SietzenerZamilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger ladraana 1956 , zrettag den r». MSrz Nummer-Z eheimms der ^eide ROMAN VON FRANK F. BRAUN (Schluß.) „Verzeihung, warum erkundige ich mich so dumm; selbstverständlich werden Sie noch wissen, was ich vor kaum einer B.ertelstunde gesagt habe. Ich fahre also fort. Hören Sie gut zu. Mein Besuch m Pfennings- Hof endete außerordentlich unerwartet." „Für Sie?" „Für uns alle." Er"drehte den Kopf zu ihr. Er sah den -ingeknissenen Mund; einen Augenblick zögerte er und schien nachdenklich. War er auf falschem Wege? Aber er wußte wohl, es gab kein Zuruck mehr; nur das Vorwärts konnte hier noch Rettung bringen. Er räusperte sich grundlos und begann: „Ich saß in der Halle und wartete, bis der Diener meldete, Professor Pfenninqshof lasse mich in sein Arbeitszimmer in den Turm bitten Ich stieg die Treppe hinauf, vor mir schritt der Diener; er öffnete eine Tür; ich hatte gar nicht gemerkt, daß wir schon oben angelangt ^°Hi>iter einem großen Schreibtisch stand der Professor. Er wirkte klein hinter dem breiten Möbelstück. Aber es war etwas in seinem Gesicht, das dies Mißverhältnis wieder richtigstellte. Er blieb stehen, bot auch mir nicht Platz an. Der Diener schloß die Tür. Wir waren allein im Herr Professor, hob ich an, es ist möglich, daß sich aus ihrem Gelände Ölvorkommen findet? . . Er zog die weihen Augenbrauen zu einem einzigen haarigen Strich zusammen. So ..., meinte er gedehnt. Sie sind gekommen, mir das zu sagen? Sind Sie neuerdings Oelexpert? Vielleicht gab ich zurück. Man packt manches an. Aber Sie scheinen mir nicht zu glauben? Es ist tatsächlich damit zu rechnen, daß man aus ihren Ländereien bei geeigneter Bohrung auf Petroleum stoßt. Diese Steine beweisen es. m Ich -oq ein paar Steine, die ich am Wegkreuz zu mir gesteckt hatte; jene Steine, die so sonderbar in der Erde gesteckt hatten; jene Steine, die nun Sie wissen, um welche es sich handelt, Frau v. Blinkburg. Aber was ich vergaß, Ihnen zu sagen: der eine dieser Steine wies eine rote Spur auf; Blut vorn toten Alwien war baraufgetropft Diesen Stein hielt ich dem Professor entgegen. Er mußte das Blut sehen. Die Wirkung meiner Kühnheit war über alle Maßen unerwartet. Der Professor prallte zurück. Er war erschrocken, als stehe ich mit geladenem Revolver vor ihm und forderte ihn auf, die Hände hochzuheben Er stützte sich mit beiden Händen auf seine Stuhllehne. Es war still im «immer Ich wartete. Er mußte sprechen. Aber das dauerte eine Weile. Endlich schien er gefaßt. Er schob die Brille auf die Stirn, wie, um mich ohne Gläser zu betrachten; aber es war eine Bewegung der Ratlosigkeit; er zog die Brille wieder herab. An dem Stein ist Farbe, sagte er heiser. Ich nickte. Jawohl. Eine ganz besondere Farbe, Herr Professor, nam- ^Unb weshalb kommen Sie unb zeigen mir — er sprach nicht weiter. Sie fragen mit Recht, antwortete ich. Sie sollen erschopsenbe Auskunft bekommen. Dies ist einer ber Steine, bie Sie auf ben Felbern aufhoben unb mit hierher nahmen. Dies ist ber Stein, ber Alwien beim Wegkreuz nieberfdjmetterte. Was wissen Siel? Alles! Ich habe mit Ihrer Tochter Mascha gesprochen. Was haben Sie! Mit Glascha? . Er starrte mich an. Die Brillengläser sprühten. Ich erwartete ben Angriff, ich preßte ben Stein fester Würbe er zum zweiten Male Waffe werben? Aber ich hatte ben Professor überschätzt. Seme Nerven versagten bock. Er sank zusammen unb fiel in feinen Stuhl. Dann war ja boch alles vergebens gewesen, sagte er. Mußten Sie mit Glascha prechen. gerabe mit Glascha zuerst? ... , . Er schüttelte ben Kops; als ich stumm blieb, erhob er Mi unb beugte sich oor Wenn Sie alles wissen, erfuhren Sie auch, wer Alwien war. Ja Ein Raubmörder, kraß gesagt. Aber.bas macht Jhre Schuld nicht kleiner Mord bleibt Mord Und die Art wie Sie sich verborgen hielten, beweist, daß Sie selber die Große Ihrer Schuld kannten, er kannten. Der Professor wehrte nicht ab. Natürlich. Aber glauben Sie denn, ich verbarg mich aus Feigheit, um mich ber Gerechtigkeit zu entziehen? Sie sinb noch jung. Glauben Sie mir, ich war bereit, für meine Tat einzustehen. Ich wäre mir einmal, wenn es an ber Zeit sein würbe, ein strenger unb unerbittlicher Richter gewesen. Aber alles wäre ja vergebens getan, hatte ich letzt meine Tat eingestehen wollen unb mich zur Sühne gestellt! Sie geschah ^^Er^möchte "wohl Zweifel in meinem Gesicht lesen, benn er erklärte ’ f Oh, boch nicht meinetwegen, lieber Herr. Ich bin ein alter Mann, meine Abneigung hätte nicht solche Formen angenommen. Ader Glascha liebte biesen Alwien. Er hat sie sich auf unbegreifliche Art zu W-llen gemacht. Sie wollte ihn heiraten. Da mußte ich mich ausmachen. Er war ein Schuft. Ich habe fein Vorleben erforscht, ©eine letzte Geliebte habe ick ausgesucht; in Hamburg, im buntelften St. Pauli Da erfuhr ich alles Ich habe es Glascha gesagt. Aber bas Mabchen war verhext. Das ist gewesen, antwortete sie mir auf alle Vorhaltungen. Jetzt gehört er mir unb ist ein anberer Mensch. Der Professor schwieg Schweißtropfen ftanben ihm aus ber Stirn. Seine Hänbe zitterten. Einmal sah er auf, blickte mich an unb schaute burch mich hinburch. Da verstanb ich, nicht mir erzählte er das Es war eine Beichte, und ich war nur zufällig Zuhörer. Langsam fand er den ersten Satz wieder. , . Da wußte