Eichener Zamilienblütter Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger Jahrgang 1956 Zreitag, den 20. November Nummer 90 Victoria Geschichte einer Liebe von Knut Hamsun Copyright by Albert Langen^Georg Müller Verlag,München Johannes erhebt sich und geht ans Fenster. Es ist beinahe hell, und er sieht in dem Spiegel am Fensterpsosten, daß seine Schläfen rot sind. Er löscht die Lampe und liest noch einmal in dem grauen Licht des Tages die letzte Seite seines Buches. Dann legt er sich nieder. Gegen Abend des gleichen Tages hatte Johannes sein Zimmer bezahlt, sein Manuskript abgeliefert und die Stadt verlassen. Er war ins Ausland gereist, niemand wußte wohin. 6. 4. Fortsetzung. Da klopft es an seiner Türe, und eine gelbgekleidete Frau tritt ein. Sie hebt den Schleier auf, es ist die Schlohherrin, Frau Victoria. Sie ist wie eine Majestät. Der Herr erhebt sich rasch, seine düstere Seele ist in diesem Augenblick durchleuchtet, wie das Wasser von dem Lockfeuer der Fischer. Sie sind so gütig gegen alle, sagt er bitter. Sie kommen auch zu mir. Sie antwortet nicht, sie sieht ihn an. und ihr Antlitz wird dunkelrot. Was wollen Sie? fragt er ebenso bitter wie vorher: sind Sie gekommen, mich an das Vergangene zu erinnern? Dies aber ist das letztemal, gnädige Frau, jetzt reise ich für immer fort. Und immer noch entgegnet die junge Schloßherrin nichts, aber ihr Mund bebt. Er sagt: Ist es Ihnen nicht genug, daß ich meine Torheit einmal erkannt habe, so hören Sie, ich tue es noch einmal: Mein Verlangen stand nach Ihnen, ich war Ihrer nicht würdig, — sind Sie nun zufrieden? Mit steigender Heftigkeit fährt er fort: Sie antworteten mir Nein, Sie nahmen einen anderen; ich war ein Bauer, ein Bär, ein Barbar, der in seiner Jugend auf königliches Wildgebiet geraten war! Da aber wirft der Herr, sich auf einen Stuhl und schluchzt und bittet: Ach, gehen Sie! verzeihen Sie mir, gehen Sie Ihres Weges! Jetzt ist alle Röte aus dem Gesicht der Schlohherrin gewichen. Da sagt sie, und sie spricht die Worte langsam und deutlich aus: Ich liebe Sie; mißverstehen Sie mich nicht mehr. Sie sind es, den ich liebe; leben Sie wohl! Und das war die junge Schloßherrin, sie schlug die Hände vors Gesicht und ging rasch zur Tür hinaus ... Er legte die Feder hin und lehnt sich zurück. Jawohl, Punktum, Ende. Dort lag das Buch. Alle die beschriebenen Blätter, die Arbeit von neun Monaten. Eine warme Zufriedenheit durchrieselt ihn, weil sein Werk zu Ende geführt ist. Und während er dasitzt und zum Fenster blickt, durch das der Tag graut, summt und klopft es in seinem Kopf, und fein Geist arbeitet weiter. Er ist ganz voller Stimmung, fein Gehirn liegt wie ein unabgeernteter wilder Garten da, in dem die Erde dampft: Auf eine geheimnisvolle Weife ist er in ein tiefes, ausgestorbenes Tal gekommen, wo nichts Lebendes zu finden ist. In weiter Ferne, allein und verzeffen steht eine Orgel und klingt. Er geht näher hinzu, untersucht sie, die Orgel blutet, aus ihrer einen Seite rinnt Blut, während sie klingt. Im 'Weitergehen gelangt er auf einen Marktplatz. Alles ist öde, kein Baum zu sehen, kein Laut zu hören, nur der Marktplatz liegt öde da. Aber im Sand sind Spuren von den Stiefeln der Leute, und in der Luft steht gleichsam noch das letzte Wort, das an dieser Stelle ausgesprochen worden ist, so kurz war sie erst verlassen worden. Eine seltsame Empfindung erfüllt ihn, diese Worte, die noch in der Lust Über dem Marktplatz stehen, ängstigen ihn, nähern sich ihm, bedrücken ihn. Er schlägt sie weg, aber sie kommen wieder, es sind keine Worte, es sind Greise, eine Gruppe tanzender Greise; er sieht sie jetzt. Weshalb tanzen sie und weshalb sind sie so gar nicht froh, wenn sie tanzen? Ein kalter Hauch strömt von dieser Gesellschaft von Greisen aus, sie sehen ihn nicht, und als er sie anruft, hören sie ihn nicht, sie sind tot. Er wandert gegen Osten, zur Sonne, er kommt zu einem Felsen. Eine Stimme ruft: Bist du an einem Felsen? Ja. antwortet er, ich stehe an einem Felsen. Da sagt die Stimme: Der Fels, an dem du stehst, ist mein Fuß; ich liege gefesselt in dem äußersten Land, komm und befreie mich! Da begibt er sich fort nach dem äußersten Land. An einer Brücke steht ein Mann und wartet auf ihn, er sammelt Schatten; der Mann ist aus Moschus. Ein eisiger Schrecken erfaßt ihn beim Anblick dieses Mannes, der ihm feinen Schatten nehmen will. Er spuckt nach ihm und droht ihm mit geballten Fäusten; der Mann aber steht unbeweglich und wartet auf ihn. Kehre um! ruft eine Stimme hinter ihm. Er dreht sich um und sieht einen Kopf, der auf dem Weg dahinrollt und ihm die Richtung zeigt. Der Kopf ist ein menschlicher Kopf, und dann und wann lacht er still und lautlos. Er folgt ihm. Tage- und nächtelang rollt der Kopf vor ihm her und er folgt ihm nach; am Meeresuser schlüpft der Kopf in die Erde und versteckt sich. Er watet ins Meer hinaus und taucht unter. Da steht er vor einem gewaltigen Portal und trifft auf einen großen bellenden Fisch. Er hat eine Mähne und bellt ihm wie ein Hund