Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger Jahrgang 1956 Zreitag. -en 19. Juni Nummer 46 Oie Fahrt nach öer Ahnfrau Erzählung von Paul Fechter Copyright 1935 by Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart 2. Fortsetzung. „Da war der Siebenjährige Krieg, und wir hatten die Russen hier", erwiderte der Pfarrer. „Da wird's 'n bißchen unruhig. Aber sie sind doch mehr im Süden durchgezogen, Mohrungen weiht du, Herder; hier wird's erst nachher, 1812, schlimm." Der Arzt hatte das merkwürdige Gefühl, daß ihm die preußische Geschichte auf einmal ganz nah auf den Leib rückte. Er suchte seine Urgroßmutter, und die Russen, die Katharina gegen den Alten Fritz geschickt hatte, die Franzosen Napoleons machten ihm dabei Unbequemlichkeiten. Komisch, wie lange olles nachwirkte! In Berlin merkte man das gar nicht so. „Hast du denn Platz?" fragte er, auf das Angebot des Pfarrers zurückkommend. Der nickte; er fei allein, er hätte drüben mit einem Amtsbruder etwas zu besprechen. Das dauere aber nicht lange, und er könne ihm wohl behilflich sein, nachher einmal auf dem Evangelischen Pfarramt nachzufragen. Natürlich nur, falls er Wert darauf lege. Der Doktor Ebener legte Wert darauf, und sie verabschiedeten sich bis zum nächsten Tag. Der Pfarrer nahm eine elektrische Bahn, Georg Ebener ging ins Hotel, versuchte zu schlafen, konnte nicht; die Straße, der helle Sonnenschein störten ihn. So erhob er sich bald wieder, nahm Hut und Baedeker, wechselte beim Portier einiges Danziger Geld ein und verhandelte zwei Minuten später mit einem Chauffeur über den Preis einer Fahrt nach Oliva. Der Mann lachte. „Fer Ihn' mach's billig — ich hab' Ihn' ja heit morgen herjebracht", sagte er behaglich. Der Doktor Ebener wunderte sich, daß er den Mann auch nicht gleich wiederkannt hatte; der Chauffeur fragte, ob er nach Oliva oder nach Zoppot fahren sollt'. Der Doktor aber bezwang sich und fuhr nur nach Oliva. Bor dem Schloß blühten in leuchtender Pracht Stiefmütterchen und späte Vergißmeinnicht. Der Park lag frühlingsgrün und still; die schmale zarte Fassade der Klosterkirche mit den beiden Türmchen an den Seiten ragte hell ins klare Licht. Bei den Wassern im Park dachte Ebener immer, sie müßten überlaufen, so hoch standen sie in ihrem Becken. Aber sie blieben und spiegelten den Himmel und die Zweige der Bäume, obwohl noch überall die hellbraunen Knospenhüllen der Blätter auf ihrer Oberfläche und am Rande schwammen. Einmal sah er von fern einen dunkelblauen Streifen See durch einen Durchblick herüberschimmern. Wieder spürte er die Lockung, hinzufahren und zu suchen. Aber dann gab er sich einen ärgerlichen Ruck und wanderte weiter, um das Schloß herum, um das Kloster mit dem weiten, Hellen Hof. Er tat seine Pflicht als Fremder und war doch nicht bei der Sache. Er sagte Friede von Oliva 1660 und versuchte sich vorzustellen, daß hier vielleicht einmal Gustav Adolf oder Karl XII. oder gar der Große Kurfürst gewesen wären. Der Baedeker verriet nichts von ihrer Anwesenheit, und der Doktor besah sich ein bißchen ungläubig die Helle Frühsommerwelt ringsumher. Sie sah so gänzlich ungeschichtlich und lebendig aus; er überlegte einen Augenblick, ob es wohl damals hier auch schon so gewesen war. Die Gebäude waren alt, standen zum Teil wenigstens wohl schon zu jener Zeit. Vieles war sicher umgebaut; vielleicht hatte es den Park noch gar nicht gegeben oder er sah ganz anders aus. Die Bäume hier waren höchstens hundert Jahre alt, konnten in ihrer Jugend vielleicht Napoleon gesehen haben, aber sicher nicht den Schwedenkönig oder gar den Großen Kurfürsten. Er versuchte sich oorzustellen, wie es ausgesehen hatte, als er zuletzt vor bald dreißig Jahren hier gewesen war. Aber die Erinnerung ließ ihn im Stich. Er besann sich auf das Schloß und die Wasser; ob die Bäume kleiner gewesen waren, wußte er nicht. Er stellte schließlich fest, daß das auch ganz gleichgültig sei, und beschloß, den Karlsberg zu ersteigen. Er entsann sich, daß die Aussicht einst den Vater entzückt hatte. Der sandige Weg war nicht schwer zu finden und viel kürzer, als er gedacht hatte. Nur zu rasch hatte er die Höhe mit dem Aussichtsturm erreicht, stieg empor und sah nun hinüber über das hügelige Land und die weite Ebene^nach der fernen See, die lockend herüberblaute, und nach der andern Seite in die lichtgrllnen Buchenwälder am Hang der Höhen, die sich nach Danzig hinüberschwangen. lieber den Baumwipfeln schwebte zartrosig im Duft der Turmstumpf von Sankt Marien. Das Bild in der durchsichtigen Juniklarheit des Hohen Sommertages war bezaubernd: aber Doktor Ebener stand davor mit derselben Sachlichkeit, die er vor einem zu entfernenden Blinddarm empfand. Es war schön; aber es fehlte ihm etwas. So stieg er hinab, suchte von neuem seinen Chauffeur, der hoffnungsvoll gewartet hatte, und fuhr wirklich nach Zoppot. Er wanderte durch die Anlagen, über deren Blumenbeeten das nachmittägliche Konzert blechern flimmerte; er