des Pferdes und das lautlose Gleiten des Schlittens. Aber das Kind, schlief nicht. Ab und zu streifte ein Zweig des Christbaumes, der grün und duftend neben den Paketen lag, die Hand des kleinen Mädchens, und jedesmal empfand das Kind einen fteudigen Schreck. Es schmiegte sich noch dichter an die schweigsame Frau und bat: „Mutter, erzähle mir ein Märchen." Die Frau schrak zusammen, sie war so sehr in bittere Gedanken ver- ftritft gewesen, daß sie das Kind und den Weihnachtsabend ganz vergessen hatte Sie wollte etwas Abweisendes sagen und öffnete schon den Mund, als ihr einfiel, daß das arme Kind nicht dafür verantwortlich zu machen sei Sie besann sich also einen Augenblick, drückte das Kind an sich und begann: „Es war einmal ein Mann und eine Frau, die lebten zusammen in einem Hause, das lag in einem tiefen Walde." „Ist das das Märchen von Hänsel und Gretel?", fragte das Kind. „Nein, es ist ein ganz neues Märchen", sagte die Mutter. „Also höre zu. Der Mann und die Frau liebten sich sehr, sie waren beide sehr arm, aber sie waren dennoch sehr glücklich. Eines Tages bekamen sie ein kleines Kind " „ „ „War es ein Mädchen?", fragte das Kind. „Ja, es war ein Mädchen", fuhr die Mutter fort, „aber unterbrich m,ch nicht immer, Evchen." .... Wie hieß das Mädchen?", fragte die Kleine hartnäckig weiter. '„Es hieß zufällig auch Evchen", sagte die Mutter, „aber nun fei artig. Cs war wirklich ein schönes Leben, das die drei führten. Der Mann las der Frau alles von den Augen ab, so lieb batte er sie, und die Frau wieder dachte nur an den Mann und an das Kind, und den ganzen Tag sang und lachte sie bei der Arbeit. Cs machte ihr gar nichts aus, daß sie arm waren, und der Mann sagte oft zu der Frau: „Was kümmert mich aller Reichtum der Welt, wenn ich dich nur habe." „Die Frau war darüber natürlich sehr froh, sie meinte, das Leben müsse immer so weiter gehen. Aber eines Tages geschah etwas, das anfangs aus^b. wie ein großes Glück, aber bann ein großes Unglück wurde." „Wird das Märchen nun traurig?" fragte das Kind. „Ach, bitte, laß das Märchen nicht zu traurig werden, ich bin bin schon so traurig genug." Die Mutter bog sich überrascht vor und sah dem Kind ins Gesicht. „Warum bist du denn traurig?", fragte sie betroffen: „habe ich dich nicht lieb genug, Cva?" „Du bist immer fo ernst I", sagte das Kind schüchtern. Die Mutter schwieg ein Weilchen. „Geht das Märchen nicht weiter?", fragte das kleine Mädchen. , , „Doch, doch, es gebt weiter", antwortete die Mutter, „also eines Tages kam eine Fee in den Wald, anfangs fah es aus, als ob es eine gute Fee gellen." Der Knecht machte ein ärgerliches Gesicht, sagte aber nichts. Man fah der Frau an, daß sie gewohnt war, zu befehlen, und fetten zu bitten, jetzt im Lampenlicht, das aus dem Fenster fiel, sah man, daß sie sehr hübsch war, nur sehr bleich und mit seltsam harten Zugen, die ihrer Jugend nicht paßten. Sie schritt mit dem Kinde auf dem Arm schwer die Treppe hinauf, die Decken und der Mantel schienen sie zu Boden drücken zu wollen, fo schlepvend war ihr Schritt. Sie legte leise das Kind auf das Sofa, wo es vor Müdigkeit gleich einschlief. Ein paarmal ging sie hastig im Zimmer auf und ab und rang habet die Hände. Ihr Gesicht spiegelte einen schweren Kampf wider und ihre Stirn wurde feucht von Schweiß. . Dann ging sie entschlossen zum Tisch, nahm einen Briefbogen und Feder unb Tinte. Einen Augenblick überlegte sie, dann schrieb sie em paar Worte hin und darunter: Magdalene. Sehr eilig faltete sie den Zettel zusammen und steckte ihn in einen