entgegen. Hinter dem Fisch steht Victoria. Er streckt die Hände nach ihr aus, sie hat keine Kleider an, sie lacht ihm entgegen, und ein Sturm bläst durch ihr Haar. Da ruft er sie an, er hört selbst seinen Schrei — und erwacht. Das große Buch war herausgekommen, ein Königreich, eine kleine rauschende Welt von Stimmungen, Stimmen und Gesichten. Es wurde getauft, gelesen und weggelegt. Einige Monate vergehen; als der Herbst kam, schleuderte Johannes ein neues Buch hinaus. Was jetzt? Sein Name kam plötzlich auf aller Lippen, das Glück begleitete ihn, dieses neue Buch war in weiter Ferne geschrieben worden, fern von den Ereignissen daheim, und es war still und stark wie Wein: Lieber Leser, hier ist die Geschichte von Didrik und Jselin. Geschrieben in der guten Zeit, in den Tagen der kleinen Sorgen, da alles leicht zu tragen war, geschrieben mit dem allerbesten Willen für Didrik, den Gott mit Siebe schlug. Johannes war in fremden Ländern, niemand wußte wo, und mehr als ein Jahr verging, ehe es jemand erfuhr. Mir ist, als hätte es an die Türe geklopft, sagt der alte Müller eines Abends. Und feine Frau und er sitzen still und lauschen. Rein, es war nichts, sagt sie dann; es ist zehn Uhr, und es ist bald Nacht. Mehrere Minuten vergehen. Da klopft es hart und bestimmt an die Türe, als habe sich jemand erst richtig ein Herz gefaßt. Der Müller öffnet. Das Schloßfräulein steht draußen. Erschreckt nicht, ich bin es nur, sagt sie und lächelt furchtsam. Sie tritt ein; ein Stuhl wird vor sie hingestellt, aber sie setzt sich nicht. Sie ■trägt nur einen Schal um den Kops und an den Füßen schmale niedere Schuhe, obwohl es noch nicht Frühling ist und die Wege noch nicht trocken sind. Ich wollte euch nur darauf vorbereiten, daß der Leutnant im Frühling kommt, sagt sie. Der Leutnant, mein Verlobter. Und er wird vielleicht Waldschnepfen hier schießen, das wollte ich nur sagen, damit Ihr nicht ängstlich werdet. Erstaunt sehen der Müller und seine Frau das Schloßfräulein an. Noch nie war ihnen etwas gejagt worden, wenn die Gäste des Schlosses in Wald und Feld auf die Jagd gingen. Sie danken ihr demütig; wie freundlich war das von ihr. Victoria tritt wieder zur Türe zurück. Das wollte ich nur sagen. Ich dachte, Ihr seid alte Leute, da könnte es nicht schaden, wenn ich es euch sagte. Der Müller antwortet: Daß das gnädige Fräulein das tun mochte! Und jetzt ist das gnädige Fräulein in den kleinen Schuhen sicher naß geworden. Nein, der Weg ist trocken, sagt sie kurz. Ich ging sowieso spazieren. Gute Nacht. Gute Nacht. Sie ergreift die Klinke und geht wieder hinaus. Da wendet sie sich in der Türe und fragt: Ach, richtig — Johannes, habt Ihr etwas von ihm gehört? Nein, nichts, Dank für die Nachfrage, nichts. Er kommt wohl bald. Ich dachte, Ihr hättet Nachricht. Nein, feit dem Frühling des vergangenen Jahres haben wir nichts mehr gehört. Johannes soll in fremden Ländern sein. Ja, in fremden Ländern. Er hat es gut. Er selbst schreibt in einem Buch, daß er sich in den Tagen der kleinen Sorgen befindet. Da hat er es wohl gut. Ach ja, ach ja, das mag Gott wissen. Wir erwarten ihn; aber er schreibt uns nicht, er schreibt an niemand. Wir erwarten ihn nur. Er hat es wohl dort, wo er ist, besser, wenn seine Sorgen klein sind. Ja, ja, meinetwegen. Ich wollte nur wissen, ob er im Frühling heimkäme. Gute Nacht nochmals. Gute Nacht. Der Müller und seine Frau begleiten sie hinaus. Sie sehen sie erhobenen Hauptes zum Schloß zurückkehren und mit ihren kleinen Schuhen über die Wasserpfützen in dem aufgeweichten Weg hinwegsteigen. Ein paar Tage darauf kommt ein Brief von Johannes. In ungefähr einem Monat, wenn er ein weiteres Buch fertig hat, wird er nach Hause kommen. Es ist ihm gut gegangen in dieser langen Zeit, eine neue Arbeit, war bald vollendet, das Leden der ganzen Welt war durch fein Gehirn gewirbelt ... werden, Lächeln hier auf Und er dachte nicht daran, bah sie brücke ein. (Fortsetzung folgt.) grüßte stören, ein paar in ihrem sagte sie. da kam anderen Victoria. Sie trug einen Johannes erhob sich. Ich wollte Sie nicht Blumen holen. der Hals war bloß. Ich versperre Ihnen den Weg, murmelte er und trat hinunter. Er beherrschte sich, um keine Gemütserregung zu verraten. Es war nur ein Schritt zwischen ihnen. Sie machte ihm nicht Platz, sondern blieb stehen. Sie sahen einander ins Gesicht. Plötzlich wurde sie sehr rot, schlug di« Augen nieder und ging zur Seite; ihr Gesicht bekam einen ratlosen AuÄnmck, aber sie lächelte. Er trat an ihr vorbei und blieb stehen, ihr trauriges Lächeln machte ihn betroffen, sein Herz flog ihr wieder entgegen, und er sagte aufs Geratewohl: Ja, Sie sind natürlich seitdem noch oft in der Stadt gewesen? Seit damals? ... Jetzt weiß ich, wo früher immer Blumen zu stehen pflegten: auf dem Hügel bei ^rer Fahnenstange. Sie wandte sich ihm zu, und er sah mit Verwunderung, daß ihr Gesicht bleich und erregt geworden war. Wollen Sie an dem Abend zu uns kommen? sagte sie. Wollen Sie zu unserer Gesellschaft kommen? Wir geben eine Gesellschaft, fuhr