SietzenerZamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger zrritag, den 21. »uguft Nummert FELIX TIMMERMANS Die Delphine EINE GESCHICHTE AUS DER GUTEN ALTEN ZEIT Aus dem Flämischen übertragen von Peter Mertens /Insel-Verlag Leipzig Die Delphine. Die bescheidene Oellampe mit dem schiefen Blechschirm spannte em Zelt aus Licht und Pfeifenrauch über den runden Tisch und die zwo f Hande. An den gebräunten Wänden hingen Portrats Zeichnungen Pfeifen. Lor- beertränze, darunter ein goldener und ein jüberner, Bilderbogen, Tab - und Geldbeutel, Briefe und getrocknete Blumen — Erinnerungen an chqeschenke um ein altes Aushängeschild mit dessen Rücken ein häßlicher Amor sah und in" waren Da hingen sie nlm als Weihgeschenke um em altes Aushangeschüd mit einem wütenden Delphin, auf dessen Rücken em häßlicher Amor sah und Liebespseile abschoß nach braunen Tritonen und fetten Seenymphen, die in einiger Entfernung zwischen den weißen Wogenkammen spielten. In einer stillen dunklen Ecke glomm der geheimnisvolle Bauch emer alten Mandoline, mit Perlmuttereinlagen geschmückt und mit langen blassen Bändern umhängt. Ein Delfter Tabakskops mit kupfernem Deckel stand dickbäuchig auf dem Tisch neben Z'nnkrugen und 9r.D6en Sier- qläsern, in denen gelbes Bier wabbelte. Während draußen im Dunkeln ein nasser Schnee an die Fensterscheiben klatschte, ein toller Wmd wütend an den Bäumen zerrte und im Schornstein ein Geräusch machte, als ob jemand leise ein Lied vor sich hin summe war hier drinnen der Kamin heiß und hell von flammendem, knisterndem Holzfeuer. Liier saßen die sechs Delphine jeden Abend beisammen: Pirruhn, Corenhemel, Van de Rast, Kuckuck, Schwan und Bruderherz. Sie unterhielten sich über Kunst, Liebe und Philosophie, spielten Karten oder Schach, sangen und tranken oder rauchten um die Wette aus ihren langen, durch- räucherten Tonpfeifen. Dann gab es noch die „guten Tage und die gewaltigen, Bacchus gewidmeten Delphinenfeste: wenn einer Geburtstag hatte, am Dreikönigstag und in den Tagen des Weinmonats. „ Die Abende in dem kleinen Saal des Gasthofes „Zum Delphin waren für diese Männer ein Bestandteil ihres Lebens geworden, em Vergnügen, das sie nicht mehr entbehren konnten. m v f . _____ Und doch wollte einer fortgehen: Livinus Bruderherz, em junger Kunstmaler mit einem schwarzen Bart und braunen Monchsnugen. Also ich reise morgen nach Paris", sprach er mit sanfter Stimme. Der Abschied von meinen guten Kameraden fallt wir schwer, aber es geschieht der Kunst zuliebe. In dieser kleinen stillen Stadt mit ihren schmalen Straßen, die oben zusammenwachsen, mit ihren runden Brucken und trägen Wasserwegen, mit der einsamen Sonne auf den Platzen, wo das Gras zwischen den Pflastersteinen wächst, da ist gut leben für jemand der seine Kunsternte hereingebracht hat, um dann m spateren Jahren hier friedlich zu arbeiten wie Michael Schwan. Aber ich bin jung und brauche für meine Kunst das große Leben ..." Seme Stimme wurde noch sanfter. „Ich habe jedoch nur das Reisegeld. Mein Vater gibt mir nichts, und jetzt müßt ihr mir helfen ..." Pirruhn ergriff das Wort: „Ein großer Mann schlagt sich ohne einen Deut durch die Welt. Mein Vater hat mit einem einzigen Centime am gefangen, und den hatte er mitten auf dem Marktplatz gefunden. Als er ihn fand, sagte er: .Ein Centime und noch ein Centime ist em Cent, und er ist der reichste Mann der Stadt geworden. Hier sind zehn gramen, und wenn du damit nicht auskommst, bann kannst du ruhig ms Kloster ^ßioinus betrachtete traurig lächelnd die beiden silbernen Fünffrank- ^^Corenhemel öffnete feine perlenbestickte Geldbörse, der weißhaarige Michael Schwan hatte bereits ein Goldstückchen zwischen Daumen und Zeigefinger, als Pirruhn befahl: „Keinen Cent mehr! Er foll uns mal ^'^Das^werde ich tun", sagte Livinus plötzlich stolz, „und wenn ich ^"^Recht'so",^knurrte Pirruhn^.Das kraftvolle Wort von Livinus macht aus diesem trübseligen Abschied einen großen Tag! Die Kronen auf den Kopf! Und Liebfrauenmilch!" , Jeder setzte nun eine Lorbeerkrone aus, Corenhemel eme silberne und Pirruhn, als Vorsitzender, eine goldene. Van de Rast, ein Balzacgestcht, em Mann mit einem Wolfsdarm, rieb sich die Hände Freude m Erwartung des guten Weines, den er so gerne mochte, und Barbara, die dicke Wirtin mit einer Spitzenmütze und goldenen Ohrgehängen beeilte sich, die Bierkrüge gegen kristallene Weingläser umzutauschen, aus denen bunte Wappen eingebrannt waren, und den sonnigen Rheinwein aus dem Keller 3“ ^Ach" seufzte der blonde, zarte Corenhemel, während er seinen dünnen Backenbart streichelte, „könnte ich nur auch von hier fortgehen, zuruck nach Rußland! Aber meine Frau, meine kranke Frau versperrt mir den Weg Durch deinen Schmerz bist du ein Dichter , tröstete ihn Pirruhn. Der schwarzgelockte Kuckuck, geschmeidig in ferner enganliegenden, kastanienbraunen Joppe, legte die alte Mandoline auf die spitzen Kme, und alle fangen: „Wir leben von fröhlichen Liedern, Von Blumen und glühendem Wein, Von Liebe und feuchten Küssen Im silbernen Mondenschein." Am nächsten Tage, in einem stillen, hartnäckigen Regen, reiste Livinus Bruderherz mit der roten Postkutsche „Der Windhund nach Pans; er trug aus dem Rücken einen Malkasten und eine Violine und hatte zehn Franken in der Tasche. * Das