Nummer (5 Zreitag, den 21. Februar iahrgang 1956 Mötzlich hüsteln. „Weshalb einen Dank? . , . ... . , Er sah sie mit einem tiefen Blick an. „Es hatte ja fein können, daß auch Sie mich auslachten mit meiner Theorie. Dann würde ich nun tefchwieaen haben. So aber sollen Sie alles wissen. Ich weiß nicht, ib es angebracht ist, das zu sagen, aber ich habe das Gefühl: Sie Laben sich unzweifelhaft das Recht erworben, alles zu erfahren." „Ihre Worte bereiten vor. Es gibt also noch Bedeutungsvolleres, Mch Schwererwiegendes, als Sie den Leuten von der Behörde bekannt- fiiiben?" „Ich sagte es schon, ich war ein zweites Mal am Wegkreuz. Seitdem lpb'e ich weder Herrn Pfrundt noch seine Freunde gesprochen. Was ich Ihnen jetzt sage, erfahren nur Sie, Frau o. Blinkburg: und ich vertäue durchaus, daß Sie zu schweigen wissen. Ich muh diese Sache nun r»ohl allein durchfechten; von Herrn Pfrundt kommt keine Unterstützung, sch will auch diese Hilse nicht. Ich werde jenen den Beweis liefern, nicht taute, auch wohl noch nicht morgen — aber mag sein übermorgen —, sah unser Geschäftsführer ermordet worden ist. Es besteht kein Zweifel. >a lesen Siel" Er griff tief in seine Brusttasche und brachte einen Zettel zum Bor- Hein, einen zerrissenen Briefbogen, vielfach gefaltet. „Den fand ich an der Mordstelle. Er war vom Wind ein Stück in sie Heide hineingeweht worden. Herrn Pfrundt und den andern war das Statt aus die Art entgangen." Frau v. Blinkburg nahm den Zettel. Es war ein Blatt aus einem iLotizbuch oder einem Heftchen. Die obere Hälfte fehlte gänzlich; aus lern gebliebenen Rest aber war ein Fetzen herausgerissen, so etwa, als iube jemand das Papier festgehalten, während ein anderer es zu entleihen versuchte. Biel war nicht mehr zu lesen. Es schien sich um eine Mitteilung gehandelt zu haben, Frau v. Blinkburg las: „Silbersacksrahe nicht mehr — Klein-Peking in der — Olga." Sie lieh das Blatt suken und fand Steyers Blick auf sich gerichtet. „Ist das eine Mittelung, die Herr Alwien empfangen hat?" Steyer nickte. „Das nehme ich an." „Und was folgern Sie?" . . „Vieles. — Das Blatt ist zerrissen. Es scheint, als wollte lemand Uesen Zettel an sich bringen. Alwien aber hielt ihn fest. Er lieh ihn erst los, als seine Finger kraftlos wurden. Da wehte das Blatt beiseite, Md der andere sand es nicht." . „Sie glauben, dah es um diesen Zettel ging? Daß Alwien sterben mußte, weil er diese Nachricht besaß und sie nicht herausgeben wollte? Er antwortete nicht gleich. „Es kann so sein", meinte er dann gedankenvoll, „es mag aber auch ganz anders sein. Wo ist die Wichtigkeit tiefer Meldung? Daß jene Olga nicht mehr in der Silbersackstraße »ahnt? Daß sie nun in Klein-Peking zu finden ist? Tötet man um jsilcher Mitteilung willen einen Menschen?" Frau v. Blinkburg sagte, und der Satz stand sicherlich am Ende einer fingeren Gedankenreihe als (Ergebnis- „Mir will scheinen, das Bemer- stnswerte an diesem Zettel ist, daß Herr Alwien solche Mitteilung ! empfing! Daß also eine Verbindung besteht oder bestand zwischen ihm «Md einer Olga, die aus St. Pauli in der Silbersackstraße wohnt. Was ! tebeutet Klein-Peking? Ein Lokal vermutlich?" „Ja, ein Chinesencafe in der Talstraße." „Das dachte ich mir beinahe." Sie sahen sich an. Frau v. Blinkburg zog fröstelnd den Schal hoher »6er die Schultern. Die Nacht atmete kalt durch die Scheiben. Aber Kiner von beiden dachte daran, jetzt die Unterredung aufzugeben Frau v. Blinkburg hob wieder an: „Sie sagten vorhin. Sie sanden etwas. Es war dieser Zettel, nicht wahr?" und als er nickte, „Sie sagten aber auch, daß Ihnen jemand am Wegkreuz begegnet sei." . Gewih", antwortete Steyer, „ich hatte dort ein sehr unerwartetes Zusammentreffen. Als ich meine Untersuchungen anstellte, tauchte plötzlich ein Mann auf. Er rief mich an, einen Revolver in der erhobenen Hand. Aber den steckte er dann weg. Dieser Mensch ist es gewesen, der den toten Alwien gesunden hat; ein gewisser Glahn, Pachter eines Hofes hier in der Nähe. Der Rüge Hoff heißt das Gut. Es ist auch em Ausflugsort, denn Glahn hat dort eine kleine Restauration in einem Nebengebäude errichtet." „Das haben Sie von dem Manne selbst erfahren? „Ja. Wir redeten lange miteinander. Dieser Glahn ist ein seltsamer Mensch. Er spricht langsam, säst schwerfällig, aber sein Gesicht ist lebhaft. Die Augen verraten ihn. Sie liegen tief im Kopf und sind sehr hurtig, wissen Sie. Er scheint knorrig und bedächtig; aber das ist nur das Aeuhere. Wenn mich nicht alles täuscht: ein Kerl ohne Stetigkeit, ein Mann, auf den ich mich in einer ernsten Stunde nicht möchte verlassen müssen." Er bemerkte ihren verwunderten Blick, der seiner ausführlichen Beschreibung galt, aber er deutete ihn nicht richtig. „Ich weiß, was Sie sagen wollen. Man soll und darf sich nicht vom Aeuheren eines Menschen so vollkommen beeinflussen lassen, weder zur Sympathie, noch zur Abneigung. Aber als ich mit diesem Glahn sprach, spürte ich es wie einen inneren Warnungsruf: sei vorsichtig, sei mißtrauisch! — Dabei redete jener, genau betrachtet, Harmlosigkeiten. Gewiß, er hatte als erster den Toten entdeckt und die Gendarmerie benachrichtigt. Er war unterwegs gewesen von seinem Hof nach dem Hotel hin. Er wollte mit Herrn Alwien sprechen, wie man mehr Gäste nach dem Rügen Hoff locken könnte. Er war beim Wegkreuz abgebogen und querfeldein dem erleuchteten Hotel entgegengegangen. Da sand er Alwien. Er glaubte anfangs, es lägen dort