sie fort, und ihr Gesicht begann sich wieder zu röten. Es kommen einige und wollte sich entfernen sagte sie. Ich möchte mir nur Leute aus der Stadt. Es wird in den nächsten Tagen fein, aber ich werde Ihnen noch näheren Bescheid geben. Was antworten Sie? Er antwortete nicht. Das war keine Gesellschaft für ihn, er gehörte schon untergegangen; die Wärme aber lieber Wäldern, Höhen und Bucht tag kam zum Steinbruch herauf. Es war auf dem Stein. Es war Abend, die Sonne nicht zum Schloß. ... Sie dürfen nicht nein sagen. Es soll nicht langweilig für Sie ich habe daran gedacht, ich habe eine Ueberraschung für Sie. Pause. Sie können, mich nicht mehr überraschen, antwortete er. Sie biß sich in die Lippe; wieder glitt das verzweifelte stand noch zitternd in der Lust, eine endlose Ruhe. Eine Frau — • ■ ~ • ■ Kord. Der Müller begibt sich ^-m Schloß. Auf dem Weg findet er ein Taschentuch, es ist mit Victorias Buchstaben gezeichnet, sie hat es vor- ^Das °Schloßftäulrin ist oben, aber ein Mädchen macht sich erbötig, ihr Bescheid zu bringen, — was es denn fei? Der Müller sagt es nicht. Er will lieber warten. Endlich kommt das gnädige Fräulein. Ich höre, daß Sie mit nur sprechen wollen? fragt sie und macht die Ture zu einem Simmer auf. Der Müller tritt ein, übergibt das Taschentuch und sagt: Und dann haben wir einen Brief von Johannes bekommen. Eine helle Bewegung fährt über ihr Gesicht, einen Augenblick lang, einen kurzen Augenblick. Sie antwortet: Vielen Dank. Ja, das Taschentuch gehört mir. ___ Jetzt kommt er wieder heim, fährt der Muller beinahe ftusternd fort. Ihre Miene wird kalt. Sprechen Sie laut, Müller; wer kommt: antwortet sie. Johannes. Johannes. Ja, was weiter? , , ~ ™. Nein, es war nur .. Wir glaubten, daß wir es sagen sollten. Wir sprachen' darüber, mein« Frau und ich, und sie glaubte es auch. Sie fragten vorgestern, ob er im Frühling heimkäme. 3a, er kommt. Da freut Ihr Euch wohl? sagt das Schloßfräulein. Wann kommt er? In einem Monat. Soso. Ja, war es sonst noch etwas? Nein. Wir glauben nur, weil Sie fragten ... Nein, sonst war's nichts mehr. Es war nur dies. Der Müller hatte die Stimme wieder gesenkt. Sie begleitet ihn hinaus. Im Gang begegnen sie ihrem Vater, und sie lagt im Vorbeigehen zu ihm, laut und gleichgültig: Der Müller erzählt, daß Johannes wieder heimkommt. Du erinnerst dich doch amJohannes? ___ ... ... Und der Müller geht zum Tor des Schlosses hinaus und schwort sich, daß er niemals, niemals mehr ein Narr sein und auf seine Frau hören werde, wenn sie sich auf heimliche Dinge verstehen will. Das wollte er sie wissen lassen. 7. Den schlanken Eibischbaum am Mühlteich hatte er einmal als Angelrute abschneiden wollen, seither waren viele Jahre vergangen, und der Baum war dicker als sein Arm geworden, er sah ihn mit Erstaunen an und ging weiter. Am Fluß entlang gedieh immer noch die undurchdringliche Wildnis von Farnkraut, ein ganzer Wald, auf dessen Grund die Tiere feste Wege getreten hatten, — darüber schlossen sich die Blätter der Farnkräuter. Wie in den Kindheitstagen kämpfte er sich durch die Wildnis hindurch, mit den Händen schwimmend und sich mit den Fußen vorwärts tastend, Insekten und Gewürm flohen vor dem gewaltigen Mann. Oben am Granitbruch fand er Schlehen, Anemonen und Veilchen. Er pflückte ein paar Blumen, der verborgene Dust rief ihm vergangene Tage zurück. In der Frne blauten die Höhenzüge, die zu der Nachbargemeinde gehörten, und auf der anderen Seite der Bucht fing der Kuckuck zu rufen an. Er setzte sich; bald begann er zu summen. Da horte er Schritte unten über ihr Gesicht. Wozu wollen Sie mich denn bringen? sagte sie tonlos. Ich will Sie zu nichts bringen, Fräulein Victoria. Ich saß einem Stein, ich bin gerne bereit, wegzugehen. Ach ja, ich war zu Hause, ich ging den ganzen Tag umher, ich hierher. Ich hätte am Fluh entlang gehen können, auf einem Weg, dann wäre ich nicht gerade hierher gekommen ... Liedes Fräulein Victoria, der Platz gehört Ihnen und nicht nur. Ich habe Ihnen einmal weh getan, Johannes, ich will es wieder gutmachen, wieder gutmachen. Ich habe wirklich eine Ueberraschung für Sie, und ich glaube ... bas heißt, ich hoffe. Sie werden sich darüber freuen. Mehr kann ich nicht sagen, aber ich möchte Sie bitten, dieses Mal zu kommen. Wenn Ihnen das einiges Vergnügen bereitet, so werde ich kommen. Wollen Sie? Ja, ich danke Ihnen für Ihre Freundlichkeit. Als er in den Wald hinuntergekoininen war, wandte er sich um und sah zurück. Sie hatte sich gefetzt; der Korb stand neben ihr. Er ging nicht „ach Hause, sondern folgte dem Weg und kehrte wieder um Tausend Gedanken stritten in ihm. Eine Ueberraschung? Sie hatte es [oeben gesagt erst vor kurzem, ihre Stimme hatte gebebt. Eine heiße und nervöse Freude «teigt in ihm aus, läßt sein Herz gewaltig schlagen, und er suhlt sich von dem Wege, aus dem er geht, emporgehoben. Und war es nur ein Zufall, daß sie auch heute ein gelbes Kleid trug? Er hatte ihre Hand angesehen, wo der Ring einmal gesessen hatte, — sie trug keinen Ring. Eine Stunde vergeht. Die