ich mir feinen anderen Rat, als diesen Mann, der mir mein Kind stehlen und verderben wollte, zu beseitigen. Alwien mußte verschwinden! Geld nahm er nicht. Er wußte, wie sicher er im Sattel saß Hatte er Glascha, würde er das Geld ja sowieso bekommen. Also mußte ich ihn töten Aber Glascha durste es nie erfahren. Sie mußte an einen Zufall glauben. Sie begreifen das? Redete er mich wirklich an? Ich nickte wortlos Er fuhr fort: Deshalb machte ich mir die Mühe und baute den Apparat, bas Katapult des Archimedes. — Er lächelte verzerrt. — Archi- medes das war mein Spitzname schon lange. Aber ich hatte bessere Hilfsmittel, als der alte Herr damals. Ich vermochte exakter zu arbeiten. Archimedes' Wursmaschinen verschleuderten ihre Sterne sie waren In bie Ricktunq eingestellt, auf eine Mauer, einen Wall. Mit meinem Apparat konnte ich genau zielen. Ich schoß mich auf (Entfernungen em wie mit einem Geschütz. Von bem Dutzenb Steine, bie em Schutz enthielt, unb bie umherstreuten wie eine Schrotlabung, mußte einer gewiß treffen. In ber Nacht baute ich bas Katapult auf. Es war tme em gerecktes Kreuz unb ftanb finster gegen ben Himmel. Als Alwien uns verlassen hatte, ging ich auf ben Turm unb sah ihm im Fernrohr nach. Als er am Wegkreuz anlangte, auf jene Stelle war mein Apparat eingeschossen, ,mg ich ab. Geräuschlos erfolgte ber Schuß. Ich hatte bas Fernrohr nicht verlassen müssen Ich sah, wie Alwien fiel. Da verließ ich ben Turm unb ging hinunter zu Glascha. Später baute ich bas Katapult ab; niemand vermag es je wieder zusammenzusetzen Wir standen uns noch immer gegenüber. Unsere Blicke streiften sich. Waren wir noch Gegner? nrrf Er endete bedächtiger, ein bißchen schon ruhig und gefaßt: Alles wäre gut gegangen. Da tarnen Sie! Sind Sie nun sehr stolz, mein Herr! Nickt ^Ick^fühlte mich berufen, der menschlichen Gerechtigkeit vorzugreisen Es war ein Irrtum. Ich weiß es längst Aber in jenen Tagen backte ich anders. Hätte ich Alwien anze.gen sollen ihn ausliefern lallen'» Der Prozeß und die Verurteilung — zum Tode wahrscheinl ch — hätten mir auch meine Mascha getötet So zog ich es oor rote ich es tat Das soll keine Entschuldigung sein, sondern nur eine Feststellung Er kam um den Schreibtisch herum, stellte sich vor mich hm und hielt die Hände vorgestreckt. Nun tun Sie ihre Pflicht Es ist alles aus. War^bie^ Geschichte zu Ende? Frau v. Blinkburg saß erschüttert. Aus ihren offenen Augen rannen Tränen. Sie merkte es, konnte es nicht ändern und war völlig faffungslvs. War es doch so w.e Steyer eben erzählt hatte? Gab es das, daß em Mensch mit solcher Sicherheit log? m ^us*Ehre und Gewissen — nein, nicht genug. Glauben Sie an Gott, an den Himmel? Bei allem, was Ihnen heilig ist, was ist nun hier bie Wahrheit!? Sie sinb also nicht ber Täter?" Er starrte sie an. Sein Gesicht war plötzlich >ahl; er machte ben Munb auf unb schloß ihn roieber. Ein Wort war ba unb konnte nicht „Antworten Sie! Sehen Sie mich an babei! Sie haben Alwien brachte bas Wort nicht heraus. Das Nein war kurz, bas Ja noch kürzer. Ihr Blick brannte tn dem seinen. Eine Sekunde noch würde sie warten, eine halbe Minute, dann ... Da kam der Kellner herein. Er hatte es eilig, die Frackschoße wehten. ,Herr Doktor Steyer", sagte er, und entschuldigte sich diesmal nicht, daß er störe, „der Ortsvorsteher Herr Pfrundt war vorhin hier. Wir wußten nicht, daß Sie im Garten waren. Herr Pfrundt läßt Sie ersuchen, sich bei ihm zu melden. Es scheint etwas Wichtiges zu fern. Eben war auch der Gendarm noch einmal hier und fragte nach Ihnen. Er wartet vorn am Eingang." „Ja", fagte Steyer; er stand auf. „3a, ja ...", wiederholte er sinnlos. Seine Blicke hasteten umher. Frau v. Blinkburg sah ihn an. Sie begriff. Umstellt! Verloren! Zur Strecke gebracht! Und sie hob die Hand und deckte sie über die Augen, dies Letzte nicht mitansehen zu müssen. „Aus", sagte Adalbert Steyer, dumpf, „zu Ende", und er fand ein Lachen, das in die Nerven schnitt. Selbst den Kellner rührte es an im Herzen, wo die Sentimentalität wartete. Er hob den einen Arm, wie um den Schriftsteller zu stützen. „Herr Doktor ...", sagte er und wußte nicht weiter. Aber Steyer fiel nicht um. Die Frau sollte ihn nicht schwach werden sehen und nicht der befrackte Unheilsbote. .^Lassen Sie nur", fügte er, „es ist wohl nicht so eilig, daß ich zu Herrn Pfrundt komme." Der Ober zuckte die Achseln und trat zurück mit einer kleinen Verbeugung. Adalbert Steyer wollte fortgehen, das war zu merken, aber er ging nicht. Er kam nicht von der Stelle. „Ah", sagte er, und noch einmal höher, heller, Freudigkeit lag im Ton, der Herr Alwien!" und dann gelang es ihm, seine Beine in Bewegung zu bringen. Frau v. Blinkburg ließ die Hand von den Augen. Hatte nicht eben jemand den Unglücksnamen Alwien ausgesprochen? Sie blickte auf. Cs war noch heller Tag. Die Sonne schien. Die Rosen dufteten genau wie vor Stunden, stärker vielleicht noch. Die Welt war also noch nicht ein- aestürzt. Vor ihr stand der Schriftsteller Adalbert Steyer. Er hatte ein Lächeln um den Mund, das undeutbar blieb. Doch das alles war ja nicht so unbegreiflich. Unfaßbar, höllischer Spuk aber mußte es fein, daß da vor dem Hoteleingang, umhegt von seinen Kellnern, die ihn begrüßten, der ermordete Geschäftsführer Alwien stand! Sie griff sich an den Hals; dann wischte sie