Plaggen, sagte er mir, aber dann erkannte er, daß dort nicht Torf ausgestochen worden war und aufgefchichtet lag, sondern, daß dies Dunkle, was sich da vom Boden abhob, ein Mensch mar Er trat heran und erkannte die Leiche sofort. Als er mir das erzählte, stockend und bedächtig, funkelten feine Augen hin und her. Ich habe niemals einen Menschen gesehen, der eine schlichte Tatsache unglaub^ würdiger darzustellen gewußt hätte. Uebrigens schien Glahn selber zu merken, daß er nicht gerade den günstigsten Eindruck auf mich machte; aber zu stören vermochte ihn das nicht. Ich fragte ihn, obgleich ich seine Antwort ja ahnen konnte: „Sind Sie niemandem begegnet hier m der Nähe?" Er schüttelte den Kops. „Wo befindet sich Ihr Gut?" „Hinter dem Pfenningshos", antwortete er. Und als habe (ch ihn -um Reden aufgesordert, begann er seine Geschichte zu erzählen. Manches war wertvoll zu wissen, bas meiste ein Unsinn, bäurischer Aberglaube wahrscheinlich. Glahn sagte: Ich ging um 10 Uhr aus bem Hause weg und machte mich auf den Weg zum Pfenningshof. Ich wollte den Professor oder Fräulein Glascha sprechen und fragen, ob ich die Heuscheune ein paar Tage benutzen könnte. Dann wollte ich, wie gesagt, noch in das Hotel, denn abends hat Herr Alwien meistens Zeit. Im Pfenningshos war der Professor nicht zu sprechen. Sie wissen wahrscheinlich, der Herr Pfenningshos, nach ihm hat der Besitz feinen Namen, wird allgemein der Professor genannt. Ich glaube übrigens, daß ihm der Titel auch zu Recht zukommt — Ja, der Professor war nicht zu sprechen; er war schon im Bett Da Fräulein Glascha nicht von selber kam, wagte ich nicht, sie so spät mit meiner Bitte zu belästigen. Ich marschierte also weiter, dem Hotel entgegen. Ich hatte gesehen, daß im Herrenhaus des Pfenningshofs noch Licht brannte Der Professor und seine Tochter Glascha waren also noch nicht zu Bett Man hatte mich wahrscheinlich angelegen, ßilius, der Verwalter, ist ein Schwindler. Ich änderte mich. Als ich ein Stuck schon tn der Heide war, sah ich mich noch einmal um. War jetzt alles dunkel? Nein, noch immer brannte Licht, aber diesmal gelangte ich nicht dahm, mich erneut zu ärgern, denn ich sah wieder das Kreuz auf dem Turm. Er machte eine Pause. Ich habe den Pächter Glahn wohl recht verdutzt angesehen, denn er fragte sogleich: „Sie haben das Kreuz nicht '"b^N^in.^ Was für ein Kreuz war es denn? Ist vielleicht eine Signalstation auf dem Turm?" , Nichts ist aus dem Turm. Nur heute nacht war ein Kreuz auf» gerichtet. Ein mittelhohes Kreuz, nicht für Signalmasten zu gebrauchen. Niemand hat es gesehen. Nur ich. Ich sah es die ganze Zeit, so oft ich mich umblickte. Ein schwarzes Holzkreuz, es stand geduckt, wie hinge- zeichnet gegen den Hellen Himmel — Als ich dann Alwien fand oer- I gaß ich natürlich zu beachten, wann es verschwand. Er drehte sich um | und wies auf: „Sie sehen, jetzt ist es nicht mehr auf dem Turm- eheimnis der ^eide ROMAN VON FRANK F. BRAUN 2. Fortsetzung. Sie waren sich sehr nahe. Spannung lag in ihrem Gesicht. Er merkte $ und betrachtete sie prüfend. Da war es wohl, daß Frau v. Blinkburg «hlte, wie er sie zu durchdringen versuchte. Sie legte die Hand auf -inen Arm und sagte betont: Sie dürfen mir vertrauen, Herr Doktor Steyer. Was Sie zu mir »rechen, wird ohne Ihren Willen kein dritter Mensch von mir erfahren Ihr Gesicht war recht blaß geworden; nur die Röte der Lippen blieb i its merkbarer Ton. Sie brach ab; scheinbar erstaunte sie es selber, em feierliches Versprechen dem fremden Manne gegeben zu haben. Aber Steyer nahm es dankbar auf. „Danke", sagte er und mußte iehenerZamiliendMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger den Korbsessel zurück. Ihr war, als müsse dem hier Ich mir dem ver- diese Ueberlegung angestellt!" „Dann ist es gut. Ich muß Ihnen nämlich noch etwas sagen, war in diesen anderthalb Stunden findig wie ein Kriminalist, scheint jetzt selber. Ich habe mich auf dem Bahnhof erkundigt, wer mit letzten Zug, dem einzigen am Abend, wie Sie wissen, unfern Ort lassen hat." „Und?" Heidekraut." „Aber das ist recht unverdächtig, scheint mir." „Oder geschickt gestellte Vertuschung! Nämlich: dieser Mann fuhr nach Altona. Sie wissen, wer etwa auf St. Pauli wohnt, fährt bis Altona." nicht beendet. Steyer sprach nicht weiter. Er lehnte sich in Frau v. Blinkburg griff sich an die Stirn. sie den Teil des Körpers berühren, der jetzt in Aktion treten sollte. Aber da sagte Adalbert Steyer gedämpft, und das machte es wohl, daß sein Ton fast zärtlich klang: „Grübeln Sie" nicht darüber nach, liebe gnädige Frau, was etwa dieser Glahn auf dem Turm des Pfenningshofes gesehen haben kann. Suchen Sie nicht, ob der schlechte Eindruck, den der Mann auf mich machte, zu Recht besteht. Vielleicht unterlag ich wirklich nur einer Aversion; ich mag den Typ nicht, den er verkörpert; diese personifizierte Bauernschläue, bieder und — gerissen Aber es kann gut möglich sein, daß ich ihm Unrecht tue. Auf keinen Fall dürfen wir uns verleiten lassen, den Verdacht wie einen Ball zu jonglieren! Wo er hinfällt, wen er trifft, der ist der Mörder! Das geht nicht!" „Aber um Himmels willen, Herr Doktor, ich habe nie und nimmer „Ihre Erwartung ist berechtigt! Tatsächlich nähern wir uns jetzt Punkt, wo ein Verdacht auftauchen kann. Ein einziger Mensch hat den Zug bestiegen. Das konnte mir der Schalterbeamte und sein Kollege an der Sperre fest versichern. Ein Wanderer, sagten sie, er kam in allerletzter Minute. Er war erhitzt vom Lauf und völlig außer Atem. Er führte einen Rucksack mit sich, einen Wanderstock und einen Strauß Wir sahen beide den Pfenningshof liegen. Der Turm auf dem Herrenhaus stand als dunkle Silhouette gegen dm Himmel. Von einem r°,Me^hab?n"sich getäuscht", sagte ich, „eine Wolkenbildung hat Sie genarrt. Oder ein Baum vielleicht?" „ . , Solche Bäume gibt es nicht. Und Wolken kenne ich. Herr rief er ärgerlich. „Das Unglück lag in der Luft. Haben Sie nicht den Hund ^U!