Leben der Delphine ging seinen ruhigen Gang. Van de Rast fertigte Holzschnitte an für Almanache, Bilderbogen, Gänsespiele und Heiligenleben, betätigte sich als Glockenspieler auf dem Turm spielte die Klarinette in der Kapelle von Sankt Cacilia und war Mitglied vieler Vereine, mit Vorliebe solcher, in denen es die meisten Festesten gab. Seine dicke Frau erwartete das neunte Kind. Schwan malte in seiner friedlichen Wohnung die sehr gesuchten, zarten Landschaften: Corenhemel lebte seinen Erinnerungen an Rußland und die Geliebte, die er dort gehabt hatte: er schrieb seine „Memoiren und sammelte Kameen und Mosaike. Kuckuck, der Sohn aus dem Schnupftabaksladen „Zum Mohren , machte viele Gedichte auf feine vielen Geliebten, die er jede Woche wechselte unb arbeitete zwischendurch an seiner Doktorarbeit für tue Universität zu Löwen: „Das Leben und die Werke des Lierschen Dichters Cornelius ^Pirruhn widmete sich seinem Notarberuf, schob aber säst die ganze Arbeit seinem langen Schreiber Koppenholle zu. Und jeden Abend trafen sich die Männer im vertrauten Lampenlicht des Delphins. Herr Pirruhn und Fräulein Adelaide von Sink-Jan. Herr Pirruhn, der Notar, wohnte am Ouatemberplatz in einem großen gelben Haus mit flachem Zinkdach, das an den vier Ecken eine steinerne Vase trug. In der Mitte des kleingepflasterten Platzes stand eine steinerne Pumpe, auf der ein vergoldeter Sankt Georg in der Sonne glänzte. Pirruhn fah man bei Sonne und Regen stets mit einem hohen Hut aus weißer Seide, einem pflaumenblauen Mantel und einem Spagterftotf, dessen Griff ein Ziegenhorn war. , Es kam auch vor, daß er im Winter, wenn es ihm gerade etnfiel, noch einen grünen Mantel mit dreistufigem Kragen über den anderen zog. Er war kurz und viereckig gebaut wie eine Schachtel, fein Kopf faß dicht auf den Schultern, ohne Hals: das breite Sinn, auf beiden Seiten von einem harten, stacheligen Backenbart eingerahmt, zog er em, wie em Stier, der zum Stoß bereit ist. Pirruhn hatte grüne Augen. Sagte man: „Heute ist schönes Wetter", bann schnauzte er zuruck: "2)®eimtrad)enbem)'@emitter rauchte er feine lange Pfeife vor ber Tür unb^gudt^in den H^^ Bläschenregen unb bichten Nebel, unb um darin spazieren zu gehen, ließ er die dringendsten Akten liegen. .... .. Er rauchte viele Pfeifen von morgens bis abends: er arbeitete mit zweien; während er die eine rauchte, stopfte er die andere. d Wenn er verreiste, nahm er stets zwei Pfeifen mit, die er, um sie nicht 3U zerbrechen, in den Aermel feines Mantels schob. . „ 3 Eines Tages besuchte er die Wohltätigkeitstombola "Eib und schweig. Jedes Los kostete einen Franken. „Geben Sie mir tausend Lose! sagte ^'r,r,2ßie meinen Sie, bitte?" fragte das Fräulein, erschrocken vor der ^^Geben'sie mir ein Los!" sagte Pirruhn. .n„ Er behauptete, bah bie Seele bes Menschen im Bauch faße „Traurige Leute haben stets piepsende und schlaffe Bäuche" und stundenlang konm er sich mit jemand herumstreiten. Wenn man ihm zum Schluß recht gab wie der Apotheker Schnipp, dann sagte Pirruhn: „Nein, ich habe nicht recht, Sie. haben recht." ein wenig an seinen Haus, mit wieder in wollte. „Ich kann auf meinen Stand nicht verzichten", erwiderte sie stolz. „Ich kann warten", sagte Pirruhn. Und er wartete geduldig wie ein Tiger. Nach Tisch schlief er Immer eine halbe Stunde in seinem Bibliothekszimmer; im Sommer hielt er sein Mittagsschläschen in der Kirche, weil dort keine Fliegen waren. . v . ... ®r tat viel Gutes im stillen; aber wenn jemant> zu ihm kam, um sich zu bedanken, dann wurde er mit einem drohend erhobenen Finger aus der Tür gewiesen. r, s Pirruhn trug im Winter wie im Sommer, wochentags, an Fest- und Feiertagen, sogar bei der Prozession denselben purpurnen Mantel. Livi- nus' Vater muhte ihm jedes Jahr einen solchen Mantel machen und vier Hosen dazu in verschiedenen Farben. Er hatte auch einen schwarzen Anzug, den er nie getragen hatte und der ihm nur dazu dienen sollte, darin begraben zu werden ... Fast jeden Tag — es war eine Seltenheit, wenn es nicht geschah — suchte Herr Pirruhn um halb sieben Uhr abends das Häuschen auf, in dem Fräulein Adelaide von Sint-Jan wohnte. Sie war für Pirruhn die Farbe und der Honig seiner Tage. In diesem weißen Hause mit seiner runden Tür und der hohen Freitreppe hing mit dem Duft von Aepfeln, die hier stets vorhanden waren, der Duft seiner stillen Liebe. Adelaide war von adeligem Blut, geboren auf dem Herrensitz „Das Einhorn" zu Grobbendonck; sie hatte in einer silbernen Wiege mit Venediger Spitzen gelegen, aber ihr Vater hatte mit seinem Vermögen schlecht gewirtschaftet. Als sie achtundzwanzig Jahre alt war, brach die Katastrophe über ihre Familie herein; der Vater starb, und alles mutzte öffentlich verkauft werden, um die Schulden zu decken. Es war Pirruhn, der mit diesem großen Verkauf sein Amt als Notar antrat. . Als er ihr im Sterbehaus begegnete, verliebte er sich gleich bis über die Ohren in sie; er selbst kaufte die ganzen Güter, suchte sie dann auf und bot ihr sämtliche Besitztümer wieder an, wenn sie seine Frau werden Inzwischen verkaufte er das „Einhorn" samt Inventar Freund von Egmont zu den fünf Fontänen, aus dem blauen dec Bedingung, daß er den Landsitz mit sämtlichen Möbeln Besitz nehmen dürfte, falls er Adelaide heiraten sollte. Aber