ging zum Strand, auf den Steg, wanderte zwischen den wenigen Strandkörben hindurch, die sich schon ins Freie gewagt hatten — umsonst. Er aß früh und mißlaunig zu Abend, wobei er sehnsüchtig an das Mittagessen mit dem Pfarrer dachte; dann kaufte er sich eine Karte für das Kasino und beschloß, sein Glück wenigstens im Spiel zu versuchen. Er kam sich dabei sogar beinahe etwas mondän vor, bis er oben im Spielsaal zwischen den quadrierten Tischen stand, an denen er den vielbesungenen Beruf des Croupiers zum erstenmal in Wirklichkeit, nicht nur im Film erlebte. Er wechselte wie die andern bei einem stummen Mädchen einen Zehnguldenschein, sah ein Weilchen lernend zu und begann bann, ohne zu wissen warum, wie die andern die einzelnen Guldenstücke teils in die Gevierte, teils auf ihre Grenzlinien und deren Schnittpunkte, zu setzen. Er sah die alten Damen, die da vorgebeugt um den Tisch saßen und ihren Guldenstllcken sehnsüchtig nachblickten, sah die jungen Männer mit den östlichen Physiognomien, hörte polnische Worte und andere fremde Idiome — und das Ganze wirkte in der rauchig schwebenden Luft mit den großen Kronleuchtern auf einmal nicht mehr mondän. Er gewann zehn Gulden und verlor sie wieder, ging an einen andern Tisch, wo ihn eine stark parfümierte, hochblonde Dame so lange interessierte, bis sie mit dem Croupier, der gelangweilt, mechanisch, ohne hinzusehen, auch ihr Geldhäufchen zu sich heranharkte, Streit anfing. Da wanderte er in den Nebenraum, in dem der Bakkarattisch stand, und nun wurde die Sache interessanter. Dort saßen lauter alte Männer mit richtigen Spielgesichtern schweigend um den Tisch; der Croupier oder wie man ihn hier nennen mochte, machte wunderbar geschickt alle möglichen Manipulationen mit Karten und Geld; vor jedem der Spieler lag ein Haufen zerknüllter Scheine und Fünfguldenstücke, und alles ging unter sozusagen wissenschaftlichem Schweigen, nur mit geheimnisvollen Rusen des Kasinomannes vor sich, der die Leitung hatte. Auf einmal zerriß die Ruhe: irgend etroas erregte die alten Herren — sie schnatterten plötzlich böse und zornig wie zerraufte Vögel in lauter fremden Sprachen durch- und gegeneinander: der Croupier blieb wie ein ägyptisches Monument unbeweglich sitzen: dann sprangen sie alle auf und schossen wie auf Kommando eilig rauchend nach allen Seiten auseinander. Und da kam es dem Doktor Ebener plötzlich zum Bewußtsein, daß er hier auf deutschem Boden stand und doch kaum ein Wort Deutsch hörte: daß eine fremde Welt sich fremd und seltsam angetan hatte, und auf einmal wußte er, wie vieles sich geändert hatte, seit er zuletzt hier gewesen war. Nicht nur die Bäume waren gewachsen; die ganze Welt um die blaue Bucht, über der draußen der silberne Frühsommermond leuchtete, hatte neue, fremde, makabre Züge bekommen. Ihm war, als ob er plötzlich wieder wie einst als Stabsarzt in einer der Städte des Krieges oben hinter der Front stand; er war hier ebenso sremd wie dort. Er zerdrückte seine Zigarre, warf noch einen Blick aus dem schon abendlich leeren Cafe hinaus durch die blauen Fenster auf den verlassenen Seesteg und seine flimmernden Bogenlampen, über denen der helle Himmel der Juninacht und der seltsam mitten im Raum schwebende silberne Mond hingen. Dann ging er. Gegen neun Uhr früh hielt der Wagen mit dem Pfarrer am Danziger Hof; eine Viertelstunde später fuhren sie über die Mottlaubrücke die breite Straße durch Langgarten mit seinen immer niedriger werdenden Häusern auf Bohnsack zu. Der Morgen war blau wie der des vergangenen Tages: der leichte Dunst, der über dem Werder lag, löste sich zusehends, und als sie bald darauf an den Strom herankamen und unter den hohen Bäumen auf dem Damm entlangsuhren, war der Tag so silbern klar, daß die völlig ungetrübte Farbigkeit der Welt fast weh tat. Glasklar tag die Ferne über der Weichsel auf Danzig zu, glasklar standen die Höhen über Praust: als sie über die erste Fähre fuhren auf die zierlichen bunten Hänschen und die lustige Fachwerkkirche von Bohnsack zu, die leuchtend vor dem Dunkel des Kiefernwaldes stand, hatte der Doktor das Gefühl, die Welt noch nie so rot und blau und grün und unverwischt erlebt zu haben wie hier. Die zweite Fähre nahm sie auf: sie kreuzten den Durchstich, den eigentlichen Strom. Am Wagen lehnend fuhren sie hinüber; lichtblau lag über der Mündung des breiten Wassers die See. Ein Dampfer, der gerade die Bucht verließ, war in seiner Kleinheit mit Masten, Farben und Schornstein so deutlich, daß sie sich über seine Größe nicht einigen konnten. Der Doktor taxierte ihn auf einen kleinen Küstendampfer; der Pfarrer, der die See und das östliche Seelicht im Juni kannte, lachte nur. Nach Süden zu flimmerte die Weichsel hell im Sonnenschein. Die Dämme, das flache Land zu beiden Seiten, Bäume, Gehöfte standen farblos wie helle Silhouetten im Licht. Georg Ebener hatte plötzlich das foq beinahe durstig die Luft ein, in der schon d Linden und fernem Holunder und zugleich