SiehenerZamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Nummer 31 Montag, den 20. April Jahrgang 1936 Das Iahr des Herrn Roman von Karl Heinrich Waggerl Copyright by Insel-Verlag zu Leipzig. 6. Fortsetzung. Ach, großartig, wenn im Hochsommer das Tal wie ein Pechkessel siedet, wenn die Brunnen sadendünn werden und zuletzt ganz versiegen, wie es bisweilen geschehen ist, und dann, in der höchsten Not, ginge David mit der Rute über die stäubenden Felder, — grabt hier, würde er sagen, und da, ihr Kleingläubigen, und sogleich wäre das Land wieder frisch und grün von den springenden BrunnenI Und eines Tages käme vielleicht die Mutter aus der Stadt zuruck, aber nicht vierspännig, nein, sondern zu Fuß und ganz arm, völlig verzagt. Ihr $)aus wäre niedergebrannt, der ganze Wäscheladen und die Leinwand bis hinauf. Früher, würde sie jammern, früher konnte ich alles bar auszahlen, und jetzt haben wir nicht einmal das Brot auf die Suppe, Ogottogott! Er aber zöge sie ganz langsam an sich, ganz zart, — weine nicht, würde er sagen. Wieviel brauchst du, wie viele Töpfe voll Taler? Ja, warum sollte David nicht einmal seine Kräfte versuchen? Nach Feierabend schneidet er eine Astgabel aus dem Haselbusch, er nimmt sie in beide Hände und wandert in sich gekehrt Uber das Psarrseld, immer geradeaus. Auf ein wenig zertretenes Gras darf es dabei nicht ankommen. Ein Graben gerät ihm dazwischen, ein Zaun, David geht und geht, mitunter versucht er dies und jenes, ein Kyrie, ein Stoßgebet, ob es wohl helfen möchte, und plötzlich, mitten im Krautacker der Schusterleute, bleibt er stehen, wie vom Blitz gebannt. Wahrhastig, die Rute hat gezucktI Ein paar Mal war ihm schon so, aber jetzt ist kein Zweifel mehr, siedend heiß lief es ihm durch die Arme. Er wirst sich hin und fängt mit bloßen Händen zu graben an, Erde zuerst, ein paar Krautpslanzen, dann alten Mist und Schotter, gleich wird die Quelle kommen, er riecht sie ja auch schon. Aber leider, es fließt kein Wasser, sondern der Schuster klettert über er von weitem, verdammt noch den Zaun. Was suchst du denn da, schreit einmall ,,, .. ,,, . Eine Quelle, sagt David voll heißen Glaubens. Hier ist nainlich ein Brunnen unterwärts in der Erde, den gräbt er aus. So? Was das betrifft, so will der Schuster gar keinen Brunnen haben, jedenfals nicht in seinem Krautacker. Scher dich zum Teufel, brüllt er, du Rotznase! . Gut, das tut David auch. Mit solchen Leuten laßt er sich nicht ein, die im Gespräch gleich nach dem Hosenriemen greifen. Ach, es ist jammerschade, gewiß kam der Schuster nur um einen Augenblick zu früh, David hatte es ja schon kühl und feucht unter den Händen. Oder vielleicht war es gar keine Quelle, was die Rute anzeigte, sondern der Schuster hatte dort einen heimlichen Schatz vergraben, es heißt ja, er sei diebisch wie eine Elster Nun gleichviel, David versucht es geduldig von neuem, rennt gegen Bäume und stolpert über Hühner, die sich auf dem Gehsteig sonnen, und wirklich, die Rute zuckt! Einmal im Steinbruch, da nutzt es wenig. Das andere Mal, während er über den Bach steigt, natürlich, dort muß sie ja zucken! Und zuletzt im Obstgarten, hier kann David endlich mit Ruhe ans Werk gehen. Er holt Krampe und Schaufel, eine gute Weile arbeitet er eifrig im zähen Wurzelwerk, und dann, — ja, da habt ihr es! Da rieselt wirklich und wahrhaftig Wasser über das Schaufelblatt, ein keiner Tümpel glänzt auf dem Grund des Loches. Soll David nun im Gras knien und den Herrn laut loben, oder fou er nur still von dannen gehen und die geheime Kraft bei sich verbergen? Der Pfarrer schaut ihm vom Fenster herab zu. David, sagt er in seiner langsamen Art, was tust du da, gräbst du mir die Bäume aus? Wasser, Hochwürden! schreit David hinauf. Gr hat eine Quelle gesunden, mit nichts als einem Haselstecken in der Hand und mit Gottes Hilfe, selbstverständlich. Warte antwortet der Pfarrer, und dann kommt er herunter und erklärt dem kleinen David diese Sache Das ist keine Quelle sagt er das ist Grundwasser, verstehst du? Du kannst es hier herum überall finden wenn du tief genug gräbst, und wenn es mcht so wäre, mit Gottes Hilfe wie du sagst, dann könnte kein Baurn wachsen und groß werden, und kein Bach könnte fließen. Ja, und setzt iw,rf das Loch wieder zctt Aber hat die Nute denn nicht tatsächlich gezuckt? Sogar daheim über dem Stubenboden schlug sie aus, und was war der Grund. David muhte lange suchen, bis er heraussand, daß in der unteren Stube ein Kind auf dem Topf saß, gewissermaßen auch eine Quelle, wenn man es genau nahm. David wird an allem irre, er schläft nicht mehr richtig und geht traumverloren umher, und endlich kommt er zu dem Schluß, daß ihm vielleicht doch der nötige Grad von Heiligkeit noch fehle, weil ihn Gott so zuschanden werden ließ. Ja. wahrscheinlich kam es darauf an, Einsiedler zu werden, man mußte fasten und beten und mit den Tieren des Waldes leben, so beiläufig gelangen einem die Wunder eben nicht. Indessen aber dreht sich der Turmhahn dem Ostwind entgegen. Die Schwalben fliegen hoch, und