Nummer 55 Montag, den 20. Juli Jahrgang 1936 Gießener Kmiilienblätler Unterhaltungsbeilage zum Siebener Anzeiger ______ Der Diamant öes Raüfchah von Robert Louis Stevenson Copyright by Verlag Albert Langen / Georg Müller, München Die Geschichte von der Schachtel. Bis m seinem sechzehnten Jahre in einer Prioatschuleund später auf einer der großen Hochschulen erzogen, durch die England nut Recht berühmt geworden ist, hatte Harry Hartley die gewöhnliche Büdung eines Gent, (eman. Zu jener Zeit legte er eine ausfallende Abneigung gegen iedes Studium an den Tag, und da sein einziger, noch am Leben befindlicher Verwandter unwissend und schwach war, so durfte erfein Leben damit zubrinqen, daß er sich nur mit nichtigen Modedingen beschast gte. Als er zwei Jahre daraus in der Welt ganz allein stand, war er aemahe em Bettler. Für ein tätiges, betriebsames Leben war Harry feiner Anlage, wie seiner Erziehung nach ungeeignet. Er konnte romantische Lieder fingen und aus dem Klavier sich selber leidlich dazu begleiten; er war em anmutiger, obgleich etwas schüchterner Reiter; er hatte eine ausgesprochene Vorliebe für das Schachspiel, und die Natur hatte ihn mit einem außerordentlich vorteilhaften Aeußeren in die Welt geschult. Blondhaarig, rosenwangig, mit Taubenaugen und einem sanften Lächeln, hatte er ein angenehmes, melancholisch-zärtliches Aussehen und em sehr anschmiegendes unterwürfiges Benehmen. Aber alles in allem genommen war er nicht der Mann, ein Held im Kriege oder ein Sprecher tm Staatsrat zu fein. Ein glücklicher Zufall und etlicher Einfluß, der zu feinen Gunsten geltend gemacht wurde, verschafften Harry, als er in diese Not geriet, die Stelle eines Privatsekretärs beim Generalmajor Sir Thomas Vandeleur, Komtur des Bathordens. Sir Thomas war ein Mann von sechzig Jahren, von lautem, prahlerischem und anmaßendem Wesen. Aus irgendeinem ©runbe, für irgendeinen Dienst, über dessen Art viel geflüstert und manche Behauptung ausgestellt und abgeleugnet wurde, hatte ihm der Radschah von Kaschgar den fechstgröhten der in der Welt bekannten Diamanten geschenkt. Diese Gabe machte General Vandeleur aus einem armen Mann zu einem reichen aus einem unbekannten und wenig beliebten Soldaten zu einem der Löwen der Londoner Gesellschaft: der Besitzer des Radschah-Dlamanten war in den abgeschlossensten Kreisen willkommen und hatte eine junge, schöne Dame von vornehmer Geburt gefunden die bereit war, selbst um den Preis einer Heirat mit Sir Thomas Vandeleur den Diamanten ihr eigen zu nennen. Es wurde damals allgemein gesagt: da gleich^ gleiche anziehe, so habe ein Juwel das andere angezogen; sicherlich war Lady Vandeleur nicht nur persönlich ein Edelstem von reinstem Wa ser, sondern sie zeigte sich auch der Welt in einer sehr kostbaren Fassung und galt für viele vertrauenswürdige Autoritäten als eine der drei ober vier Damen, die sich in ganz England am besten kleideten. Harrys Pflichten als Privatsekretar waren nicht übermäßig beschwerlich; aber er hatte eine Abneigung gegen langes Arbeiten; es war ihm unangenehm, feine Finger mit Tinte zu beschmutzen, und d,e Reize der Lady Vandeleur und ihrer Toiletten zogen ihn oft aus der Bücherei i ihr Boudoir. Er wußte sich sehr reizend mit Damen zu benehmen konnte mit Geschick über Modeangelegenheiten sprechen, und war niemals glücklicher, als wenn er über die Farbenschattierungen eines Bandes sein Urteil abgeben ober eine Besorgung bei emer Modistin °usnchten durfte. Kurz und güt, die Erledigung von Sir Thomas Vandeleurs Briefen geriet kläglich In Rückstand und Mylady hatte dafür eine zweite Kammer- j""Schiießlich kam es so weit, daß der General, der ein Ar ungeduldiger alter Soldat war, in einem Zornanfall von seinem SUihl aussprang, seinem Sekretär zubrüllte, er bedürfe seiner Dienste nicht langer^ und diese Worte mit einer erklärenden Gebärde begleitete, wie sie zwischen Gentlemen höchst selten zur Anwendung kommen. Da unglücklicherweise die Tür offen stand, fiel Herr Hartley, mit dem Kopf voran, die Treppe hinunter, ob etn)Q5 beschämt und sehr tief bekümmert. Das Leden !m Hause des Generals war gerade so recht nach seinem Geschmack: er bewegte sick wenn auch in einer mehr ober weniger zweifelhaften Stellung, in sehr seiner Gesellschaft; er tat menig; er ah und trank ausgezelchnet und er empfanb eine lauwarme Befriebigung in ber Gegenwart von Laby Vanbeleur, bie er in seinem eigenen Herzen mit einem leidenschaftlicheren Namen bezeichnete. „rhnf- Unmittelbar nachbem er bie Beschimpfung durch den Soldaten erhalten hatte, eilte er in das Boudoir und klagte seinen Schmerz. „Sie wissen sehr wohl, mein lieber Harry , antwortete Lady Vandeleur — denn sie rief ihn bei feinem Vornamen wie em Kmd ober einen Dienstboten —, „daß Sie ja überhaupt niemals tun, was der General Ihnen- sagt. Sie werden vielleicht sagen, daß ich das ja auch nicht tue. Aber das ist etwas anderes. Eine Frau kann für jahrelangen Ungehorsam Verzeihung erlangen, wenn sie ein einziges Mal in geschickter Weise klein beigibt; außerdem ist man ja nicht mit seinem Privatsekretar verheiratet. Es wird mir leid tun, Sie zu verlieren; da Sie aber doch nicht langer in einem Hause bleiben können, wo Sie beschimpft worden sind, so will ich Ihnen hiermit Lebewohl sagen. Aber ich verspreche Ihnen, dem General soll sein Gebaren noch leid tun!