Umschlag. Als der Knecht an die Tür klopfte, hatte sie schon die Adresse ge ebrieben und reichte ihm den Brief mit einer leicht herrischen Ge- fef, denn ste schenkte den beiden allerhand fchöne Sachen. Aber dadurch wurde der Mann unzufrieden mit seinem Schicksal, er sehitte sich nach Dingen, die er nicht haben konnte. Da lockte ihn die Fee vom Hause fort und versprach ihm alle Reichtümer, wenn er mit ihr tarne. Di« Frau warnte ihn, denn sie wußte, daß es eine böse Fee war, aber darüber ergrimmte der Mann und fchalt die Frau, und eines Tages ging er wirklich mit der bösen Fee fort." „Das ist kein hübsches Märchen", sagte das Kind. „Nein, es ist kein hübsches Märchen?", sagte die Mutter, „bu hast recht, soll ich aufhören?" „Du kannst es doch hübsch machen", bat das kleine Mädchen, „du kannst doch machen, bah bie Frau ben Mann erlöst, fo baß er roieber zurückkommen kann." „Da muß sie erst bas Zauberwort wißen, das ihn erlöst", antwortete die Mutter. „Das ist doch ganz einfach", Jagte die Kleine vertrauensvoll. Die Mutter drückte bas Kind leicht an sich und lächelte. „Und wenn es ihr nun nicht einfällt?" „Es muh ihr einfallen", rief die Kleine, „das Märchen soll gut ausgehen." „Wie denkst du es dir denn?", fragte die Mutter. „Erzähle du doch einmal weiter." Das Kind dachte angestrengt nach. „Ich dachte fo: Die Frau sagt das Zauberwort, er läuft der bösen Fee fort, nimmt viele hübsche Sachen mit, die schenkt er alle seinem kleinen Kind, und alle zünden dann zusammen den Weihnachtsbaum an." „Das hast bu bir hübsch ausgedacht", meinte bie Mutter, bann waren beibe still. „ . Der Schnee fiel weich mit leisen Flocken unb lag auf bem dunklen Kopftuch her Frau unb aus bem hellen, offenen Haar bes Kindes. Das Pferd wieherte leise, es witterte den Stall. „Mutter", fragte das Kind plötzlich, „wo ist der Baier?" Die Frau zuckte etwas zusammen, dann sagte sie: „Du weiht doch, daß der Vater verreist ist, frage nicht mehr " „Kommt er nie wieder?" Die Frau murmelte: „Vielleicht." „Er soll zurückkommen", bat bas Kind, „bitte, sag ihm, bah er wieder- ko^Die^Mutter antwortete nicht darauf. Gleich danach tauchten die Lichter des Dorfes wie winzige Pünktchen aus der Schneewüste auf. Der Knecht öffnete das Hoftor, und der Schlitten glitt in den Frieden des umhegten Hofes, der Hund kam bellend aus dem hellen Rechteck der Haustür gestürzt und umkreiste wedelnd die Ankömmlinge. Die Frau stieg aus bem Schlitten unb nahm bas Kind auf den Arm. „Es tut mir leid, Jens", sagte die Frau, „aber du muht sofort ein anderes Pferd einspannen unb nochmals zur Stabt fahren, ich habe etwas Der» Rubenw'ihnacht. Von Otto A n t h e s. So zeitig war die Kälte eingefallen, daß vierzehn Tage vor Weihnachten das Eis im Rhein schon „stand". An der engsten Stelle, bet der Lorelei, wo zudem noch der gewundene Lauf des Flußbettes den freien Abzug hemmte, hatte er sich zuerst gestaut. Nachdem dann die nachtreibenden Schollen, sich unter- und übereinanderschiebend, eine tiefe und hohe Mauer quer durch den Rhein gebildet hatten, kam dahinter allmählich die ganze Eistrift zum Stehen. Und als es noch em paar Tage kräftig gefroren hatte, war die Decke fo fest, daß man einen breiten Weg darüber bahnen konnte, auf dem Fußgänger und Fuhrwerke vergnüglich ohne Nachen und Fähre den Strom überschritten. Unterhalb des Werthes, der Insel, die dem Städtchen vorgelagert war, hatte sich über dem stillen Wasser eine blanke Eisbahn hergestellt, auf der sich jung und alt einfand, teils um sich dem seltenen Spaß des Eislaufs selbst