der Häher schreit nicht mehr, der verrufene Regenvogel. Heuwetter kommt, überall auf den Höhen klingen die Dengelhämmer. Einer fängt an, ein zweiter und ein dritter schläfst kunstvoll dazwischen, und zuletzt wird ein Gesang daraus, eine schöne und starke Musik über dem schwirrenden Chor der Grillen. Das erste, was dem Mäher gebührt, ist ein Platz an der Mus- psanne. David weiß, daß ihm diese Ehre nicht zukommt. Sein Werkzeug ist noch der Rechen, er sorgt für den Wasserkrug und bringt den Jaufen- käse auf das Feld, wenn die Leute im Zaunschatten rasten. Aber diesmal hat die Köchin auch für ihn einen Löffel auf den Tisch gelegt. Greif zu, sagt der Pfarrer, du wirst es brauchen! Oh, David darf sich eine Sense aussuchen, einen eigenen Wetzstein bekommt er in den Kumpf, und jetzt ist er so gut wie jeder andere Knecht, das werdet ihr gleich sehen! Natürlich kann David schon lange mähen, daran fehlt es nicht, aber es ist zweierlei, ob man nur einen Korb Grünfutter einbringt ober ob man eine frische Wiese vor sich hat, unabsehbar im Zwielicht des Morgens, eine rauschende Äräserslut, von Wucherblumen und Schierling weiß überschäumt. David kommt neben die Magd zu stehen, die ein fülliges Frauenzimmer ist, eine Bärin im Vergleich zu ihm. Sie hat ihre Röcke auf- gefleckt und lacht ihm gutmütig zu. So, mein Bürschchen, sagt sie, jetzt zeig, daß du deine Hosen verdienst! Anfangs geht es David prächtig von der Hand, er hält Schritt in der Reihe und Überholt sogar den Pfarrer ein wenig, der freilich im Nachteil ist, weil er nichts im Magen hat. Er muß nachher erst die Messe lesen. Das Gras ist noch taufeucht und frisch, es drückt sich von selbst in die Umarmung der Sense, seufzend fällt es zusammen. Bei einem richtigen Mäher ist die Gasse vier Schritte breit und wie ausgekehrt, nebenher läuft eine schnurgerade Zeile Heu. Er versteht es, die Schneide zu schonen und den Maulwurfhaufen auszuweichen, den Ameisen, die Im Feld ihre Erdhügel aufbauen. Breitbeinig, mit schwingenden Knien setzt er Schritt vor Schritt. Dann stellt er die Sense aus, er säubert das Blatt mit einem Büschel Gras und schärst den singenden Stahl und gönnt sich einen Augenblick Rast im frischen Wind. Aber die Sonne steigt höher, sie lastet schwer im Nacken und macht bas Gras sperrig, jetzt wirb bie Arbeit sauer bis zur Jausenzeit. Davib ist tobmübe, bas Blut steigt ihm schwarz in bie Augen, aber er hält aus, gelassen setzt er sich unter bie Stauben, wie es bie anberen tun, und nur seine Hände schiebt er in bie Tasche, bamit man bie Blasen nicht sehen kann. Nein, er will nichts essen. Am liebsten möchte er schlafen ober nur so liegen, platt auf ber (Erbe, nur lange so liegen. Von weither hört er bie Leute schwatzen unb lachen, ber Himmel dröhnt von lauter Licht und Glanz, es riecht nach Schweiß, nach Heu und scharfem Käse. Morgen! hört er bie Leute sagen unb seufzt. Ausbreiten unb roenben, was meint ber Pfarrer, wirb bas Wetter halten? Du, Davib! bu verstehst blch ja aufs Wasserriechen! Ach, laß ihn, Theres! sagt ber Knecht. Er hat bich ja bdch aus- gemäht, gib es nur zu! Nun, bas ist zwar zuviel gesagt, vielleicht tut es ber Knecht auch gar nicht Davib zuliebe, wenn er so übertreibt, aber Agnes kommt boch mit dem Krug zu ihm, — trink einmal, David, es ist kalter Kaffee! Hände und Glieder schmerzen nicht mehr, wenn Agnes so sagt. Nachmittags ist die Arbeit leichter, man geht zu Paaren neben einander her und wendet das knisternde Heu, dabei läßt sich gut über allerlei reden, wenn man über den Anfang hinaus ist. Bleibst du eigentlich noch bis zum Herbst? sagt David. Ja, warum? Nur so. — Falls David früher fortginge. Fort? Agnes streift ihn mit einem schnellen Blick aus den Augenwinkeln. Wohin denn? David schweigt. Er weiß es selbst nicht, es kam nur so heraus. Vielleicht sollte Agnes ein bißchen erschrecken, und nun mag Gott wissen, wohin David gehen wird. Aber Schweigen ist Gold, nach einer Weite fragt Agnes wieder. Weit? fragt sie. Kommst du lange nicht zurück? Nie mehr, antwortet David düster. Ach, bann weiß es Agnes schon. Was benn? Dann gehst du in die Stadt. Zu deiner Mutter gehst du ganz einfach. O nein, das nicht. Schafhüten? Nein. Ins Kloster? Auch nicht. Warte — nein, doch nicht. Ach Gott, mit deinem Nein und Nicht, geh doch überhaupt zum Kuckuck, meinetwegen I Schweigen. Du sagst es ja weiter, beginnt David wieder. Keine Antwort. Wenn du es nämlich bestimmt niemandem sagst... Agnes schüttelt heftig ihre Zöpfe, also gut — Ich werde Einsiedler, erklärt David feierlich. Was? r r Einsiedler. Das ist viel, viel mehr als eine Klosterfrau oder ein Pater. David wird hoch oben aus dem Berg in einer Höhle leben, ganz allein im Wald, wo er am tiefsten ist. Und er wird sich von nichts als von Schwämmen und Wurzeln nähren und Wasser dazu trinken, und nachts wird er aus der bloßen Erde schlafen, zuerst auf Reisig, dann auf Brennesseln und zuletzt auf Glasscherben, bis sich Gott zu ihm herabläht. Gott redet nämlich mit den Einsiedlern, wenn sie schon ganz dürr und ausgezehrt