“ Harry machte ein langes Gesicht; Tranen standen ihm hoch in den Augen er blickte Lady Vandeleur mit zärtlichem Vorwurf an und sagte: „Mylady, was ist eine Beschimpfung? Ich würde wirklich recht gering von einem Menschen denken, der nicht ein paar Dutzend Beleidigungen zu vergeben wüßte! Aber sich von seinen Freunden zu trennen, bie Bande zärtlicher Hingebung zu zerreißen, das — . Er konnte nicht weiter sprechen, denn seine Rührung überwältigte ihn und er meinte (aut. m .... s. Lady Vandeleur sah ihn mit einem merkwürdigen Gesichtsausdruck an. fiC Dieser' kleine Dummkopf bildet sich ein, in mich verliebt zu sein. Warum sollte er nicht mein Diener werden, anstatt ^rwatfetretor des Generals zu fein? Er ist gutmütig, diensteifrig und versteht etwas von Toiletten; außerdem wird eine solche Stellung >hn davon abhalten, dumme Streiche zu machen. Er ist tatsächlich zu hübsch, daß man ihn könnte seinen eigenen Weg gehen lassen. An demselben Abend überredete sie den General, der sich seiner Lebhaftigkeit bereits ein bißchen schämte, ihr ihren Wunsch zu erfüllen, und Harry wurde in die weibliche Abteilung des Hauses versetzt wo er em beinahe himmlisches Leben führte. Er war stets außerordentlich nett angezogen, trug zarte Blümchen in seinem Knopfloch und konnte Besucher taktvoll und ergötzlich unterhalten. Er war stolz daraus, einem schonen Weibe als Diener untertan zu fein; leben Befehl ^r Lady Vandeleur sah er als eine besondere Huld an, und er brüstete sich sogar vor anderen Männern die ihn verspotteten und verachteten, mit seiner Stellung als männliche Kammerzose und Putzmacherin. Besonders aber vom moralischen Standpunkt aus schien ihm sein Dasein beneidenswert zu sein Sündhaftigkeit hielt er für eine wesentlich männliche Eigenschaft, und seine Tage bei einer zartfühlenden Frau zu verbringen und hauptsächlich mit Näharbeiten beschäftigt zu sein, hieß nach seiner Meinung eine Zauder- insel inmitten der Stürme des Lebens bewohnen. Eines schönen Morgens kam er in den Salon und begann einige Noten zu ordnen, die auf dem Klavier lagen. Lady Vandeleur unterhielt sich am anderen Ende des Zimmers ziemlich lebhaft mit ihrem Bruder, Charlie Pendragon, einem ältlichen jungen Herrn, der durch ausschweifenden Lebenswandel sehr klapprig geworden war, und auf dem einen Fuß bedeutend hinkte. Der Privatsekretär, dessen Eintreten sie nicht beachteten, konnte nicht umhin, einen Teil ihres Gespräches anzuhoren. „Heute ober niemals!", rief bie Laby. „Es bleibt dabei: heute soll es 9e|C?So'l)eute, wenn es fein muß", antwortete der Bruder mit einem Seufzer Aber es ist ein falscher Schritt, ber uns in ben Abgrunb fuhren ------ b°^Du^rMes^mein Mann9 muß so boch schließlich mal sterben." 'Aus mein Wort, Clara", sagte Penbragon, „ich glaube, bu bist die herzloseste Spitzbübin in ganz England." , Ihr Männer", antwortete sie, „seid so plump angelegt, ba& 'hr niemals eine feine Schattierung begreifen könnt. Ihr selber sew habsüchtig, bektia unbescheiden gleichgültig; und trotzdem empört es euch wenn eine Frau'eüimal an die Zukunft denkt. Aber solcher Unsinn paßt mir nicht. Du würdest einen gewöhnlichen Geldverleiher verachten, wenn er so dumm wäre wie nach eurer Meinung wir Frduen sein sollen. Du wirst wahrscheinlich recht haben', antwortete ihr Bruder, „du warst ja immer kluger als ich. Und jedenfalls kennst du meinen Wahl- b«l. »m bl. . , '«nVhHnriiÄ belfer als du selber .Und Clara noch über bie Fa- mS NwÄ, s°7aute?ber z'weitt Teil des Satzes? Ja, du bist ber befte Bruber, ben es geben kann, unb ich habe dich von Herzen heb! Herr Penbragon machte ein ziemlich dummes Gesicht zu. diesen Lob- spruchen er ^stand, auf^ und^sag-mich si^hi ich weiß ja nun ganz genau, was ich zu tun unb zu sagen habe, unb will auf ben .zahmen ®OtSuaUbasa!fier ist ein verruchter Mensch und könnte vielleicht alles kaputt machen." Sie warf ihm einen zierlichen Handkuß zu, und der Bruder entfernte ich aus dem Wege durch das Boudoir und über die Hintertreppe. Sobald ie allein waren, wendete Lady Vandeleur sich zu dem Privatsekretär und agte: „Harry, ich habe heute morgen etwas für Sie zu besorgen: aber Sie sollen sich eine Droschke nehmen; mein Privatsekretär soll keine Sommersprossen kriegen!" Die letzten Worte sprach sie mit Gefühl und mit einem Blick halb mütterlichen Stolzes, der den guten Harry beseligte, und er ries, er sei entzückt, daß er eine Gelegenheit habe, ihr dienen zu können. „Es handelt sich wieder einmal um ein großes Geheimnis!", sagte sie mit einem listigen Lächeln; niemand darf darum wissen, als