Gießener Zamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang <936 Montag, ben 20. Januar Nummer 6 Oer Laufen. Erzählung von Emil Strauß Copyright 1930 by Albert Langen / Georg Müller Verlag, München ' (Schluß.) .Nicht daran denken —‘ wiederholte sie langsam, als steckte in den paar Worten ein Problem. Dann blickte sie mich mit rührend schönem, tröstendem Lächeln an und sprach mi1 bewegter Stimme: ,Also, leb’ wohl, Rudi! Du bist ein zu dummer und leichter Gesell für ernsthafte Leute!' Sie ließ ihr Auge noch eine Weile auf mir, dann nickte sie und ging, ohne mir die Hand zu reichen, auf das Haus zu Noch längere Zeit sah ich sie dort nachdenklich hin- und herfchreiten, ehe sie in das Haus trat. So übertrieben mir erst ihr Auffchrecken erschienen war, so ergriffen war ich nun, und trotz aller Neigung, den Vorfall leicht zu nehmen, mußte ich über ihn und Siddys ernste Auffassung nachgrübeln. Ich für mein Teil wäre am liebsten zu Albiez gegangen und hätte von dem Kühlem in Ehren berichtet; aber freilich: mußte es berichtet werden, so war es Siddys Sache. Und wenn Albiez nun wirklich fo empfindlich, wie Siddy annahm, oder gar mißtrauisch war, — wie auf aller Welt konnte man ihn dann von der Harmlosigkeit überzeugen! Da war Schweigen vielleicht schon das klügste. Wir hatten nun Abschied genommen; aber so ernst und endgültig er von Siddy gemeint mochte, er trennte uns nicht. Ich fiel alsbald in die Trunkenheit des Kusses zurück, ich würde den Abschied trotz allem zehntausendmal wiederholt haben. Meinen Freund empfand ich gar nicht als Hindernis. Der Kuß hatte mir jene Gärung ins Blut geworfen, die unsere Begriffe sprengt, die plötzlich alle scheinbar festgelegten und ein- gcfahrenen Bahnen und Wege unseres Charakters unterwühlt und ver- schwemmt, in der uns Lug und Trug, Gewalttat und Verbrechen leicht und verführerisch werden, die uns als entscheidende Probe zu Schurken oder Narren oder Männern läutert. Ich mied Siddy nicht. Mehr als je lief ich ihr in den Weg. Und zu meiner Ueberrafchung wich auch sie mir keineswegs aus. Ihren Zustand kann ich natürlich nur vermuten, nur ausdeuten. Vielleicht war er auch ganz anders. Ich sah sie und Albiez immer nur in unzweideutigem Glück, in Ruhe, Heiterkeit, gegenseitigem Verständnis und bin Überzeugt davon, daß ich für Siddy nur als ihr alter Gespiel in Betracht kam, gegen den sich ihre Spannung in harmlosem Tummeln lösen konnte. Der Kuß nun war nicht nur von mir erbeutet, sondern auch von ihr gegeben. Obschon überrascht, küßte sie herzhaft und kundig. Im nächsten Augenblick aber mag es sie durchzuckt haben, daß ich ja nicht ihr Liebster und daß also ihr Kuß, dieser hingegebene Kuß eine Verirrung, ein Verrat, eine Abscheulichkeit sei, deren sie sich schmerzlich schämte, vor sich selbst, vor mir und gar vor Albiez. Da sie das strenge Fühlen ihres Verlobten kannte, ja, teilte, so sand sie zunächst nicht die nötige Leichtigkeit, sich gegen ihn auszusprechen, und ihre Unsicherheit wuchs von Tag zu Tag. In ihrer Hilflosigkeit drängte es sie wieder zu mir, den sie hatte meiden wollen, zu dem Gewalttäter, gerade als könnte sie bei mir Schutz und Hilfe finden. Aber unser Beisammensein war einsilbig, gedrückt, trostlos. So ging es einige Tage. Nur einmal