©emift°r®s hat sich herausgeftellt, daß es Herrn Alwiens Hund gewesen ist. Er hat nach dem unglücklichen Sturz an der Leiche zu wehklagen begonnen." m . . . Glahn sah mich an, eine ganze Weile; wir standen allein in der nächtlichen Heide. Die Minute war unbehaglich. Ich traute ihm noch immer trotz seiner biederen Erzählung. „Sie glauben an Spuk?" versuchte ich zu scherzen. Da ließ er den Blick abgleiten. „Sie sind aus der großen Stadt, sagte er „Sie mögen darüber lachen. Wir hier haben längst emgesehen, daß es das gibt, Spuk und warnende Zeichen. Glauben Sie mir das, Herr! Es ist nichts lachhaft an diesen Dingen, als die Worte, die man ihnen gegeben hat." Er schwieg. Ich verstand wohl, was er hatte ausdrucken wollen; ich räumte ein, daß er in gewisser Weise recht hatte; und zum erstenmal, seit ich ihn kannte, war er mir nicht mehr ganz so zuwider. „Ich wollte Sie nicht kränken", sagte ich. „Schon gut", entgegnete er knapp, rückte an seinem Hut und fetzte sich in Bewegung. Ich blieb, denn noch waren meine Nachforschungen „Das scheint mir an den Haaren herbeigezogen, lieber Freund." Steyer antwortete nicht sofort. Lieber Freund, hatte sie gesagt; seine Augen leuchteten. Für zwei, drei Herzschläge vergaß er die ganze Mordgeschichte. Lieber Freund, hatte sie gesagt! Begriff sie diesen Blick? Fast schien es so. Sie sah wie ertappt zur Seite. Da räusperte er sich heftig und vollkommen grundlos. „Unsere Spur weist nach St. Pauli", sprach er, „diese Olga aus der Silbersackstraße wohnt dort." „Gewiß, ich erinnere, aber ..." „Pst. Noch eins. Wissen Sie, wann der Zug geht? 22.18 Uhr. Also 15 Minuten nach 10 Uhr. Wissen Sie, wie lange man vom Wegkreuz bis zum Bahnhof geht? Eine Viertelstunde! Wenn also ein Mann erschöpft und schweißnaß dort anlangt, im Augenblick, als der Zug abfahren will, so wird er vor 10 Minuten noch am Wegkreuz gewesen sein. Stimmt die Rechnung?" „Ja. Wenn es keinen anderen Weg zum Bahnhof gibt." „Es gibt nur den einen Weg. Oder querfeldein! Aber das riskiert kein Fremder, denn allerorts warnen die Tafeln vor Sumpflöchern und Bohrgruben, die verlaßen sind. Ich fasse zusammen: der — Wanderer, der den letzten Zug nahm, hat sich genau in der Zeit, da der Mord geschehen fein muß, in der Nähe des Wegekreuzes befunden; wahrscheinlich war er gerade am Wegkreuz, als Alwien niedergeschlagen wurde. Er langte taumelnd im Bahnhof an. Erschöpft, glaubten die Beamten. Vielleicht war er aber außerdem noch verstört!" — Er fuhr nach Hause. Sein Reiseziel hieß Altona. Das Hamburger Grenzviertel dort ist St. Pauli Er wird also in Altona wohnen oder auf St. Pauli. Kann er nicht in der Silbersackstraße wohnen und die Olga, die uns noch unbekannt ist, sehr gut kennen? Kannte er vielleicht auch den Herrn Alwien?" Frau v. Blinkburg verschloß sich diesen Zweifeln nicht. „Wenn der Zettel, den Sie hmben, wirklich eine Mitteilung an Herrn Alwien enthielt, gebe ich Ihnen recht. Wenn Herr Alwien wirklich Beziehungen zu dieser Olga unterhielt, die auf St. Pauli wohnt und nur im CafS „Klein-Peking" nt sprechen ist, dann kann dieser Heidewanderer, der den letzten Zug erreichen mußte, allerdings eine bedeutungsvolle Figur werden. Aber roas hat Herr Alwien, ein Mann in gesicherter Position, mit diesen Lenken aus einem Chinesenlokal auf St. Pauli zu schaffen? Wer ist diese Olga?" Steyer erhob sich. „Sie sagten es eben beinahe selber, gnädige Frau. Eine fragwürdige Existenz!" Er lächelte. „Aber das genügt uns hier nicht. Ich fahre morgen nach Hamburg. Ich will fehen, ob ich die Dame Olga nicht vielleicht im Chinesencafs ,Klein-Peking" auffinden tang'rQU v. Blinkburg schritt neben ihm zur Treppe. Der Kellner drehte noch einmal alle Lichter an. Auf dem Flur reichte Frau v. Blinkburg dem Schriftsteller die Hand. „Gute Nacht", sagte sie. Er senkte den Kopf, bis er die Hand berührte. "Gute Nacht", sagte auch er. Ihre Blicke streiften sich noch einmal und rissen sich dann rasch los. Frau v. Blinkburg schritt davon, den Gang entlang, ihrem Zimmer zu. Er blieb stehen und sah ihr nach, bis eine Korridorbiegung sie verschwinden ließ. Dann ging auch er in fein Zimmer. 