Dünste aus Wald und Feld umschwebten ihn, mischten sich in seinen Atemzug, drangen in fein Herz. Er setzte sich legte sich zurück und faltete die Hände unter dem Nacken und (outete eine Weile dem Ruf des Kuckucks an der anderen Seite der Bucht. Ein leidenschaftlicher Vogelsang zitterte rings um ihn in der Lust. So hatte er es wieder erlebt! Als sie in ihrem gelben Kleid und mit dem blutroten Hut zu ihm in den Steinbruch herausstleg, sah sie wie ein wandelnder Schmetterling aus. Sie trat von Stein zu Stein und blieb vor ihm stehen. Ich wollte Sie nicht stören, sagte sie und lächelte; ihr Lächeln war rot, ihr ganzes Gesicht mar erhellt, sie streute Sterne aus. Aus ihrem Hals waren einige seine blaue Adern sichtbar geworden, und die Sommersprossen unter den Augen gaben ihr eine warme Farbe. Sie ging in ihren zwanzigsten Sommer. Eine Ueberraschung? Was hatte sie vor? Wollte sie ihm vielleicht seine Bücher zeigen, ihm diese zwei, drei Bände zeigen und ihn damit er- reuen, daß sie sie alle miteinander gekauft und ausgeschnitten hatte? Bitte schön, ein ganz klein wenig Aufmerksamkeit und ein milder Trostl Verschmähen Sie nicht meinen geringen Beitrag. Er erhob sich heftig und blieb stehen. Victoria kam zurück, ihr Korb war leer. Sie fanden keine Blumen? fragte er abwesend. Nein, ich gab es aus. Ich suchte auch nicht, ich saß nur dort. Er sagte: Da ich eben daran denke: Sie sollen durchaus nicht umhergehen und meinen, daß Sie mir wehgetan haben. Sie haben gar nichts wieder gutzumachen durch irgendwelchen Trost. Nicht? antwortete sie überrumpelt. Sie dachte barübep nach, sah ihn an und grübelte. Nicht? Ich glaubte, daß damals ...Ich wollte nicht, daß Sie die ganze Zeit um des Geschehenen willen Groll gegen mich hegen sollten. Ich hege keinen Groll gegen Sie. Sie dachte noch eine Weile nach. Plötzlich reckt sie sich auf. Dann ist cs gut, lagt sie. Nein, das hätte ich ja wisien müssen. Einen so starken Eindruck hinterließ es nicht. Ja, ja, dann wollen wir nicht mehr davon reden. m . .. „ . Nein, bas wollen wir nicht mehr tun. Meine Eindrücke sind Ihnen jetzt so gleichgültig wie Irüher. Leben Sie wohl, sagte sie. Leben Sie wohl einstweilen. Leben Sie wohl, antwortete er. Sie gingen jeder seines Weges. Er blieb stehen und wandte sich um. Dort ging sie nun. Er streckte die Hände aus und flüsterte, sagte zärtliche Worte vor sich hin: Ich hege keinen Groll gegen Sie, nein, nein, bas tue ich nicht; ich liebe Sie immer noch, liebe Sie ... Victoria I rief er. Sie hörte es, zuckte zusammen und brehte sich um, ging aber weiter. Einige Tage verliefen. Johannes ging in höchster Unruhe umher und arbeitete nicht, schlief nicht; er brachte fast den ganzen Tag im Wald zu. Er ging auf den großen Fichtenhügel, wo die Fahnenstange des Schloßes stand; die Stange trug eine Flagge. Auch auf dem runden Turm des Schloßes war eine Fahne aufgezogen. Eine merkwürdige Spannung ergriff ihn. Fremde sollten auf bas Schloß kommen, es sollte ein Fest stattfinden. Der Nachmittag war still und warm; der Fluß lief wie ein Puls durch die heiße Landschaft. Ein Dampfschiff glitt aufs Land zu und hinterließ einen Fächer von weihen Streifen in der Bucht. Nun fuhren vier Wagen vom Schloße weg und schlugen den Weg zur Landungs- Er antwortete nicht. Garten ja alle erdenklichen Blumen hatte. Ich nahm einen Korb mit, um die Blumen hineinzutun, , „ . Aber vielleicht finde ich gar keine. Wir brauchen sie für unser« Gesellschaft, auf den Tisch. Wir werden eine Gesellschaft geben. Da sind Anemonen und Veilchen, sagte er. Weiter oben gibt es meistens Hopsen. Aber dazu ist es vielleicht noch zu srüh im Jahr. Sie sind blaßer als bas letztemal, bemerkte sie zu ihm. Es ist über zwei Jahre her. Sie sind sortgewesen, habe ich gehört. Ich habe Ihre Bücher gelesen. Er antwortete immer noch nicht. Cs fiel ihm ein, daß er sagen könnte: Ja, guten Abend, gnädiges Fräulein! Und dann gehen. Von der Stelle, wo er stand, war ein Schritt hinunter zum nächsten Stein, von dort einer bis zu ihr, und dann konnte er sich zurückziehen, als treffe es sich ganz von selbst so. Sie stand mitten in feinem Weg. Sie trug ein gelbes Kleid und einen roten Hut und war seltsam und schön; Trauerweide. Von Gottfried Keller. Es schneit und eist den ganzen Tag, Der Frost erklirret schars und blank, Und wie ich mich gebärden mag — Cs liegt ein Mägdlein ernstlich krank. Das Rosengärtlein ist verschneit, Das blühte als ihr Angesicht, Noch glimmt, wie aus der Ferne weit, Der Augen mildes Sternenlicht. Noch ziert den Mund ein blasies Rot Und immer eines Kusses wert; Sie läßt's geschehen, weil die Not Die Menschenkinder beten lehrt. ,Hch lieb auch deinen lieben Mund, Lieb deine Seele nicht allein — Im Frühling wollen wir gesund Und beide wieder fröhlich sein!" „Ich lieb auch deiner Fühe Paar, Wenn sie in Gras und Blumen gehn; In einem Bächlein sommerklar Will ich sie wieder baden sehn!" „Auf dem besonnten Kieselgrund Stehn sie wahrhaftig wie ein Turm, Obgleich der Knöchel zartes Rund Bedroht ein kleiner Wellensturm!" Da