mit der Hand über die Sttrn. Konnte man dies Bild wegwischen? Nein, es blieb. Also war es Wirklichkeit und keine Vision ihrer überreizten Nerven. „Wie ist das möglich?" brachte sie heraus. Sie sah Steyer an, den Mörder. Sie mutzte schon an ihn die Frage richten, denn es war niemand sonst nahe genug. „Herr Alwien ist aus dem Krankenhaus entlassen", erläuterte Adalbert Steyer, „er hatte eine Gehirnerschütterung bei dem Sturz am Wegkreuz baoongetragen und hat einige Tage das Bett hüten müssen. Ich hatte mich erkundigt, ich wuhte, daß er heute herauskommen würde. Daher ging meine Geschichte ein bißchen rasch zu Ende. Fanden Sie das nicht auch? Der Professor wäre normalerweise meinen Fangfragen wohl nicht so glatt erlegen. Aber was blieb mir übrig, ich konnte nicht länger hinter dem Mörder her fein, wenn der Ermordete gesund zurückkam." Sie sah ihm auf den Mund. „Sie sind — Sie haben —" Er nickte herzlich. „Was Sie auch sagen wollen, ich gebe es zu. Ich wollte Ihr Interesie erregen, wollte wissen, wie weit diese Anteilnahme gehen könnte. Aber glauben Sie nicht, daß ein schriftstellerischer Ehrgeiz mich trieb. Etwa weil Sie äußerten, in einem Kriminalroman nach 50 Seiten den Täter erraten zu haben. Ich beabsichtigte nicht, Sie für einen Roman zu interessieren." „Sondern?" Sie fragte es leise und half ihm, denn er hatte auf diese Ermunterung gehofft. „Sondern für den Verfasser", gestand er. Sie sahen sich an. Beim Hoteleingang hielt Herr Alwien, der wieder- erftanbene Tote, feinen vielbegrühten Einzug. Sie waren allein im ©arten. Ihre Hand hing herab, es war wohl Zufall, daß Steyer jetzt, als er der Frau näher trat, mit feinen Fingern diese Hand streifte. Man kann aber ebensogut sagen, es gibt keinen Zufall, besonders nicht in Liebesszenen. Steyer nahm ihre Hand auf, ergriff sie und hielt sie fest, als fei das eine symbolische Besitzergreifung der ganzen Person. „Ich liebte Sie von der ersten Stunde an", gestand er. Er war nun einmal bei den Enthüllungen. Und was bisher stets ihr geschehen war, stieß jetzt ihm zu. Er wurde rot. Das, fand Frau v. Blinkburg, war ja nun entzückend. Ihre Stimme schwang, aber es war bestimmt feine Trauer noch Unsicherheit mehr darin. „Und der Professor Pfenningshof? Und Glafcha? Der Pächter Glahn? ..." „Der Hof existiert. Er hat auch den Namen. Mehr weiß ich nicht. Den Professor habe ich erfunden. Wahrscheinlich sitzt ein biederer major a. 2). auf dem Pfenningshof. Ob er eine Tochter hat, können Sie mir lagen. Sie haben das Fräulein kennengelernt und mir den Namen genannt. Ich kenne Glafcha nicht. Den Pächter Glahn gibt es. Er wohnt auf dem Rügen Hoff und ist ein netter Mann." .. 5rau d. Blinkburg rang nach Atem. „Und — gütiger Himmel, und öte Nachte, wenn Sie tn Hamburg waren und auf St. Pauli mit der roten Olga zechten?" ., .'^l ro°r ’n ^lelenm,"^?9en in Hamburg. In jenen Nächten fdjrteb ich den Roman bei Glahn im Rügen Haff. Er war überrascht und bedauert, daß ich nun nicht mehr kommen will." Er sann nach. Was blieb noch zu ertlären. Sein Lächeln machte ihn ganz jung. "3a, der Ortsvorsteher will mich sprechen. Das ist richttg. Er fragte mich kürzlich wegen der Dauer meines Aufenthaltes hier. Der Rügen Hoff, wo ich die Nächte schrieb, liegt nicht mehr in seinem Bezirk Ich versprach Herrn Pfrundt Bescheid zu geben, aber ich tarn nicht dazu 3a, und bann wäre wohl noch zu jagen, daß ich über Herrn Alwiens Vergangenheit nur das Allergünstigste weiß, er war Offizier und wird ein Ehrenmann fein.“ Frau v. Blinkburg nickte. Dann gab sie sich einen Ruck. .Herr Doktor Steyer", sagte sie, saft hätte sie auch noch den Vornamen mit angebracht. „Eines noch! An Ihrem Wanderstock, den Sie an jenem Abend mit in die Heide nahmen, klebte Blut. Menschenblut. Haben Sie auch für diese Seltsamkeit eine plausible Erklärung?" „Nein", gab er zu, „das nicht. Da setzt das leichte Irresein ein. Denn ein gewöhnlicher Sterblicher wird nicht begreifen können, daß ein Schriftsteller fein Blut hingibt, um eine Spannung zu erzielen. Mein eigenes Blut klebte an dem Stock. Ich habe mir die kleine Wunde beigebracht, um eine verwirrende Spur zu fchaften. Denn, wie gesagt, was tut der Autor nicht alles für feinen Roman! Sein Herzblut gibt er hin!" „Oh", machte Frau v. Blinkburg und noch einmal ebenso erklärungslos: „Oh ..." Dabei gelang es ihr, obgleich ihre Finger eigentlich in Siegers Hand lagen, diese Hand zu drücken. Und bann, es mußte ja etwas gesprochen werden und dieser Mann stand stumm beglückt, meinte sie und sah ihn an mit ihrem schönen blauen Blick aus zwei kleinen Himmelsgewölben: „Das wird also ein Roman. Mit anderen Namen doch natürlich? Wie soll er denn heißen?" Steyer löste sich aus seiner Erstarrung. „3d) habe einen Titel“, sagte er, „wissen Sie welchen? Wotans Donnerkeil.“ „Aber das geht doch nicht, das ist ein ganz verrückter Titeil“ Da beugte sich Steyer zu ihr, denn sie war ein wenig kleiner als er, und sagte nahe ihrem Ohr, und daher so leise, daß es sehr zärtlich klang: „3ch glaube, wir werden viel Zeit finden, gemeinsam über den Titel nachzudenken, nicht wahr?" Er bekam nicht gleich eine Antwort; aber Frau v. Blinkburg errötete zum letzten Male in dieser Geschichte. Geistliches Lied. Von Paul Fleming. 