sind. Er kommt in Gestalt einer Wildtaube aus den Wolken herab, manchmal ist er auch ein Fuchs oder ein Reh, und dann darf der Einsiedler drei Fragen stellen. Was fragt er denn? Nun, ob Gott vielleicht ein Erdbeben im Sinn hat oder ein Hochwasser, und wenn es so ist, dann wirft sich der Einsiedler auf die Knie und bittet inbrünstig um Gnade für die Menschen. Nur diesmal noch, er wird gern dafür auf Hufnägeln schlafen, nicht nur auf Glasscherben. Nein, antwortet Gott, ich will ihnen endlich eine Lehre geben. Weil sie dich so lange verspottet und verachtet haben, darum will ich sie züchtigen, und das ist mein letztes Wort. Aber der Einsiedler läutet dennoch Sturm mit seiner Glocke, er hat nämlich eine. Oder er steigt selbst herab und warnt die Menschen, alle bis aus einen oder zwei, Ja, diese beiden werden dann schon merken, an wessen Ohren sie sich vergriffen habenl Kann ich auch Einsiedler werden? (ragt Agnes Dir? Nein, keine Rede. — Ein Mädchen! Ach was, du Affe! Oder vielleicht doch. Agnes könnte eine eigene Höhle in der Nähe haben, es gab welche, fromme Frauen, die fingen so an, und nachher bauten sie ein mächtiges Kloster. Das wäre sogar besonders großartig, in aller Stille trügen sie Steine zusammen und singen zu bauen an. Was ist das nur für ein wunderbares Gemäuer auf dem Berg, würden die Wallfahrer sagen. Ja, das ist ein Kloster, David und Agnes haben es gebaut. — So? Unser Einsiedler lebt immer noch in einer Höhle! — Nun ja, der eure! Ja, David will nun endgültig der Welt entsagen. Bedenke, Agnes, er hat sozusagen alles vor sich, was ein Mensch überhaupt vermag. Er könnte Großknecht beim Vorstand werden oder in die Stadt ziehen und einen zweiten Laden aufmachen, noch größer, zwölf Stockwerke hoch. Nur einen Brief brauchte er zu schreiben, liebe Mutter, und so. Aber nein, er bat das alles überlegt und verworfen. Ja, fcyon, aber der Pfarrer wird das nicht erlauben, meint Agnes, der hochwürdige Onkel wird bestimmt böse fein. Nur anfangs, das war von jeher so. Als der heilige Antonius in die Wüste ging, da rauften sich auch seine Verwandten die Haare aus, er sei ein Schandfleck in der Familie, schrien sie, so etwas überlebten sie nicht, und hinterher setzten sie ihn in den Kalender. Das ist alles wahr, allein Agnes hat doch viele Bedenken, was das Wäschewaschen betrifft, und wenn es regnet, und ob sie dann gar nichts mitnehmcn dürse, nicht das Strickzeug wenigstens und ein Deckbett für die Nacht. Nein, nichts, darauf käme es eben an. Ach, es ist ein schwerer Schritt, so völlig allein im finsteren Wald, und für das ganze Leben, — Agnes möchte Bedenkzeit haben. In den nächsten Tagen geschieht nichts Besonderes, man mäht weiter und bringt das Heu ein, David und Agnes tun wie sonst ihre Arbeit. Es fällt niemandem auf, wie bedeutsam die Blicke sind, die sie sich zuwerfen, wenn der Pfarrer meint, daß man bald Kirschen pflücken werde oder daß Davids Pelz demnächst doch einmal unter die Schere müsse, er sähe ja wie ein Waldmensch aus. Wie ein Waldmensch, sagt der Psarrer! ♦ Am Tage vor Pfingsten aber kommt die Köchin zu Agathe in den Laden. Seit Menschengedenken ist sie niemals weiter als bis in die Kirche gegangen, und nun segelt sie mit wehenden Röcken durch das ganze Dorf. — Um alles in der Welt, hat niemand die Kinder gesehen? David und Agnes sind verschwunden. Man fand nur einen Zettel auf dem Kopfkisien des Mädchens, — lebt wohl! stand darauf geschrieben. Betet für mich, lebt wohl auf ewig! Und was noch unheimlicher ist, auch die Sonntagskutte des Paters war verschwunden, einfach fort aus feinem Kasten, ja, und am Hals der Leitkuh fehlt die Glocke. Gegen Mittag kam sie plötzlich von der Weide heim, stand da und schüttelte immerfort den Kopf, mit nichts um den Hals, — ein gräßlicher Anblick! Kann sich ein Mensch so etwas erklären? Nein, Agathe kann es auch nicht. Daß die Kinder verschwunden sind, mnq ja noch hingehen, wenn David im Spiel ist. Aber eine Kutte, eine Kuhglocke? Oh, die Köchin Helene hat das längst vorausgesehen, es steckt etwas Verruchtes in diesem Burschen, sagte sie immer, und das kann auch gar nicht anders fein, wenn man das Herkommen bedenkt! Das laß nur gut fein! antwortet die Krämerin scharf. Wenn es lauter Pfarrköchinnen gäbe, stürbe bte Welt aus. Sucht im Dachboden, rät sie, im Kirchturm, oder wartet einfach. Zur Essenszeit wird David schon zurück sein, es müßte sonderbar zugehen, wenn er die Samstags» "nefen versäumte. Allein es wird Abend, die Nocken zerfallen im Topf, und David kehrt nicht zurück. Pater Johannes ist außer sich, es ist Schändung, sagt er, Kirchenraub! Er hat sein Sonntagsgewand wie ein Heiligtum gehütet, aus reinem Kamelhaar war es gewoben. Und darum will er jetzt Roß und Reiter hinter dem Kuttenräuber herjchicken, mindestens den Wachtmeister, daß er ihn tot ober lebenblg roieberbringe. Ja, aber Roß und Reiter helfen da nicht. Um diese Zeit saßen die Kinder schon mitten im dichten Wald, freilich nicht sehr hoch über dem Tal, denn Agnes war bald müde geworden. Wie lange