4. Kapitel. Frau v. Blinkburg erfuhr am anderen Morgen von dem Kellner, daß Doktor Steyer tatsächlich schon zeitig in der Frühe das Hotel verlassen hatte. Er würde nicht bald zurück sein, hatte er hinterlassen; zum Mittagessen bestimmt nicht, wahrscheinlich auch nicht am Abend, sondern erst spät in der Nacht. „Ich glaube, Herr Doktor Steyer ist nach Hamburg gefahren", schloß der Ober. Frau v. Blinkburg antwortete nicht, sie vergaß sogar das Danke. Da zog er sich zurück. Er war der Dame nicht böse, er war Menschenkenner; längst hatte er bemerkt: etwas bedrückte die Dame; es mußte mit dem Schriftsteller Zusammenhängen; also war es wohl eine Liebesgeschichte. Er kannte sich auch darin aus. Liebesgeschichten waren immer im ersten Teil so abwechslungsreich. Flucht oder Davonlaufen des einen Partners; Verkennung; Rückkehr; Versöhnung schließlich. Niemand hätte ihm diese Weisheit auszureden vermocht. Tatsächlich traf er mit seiner Meinung in diesem Falle wenn auch nicht direkt ins Schwarze, so doch nicht vorbei. Liebe war wohl im Spiel, ober wenigstens ein Vorgefühl, aus dem Liebe werden konnte. Frau v. Blinkburg fühlte sich zu diesem Adalbert Steyer hingezogen, er war ihr angenehm, seine Art, seine Reden und sein Aeußeres gefielen ihr. Sie hätte auch sicherlich dieser Neigung keinen Widerstand entgegengesetzt. Sie war frei und alt genug; sie hatte geraume Zeit gewartet; an Wunder glaubte sie nicht mehr, aber an wundervolle Glücksmöglichkeiten. Wenn sie jetzt so gedankenvoll vor dem Kafseetisch saß, hatte das seine ganz bestimmten besonderen Gründe. Die Sonne ichien; bunte Kringel in allen Farben des Prismas warf die schräggestellte Scheibe des halbgeöffneten Fensters auf die Tischdecke. Ein Strauß Feldblumen leuchtete, und Wicken dufteten sogar. Aber Frau v. Blinkburg achtete das alles nicht. Sie rührte in ihrem Kaffee, den sie gewiß auf solche Art erkalteln ließ, und sah die Wand an. In Wirklichkeit schaute sie nach innen. Der jüngste Kellner, nicht jener, mit dem sie eben gesprochen hatte und der ihr den Kaffee serviert hatte, der kleine rotblonde Bursche, hatte ihr vorhin, kaum daß sie Platz genommen hatte, den Wanderstock des Doktors vorgelegt. „Ist dies Ihr Stock, gnädige Frau, oder gehört er dem Herrn Doktor? Ich sand ihn heute morgen unter dem Tisch, an dem die Herrschaften gestern abend gesessen hatten." Frau v. Blinkburg brauchte nur einen Blick auf den knorrigen Knüppel zu werfen, und sie hatte Steyers Stock erkannt. „Er gehört natürlich Herrn Doktor Steyer", hatte sie mit leichtem Verweis im Ton geantwortet. Welch eine Idee, ihr diesen unförmigen Stock zuzumuten! „Aber Sie können ihn hierlaffen. Hängen Sie ihn da über den Stuhl." Der Junge hatte getan, wie ihm geheißen. Da hing nun der Stock. Hing jetzt noch da, und wenn sie auch nicht Hinsehen wollte, sie mußte einfach; ihre Blicke kehrten immer wieder zurück, magisch angezogen von diesem dunklen Fleck aus dem Stockgriff. Gewiß, das alles konnte Zufall fein! Es mußten Flecke in der Färbung des Holzes fein, bei der Beizung entstanden. Aber warum bann diese innere Unruhe? Ihr Herz pochte viel zu rasch. Sie hatte einmal in einem Museum eine Keule gesehen, eine schwere alte Schlagwaffe; und der Wärter, der zugleich den Erklärer machte, hatte auf die dunklen Flecke an der Verbreiterung der Keule hingewiesen. „Hier sehen die Herrschaften noch die Blutflecke, ein Zeichen, daß diese Keule wirklich einmal benutzt worden ist als fürchterliche Waffe!" Als fürchterliche Waffe! Wenn man diesen Wanderstock umdrehte, den Handgriff als Schlagende benutzte .. Er verließ das Hotel gestern zu jenem Abendspaziergang, bevor der Hund sein entsetzliches Heulen anfing. Der Hund bellte an der Leiche seines Herrn. Als die Klagelaute erschollen, war Steyer gerade zurück. Der Mord geschah, während er in der Heide war ... Er, er, er! Was geht „er" mich denn an. Sie nahm den Löffel aus der Taffe und führte den Kaffee zum Mund. Entschlossen machte sie sich ein Brötchen zurecht. Sie aß nur das eine. Der Appetit war plötzlich weg. Als sie sich erhob, nahm sie den Stock an sich. Sie trug ihn, wie man einen Wanderstab benützt; dieser war viel zu schwer für sie. Sie wußte nicht wohin, was mit diesem Vormittag anzufangen. So schritt sie dem Dorfe zu. Sie würde sich ein paar Ansichtskarten kaufen. Auf der Straße schien ihr der Stockgriff in ihrer Hand sonderbar rauh. Sie sah ihn sich genauer an und betrachtete auch ihre Hände. Da erschrak sie so sehr, daß sie mitten auf der Straße stehenblieb. Diese Flecke waren erst über Nacht getrocknet, bas war ganz beutlich erkennbar. Wenn es eine Farbe war, mußte es eine billige Farbe fein, bie bnran geraten war; sie zerkrümelte unb ließ sich abreiben. Wie grobes Pulver — unb färbte bie Hänbe, wo sie nicht ganz trocken waren, mit einem Rostton. Frau v. Blinkburg setzte sich wieber in Bewegung. Der Schreck war in sie hineing&fallen wie ein Stein, er lag nun auf ihrem Herzen ober auf bet Seele, benn eigentlich wußte sie gar nicht, wo biefer unbestimmte Druck ba in der Brust saß. (Fortsetzung folgt.) Aordlichtnacht. Von Knut Hamsun. Ein Licht flammt auf am Himmel: Die hohe Nordlichtnacht — Ein Hochzeitsfest dort oben. Wo Scharen gehen In silberseltner Pracht? Lichtflut sendet Der Mond, der seinen Sternen sich verschwendet. Der Erde Tale schweigen In großer Nordlichtnacht — Ein Vogelruf vom Moore Durchschwirrt die Winterstille, Schwillt und verzittert sacht. Seltsam Brausen Schwingt sich vom Meer wie großer Flügel Sausen. In breiten, weißen Strömen Steht still die Nordlichtnacht — Leis knirschen scheue Schritte: Zwei, die im Schnee sich suchen, Von niemand überwacht. Lichte Flechten Und blanker Augen Blick in Nordlichtnächten —I Anno Achtundvierzig. Eine Geschichte von Paul E r n st. Im Jahre Achtundvierzig fanden bekanntlich an einigen Orten in Deutschland Unruhen statt. Deren eigentliche Bedeutung war, daß den veränderten Verhältnissen entsprechend sich verschiedene Einrichtungen des öffentlichen Lebens hätten ändern müßen: aber da sich bei den Akten kein Vorgang für solche Aenderungen fand, fo geschahen sie immer nicht, bis endlich der weniger einsichtsvolle Teil der Bevölkerung ungeduldig wurde. Diese Ungeduld hielt man für revolutionäre Stimmung, und