scheint die Wintersonne bleich Durchs Fenster in den stillen Raum, Und auf dem Glase, Zweig an Zweig, Erglänzt ein Trauerweidenbaum! O Erde, du gedrängtes Meer Unzähliger Gräberwogen, Wie viele Schisflein kummerschwer Hast du hinuntergezogen, Hinab in die wellige grünende Flut, Die reglos starrt und doch nie ruht! Ich sah einen Nachen von Tannenholz, Sechs Bretter von Blumen umwunden, Drin lag eine Schisferin bleich und stolz. Sie ist versunken, verschwunden! Die Leichte fuhr so tief hinein. Und oben blieb der schwere Stein. Ich wandle wie Christ aus den Wellen frei, Als die zagenden Jünger ihn riefen; Ich senke mein Herz wie des Lotsen Blei Hinab in die schweigenden Tiefen; Ein schmales Gitter von seinem Gebein, Das liegt dort unten und schließt es ein. Oie ge!be Toienvorreiiersche. Bon Werner Bergengruen. Alte Leute in Reval wissen aus den Erinnerungen ihrer Kindheit von einer merkwürdigen Frau zu erzählen, welche „die gelbe Totenvorreitersche" genannt wurde. , t Die gelbe Totenvorreitersche ist jung gewesen und verheiratet. Ihr Mann war ein armer Oberleutnant von der Linieninsanterie und ist im Kaukasus verschollen. Als damals die Nachricht kam, da ist in ihrem Kopfe eine gcwisie Verschiebung vor sich gegangen. Nicht daß sie ähnlich getan hätte wie die Kapitänswitwe Johanson, welche jeden Abend ihres ertrunfenen SDlnnnes 23ett cibbecttc uni) (eine Pantoffeln bereitftetlte, nein, das hatte sie schon ausgenommen, daß der Oberleutnant tot war und sie nie wieder an seinem Arm nach Katharinental promenieren wurde. Aber es war ihr der Gedanke gekommen, ihr Mann habe wohl kein rechtes Begräbnis gehabt, und niemand sei nach Schicklichkeit mit seiner Leiche gegangen. Da befestigte sich in ihr die Vorstellung, sie verrichte einen schuldigen Dienst an seinem Andenken, wenn sie einen besonderen Eifer zu Leichenbegängnissen hege. Ja, indem sie den Zeitenlauf gleichsam umkehrte, wollte es ihr scheinen, als könne, wenn sie selber bei fremden Begräbnissen ihre Teilnahme bezeige, ein Fremder zum Vergelt auf den Einfall kommen, der verlassenen und unbegleiteten Leiche ihres Gatten die christlichen Totenehren zu erweisen. Zugleich aber hatte sie eine Vorstellung ihrer Wichtigkeit und Bedeutung, ja, einer gewissen militärischen Führerschaft. Hatte denn nicht bloß das geschehene Unglück sie verhindert, Majorin, Oberstin, ja, Generalin zu werden? Darum kam ihr nicht in den Sinn, sich einfach einem Totengefolg« anzuschließen, sondern sie hatte sich an seine Spitze zu stellen. «».. So kam es dahin, daß in Reval kein Leichenbegängnis ohne die Witwe stattfand. Kein Wetter, keine Jahreszeit konnte sie hindern. Formierte sich vor dem Sterbehause oder der Kirche der Trauerzug, so war sie plötzlich zur Stelle. Bei feierlichen Staatsbegräbnissen geschah es wohl, daß die Polizei Absperrungen vornahm; allein auch diese wußte sie zu durchbrechen. Plötzlich leuchtete aus allem Schwarz ihr langer zitronengelber Spenzer vor. An eine besonder« Bedeutung dieser auffallenden Farbenwahl muß wohl nicht gedacht werden; vielmehr dürfen wir annehmen, es habe sich ein solches Kleidungsstück von ausnehmend haltbarem Stoff in ihrem Eigentum befunden, und da ihre Einkünfte knapp waren, so. trug sie es durch sehr viele Jahre; als sie später einmal eine Neuanschaffung vornehmen mußte, da wäre ihr und allen Revalensern eine andere Farbe bereits unausdenkbar erschienen. . Die Glocken läuten, der Zug setzt sich in Bewegung, die Führerin auch. Unter der schwarzen Haube quellen im Winde die zotteligen weißen Haare vor. Hoch ausgerichtet, im Marschschritt, führt sie unermüdet den ihr anvertrauten Zug den langen, langen Weg zum Friedhof von Ziegels- koppel, zum Moikschen Kirchhof oder zu den Begräbnisstätten der Dör- pischen Vorstadt; und wie marschierende Soldaten es tun, so wirst die starkknochige Person ihre Arme taktmäßig nach links und rechts. Nie verringert, nie vergrößert sich der Abstand zwischen ihr und der eigentlichen Spitze des Leichenzuges, obwohl sie sich nie nach ihm umblickt. Geschieht einmal eine Stockung, so teilt sich ihr die Störung des Marschrhythmus mit und sie tritt soldatisch aus der Stelle, bis das Erschwernis behoben und der regelmäßige Weitergang hergestellt ist. Am Friedhofseingang angekommen, verläßt sie ihren Platz an der Tete, tritt zur Seite und laßt nun generalsmäßig den Trauerzug an sich vorbeidefilieren. Jeder kennt sie, niemand hindert sie. Ein frisch nach Reval versetzter Gendarmerieofsizier sah sie mit ärgerlicher Verwunderung, rief: „Was für ein Unfug!" und wollte einschreiten. Aber da wurde er augenblicks von einigen Respektpersonen beiseite genommen und mit wenigem Zureden belehrt und besänftigt. _ , Im Lauf der Jahrzehnte ist es dahin gekommen, daß die gelbe Totenvorreitersche wohl gar kein Wissen mehr davon hat, weshalb ste allen Beerdigungen vorangehen muß. Es ist, als überlebe sie ihr eigenes Dasein nur in jener Verrichtung, sie ist die gelbe Totenvorreitersche, sonst nichts, als erhalte nur diese Pflicht den Körper