3n allen meinen Taten Latz ich den Höchsten raten, Der alles kann und hat; Er muß zu allen Dingen, Soll's anders wohl gelingen, Selbst geben Rat und Tat. Es kann mir nicht geschehen. Als was er hat versehen. Und was mir selig ist. 3ch nehm es, wie er’s gtbet, Was ihm von mir beliebet, Das hab ich auch erkiest. 3hm hab ich mich ergeben. Zu sterben und zu leben, Sobald er mir gebeut: Es sei heut ober morgen, Dafür laß ich ihn sorgen, Er weiß die rechte Zeit. So fei nun, Seele, deine, Und traue dem alleine. Der dich geschaffen hat! Es gehe, wie es gehe, Dein Vater aus der Höhe Weiß allen Sachen Rat. Oie Reise nach Meseritz. Von Willi Steinborn. Als Fernant, am Brunnen einer kleinen Statton hinter Steppen hockend, vernahm, daß der heranfchnaufende Zug nach Meseritz liefe, fiel ein gelindes Fieber in seine Glieder: er war noch niemals mit der Bahn gefahren, er der lebenslängliche Knecht; und nun er achtundsechzig 3ahre alt, klapprig, verbraucht, dicht am Ende war, mußte er es doch noch unternehmen. Torkelnd näherte er sich seinem Wagen, kroch zur Plattsorm empor, die Tür wurde hilfteich geöffnet, und fetzte sich in eine leere Ecke. Es ging nämlich nicht anders, wollte er nach Meseritz gelangen. Acht Tage war er bereits zu Fuß unterwegs, Schritt um Schritt, so bringt auch der Langsame genug hinter sich, aber die Rastpausen waren immer länger und häufiger geworden; in den letzten beiden Tagen war er schon beim Aufstehen wieder zum Hinsinken matt gewesen, und so hatte er denn, da die Straßen sich nicht mehr überwinden liehen, besorgten, unruhigen Herzens die Eisenbahn in Bettacht ziehen müssen. Der Schaffner fand sich genötigt, eine kleine Ansprache zu halten, um seine Fahrkarte loszuwerden, die er gewissenhaft ausgeschrieben hatte, und also mußte sie auch verkauft werden gegen das nötige Geld, weil niemand in dieser Welt umsonst befördert werden konnte. Fernant nickte schließlich dazu und knotete seinen Tabaksbeutel auf, in dem die Münzen steckten, feit die Vorderzähne ausgefallen waren und feine Pseise fernerhin im Munde bleiben wollte. Ein Priem saß aber dafür in der Backe, ein schwarzer, und er gab braune Säfte aus. Und dann hatte Fernant Ruhe, der Schaffner mußte Drofsen, Kirfchbaum, Zielenzig und die sonstigen Dörfer anmelden. An seiner letzten Stelle war Fernant fünfzehn Jahre gewesen. Neujahr wären es gar deren sechzehn geworden, und so fort, siebzehn, achtzehn, immer ein Neujahr weiter, wer weiß wie lange! Der Herr hatte gejagt: Fernant, wenn es mal hapern sollte am erforderlichen Schmalz in Armen, Beinen und dem Kreuz, mit der Luft, Asthma, Rheuma unb so — du bleibst trotzdem, denn das Armenhaus am Schluß, das ist nichts, wenn du willst. Natürlich hatte er gewollt. Wenn nichts mehr klappte, auf Gänse, Schafe, Kühe konnte man schon noch auspassen, und vor dem Tor sitzen, Sonntags, und sagen: Sie sind alle fort, wo alle da waren, nur daß sie schliefen nach dem Essen, für die neue Woche, die brennende, zur Erntezeit, und die Zigarre paffen als Lohn für die Wacht, ich danke auch schön. So also hatte einmal die Voraussicht auf (ein restliches Leben ausgesehen, hatte, sie war nun verschwunden. Sie luden gerade eine Fuhre Gras, der junge Knecht gabelte das Gras in den Wagen und Fernant harkte, da geschah es zum ersten Male, daß er von dem Wort Meseritz angesprochen wurde, von der Erinnerung Meseritz, von der Heimat Meseritz, denn Fernant war in jener östlichen Stadt zu Hause. Es drang so heftig aus ihn ein, daß er schwankte und sich am Harkenstiel wie an einer Stütze halten mußte. Sein Genosse bemerkte es, wunderte sich, fragte: Nanu? Fernant antwortete ober nicht; er brauchte alle Kraft, seinen Stand zu bewahren. Dabei blickte er starren Auges über das gesamte Dasein um ihn hinweg. Er begriff nicht. Was wollte Meseritz von ihm? Gewiß, er war dort geboren, seine Schule stand dort, der Vater lag dort im Grabe, Slutter und Geschwister hatte er dort zum letzten Male gesehen, ehe sie auswanderten, aber was konnte das schon heißen? Mehr als ein halbes Jahrhundert war inzwischen über die Erde gekommen, und außerdem besaß er keine Gefühle wie Sehnsucht und Wehmut. Seine Gefühle richteten sich von jeher auf das gewöhnliche Tägliche. Diesmal faßte er eben nichts, außer der Fülle, der Schwere und Dringlichkeit des Wortes Meseritz, der Erinnerung Meseritz, ach, der Heimat Meseritz, was sollte er denn tun? Er harkte einstweilen weiter, damit das Vieh rechtzeitig fein Futter bekam. Dennoch wurde ihm nicht gewährt, das Ereignis auf dem Felde ,u vergessen; es umlauerte ihn, selbst ein ungewöhnlicher, zermürbender Fleiß, dazu Brennspiritus als Trunk, rettete ihn nicht. Es blieb ihm nichts übrig, als den Stummel seines Zimmermannsbleistiftes aus der Truhe hervorzusuchen und das Kalenderblatt, morgen war es erst fällig, abzureißen. Die stahlgefaßte Brille schief aufgespießt, setzte er sich zittrig und erregt auf den Schemel. Der Herbstabend behauchte das Fenster mit seiner Kühle, im Stalle nebenan knurpsten die Pserde ihren Hafer, sonst war nichts, worauf sich sein Sinn lenken konnte, ablenken, hinlenken, fest- fahren, alle Sinne, ledig der Bedrängnis dann! Und so schrieb er, und das hieß, wenn wir's übersetzen: Da ich nach Meseritz muß, kann ich nicht länger hierbleiben. Vorname. Zuname. Punkt. Es ist doch klar, daß er es nicht anders einrichten konnte, als mit einer nächtlichen Abwanderung; wie