gingen sie denn chon so, immer mühsam durch düsteres Stangenholz und Farngefieder und schwarzen Morast, wie viele Stunden? Und wo waren die Höhlen, in denen sie bleiben wollten? Das alles wußte David nicht. Er war ausgewogen in dem Glauben, daß nur an Einsiedlern in der Welt Mangel fei, nicht aber an paffenden Wohnungen für sie. David hatte für fein Teil alles Notige defchafst. Er trug die Glocke unter dem Arm, mit Heu ausgeftopft, damit sie nicht vorzeitig laut wurde. Den Rosenkranz und bas Gebetbuch hatte er nicht vergessen, Nägel für ein Kreuz, bas er zimmern wollte, unb eine leere Flasche wegen ber Glasscherben. Lange war er im Zweifel gewesen, ob es ihm erlaubt sei, bem Pater eine Kutte zu entführen. Aber wenn Pater Johannes wirklich zu völliger Armut verpflichtet war, bann konnte auch bie Kutte nicht ihm gehören, sonbern Gott gab sie bem, ber sie am meisten zu Ehren brachte. Unb außerbem, ließ nicht ber Herr selbst einen Esel einfach vom nächsten Zaun holen, als er in Jerusalem einreiten wollte? Nun, Davib wartete auf ein Zeichen. Der Wald war still und förmlich trächtig von Wundern, jeden Augenblick konnte irgend etwas Ungewöhnliches geschehen. Vielleicht öffnete sich ein Fels unb rückte auseinander, ober es trat ein Engel aus bem Holz und wies ihm den Weg. Agnes wiederum meinte, hierher käme wohl niemals ein Engel, in fo einen scheußlichen Morast, das sollte sich David nicht einbilden. Sie hatte wieder ihren Pfannenstiel im Gesicht, und als sie hinter David auf einer Waldblöße über moosiges Geröll klettern mußte, schrie Agnes plötzlich laut auf. O Gott, sie hatte sich sehr weh getan, keinen Schritt konnte sie weitergehen. David sah sich um. Sie standen inmitten einer kleinen Lichtung, B-rken wuchsen da, eine Fülle von Blaubeeren im hohen Gestrüpp, unb hinterwärts schloß sich wieder der Wald über einem feuchtgrünen Felsen. Agnes konnte nicht genau sagen, wie ihr geschehen war, — so etwa, als griffe eine kalte Hand nach ihrer Wade und hielt sie fest. Ob bas nun für ein Zeichen gelten mochte ober nicht, sie mußte jebenfalls laut aufschreien vor Schreck. Agnes ließ sich auch von einem Engel nicht in bie Wabe zwicken. Aber David war zufrieden, er suchte zuerst für Agnes einen passenden Platz, eine Mulde zwischen den Blöcken, groß genug für den Anfang. Später konnte man noch manches dazutun, ein Dach aus Reisig siechten, trockenes Gras für das Lager fammeln, das alles fand sich mit der Zeit. Hier bleibst du, sagte David, und Agnes setzte sich gehorsam in die Stauden. Er selbst stieg noch eine Weile umher und bat den Engel, er möchte auch ihm ein Zeichen geben ober ein Bein stellen, wie es ihm beliebe. Schließlich entdeckte er oben im Fels eine Kluft, unb ba wollte er sich in Gottes Namen einrichten. Davib schlüpfte in bie Kutte unb schürzte sie mit bem Strick, bann hing er bie Glocke an einen Fichtenast. Von diesem Platz aus sah man weit über das Tal, aber es war eine ganz fremde Welt, so fern und entrückt über den Wipfeln des Waldes. Davib mußte sich eine Weile besinnen, ehe er bie einzelnen Gehöfte roicbcrerfannte, und nur bie Berge waren ihm wie immer vertraut, biefe grobschlächtige Sippschaft von Riesen, bie im Kreis herumhockten unb ihre einfältigen Gesichter über bas Darf neigten. Das alles' griff dem kleinen David seltsam ans Herz, die warme Sonne, das Geflüster des Windes im Laubwerk ber Birken, unb baß er nun wirklich ba in ber Wildnis faß, mit nichts als einer himmlisch duftenden Kutte unb einer buntbewegten Welt von Gebanken in seinem närrischen Kops. Was war nun zu tun. was gehörte eigentlich zum Tagwerk eines Einsiedlers? Mußte er jetzt gleich mit dem Beten und Büßen beginnen, mißfiel es Gott vielleicht, wenn David zuerst seinen krachenden Magen zur Ruhe brachte? Agnes hockte schon im Beerenkraut. Er stieg hinunter unb hals ihr beim Sammeln, unb als ber Hut voll war, setzten sie sich in ben Schatten unb aßen mitsammen Agnes war wieber vergnügt, ja, jetzt gefiel ihr biefes Leben schon besser. Sie sahen einanber an unb lachten, weil sie so mohrenschwarze Miinber hatten, aber bann konnte David plötzlich nicht mehr lachen. Mit einem Male empfand er die Nähe des Mädchens, den gleichen fußen Schreck der verstohlenen Berührung, Hingabe und Scham wie damals, als er die Mutter leiblich neben sich spürte. Er hätte um alles in der Welt Agnes nicht liebkosen mögen, nicht mit der Hand, unb fo. baß sie es wußte. Unb trotzdem burdjftrömte ihn eine verzehrende Lust, wenn es ihm gelang, ihre Schulter zu streifen, die weichen Knie. Agnes merkte nichts, — du drückst ja, sagte sie nur, drück nicht fo! Oder vielleicht merkte sie es doch und quälte ihn nur mit ihrer Offenheit. Sie mochte nicht mehr Beeren essen, ach, laß mich, saqte sie, geh weg mit deinem schmutzigen Hut! Dann slocht sie die Hände um ihr eines Knie und wiegte sich und war wieder obenauf, aber David sah recht gut, daß ihre Lippe ein wenig zitterte. Er haßte sie inbrünftig unb konnte sich boch nicht von ihr lösen. In biefer Stunde kroch schon bie Schlange in ben