als sie sich äußerte, da glaubten sowohl die Regierung, als auch die Ungeduldigen, daß eine Revolution gemacht werde. Man erzählt, daß damals in Berlin zwei Geheimräte, Exzellenzen und Abteilungsvorstände in ihren Ministerien, sich auf der Straße getroffen haben, sich kummervoll begrüßt und dann einander gefragt, was .benn eigentlich der Grund für die Revolution fein konnte. Sie wußten es beide nicht. „Es kommt ja wohl einmal vor bei uns, daß ein Rest bleibt; die Eingänge sind ja nicht jeden Tag gleichmäßig", sagte der eine; „aber das kann ich beschwören, jeden Samstag wird aufgearbeitet; und wenn ich bis zwölf Uhr des Nachts sitzen bleiben soll, bei mir findet Der Registrator am Montagfrüh immer einen leeren Aktenständer." ^.Jawohl", entgegnete ihm der andere; „das kann ich bezeugen, bei uns wird es genau so gehalten, und in den sämtlichen andern Ministerien meines Wissens gleichfalls." Ein Bäckermeister in Berlin, der ein gutgehendes Geschäft in der Krausenstraße führte, war schon in der Zeit vor der Revolution beim Vürgerstand eine angesehene Persönlichkeit gewesen, indem er Vor- ssitzender eines bei der Polizei angemeldeten freisinnigen Vereins war; >er hatte zwei Haussuchungen erlitten und war drei Wochen lang in Haft gehalten, weil die Polizei glaubte, daß er mit den Häupten der internationalen Demokratie in Verbindung stehe. Als die Revolution gesiegt hatte, da wurde er zu verschiedenen Vertrauensämtern gewählt, denen er redlich und brav vorstand. Seiner Frau war das politische Treiben von Anfang an nicht lieb -gewesen. Sie sagte ihm, ein Bäcker habe die Reaktionäre eben so zu Kunden wie die Demokraten; sie selber versorge den Laden, und der Mann gehöre in die Backstube; wenn der Meister außer dem Hause ist, dann tun die Gesellen nichts; es seien schon Klagen gekommen, und sie habe es ja auch selber gemerkt, daß der Teig nicht ordentlich geknetet rverde; und was denn dergleichen Reden mehr sind. Man kann sich denken, wie die Haussuchungen und die Haft die gute Frau erregt hatten. Slls aber die Revolution nun wirklich gekommen war und ihr Mann einer der Führer des Volkes wurde, da überfiel sie eine unbeschreibliche Angst. Zu den Kunden des Meisters gehörte der Geheimrat Wagener, welcher damals die Konservativen zum Widerstand sammelte, eine Zeitung begründete, die Kreuzzeitung, und als der entschiedenste Gegner der Revolution galt. Die Frau hatte vor ihrer Heirat in dem Hause gedient und verehrte den Geheimrat Wagener, der ihr immer als ein höheres Wesen erschienen war, und auch der Geheimrat und seine Familie hatten ITlschen, denn das war der Name der Frau, immer gern gehabt wegen ühres treuen und aufrichtigen Gemüts, und Frau Wagener war sogar Patin bei dem ältesten Kind geworden. An einem Abend, kurz vor zehn Uhr, als gerade die Haustür schon geschlossen werden sollte, klingelte der Bäckermeister bei dem Geheimrat und verlangte den Herrn zu sprechen. Er wurde in das Arbeitszimmer geführt und entschuldigte sich dort vielmals, daß er störe; dann bat er Darum, daß fein Besuch verschwiegen bleiben möge; denn er selber sei ja wohl nicht so einseitig und erkenne die Berechtigung des gegnerischen Standpunktes an; aber seine Freunde würden sagen, daß er das Volk an die Reaktion verrate, wenn sie erführen, daß er bei dem Herrn Geheimrat gewesen sei. Nach dieser Vorrede begann er nun seine Gedanken vorzutragen. Er Hatte die Geschichte der französischen Revolution studiert. Man lebte in -wer Revolutionszeit. Das Volk hatte gesiegt. Der Herr Geheimrat mußte doch zuqeben, daß das Volk gesiegt hatte. Der Herr Geheimrat Wagener gab es zu. Nun, man weiß, was geschehen kann, wenn das Volk feine ewigen Rechte in die Hand nimmt, die eine kurzsichtige Regierung ihm vorenthält. Das Volk ist edel; aber es kann auch schrecklich sein. Das heißt, der Meister billigte es ja nicht, wenn Mord und Totschlag geschah. Wenn man die Preßfreiheit hatte, wenn man die Versammlungsfreiheit hatte, wenn man die Verfassung hatte, was wollte der friedliebende Bürger mehr? Er wollte feinen Geschäften nachgehen und ein nützliches Glied der menschlichen Gesellschaft sein Aber zum Beispiel die Bäckergesellen gingen weiter. Hier nickte der Geheimrat bedeutungsvoll. Aber der Meister, welcher in dem Nicken wohl eine Bestätigung zweifelnder Stimmen in seinem Innern ahnte, schlug sich an die Brust und rief, er werde die heilige Sache des Volkes nie verlassen. Unvermittelt an diesen Ausruf schloß er nun einen Vorschlag. Das Volk hatte gesiegt. Der Meister hatte das Vertrauen des Volkes. Ader er verehrte auch den Geheimrat. Wenn nun, was Gott gewiß verhüten würde, das Volk seine Feinde zur Rechenschaft zog, bann konnte ber Meister dem Herrn Geheimrat doch nützlich werden? Der Geheimrat Wagener nickte zustimmend. Nun also. Wenn man sich aber umgekehrt dächte, daß die Reaktion siegte, daß die Führer des Volkes eingekerkert würden, bann konnte ber Herr Geheimrat bem Meister doch nützlich werden? Der Geheimrat Wagener räusperte sich und wiegte den Kopf. Aber der Meister fuhr fort. Er war ein angesessener Bürger. Er hatte immer pünktlich {eine Steuern gezahlt. Er verlangte ja nichts, das dem Herrn Geheimrat gegen das Gewissen ging. Der Herr Geheimrat war Beamter, das wußte er wohl. Aber der Herr Geheimrat kannte ihn doch. Haussuchung hatte die Reaktion bei ihm gehalten, in Haft hatte sie ihn gesetzt. Er war ein unbescholtener Mann. Das hatte gewurmt. Er hatte