mein Sekretär und ich. Sir Thomas würde den fürchterlichsten Spektakel machen, und wenn Sie nur wüßten, wie überdrüssig ich dieser Szenen bin! O Harry, Harry — können Sie mir erklären, warum ihr Männer so heftig und ungerecht seid? Aber ich weiß ja. Sie können es nicht! Sie sind der einzige Mann auf der Welt, der von diesen schändlichen Leidenschaften nichts weiß; Sie sind zu gut, Harry, und so freundlich; Sie sind wenigstens einer, der ein wahrer Freund einer Frau sein kann, und wissen Sie was? Ich glaube, durch den Vergleich mit Ihnen erscheinen die anderen Männer häßlicher." „Sie sind so freundlich zu mir!" rief Harry leidenschaftlich. „Sie behandeln mich wie —" „Wie eine Mutter", unterbrach Lady Vandeleur ihn; „ich versuche Ihnen eine Mutter zu sein. Oder wenigstens", verbesserte sie sich mit einem Lächeln, „beinahe eine Mutter. Ich bin zu jung, um wirklich Ihre Mutter zu sein. Lassen Sie mich also sagen: Ihre Freundin — Ihre aufrichtige Freundin." Sie machte eine Pause, die lang genug war, um auf Harrys gefühlvolles Herz zu wirken, aber nicht lang genug, um ihn zu Worte kommen zu lassen; denn sie fuhr gleich fort: „Aber dies alles tut nichts zur Sache. Sie werden in dem Eichenschrank auf der linken Seite eine Pappschachtel finden; sie steht unter dem rosenroten Schleppkleide, das ich Donnerstag mit meinen Mechelner Spitzen trug. Diese Schachtel bringen Sie sofort nach dieser Adresse", gleichzeitig gab sie ihm einen Zettel, „aber unter keinen Umständen geben Sie sie aus den Händen, bevor Sie eine von mir selbst geschriebene Empfangsbestätigung erhalten haben. Verstehen Sie? Antworten Sie, bitte — antworten Sie! Die Sache ist ungeheuer wichtig, und ich muß Sie bitten, etwas aufzupassen!" Harry beruhigte sie, indem er ihre Vorschriften buchstäblich genau wiederholte. Sie wollte ihm gerade noch mehr sagen, da stürzte plötzlich General Vandeleur, purpurrot vor Zorn, in das Zimmer. In der Hand hielt er eine ungeheuer lange, dichtbeschriebene Kleiderrechnung. „Wollen Sie fid) das gefälligst ansehen, Madame!" schrie er. „Wollen Sie die Güte haben, sich dieses Dokument anzusehen? Ich weiß ja gut genug, daß Sie mich meines Geldes wegen geheiratet haben, und ich hoffe, ich habe Ihnen ein so großes Nadelgeld ausgesetzt, wie man es von einem Manne in meinen Verhältnissen verlangen kann. Aber so wahr mich Gott geschaffen hat — ich will jetzt einmal dieser unanständigen Verschwendungssucht ein Ende machen." „Herr Hartley", sagte Lady Vandeleur, „Sie haben wohl verstanden, was Sie zu tun haben. Darf ich Sie bitten, es sofort zu besorgen?" „Halt! rief der General Harry zu; „noch ein Wort, bevor Sie gehen!" Dann sagte er zu Lady Vandeleur: „Was hat dieser reizende Bursche zu tun? Ich will Ihnen mal was sagen: ich traue ihm nicht weiter als Ihnen selber. Wenn er nur einen Funken von Ehrgefühl im Leibe hätte, würde er die Zumutung, in diesem Hause zu sein, verächtlich ablehnen; und was er mit seinem Gehalt eigentlich tut, ist aller Welt ein Rätsel. Was hat er zu besorgen, Madame? Und warum schicken Sie ihn so plötzlich hinaus?" „Ich nahm an, Sie hätten mir etwas unter vier Augen zu sagen", antwortete die Dame. „Sie sprachen von einer Besorgung", sagte der hartnäckige General; „machen Sie in meiner augenblicklichen Stimmung keinen Versuch, mir etwas vorzulügen! Sie haben ganz bestimmt etwas von einer Besorgung gesagt!" „Wenn Sie darauf bestehen, Ihre Dienerschaft zu Zeugen unserer unerquicklichen Streitigkeiten zu machen", antwortete Lady Vandeleur, „so ist es vielleicht besser, wenn ich Herrn Hartley bitte, Platz zu nehmen. Nein? — Dann können Sie gehen, Herr Hartley! Ich hoffe, Sie behalten alles im Gedächtnis, was Sie in diesem Salon gehört haben; es kann Ihnen vielleicht von Nutzen sein." Harry verlieh schleunigst den Salon, und als er die Treppe hinauf- lies, konnte er hören, wie der General mit lauter Stimme predigte und wie Lady Vandeleur in schrillem Ton auf jeden Satz eine eisige Antwort gab. Wie bewunderte er diese Frau aus vollem Herzen! Wie geschickt wußte sie einer unbequemen Frage auszuweichen! Mit welcher selbstbewußten Kühnheit wiederholte sie ihre Aufträge unter dem Feuer der feindlichen Kanonen! Und anderseits — wie verabscheute er ihren Gatten! Die Vorgänge dieses Morgens waren nichts Ungewöhnliches gewesen; denn er hatte für Lady Vandeleur fortwährend geheime Aufträge auszurichten, die sich hauptsächlich auf Kleiderangelegenheiten bezogen. Daß ein Skelett im Hause Vandeleur war, wußte er recht wohl. Die bodenlose Verschwendungssucht der Frau, die ihre eigenen Schulden nicht kannte, die ihr persönliches Vermögen längst verschlungen, drohte täglich auch das ihres Gatten zu verschlingen. Ein- oder zweimal jedes Jahr schien ein Skandal und völliger Zusammenbruch unvermeidlich zu sein; bann lief Harry bei allen Lieferanten herum, erzählte ihnen allerlei kleine Geschichten und machte kleine Abzahlungen auf die ungeheuer hohe