Saum zu ihren Häupten, unb der Apfel des Verhängnisses rundete sich verborgen im Laub. Aber nichts geschah. Später trennten sie sich wieder, waren sich gut unb riefen einanber zu. (Fortsetzung folgt.) Prinz Eugen, der edle Witter. Von Ferdinand Freiligrath. Zelte, Posten, Werda-Ruseri Lust'ge Nacht am Donauufer! Pferde stehn im Kreis umher, Angebunden an den Pflöcken; An den engen Sattelböcken Hangen Karabiner schwer. Um das Feuer auf der Erde, Vor den Hufen seiner Pferde Liegt das österreich'sche Pikett. Auf dem Mantel liegt ein jeder, Von den Tschakos weht die Feder, Leutnant würfelt und Kornett. Neben seinem müden Schecken Ruht auf einer wollnen Decken Der Trompeter ganz allein: „Laßt die Knöchel, laßt die Karten! Kaiserliche Feldstandarten Wird ein Reiterlied erfreun! Vor acht Tagen die Asfäre Hab ich, zu Nutz dem ganzen Heere, In gehör'gen Reim gebracht; Selber auch gesetzt die Noten; Drum, ihr Weißen und ihr Roten! Merket auf und gebet acht!" Und er singt die neue Weise Einmal, zweimal, dreimal leise Denen Reitersleuten vor; Und wie er zum letzten Male Endet, bricht mit einem Male Los der volle, kräft'ge Chor! „Prinz Eugen, der edle Ritter!" Hei, das klang wie Ungewitter Weit ins Türkenlager hin. Der Trompeter töt den Schnurrbart streichen Und sich auf die Seite schleichen Zu der Marketenderin. dessen Scharen nicht anders als einst Hunnen, Awaren, Ungarn und Mongolen mit jedem neuen Frühjahr, die östlichen und südlichen Gaue des Reiches bedrohen konnten. Die Franzosenheere rückten über den Rhein, der blühende Garten des Reichs, die Pfalz, versank in Asche und Staub. Bald war durch das französische Gold, durch des einstigen Türkenhelden Max Emanuels haltlosen Ehrgeiz auch Bayern verloren. Französische Armeen standen an der Donau, und über die oberitalienischen Felder rückten, die Rheinflanke bedrohend, die Regimenter des Sonnenkönigs bis weit nach Tirol. Für uns Heutige ist das Grauen dieser immer wieder gleichzeitig hereinbrechenden Türken- und Franzosennot kaum mehr ganz zu erfassen. Nur der Vertrag Frankreichs mit den Sowjets beleuchtet wie ein erhellender Blitz die ganze Furchtbarkeit jenes französischen Bündnisses mit einer asiatischen Großmacht. . Infolge des unaufhörlichen Haders der unzähligen deutschen Fürsten und Fürstlein, bei der Verlotterung kaiserlicher Verwaltung, bei dem völligen Fehlen jeder brauchbaren Wehrverfassung im Reiche und vor Eugen auch in den kaiserlichen Erblanden, bei dem Fehlen jedes Reichsgefühls schien das Ende der Deutschen unabwendbar. Denn wie sollte der machtlose, geldarme Kaiser in Wien, der nach dem Ausspruchs eines Kurfürsten seine Fürsten und Stände bei den Haaren in einen Reichskrieg gegen Türken und Franzosen zerren muhte, dieser Not noch steuern? Da ergriff der kaum dreißigjährige Prinz Eugen von Savoyen den Degen des Reichs. Unter unvorstellbaren Schwierigkeiten hat Eugen nun seine Schlachten geschlagen. Der Armee fehlte es am Nötigsten, an Munition, Proviant und Monturen. Oft muhte sich der Marschall der Deutschen von seinen Unterführern Geld ausleihen, nur um die unumgänglichsten Bedürfnisse des Tages zu schaffen. Die Reichskontingente marschierten nach Hause, wenn ihnen etwa die Quartiere nicht pahten oder ihr eigener Kriegsherr gerade wieder einmal mit den Franzosen paktierte. Und doch war zwanzig Jahre später durch Eugens Schwert der Sonnenkönig in die Knie gezwungen, der Türke für immer in die Berge des Balkans gejagt, war das Reich wieder zur ersten Macht Europas geworden, und seine von jungem Ruhm umrauschten Fahnen wehten von der Nordsee bis nach Siebenbürgen, bis an den Unterlauf der Donau, von der Ostsee bis nach Italien. Im Guten und Bösen ist damals über das Schicksal der Deutschen entschieden worden. Denn Prinz Eugens Soldatentum, von dem Friedrich der Große bekannte, daß er von ihm den Krieg gelernt, seine weise Staatskunst haben damals den deutschen Menschen vor dem völkischen Tode bewahrt, haben das Reich vor dem schon sicheren Untergänge gerettet und das Reichsgefühl von neuem erweckt, das heute endlich wieder in allen Herzen lebt. Der Jubel, der von allen Türmen die Siege Prinz Eugens umbrauste, war, trotz allen Fehlern und Freveln der Kommenden, schon das Morgenläuten einer deutschen Aber auch dort, wo selbst sein machtvoller, in Jahrhunderten denkender und über Jahrhunderte wegschauender Geist an seiner Umwelt scheiterte, wie etwa damals, als er Kaiser Karl VI. den Weg Zeigte zur endlichen Einigung und Befriedung des Reichs, hat die von ihm regierte Weltenstunde das deutsche Schicksal bestimmt bis auf den heutigen Tag. „ . ... Denn damit, daß der letzte Habsburger sich zu klem erwies für Eugens großen Plan, unter Aufgabe' aller auß-rdeutschen Interessen der Habsburger die Stromgebiete von Rhein und Donau zu einem gewaltigen, wahrhaft deutschen Reiche zu einen, hat die Zerreißung des Reichsbodens ihren Anfang genommen. Jene Sünde Karls VI. gegen den eugenischen Geist hat die preußisch-österreichischen Kriege, die Riederlegung der deutschen Kaiserkrone