hinzugeben, teils auch nur, um in den Wurst- und Trinkbuden sitzend, dem fröhlichen Treiben zuzusehen. Den drei Buben aber genügte das gesittete Tun auf der Straße und Bahn bald nicht mehr. Die weite Eisfläche selbst, eben, wenn man oben drüber hin sah, aber unendlich abwechslungsreich im einzelnen, mit kleinen Erhebungen, wo ungeduldige Schollen im Vorwärtsdrängen sich übereinander geschoben hatten, mit Schluchten dazwischen, in denen man verschwinden konnte, die bald mit glasglatten, bald mit phantastischen Blumenkränzen umwundenen Rundstücke, aus denen sich die Eisdecke zusammensetzte; die ganze Vielfältigkeit dieser erstarrten Welt lockte sie zu Abenteuern abseits vom allgemeinen Vergnügen. Da war eine Stelle, wo der Kamps der ziebenden Schollen gegen die haltmachende Masse einen richtigen kleinen Berq geformt hatte, der überdies, rhein- auf sich öffnend, den deutlichen Ansatz zu einer Höhle aufwies. Es kostete nicht allzuviel Mühe, das Loch so zu erweitern und zu vertiefen, daß man zu dritt bequem darin sitzen tonnte; und für Hinko den Hund war auch noch Platz. Mit alten Säcken und einem Bettvorleger aus Lammfell wurde die "Unterkunft fach- und stimmungsgemäh ausgefüttert, und nun faßen die vier, den Hund eingefchloffen, manche Stunde des Tages in spitzbübischer Behaglichkeit in ihrem Versteck, verachteten die allgemeine Unterhaltung der Eisbahn und tarnen sich besonders, ja schön beinahe abenteuerlich vor. Es währte aber nicht lange, daß sich die Nokwendigteit bedeutsamerer Unternehmungen herausstellte. Kurt tarn auf den erlösenden Ge- unb entfernte das Papier von den Paketen. Dabei warf sie jedesmal einen Blick aus dem Fenster. Der Schnee schimmerte hell wie Silber. Endlich hörte man das Läuten der Schlittenglocken. Magdalene zuckte zusammen und stieß einen leisen Laut aus. Die Magd warf einen Blick auf die Herrin, aber die machte feine Miene, dem Schlitten entgegenzugehen. Sie war auf den Stuhl am Feuer zusammengesunten. Die alte Magd nahm mit zitternden Fingern das Kopftuch, trat in die Holzpantoffeln und klapperte aus den ziegelgepflasterten Hausflur hinaus. Magdalene richtete ihre Augen auf die Tür. Ihr Herz zitterte in der Brust, als solle es zerspringen. Sie hörte Schritte auf dem Gang, und ihre Augen weiteten sich in entsetzlicher Angst. Da ging die Tür auf, und ein Mann trat herein. Er blieb mitten im Raum stehen, er hielt die Mütze in der Hand, und fein Haar, das vor drei Jahren noch so blond gewesen war, war schon grau geworden. „Ich bin da, Magdalene", sagte er still. Die Frau stand mühsam auf, ging ein paar Schritte auf ihn zu und sagte: „Sieh mich an Lorenz!". Er heftete seine großen, blauen Augen auf sie und beide Augenpaare forschten lange und angstvoll in den bekannten Zügen. „Liebst du mich noch?", fragten beide Augenpaare. „Ich liebe dich noch!", antworteten beide. Die Frau atmete tief auf. „Es ist gut, Lorenz, so gut, daß du gekommen bitt." „Ich wäre schon lange gekommen, wenn du mich gerufen hattest , antwortete Lorenz. Er legte die Hand auf ihre Schulter. „Ich danke dir, Magdalene, daß du dich überwunden hast." Und plötzlich schlang er die Arme um sie, fest und innig, wie ehedem. Es dauerte lange, bis die Magd zurückkam, sie sah durch den Türspalt, wie die beiden den Weihnachtsbaum anzündeten. Das kleine Mädchen schlug die Augen auf und blickte gerade in den strahlenden Raum. Erst nach einer kleinen Weile bemerkte sie, daß außer der Mutter noch jemand da war. Kennst du den Vater nicht mehr?", fragte die Mutter. Da fiel das Kind dem Mann mit