der Greisin am Leben. S>e hat keinen Stock, auf den sie sich stützen, keinen Schirm, mit dem sie sich trocken halten könnte, denn sie bedarf ja beider Arme zu den ,hr vorgeschriebenen militärischen Schlenkerbewegungen. Ihr Gehör, ihr Gesicht schwächen sich ab. Nichts aber hindert sie, das Ihrige zu tun. Manch einer fragte sich: „Wie soll es einmal mit ihrem eigenen Begräbnis werden?" Und so sehr war man gewöhnt, ein Leichengefolge ohne ihre Mitwirkung als unvorstellbar anzusehen, daß fast die Meinung aufzukommen vermochte, sie könne dem Gesetz des Sterbenmussens nicht unterworfen sein, — denn wie hätte ihre eigene Bestattung gedacht werden können, ohne daß sie selber dem Zuge vorangeschritten wäre? Indessen sollte es sich erweisen, daß man ihrer Teilnahme an den Revaler Leichenzügen den Rang eines Naturgesetzes voreiligerweise zuerkannt hatte. In einer der Vorstädte starb ein wohlhabender russischer Kausmann, in dessen Familie allerlei dunkle Ehe- und Erbschaftszerwurf- nisse zu Hause sein sollten. An einem düsteren und wolkigen Vormittag im Spätherbst bewegte sich, von der gelben Totenvorreiterschen geführt, der Trauerzug zum Alexander-Newski-Friedhof. Unweit des Muhlenteiches ereignete sich etwas Ausregendes. Ein berittener Gendarmerieofsizier holte den Leichenkondukt ein, drängte sein Pferd an den Sarg, der nach russischer Sitte unverschlossen getragen wurde, und salutierte fluchtig vor dem Toten. Dann winkte er, die Träger blieben erschrocken stehen, der Offizier erklärte den Zug für aufgelöst, die Leiche für beschlagnahmt. Weitere Auskünfte v-rweigerte er, später erst erfuhr man, daß eine eingelausene Anzeige den Verdacht eines Giftmordes wachgerusen hatte. Nach geschehener ärztlicher Untersuchung — das Ergebnis braucht uns hier nicht zu kümmern—, wurde der Tote in nächtiger Heimlichkeit EAgesetzt. Die gelbe Totenvorreitersche hatte auf ihre Weise gespürt, daß dem Leichengefolge irgendein Hemmnis widerfahren war. Sie machte halt, trat auf der Stelle und setzte sich nach ihrer üblichen Weise wieder in Bewegung. Am Friedbofseinaang trat sie, die Hacken zusammenschlagend, mit einer exerziermäßigen Wendung aus die Seite, um den Zug defilieren 3U Si^schoute. sie spähte: die Straße war leer! Ein paar schmutzige Kinder platschten in den breiten und öden Regenpsützen und schrien lachend: Gelbe Totenvorreitersche! Gelbe Totenvorreitersche!" Am nächsten Morgen hatte die Greisin keine rechte Lust, ihr Bett zu verlassen; eine Beerdigung stand für diesen Tag nicht bevor. Stutzig gemacht durch die ungewohnte Stille, trat gegen Abend eine Nachbarsfrau bei ihr ein und fand sie in einem Zustand der äußersten Schwache. Auf ihre Fragen erhielt sie knappe und verquere Antworten. Sie rückte der Alten die Kissen zurecht, brannte das Nachtlämpchen an und entfernte sich, um Suppe aufzuwärmen und der gelben Totenvorreiterschen davon zu bringen. Als sie mit dem dampfenden Suppentopf wiederkehrte, da saß die Alte sehr aufredjt in ihrem Bett, gegen die hochgeschichteten Kissen zurückgelehnt, und sah, vom flackernden Nachtlämpchen verzerrend beschienen die Eintretende aus weitgeöffneten Augen mit glasiger Strenge an Die rechte Hand hatte sie salutierend an die Haube gelegt, als nehme sie einen Parademarsch von Totengefolgen ab. Da die Nachbarin sie berührte, fiel der Arm kraftlos herab, er hatte sich in dieser Stellung nur behaupten können, weil er von den Kissen gestützt wurde. Die gelbe Totenvorreitersche war nicht mehr am Leben. Einige Tage danach wurde sie zu Grabe getragen. Unaufgefordert, unverabredet, strömten die Menschen durch den Nebel zu ihrem Geleit, vom Dom, von der Unterstadt und den Vorstädten, Menschen aller Stande und Volkszugehörigkeiten. An jeder Straßenecke schwoll der Zug, und es war mancher dabei, dem es sonst nie in den Sinn gekommen wäre, sich unter eine Gassenmenge zu begeben. Alle, alle gingen mit, alle deren Toten die Alte in Jahren und Jahrzehnten ihre sonderbare Teilnahme ^Sch-Menhast und dunkel erschienen sie einander in der früh einsallenden Dämmerung, die unter dem verhängten Himmel Häuser und Menschen m ein ungewohntes und ungewisses rauchiges Licht rückte. Unübersehbar schien die Zahl, vertrauteste Menschen wurden sich zum Spuk, wer sollte einander erkennen? Ein scheues Raunen erhob sich, ein verwundertes niere brüllten au töcranttnottlid): vr. HanSTbhriot. — Druck und Der lag: Drühl'iche Univ ersitäts-Buch» und Steindrucker ei, R. Lange, Gi eben. An einen Gefallenen. Von Hans Thyriot*. Ach, dies mußte so sein: Du hast es gewußt Und hast dich vollendet Nach deinem Maß und Gesetz. Den Deinen blieben Tränen, Trauer und Stolz, Ein gehütetes Bild, Die Briefe und frühen Gedichte — Und jener Hügel auch, Drüben im Westen, so schmal, Dunkel mit Goldlack geschmückt — Aber im Frühling Wölbt sich gewaltig. Siebenfach widerstrahlend. Als himmlische Brücke Siehe: der Regenbogen Tröstlich von dir zu mir. GeMsker und Gefrage: „Wer ist denn das da? Wie ähnlich er dem toten Ritterschaftshauptmann sieht! Und dort, ist das