vor dem napoleonischen Ansturm verursacht und in weiterer Folge das Unfaßbare möglich gemacht: die uns Heutigen so schmerzliche Abtrennung der österreichischen Ostmark, die so lange das deutsche Schild und Schwert im Osten und dann auch im Westen gewesen ist, von dem Körper des Reichs: Jene siaatsmännllche Sünde des letzten Habsburgers hat aber auch die Richtigkeit eugenischer Gedanken bewiesen, daß dieses Oesterreich, wie die Geschichte es erwiesen hat, trotz allem Glanz und Ruhm, ohne die deutsche Verankerung auf die Dauer nicht fein konnte. Diese ihm vorschwebende Verdichtung und Einigung des Reiches um die Stromgebiete von Rhein und Donau, um das Rückgrat Europas also, hat den gewaltigen Savoyer auch dazu getrieben, buchstäblich noch am gleichen Tage, an dem er den Osmanen das letzte Stück Ungarns entrissen hatte, mit der planvollen Besiedlung der in der Türkenzeit völlig verödeten Gebiete Süd- und Südostungarns durch Bauern aus der westlichen Hälfte des Reichs, aus der Pfalz, aus Schwaben, dem Rheinland und Lothringen zu beginnen. Indem er so ganz bewußt die Kuppel des Reichs von der Ost- und Nordsee und nun auch noch von den damals noch österreichischen Niederlanden bis an die Berge des Balkans wölbte, hat er, in dem man sonst allzusehr nur den Türkensieger und zu wenig den Bezwinger des Sonnenkönigs sieht, seine Befreiung Ungarns von der Osmanenherrschaft erst sinnvoll gemacht. Nur wer jemals offenen Auges und Herzens durch die Tore von Peterwardein, durch die deutschen Dörfer des Banats und der deutschen Batschka gewandert ist, weih, was Vrinz Eugen dort für das Reich getan hat. Denn auch heute noch verklingt erst dort die Seele des Reichs. Als Soldat ill Prinz Eugen von Savoyen, der am 21. Avril 1736, als Maria Theresia schon neunzehn Jahre zählte, in seinem schönen Schloß Belvedere ohne Todeskrankheit hinüberging, der Retter des deutschen Lebensraumes gewesen, als Staatsmann der Erwecker und Denken eines wahren heiligen Reiches aller Deutschen. Und dennoch nennen wir seine Zeit, in der der Sonnenkönig seine würgende Faust um bi" K-chl» des Reiches legte, die deutsche Pfalz nieber^rnnnte und bnnn fchsi-E-d doch noch von Eugen bezwungen wurde, immer noch das Zeitalter Ludwigs XIV., statt es das eugenische zu nennen. Der des Reiches. Zum 200. Todestage des Prinzen Lugen. Von Alfons v. Czibulka. Durch nichts läßt sich der Irrtum kleindeutscher Geschichtsauffassung klarer beweisen, als durch die uns heute schon fast unfaßliche Tatsache, daß in dem Zeitraum kleindeutscher Politik die berauschende Gestalt des großen Savoyers dem Gedächtnisse unseres Volkes fast völlig entschwand. In der Erinnerung der Deutschen jener Zeit war nichts geblieben als das unsterbliche Lied und das verschwommene Wissen darum, daß Prinz Eugen von Savoyen ein österreichischer General und ein berühmter Türkensieger gewesen ist. Dah er der größte Feldherr und wohl auch der größte Staatsmann des Reiches aller Deutschen war, kam niemand mehr in den Sinn. Was ging Klem- deutschland auch die Geschichte Oesterreichs an? Dah die österreichische Geschichte doch nur ein Teil der Reichsgeschichte ist, war völlig vergessen. Um zu verstehen, welch unbegreifliches Verkennen des Reichs- qedankens es war, die Erinnerung an Prinz Eugen auszuloschen ihn gleichsam aus der Reichsgeschichte zu streichen und einer andern Abart kleindeutscher Geschichte, der schwarzgelben, zuzuweisen, muß man sich entsinnen, was sich in dem halben Jahrhundert fernes Wirkens durch ihn in Europa begeben hat. Als an jenem unvergeßlichen 12. September 1683 die Bayern, die Kaiserlichen, die Sachsen und Polen, von den Höhen des Kalsten- gebirqes auf das Türkenheer niederstohend, das todgeweihte Wien befreiten, dessen Soldaten, Bürger und Studenten sich in beispiellosem Heldenmut neun lange Wochen gegen unvorstellbare Uebermacht gewehrt hatten, betrat der zwanzigjährige Prinz Eugen von Savoyen als Kriegsfreiwilliger mit dem Degen in der Fault durch d,e Bresche der Burgbastei zum ersten Male Wien. Um diese Zeit war das heilige Reich der Deutschen selbst in einer nicht minder hoffnungslosen Lage, als es das eben gerettete Wien einen bangen Sommer lang gewesen war. In beharrlichem, ja genialem Streben nach dem schon von Richelieu ausgestellten Ziele des delendam Germamam, des Planes der franjo- silchsn Vorherrschaft über das Abendland, dessen Krönung die heilige Krone der Deutschen auf dem Haupte des Franzosenkomgs fern sollle hatte sich der Sonnenkönig Ludwig XIV. mit dem Sultan verbündet. So wie Wien von dem Riesenheere der Osmanen umklammert gewesem so schloß sich nun von Jahr zu Jahr muner enger egender der Rmg her Franzosen- und TürkenEurme um den P nsraurn der Deutschen Kaum zwei Tagreisen hinter Wien begann das türkische Reich, Driefe. Von Lina Staab. Blätter mit braunen Rändern — Wie Blüten verdorrt und versengt, ton blassen zerschlissenen Bändern bang zusammengedrängt. Soll ich — soll ich ihn lösen, den welken, verblichenen Strauch —? Fallen alle die bösen giftigen Blumen