einem Iubelschrei um den Hals. Dann, als es sich mit den Spielsachen müde gespielt hatte, legte es den Kopf in den Schoß der Mutter und bat: , Mutter, erzähle mir das Märchen zu Ende." Die Mutter errötete. Lorenz hob den Kopf und fah die Frau auf- merffam an. Dann stand er leist auf und ging ans Fenster. Die Mutter erzählte. „Also eines Zages, als alle schon ganz verzweifelt waren, fiel der Frau plötzlich dos 3auberroort ein. Sie schieb es auf einen Zettel und schickte es dem Mann. Da beeilte sich der Mann, nach Haust zu kommen, und da es gerade Weihnachten mar, brachte er viele Geschenke für das kleine Mädchen mit, und alle zündeten den Weihnachtsbaum an und waren froh." „Wie bei uns!", sagte das kleine Mädchen. Und bann fragte es. „Wie hieß denn bas Zauberwort, bas die Frau endlich gefunden hat." Die Muster schwieg verwirrt. Dann beugte sie sich über das Kind und faate fo leist, daß der Mann am Fenster es nur wie einen Hauch hörte: „Ick liebe dich!" v Das kleine Mädcken nickte befriedigt und schloß die Augen. Gleich darauf war es eingefchlafen. banken. Die urweltstche Bokanisierkrommek und bas Schmetterlingsnetz beides noch vom Grogvater her aufbewahrt, kennzeichneten ihn unmißverständlich als Forschungsreisenden. Und so stieg er kreuz und quer über das Eis, um endlich nach langem Suchen zur Höhle zu gelangen, wo die beiden anderen als Eskimos gekleidet — das Lammfell spielte dabei die Hauptrolle — ihn mit fremdländischem Geheul empfingen und in ihre Wohnstatt einluden. Dort wurde der Kämmling dann gelabt. Die Eingeborenen brachten eine Büchse mit Delfarbinen zum Vorschein, unb nachdem die Fische verzehrt waren, trank man zu ewiger Freundschaft bas Del — den Iran, sagten die Eskimos — aus einem kleinen Silberbecher, den Peter von der mütterlichen Pkunkanrichte entliehen hatte. Von dieser Erfindung war es nicht weit zu einer regelrechten Nord- polexpedition dreier Forscher, die auch deshalb besonderen Reiz bot, weil Hinko der Hund dabei tatkräftig und sinngemäß mitwirken konnte. Noch nie hat jemand von einer solchen Expedition gehört, die ohne Hundeschlitten verlausen wäre. Also wurde Hinko vor einen Schlitten gespannt, aus dem alles verstaut war, was zu einem ordentlichen Winterlager gehört. Mühselig, aber tapfer zog man über die unendliche Eiswüste und landete schließlich nach ungezählten Zwischenfällen in der Höhle, die nun zum Lager für Monate ausgestattet wurde. Darüber rückte Weihnachten heran. Forscher im Winterlager erinnern sich dann der Heimat und ihrer weihnachtlichen Feier. Ein Tannenbäumchen wurde erstanden, mit Lichtern versehen und im Holzstall, der Hansens Eltern gehörte, hinter einem Scheiterstapel versteckt So weit war alles gut vorbereitet, aber zwei Tage vor Weihnachten setzte Tauwetter ein. Wenn bas Eis wieder in Bewegung kam, die Schollen sich wieder trennten, sich in einander schoben, sich hochkant stellten und also den Ablauf des Wassers hemmten, bann trat es über die Ufer. Die Erwartung des Hochwassers brachte die ganze Bevölkerung auf die Beine. Jeder Hauswirt stieg in feinen Keller, entfernte alles, was schwimmen konnte, und teilte die Weinfässer an ihren Plätzen fest. Am zweiten Tag des Tauens, dem Heiligen Abend, fuhr bas Eis still und ungeteilt feine fünfzig Meter rheinab, aber bann stand es wieder. Nun war alles wie zuvor, nur der gebahnte Weg zum andern Ufer war ein wenig versetzt. Und auch der Berg der Buben erhob sich wie früher über die Fläche, bloß ein bißchen weiter abwärts. Die Kerle, die den ganzen Tag in Angst um ihre