keine Verbindung mit verdächtigen Leuten, er hatte sich aus Büchern und Zeitungen selber gebildet. Und weiter wollte er ja nichts, als daß der Herr Geheimrat ihm bezeugte, daß er ein rechtschaffener Bürger war. Er hatte nun feine Bürgerpflicht erfüllt. Vielleicht hatte er einmal ein Wort zu viel gejagt, das wollte er nicht abstreiten; der Mensch redet manches, wenn er in der Volksversammlung steht und die Leute wollen etwas von ihn hören. Wenn er da gefehlt hatte, gut, das wollte er büßen. Aber etwas anderes hatte er nicht getan, denn die Ehre ging ihm vor. Der Geheimrat Wagener antwortete lächelnd, baß er für ihn ein« stehen werde, wenn man ihn wirklich anklagen sollte; er wisse, daß das wahr sei, was der Meister gesagt habe, und das werde er denn auch bezeugen. Der Meister stand von seinem Stuhl auf, und ehe der Geheimrat es sich versehen, hatte er in feine Rechte eingeschlagen und gerufen: „Topp, es gilt". Und bann fügte er hinzu: „Und auf mich können Sie sich auch verlassen. Wenn bas Kopfabschneiden angeht, für Sie wird gesorgt". Dann bat er noch um eine Empfehlung an bie Frau Geheimrat, und barauf ging er. Der Mann wurde später wirklich angeklagt auf Grund von Aussagen untergeordneter Persönlichkeiten, und es wäre ihm wahrscheinlich schlecht gegangen bei der allgemeinen Verwirrung damals, wenn nicht der Geheimrat für ihn eingetreten wäre und ein gutes Zeugnis für ihn abgegeben hätte. Quer durch den rheinischen Karneval. Von Heinrich Zerkaute n. Cs gibt im Rheinland keinen Präsidenten einer halbwegs guten Karnevalsgesellschaft, der nicht streng auf das oberste Gesetz hielte: „Von Zoten frei — die Narretei!" Und das dankt ihm sein Publikum mit aufrichtiger persönlicher Zuneigung und Vasallentreue. Es ist notwendig, dieses zu wissen, um die ganze Einstellung eines rheinischen Karnevals im tiefsten zu verstehen. Denn nicht nur die Karnevalsgeftll- schaften feiern ihren Karneval dort, sondern auch die religiösen Vereine. Sticht umsonst, daß im rheinischen Karneval ähnlich wie im japanischen Schauspiel die absolute Eingeschlechtigkeit vorherrscht. Die Frau hat im Rosenmontagszug nichts zu suchen, selbst die Marketenderin der prinz- lichen Garde wird von einem Manne öargeftellt. Freilich gibt es dafür an einigen Stellen im Rheinland am Donnerstag vor Fastnacht den fogenannten Wiverfastelovend. Als noch nicht bie Zentralmarkthalle stand, vielmehr auf offenem Marktplatz eingekauft wurde, da feierten diesen Tag die Marktfrauen „zwesche Körv un Kräm met Jejuts un vil Bubei". In ber Hocheifel zum Beispiel und an ber Ahr müssen die Männer an diesem Donnerstag den Frauen bedingungslos gehorchen. Am Nachmittag geht dort heute noch die holde Weiblichkeit im Zuge von Haus zu Haus unter Anführung der jüngsten Ehefrau. Dramatisch belebte Fastnachtszüge mit seltsamen Masken bietet am Faschingssonntag das Eifelstädtchen Malmedy. Die einzelnen Gesellschaften ziehen auf Wagenbühnen umher und führen auf Platzen kleine Possen mit Musik, Tanz und Gesang auf. Man darf nicht vergessen, daß auch der rheinische Karneval irgendwie feinen Ursprung im katholisch-rheinischen Kirchenjahr hat. Mit dem Aschermittwoch beginnt die ernste Fastenzeit, die auf das geistliche Auferstehungsfest, auf Ostern, vorbereitet. Ehe nun der rheinische Mensch in diesen Abschnitt des Kirchenjahres eintritt, huldigt er besonders stark der Freude am Leben. Schon aus dem Jahre 1432 gibt es Ratsprotokolle aus der unbestrittenen Hochburg des rheinischen Karnevals aus Köln, die von Bestrebungen melden, der „Mummerei und heidnischen Tobung an den drei tollen Tagen Einhalt zu tun". Es ist natürlich bis auf den heutigen Tag nicht gelungen. Genau betrachtet, bedeutet also Fastnacht nur den einen Abend oder den einen Tag vor Beginn der Fastenzeit. Aeußeren Höhepunkt bildet der Rosenmontagszug, an bem am Rhein jeder höchst persönlich entweder aktiv im Zuge selbst oder inaktiv als I Zuschauer beteiligt ist. Wenn auch der Leitgedanke dieser Rosenmorttags- | zöge von Jahr zu Jahr wechselt, gewisse typische Figuren im Zug kehren >r»ran wörtlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Brühl'sche Univrriitäts-Duch- und Steindruckerei. A. Lange, Gieße«. Der Soldat als Gprachschöpfer. Von Z)r. Georg Böse. Im mittelalterlichen Deutschland hat die standes- und zunstmäßige Abschliehung sehr stark zu einer sprachlichen Sonderentwicklung in den verschiedenen Gesellschaftskreisen und Berufen beigetragen. Zum großen Teil ergab sich das einfach aus — wie wir heute sagen würden — den technischen Notwendigkeiten: die Angehörigen der Bäckerzunft waren im Bereich ihrer Tätigkeit zusätzlich aus einen anderen Wortschatz angewiesen als die Steinmetzen oder Zimmerleute, und die Gesamtheit der Handwerker wiederum hatte ihre sprachlichen Eigentümlichkeiten, die sie gegen den Stund' der Bauern, der Ritter und Landsknechte oder der Gelehrten abhob. Wenn auch viele dieser Sprachschöpfungen in den allgemeinen Gebrauch übergegangen sind und kaum mehr ihren Ursprung verraten, so gibt es doch auch heute noch eine Sprache der Handwerker und der Seeleute, der Jäger, der Bergleute und der Studenten. Ja, es sind neue „Berufssprachen" dazugekommen, man braucht nur an eines der jüngsten geschichtlichen Beispiele, an das Fliegerdeutsch, zu erinnern, das eine Fülle von Ausdrücken und Redewendungen geschaffen hat, die dem Außenstehenden nur zum geringen Teil verständlich sind. Eine besondere Lebenskraft