Rechnung; dann gab es wieder eine neue kleine Frist und die Lady und ihr getreuer Sekretär atmeten wieder auf. Denn Harry stand in doppelter Eigenschaft mit Leib und Seele auf der Seite der einen 'riegführenden Partei; er betete nicht nur Lady Vandeleur an, deren Gatten er fürchtete und verabscheute, sondern er stimmte auch von Natur mit ihrer Putzsucht überein, und die einzige Verschwendung, die er selber sich erlaubte, waren seine Anzüge. Er fand die Pappschachtel an dem ihm beschriebenen Ort, machte sich forgsältig zum Ausgehen zurecht und verließ das Haus. Die Sonne schien warm; die Entfernung, die er zurückzulegen hatte, war beträchtlich, und zu [einem Aerger hatte das plötzliche Eintreten des Generals Lady Vandeleur davon abgehalten, ihm Geld für eine Droschke zu geben. Es war anzunehmen, daß an diesem heißen Sommertage seine weiße Haut argen Schaden nehmen würde; und mit einer Pappschachtel am Arm durch halb London zu lausen, war für einen jungen Mann seines Charakters eine fast unerträgliche Demütigung. Er blieb stehen und überlegte. Die Vandeleurs wohnten am Eaton-Platz, die ihm angegebene Adresse war in der Nähe von Notting Hill; er konnte also offenbar durch den Park gehen, wenn er nur die Alleen vermied, in denen viele Menschen spazieren gingen; und er dankte seinem Himmel, daß es noch verhältnismäßig früh am Tage war! Um sich seine unangenehme Last möglichst bald vom Halse zu schaffen, ging er etwas schneller als für gewöhnlich, und er hatte schon ein ziemliches Stück Weges durch den Kensington-Park zurückgelegt, da sah er sich plötzlich an einer einsamen Stelle in einer Gruppe von Baumen dem General gegenüber. „Bitte um Verzeihung, Sir Thomas", bemerkte Harry, indem er höflich ausbog; denn der andere hatte sich ihm mitten in den Weg gestellt. „Wohin gehen Sie, Herr?" fragte der General. „Ich mache einen kleinen Spaziergang im Grünen", antwortete der junge Mann. Der General schlug mit seinem Spazierstock auf die Schachtel und rief: „Mit dem Ding da? Sie lügen, Herr! Und Sie wissen, daß Sie lügen!" „Wirklich, Sir Thomas!" antwortete Harry; „ich bin es nicht gewöhnt, so angeschrien zu werden." „Sie begreifen Ihre Stellung nicht", sagte der General. „Sie sind in meinen Diensten, und Sie sind ein Diener, gegen den ich den ernstlichsten Verdacht habe. Wer bürgt mir dafür, daß Ihre Schachtel nicht voll von Teelöffeln ist?" „Es ist ein Zylinderhut darin, der einem Freunde gehört", sagte Harry. „Sehr schön!" antwortete General Vandeleur. „Dann wünsche ich Ihres Freundes Zylinderhut zu sehen. Ich interessiere mich", fuhr er mit einem grimmigen Lächeln fort, „ganz besonders für Zylinderhüte; und ich glaube, Sie wissen, daß ich nicht mit mir spaßen lasse!" „Ich bitte um Verzeihung, Sir Thomas — es tut mir außerordentlich leid, aber dies ist meine Privatangelegenheit." Der General packte ihn ohne Umstände mit der einen Hand an der Schulter, während die andere in sehr bedrohlicher Weise den Spazierstock schwang. Harry gab sich verloren. In demselben Augenblick sandte der Himmel ihm einen unerwarteten Beschützer in Charlie Pendragon, der plötzlich hinter den Bäumen hervortrat und sagte: „Aber, General! Nicht doch! Einen so schwachen jungen Mann zu schlagen, geziemt einem höflichen Mann nicht!" „Aha!" rief der General, indem er auf feinen neuen Gegner zustürzte: „Herr Pendragon! Bilden Sie sich vielleicht ein, Herr Pendragon, ich lasse mich von einem niedergebrochenen Lebemann wie Sie ausspionieren und von meinen Vorsätzen zurückhalten, weil ich das Unglück gehabt habe, Ihre Schwester zu heiraten? Meine Bekanntschaft mit Lady Vandeleur hat mir jeden Appetit benommen, etwas mit den Mitgliedern ihrer Familie zu tun zu haben." „Und bilden Sie sich ein, General Vandeleur", versetzte Charlie, „meine Schwester habe auf alle Rechte und Privilegien einer Dame verzichtet, weil sie das Unglück gehabt hat. Sie zu heiraten? Allerdings hat sie sich, indem sie das tat, viel vergeben; aber für mich ist sie immer noch eine Pendragon. Ich mache es mir zur Aufgabe, sie gegen unvornehme Mißhandlungen zu schützen, und wenn Sie zehnmal ihr Gemahl wären, so würde ich es nicht erlauben, daß sie in ihrer Freiheit beschränkt wird, ober baß ihre Boten, die sie in Privatangelegenheiten schickt, mit Gewalt auf offener Straße angehalten werden!" „Was bedeutet denn das, Herr Hartley?" fragte der General. „Herr Pendragon ist, wie mir scheint, ebenfalls meiner Meinung. Auch er nimmt an, daß Lady Vandeleur etwas mit dem Zylinderhut Ihres Freundes zu tun hat." Charlie sah, daß er einen unverzeihlichen Schnitzer begangen hatte, und versuchte dies schnell wieder gutzumachen, indem er rief: „Was, Herr? Ich nehme an, sagen Sie? Ich nehme gar nichts an! Ich nehme mir nur die Freiheit, einzuschreiten, wenn ich sehe, daß jemand seine Stärke mißbraucht und seine Untergebenen brutal behandelt." Während er diese Worte sprach, gab er Harry einen Wink, den dieser aber nicht verstand, weil