sprach sie aus, was sie bewegte, indem sie, den gesenkten Kopf schüttelnd, flüsterte: .Ich kann es ihm nicht sagen!' Da fühlte ich mich so schuldig, daß ich rief: .Ich reife morgen ab! Dann denkst du nicht mehr daran.' ,Ö nein!' erwiderte sie. .Das wäre gefehlt; denn ich muß es ihm sagen.' Ich sah ein, daß sie es nicht über sich gewinnen würde. Darum nahm ich mir vor, bei nächster Gelegenheit den Albiez zu fragen, ob mir seine Braut zum Abschied einen Kuh geben dürfte wie in früheren Zeiten. So dachte ich, den verübten Schaden wieder gutzumachen. Aber seltsam, ich fand die Unbefangenheit des Wortes auch nicht und verschob es von einem auf das andere Mal. Diese geheime Absicht machte mich nun auch dem Freunde gegenüber nachdenklich und einsilbig, und diesem Umstand schrieb ich es zu, daß er mich einige Male auffallend ernst und forschend anblickte. ,Du wirst langweilig, mein Sohn', warf er einmal hin, .und steckst mir die Siddy auch noch an.' So vergingen vier, fünf Tage. Da fragte er nachmittags, als ich zum Kaffee in den Garten gekommen war und unbehaglich herumstand oder hin- und herzappelte, ob ich nicht mit ihm und feiner Braut eine Kahnfahrt machen wollte. Ich war's zufrieden, ja, ich drängte, früher zu gehen, denn es war mir eine Erlösung aus dieser Unterbundenheit, wenn nur irgend etwas geschah ober von mir verlangt wurde. Albiez aber wollte die Nachmittagshitze vorbeigehen lassen, und so machten wir uns erst auf den Weg, als die Sonne schon tief stand. Die Feldsbank, die unter der Brücke her dem Rhein den halben Weg verlegt, staut oberhalb auf der Schweizer Seite eine Bucht ruhigeren Wassers an und drängt meistens am Ufer eine Gegenströmung hinauf. Mit dieser kann man ein gutes Stück bequem rheinaufwärts, über den Bereich des Gefälles hinaus in den stilleren Fluß. Auf dem Rückweg handelt es sich bann nur barum, beizeiten aus ber rascher roerbenben Strömung ab-- unb in bie Bucht einzulenken; sonst gerät man in ben Laufen. Ich ruberte, Albiez unb Sidby saßen mir gegenüber, gaben mir gelegentlich einen Wink für bie Steuerung, unb wir sprachen Zufälliges über bie Häuser, an benen wir vorbeifuhren. .Das finb beine Fenster, Ludwig', sagte Siddy, über das Wasser deutend. Sie standen weit offen und zeigten nur dunkle Vierecke. .Wie trostlos', sprach er hinaufschauend, .kommt einem doch die eigene liebe Bude vor, wenn man so dran vorbeigeht und sie so offen und leer sieht!' .Deine Mutter ist unten am Fenster, schau!' sagte Siddy und winkte mit ihrem roten Sonnenschirm; und nun erhoben wir unsere Stimmen und riefen: .Juhu'. Die Frau grüßte und drohte dann mit dem Finger, als wollte sie sagen: Gebt acht! So tarnen wir über die Häuser und Gärten hinauf. Es war ein heißer Varherbsttag, der Himmel dunstblau mit wenigen verzogenen Wolken der Art, die man nicht mehr findet, wenn man nach fünf iDlinuten wieder hinschaut. Auch die Luft war etwas dunstig und ließ mir die Stadt und die Brücke und die Höhen, auf die ich zurückblickte, fast unwirklich erscheinen, als sähe ich das Ganze in einem Spiegel. Und die Luft war so still, daß die Blätter, die sich von den Bäumen lösten, zögernd und schwankend und taumelnd niedersanken. Und das Brausen der Stromschnelle war nur noch wie ein leises Sieben in