sein Freund konnte dieses herrliche Landgut nicht lange genießen, denn er wurde als Botschafter nach Italien geschickt und mußte die Verwaltung seinen beiden Schwestern überlassen. Viele Jahre waren nun vergangen, aber Pirruhns Liebe war die gleiche geblieben. Das Haus, in dem Adelaide jetzt wohnt«, gehörte ihm. Um sie aber in ihrer Ehre nicht zu verletzen, lieh er sich die Miete bezahlen. Jeden Monat wurde ihr die fällige Summe, kein Deut mehr oder weniger, heimlich unter die Tür geschoben, und sie vermutete, daß das Geld von Pirruhn stammte. Eines Tages, als sie es ihm unbedingt zurückgeben wollte, nahm er das Geld an und warf es in den flammenden Herd. Regelmäßig brachte ihr dieser oder jener Bauer, je nach der Jahreszeit, ein Körbchen mit Erdbeeren, Kirschen, Birnen, Aepfeln, Pflaumen oder Walnüssen, sogar eine kleine Kiste mit sorgfältig in Watte verpackten Weintrauben. Wenn Adelaide fragte: „Wer schickt die Sachen?", dann antworteten die Leute stets: „Sankt Nikolaus ..." Täglich um halb sieben, nachdem er zu Abend gegessen hatte, ging Pirruhn zu ihr; er rauchte einige Pfeifen, sie spielten eine Weile Schach, oder er las ihr aus der Zeitung „Die neue Laterne von Antwerpen" vor, während sie für die vornehmen Familien der Stadt Stickereien anfertigte. . , Er liebte sie immer noch so quellsrisch wie vor zwanzig Jahren, aber er wollte sie nie mehr fragen; das mußte nun von selbst kommen. Adelaide war eine stolze, edle Erscheinung mit runden Augen, einer gebogenen Nase und Ringellocken neben ihren Hängebacken, und sie sprach mit geschlossenen Zähnen. ,. „. . . . Man sah, daß sie früher viel gelitten hatte. Diese gewaltige Erniedrigung war ein Dornenkleid für sie gewesen. .... Sie, die einst in einer silbernen Wiege gelegen hatte, wohnte letzt in einem kleinen, aber schmucken Hause; sie mußte selbst das Bett machen, das Geschirr aufwaschen, den Fußboden scheuern, Sand streuen und die Kartoffeln schälen. , _ Sie war jedoch sehr fromm und versuchte, ihren Schmerz mit dem Trost der Religion zu vergolden; allmählich gewann diese schweigsame Einsamkeit auch ihren Reiz, und angenehme Stunden erblühten gleich Sternen am Gewölbe ihres Lebens. Noch nie hatte sie ihr Nein bereut, sie würde auch jetzt noch nein sagen; der Abstand zwischen ihm und ihr war zu groß, sie zog ein buntes Wappen über ihrem Namen allen Reichtümern der Erd« vor. Sie wußte, daß Pirruhn sie noch immer liebte; seine standhafte Liebe, die er durch sein ganzes Benehmen deutlich zum Ausdruck brachte, war wie eine ferne Musik, der sie gerne lauschte, aber sie fühlte sich sehr gekränkt, weil er aus reiner Dickköpfigkeit nicht noch einmal um ihre Hand anhielt. Das konnte ihr stundenlang den Schlaf rauben. Das Testament. Der Marktplatz war ein köstliches Juwel von Renaissancehäusern, die prunkvoll mit Gold und Bildhauerwerk verziert waren. Zwischen ihnen stand das einfache gotische Rathaus, das fast bis an die Häuser au1 der Ostseite reichte, die stets im Schatten tagen. Corenhemels Haus stand in der Sonne, an der Ecke der Storchstraße. Es war ein hohes, schmales Gebäude, mit weißer Oelfarbe gestrichen; zwei Karyatiden, eine männliche und eine weibliche mit Ballonbrüsten, trugen neben dem mittleren Fenster ein goldenes Füllhorn; unter den anderen Fenstern hingen Girlanden, und auf dem Rücken eines üppig geschweiften Frieses glänzte das Gold eines Bienenkorbes. An der Ecke des Hauses stand betrübt in einem blauen Glaskasten eine große Madonna der Sieben Schmerzen, mit sieben langen Blech- chwertern im Herzen. . An einem mächtigen Eisenschnörkel hing eine Laterne davor, tn der allabendlich eine Kerze angezündet wurde. . In diesem Hause herrschte großer Kummer; die Frau lag seit drei Jahren krank zu Bett, und er war bläh vor Sehnsucht nach feiner rüheren russischen (Beliebten, mit ihren Hellen kindlichen Traumaugen... Pirruhn war gerade bei Corenhemel und betrachtete im großen Saal die neue Kameensammlung, als sein Schreiber keuchend hereinkam, um ihn an das Sterbebett von Fräulein Angelina von Egmont zu den fünf Fontänen zu holen, die bereits die geweihte Kerze in der Hand hätte und ihm noch etwas Wichtiges mitteilen wollte. „Wenn es so wichtig ist, was sie mir zu sagen hat, dann mag sie am Geben bleiben, bis ich komme", sagte Pirruhn und widmete sich mit größtem Interesse den zarten Kameen. Er legte sie vorsichtig auf die Hand und betrachtete sie mit scharfen Augen. Es waren schwarze, blaue, aurorarote, bernstein- und honigfarbene, auf denen sich schlohweiße Kupidos, römische Kaiserköpfe, Mediciprinzessinnen und mythologische Visionen abhoben. „ , „Es ist wie draufgehaucht und festgefroren , sagte Pirruhn, „wer das' mit einem Diamanten fertigbringt, hat den Teufel im Leibe." „Ach", seufzte Corenhemel, „und mit diesem Zeug versuche ich meinen Kummer zu lindern." „Nur gut, daß es nicht glückt", meinte Pirruhn. „Ader letzt muß ich fort, sonst kann die alte Jungfer nicht sterben. Auf Wiedersehen! In gewohntem Schritt ging er zum Lindendelch, wo das Blaue Haus stand, der alte Sitz der Familie von Egmont zu den fünf Fon- tangn einer kleinen Kammer, die spärlich möbliert war, lag das alte Fräulein in einem blauen eisernen Bett, gelb wie eine Birne und mit blaßpurpurnen Sippen. In ihren dünnen Händen hing