Papier, saßen zwei Männer und suchten die blassen Spuren, die der Schicksalsweg einer Frau hinterlassen hatte, von der niemand mehr wußte, obwohl nur drei kurze Generationen sie von dem Urenkel trennten, der hier saß und ihr.sein Dasein verdankte. Der Doktor sand es bald nicht sonderlich interessant, immer neue Wiebes und Preuschhosfs und Dycks und Krauses oder zur Abwechslung einmal Hildebrandts aus ihrer wohlverdienten Ruhe aufzustöbern, die sie dort in den dicken Bänden mit ihren Eheliebsten aus den Stämmen der Enß und Wiens und Bollerthuns und wieder Krauses oder Kuhns vereinte. Er überflog die Seiten nur noch und empfand in Gedanken bereits so etwas wie Genugtuung, wenn er sich die berechtigten Borwürfe vorstellte, die er dem Brüderchen machen würde, das ihn auf diese unnütze Fahrt geschickt hatte. Da hob plötzlich der Pfarrer Malletke den Kopf und sagte: „Komm mal her." Der Doktor gehorchte, der Pfarrer drückte seinen Finger mitten auf eine braungesleckte Seite mit vielen sauberen, verblaßten Schriftreihen in der Schreibweise längst verschollener Jahrzehnte — und als Georg näher hinsah, stand da wirklich klar und deutlich der Name Regina Katharina Müller. „Meinst du?" fragte er zweifelnd. „Gib mal deine Danziger Papiere", sagte der Pfarrer — und dann verglich er und nickte. „Das Geburtsdatum stimmt. Den 15. März 1760 — in Insterburg." „Und das andere?" fragte der Doktor gedankenlos. Der Pfarrer hob für einen Moment den Blick zu ihm auf. „Das steht nur hier: gestorben am 14. September 1797 dahier, siebenunddreißig Jahre alt." Der Doktor schwieg ein Weilchen. „Möglich ist es ja", sagte er langsam. „Aber ob es die Rechte ist?" Der andere hob leicht die Schultern. „Schwer zu sagen. Die Ueberein- stimmung des Namens und des Geburtsdatums spricht dafür; Insterburg spricht dagegen." „Wieso?" fragte erstaunt der Arzt. „Das ist doch nicht so weit." Der Pfarrer Malletke lächelte: „Heut nicht, aber damals. Damals war Ostpreußen Ausland für Danzig wie für Marienburg, wenn auch bet der Hochzeit das Land hier schon preußisch war. Wann haben die beiden geheiratet?" . ,_QO _ Der Doktor sah in seinen Danziger Papieren nach. „1782 am 1. Sep- tcTnbcr 1782", sagte der Pfarrer. „Da erschien, glaube ich, die Kritik der reinen Vernunft. 1772 wird das hier preußisch — bis aus Danzig. Danzig bleibt Ausland." Ein Weilchen herrschte Schweigen, nur unterbrochen durch das lange, zornige Hupen zweier Autos, das sich lächerlich mit dem heftigen Blöken einiger Hümmel mischte. Dann hob Malletke wieder an: „Em junges Mad- chen aus Insterburg heiratet in Danzig einen dortigen Schiffsreeder und stirbt nach fünfzehnjähriger Ehe — die — zeig mal — laut Kirchenbuch mit vier Kindern gesegnet ist, in Marienburg, also jenseits der Grenze. Dein Urgroßvater hat sie überlebt?" Ebener suchte einen zweiten Zettel hervor und sah nach. „Bis 1815", bestätigte er. Der Pfarrer blickte versonnen durch das Fenster in den blauen Mittagshimmel über den besonnten roten Dächern. „Etwas ungewöhnlich ist s , sagte er langsam. Der einarmige Gehilse hatte interessiert zugehört. Jetzt räusperte er sich „Na kennt' nich am End' die junge Frau auf ’ner Reis krank ,e- worden sint?" wagte er zu dem Pfarrer hinüber zu bemerken. Der schüttelte den Kopf: „Nein, Herr Koslowski, dann hätt' man sie bestimmt nach Danzig zu dem Herrn zurückgebracht. Sie hat sicher schon hier gelebt — wahrscheinlich ohne ihn", setzte er vorsichtig hinzu. „Aber wo kam sie her?" fragte Georg Ebener mit einem Klang von stärkerer Beteiligung in der Stimme. „Aus Jnsterburch", sagte Herr Koslowski, erstaunt über soviel Begriffsstutzigkeit eines studierten Mannes. „Das weih ich", sagte der Doktor kurz; „aber wer waren ihre Eltern? Bon wem stammte sie ab?" , , Der Pfarrer spielte mit dem Bleistift: „Das kannst du höchstens in Insterburg 'rauskriegen — wenn wir einmal annehmen wollen, daß dies wirklich deine Ahnfrau ist." , Er schlug in dem alten Kirchenbuch, das er -immer noch ausgeschlagen vor sich hatte eine Seite um und las wie in Gedanken weiter, als suche er noch etwas, und auf einmal stieß fein Finger wieder auf dos gebräunte Papier, und er sah den einstigen Schulgefährten von neuem an: „Es ist ziemlich sicher, daß es deine Urgroßmutter ist." „Wieso?" fragte der Doktor und suchte mit seinem Blick die Stelle, wo des Pfarrers Finger hielt. Malletke beugte sich über das Papier. „Hat dein Großvater einen Bruder mit dem Bornamen Johann Friedrich Benedikt gehabt?" Georg Ebener zog wieder ein anderes Papier hervor und schüttelte den Kopf. Hier wären vier Kinder verzeichnet, aber keines dieses Namens. Der Pfarrer aber sagte: „Hier im Kirchenbuch ist ein Knabe Johann Friedrich Benedikt Ebener eingetragen, der im zarten Alter von vier Monaten am 1. Oktober 1797 gestorben ist." „Aber auf der vorigen Seite stand doch Regina Katharina Müller", sagte der Doktor, „das müßte dann doch auch Ebener heißen, wenn die beiden zusammengehören sollten." Herr