ber Luft. Es wurde still zwischen uns. Da fing Siddy an zu sprechen unb sprach mit spürbarer Ruhelosigkeit unaufhörlich, von einem Ding zum andern springend. Ich fühlte, daß sie nur die ängstliche Zeit ausfüllen und ihren Verlobten hindern wollte, zu sagen: Siddy, du hast mich betrogen! Du hast den Rudi geküßt! Und hier in dieser Abgelöstheit nur mit ben beiben Menschen zusammen, bie ich gekränkt hatte, unter bem unenblidjen Himmel, auf bem klaren Strom zwischen ben stillen Ufern, gegenüber bem gequälten Mäb- chen unb bem ahnungslosen Freund erschien ich mir plötzlich treulos unb schamlos unb schlecht. Als wären nur wir brei Menschen auf ber Welt unb als hätte jede Regung Schicksalswucht, empfanb unb wog ich nun mein unb Siddys Treiben mit der schärfsten Empfindlichkeit und erkannte es als unverzeihlich. Ich hörte nicht mehr auf die beiden. Ich ruderte mit Wut, als könnte ich dadurch diesen Gedanken und Verhältnissen entfliehen; ich dachte: ins Wasser springen, ans Land schwimmen, auf Nimmerwiedersehen davon! Ich schrak auf, da Albiez rief: .Rudi! Hörst du denn nicht?! Laß mich jetzt rudern, du schindest dich ja! — Aber sachte!' Ich war so erregt, daß ich kaum die zwei Schritte zur andern Bank leisten konnte und fast über Bord getaumelt wäre. Nun saß ich neben dem Mädchen und sagte, um etwas zu sagen: .Ein Blödsinn, so zu rudern! Ich bin ganz außer Atem!' .Wenn du wieder bei Atem bist, könntet ihr fingen!' meinte Albiez, indem er gelassen ruderte. Er blickte bald, sich umroenbenb, in der Fahrtrichtung, bald nach den Ufern, bald nach Siddy und mir. Sie sah meistens zur Seite ins Wasser, und ich glaube, sie vermied feinen Blick; mir wenigstens war nie wohl zumute, wenn sein und mein Auge einander trafen, und ich hielt ihm nicht stand. .Jetzt werd' ich wenden', sagte er nach einer Weile. .Die Sonne steht gerade auf dem Schwarzwald auf; ihr könnt ihr noch rasch etwas fingen, ehe sie dahinter versinkt!' Es war in diesen Wochen nämlich auch wieder aufqetommen, daß wir abends im Garten oder auf dem Feld miteinander fangen; manchmal machten noch die Geschwister mit. drei-, vierstimmig; ost auch nur Siddy und ich, und unsere Stimmen klangen gut zusammen. .Was — sollen wir fingen?' fragte ich sie, die mich nur kurz an- schaute und wiederholte: .Ja, was?' .Nun, irgend eines! Die Lorelei oder Morgen muß ich fort von hier', schlug ich vor. ,Ach — nein! Die sind ja so traurig!' .Ich habe zwar noch nie ein Lied traurig empfunden, wenn es schön war — aber was denn?' .Singt in Gottes Namen ben Schwarzen Walfisch!' rief Albiez lachenb. .Nein, um Gottes willen nicht! Singt doch bas schöne, das ihr letzthin auf bem Ebenen Berg gesungen habt, bas von Haybn. .An bie Freunb- fchaft'. Wir fingen an: Ln stiller Wehmut, In Sehnsuchtstränen Schmilzt meine Seele —* aber keines von uns beiden hatte Stimme, es kam zaghaft, gedrückt, schwächlich heraus: keines verführte das andere zum Singen, und so zog es sich dünn und kläglich hin, bis Siddy mitten im Vers abbrach, ohne etwas zu fugen. Ich verstand ihr Aufhören, fragte also nicht, schwieg auch und schaute in den Rhein, der uns rasch mitnahm, dem fernen Städtchen entgegen. Da hörte Albiez mit einem heftigen Ruderschlage zu rudern auf, sah uns mit bohrenden Blicken