hätte sich das unsinnig und zum Lachen ausgenommen: Fernant will Urlaub, um nach Meseritz zu reifenI Bist nicht bei Trost, Kerl, — ist der Kornboden verschlossen, Häcksel genug im Kasten? Nachdem der Zug oft und oft gehalten hatte, und immer wurde der erwartete Name nicht genannt von der eifrigen Stimme, die ganze Wagenreihe entlang, bremste er endlich doch überraschend, und er war in Meseritz. Fernant erhob sich eilig, stolperte hinaus, hoppla, langsam, Augen auf, die üblichen Behinderungen noch, Anstehen, Karte abliefern, unb bann bürste er sich roenben, wohin er wollte. Er manbte sich auch unverzüglich, roitternb, Umschau haltend nach allen Himmelsgegenden, mit dem Kops, dem gesamten Leibe, den Füßen dazu, rundum, aber wohin danach? Er fand sich nicht zurecht. Meseritz? Nun gut, es war so angesagt worden, also mußte es die Wahrheit fein, auch wenn er sie nicht bestätigen konnte. In ihm war kein Bild, das diesem vor ihm glich. Es war um die Vesperstunde; ihn hungerte; auf seinem Hof würden sie jetzt zum Brot gerufen werden. Jedoch, er war nicht zum Essen nach Meseritz gerollt, er überwand das Gefühl. Dort lag der Markt. Mochte fein, daß Kirche und Markt es waren, annähernd die von damals; Schaubuden, Bilder von Moritaten, hatte er nicht einst die Hand des Vaters verloren, vor einer Räuberbraut, die (ich zu ertränken trachtete, Vater, ich will zu meinem Bater, und ihn auf der Kirchenschwelle sitzend roiebergefunben? Das alte Haus war nicht zu entdecken, bie Straßen waren fremb, die Gaffen waren fremb, bie Steige waren fremb, bie Gärten, ein kleiner Garten war bavor gewesen, ein winziger, von bem Mauersockel konnte man beinahe über den Zaun springen. Vor einer Schenke ließ sich ein kauender Fuhrmann einen Schnaps reichen. Eine trockene Begierde machte sich bei dem Anblick in Fernants Hälfe bemerkbar, aber es war nicht Durst, was ihn reizte, auch nicht Hunger mehr, bie Würste im Schaufenster des nächsten Ladens ekelten ihn an. Selbst der Priem war ihm auf einmal zuwider, er spuckte ihn «us. Das Umherirren ermüdete sehr, und die Sonne ging schon unter. Da stieß er auf den Friedhof. , Eine Frau kehrte Blätter zusammen unb raffte sie in ihre Schurze. Wo liegt er beim, ertunbigte sich Fernant nach feinem Vater. Die Frau sah auf seine krummen Knie unb auf seinen offenen Munb, weiß nicht, jagte sie unb machte sich bavon. Er suchte zwischen den Gräberreihen Mn unb her, blieb stehen, machte ein paar Schritte; bie Brille hatte er mit ben übrigen Sachen zurückgelassen, er entzifferte nichts. Unb ber klbenb zog mit schweren Dämmerungen herauf. Die Nacht würbe vielleicht etwas Frost bringen. Sie werben bie Rübenhaufen mit Blattern Zudecken müssen; das war meist seine Arbeit gewesen. Die Schwache keß sich nicht länger niederhalten. Fernant mußte ausruhen. Er kauerte ich auf einen Grabhügel; fein Rücken nahm das Steinkreuz als Lehne. So blieb er. Für immer ist er auf dem Friedhof zu Meseritz geblieben. Die Witterung in der Weltgeschichte. Von Hans von Flüelen. „Wenn es in der Nacht zum 18. Juni 1815 nicht geregnet hätte, wäre die Zukunft Europas eine andere geworden. Einige Regentropfen mehr oder weniger genügten, um Napoleon zu Fall zu bringen." Diese beiden Sätze stehen in einem Roman Victor Hugos, in bem er bie Schlacht von Waterloo schilbert. Unb ohne zu untersuchen, ob bie Worte bes Dichters eine Uebertreibung bebeuten, muß boch zugegeben werben, baß bie Witterung oft genug in entfcheibenber Weife in bie Ereignisse eingegriffen hat. Manches Blatt ber Geschichte, von der ältesten bis in unsere Zeit, beweist bas, mag es sich um einen Sturm hanbeln, ber bie stolze Flotte auseinanbertrieb, Ueberschwemmungen, bie ben Fluß zum Anschwellen brachten, bie Winterkälte, burch bie bie Wege unbenutzbar unb bie Solbaten bem Erfrierungstobe ausgesetzt würben, Tauwetter, bas bie Eisbecke unter bem Gewicht ber Kanonen brechen ließ, ober um ben Nebel, ber bie Sicht dehinberte, kurz, alle Witterungsmöglichkeiten haben hierbei eine Rolle gespielt. Bereits ber „Vater ber Geschichtsschreiber", Herobot, liefert uns interefjante Belege bafür. Der älteste bürste wohl vom Kriege bes Perserkönigs Kambyses in Aegypten herrühren. Das Heer, bas bieser 525 v. Ehr. gegen bie Ammoniter entfanbte, würbe von einem heftigen Wüstenwind, der ganze Hügel von Sand mit sich führte, überrascht, so daß das Heer spurlos verschwand. Wir finden hier die erste Beschreibung eines Samums. Auch ber Krieg ber Perser gegen Hellas litt unter oerschiebenen Einflüssen der Wettermächte. Als König Darius im Jahre 493 v. Ehr. auf dem Wege nach Athen bie Lcmbzunge von Athos umsegelte, wurde feine Flotte durch einen gewaltigen Sturm vernichtet. Herodot berichtet, baß bas Meer bei Athos ungewöhnlich reich an Meeresungeheuern ge- wefen fei unb viele Menschen burch bereu Angriffe verlorengingen, während andere an den Klippen zerschmettert wurden oder, bes Schwimmens untunbig, elenb ertranken ober erfroren. 