nicht die Ratsherrin Korbmacher ... Frau von Heydenacker ... der Aeltermann Kawelkamp ... Friseur Krausberg ..." „Gott steh mir bei, mein Großvater!", rief em junges Mädchen. Dicht hinter dem Sarge aber schritt ein blasser junger Mensch im langen, dunklen Osfiziersüberrock, mit Backenbart und vorgebürstetem Schlafenhaar, so wie es zu den Zeiten des Kaisers Nikolaus die Site der Armee gewesen war. . . , , - Eine Frau preßte ängstlich den Arm ihrer Nachbarin und sagte: „Dort vorn! Sehen Sie es denn nicht? Dort vorn!" Dort vorn, vor der Spitze des Zuges her, dort bewegte sich etwas wie ein zitronengelber Sonnenstrahl, und es blieb schwer zu begreifen, wie er die Nebelschicht der niedrig lastenden Wolken durchbrochen haben mochte. Am Friedhofseingang schien er zur Seite zu gleiten, und wenige Augenblicke später war er nicht mehr zu erblicken. Abendzug kam nicht wieder. Ziemerer plante nichts Geringeres, als den Standort dieses Geschützes ausfindig zu machen. Es war ein etwas phantastischer Plan, den nur ein Zufall gelingen lassen konnte, doch sand er einen Bundesgenossen dafür in dem Unteroffizier Bette, der zu seinem Geschütz gehörte. In einer der unruhvollen Nächte lag Ziemerer mit Bette aus einem kleinen Erdbunker unweit der Batterie, denn Engels hatte ihnen wegen der erhöhten Alarmbereitschaft, die inzwischen anbefohlen worden war, untersagt, sich noch allzu weit zu entfernen. Dieser Erdbuckel war eben hoch genug, um einen Blick über das flache Land hinter den feindlichen Linien zu gewähren, doch wurde er auch von drüben gesehen, weshalb sich bei Tage niemand dort zeigen durfte. Schweigend lagen sie hinter dem faulenden Stumpf einer Pappel und lauerten auf den großen Mündungsstrahl, der nun häufiger als sonst aufzuckte. Vielleicht leuchtete Ziemerer hierbei allzu oft mit dem dreierlei Licht aus die Karte, die vor ihnen aus der Erde lag. Gleich nach Mitternacht zischte eine Granate heran und zerschmetterte ihm beide Beine. Sie mußte, wie Bette später sagte, aus einem Schnellfeuergeschlltz gekommen sein, das sich dicht hinter dem vordersten feindlichen Graben befand. Ein Schmerz durchgrauste Ziemerer, als zerbeiße ihm ein eisernes Maul die Knie, und preßte ihm ein langgezogenes Schreien aus. Es klang wie das quäkende Kreischen eines angeschossenen Hasen. Allein er verlor das Bewußtsein nicht, so sehr er es auch wünschte, und faßte sich wieder. Er gedachte, was er Suebo-Vandalia schuldig war. Freilich würde Suebo-Vandalia niemals erfahren, wie sich der Vundesbruder Ziemerer benommen hatte. Das traf sich schlecht, und es tat ihm leid. Bette war unverletzt geblieben. Er wollte sich oder dem Schicksal deswegen grollen, doch es gelang ihm nicht. In den überstandenen Schrecken und in das Erbarmen mit dem kleinen Ziemerer mischte sich immer wieder eine dünne Freude. Als er mit Stubbe, dem Sanitätsunteroffizier, zurückkam, lag Ziemerer schon schweigend und zitterte nur zuweilen und knirschte mit den Zähnen. Stubbe, ein schnurrbärtiger Mann, mit einem zutunlichen Trinkergesicht, schnürte ihm sogleich mit den Gummiringen, die er in seiner großen Tasche mitgebracht hatte, die Beine oberhalb der getroffenen Stellen ab, wobei er in einem singenden Ton unaufhörlich: „Ruhig, ruhig, immer ruhig!" sagte, obwohl Ziemerer ganz still hielt und auch sonst niemand etwas äußerte. Als sie ihm aber den Buckel hinuntertragen wollten, biß das Eisenmaul abermals zu, und Ziemerer stieß mit unerwartet hoher Stimme wieder sein Kreischen aus. Sie möchten ihn lieber hier liegen lassen, vielleicht an den Baumstumpf gelehnt, schlug er dann vor, wobei ihm die Tränen über das Gesicht perlten. Dort werde er bestimmt nicht mehr schreien, es sei das nur so ein Augenblick gewesen. Da lehnten sie ihn einstweilen hin, wie er es haben wollte, und Bette setzte sich stillschweigend neben ihn. Nach einer Weile kam auch Stubbe noch einmal zurück. „Zeig einmal her, Kollege", sagte er sanft und knöpfte ihm den Mantel und den Waffenrock auf, um ihm ein schmerznehmendes Gift unter die Haut der Brust zu spritzen. Bette hielt ihm dazu die Lampe mit dem dreierlei Licht. Auf dem Seidenband, das Ziemerer unter seinem grünen Wollhemd schräg über die nackte Brust geknüpft hatte, leuchteten die bunten Farben Suebo-Vandaliae auf. Alsbald kam ein wunderbares Wohlbefinden über Ziemerer. Vielleicht hatte er schon allzuviel Blut verloren, oder Stubbe hatte die Gabe des Traumgiftes falsch bemessen: es hatte keine Gewalt mehr, ihn einzuschläfern, sondern durchdrang seine leeren Adern mit sanften Wirbeln von Heiterkeit. Es war nicht anders, als sei er berauscht. Und wie allen Trunkenen ihr Leben mit einemmal nicht mehr hoffnungslos erscheint, und wie sie Gram und Pein vergessen, so empfand auch Ziemerer keinen Schmerz mehr und gedachte nicht mehr des Todes. Mit dünner Stimme begann er ein Lied zu singen. Es war ein Lied, das sie oftmals mit schwerer werdenden Häuptern im Biergarten der Frau Thienemann gesungen hatten, wenn die anderen Gäste längst gegangen waren. Dort war er auch jetzt