an und sagte mit ganz ruhiger Stimme: Kinder, jetzt muß ich wissen, was euch ist! Schon seit Tagen beobachte ich es: Ihr seid auf einmal beide so freudlos, so still, so — hinterhältig. Was gibt es?' Ich erschrak, ich fühlte mich rot werden, ich schielte zu Siddy hinüber, ob sie nun sprechen würde; sie aber senkte nach einem flehenden Aufblick zu Albiez den Kopf und errötete tief. Es werde ihr schwer, vor mir zu reden, dachte ich. Wir müssen, wie wir wortlos und schamrot vor ihm saßen, das Bild eines schuldigen Paares gewesen sein. Er beugte sich noch etwas vor, seine weitofsenen Augen gingen zwischen uns hin und her, stöhnend atmete er aus, so daß er etwas zusammensank, wurde weiß im Gesicht und flüsterte: ,Sol — Sol — Das ist'sst Er stand plötzlich hoch aufgerichtet im Boot und schaute nach Luft ringend um sich; er blickte mit kaltem Blick von ihr zu mir; er saß schon wieder, mit den Armen sich stützend, auf der Bank, sah gesenkten Kopses vor sich hin und manchmal unter den Brauen hervor auf Siddy und auf mich. Sie neigte sich vor und mit dem demütigsten Flehen in ihrem lieblichen Gesichte flüsterte sie: ,So ist es nicht! Ludwigl Beruhige dich! Wir wollen —' .Beruhigen —!‘ unterbrach er sie mit gedämpfter Stimme und um so festerem Ausdrucke: .Nie! Nie! Versteh, das ist meine tiefste Huldigung für dich!' ,Wir wollen hinüber ans Land!' sagte ich. .Damit wir ruhig reden können!' Wir näherten uns schon den ersten Gärten. .Hier bleiben wir!' entgegnete er, nach rechts und links blickend. .Hier sind wir unter uns und werden nicht Worte machen.' Einen Augenblick war es still. Ich wußte, daß er nun unnachgiebig (ei, und überlegte, was ich sagen wollte. .Uebrigens—' fuhr er fort, .wozu reden! Das Geringste, das ihr mir fagen könnt, wird — ekelhaft fein, und das Schlimmste nicht fchlimmer, als ich jetzt schon fühle!' Da fuhr ich rasch heraus: .Ich habe Siddy geküßt, — im Spiel — im Scherz! Und sie schämt sich, es dir zu sagen. Weiter nichts!' .Weiter nichts —!' wiederholte er und lachte; es sah aber aus, als weinte er. ,3m Spiel —? Und sie schämt sich! — Du aber schämst dich nicht, mir solchen Unsinn zu sagen!' Ich antwortete nicht. Wir kamen in den stärkeren Strom und mußten nach links hinüber halten; darum griff ich nach dem Ruder, das auf meiner Seite neben dem Boote durchs Wasser schleifte. Albiez aber kam mir flink zuvor, packte die Ruder und holte zum Rudern aus, ruderte aber nicht, sondern hob die Ruder aus den Pflöcken, öffnete die Hände, und die Ruder sanken in den Strom. Einen Moment war ich starr vor Entsetzen; denn ich begriff. .Mensch!' rief ich. .Komm zu dir! Laß mich allein büßen! Befiehl mir nachher in den Laufen zu springen! Ich tu’ es.' Er verzog das Gesicht, als röche er etwas Unangenehmes, und erwiderte: ,Und dann — Siddy und ich — heiraten? — Oder — nicht heiraten? — Was du für möglich hältst!' Da erhob sich Siddy neben mir, leicht glitt ihre weiße Gestalt hinüber zur andern Bank; Albiez machte ihr Platz, und sie setzte sich neben ihn. Sie ergriff feine Hand und sagte: .Laß mir deine Hand! Ich habe ein Recht auf sie. Ich habe nie an einen andern gedacht.' Er küßte ihre Hand und erwiderte: ,Jch glaub es dir. Aber sieh, — im Leben würde ich es nie haben glauben können.' Wir