ein schwerer Rosenkranz, und ihre hellgrauen Augen starrten fromm auf die Wand, wo ein farbiges Glaskästchen hing mit einem Bild der heiligen Anna, ihrer Patronin. , , . , . Der Pfarrer kniete am Fußende, und der kleine Arzt putzte feine Hornbrille mit dem Rockärmel. Die heiße Sonne drang rahmgelb durch die geschloffenen Vorhänge, hinter denen eine Hummel gegen die Fensterscheiben brummte. Ein samtener Pfirsich lag neben einer Medizinflasche, und eine lange Kerze brannte auf einem Leuchter aus grünem Steingut. Fräulein Angelina war reich und verschwenderisch eingerichtet aber aus Frömmigkeit lebte sie ein strenges Leben mit Beten und Fasten. Das „Einhorn", das sie früher für ihren Bruder, der in Italien gestorben war, und jetzt für dessen Tochter Anna-Marie, die noch in Italien wohnte, verwaltet hatte, betrat sie nie, obwohl Pirruhn und der Gärtner sie dringend darum gebeten hatten. Die Zimmer in dem Blauen Hause waren schön und üppig mit antiken Schätzen ausgestattet und mit weichen Teppichen belegt; aber sie lebte in dieser kahlen Kammer wie eine Nonne in ihrer Zelle und wollte wie eine Nonne fter@i"" freute sich, Pirruhn zu sehen, wollte sich aufrichten, aber es ging nicht. Sie winkt« ihn zu sich und sagte mit tonloser Stimme: „Ich habe auf Sie gewartet." „Das ist sehr schön", sagte Pirruhn. „Ich gehe nun bald ein zum Herrn, zu meiner Schwester und zu meinem Bruder ..." ...... , m. . „Sie können doch nicht ewig am Geben bleiben , tröstete Pirruhn. Mit schwacher Stimme sagte sie bann: „Anna-Marie ist nicht gekommen ... Ich hatte nur einen Bruder, Ihren Freund ... Wenn er aus Italien zu Besuch kam, hat er sie nie mitgebracht ... sie könne die Reise nicht aushalten, sagte er. Er starb, auch bann tarn sie nicht. Meine selige Schwester Rachel und ich, wir haben immer auf sie gewartet; sie wäre uns ein Trost gewesen in unserer Einsamkeit ... Auch ich werbe sterben ... und begraben werden, ohne sie jemals gesehen zu haben. Sie muß mein Grab besuchen!" Die Kranke wollte sich ausrichten, eine Drohung lieh den erlöschenden Augen einen kurzen Glanz. „ , Aendern Sie das Testament! ... Sie muß em Jahr, em ganzes Jahr hier wohnen, in diesem Hause, damit sie mein Grab besucht und für mich betet ... Vorher darf an sämtliche Besitztümer nicht gerührt, auch nichts davon verkauft werden und wenn alles in Drummer ginge und das Gras in den Wiesen faulte ... Das ist mein letzter Wille Plrruhn schrieb ihn schnell mit einer Gänsefeder auf em Stuck Papier, bas er aus einer Ueberfetzung der Prebigten Fenelons gerissen hatte, und ließ es von ihr unterschreiben. Als sie zitternd ihren Namen geschrieben hatte, fiel ihr die Feder aus der Hand. Sie schloß die großen Augenlider, ihr Atem pfiff. Der Arzt fühlte ihre Hand am blauen, flachen Puls; er klopfte nicht mehr. Der Pfarrer nahm die Kerze vom Geuchter herunter, ergriff die Hand, die ihm der Arzt überließ, legte die kalten Finger um die braune Wachskerze und sprach die Gebete der Sterbenden: „Elias und Enoch, erlöst diese Seele aus den Gefahren der Welt!" Die Flamme knisterte, brannte aber gleichmäßig weiter, wie gemalt auf der Stille. _ Das Zimmer war hell, voll gardinengedämpfter Sonne. Und ganz allmählich, so wie eine Sommerwolke eine andere Gestalt annimmt, ohne daß man es merkt, kam der Tod über sie. Flüsternd neigte sie den kleinen gelben Kopf ein wenig zur Seite, ein dürftiges Lächeln blieb an ihren weiß ausgeschlagenen Lippen hängen. Der Arzt schloß ihr mit seinem breiten Daumen die Augen, und Pir- rutjn sagte: „Sie ist bei Petrus ..." (Fortsetzung folgt.) Oer römische Brunnen. Von Conrad Ferdinand Meyer. Aufsteigt der Strahl, und fallend gießt Cr voll der Marmorschale Rund, Die, sich verschleiernd, überfließt In einer zweiten Schale Grund; Die zweite gibt, sie wird zu reich, Der dritten wallend ihre Flut, Und jede nimmt und gibt zugleich Und strömt und ruht. O'e Liebe auf dem Lande. Von Hans Thyriot. Jrn alten stillen Garten, wo ich zuerst dich fand, da stand ein roter Rosenstrauch, der blühte unverwandt. Von Blumen bunt die Wiese, da ich vom Apfel aß, uns wuchs zum Paradiese ihr sanftes, hohes Gras. Und auf den schmalen Wegen, die wir gegangen sind, da wehte Gottes Segen in jedem Sommerwind. Ein Mensch in Flammen. Von KarlHeinrich Waggerl. Im Morgengrauen steht Peter auf, er will in das Kar gehen, um Len Schafen Salz zu bringen. Es ist kühl, ein paar Sterne flimmern noch an dem blassen Himmel, aber im Osten entzünden sich schon die höchsten Grate im Feuer der Sonne. Die Vogel smd aufgewacht, es sind kleine, fröhliche Tierchen, sie steigen nacheinander vom Boden auf, flattern einen Augenblick hoch oben in der grasgrünen Luft und Lullen die Stille mit ihrem vergnügten Gezwitscher. Peter legt sein Salz aus, und dann steigt er noch weiter bis aus den Grat, auf die Spitze eines kleinen Kegels. Von dort aus kann er die Hütte sehen, die noch tief im blauen Schatten liegt. Er will da bleiben und warten, bis die beiden auswachen und nach ihm suchen. Die Mutter wird vor die Hütte kommen — wo in aller Welt ist Peter? Dann wird er. ausstehen und rufen — ja, seht euch nur um, sucht mit euren verschlafenen Augen! Die Mutter, nein, die ist es nicht, an die Peter jetzt denken muß. Eva wird herausschauen und vielleicht ein roenigbange