Koslowski nickte zustimmend; der Pfarrer aber lächelte ein kleines, etwas melancholisches Lächeln. „Es gibt manchmal Situationen im Leben, gab sie auch damals schon, da wollen die Frauen den Namen des Mannes, den sie selbst einmal trugen, nicht mehr hören." (Fortsetzung folgt.) Gefühl da ginge es in eine fremde Welt, beinahe schon ins Russische hinein. Breit, einsam, melancholisch kam der mächtige Strom hell herangerollt. Größe und Verlassenheit waren über ihm; der Doktor mußte an die Donau denken unten auf dem Balkan, über der auch die Weiden flimmerten wie die da drüben am Weichseldamm. Bloß damals war Winter gewesen und Rauhreif, als sie bei Semendria ^übergingen; hier lag Sonne und leuchtender Sommer über dem Land, und doch kroch die erste Weite der Fremde heran, die erste Einsamkeit des Ostens, der an diesem Strom anhub. Georg Ebener wandte den Blick zurück zur See, in die prangende Junifarbigkeit, horchte auf das rasche Glucksen der Wellen unter dem schrägen Bug der Fähre und sog beinahe durstig die Lust ein, in der schon ein erster Duft von Korn und Linden und fernem Holunder und zugleich noch ein letzter Rest von der kühlen Frische des Frühlings war. Dieser Osten war ihm lieber, den andern ließ er ohne Bedauern und ohne hinzusehen hinter sich. Drüben, jenseits der Weichsel, fuhren sie noch eine Strecke weiter ostwärts, am Rand der beginnenden Nehrung, deren Sandhöhen seltsam mit dem fruchtbaren Reichtum des bis an ihren Fuß Heranstromenden Deltalandes zusammenklang. Sie fuhren so weit, daß das hohe Lied von Elbing schon klarer aus dem lichten Nebel des Morgens zu wachsen begann, unter dem es lag. Dann sprach der Pfarrer kurz mit dem Wagenlenker; der nickte, sagte: „Ich mein, gleich über Tiegenhofs", und bog nach links ein, die Richtung nach Süden, dem Licht entgegen, nehmend. Kornfelder im leicht violett getönten Grün des Roggens vor der Blüte, satte Wiesen mit schwerem, reglosem schwarzweihen Vieh, behäbige Gehöfte mit großen Wohnhäusern und weitausladenden Stallungen glitten vorüber. Immer wieder mußten sie breite, bewegungslose Wasserarme kreuzen, meist mit Fähren, neben denen aber oft neue eiserne Brücken, noch rot leuchtend, im Bau waren. Seltsame Namen standen an den Tafeln der Ortsschilder: die Landschaft, aus der noch eben der erste Schauer des östlichen Raumes gestiegen war, bekam etwas Westliches, holländisch Breites, Wohlhabendes. Und als sie bald darauf mit leichtem Holpern durch die schmalen Gassen einer kleinen, lauten Stadt rollten: auf einmal lief ihre Straße am linken Ufer eines breiten, trägen Flusses dahin, im Schatten hoher, behäbiger Bäume, die auch das Wasser überdachten, zur Linken lagen lauter kleine, einstöckige, rote, blaue, gelbe, rosa Häuschen mit weißen Lauben vor dem Eingang, zierlich, sauber, verschlafen und spielerisch in das langsame Wasser des Flusses jenseits der Straße blickend — da sagte der Doktor erstaunt: „Das' ja Saardamm." Der Pfarrer nickte mit einem Lächeln: „Es is aber bloß Tiegenhoff." Bald danach stieg zum erstenmal fern und blaß die Silhouette auf, die der Doktor schon lange unbewußt gesucht hatte — das kleine, nur wenig über dem Horizont ragende bläuliche Viereck, aus dessen Mitte sich zierlich ein Türmchen hob. Und kurz nach elf Uhr hielten sie auf dem hohen Damm von Kalthof, und drüben, jenseits der Nogat lag, gegen . das Licht noch großer und wuchtiger wirkend, die Marienburg, das Herz des Landes um den Strom, und vor der Brücke stand ein Mann in grüner Uniform und verlangte ihre Päffe zu sehen und fragte nach dem Gepäck. Der Paß des Pfarrers fah ganz anders aus als der des Doktors, obwohl sie die gleiche Schulbank gedrückt hatten, und der Strom da unten, über den sie fo oft auf der alten Schiffbrücke dort nebenbei gelaufen waren, war jetzt eine Grenze geworden. Der Doktor machte, als der Wagen langsam über die Gitterbrücke rollte, ein finsteres Gesicht. „Wenn man das nie erlebt hat, denkt man sich das gar nicht so, mit Paß und Zoll und all dem Zeug", sagte er grollend zu dem Psarrer. Der nickte: „Wir sind es schon gewöhnt; aber schön ist's nicht." „Hat die Nogat immer so wenig Strom gehabt?", fragte Georg Ebener und wies auf den ruhigen, feeartigen Spiegel des Flusses hinab. Sein Begleiter lachte: „Sie haben sie doch reguliert, schon vor zwanzig Jahren. Die Nogat ist unten an der Montaner Spitze durch ein Wehr abgesperrt; die Wasser gehen nur noch die Weichsel entlang. Nach Jahrhunderten haben die Danziger noch einmal in dem alten Wasserkrieg gesiegt, als der Sieg keinen Sinn mehr hatte. Die Nogat ist tot — es gibt auch kein Hochwasser, keine Ueberschwemmungen mehr." „Schade", sagte der Doktor. „Du bist ein Gemüt", meinte der Pfarrer; aber der andere wehrte ab: „So meine ich's nicht. Es war früher lebendiger, und bann ist wieder ein Faktor ausgeschaltet, der bevölkerungsregulierend wirkte." Der Pfarrer verzichtete auf eine Antwort. Sie stellten den Wagen auf einen Parkplatz und suchten