glitten an feinem Elternhaufe entlang; er schien nicht darauf zu achten. Ich ergriff eines der Bodenbretter, um notdürftig damit zu steuern. Albiez trat mit dem Fuße darauf. .Laß!' schrie ich. .Wenn wir durchkommen, wirst du uns glauben!' Und ich riß das Brett unter seinem Fuß weg. Er lächelte. Nun ging es schon jählings der Brücke zu, und da und dort schrien entsetzte Leute. Ich steuerte mit dem Brette, damit wir womöglich neben der Roten Fluh oorbeikämen und so wenigstens die winzige Möglichkeit hätten, vom Wasser durchgetragen zu werden. Die beiden saßen Hand in Hand da, rückwärts fahrend. Wir sausten am letzten Hause vorbei, schossen unter der Brücke durch und wie durch ein Riesentor hinein in ein großes Brausen. Das sog, preßte sich durch alle Poren in uns hinein, lähmte uns, schied uns ab. Bisher war es mir gelungen, das Boot auf der linken Seite des Stromes zu halten, oder es schien mir wenigstens so; nun gehorchte es mir nicht mehr und sprang auf den hart stoßenden Wellen schaukelnd vorwärts. Das Brett wurde mir aus der Hand gerissen. Ich klammerte mich fest und lauerte gespannt auf den Moment, der mich in diesem atemraubenden, betäubenden weißen Getöse vollends überwältigen wollte. Ludwig und Siddy hatten einander mit je einem Arm umschlungen, hielten sich mit der freien Hand an der Bank und schauten mir mit Blicken entgegen, die nichts Aeußeres mehr zu sehen schienen, und sie wurden vor meinen Augen aus- und nieder- und hin- und hergeschüttelt in dem stäubenden Schaume. Nun machte das Boot zwei große Sätze und prallte dabei hart ab, als wären die Wellen von Eis. Nun hob sich das Ende des Kahnes mit mir in die Luft, ich sah das andere Ende in den Gischt einbringen, sah Siddy und Albiez auffahren und sich umfassen, sah beide in der brodelnden weißen Masse versinken, — und war vom Sitze abgeglitten, hatte, Halt suchend, mich mit beiden Armen an der Bank festgehakt und wurde so hängend wie in einem aufrechten offenen Sarge weitergetragen, auf dem rasenden Wasser dahin, das über Siddy und Albiez hergefallen war und hinstampfte und meine Füße mit Schaum bespie. Der Nachen bebte und zuckte von der pressenden Arbeit der Wellen, ich stierte hinab, und von jedem Austrieb und Aufquellen und Auffchäumen erwartete ich die Freunde zurück und erwartete ich den eigenen Untergang. Nun schwankte das Boot, ich war gefaßt, von ihm zugedeckt zu werden; aber es fiel rückwärts und schnellte mich von sich. Ich wurde weitergerissen — ich traf den Kahn wieder — ich hängte mich an ihn, und nun war es ja kein Wunder, daß ich unten an Land tarn. Ich. Allein." Oorfkirche im Schnee. Von Ernst Rink. Wer dich gekannt in sommerlich durchglühten Tagen, Als rankes Weinlaub dich nur sanft zu kosen wagte, Als sich die Sonne brach in Seinen bunten Scheiben Und heiter in des Himmels Blau der Turmhahn ragte. Der steht zutiefst ergriffen vor der lichten Anmut, Mit der des Winters sonst so harte Hand dich schmückte: Bis an die Fenster reicht der Schnee und läßt nur ahnen Des Chores schlichte Form, die mich so oft beglückte. Verschlafen träumt der Turm in einer weißen Haube, Die helle Glocke teilt die Stunden heute leise — Doch welches Leben ist erwacht? Auf einem Zeiger Der alten Dorfuhr plustert keck sich eine