Weihnachtsfeier im Winterlager gelebt hatten, schlichen am Abend, als es dunkelte, mit ihrem Bäumchen an den Rhein. Sie zögerten keinen Augenblick, die Fahrt zum Lager an= zutreten. Günstig ihrem Unternehmen war, daß die Mehrzahl der Leute der vorzubereitenden Weihnachtsbescherung wegen in den Häusern fest- gehalten war. Nur die paar Laternen der ausgestellten Wachen glimmten vereinzelt und trüb das Ufer entlang. Im Gänsemarsch, Peter mit dem Bäumchen voran, kraxelten sie über das Eis. Hinko der Hund machte den Beschluß. Er traute heute dem Frieden nicht, sonst war er immer an der Spitze gewesen. Kurt glaubte auch zu bemerken, bah bie Fläche ickon mehr xerttüftet wäre als vorher. Aber bie andern antworteten gor nickt auf seine Bedenken. Die Feier im Laqer sollte und mußte sein. Sie erreichten auch ihr Ziel und pflanzten bas Bäumcken auf den Gipfel ihres Berges. Aber gerade als Hans mit den Streichhölzern zugange war und Licht um Licht anzündete, scholl vom Ufer her die Stimme eines der Wachehaltenben. „Es gebt! Es gebt!", brüllte er. Und „Es geht! Cs geht!", fielen die übrigen beulend ein. Zugleich fing es in der Eisdecke an zu knirschen und zu fingen. „Wir müssen fort!" rief Kurt, der von Anfang an der Bedenklichste gewesen war. „Hatt's Maul!", zischte Peter. „Sie hören uns ja." — Inzwischen beeilte sich Hans, soviel er konnte, und im Augenblick, da er fertig war und alle Lichter brannten, ging ein tiefer brummender Ton durchs Rbein- tal, der mit einem laufen Knall endete. — „Es geht. Cs geht!" schien die ganze Stadt zu schreien. Ungezählte Laternen wimmelten plötzlich das Ufer entlang, während die Buben Hals über Kopf den Rückweg antraten. Mit einem Make verstummte der ganze Lärm am Ufer, wie auf einen Befehl. Man hatte das lichterbewehrte Bäumchen im Rbein bemerkt. Wie ein Wunder erschien es, ein holdes tröstliches Weihna 'tts- rounber in der Aufregung und Besorgnis der Stunde. Dann aber Tente einer beide Hände an den Mund und fchrie über das treibende Feld: „Js do noch jemand drauß?" Keine Antwort kam zurück. In verbissenem Schweigen hasteten die Buben vorwärts. Unter ihnen schwankte der Boden und bewegte sich hin und her; einzelne Schollen richteten sich auf, fo daß die Flüchtlinge Umwege machen mußten; manchmal auch zeigten sich schon kleine Stellen offenen Wassers vor ihren Füßen. Aber fnnto der Hund war dabei und jetzt war er vorne. Mit untrüglichem Sinn umging er die gefährlichen Tiefen und leitete seine Kameraden. Die aber hatten in aller Angst doch noch den festen Gedanken weit unterhalb des Städtchens das Ufer zu erreichen, unbemerkt. Und es gelang. Wie gleichgültig mischten sie sich unter die Menge, die den Rhein säumte, und horchten auf bas, was bie Leute sagten. „Wer kann benn das bloß gemacht habe?" rätselte eine Frau. „Das is das Christkindche geroefe", sagte ein kleines gläubiges Mädchen. . Alles lachte. „Es werd nit schlimm heut, das Wasser", stellte ein alter Mann sachverständig fest. Die Buben standen so lange am User, bis das Wasser um ihre Füße spielte, und sahen ihrem Bäumchen nach, das im matten Glanz seiner Lichter geruhig rheinabwärts zog. Und in das Bedauern um das entgangene Fest im Lager mischte sich ein (eifer Stolz, daß sie mit ihrem frommen Tun vielleicht das Hochwasser beschworen hätten. „Daß keiner was verrät!" sagte Peter. „Du auch nit, Hinko!" lachte Hans. Und Hinko schüttelte sich die Eisspritzer aus dem Fell. »etanttrortlid): Dr. Hans Tbvriot. — Druck und Derlag: Brühl' sche UniverUtätS-Buch- und Steindluckerei. 2d. Lange, Gießen.