zuerst den Pfarrer Krause auf, um dessentwillen die Fahrt unternommen war. Er war ein schmaler, alter Herr, der lebhaft über die viele Arbeit klagte, die die neuerwachte Ahnenneugier ihm bereite, fo daß der Doktor schon darauf verzichten wollte, nach Regina Katharina Müller zu fragen. Aber der Pfarrer Malletke schien feinen Amtsbruder zu kennen. Er nahm von feiner im voraus ablehnenden Haltung keine Notiz, brachte seinerseits das Anliegen Ebeners vor und erreichte damit, daß der alte Herr, lediglich einen melancholischen Seitenblick auf den Mann mit der so schwer zu enträtselnden Ahnfrau werfend, seinen Strohhut ergriff, durch eine vorsichtig geöffnete Tür ein paar erklärende Worte in ein Nebenzimmer fallen ließ und dann führend seinen gepflegten weißen Spitzbart über die Straße hinüber zum Pfarramt trug. Dort führte er die Fremden bei seinem einarmigen Helfer ein und übertrug ihr Anliegen in eine diesem würdigen rothaarigen Mann verständliche Sprache. Dann lächelte er teils milde, teils müde Abschied und kehrte eilig wieder über die Straße in feine Privatgemächer zurück. Der Pfarrer Malletke hatte sehr bald aus feiner Kenntnis der östlichen Volksseele eine direkte Beziehung zu dem Kirchenbeamten Koslowski gesunden, und nach kurzer Frist hatten sie die Folianten der Zeit, um die es sich handelte, aus einem großen Tisch vor sich. Der Pfarrer blätterte, der Doktor blätterte; Herr Koslowski sah zu. Draußen lag der helle Sonnenschein; Wagen rollten rumpelnd und ratternd über das holprige Kopf- vflaster; bann unb wann brüllte eine Kuh. Drinnen stieg verschollene Orb- nung verschollener Jahrhunberte mit leichtem Moderbust aus gebräuntem Schöne Iuniiage. Don Detlev von Liliencron. Mitternacht, die Gärten lauschen, Flüsterwort und Liebeskuß, Bis der letzte Klang verklungen, Weil nun alles schlafen muß — Fluhüberwärts singt eine Nachtigall. Sonnengrüner Rosengarten, Sonnenweiße Stromesflut, Sonnenstiller Morgensriede, Der auf Baum und Beeten ruht — Flußüberwärts singt eine Nachtigall. Strahentteiben, fern, verworren, Reicher Mann und Bettelkind, Myrtenkränze, Leichenzüge, Tausendfältig Leben rinnt — Flußüberwärts singt eine Nachtigall. Langsam graut der Abend nieder, Milde wird die harte Welt, Und das Herz macht seinen Frieden, Und zum Kinde wird der Held — Flußüberwärts singt eine Nachtigall. Die Uhr. Eine Spitzbubengeschichte aus der guten alten Zeit von Paul E r n st. In Rom erwerben natürlich viele Juristen an den verschiedenen Gerichten des Heiligen Vaters ihre Nahrung; die meisten von ihnen haben mit der Polizei nichts zu tun, da sie sich mit den bedeutendsten Angelegenheiten der Christenheit beschäftigen müssen. Aber auch die Bürger der Stadt selbst, die ja an denselben Schwächen leiden wie die übrigen Menschen, müssen selbstverständlich angeklagt und verurteilt werden können, wenn sie morden, stehlen, unterschlagen oder rauben, und deshalb sind für sie zwei Stadtrichter eingesetzt, nämlich die Richter Matta rind Brava, und diese haben sich natürlich ihr Urteil über die Polizei im allgemeinen und die Polizei des Heiligen Baters im besonderen — vertreten durch den Polizeihauptmann Tromba — gebildet. Seit alten Zeiten beherrscht die beiden Stadtrichter ein Gegensatz. Wenn der erste Richter zu einer Ansicht gekommen ist, so pflegt der zweite Richter die entgegengesetzte Ansicht zu wählen. Die beiden sind sich im Range gleich; der erste hat nur den Vorzug des höheren Alters, und diesem verdankt er denn, daß er die Ansichten zu bestimmen hat, der zweite muß sich ja natürlich nach ihm richten; denn da es herkömmlich ist, daß er nicht einen kontradiktorischen Gegensatz vertritt, sondern den konträren, so ist feine Ansicht durch die Wahl des anderen schon mitgewählt; man kennt die Bedeutung des Herkommens in der Rechtswissenschaft. Ist der ältere Richter gestorben, so rückt der zweite natürlich in seine Stelle auf. Der Richter Matta, der zur Zeit erster Stadtrichter ist, hat sich hinsichtlich des Polizeihauptmanns Tromba die für einen Richter an sich natürliche Meinung gebildet, daß er dumm fei, und daher hält ihn der Richter Brava also für einen sehr fähigen Beamten Es haben in der letzten Zeit einige Vorfälle stattgefunden, welche die Ansicht Mattas zu bekräftigen scheinen. Matta spricht schon laut aus, daß er beim nächsten Fußkuß, den der Heilige Vater ihm gewährt, auf Tromba die Sprache bringen wird. Der Heilige Vater liebt alle seine Untertanen gleichmäßig, und natürlich liebt er auch Tromba; aber man hält es in weiten Kreisen doch nicht für ausgeschlossen, daß Tromba das bekommt, was man eine Nase nennt. An dem Wohlergehen der Polizei haben begreiflicherweise die Spitzbuben ein besonderes Interesse. Man wird sich nicht verwundern, wenn an den Sonntagabenden, wo sie gesellschaftlich zusammenzukommen pflegen, bei ihnen viel über Tromba, feine Nase und Matta gesprochen wird. Lange Rübe erklärt, daß man die Pflicht habe, Tromba beizustehen. Tromba habe sich