fein, wenn Jte ihn hier stehen sieht, auf einer Nadelspitze über bodenlosen Abgründen Ach sie trägt ein weißes Kleid und ist über die Maßen fern, dieses Mädchen aus der Stadt; ihre Fingernägel sind blank und .feitz wie kleine Messer. Sie nannte ihn nicht beim Namen — fein einziges Mal, denkt d^Gu"n^Morgen^Jr'aulein Eva, könnte er sagen, wie gesollt es Ihnen bei mir? Er könnte ihr recht gut zu verstehen geben auf eme feine Art andeuten, daß es keineswegs (o ganz gewöhnlich ist, nicht so Durchaus ungefährlich, hier im Kar zu Besuch zu sein! — Es gwt Geheimnisse, Fräulein Eva, jawohl, in diesen wilden Gegenden! Es konnte sein, | daß Peter mehr vermöchte, als alle Welt von einem Sennhirten "'“Bir'roäre es zum Beispiel, wenn Peter plötzlich stehen bliebe, irgendwo zwischen den Felsblöcken, und brei markerschütternde Psiffe ertönen liehe? Wenn dann eine Schar wilder Gesellen auftauchte, wie aus dem Boden gezaubert, zwölf verteufelt finstere Kerle mit schwarzen Bärten, und bis an die grimmigen Zähne bewaffnet? Küretten Sie nichts, Fräulein! würde er zu Eva sagen, wenn sie sich bleich und zitternd an ihn lehnte. Es sind verwegene Leute, bas ist wahr, kaltblütige Mörder. Aber treu wie Gold! Seht her! würde er mit machtvoller Stimme erklären: Dies ist Fraulein Eva, sie steht unter meinem Schutz, wacht über sie, in der ganzen Welt mit eurem letzten Blutstropfen! Schwört in meine Hand! Wir schwören! murmeln die Männer und verschwinden wie weg- 0eb'Beter "liegt mit geschlossenen Augen und atmet schwer. Etwas tun, ja eine große, märchenhafte verwegene Tat! — Sehen Sie diese Blume dort in der Wand, Fräulein Eva? Willst du, daß ich hinaussteige? Sie ist verflucht, diese Blume, sie bringt Glück, aber wer sie zuerst bricht, muß sterben, jeder. Und ich hole sie trotzdem für dich, in der heutigen ^Bittet ihn Eva, es nicht zu tun? Beschwört sie ihn mit feuchten Augen? Nein, sie schweigt. Aber das Herz wird ihr brechen, wenn sie ihn am Morgen findet, zerschlagen, tot im blühenden Kar, mit einer weißen Blume in der blutigen Faust. Ja, meine nur! So jung war Peter, und dann mußte er sterben — fragt nicht warum. Die Sonne steht hoch am Himmel. Rauch steigt aus der Hütte, aber niemand kommt übers Kar gelaufen, um nach Peter zu suchen. Nein, zwei Frauen stehen am Herd, er ist entbehrlich. Ernüchtert und kleinlaut tritt Peter den Heimweg an Eva sitzt vor der Hütte im Gras und näht, häkelt an einer Spitze, soviel er sehen kann, und sie schaut nicht auf, während er vorübergeht. Beter trägt den Milcheimer in die Hütte, und bann setzt er sich fdim igfam an den Tisch. Was in aller Welt kann man tun um einen wc -Neideten Engel zurückzuholen, der im Begriff ist, geradewegs und unauchaltsam in die Unendlichkeit zu entschwinden? Es wäre gut, wenn der Berg einfiele, wenn die Hütte in Flammen aufginge, oder wenn doch mindestens die Mutter auf den Gedanken geriete, zum Essen zu rufen. Aber nichts dergleichen geschieht. Peter hat noch kein Wort mit Eva gesprochen, das ist es auch gar nicht, was er wünscht. Als er an ihr vorüberging, starb ihm das Herz ab vor Angst, etwas sagen zu müssen. Er mochte . . >a, Peter weiß nicht, was er möchte. Ein Held sein, schweigend etwas Großartiges vollbringen, das wäre es! c Er schaut durch das Fenster, da weidet der Stier auf dem Kar. Dieser Stier heißt Ioli, und jetzt wandelt er dahin rote der hunmlijche Friede selbst. Sein Horn ist nur daumenlang, aber sein Nacken gleicht einem ungeheuren schwankenden Berg von Fleisch, und die kleinen rötlichen Augen verschwinden fast in der krausen Wolle feiner Stirn. Einmal machte er sich das Vergnügen, die dicke Brunnensäule umzurennen, bloß mit einem kleinen Ruck seines furchtbaren Schädels. Peter gerät jetzt auf den Gedanken, sich mit diesem Ioli em wenig einzulassen. Der Stier kennt ihn zwar, aber es gibt allerlei Klemig- feiten, die er auch von ihm nicht gut verträgt. Das gäbe einen hübschen Spaß, einen niedlichen Tanz auf dem Kar! In diesem Augenblick bemerkt Peter, wie der Stier unruhig wird. Er senkt den Kopf und fchnaudt über den Boden hin — bas tut Ioli nur, wenn ihm etwas Ungewohntes im Kar begegnet. Einmal geriet er wegen eines Blattes Papier, bas im Winbe vor ihm hersegelte, in Raserei, unb bamals brachte er es fertig, alles Lebendige, Kühe und Schafe, weithin über das Kar zu versprengen. Peter kann nicht sehen, was dieses Mal den Unwillen des Tieres erregt, aber es ift vielleicht doch gut, mit einer Schüssel voll Rübensutier hinauszugehen, unb das Ungetüm beizeiten wieder zu Verstand zu bringen. . , L <■ .. , Wenn Peter zu anderen Zeiten gesehen hatte, was er letzt steht, so wäre er wieder in die Hütte gegangen unb hätte bie Tür fest hinter sich zugemacht: Ioli nämlich hebt ben Schweif unb setzt sich brummend m Galopp, unb nicht allzuweit von ihm flattert roieber ein Blatt Papier — nein, Eva in ihrem weißen Kleib! Es ist wirklich Eva. Sie flüchtet fdjreienb vor ben dröhnenden Hufen des Tieres, unb in ihrer blinden Angst läuft sie geradeaus in das baumlose Kar hinein... , . Man kann einem wütenden Stier nicht auf diese Art entkommen, das weiß Peter. Er läuft nicht übermäßig schnell, aber seine Kraft ist unerschöpflich. Man muß bas Herz haben, ben Ansturm ruhig zu erwarten unb blitz chnell auszuweichen. Ober man