heraus — Aber auch alle die Sterne, die holden, die mich beglückt, einst in traumblauer Ferne zärtlich für mich gepflückt. Ach, sie finb’s noch, die Schönen, lockerer Kranz mir im Haar, tief aus den Kelchen das Tönen, süß wie es ehmals war. In meine Wärme gebettet, was im Kalten verdarb — In meine Stille gerettet, was im Sturme einst starb — Taut mir aus seligen Augen Regen sommerlich lind, werden die Blumen ihn saugen, blüht mir das welke Gebind. Blätter mit braunen Rändern — Wie Blüten verdorrt und versengt — In meines Herzens Ländern mit endlosem Sommer beschenkt. Erika und der Brief. Eine Geschichte von B. Brand eis. Am Morgen war es, kurz vor acht Uhr. Erika stand unruhig wartend an der Haltestelle der Linie 17. Zweimal schon hatte sie ihre Straßenbahn vorbeisahren lassen, ohne einzusteigen, aber auf den nächsten Wagen würde sie nicht mehr verzichten können. Auf keinen Fall! Sie wollte auch gar nicht mehr länger warten, selbst dann nicht, wenn sie sehen würde, wie Georg im letzten Augenblick lausend um die Ecke kam. Um diese Ecke dort, an der Georg und sie genau vor zwei Jahren etwas unsanft aneiuandergestoßen waren. Ach ja, aus den vielen Entschuldigungsworten hatten sich dann noch viel sanftere Worte ergeben; aber darüber weiter nachzudenken, war dieser Augenblick wirklich nicht günstig, mußte sich Erika plötzlich wieder vor Augen halten. Oder, wenn Georg vielleicht doch noch kommen würde, mit Blumen, nur einem ganz kleinen Veilchenstrauß für zwanzig Pfennig, oder einer Tafel Schokolade? Nur, um ihr damit zu zeigen, liebe Erika, ich weiß, was denkst du, ich vergesse doch nicht deinen Geburtstag, und da bin ich, nur etwas weniger zufällig als vor zwei Iqhren. Statt dessenI Gar nicht weiter darüber nachdenken. — Dort vorne bimmelte schon die Siebzehn an. Rur nicht so rasch, dachte Erika. Die Straßenbahn hielt vor ihr, die Wagentüre wurde aufgerissen. „Guten Morgen, Fräulein Erika!" schrie Willi. Er war höchstens vierzehn Jahre alt, seine Krawatte leuchtend rot, sollte, schön und kühn zugleich, alle Blicke auf ihren Träger lenken. Außerdem hatte Willi betont saubere Fingernägel an der rechten Hand, die er Erika entgegenstreckte, um ihr männlich stark seine Kraft beim Einstetgen zur Verfügung zu stellen. Aber Erika hielt immer noch ihr Gesicht abgewandt. Der Schaffner gab das Zeichen zum Abfahren, im letzten Augenblick erst sprang Erika rasch auf. Run war es entschieden, enogültig: Georg war nicht gekommen. Während sie sehnlichst auf ihn wartete, lag er sicher noch im tiefsten Schlaf. Erst nachdem Erika diesen Gedanke» in Traurigkeit zu Ende gebracht hatte, wahrend die Straßenbahn schon der nächsten Haltestelle sich näherte, wurde ihr plötzlich bewußt, wo sie war. „Guten Morgen, Willi", sagte sie jetzt erst, um dann mit einem raschen Blick auf ihre Armbanduhr festzustellen, „wir haben aber heute allerhöchste Zeit!" Willi, Lehrling in dem gleichen Büro, in dem Erika als Sekretärin arbeitete, hatte es nicht gewagt, während er neben Erika auf der Plattform stand, sie auch nur mit einem einzigen Wort in ihrem tiefverlorene n Nachdenken zu stören. Er hatte sie nur scheu und mit leichtem Herzklopfen beobachtet. Nach diesen Worten Erikas schien er aber plötzlich seinen ganzen Mut wiedergefunden zu haben. Er hob seinen Kopf, als wolle er dadurch größer werden. Und tröstend laut sagte er: „Es ist nicht schlimm, Fräulein Erika, wenn Sie zu spät kommen; — Sie sind nicht allein!" Zuerst staunte Erika, dann aber mußte sie leise lachen über die Kühnheit, mit der Willi sich zu ihrem Beschützer und Tröster anfzuschmingen versuchte. An diesem Tage also, es war ein strahlend herrlicher Frühlingstag, kam Erika eine volle Viertelstunde zu spät in ihr Büro, das sich ein wenig außerhalb der Stadt in einer Villa befand, und nur ein kurzer, nicht einmal sehr strenger Blick des auf Pünktlichkeit sehenden Direktors war die Folge während Willi ein ebenso lauter wie eindringlicher Verweis zuteil wurde. Und während Willi, eine Stunde später schon, wie er sich ausdrückte, den Krach „verdaut" hatte, und mit gleich sehnsüchtig träumenden Blicken, wenn er von seiner Arbeit aussah, zuerst zu Erika hm- chaute und dann zum Fenster hinaus, schien Erikas Stimmung immer noch getrübt, ja, als es Mittag wurde, sogar auf einem absoluten Tiefland angelangt zu fein. Und so benutzte Erika die kurze Mittagspause, um einen Brief zu schreiben, statt wie die anderen im Garten auf und ab zu gehen. Einen sehr ausführlichen Brief an Georg. „Es ist bereits Mittag", schrieb sie, „und du hast noch nicht einmal Zeit gesunden, um mich anzurufen, nachdem ich bereits am Morgen eine halbe Stunde lang vergebens auf dich gewartet habe." Und weiter brachte sie vor, dies, was ie schon seit Wochen einmal aussprechen hatte wollen: „Fast keinen Abend hast du mehr Zeit für mich, entschuldigst dich mit dringenden Arbeiten, über deren Einzelheiten du mich im Unklaren läßt. Du vernachlässigst mich mit Absicht und ich sehe klar, ich spüre es sogar deutlich, deine Liebe--" Und bann weinte