300 Fahrzeuge unb über 20 000 Menschen fielen bem Sturm zum Opfer. Als König Terxes im Jahre 490 v. Ehr. auf feinem großen Zuge gegen Griechenlanb den Hellespont erreichte, ließ er Brücken über ben kilometerbreiten ©unb errichten, aber eine heftige Sturmflut riß biefe auseinander. Zornerfüllt ließ Xerxes dem Hellespont 300 Geihelhiebe als Strafe versetzen. Es glückte ihm, nochmals Brücken zu schlagen unb von Sarbos, wo er sein Winterlager aufgeschlagen hatte, aufzubrechen. Ein anberes Naturereignis hätte beinahe bem Heere allen Mut geraubt, ba im Moment bes Aufbruchs, fo heißt es, bie Sonne ihren Platz am Himmel verließ, trotjbem keine Wolke am Himmel ftanb, unb es würbe Nacht anstatt Tag. Die Magier bes Königs aber erklärten biefes Naturereignis auf eine knifflige Art. Da bie Sonne, fo sagten sie, das Wahrzeichen der Griechen, ber Monb aber basjenige ber Perser sei, so hätten bie ©öfter bamit bas Verschwinben ber griechischen Flotte anzeigen wollen. Zu- frieben mit bieser Botschaft ber Götter zog lerjes weiter. Das ist nur einer von vielen Fällen, in benen eine Sonnenfinsternis Einfluß auf Ereignisse ausübte. Wir wissen, baß in ber Folge bie Natur bem König Xerxes keineswegs halb war. Die Götter taten alles, bamit bie persische Flotte berjenigen ber Griechen gleich unb nicht so überlegen würbe", sagt Herodot, nachdem er die gewaltigen Stürme, Wolkenbrüche unb Gewitter geschilbert hat, burch welche bie persische Flotte heimgesucht wurde, bevor sie bei Salamis auf die griechische Flotte stteß und besiegt wurde. Es würde zu weit führen, hier auf alle Fälle einzugehen, wo in der Vorzeit große Heerführer ihre Pläne durch die Macht der Witterung gekreuzt sahen, mag es sich um Alexander vor Babylon oder im Innern Asiens, ober um Hannibal währenb bes panischen Krieges ober um Cäsar, ba er in Britannien an ßanb stieg, hanbeln. Oft genug spielten auffällige Witterungswechsel auch in ber germanischen Geschichte eine Rolle. So brachen bie Goten, nachbem sie im Jahr 410 n. Ehr. Rom eingenommen hatten, ihren Siegeszug nach Süben ab, nachbem sie burch heftige Stürme am Uebergang nach Sizi- lien verhinbert würben, wie auch etwas später, 590 n. Ehr., bie Lango- barben bie Belagerung Roms, burch ftänbigen Regen unb Unwetter entmutigt, aufgaben. Sehr erleichterte zu jener Zeit bie zugefrorene Donau ben Uebergang ber großen Kriegsscharen, so z. B. war bies mit ben Goten im Jahre 462 n. Ehr. und ben Hunnen im Winter 557/58 ber Fall Wie Trockenheit unb Ueberschwemmungen einwirken können, mußte Kaiser Friebrich Barbarossa erfahren, als er 1158 im nörblichen Italien alle Flüsse so ausgetrocknet fanb, baß er ohne Brücken unb Boote bie» selben überschreiten konnte. Der Krieg um bie Thronfolge Frankreichs, der um bas Jahr 1339 ausbrach, zeigt an oerschiebenen Beispielen, wie das Wetter öfters zu bes einen wie bes anberen Gunsten eingriff. Bei Chartres würbe das englische Heer so sehr von Hagelschauern mitgenommen, baß viele Soldaten getötet unb ber Krieg abgebrochen würbe, aber bei CrSzy im Jahre 1346 manbte sich bas Glück. Die große Uebermadjt bes französischen Heeres konnte sich nicht geltenb machen, unb bazu trug in hohem Grabe bei baß burch einen Regenschauer bie Bogensehnen ber genuesischen Bogenschützen schlapp unb unbrauchbar würben, während bie burch ben Walb geschützten Englänber ihre Bogen trocken halten unb einen Sieg erringen konnten, ber bie Ursache zu einem hunbert Jahre bauern» ben Kriege würbe. Im Verlaus biefes Krieges erlitten bie Englänber übrigens bei Ruell im Jahre 1360 burch Gewitter unb Ueberschwemmung — 1000 Bogenschützen unb 6000 Pferbe tarnen um — große Verluste. lieber bie Rolle, bie Stürme in Seekriegen spielten, haben wir bereits verschiebene Beispiele gesehen. Ein weiteres Beispiel liefert ber Krieg Kaiser Karls V. gegen bie Seeräuberftaaten im nörblichen Afrika. Durch einen furchtbaren Sturm am 25. Oktober 1541 würbe feine Flotte vor ber Küste Algiers überrascht, wobei 155 Schiffe mit 8000 Mann untergingen. Noch bekannter ist der Sturm, ber zwischen bem 14. bis 20 August 1588 bie „unüberroinblidhe Armaba" Philipps II. zerstreute unb zerstörte, was Philipp zu bem Ausspruch veranlaßte: „Ich habe sie ausgefanbt, um gegen Menschen unb nicht gegen Elemente zu kämpfen!" Auch ber Tob Gustav Abolfs in ber Schlacht bei Lützen wirb zum Deutscher mar. In privatrechtlicher Beziehung sei bemerkt, daß die Erben nach dem Sachsenspiegel für die Nachlaß-Schulden niemals persönlich hafteten, sondern nur mit den Nachlaß-Sachen, und auch hier nicht mit den Grundstücken, sondern nur mit der Fahrnis (bewegliche Sachen), über die sie frei verfügen konnten. Nach dem heute geltenden Bürgerlichen Gesetzbuch haftet bekanntlich der Erbe grundsätzlich für alle Schulden des Erblassers, falls er nicht rechtzeitig die Erbschaft ausschlägt. Charakte- ristisch ist es auch, daß nach dem Sachsenspiegel Personen mit körperlichen Gebrechen (Krüppel) erbunfähig sind, also nicht Erben sein können. Der Schwabenspiegel. Neben dem Sachsenspiegel ist der Schwabenspiegel das wichtigste Rechtsbuch des Mittelalters. Er beruht auf dem fogenannten Deutschenspiegel oder Spiegel deutscher Leute. Der Deutschenspiegel ist um 1260 in Augsburg entstanden. Er verfolgte, wie schon der Name sagt die Absicht, nicht nur Stammesrecht, sondern gesamtdeutsches Recht darzustsllen. Hauptsächlich sind aber in ihm schwäbische Rechtssätze wiedergegeben. Der Verfasser ist wahrscheinlich ein Geistlicher gewesen, der als Rechtsquellen besonders den Sachsenspiegel, die Bibel, die gereimte Kaiserchronik, den Mainzer Landfrieden von 1235 und das Freiburger Stadtrecht benutzt hat. , c „ Der Schwabenspiegel, auch