muß versuchen, einen Baum vor sich zu bringen, barin liegt eine gewisse Möglichkeit, sich vor dem grausigen Schicksal bes Zerstampftwerbens zu retten. Rmber toten nicht wie Raubtiere, schnell, aus Blutdurst. Sie sind Mörder ohne Scheu, aus nachhaltiger, blinder Wut, der Tod hält sie nicht auf. Sie ruhen erst, wenn ihr Opfer der Erde gleich geworden ist. r. . Peter spürt ein brennendes Glucksgefuhl, er mochte laut schreien, aus dem Zaun unb läuft — läuft um Evas Leben! „Wende dich!" schreit er. „Schnell! Lauf zurück!" Aber Eva achtet nicht auf ihn, sie rennt nur fort unb Höri bie dröhnende Gefahr hinter sich näher unb näher kommen. Das Kar ist hier eben rote em Tisch, aber sie weiß, baß seitlich, gegen den Berg zu, große Blocke liegen, unb bortttn will sie fliehen. Der Stier verfolgt sie mit gewaltigen Sprüngen, Gras unb Erbe wirft er mit seinen Husen auf — nein, ihm wirb sie nicht entkommen! , „ „ „ . ,. Später tarnt Peter selbst nicht genau sagen, wie alles kam. Er hatte wahrhaftig nicht Zeit, über irgenb etwas nachzubenken. Als er von der Hütte her über ben Abhang jagte unb schon ganz nahe war, sah er deutlich, daß Eva zu straucheln begann und nicht mehr lange laufen tonnte ' Alles ging blitzschnell vorüber, aber die Rettung, bie einzige Rettung lag barin, baß Peter im letzten Augenblick einen Stein aus- nahm unb baß er bas rafenöe Tier mit biefem Geschoß an ber empfindlichsten Stelle traf: an ber Sehne bes Hinterlaufes. Unb bann ftanben sich bie beiben gegenüber — Ioli unb Peter, wie Goliath unb David in 5er Heiligen Schrift. Eine Minute lang stanb es auch dahin ob der Stier nicht Lust betäme, diesen neuen Feind anzunehmen. Ader fein Hinterbein war lahm, unb außerbem, es war Peter, ber ba vor ihm stanb. Peter, mit einem Prügel in ber Hanb, bachte er wohl — bann wandte er sich ab unb trollte bavon. Peter trieb ihn einfach vor sich her wie eine zahme Ziege, weit in bas Kar hinein... Ja, später! Später sitzt Eva auf einem Felsblock, sie ift talkweiß im Gesicht, unb ihre Zähne schlagen hörbar aufeinanber. Auch bie Mutter hat enblich ihre Sprache roiebergeroonnen. Peter aber kommt gelosten über bas Kar geschritten, ein Helb, ein ruhmbebeckter Sieger! Peter spürt ein brennenbes Glücksgesühl, er möchte laut schreien, aber er schweigt. Vorhin, als er allein über bas Kar ging, konnte er sich kaum aufrecht halten. Tränen würgten ihn, selige Schwäche. Jetzt aber ist er so verwegen, baß er hinzutritt unb Eva mit feinen beiben Armen von ihrem Sitz hebt. Er nimmt sie fest an sich unb trägt sie noch ein gutes Stück über bas Kar — nur so, weil er es eben tun kann, wen es nichts in ber Welt gibt, was er jetzt nicht wagen bürste. Ich banke bir, bu lieber Peter!" sagte Eva an feinem Ohr. Das ist unbeschreiblich schön. Peter ist noch kein Mann, viel eher ein Kinb, eine harmlose schwärmerische Seele. Hier lebt er im Kar, einsam — alles ist ba ungeheuer unb groß. Zuweilen rührt ihn etwas tief im Herzen an, es ist nur ein Vogelschrei, ein fallenber Stern m ber Nacht Unb Peter läuft fort, er trifft vielleicht eins von feinen Tieren, bei bem bleibt er bann, lockt es unb gibt ihm zärtliche Namen. Nun aber ist es Eva, bie sein Herz so bewegt. ,, Ach ja, Peter ist verliebt! Ein Mensch in Flammen, sieh her, Eva — ein ganzer iebenbiger Mensch! Besuch in Lübeck. Von einem Gießener. Gießen—Lübeck, nordwärts fährt der Zug, Kilometer um Kilometer _ Kassel—Hannover—Hamburg —; aus Mitteldeutschlands Waldbergen mit ihren Burgen und Schlössern, vorbei an Marburg, an Wilhelmshohe, werden Hügelland und weites ebenes Land, Weidekoppeln, Felder und Wälder, endlos dehnt es sich aus bis zum Horizont. In Hamburg weht die Luft der Weltstadt und der Hafenstadt. An endlosen Straßenzügen vorbei, über lange Eisenbahnbrücken, Kanäle, Hafenarme, fuhrt der Zug ein in den Riesenbahnhof. Wir sind in Norddeutschland, wir sind am Meer. Weites Land, breite Häuser, große Industrieunternehmen, ausgedehnter Handel und Schiffahrt. Es ist immer wieder die großzügige Anlage aller Unternehmungen, aller Wesensäuherungen in Norddeutsch- land, die dem Mittel- und Süddeutschen ausfallll Die Industrialisierung Deutschlands hat freilich in allen Teilen des Reiches umfangreiche Werke und Betriebe ins Leben gerufen, trotzdem ist gerade diese Art der Lebensäußsrung nur in Norddeutschland so stark aus alle Gebiete menschlicher Tätigkeit ausgedehnt und für die Denkart der Bevölkerung charakteristisch. Der Grund dafür liegt ja auch offen zu Tage: hier oben ist von vornherein das weite Land, das unendliche Meer, hier waren chon vor Beginn jeder Großindustrie die großen landwirtschaftlichen Betriebe, waren die mächtigen Kaufherren der Freien Reichsstädte. Eine gute Stunde noch fahren wir, bis die Türme der Freien und Hansestadt Lübeck auftauchen. In Hamburg, wie auch in Kiel ist von vergangenen Tagen nicht viel mehr wahrzunehmen, zu mächtig sind die Wogen der neuen Zeit hier über alles hinweggegangen; in der Weltstadt Hamburg verschwindet ein altes Haus, wie es sich hin und wieder über die Zeit hinweggerettet hat, hier herrscht der Hochbetrieb der Hafenstadt, hier ist das Tor Deutschlands zur Welt, unzählige Schiffe liegen im Hafen, bringen Güter aus allen Ländern der Erde, Tag um lag arbeiten die Kräne, an endlosen Kaimauern liegen