den Spitzbuben gegenüber immer als Ehrenmann benommen, und wenigstens er, Lange Rübe, fei auch ein Ehrenmann und fühle sich ihm verpflichtet. Einige Herren behaupten zwar, ihnen könne gleichgültig sein, was mit Tromba geschehe, aber die Haarige Marta, die erste Hehlerin, stellt sich auf die Seite der Langen Rübe und sagt, ihr fei in ihrem Geschäft mehr an der Anständigkeit der Polizei gelegen als den alten Herrschaften, und sie sage sich, wenn etwa Tromba seine Stelle verliere, so wisse man nicht, wer für ihn komme. Lange Rübe hat sich schon einen Plan ausgedacht: er nimmt einen Kollegen mit und geht gleich am Montagvormittag an die Arbeit. Der Sitzungssaal des Stadtgerichtes enthält eine große Sehenswürdigkeit, einer der Sehenswürdigkeiten Roms, die von den reisenden Engländern immer aufgesucht wird, nämlich eine künstliche Uhr. Wenn sie die Viertel schlägt, so kommt auf der einen Seite ein Sbirre zum Vorschein, welcher einen Spitzbuben beim Kragen nimmt und auf die andere Seite durch ein Tor abschleppt. Wenn sie halb schlägt, so steigt aus dem Boden ein Richter auf seinen Stuhl und zwei Parteien vor ihm mit ihren Advokaten; der Richter erhebt den Finger, die Advokaten öffnen den Mund, die Parteien drehen sich um sich selber, und dann verschwinden alle. Bei den vollen Schlägen aber tritt oben aus dem Werk eine Justitia und bläst in eine Trompete. Dann erhebt sich ein Schafott aus dem Boden mit dem Scharfrichter, welcher das Beil in der Hand hält, dem armen Sünder, dem Richter und den Sbirren. Der Richter erhebt die Hand, und der Scharfrichter schlägt so oft zu, wie es Stunden sind. Man kann sich oorktellen. welchen Eindruck es auf den Heiligen Vater machte, wenn diese Uhr plötzlich gestohlen wäre. Die Gerichtsstunden sind nun so verteilt, daß Matta den Saal am Vormittag benutzt, und Brava am Nachmittag. Am Montagvormittag hat Matta gerade einen Taubenprozeß. Ein Taudenprozeß ist für einen Richter ungefähr das, was für einen Priester die Bekehrung eines Geizhalses ist, oder für einen General der Uebergang über einen Fluß, auf dessen anderem Ufer der Feind steht. Matta ist also in sehr gereizter Stimmung. Plötzlich erscheinen zwei Handwerker im Saal, grüßen, holen einen Tisch und stellen ihn unter die Uhr, setzen einen Stuhl daraus; der eine der Leute steigt hoch und macht sich an der Uhr zu schassen, der andere betrachtet aufmerksam, wie der erste arbeitet, und richtet bisweilen einen ermutigenden Zuruf an ihn. Matta rutscht eine ganze Weile nervös auf seinem Richtersitz hin und her. Der Advokat des Klägers hält eine Tüte Anis hoch und spricht von den sittlichen Grundlagen des Staates und dem Schutz des Privateigentums, selbst wenn das Privateigentum nur eine scheinbar so unbedeutende Sache ist wie eine Taube, denn es kommt eben auf das Prinzip an. Matta bat schon lange nur mit halbem Ohr zugehört; jetzt unterbricht er den Advokaten und schreit die beiden Arbeiter an, was sie an der Uhr zu tun haben. Lange Rübe, denn das ist der Mann, der oben an der Uhr wirkt, entschuldigt sich und sagt, der Herr Stadtrichter Brava habe seinem Meister aufgetragen, die Uhr nachzusehen, weil sie beständig vorlaufe. Matta erwidert, dann solle er das tun, wenn der Stadtrichter Brava Sitzung habe, und solle ihn jetzt nicht stören, denn er sei der Stadtrichter Matta. Lange Rübe entschuldigt sich wieder und sagt, er habe das nicht gewußt, und er werde wiederkommen, wenn der andere Herr da sei, nur müsse er vorläufig die Uhr wieder in Ordnung bringen, weil er einige Teile herausgenommen habe, denn sonst verstaube die Uhr. Matta setzt die Verhandlung eine Weile aus, und Kläger, Beklagte, Advokaten und Zeugen sehen dem Manne an der Uhr mit lebhafter Neugierde zu, indessen er selber in seinem Taubenakt studiert. So vergeht eine Weile, und Matta fragt, ob er denn noch nicht bald fertig sei. „Gleich", erwidert Lange Rübe; „ich. muß nur erst das Schneckenhaus wieder vorhaben, und die Kette über die Trommel legen, aber der Hebel schnappt mir immer zurück; wenn man die Uhr in der Werkstätte hat, dann hat man das in zwei Minuten, aber wenn man nicht recht ankommen kann, dann ist es möglich, daß es eine halbe Stunde dauert." „Eine halbe Stunde? Sind Sie verrückt, Mensch?" schreit ihn Matta an. Lange Rübe fingiert ein heftiges Erschrecken. „Nehmen Sie die Uhr ab und bringen Sie sie in ihrer Werkstätte in Ordnung", fährt Matta fort. Lange Rübe beeilt sich, dem Befehl zuzustimmen und bittet um einen dritten Mann, der die Uhr mit die Treppe heruntertragen könne; draußen werde er dann einen Wagen nehmen, um sie fortzubringen. Matta befiehlt einem Sbirren, den Leuten zu helfen; Lange Rübe nimmt nun die Uhr ab, und die drei gehen nach vielen Bücklingen von Lange Rübe; Matta ruft ihm nach, er solle sie aber an einem Nachmittag zurückbringen, nicht an einem Vormittag. Der Sbirre hilft also die Uhr in den Wagen legen, die beiden Spitzbuben fahren mit ihr ab, und Matta setzt feine Verhandlung