Kaiserrecht genannt, ist ebenfalls von einem Geistlichen versaht worden, der Über große Rechts- und Geschichtskenntnisse verfügte. Er enthält ebenso wie der Sachsenspiegel zwei Teile: das Landrechts- und das Lehnrechtsbuch. Er ist etwa 1275 ebenfalls in Augsburg entstanden. Den Vergleich mit dem Sachsenspiegel hält er nicht aus, da er stellenweise zu weitschweifig, unkritisch und unklar ist. Während der Sachsenspiegel überall „gut kaiserlich" ist, räumt der Schwabenspiegel dem Papst die erste Stelle ein. Auch der Schwabenspiegel fand weite Verbreitung. Er ist ins Lateinische, Französische und zweimal ins Tschechische übersetzt worden. Zur Familie des Schwabenspiegels gehören: 1. Das Rechtsbuch des Ruprecht von Freising von 1328, das hauptsächlich ein Freisinger Stadtrechtsbuch ist: 2. das Kleine K a i s e r r e ch t, im Gegensatz zu dem aussührlichen Kaiserrecht, dem Schwabenspiegel. Die Abfassung fällt in das Ende des 13. oder den Anfang des 14. Jahrhunderts. Da das Kaisertum stark betont wird, so verdankt er seine Entstehung vielleicht der Zeit Kaiser Heinrichs VII. Das Kleine Kaiserrecht hat vier Bücher, welche das Gerichtsverfahren, das Privat-, Straf- und Staatsrecht, das Lehnrecht und das Stadtrecht behandeln. , . Das Rechtsbuch war in Nord- und in Süddsutfchland sehr verbreitet und dient oft als Quelle für die Gerichtsentscheidungen. Wir sehen also, daß wir eine ganze Reihe deutscher Rechtsbücher besitzen, die im Mittelalter das deutsche Rechtsleben beherrschen. Der Nationalsozialismus wird dafür sorgen, daß die in ihnen enthaltenen deutschen Rechtsqedanken, die durch die Rezeption verschüttet waren, wieder voll zur Geltung kommen. Beraniwc rtlich; l)r. HanS Tbvriot. — Druck und Verlag: Drühl'sche Untversitäts-Vuch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen. Der Name „Sachsenspiegel" kommt nach den eigenen Worten des Verfassers daher, daß sich in ihm das unveränderliche Recht der wachsen rein und klar widerspiegelt. m , .., Eike von Repgowe hat bei der Abfassung seines Werkes kanonische Rechtsquellen und deutsche Reichsgesetze benutzt. Das römische Recht kannte er nur vom Hörensagen. Insbesondere aber stutzte er sich auf das Gewohnheitsrecht, das er selbst als langjähriger Schöffe in den Gerichten angewendet hat. _ , r . . , ... Er schrieb es hauptsächlich deshalb in seinem Sachsenspiegel nieder, um das römische Recht zu bekämpfen, welches sich mit dem deutschen Rechtsqefühl durchaus nicht vertragen konnte. Der Papst in Rom war über den Sachsenspiegel keineswegs erbaut. Im Jahre 1374 erwirkte Papst Gregor XI. eine Bulle gegen die als ketzerisch verdammten Artikel des Spiegels. Trotzdem sand der Sachsenspiegel schnell durch Sachsen und Deutschland, ja bald auch durch Böhmen, Polen und Livland Verbreitung. „ . .. . ( - Schon im 14. Jahrhundert erklärte man das Landrecht des Sachsenspiegels für ein den Sachsen 810 von Karl dem Gro ß e n erteiltes Privileg, das Lehnrecht für ein Gesetz Kaiser Friedrichs! Der Sachsenspiegel wurde wie ein Gesetz angewendet. Bis zum 1. Januar 1900 galt das Recht des Sachsenspiegels noch in Thüringen. Anhalt, Lauenburg und in leiten von Holstein. . Es sind auch Bilderhandschriften des Sach)enfp>egels erhalten. Der Text wird durch die Bilder belebt und anschaulich gemacht. Es gibt ein Landrechts- und ein Lehnrechtsbuch des Sachsenspiegels. Das Landrechtsbuch hat vier Vorreden, darunter eine Genealogie des sächsischen hohen Adels „Von der Herren Geburt". Das Landrecht selbst war ursprünglich nur in Artikel eingeteilt. Seit der Glosse des brandenburgischen Hofrichters Johann von Buch, der in Bologna studiert hatte, besteht die Einteilung in drei Bücher. . Das Lehnrechtsbuch ist in zwei Texten erhalten, einem gereimten lateinischen und einem prosaischen deutschen. Auf den Sachsenspiegel stützt sich eine große Zahl von meist tm 14 Jahrhundert entstandenen Werken, die man zusammenfassend die Familie des Sachsenspiegels nennt. Hierher gehören außer der oben genannten Glosse des Johann von Buch z. B. die Richtsteige tue das gerichtliche Verfahren darstellen, das Sächsische Weichbild, Blume des Sachsenspiegels und Blume von Magdeburg. Der Inhalt des Sachsenspiegels kann hier nicht näher bargelegt werden Es sei nur auf einiges hingewiesen Schon der Sachsenspiegel stellt die erst in der Goldenen Bulle von 1536 für das ganze Reich feftgelegte Kurfürstentheorie auf. Danach wird der deutsche Kaiser von sieben Kurfürsten gewühlt. Diese sind die Bischöfe von Mainz, Trier und Köln, sowie der Pfalzgraf vom Rhein, der Herzog von Sachsen, der Markgraf von Brandenburg und der König von Böhmen. Nach dem Sachsen- spiegel hatte aber der König von Böhmen kein Wahlrecht, da er kein Deutsche Rechtsbücher des Mittelalters. Von Landgerichtsrat Dr. Bergmann. Ein wichtiges Ziel der nationalsozialistischen Revolution ist die Erneuerung des geltenden Rechtes auf d eu t s chr echtl ich er Grund - läge. Ist doch unser heutiges Recht seit der etwa um 1500 herum erfolgten Aufnahme des römischen Rechtes (der sog. Rezeption) in weitem Umfange von dem Geiste des römischen, also uns fremden Rechts, durchdrungen. Es soll hier nicht aus die Ursachen dieser für unser ganzes Rechtsleben verhängnisvollen geschichtlichen Tatsache eingegangen werden. Vielmehr wollen wir uns mit den deutschen Rechts