Erika, trocknete aber rasch wieder ihre Tränen und schrieb zu Ende. Es wurde ein Brief, der erfüllt war von der Bitterkeit einer Enttäuschung und an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig ließ. Während sie noch schrieb, war Willi ins Büro zurückge- kornmen. Er sagte, es sei gar nicht schön draußen im Garten, und er habe auch von den anderen gehört, daß Fräulein Erika heute Geburtstag habe; er möchte gerne gratulieren. „Wo hast du die Blumen her?" ragte Erika überrascht. Willi aber wurde plötzlich so rot wie feine Krawatte, weil er daran denken muhte, wie die Angelegenheit wohl ausgehen würde, wenn jetzt plötzlich, während er gratulierte, der Herr Direktor ins Zimmer gekommen wäre und die Blumen aus feinem kleinen Treibhaus unfehlbar erkennen hätte müssen. „Schlingel!" sagte Erika halb drohend aber halb dabei wieder lachend, und sie versprach, die Blumen ausnahmsweise vor den Augen des Direktors zu verbergen, wenn ihr Willi bafür jetzt rasch biefen Brief zum nächsten Briefkasten bringen mürbe; benn es sei ein sehr eiliger Brief. Rasch schrieb sie bie Adresse und Willi wurde zum zweitenmal rot und spürte einen kleinen Stich in seinem Herzen, als er bie Anschrift las. Er wußte genau, welche Rolle ber Empfänger in Erikas Leben spielte, unb konnte demnach auch ahnen, was in diesem Briefe stehen würde. Hätte er gewußt, was in Wahrheit diese Zeilen enthielten, so wäre vielleicht in dem, was weiter geschah, der Einfluß, den der Frühling auf Willi gerade an diesem Tage nahm, für Erika auf eine andere Weise zum Ausdruck gekommen. Erika war sichtlich erleichtert, als der Brief weg war; sie wußte, wahrscheinlich schon mit der Abendpost würde ihn Georg erhalten. Aber in ihrem Betrübtsein erfuhr sie keine Aufheiterung, im Gegenteil, als die Bürozeit vorbei war und sie nach Hause gehen konnte, war sie noch viel trauriger als am Morgen. Und zu Hause erfuhr sie dann die größte Ueberraschung ihres Lebens. In ihrem Zimmer standen viele Blumen, ihre Eltern und Georg warteten schon auf sie. Georg strahlend freudig, denn er hatte heute fein gramen bestanden, das er bei normalem Fleiße erst in einem Jahre ablegen hätte können. Tag und Nacht hatte er gelernt und gearbeitet. Dies war sein Geburtstagsgeschenk für Erika; er hatte sogar schon eine Stellung in Aussicht, so daß sie in absehbarer Zeit heiraten konnten. Als Erika dies alles erfahren hatte, war sie wie aus den Wolken gefallen, um dann aber um fo glücklicher alles zu vergessen, wodurch sie sich gekränkt gefühlt hatte, die scheinbare Gleichgültigkeit Georgs ihr gegenüber, die in Wirklichkeit eine verborgen gehaltene, aufopfernde Liebe war. Und plötzlich fiel ihr bann ber Brief ein, ben sie heute Mittag geschrieben hatte. Sie erkannte in biefem Augenblick klar, biefer Brief müsse zu einem Unglück werbe», jetzt »ach all bem, unb wenn es auch nicht zu einem offenen Bruch kommen würbe zwischen ihr unb Georg, so würbe ber Bries sie trotzbem ihr ganzes Leben lang belasten. Noch hatte er ben Brief nicht in Hänben, aber wenn er nach Haufe kam, mußte er ihn finben. Unb als Georg sich spät Nachts verabschiedete, war Erikas Herz schwer in Sorgen um den nächsten Tag, unb ihre Hände zitterten. Die ganze Nacht über lag sie wach. Unb am nächsten Morgen, als Georg an ber Haltestelle auf sie wartete, wußte sie, ihr Schicksal war entschieben. Georg aber war in seinem Verhalten nicht anbers als sonst. „Der Vries?" fragte Erika bebrürft. „Was für ein Brief?" lachte Georg nichtsahnend. „Hat er den Brief noch gar nicht gelesen?", dachte Erika erstaunt, „ober, vielleicht ist er gestern mit ber Abendpost nicht mehr zugestellt worden, und Georg erfährt alles erst jetzt, durch die Post um acht Uhr, wenn er nach Hause kommt!" Verstört stieg Erika in die Straßenbahn ein, sie wollte auf jeden Fall Gewißheit haben. Sie erinnerte sich, Willi hatte ihr ben Brief besorgt, vielleicht hatte er nachgesehen, um welche Zeit ber Postkasten geteert werden sollte. Sie wollte Klarheit haben, wenn es sich auch nur um einen kläglichen Fristaufschub des Unvermeidlichen handeln konnte. Und sofort, als sie int Büro war, rief sie den Lehrling Willi zu sich „Der Bries! —" sagte sie. Hatte noch nicht ausgesprochen, als Willi plötzlich seinen Kopf sinken ließ, über und über rot wurde. „Ich bitte um Verzeihung, Fräulein Erika, ich will es nie wieder tun", stammelte er. Erika verstand ihn nicht. „Du sollst mir sagen, ob du weißt, wann gestern der Briefkasten ausgeleert worden ist." Willi zog bedächtig einen Bries aus seiner Tasche. „Ich konnte ihn nicht einmerfen", sagte er traurig. „Der Bries!" Erika erschrak vor Freude. Und Willi sah zugleich schwarz und rot vor seinen Augen, er wußte nicht mehr, war er wach, ober träumte er: — so unerwartet bekam er plötzlich einen Kuß von Erika. Aber als er seine Augen ganz weit aufriß, sah er nur noch Erikas Hänbe, bie ben Brief in viele kleine Stücke zerrissen. Verantwortlich: vr. Hanü Thyriot. — Druck und Derlag: Drühl'sche Aniversitäts»Duch» und Steindruckerei. L. Lange, ©leben.