fort, indem der Advokat auf das Anisstreuen des Beklagten kommt. Es ist gegen Mittag, und Tromba weilt gerade in feiner Wohnung im Kreise feiner Farnile. Seine Gattin macht ihm heftige Vorwürfe, weil die Gattin des Zollinspektors ein neues seidenes Kleid bekommen hat, und Beppina schlingt die Arme um ihn, tröstet ihn und sagt, wenn sie groß ist, bann trägt sie immer wollene Kleider, die sind auch schön, und einen Schmuck kann ihr der Vater ja doch immer fchenken. Lange Rübe klopft an, tritt bescheiden ins Zimmer, zieht die Mütze ab, bestellt einen Gruß vom Stadtrichter Matta und sagt, die Uhr liege auf dem Wagen, der unten vor dem Hause stehe. Dann geht er. Tromba kennt natürlich Lange Rübe. Er weih nicht recht, was das bedeuten soll, schnallt sich den Säbel um, setzt den Helm auf und geht die Treppe hinunter. Da steht wirklich ein Wagen; auf ihm liegt die berühmte Uhr, die Tromba natürlich kennt. Der Kutscher zieht den Hut und erklärt, die Rückfahrt habe er auch schon bezahlt bekommen. Kopfschüttelnd befiehlt Tromba dem Kutscher, nach dem Stadtgericht zu fahren, und schwingt sich neben ihn auf den Bock. Inzwischen ist der Taubenprozeß vertagt — denn ein Ende haben Taubenprozesse nie — und Matta hat sich für den Heimweg zurechtgemacht. Im Flur trifft er Brava Gewöhnlich grüßen sich die beiden Herren nur kalt; aber diesmal kann es sich Matta doch nicht versagen, einige spitze Bemerkungen über die Störung zu machen. Brava weiß nicht, auf wen sie zielen; ein Wort gibt das andere, und so erfährt Matta, daß Brava den Uhrmacher gar nicht bestellt hat. Jetzt beginnt er einen Argwohn zu fassen. Der Pförtner des Hauses steht an der Seite; er fährt ihn ärgerlich an, wie er denn die fremden Männer mit der Uhr aus dem Hause lassen kann; der Pförtner erwidert bescheiden, es sei ein Sbirre bei ihnen gewesen, und da habe er gedacht, daß sie auf Befehl des Herrn Stadtrichters handelten. Matta beißt sich auf bi# Lippen. Eben tritt Tromba in die Haustür, um sich zu erkundigen, was das eigentlich für eine Sache mit der Uhr ist. Matta ruft ihm mit gesteigertem Aerger zu, nächstens werde man ja wohl auch den Heiligen Vater aus feinem Bett stehlen, so vorzüglich fei die Polizei in Rom. Tromba wirft einen ratlosen Blick auf Brava, dieser sagt — er kann eine leichte Schadenfreude nicht verbergen: „Meinem Amtsbruder Matta haben die Spitzbuben die große Uhr aus dem Sitzungssaal gestohlen, und sie haben es so schlau gemacht, daß er ihnen noch einen Sbirren zur Hilfe mitgegeben hat." Nun ist Tromba im Bilde. Er zupft seine Uniform glatt, stellt sich stramm und sagt: „Melde gehorfamst, daß ich soeben die Uhr zurück- gebracht habe." Matta eilt vor die Tür: Richttg, da steht ein Wagen, eben breitet der Kutscher eine Deck« über jein Pferd, und in dem Wagen liegt die Uhr Er sagt zunächst nichts; endlich kommt über seine Lippen: „Es ist gut." Braoa ist aus den Wagen gestiegen, hat die Uhr hochgehoben, betrachtet; er fragt neugierig: „Aber, Tromba, Sie sind doch ein Teufelskerl! Wie haben Sie das nur gleich wieder fertiggebracht!" Tromba strahlt. „Die Polizei hat ihre Geheimnisse, Herr Stadtrichter", erwidert er. „Die Uhr ist da, meine Pflicht ist erfüllt." Wie Matta das nächste Mal zum Fußkuß zugelassen wird, sagt der Heilige Vater zu ihm: „Ei, ei, Matta, du bist der, dem die Spitzbuben die schöne Uhr gestohlen haben! Wenn wir Tromba nicht hätten! Ja, ja, Tromba ist ein geschickter Mann, Tromba versteht seine Sache!" Guter 3W. Von Theodor Fontane. An einem Sonntagmorgen, da nimm den Wanderstab, es fallen deine Sorgen wie Nebel von dir ab. Des Himmels heitere Bläue lacht dir ins Herz hinein, und schließt, wie Gottes Treue, mit seinem Dach dich ein. Rings Blüten nur und Triebe und Halme von Segen schwer, dir ist, als zöge die Liebe des Weges nebenher. So heimisch alles klinget, als wie im Vaterhaus, und über die Lerche schwinget die Seele sich hinaus. Wir bauen ein Lager am Kochelsee. Von Fritz Reck-Malleczewen. Wir haben zwei Zelte, wir haben ein Boot, wir haben ein Motorrad, wir haben auch Seil und Kletterschuhe. Wir haben vor der Nase den See und können direkt aus den Schlafsäcken ins kristallene Wasser springen, und haben für sanfte Fahrten die Loisach und die Isar bis München abwärts. Wir haben, wenn es etwas wilder zugehen soll, die obere Loisach, und wir fahren dann bis Garmisch und setzen dort das Boot ein und sausen durch Stromschnelle und Floßgasse zurück zu unserem stillen Bergsee und zu unserem Camp. Wenn es aber drei Tage auf die Zelte getrommelt hat und vom Karwendel durch die Schlangengänge der obersten Jfar Hochwasser prescht, dann fahren wir hinauf bis Mittenwald und setzen das Boot in den Wildfluß, der dort oben eigentlich nur ein ungebärtiger Bach ist. Und sausen einen ganzen Tag talwärts durch Wildwasser, die mit dreißig Stundenkilometer durch ihr Bette brüllen, zwängen uns in dieser Geschwindigkeit durch meterbreite Passagen zwischen alten Brückenpfeilern