hat die Standessprache der Soldaten bewiesen, die sich ihren echt volkstümlichen Geist, ihre Anschaulichkeit und ihren unverwüstlichen Humor bis heute erhalten hat. Keiner der reichblühenden Zweige unseres deutschen Sprachstammes läßt sich wohl — vielleicht mit Ausnahme der „Burschensprache" — mit ihr an Lebendigkeit und urwüchsigem Reichtum vergleichen. Die Freude des Kriegers an Derbheiten und kameradschaftlich gemeintem Spott hat ebenso wie die Lust an Wortverdrehungen und merkwürdigen Fremdwörtern und die Neigung zur Erhaltung der heimatlichen Mundart ein seltsam buntscheckiges Sprachgebilde entstehen lassen, das die schicksal- volle Entwicklung deutschen Soldatentums in reizvoller Weise spiegelt. Ihre erste große Bliite hat die Soldatensprache zur Zeit der Landsknechte und des Dreißigjährigen Krieges erlebt. Aus den Werken von Militär- schriftstellsrn wie Fronsperger, Wallhausen und Wendelin S ch i l d k n e ch t, vor allem aber aus den Soldatenliedern und Kriegsdichtungen erhalten wir einen Einblick in die „Feldsprache" des 16. und immer wieder. So die Funken in Köln, die Stadtsoldaten in Bonn oder die Ranrenaarde in Mainz. Eine stattliche Reitergruppe bildet alljahr- lick die Mrengarde der Stadt Köln anno 1800", ein etwa- verspäteter Nachklang aus ^der Zeit der Freiheitskriege, als ,unge Kölner Burgersöhne sich in ihren grüngelben Freischärleruniformen gegen französisch Unterdrückung wandten. In Köln sieht man auch ,edes Jahr im Zuge des Prinzen Karneval den „Bellegeck". Er springt vor dem Prinzen einher in^den Händen ein hölzernes Schwert und einen bemalten Schild chwinqend Dieser Bellegeck geht bis in das Mittelalter zuruck und dürste wohl seinen Ursprung haben in einem seßhaft gewordenen Lustigmacher, die bei allen öffentlichen Festen als Possenreißer mckwirkt^ Er iand durch einen Erlaß der französischen Militärverwaltung sein Ende, um dann wieder auszuleben durch eine Erlaubnis des Platzkommandanten: „II est permis au citoyen Bellenjeck de faire son tour. Wohl der berühmteste Ball des ganzen Rheinlandes ist der Funkenball im Kölner Gürzenich. Eine historische Stätte ersten Ranges, der ein Wort noch vergönnt sei. Nachdem im Jahre 1396 der dntte Stand, das Bürgertum, die edlen Geschlechter nach wiederholten Kämpfen gestürzt und ihre Vorrechte für immer beseitigt hatte, erreichte unter der nun einqesührten Verwaltung die Stadt Köln den Höhepunkt ihrer Große und ihres Wohlstandes. Eine Reihe großartiger Bauten verkündeten damals ein neues Zeitalter des Reichstums und des Glanzes. Man beschloß, ein Haus zu errichten mit dem doppelten Zweck, daß alle unteren Räumlichkeiten als Warenherberge den Handelsleuten dienen Jouten, während die oberen Räume aus einem einzigen großen Festsaal bestehen sollten. Man berechnete klug, welchen Nutzen und Ruhm es der Stadt bringen könnte, wenn der Umfang und die Ausgestaltung des Saales derart wären, daß er Kaiser und Könige zur Abhaltung feierlicher Staatshandlungen geeignet erschiene. . ... In einer Chronik von 1499 ist daher Köln gerühmt als ein „überaus schöner Platz, um ritterlichen und fürstlichen Staat zu halten, wie nicht leicht mag in deutscher Nation gefunden werden, es sei mit Stechen mit Brechen, mit Turnierhalten, mit Tanzen und Springen'. Im Jahre 1441 wird mit dem Bau des Gürzenich begonnen, worüber von dem Chronisten gemeldet wird: „In dem selven Jähr begonde die Stadt Coelen tzo machen bat große koestliche Danzhus boven Muren, bat man norript Gürzenich". Eine für bie bamalige Zeit ungeheuere Summe von 80 000 Goldgulben ist zum Bau bes Gürzenichs verwendet worden. Auch Goethe kannte bereits die tollen Künstlerfeste im Düsseldorfer „Malkasten", im Hause des klassischen Mäzens Jacobi, das heute noch im Hofgarten liegt und in dem alle berühmten Manner ihrer Zeit wenigstens auf einen Tag Gast der Düsseldorfer Künstler waren. Auch einmal der große Humorist und Zeichner Wilhelm Busch. In vielen schönen Reden wurde er den Abend über gefeiert; er ließ alles stumm über sich ergehen. Endlich — endlich klopfte er an fein Glas. Im gleichen Augenblick herrscht Stille, jeder will den berühmten Gast sprechen hören. Und in die feierliche Aufmerksamkeit hinein tönt Wilhelm Buschs sonorer Baß: „Ober, noch ein Glas Bierl" Der erste organisierte Mainzer Karneval fand im Jahre 1838 statt. Und die größte Mainzer Karnevalsgesellschaft besteht über achtzig Jahre. Das Ende der Fastnacht bildet im Rheinland vielfach die Verbrennung oder Versenkung einer Strohpuppe. Am Niederrhein ist es Sitte, am Faschingsdienstag eine Strohpuppe ins Wasser zu werfen. In den Städten ist Kehraus der Mummerei in Gestalt von Fischessen, die stille und ernste Fastenzeit tritt in ihre Rechte ein. 17. Jahrhunderts. Nicht der Offizier sondern der einfache Manr. ist der eigentliche Schöpfer dieser Sprache, aber der Vorgesetzte, der sich mit seuien Soldaten aus Tod und Verderben verbunden fuh t, hat sich ihrer oft bewußt bedient, wenn er bei aller Wahrung der Manneszucht dem Geist wahrer Kameradschaftlichkeit treu blieb und Felbherren wie der Alte Dessauer und der Marschall Vorwärts sind nicht zuletzt so volcs- tümlich gewesen, weil sie auch durch das Wort den Weg zum Herzen des ^Wie viele Redewendungen sind aus dem Feldlager und von den Kasernenhösen auf das Alltagsleben übergegangen, ohne daß mir uns ihrer Abstammung bewußt sind. Ausdrucke wie ,/iuf Knall und Fall , Rädelsführer", „jemandem den Laufpaß geben , „aus den Hacken sein , „ins Gras beißen" und „in hellen Haufen" sind ursprünglich in der Landsknechtssprache zu Hause gewesen. Die Bezeichnung , Kamerad für den Kampfgenossen ist übrigens erst jüngeren Datums unter den Landsknechten redete man sich mit „Bruder", „Gleicher , „Mitgesell oder »M't- bursche" an. Der Gemeine war für den Vorgesetzten schlechtweg ein „Kerl , spater wurden aus den einfachen Soldaten „Leute , „Burschen oder „Muschkos" (Musketier), in Bayern auch Gescherte" Die Wandlung vom Landsknechts- und Söldnerheer zum Volksheer hat ihre Spuren natürlich auch in der Sprache hinterlassen, wenn auch manche alten Ausdrucksweisen beibehalten wurden. „Kommiß ist vielleicht eines der umfassendsten Wörter der Soldatensprache. Früher war damit allein die „kriegsherrliche Verpflegung" gemeint, in dieser Be- deutunq kommt der Ausdruck bereits in der Reuterbestallung Karls V. vor, wo er zunächst nur das Verpflegungswesen bezeichnet, ein Ursprung, ben es noch heute in „Kommisbrot", „Kommißfutter unb „Kommißsack verrät Dann geht bas Wort allgemeiner auf bas Soldatenleben über, und man spricht von „Kornmißjunge", „Kornrnißbrotritter" und bei einem strengen Unteroffizier von einem „Kommißknuppel". Ueberhaupt spielen die Spitznamen in der Soldatensprache eme^ große Rolle Die Schweizer nannten die deutschen Landsknechte „Heim oder „Kanonenfresser". Die Kavalleristen hießen „Stiefelschmierer . In Bayern führten bie schweren Reiter den Beinamen „Trampeltiere . Die Kürassiere sind die „Klempner" oder „Mehlsäcke", die Husaren die „Binbfaben- junqen" wegen der Schnüren, die Ulanen „Krötenspießer , „Padbem» siecher" ober auch reitenbe „Laternenanzünber". Von bcr Artillerie sprach man kurzweg von ber „Bombe" ober auch von der „kotigen Bombe . Die Feldartilleristen heißen „Knalldroschkenkutscher" oder „Zylinder- und Kanonenwischer", die Festungsartilleristen „Wallrutscher . Zahlreich sind die Spottnamen für die Infanteristen; nur einige Beispiele: „Sand- Hasen", „Fußlatscher", „Stoppelhopser", „Dreckstampser" ober „Kilometer- schweine". Die Jäger nennt man „Laubfrösche", „Grünspechte ober , Grashupfer". Die Pioniere sinb bie „Maulwürfe" ober „Wasserratten , bie Ei endahner bie „Schwellenträger" ober „Wagenschieber". Der Train heißt einfach „Kolonne Prrr" ober „schweres Getränk" und seine Sol- baten „Zwiebackkutscher" ober (wegen ihrer ehemals blauen Uniform) Veilchendragoner". Die Spielleute haben den Spitznamen „Spiel- möpse", „Spielhengste" oder „Federvieh" erhalten, unter ihnen nennt man die Pfeifer und Hornisten „Blechspucker", „Gießkannenkukscher oder auch kurzweg „Hornvieh", die Trommler „Trommeljunge , „Wirbeltiere ober „Fellkünstler". Die Trommel gehört gewissermaßen in bas Wappen bes Soldaten, schon die Landsknechte folgten dem „Kalbfell , unb über ihrer letzten Ruhestätte schlug man bas „Pumerlein Pum". Einige Truppeneinheiten hatten wieder ihre besonderen Bezeichnungen, die meist voller Stolz als Ehrentitel geführt wurden. So hieß das Regiment Jtzenplitz unter Friedrich dem Großen „Donner und Blitz j die preußischen Gardejäger nannte man wegen ihrer Litzen „Silberlinge. Unter den Regtmentsnamen ist vor allem die Bezeichnung „Maikäfer bekannt. ., ,, _ ~ Natürlich bleiben auch die Vorgesetzten nicht ungeschoren. Der Feldwebel ist der „Spieß" ober auch ber „Alte", manchmal auch bie „Kom- pamemutter"; oft heißt auch der Hauptmann ber „Alte", ebenso häufig , Sompanieoater", „Häuptling" ober „Patron"; die Adjutanten kommen in der Sprache verhältnismäßig am schlechtesten weg, sie werden „Tmten- spion", „Federfuchser" ober gar „Schreiberseele" genannt. Der Generalstäbler wanbelt sich wegen seiner „Himbeerhöschen" mit den „Jntelligenz- streifen" als „Karmaisinvergnügter" burch bas Dasein. Ein General hat „Siegellackbüchsen", unb seine „roten Beine" sind sprichwörtlich geworden. Die noch „grünen Rekruten", die auch „nasse Stifte" genannt werden, werden zunächst einmal ordentlich „gedrillt" oder „gebimst", „geschnickt" „gebeutelt", „geschlissen", „getaucht" oder es werden ihnen „die Hammelbeine lang gezogen". Haben sie erst einmal das „Klüftchen", ben Waffen- rock, an, so bekommen sie ben „Kuhfuß", „Schießprügel", bie „Knarre' ober „das Kracheisen" in die Hand, damit sie lernen „Griffe zu kloppen'. Zahlreiche Namen gibt es für bie einzelnen Uniformteile. Die Litewka ist bie „Großvaterjacke", ber Mantel „Winbsang", bie Halsbinbe heißt „Hunbebinde", bie Drillichhofe „Kaffeesack". Der Hosenboben führt ben efjrenben Beinamen „Armeefeuerzeug", weil man an seiner Fläche gern bie Zünbhölzer anstreicht. Die Stiefel nennt man „Hochstapler", „Kähne", „Kinbersärge", „Knobelbecher" ober „Trittchen". Die bekannteste Bezeichnung für den Tornister ist wohl „Affe", aber er heißt auch „Dachs, „Rheumatisrnuskasten" ober „Bunbeslabe", bie sol- batische Kopfbebeckunz (vor bem Kriege) ist bie „Hurrahtute", bie „Tulpe" ber „Blitzableiter" ober „Suppenpott". An der Seite hängt der Säbel, die „Jungfer", „Plempe" oder „Krötenspieß" ober bas Seitengewehr, bas „Käsemesser". Schon biese Beispiele, bie nur einen kleinen Ausschnitt aus ber Sol- batensprache geben, vermitteln einen Einbruck von ber kraftvollen Anschaulichkeit und der oft witzigen Treffsicherheit der Bezeichnungen. Sie zeigen die Waffenträger des Volkes von einer Seite, die gewiß ebenso zum Geist wahren Soldatentums gehört wie der Heldenmut, den sie so oft aus den Schlachtfeldern bewiesen.