er zu schwerfällig ober zu aufgeregt war. „Wie soll ich Ihr Benehmen verstehen, Herr!" fragte Vanbeleur. Wieder erhob der General seinen Spazierstock und führte einen Schlag nach Charlies Kops; dieser aber parierte den Hieb mit seinem Regenschirm, stürzte sich trotz seinem lahmen Fuße auf seinen viel stärkeren Gegner, packte ihn um den Leib und ries: „Laufen Sie, Harry, laufen Sie! Lausen Sie doch. Sie Trottel!" Harry stand trotzdem noch einen Augenblick wie versteinert da und sah zu, wie die beiden Männer miteinander rangen; bann aber drehte er sich um und lief davon, so schnell er konnte. Als er einen Blick über seine Schulter zurückwarf, sah er, wie der General unten lag und Charlie auf ihm kniete, daß Sir Thomas aber immer noch sich anstrengte, nach oben zu kommen. Der ganze Park schien voll von Leuten zu sein, die von allen Seiten herbeiliesen, um die Prügelei zu sehen. Dieser Anblick verlieh dem Sekretär Flügel, und er verlangsamte seinen Schritt nicht eher, als bis er Bayswater Road erreicht hatte, wo er in eine menschenleere Seitenstraße einbog. (Fortsetzung folgt.) Oie Teilung der Erde. Von Friedrich Schiller. „Nehmt hin die Welt!", rief Zeus von seinen Höhen Den Menschen zu. „Nehmt, sie soll euer (ein; Euch schenk' ich sie zum Erb' und ew'gen Lehen; Doch teilt euch brüderlich darein." Da eilt, was Hände hat, sich einzurichten. Es regte sich geschäftig jung und alt. Der Ackermann griff nach des Feldes Früchten, Der Junker pirschte durch den Wald. Der Kaufmann nimmt, was feine Speicher fassen, Der Abt wählt sich den edlen Firnewein, Der König sperrt die Brücken und die Straßen Und sprach: „Der Zehente ist mein!". Ganz spät, nachdem die Teilung längst geschehen, Naht der Poet, er kam aus weiter Fern'; Ach, da war überall nichts mehr zu sehen, Und alles hatte seinen Herrn. Weh' mir! So soll ich denn allein von allen Vergessen sein, ich, dein getreuster Sohn?" So ließ er laut der Klage Ruf erschallen Und warf sich hin vor Jovis Thron. „Wenn du im Land der Träume dich verweilet", Versetzt der Gott, „so had're nicht mit mir. Wo warst du denn, als man die Welt geteilet?" — „Ich war", sprach der Poet, „bei dir. Mein Auge hing an deinem Angesichte, An deines Himmels Harmonie mein Ohr; Verzeih' dem Geiste, der, von deinem Lichte Berauscht, das Irdische verlor!" — „Was tun?", spricht Zeus. „Die Welt ist weggegeben. Der Herbst, die Jagd, der Markt ist nicht mehr mein. Willst du in meinem Himmel mit mir leben: So oft du kommst, er soll dir offen sein." pmdar, -er Sänger der Olympischen Spiele. Von Dr. Bernhard K n a u ß. Die Statuen, die die Sieger der Olympischen Spiele in der Umgebung der heiligen Feststätte in Olympia aufzustellen pflegten, waren Weihgeschenke für den Gott, der den Sieg verliehen hatte, zugleich aber auch höchste Ehrung für den Sieger selbst. Sicherten sie doch das Gedächtnis des Ruhmes durch Jahrhunderte hindurch dem Olympiasieger, und tatsächlich gibt uns noch ein so später Reisender wie Pausanias im zweiten nachchristlichen Jahrhundert eine eingehende Schilderung der Siegerstatuen, wie er sie in Olympia aufrechtstehend fah. Heute sind all diese Bilder bis auf wenige Reste verschwunden, und nur Bruchstücke von In christen oder Grundmauern haben die deutschen Ausgrabungen im Fe tbezirk von Olympia zutage gefördert. Aber eine andere, nicht minder schöne Ehrung der Sieger ist uns noch erhalten. Es sind die Siegesgesänge des Pindar, die Epinikien, auch sie einst Weihgeschenk und Ruhmeszeichen zugleich. In ihnen hat die Verherrlichung der Sieger in den großen allhellenischen Spielen, den Spielen in Delphi, in Nemea, auf dem Isthmus von Korinth und vor allem in Olympia edelsten dichterischen Ausdruck gesunden, dauerhafter als alles Gebilde in Erz und Marmor. Einst hatte sich Pindar gegen den mächtigen Wettstreit der Bildhauer wehren und feine Kunst verteidigen müssen. „Ich bin nicht Bildhauer, Prunkstücke aufzustellen auf unverrückbaren Sockeln", beginnt er ein Lied, aber dafür sei sein Gesang frei und beweglich und trage den Ruhm des Siegers weithin über alle Lande. Seine Lieder haben diesen Ruhm wirklich über die Jahrtausende getragen, weiter als wohl der Sänger wie der Sieger je ahnen konnten! Uns ist damit aber eines der schönsten Zeugnisse über die Olympischen Spiele erhalten geblieben, jene Spiele, die alle vier Jahre die Griechen aus dem Mutterland, aus Sizilien, aus Kleinasien und Nordafrika zusammenführten, an denen die ewigen Kämpfe zwischen den Staaten einem Gottesfrieden gewichen waren und bei denen die hellenische Nation sich ihrer kulturellen Einheit immer wieder bewußt werden konnte. Einblick in das lebendige Treiben auf dem Festplatz geben uns die Verse Pindars: „Und ringsum hob die Kampfgenossenschaft Gedröhn und Lärmen. Abendlich kam der Mond mit gutem Blick und goß auf sie fein schönes Leuchten. Da klang das ganze Gefild von Gang, bei fröhlich blühendem Festesschall ertönte die Weise des Lobliedes