wieder, doch saß er schon auf der Erde im Gras. Er sang: Ach, wenn doch wieder Montag, Dienstag, Mittwoch wär! Und ich bei meiner, bei meiner Laurentia wär! Laurentia! Das Laurentia des Kehrreimes war in einem halb klagenden und halb verlockenden Ton nach einer langgezogenen Weise zu singen. Er sang es viele Male, auch als ihm die Zunge für den übrigen Text schon zu müde geworden war. Zuweilen hob er die freie Hand auf eine zierlich verbindliche Weise zum Gruß an die Mütze, als bedanke er sich für eine erwiesene Aufmerksamkeit. Unteroffizier Bette konnte aber nicht sehen, wen w begrüßte und bei wem er sich bedankte, obwohl er neben ihm saß und ihix stützte und seine andere Hand mit seiner Linken umschlossen hielt. Vom Feinde abgewendet saßen sie nebeneinander, bis Ziemerer gestorben war. Es geschah ganz unbemerkt im ersten Licht. Oer Londoner Abendzug. Von Paul Alverdes. In seiner Erzählung „Reinhold im Dienst", die in einer preiswerten Einzelausgabe erschienen ist, hat Paul Alverdes dem stillen Heldentum der im Kriege gefallenen deutschen Jugend ein unvergängliches Denkmal gesetzt. Mit Erlaubnis des Albert Langen/Georg Müller Verlages in München veröffentlichen wir daraus den nachstehenden Abschnitt. Es war eines späten Nachmittags, als unvermutet der Londoner Abendzug über die Batterie hinwegfuhr. Den Londoner Abendzug nannten sie in jener Gegend ein Geschütz von allerschwerstem Kaliber, das für gewöhnlich gegen Abend, wenn es die Sonne genau im Rücken hatte, auf die deutschen Stellungen zu feuern pflegte. Man vermutete, daß es ein eingebautes englisches Schiffsgeschütz sein müsse, obwohl es einstweilen nicht gelungen war, seinen genauen Standort auszumachen. Es verfeuerte Granaten von Mannesgröße, und das Geräusch, mit dem sie sehr flach und nicht sonderlich schnell durch die Luft daherkamen, war mit dem Donnern und Dröhnen eines vorüberfahrenden Eisenbahnzuges ungefähr zu vergleichen. Darum wurde die Erscheinung der Londoner Abendzug genannt. Seit längerem war er ausgeblieben. Jetzt kam er so dicht über die Batterie gezogen, daß alle verstummten und einander mit weißen Gesichtern anstarrten. Dann war der Abendzug am Ziele. Auf einem niederen Hügelkamm einige hundert Meter hinter ihnen, wo eben ein ganzes Rüdel laut schwatzender und lachender Infanteristen mit irgendeiner Arbeit beschäftigt war, spreizte sich plötzlich ein ungeheurer Fächer aus brauner Erde auseinander. Dann reckte er sich zu einer strudelnden Wolke von Kirchturmhöhe empor. Eine Weile stand sie dort, und dis Erde platzte und schollerte weithin herab, bis in die Batterie. Dann klärte sie sich und wankte wie ein fallender Baum und zerging. Immer noch war es ganz still. Mit einem Male aber kam langgezogen ein vielstimmiges Heulen und Kreischen von Männern herüber. Es tönte immer noch fort, als jetzt aus dem frischen Braun der aufgeworfenen Erde ein paar Gestalten auftauchten, die sogleich mit sonderbar übertriebenen Bewegungen zu laufen begannen. Sie liefen, wie man im Traume läuft, mit wild emporgeworsenen Knien, ohne doch eigentlich von der Stelle zu kommen, Sie hatten tödliche Wunden empfangen und begannen noch einmal zu laufen, als vermöchten sie die vergangene Zeit auf eine wunderbare Weise noch einmal zu überholen und das Geschehene ungeschehen zu machen. Alsbald aber brachen sie in die Knie und kippten um und waren nicht mehr zu sehen. Immer noch tönte das Jammern und Kreischen fort. Jetzt begannen die Kanoniere, mit nach rückwärts gedrehten Gesichtern an ihre Plätze gebannt, zu stöhnen oder mit zeternden Stimmen in wilde Verwünschungen auszubrechen. Dann riefen sie nach Spaten und Tragbahren, und schon wollten einige * Aus dem Gedichtbande „Magische Welt" von Hans T h y r i o t, Propyläs i-Verlag, Berlin, gebunden 2,— RM. hinüber, um den Getroffenen beizustehen und die Verschütteten auszugraben. Indessen stellte sich Engels in ihren Weg. „Alles hierbleiben!" schrie er außer sich, „alles hierbleiben, und keiner rührt sich vom Platz, ihr werdet schon sehen, weshalb!" Murrend kehrten die Leute an ihre Geschütze zurück. Nicht lange, und auf der linken Seite des Hügelkammes wurde eine Kolonne von Soldaten sichtbar, die unter der Führung eines dünnbeinigen Offiziers mit Schaufeln und Tragbahren im Gänsemarsch langsam auf den frischen Trichter losmarschierten. Es war jetzt ruhig geworden, der Zug verschwand in der Grube, und nur noch die Helle, befehlende Stimme des Leutnants war zu hören. In diesem Augenblick zog der Abendzug abermals dicht über die Batterie hinweg. Die Kano- . . . ..... ', während Engels plötzlich seine Mütze über dem Kopf zu schwenken begann und auf seinen alten Beinen auf den Hügelkamm losrannte. Aber chon spreizte sich genau am alten Ort der Fächer aus Erde aufs neue, chon fuhr die Wolke empor, in welcher ein paar Augenblicke lang hoch oben die wirbelnde Gestalt des Offiziers $u erkennen war. Es war deutlich zu sehen, daß er einen Spaten in der Hand hielt. Danach aber wurde alles still und blieb es auch, und auch der Londoner