Meise. Das war Nikolaus, der Mann. Von Josef Friedrich Perkoni g. An der Kirchenmauer von Sankt Martin fand ich noch den Stein mit der bleichen Schrift, der schwarze Lack ist längst von tausend Regengüssen ausgewaschen und niemand mehr lebt von der Familie Kraigher, daß er die schwarzen Buchstaben erneuern könnte. So muß man denn ganz nahe herantreten, um die Inschrift zu lesen: „Hier ruhet in Gott Franz Nikolaus Kraigher, Besitzer und Wirt, geboren 23. Oktober 1745, gestorben 9. März 1833 eines christlichen Todes, Herr, schenk ihm die ewige Ruhe und lasse ihn auferstehen in deiner Herrlichkeit!" Dieses Datum des Todes ist es, das mich das Grab des wahrhaften Mannes suchen ließ, von den Legenden in der Gegend noch erzählen, während die Pfarrchroniken und Kirchenbücher, die über ihn berichten könnten, bei Bränden zerstört worden sind, doch so wunderbar hartnäckig erhält sich die Erinnerung an einen Prachtkerl, daß mir alte Leute noch in der Gemeinde mit Sicherheit zu sagen wußten, gerade heuer wären es hundert Jahre, seit der schwarze Nikolaus tot fei, und der Stein wäre an der Kirchenmauer nach zu finden, ewig wird er dort sein, denn er ist eingemauert, und es mühte schon ein Erdbeben kommen, bas die Kirche einstürzen ließe, das aber tut der Herrgott nicht, behaupten die Leute... Die Gebeine des schwarzen Nikolaus freilich, wo mögen die nur fein? Sein Grab ist, weih der Himmel wie oft, umgegraben worden, andere Menschen, mit denen er und sein Name nichts gemein haben, schlafen in der Grude. Ja, im Dorf muß man mit der Erde sparen, der Kirchhof ist klein und die Schläfer müssen schon eng jufammenrürfen; aber sie sind es ja von der Kirche und vom Wirtshaus her gewohnt. Vielleicht liegt ein Schädel noch in dem grausigen Haufen von Totengebein unten im Karner, es sind mächtige Schädel darunter, und einer von ihnen könnte schon jener des dickköpfigen Wirtes und Bauern fein, den sie den schwarzen Nikolaus hießen, denn fein Haar soll kohlschwarz gewesen fein, und es wuchs ihm tief in die Wangen und Stirne herein und an den Handrücken hinab. Und auch sein Auge war finster wie die Nacht, die Kinder wendeten ihr Gesicht von ihm fort ober fingen wohl auch an jämmerlich zu meinen. So ein orbentlicher Mann hat eben kein Puppengesicht, unb Hänbe, bie ben Pflug führen ober ein volles Weinfaß in ben Keller hinabrollen, können nicht klein unb fein fein wie bie Pfoten einer Jungfer. Er hätte eigentlich früh sterben müssen, wenn Gott es nicht gewollt hätte, baß er Deutschlanb roieber frei unb blütjenb sehen sollte. Lange genug hat er mit anberen auf einer Branbstatt getrauert, unb ber Himmel konnte nicht wollen, baß solch heiliger Zorn, wie er ihn mit sich herum- trug, umsonst gewesen fein sollte. Von solchem Wunber nun, wie ber riesenhafte Mensch aufgespart würbe, erzählten mir noch alte Leute, ehe ich hinging, um bie verwaschene Steintafel zu suchen. Das war bamals, als ber französische Marschall Massena gegen Kärnten heranrückte, unb gleich hinter ihm kam Napoleon. Die Vorhut erreichte eines Abenbs am süblichen Abhang bes Gebirges ein Dorf, in bem schon alle Leute schliefen. Sie hatten von bem Anmarsch ber Feinbe wohl Winb bekommen, benn bie Hirten liefen von ben nahen Almen herab unb melbeten am späten