rings." (Nach der Uedersetzung von Hans Bogner.) Die Kunst P i n d a r s ist streng, etwas altertümlich, wie auch die gleichzeitigen archaischen Jünglingsgestalten der Bildhauerkunst. Die Sprache ist gehoben, oft prunkvoll, fast übertünftelt. Aber in diesen übernommenen Formen gibt der Dichter Eigenes und Kraftvolles in gedrängter Fülle. Das Bild des Olympioniken steigt aus diesen Gesängen vor uns auf. Daß der Wettkämpfer wohlgebildet am Körper fei, gilt als selbstverständlich. Pindar hätte kein Grieche fein müssen, um dies besonders hervorheben zu wollen. Aber er fügt zur körperlichen Tüchtigkeit auch noch die geistige und sittliche hinzu, wie sie der echte Adel erfordert. Immer wird die edle Abkunst des Siegers betont, und nicht er allein, sondern fein ganzes Geschlecht gerühmt. Denn auch der Sieger ist ja nur ein Sproß der Familie, deren Blut von Generation zu Generation weitergetragen wird und immer wieder in adeligen Menschen sich zeigt. Doch das Blut allein, die vornehme Abkunft bieten nicht immer Gewähr für das Verhalten. Jeder muß sich feiner Abstammung aufs neue würdig zeigen. Und so schließt sich an die Verherrlichung des Geschlechtes auch die ernste Ermahnung, die alten adeligen Ideale hochzuhalten und im Leben zu bewähren. Nie dürfe man die Dankbarkeit gegen die Götter vergessen, nie in Maßlosigkeit verfallen, die stets den Menschen Unheil bringe. Der heimische Mythos ist für Pindar ein starkes Mittel, die Sieger an die Verpflichtungen zu erinnern, die ihnen ihre Herkunft auferlegt, die sie den Göttern gegenüber haben. Immer sind Pindars Siegesgefange nicht nur Lob des Siegers, sondern zugleich auch Anrufung der Götter, so daß in ihnen noch die alte Bedeutung des Hymnus, der ursprünglich nur Göttern gebührte, weiterklingt. Für die Menschen aber ist damit die Mahnung verbunden, die Kräfte des Blutes und der Heimat zu achten und zu pflegen, und sich als Glied einer Kette zu fühlen, auf die man wohl stolz fein darf, die aber ebenso stark verpflichtet. Es ist der ritterliche Adel Griechenlands, dem Pindar feine Kunst weiht, und der in feiner Dichtung uns in verklärtem Abglanz gegenüber» tritt. Aber so schön uns diese ritterliche Welt auch geschildert wird, sie ist doch schon zu Pindars Zeiten fast überlebt. Der Dichter selbst sah noch ihren Niedergang. Im zweiten Jahrzehnt des sechsten Jahrhunderts vor Christus ist Pindar in Theben geboren; fein Leben fällt in eine Zeit großer Entscheidungen und Gefahren für Hellas, in die Epoche der Perserkriege. Allein wie feine Vaterstadt in diesen Kämpfen in schwächlicher Unentschiedenheit abseits stand, so findet sich auch — mindestens in den uns erhaltenen Dichtungen Pindars, die ja nur einen Bruchteil feines Werkes darstellen — kaum eine Spur von dem großen Erleben jener Jahre, wie es etwa in der Persertragödie des Aefchylus mitfchwingt. Er hielt an den alten Idealen der griechischen Aristokratie fest, wie sie in feiner Heimatstadt Theben, in dem nahen Aegina, in Sparta noch maßgebend waren, während er der neuen Zeit, wie sie vor allem in Athen sich im Bewußt- werden der volksmäßigen Kräfte zeigte, ablehnend gegenüberftanb. Dafür schien sich ihm bei den Selbstherrschern, die in den sizilischen Städten, wie Syrakus, Gela oder Akragas die Macht an sich gerissen hatten, das alte Aristokratentum weiterzuerben, und so zögerte er nicht, seine Muse auch in ihren Dienst zu stellen, was ihm schon bei Lebzeiten gelegentlich verübelt worden ist. Doch ist er auch diesen Fürsten gegenüber nicht ein haltloser Schmeichler, sondern hält auch ihnen gegenüber fein sittliches Ideal hoch und gibt der Forderung, Gerechtigkeit gegen die Menschen und Dankbarkeit gegen die Götter zu üben, beredten Ausdruck. Dennoch zeigt sich gerade in diesen Fürstengedichten ein innerer Bruch. Denn die Stadtherren von Syrakus oder Akragas nahmen ja nicht selbst an den Olympischen Kämpfen teil, sondern sandten nur ihre Rosse und Wagenlenker — und so kann man ein Mißbehagen nicht unterdrücken, wenn man das überschwängliche Lob lieft, das Pindar etwa dem Hieran von Syrakus spendet, der ja den Wagensieg gar nicht selbst errungen hat, sondern nur die Mittel hatte, Rennpferde zu züchten — und den Dichter zu bezahlen. Denn Pindar legte auf reichliche Honorierung feiner Hymnen großen Wert, nicht anders als bie-anbern Dichter feiner Zeit. So zeigt sich gerabe in biefen oft besonders reich ausgeführten Gedichten die innere Brüchigkeit dieser Adelswelt, die Pindar wohl in ehrlicher Ueberzeugung verherrlichte, die aber bereits ihren inneren echten Sinn zu verlieren begann. Vielleicht fühlte der Dichter selbst, daß er etwas besang, was unwiederbringlich dahin war. Die Stimmung in seinen Versen wirb trüber, düsterer. Aegina, bas er befonbers liebte, feine SBaterftabt selbst wird von b-r Vormacht Athens überschattet Bald nach 446 scheint Pindar gestorben zu sein. So mußte Pindar noch sehen, daß die überragende politische Bedeutung