Schiffe und wieder Schiffe Menschen aus allen Weltteilen kommen und gehen zu ,eder Stunde. In Lübeck ist alles kleiner, ist alles übersichtlicher und ruhiger. Wie die Ostsee zum Großen Ozean, so verhält sich Lübeck zu Hamburg. Und nicht nur das: Was für Mittel- und Süddeutschland Rothenburg o. d. T. bedeutet, das ist Lübeck für Norddeutschland. Das Bild der alten Hansestadt ist hier erhalten, wie nirgends sonst. Man braucht kein Historiker zu sein, um festzustellen, wie der Mauerring der alten Stadt verlief; in genauer Form einer Ellipse legt sich ein Wasserring um die alte Stadt. Wasser ist hier Hauptelement — schmal und schnell beginnt der Fluß seinen Laus im Gebirge, träge und breit liegt er im Flachland, Seen und Kanäle füllt sein Wasser —. Zwei breite Straßen führen durch die Altstadt von Süd nach Nord, vom Mühlentor zum Burgtor, sie laufen auf dem Kamm des Hügels, der sich wie ein Schild aus der umliegenden Landschaft erhebt, begrenzt von dem Wasserring. In derselben Linie, fast genau in einer Reihe stehen die alten gotischen Backsteinbauten der Lübecker Kirchen mit ihren sieben Türmen, die dem Stadtbild ein eigenes Gepräge geben, die man sieht, von welcher Seite man auch an die Stadt herankommen mag. Vor den vier Toren nach allen Himmelsrichtungen hin liegen die Vorstädte, die Wohnviertel der neueren Zeit, während die Altstadt mehr und mehr zur Geschäftsstadt, zur City wird. , Wer an einem sonnigen Tag auf einen der Turme siegt, dem bietet sich ein unvergleichlicher Anblick: Leuchtend grün schimmern die Kupferdächer der Kirchen und der vielen Türme und Türmchen auf dem Rathaus und überall, hell- und dunkelrot glänzen die Ziegeldächer der unzähligen Giebelhäuser, breit, mit Plastiken und Ornamenten geschmückt stehen die Häuser der Renaissance und des Barock da. Durch das Grün der Bäume auf den alten Wallanlagen, in den Gärten und Parks leuchtet auf allen Seiten das blaue Wasser der Trave, der Wackenitz und vieler Kanäle, weiße Segel und hohe Schiffsmasten beleben das Bild. Der Zauber einer alten Stadt begegnet uns auf Schritt und Tritt, aber es ist nicht die alte Stadt, wie wir sie aus Mitteldeutschland kennen, hier ist es die Seestadt. Hohe, schmale Portale, weit in die Diese gehende Häuser in engen Straßen am Hasen erzählen von vielen Gütern, die hier einmal gelagert waren, erzählen von langen gefahrvollen Seereisen, von alten mächtigen Kausmannsgeschlechtern, vom Glück und Unglück vieler Generationen. Ein Gang ins Stadtmuseum bestätigt und erläutert vieles, was man vorher nur geahnt hat. Da tut sich die ganze Welt des Mittelalters vor unfern Augen auf: Die alte Stadt, auf den Kreis innerhalb ihres Mauerringes*befchränkt, in Bezirke eingeteilt nach Kirchengemeinden, die Menschen in Zünfte, in Genossenfchasten eingefügt mit festen Bräuchen und Sitten. Die Kirche steht da überragend im Leben jedes einzelnen, genau so überragend, wie noch heute die Türme der gotischen Kirchen über der Stadt stehen. Der Sinn für Gemeinschaft, für Familie und Staat mußte ungeheuer groß sein in dieser Stadt, die zu ihrer Blütezeit den ganzen Ostseekreis beherrschte, die solche Bauten schuf und über viele Jahrhunderte unverletzt erhielt, bis Macht und Glanz zerfiel und nur noch die steinernen Zeugen die Erinnerung an eine große Vergangenheit bewahrten. Von alledem berichten die Dinge, die jetzt im Museum ihr stummes Dasein fristen, all die Kirchenbilder und Altäre, die Meßgewänder, Taufsteine und Kelche. Mehr noch erzählen sie: Von den Menschen der Renaissance, des Barock, des Empire, der Biedermeierzeit. Handwerkertruhen, Zunftbriefe, gedruckte Bibeln berichten von stillem Fleiß einer arbeitsamen Bevölkerung; Kaufverträge, wundervolle geschnitzte Nach- bildunrr-n Lübecker Schiffe, die an der Decke aufgehängt find, sagen von Kauimannschaft und unternehmenden Seefahrern. — Aber da ist noch mebr, aus dem großen Gebiet der Kultur und Kunst eine solche Fülle, wie sie nur in einer Stadt reicher und alter Geschlechter so schön aufblüben kann. Welch prachtvolle, mit reichem Schnitzwerk versehene Schränke find da zu sehen, prachtvolle Gemälde holländischer und norddeutscher Maler; ja, man hielt es für wert, ganze Zimmereinrichtungen von der Tapete bis zu den Vorhängen getreu nachzubilden und hier erst zeigt sich ein gepflegter Geschmack und ein Gefühl für Stilreinheit o ausgebildet, wie man es selten findet. Betritt man eine der Kirchen, o wiederholt sich der Blick in die Kulturgeschichte vergangener Jahrhunderte, nur, daß hier nicht alles nach Epochen geordnet uns entgegentritt; wie die Jahrhunderte Stein um Stein und Denkmal um Denkmal hier aufgebaut und zusammengetragen haben, so sehen wir es heute vor uns, neues steht neben altem; hier ist ein Senator zur Ruhe be>- gesetzt worden, hier ist eine Denktafel für einen berühmten Sohn der Stadt in die Wand eingelassen, dort ist eine Orgel, von einem berühmten Meister gebaut, und an jedes Stuck heftet sich eine Reihe von Erinnerungen, die dem alteingesessenen Lübecker von Bedeutung sind. Es ist ja so selten, daß ein Raum, eine Stätte und gar eine ganze Stadt sich durch solch lange Zeit fast unverändert erhalten hat, daß wir sehen und ohne schwierige wissenschaftliche Mittel nachprüfen können, wie man rüher gelebt und gebaut hat. Jede