Nachmittag, baß sie Soldaten in der Ferne gesehen hatten. Aber bie Dörfler, aufgeroiegelt von bem schwarzen Nikolaus, bem bie Pest lieber war als bie Franzosen, wollten beren Durchzug scheinheilig verschlafen. Da stellte ber französische Offizier, ber bie Vorhut befehligte, drei Trommler vor bie Kirche hin, unb sie schlugen auf das Fell, daß ihnen beinahe die Schlegel entzweisprangen. Aber nichts rührte sich in dem Dorfe, keine Tür öffnete sich, und aus keinem einzigen Fenster reckte sich ein neugieriger Kopf. „So fest seid ihr in eurem Bau, ihr Füchse? schrie der Major auf dem Pferde krebsrot. „Wir werden euch schon aus den Löchern kitzeln." Sie zündeten am Dorsende eine Scheune an und läuteten die Feuerglocke. Aus dem Hausen der Löschenden aber fingen sie sich den Stattlichsten, der wohl als der Anführer dieser verschlagenen Bauern gelten konnte, heraus, und das war natürlich der schwarze Nikolaus. Der Major eröffnete ihm, daß er, ausgerechnet er, am nächsten Morgen die Franzosen über das Gebirge führen sollte, sperrte ihn eigenhändig in die Kirche und stellte eine Wache davor Inmitten von stummen Heiligen, in unheimlicher Dunkelheit, in der das ewige Licht nur als ein riesiger roter Funke schwamm, ratschlagte er nun gleich in den ersten Stunden mit seinem Gewissen, wie er den Leuten in das Gebirge hinauf Botschaft schicken könnte. Nach einiger Zeit begann er mit den Fäusten an das Tor zu hämmern, bis die Wache vor Berzweiflung Meldung von dem rabiaten Häftling zum Major schickte. Ein junger Leutnant kam zur Kirche, und ihm sagte der schwarze Nikolaus, er wünsche, da er sich auf einen ungewissen, gefährlichen Weg begeben müßte, zu beichten. Der Major, der sich in feiner nächtlichen Tafelei nicht gerne stören ließ, schrie: „Er soll seinen Pfarrer haben", und der Leutnant selbst mußte den geistlichen Herrn zur Kirche bringen und die Zeremonie mit gespanntem Pistol überwachen. Im Beichtstuhl aber sagte der schwarze Wirt dem Greis, auf welchen Steigen er die Franzosen über die Berge zu führen gedächte. Zwei Stunden später war der Pfarrer selber im Gasthaus und bat, daß er das Dorf verlassen dürfe, denn er müsse höher im Gebirge droben einem Todkranken die letzte Oelung spenden. Der berauschte Major fluchte, er solle es haben. Die Soldaten des großen Kaisers führten den Krieg nicht gegen Krüppel und Bettlägerige. Bald darauf ging der Pfarrer mit dem Kelch und dem klingelnden Ministranten in die Nacht hinein und stieg den Berg hinauf. Und er stieß endlich auf die Bauern droben, die schon den ganzen langen Tag die Steine für ihre grausigen Lawinen angehäuft hatten, denn ihren scharfen Augen waren die Staubwolken auf der Straße der fernen Ebene und das Glänzen in Metall nicht entgangen. Und jetzt in der Nacht horchten sie wie Luchse nach jedem Steinrollen. Plötzlich hörten sie verwundert die dünne Versehglocke, denn der Pfarrer halte höher oben den Buben geheißen, sie wieder zu läuten. Als er in der Mitte der fröstelnden Leute war, stellte er den Kelch auf einen Felsblock hin, und die Glut des niedergebrannten Feuers, an dem sie die Erdäpfel gebraten hatten, um ihren halben Hunger zu stillen, warf ihren fünften Schein auf das Gold des heiligen Trinkgefäßes. Da fiel es einem ein, daß sie