der Abeisgeschlechter, die er besungen hatte, verloren ging. Aber in seinen Siegesliedern hat er das dauernd Wertvolle der alten adeligen Tradition in die neue Zeit hinübergetragen und so den folgenden Generationen gerettet. In ihnen lebt die adelige Eunomia, die Wohlgesetzlichkeit, weiter, die Maß und Selbstbeherrschung einschließt und doch dem Wirken des Mannes Freiheit im selbstgegebenen Gesetz läßt. Für uns aber hat Pindar das edelste Bild des olympischen Siegers geschaffen, bas wir kennen, bes Kämpfers, untabelig an Leib unb Seele, ber keinen anbern Lohn feiner Taten erwartet als einen schlichten Kranz von Olivenzweigen unb unsterblichen Ruhm. „Edle Urkraft lebt im Wasser, Golb roieber leuchtet wie Feuer zur Nacht unb lobernb Überstrahlt sein Glanz bie stolze Pracht unb Kostbarkeit bes Reichtums. Doch willst bu, o Freunb, einen Wettstreit besingen, so suche nicht am reichbestirnten Himmel nach einem Gestirn, das die Sonne verdunkelt, und nicht nach würdigerem Stoff des Liedes, als es der Kampf in Olympia ist." (Nach der Verdeutschung von A Mittler.) Der Lieblingsbaum. Don Conrad Ferdinand Meyer. Den ich pflanzte, junger Baum, Dessen Wuchs mich freute, Zähl' ich deine Lenze, kaum Sind es zwanzig heute. Oft im Geist ergötzt es mich, lieber mir im Blauen, Schlankes Astgebilde, dich Mächtig auszubauen. Lichtdurchwirkten Schatten nur Legst du auf die Matten, Eh' du dunkel deckst die Flur, Bin ich selbst ein Schatten. Aber Haschen soll mich nicht Stygisches Gesinde, Weichen werd ich aus dem Licht Unter deine Rinde. Frische Säste rieseln laut. Rieseln durch die Stille. Um mich, in mir webt und baut Ew'ger Lebenswille. Halb bewußt und halb im Traum lieber mir im Lichten Werd' ich, mein geliebter Baum, Dich zu Ende dichten. wollen?" Am fünften Tage in der Frühe begann er recht zu behalten. Die meisten Passagiere saßen im Speisesaal beim Frühstück, da verkündete der Lautsprecher von der Kommandobrücke, daß der Kapltan den werten Gästen etwas Interessantes mitzuteilen habe. Das war etwas Ungewöhnliches. Alle spitzten die Ohren. Ruhig und beruhigend klang gleich darauf die Stimme des Seebären: „Seien und werden Sie nicht nervös. Der Mann im Korb hat einen Eisberg gesichtet. In einer halben Stunde längstens werden wir ihn passieren. Eisberge, die man sieht, haben keine Gesahr. Ein guter Rat nur- Ziehen Sie sich warm an, ehe Sie mit Kameras zum Promenadendeck gehen. Eisberge sind herzlos kalt, -unb die Linie übernimmt keine Versicherung gegen Schnupsen." Alles lachte. Alles war nervös. Jeder wußte etwas anderes, und niemand wußte etwas richtiges. „Ich fahre zwölf Jahre zur See", sagte der Erste Offizier, den der Kapitän sofort unter die Passagiere beovdert^hatte, um zu beruhigen, „aber einen Eisberg habe ich noch nie gesehen." „Er kommt aus dem ewig-einsamen, unbewohnten Thule", schwärmte eine blonde Frau und sah den Offizier an wie den Weihnachtsmann. , Eigentlich ist es internationale Pflicht der USA.-Marine, jeden solchen Burschen bereits im Hohen Norden zu torpedieren. Der scheint ihnen eben ausgekommen zu sein!" „Huh! Warum denn gleich torpedieren!? —" entsetzte sich die blonde Frau, „man könnte doch auch darauf schießen ... Ober sie anbohren, damit sie sinken ..." „Der Eisberg wird Ihnen gleich selbst die Antwort darauf geben!" sagte der Offizier. „Bring mir den Sealpelz auch noch mit, denn der Kapitän hat immer recht!" Der Käpten macht seine Scherze, Adele, verlaß dich drauf!' „Und die Reifedecke dazu! Sie befahl. Er trottete davon. „Schleimsuppe, bitte!", baten die Gesunden. Ich habe sie als Kind schon nicht gemocht", sagte der Sachse, dem die Hafergrütze nicht mehr mundete. Der Kapitän wollte die Stimmung heben: „Wenn die Herren Mut haben und noch Reservekräfte, dann gehen Sie einmal mit mir in den Raum, in dem unsere lebende Tlerfracht ist. Sie haben das Erhabenste gesehen, ich will Ihnen noch etwas zeigen. Der Weg führte über hundert Spindeltreppenstufen. Tief haustief ging es in den Bauch des Ozeankolosses. Der AbsUeg auf den engen Treppen, dazu in ewigen Windungen war ein akrobatisches Kunststück, dazu die leisen Anzeichen der Seekrankheit. Wir schafften es mit einigen blauen Flecken. .. ,L .. . , Endlich waren wir im Laderaum für lebende Fracht. An Hunderten von Kanarienvögeln und Edeltauben vorbei, die alle tiefphilosophisch in ihren kleinen Holzkäfigen saßen, kamen wir zu einer langen, aber schmalen Kiste. Der Kapitän zündete Licht an und sagte: „Darin ist das königlichste Tier neben dem Löwen — ein Tiger!" Wir traten näher. In diesem Augenblick hörten wir ein tiefes Seufzen. Wir sahen in die Kiste, die an ihrer einen Schmalseite nur vergittert war. Fracht ist teuer, und sie wird auf den Quadratzentimter berechnet. Em Tiger stand darin — ober lag er? — als habe er den Jammer ber ganzen Welt allein zu tragen. Ich habe noch nie unb nie mehr ein so armseliges Gesicht gesehen. Die Äugen sahen uns gequält entgegen. Unb nun liefen