Zeit wird versuchen, einer Stadt ihr eigenes Gepräge zu geben, e kräftiger und rücksichtsloser sich der jeweilige Zeitgeist gebärdet, desto mehr wird er ändern. Dem Stadtbild Lübecks hat dieser Geist nicht viel Schlimmes angetan. Das Schlimmste, wie überall, sind die Häuser, die um 1900 gebaut wurden. Diesem unselbständigen, sämtliche Stile früherer Zeiten nachahmenden Geschmack gegenüber hat sich heute endlich wieder eine neue starke Richtung durchgesetzt, die unserem technischen Zeitalter entspricht, ohne an Formschönheit und Reinheit anderen Stilen etwas nachzugeben. So bietet sich heute das Holstentor inmitten neuartigster Straßenanlagen in einer Geschlossenheit und Einheit, wie sie nicht besser hervortreten könnte; hier treten zwei Stile zusammen, beide völlig rein und von starkem Willen zeugend und die Wirkung ist hierdurch nicht aufgehoben, sondern verdoppelt. Auch eine Straße kann ja Stil zeigen und gerade unsere modernen Kunftstraßen, wie sie am schönsten von den neuen Autobahnen dargestellt werden, zeigen den neuen Stil und die Richtung, in der er sich betätigt, in bester Weise. Alte Giebelhäuser — Kirchen — Denkmäler — Stadtwälle mit wundervollen Anlagen, Gärten und Parks: man könnte denken: Lübeck war einmal eine mächtige und bedeutende Stadt, heute ist es ein Museum, eine Stadt der Rentner, eine Stadt am Rande des großen Geschehens. Das ist nicht der Fall. Freilich nimmt Hamburg durch den Kaiser-Wil- helm-Kanal einen Teil des Oftseehandels an sich, aber — Lübeck liegt doch immer noch an der Ostsee selbst an günstigster Stelle und pflegt den Geist der Verbindung aller Ostseeländer und der Menschen nordischer Rasse, aufbauend auf einer jahrhundertealten Tradition, Lübeck ist auch heute noch die führende Stadt im Oftseehandel. Und dieser Handel ist gewiß nicht kleiner geworden seit dem Mittelalter, nur ist inzwischen der Welthandel andere Wege gegangen feit der Entdeckung Amerikas. Hat auch Hamburg diesen Welthandel in die Hand genommen und ist für Deutschland das Tor zur Welt geworden, so hat Lübeck daneben, hier an der Ostsee immer noch Aufgaben zu erfüllen, die von keiner kleinen Bedeutung für das Reich sind, Aufgaben kultureller und wirtschaftlicher Natur. Wir brauchen nur mit einem Dampfer ober Motorboot die Trave abwärts zu fahren, so sehen wir das weite, großzügig angelegte Industrie- und Hafengebiet Lübecks. Da sind Säge- und Hobelwerke mit ungeheuren Holzvorräten — hier liegen finnische und russische Dampfer —, da sind Maschinenfabriken, sind Werften, Fischindustrien und Rauchereien, Großbetriebe aller Art, und schließlich weitet sich das Hafenbecken noch einmal bei Schlutup in dem eigentlichen Industriehafen und oor uns liegt das imposante Hochofenwerk mit seinen drei Schmelzöfen. Kröne von riesigen Ausmaßen fördern hier das fchwedifche Erz vom Schiff direkt ins Werk . Weiter geht's mit dem Dampfer nach Travemünde. Lübecks Dftfeebab unb Vorhafen. Wie der Gießener Sonntags nach Bad-Nauheim fährt, fo der Lübecker nach Travemünde. Doch, was gibt es hier nicht alles zu sehen. In solchem Hafen, ist er auch nicht allzugroh, gibt es immer interessante Dinge zu sehen, besonders für Landratten: Da kommen und gehen Schiffe von und nach Lübeck, da liegen kleine Schlepper, Fischerboote, Segelboote, von der großen eleganten Jacht bis zum Paddler, der sich ein kleines Segel aufgesetzt hat. Fast jeden Sonntag gibt es Besuch von der Kriegsmarine und allen Neugierigen ist Gelegenheit gegeben, sich solch modernes Kampfschiff von innen und außen genau zu besehen. Doch was ist das alles gegen bas wunbervolle Erleben: in ber See haben, sich in ben weichen Wellen bes blauen Meeres zu wiegen unb bann ftunbenlang am Strand liegen in dem feinen weichen Sand, die herrliche Sonne und den weichen, angenehmen Seewind genießen zu können, träumen und nichtskun. Das ist die rechte, wirkliche Erholung von dem Hasten und Jagen einer Großftadtwoche. Und wer Lust hat, kann am Nachmittag unb Abenb noch taufenb anbere angenehme Dinge tun, als ba find: eine kleine Segelfahrt in bie See hinaus unternehmen, im Kurhaus Kaffee trinken unb tanzen ober auf ber langen Stranb- promenabe sich ergehen unb fo ein klein wenig angeben mit fernem neuen Felbstecher ober feinen Anzügen nach neustem Schnitt, nicht zu vergessen bie Damen mit den hinreißenden Badekostümen und all das unter wohlwollender Assistenz eines internationalen Publikums, bas bie ganze Gegend reichlich bevölkert. Auch sonst ist in Lübeck kein Mangel an Ausflugsorten unb Zielen für Sonntagsausflüge, wer hat nicht schon von ber holsteinischen Schweiz mit ihren zahlreichen Seen gehört ober vom Ratzeburger See, von Mölln, ber Till-Eulenspiegel-Stabt ober vom Sachsenwalb. Seen, Wälder unb Felber überall unb wer einmal in einem Seengebiet gewesen ist, (ei cs am Bobensee ober an ben bayrischen Seen, ber weiß, was eine Landschaft dadurch an Schönheit gewinnt. Wer diese Stabt wirklich kennenlernen will, ber muß nicht nur bie Kunstwerke unb Museen besehen, sonbern auch ein Auge für die heutige Zeit haben, muß bie Umgebung ber Stabt besuchen unb ben Sinn ber Bevölkerung verstehen lernen. "Veraniwortltch: vr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Vrühl'sche Untvers itäts.Duch» und Lteindruckerei, R. Lange, Gießen.