jetzt, während sie so untätig lagen, den Leib des Herrn empfangen könnten, denn jeder mußte für die große, letzte Reife bereit fein; wahrscheinlich war ihnen der Pfarrer vom Himmel selber geschickt worden. Und der todmüde Greis ging abseits hin und setzte sich auf einen niedrigen Stein. Einer nach dem andern kniete zu ihm, und er hörte ihnen die geringen Sünden ihres kargen Lebens ab. Viele waren steif und ausgemergelt, und es kostete ihnen Anstrengung, beim Hinknien die Beine zu biegen. Die Augen fielen dem Geistlichen zu, aber er zwickte sich in die Hand, damit er wach bleibe. Schon stieg der graue Morgen herauf, da knieten sie aus dem Berge in einer langen Reihe hin, und der Pfarrer legte jedem ein winziges Stück der Hostie auf die Zunge, denn er hatte sie vielfach teilen müssen. Dann stiegen sie wieder zu ihren Steinhäufen hinab, die zu beiden Seiten der Hohlwege aufgeschichtet waren. Und sie redeten untereinander und zweifelten, ob der Wirt die Franzosen auf dem richtigen Wege heraufbringen werde. Es führten auch andere Steige über das Gebirge, auf die keine Steinlawine nieder- drechen würde, und wer geht gern blind in fein Verderben? Wie kann man, fo meinten manche, sich von Felsen erschlagen lassen, die man selbst losbrechen heißt? Wie gering dachten solche Zweifler von dem schwarzen Nikolaus. Sie sahen nicht, wie er, einem Tiere der Wildnis gleich, seinen geweihten Kerker mit großen Schritten durchmaß, wie er dann, ohne daß fein Fuß auch nur einen verdächtigen Augenblick lang gestockt hätte, den Soldaten voranging. Ja, er hatte sich nicht einmal von seiner Familie verabschiedet, obwohl ihn die Wache zum Wirtshaus geleiten sollte. Er fürchtete, es könnte den Major mißtrauisch machen und er würde noch im letzten Augenblick gegen einen anderen ausgewechselt werden. Dann stieg er mit einer verbissenen Freude auf den Berg, vor sich den sicheren Tod, denn da schritten zwei Soldaten mit gespanntem Pistol und hatten den Befehl, ihn kurzerhand niederzuknallen, sobald sich der geringste Verdacht regte. Doch nicht die leiseste Angst war ihm anzumerken denn sonst wären sie ihm nicht mit solchem Gleichmut in die Falle gefolgt. " ■ wird berichtet, daß von dieser einen Vorhut, die freilich nicht die einzige war, obwohl der schwarze Nikolaus in seinem herrlichen Manns- tum sich benahm, als wäre sie es, auch nicht ein Franzose enttarn, der ben furchtbaren Untergang hätte melden können. Nachfolgende Truppen begruben die Toten, einige Leichen aber ruhten in den Schluchten. Aasvogel kreisten lange über mehreren Stellen. ®ott wollte nicht, daß der schwarze Nikolaus mit seinen Feinden erschlagen werde, Gott liebt solch zornige Männer, die sich und das Recht nicht beugen lassen wollen. Die Steine knickten dem Wirt wohl die Beine mehrfach, und zwei Kugeln fuhren in seinen Rücken. Beide dämpfte der dicke Loden, sie steckten nicht so tief, und ein Wundsieber ist für so einen •Kiefen nicht mehr, als ein Schnupfen für einen Schmächtigen ... pa, du hast es verdient, Franz Nikolaus Kraigher, daß deine Grabtafel an der Kirche eingemauert iü. Wenn aus den Buchstaben auch der lchwarze Lack längst von tausend Regen ausgewaschen wurde, sie leuchten h«ler und unvergänglicher noch, als wenn sie aus Gold wären. Bus6»