quellen beschäftigen, aus denen wir die deutfchrechtlichen Anschauungen schöpfen können. Entsprechend der staatlichen Zerrissenheit des Deutschen Reiches war auch das alte deutsche Recht nicht einheitlich. Es gab Reichsgesetze, Lcmdesqesetze, Stadtrechte usw. Eine besondere Bedeutung hatten die sogenannten R e ch t s b ü ch e r erlangt. Darunter versteht man mehr oder weniger systematisch angelegte Bearbeitungen des in Gesetzen und Gewohnheiten vorliegenden Rechtsstofses. Es waren private Arbeiten, die in der Regel bald offizielles Ansehen erlangten, in den Gerichten wie in der Gesetzgebung zugrunde gelegt wurden und zum Teil erheblich zur Fortbildung des Rechts beigetragen haben. Sie behandelten sowohl das Lehnrecht wie auch das Landrecht. . Unter Lehnrecht verstand man die rechtlichen Beziehungen zwischen freien Männern, welche sich infolge von Benefizialverleihungen oder Vasallität in einem Lehnsverhältnis befanden. — Das Landrecht dagegen war das allgemein übliche Recht. Dazu gehörten das Staatsrecht, Straf- und Privatrecht sowie die Gerichtsverfassung und das Gerichtsverfahren. Der Sachsenspiegel. Das wichtigste und am meisten in Deutschland verbreitet gewesene Rechtsbuch ist der Sachsenspiegel. Sein Verfasser ist Eikev.Repgowe (Repkau), der Sproß eines altedeln Geschlechts, dessen Stammsitz das anhaltische Dorf Reppichau ist. Er hatte das Werk auf Bitten des Grafen von Falken st ein ursprünglich in lateinischer Sprache verfaßt und es bann auf Veranlassung bes,eiben Grafen ins Deutsche Übersetzt. In Anerkennung ber großen Berbienfte biefer beiben um das beutfche Recht hat der Bund Nationalsozialistischer deutscher Juristen im Jahre 1933 dem Eike von Repgowe und dem Grasen Falkenstein auf ber Burg Falkenstein bei Meisborf im Harz einen Gedenkstein ' Die genaue Entstehungszeit bcs Sachsenspiegels steht nicht fest, fällt aber in die Zeit von 1215 bis 1276. Das ist bie glänzenbste Periode der deutschen Literatur, als der Hohenstaufe Friedrich II. deutscher Kaiser war und Walter von der Vogelweibe, Wolfram von Esche n b a ch unb Gottfrieb von Straßburg ihre herrlichen Dichtungen bem deutschen Volke schenkten. Teil auf ben undurchdringlichen Nebel, der während der Schlacht Herrschte, zurückgeführt. Ein Beispiel, wie bie Witterung einen Felbzug begünstigen kann ehen wir beim Zuge bes schwebischen Königs Karl X. über ben Belt im Jahre 1658. Dieser Winter hatte sich in ganz Europa durch große Kälte unb reichlichen Schneefall ausgezeichnet. In Rom fiel somel Schnee, wie feil Jahrhunderten nicht. Ware in diesem Winter ber Belt nicht zugefroren, wäre ber Friebe von Roskilbe nicht so rasch zustanbe gekommen. Einen weniger günstigen Emsluß hatte der Winter 1708/09 auf bas Kriegsglück Karls XII. Das Adriatische Weer und d Themse waren zugefroren unb in Spanien lag ber Schnee 10 Fuß hoch, so daß Karl XII. unb feine Mannen unten in ber Ukraine furchtbar unter ber Kälte litten. Aber beinahe ebenso schlimm war das darauf- folgenbe Tauwetter, von Regen unb Gewittern begleitet, roobur^ bas Wasser bes Flusses Borsfla von ein paar Dezimetern auf drei Meter stieg Ein ungewöhnlich kalter Winter trug auch zu bem ungludlidjen Schicksal bei, bas Arnfelbt unb feine Karolinger im Felbzuge gegen Nor- 11,6 ©ie’b'ie'ft'älte in weltgeschichtliche Ereignisse eingreifen Eaun. beweist auch ber Feldzug ber Franzosen gegen Hollanb tm Winter 1794/95, ber ebenfalls ungewöhnlich streng war. Der französische Oberbefehlshaber rückte über bie zugefrorenen Flüsse Maas unb Waal vor unb de mach - tlate sich ber ganzen vom Eise eingeschlossenen holländischen Flotte. Den Entschluß zu diesem Vorgehen beeinflußte eine Wetterprophezeiung bes Natrnforschers Disjon V a l, ber währenb langiahnger Gefangenschaft in Utrecht bas Leben ber Spinnen ftubiert unb dieselben als ausgezeichnete Wetterpropheten erkannt hatte. Durch ben glücklichen Ausgang dieses Unternehmens ergibt sich eine gewisse Aehnlichkelt mit bem Zuge Karls X. über den Großen Belt, während Napoleons schicksalsschwerer Ruckzug aus Rußland mit Karl XII. Unglück verglichen werden kann Und doch war man damals so weit, daß man nicht nur Spinnen, fonbern auch bie Meteorologen zu Rate zog. Napoleon hatte sich nämlich hei seinen Plänen auf so eingehenbe Auskünfte, wie man sie bamals überhaupt erhalten konnte, gestützt. Aber ber Winter begann bebeutenb früher als vorgesehen unb war auch viel strenger als sonst. Unb auch diesma machte heftiges Tauwetter bie Wege grunblos unb brachte bas Eis ber Beresina zum Brechen, eine ber Ursachen ber enbgultigen Katastrophe. Im Weltkrieg würbe, bank eines ausgezeichneten meteorologischen Beobachtungsbienstes, ber währenb bes Krieges irmner mehr entwickelt würbet bie Witterung für Kampfzwecke ausgenufct. Mit sE", beklagenswerten Folgen auf ben verfchiebensten Gebieten hat ber Weltkrieg, boch auf bem Gebiete ber Meteorologie in verschiebener Hinsicht besruchtenb gewirkt, unb heutzutage finb bie meteorologischen Arbeiten em notwen- biaer unb wichtiger Bestanbteil militärischer Uebungen unb ber Kriegsbereitschaft. Aber bie Kräfte ber Natur können wir nie ganz meistern, unb auch in Zukunft werben bie geschichtlichen Ereignisse oft genug ber Gewalt ber Elemente unterworfen sein unb bie Plane ber Felbherren von Regen unb Sturm, Kälte ober Hitze zerstört werben.