aus seinen Augen Tränen, zwei schwere bicke Tränen^bie langsam herab- rollten. Einige Sekunden später schrie der Tiger ^ue^ch-ungluctt.ch. Aller Hoheit hatte sich dieses erhabene Tier begeben. ^ie .volle Verzweiflung der eingesperrten Kreatur sprang uns an und wandelte alles in uns in Mitleid. . „Man möchte ihn herauslassen", sagte jemand, „er wurde aus der H^^Dafür^ möchte ich doch nicht garantieren. Immerhin, die Seekrankheit vergißt auch er nicht mehr!", meinte der Käpten. .Solch ein erhabenes Tier und nun so kläglich ■■■“ Der Tiger ließ seinen Kopf hängen unb sank noch kleiner in sich zu- sarnmen lebend am Hubsonpier an, allerdings mit zwölf Stunden Verspätung, und wir hatten sogar einen Kaps Lebewesen meh an Bord, als sich an der „Alten Liebe" eingesch.fit hatten In der Passa- gierklasse war ein Baby geboren worden. Der Schlffsarzt schmunzelte vor 1 Stolz ... __ ,0 wir haben 18 Grad Morgenkemperatur ... Wenn sie um drei Grad 'fällt, was macht das schon aus?" -zck habe acht Tage nicht mehr niesen können , sagte der Obersteward, „als ich mit Byrd am Nordpol war. Meine Nase war nicht erkältet, sondern glattweg eingefroren!“ „Da ist er schon!" Ein Sachse fiel mit seinem Glas fast über die N°Er war es nicht schon, aber nach einer Viertelstunde war er es, unb nun gab es ein Erlebnis. Jedes Gespräch verstummte, nur einer sagt« noch, ber den Mund nicht halten konnte: ~ „Nur ein Viertel eines solchen Eisberges guckt über das Wassert* Der Erste Offizier stellte sachlich fest: „Von ber Kommandobrücke hat man ihn gemessen: 42,2 Meter übet ^"Langsam wie ein Zyklopenauge, das eben über den ftortjont fttjaut, kam er auf uns zu. Als er größer wurde, flammte er in taufend Farben auf Er funkelte wie ein Riefendiamant. Vom blendenden Weiß feiner Oberfläche durchlief er alle Skalen des Spektrums über jarteftes ©run- gelb zum sattesten Blau und fort zum flammenden Rot, um bann violett unb blau zu verklingen. Strahlen bes Li^ts Achten, und irgendwelche Schründe ober Risse, die er Haden mochte brachen die S rohlen und seine Farben noch einmal, zehnmal, hundertmal. Der Diamant wuchs ins sinnlos Uebertnmenfionale, und er wuchs an uns heran von Se ©title an Bordorote in einer Kirche. Kein Windhauch In den Lüsten. Beugte sich selbst die Natur von solcher Majestät? Nun hörte man mit einem Male, wie der Eisberg das Wasser mit seinen Kanten und Ufern zerschnitt das ohnmächtig 'hm angischte. Wie ein Segler, der vor dem Winde liegt, sauste er dahin, hatte eine unerhörte Geschwindigkeit, auch wenn man die unseres Schiffes, das ihm immer noch entgegenfuhr, abrechnete. Und nun warf er feine Halte gegen uns. Wie ein Eishauch des Pols selbst berührte sie uns. Nicht der Eisberg ließ sich von der Gegend, in der er herrschte, d'e Temperatur diktieren, sondern er bestimmte sie, rote sie seinem Wohlbehagen paßte. Er schrieb die Gesetze vor, niemand sonst! Wir waren fröstelnd froh, daß er zweihundert Meter weg war. Das Thermometer zeigte zwei I sind nun war er ganz nah! Dieser Einsiedler, dieser Einzelgänger, der zum Golfstrom in fein endliches Verderben zog. Im Spiel ber Farben glaubte man bunte Vögel, Raubtiere auf ihm zu erkennen, Fata Morganen einer erregten Phantasie. Er bulbete kein Leben um sich. Ein Koloß, em Urweltlicher. Das Erhabenste, was wir bisher an Naturschauspielen gesehen hatten. Die meisten Passagiere stellten ihre Photoapparate ein, als er im Abziehen war. Man fror, aber bie Mäntel lagen vergessen auf ben Stühlen... •' _r Als er verschwunben war, meinte ber Obersteward: „Der dicke Herr wird dicke Sachen bringen. Als ich mit Byrd ... "Windstärke elf bis zwölf mindestens!" Der Steward verschwand in seinem Büro. Und der Sturm kam in der Tat. Kam so toll. Doch darüber ein andermal! Beim Abendessen schon waren die Passagiere dezimiert. I Der Steward meinte: „Das leichte Dinner, meine Herren?" Verantwortlich: vr. Hans Thyriot. - Druck unb Verlag: Drühl'sche UniversttätS.Vuch. und ©teinbrudetei. X Sange, ©leben. Der Eisberg und der Tiger. Zwei Erlebnisse auf dem Atlantischen Ozean. Von Heinrich Hinck. Unser Zwanzigtausendtonner hatte von der „Aston Liebe in Cuxhaven ab vier Tage ruhigste Meerfahrt hinter sich. Wir lagen noch zwei Tage vor der Freiheitsstatue, und schon machte sich unter den Passagieren etwas wie Landefieber bemerkbar. Koffer wurden gepackt und Verabredungen für Fortsetzung der Bekanntschaft noch m USA. getroffen. Man hatte sich doch beim Verdauungsschlaschen aus dem Promenadedeck immer so außerordentlich gut verstanden. Ganz kühne Seelen schauten schon nach dem Paß- und Polizei-Lotsen aus, der b.s einen Tag von Neuyork entgegenzukommen pflegt. „Wir haben „Kells Icitckev noch nicht hinter uns", meinte der Obersteward vom Grillroom, dessen tausendste Uebersahrt über den Atlantischen wir gefeiert hatten. Er war Pejsimist von Haus aus. So meinte ein Passagier zu Hm: „Haben Sie noch so Diel kulinarischen Vorrat, weil Sie uns noch Nicht los sein