und durch die gottlosen Stromschnellen bei Vorderriß. Und müssen hie und da, wo das Wasser plötzlich allzu flach wird, hinaus aus dem Boot und müssen das Schiffchen mit der Hand navigieren und müssen mit einem Salto wieder hinein, weil gleich unten eine Stromschnelle tobt, und müssen hinwegreiten über meterhohe Gischtberge und hindurch durch glasgrüne Wassermauern ... Und tauchen auf wie ein Kork und müssen blitzschnell das Boot herumwersen und sehn, wie wir die nächste der brüllenden Strommühlen bestehn ... Faltbootfahren ist keine Gelegenheit zur Schopenhauer-Lektüre, über Wildwäfser gehn ist so schön und so kühn und erfordert so raschen Entschluß, wie der Ritt hinter Hunden. Man muß eben nur die richtigen Gewässer haben ... * Wir haben den Platz uns durch Drahtverhaue gesichert, wir hängen an den Drähten unsere Wäsche auf und freuen uns der alten Herren, die jenseits des Verhaues stehn und uns anstarren wie Menagerietiere. „Schlafen Sie denn die ganze Nacht im Zelt? „No Sir, nur die halbe, in der zweiten lesen wir im Koran." „Und was machen Sie denn, wenn es regnet?" „Dann sitzen wir da und meinen." Weg ist er. Im Ernst, alter Herr, wir schlafen in unseren Schlafsäcken auf den ausgepumpten Gummimatratzen wahrscheinlich besser als du mit den siebenerlei Schlafmitteln im Nachtkastl. Wir haben ein großes Wohnzelt für uns, und es ist eigentlich kein Zelt mehr, sondern beinahe schon eine Kathedrale, und eigentlich müßte man an den Wänden einen Haussegen aufhängen und Geranien ans Fenster stellen ... Wir haben auch noch ein zweites Zelt, und das zweite, das ist Kleiderkammer, Vorratsraum, Fremdenzimmer. Wir haben den Platz sauber bestreut mit Uferkies, wir haben den Herd mit Steinen eingefaßt, wir lassen abends unsere Feuerfanale weit über den See leuchten und sehn am Himmel das große Theater der sommerlichen Sterne sich drehn und hören zu, wie der Bär der Spica eine kleine Nachtmusik im Sphärenton singt ... Wir haben, versteht sich, einen fabelhaften Benzinkocher; es gibt: junge Erbsen mit frischen Kartoffeln, spanische Eier (in Olivenöl' mit Zwiebeln gebraten), Scallopini (Kalbschnitzel in Olivenöl mit etwas laragona und Oel und Pfifferlingen). Campleben züchtet Kochkünstler. Derantwvrtlich: Dr. HanS Thhriot. — Druck und Verlag: Brühl Wenn Gäste kommen (und die kommen oft) und wenn ich Geburtstag habe, gibt's Filet am Spieß, über Buchenfcheitfeuer geröstet. Geburtstag habe ich oft. Am liebsten jeden Morgen. Schön ist jeder Tag, an dem du mir was schenkst, Marie Louise. Der Tag, seit Monaten schon, ist: Feuerwachen, Schwimmen, Frühstücken, Bogenschießen, Arbeiten. Essen, Schlafen, Schwimmen, Bootfahren, Motorfahren. „Wann schaffen Sie sich mal einen Wagen an?" „Wenn ich zweihundert Jahre alt bin, Sir." Der Tag ist: Feuerholzsammeln, Einkaufenfahren nach Kochel, Ausgescholtenwerden, weil man vergessen hat, Jmi für die Kochtöpfe einzuhandeln. Im übrigen: am Feuer zwei Pfeifen rauchen, Geschichten erzählen, Schlafen. Wieder ein neuer Tag Manchmal mit den Mischmeistern in Altjoch Tarock, manchmal ein bißchen Kletterei im Karwendel. An der Praxmarerkar-Nordwand blieb vor dreißig Jahren mein Freund Melzer ans Innsbruck. Im oktober- lichen Wettersturz, im plötzlich einfallenden Schneesturm jämmerlich erfroren. Angeseilt in einem üblen Kamin, zwanzig Meter unterhalb des Gipfels ... oben und auf der anderen Seite, wo der Praxmarer ein Kuhberg ist, warteten die Mädels und riefen ... Und keiner antwortete. Und nachher suchte man jahrelang nach dem Toten. Dreißig Jahre her, Freunde, Frauen, Jugendtage. Die Bühne leert sich langsam. Manchmal beginnt ein eisiger Luftzug zu wehn von der leeren, leeren Bühne. — * Wie lange eigentlich Hausen wir schon hier? Zwei Monate oder drei, ich rechne nicht mehr. Maisonne mit Glast und Kuckucksruf, Johannistag mit Leuchtkäfern und fernen Feuern, Hundskage mit der Vorahnung des Abstieges. Das Land wird gelb und ernteträchtig, das Jahr wird müde und satt, manchmal im seltsam glasklaren und smaragdenen Morgenlicht, sieht über der spiegelnden Bucht der Herbst und am Südhimmel nach Mitternacht schon der blitzende Orion. Wieder ein Jahr. Es ist gut so. — Unruhe im Dorf, ein Notabler, der von Schlehdorf mit dem Rade nach Joch fuhr, ist samt feinem Gefährt über die dreißig Meter hohe Wand in den See gestürzt. Heute fischten sie nach ihm, finden natürlich nichts. Auf der Bergseite ist der See abgrundtief, wühlt sich, wie Ortskundige behaupten, in allerhand Höhlen und Klüfte hinein mit seinen geheimnisvollen, aus der Tiefe aufsteigenden Strömungen. * Nachts geht Föhn. Föhn geht und ich kann nicht schlafen, und eine tolle Geschichte fällt mir ein, die mir ein baltischer Bekannter als Augenzeuge des Tatbestandes erzählt hat. Im japanischen Krieg, zwischen Mukden und dem Friedensschluß biwakiert er mit feiner Kompanie dicht bei einem Chinesen- dorf, fein Bursche kommt und meldet, daß die Chinesen im Dorf einen der ihren lebendig begraben wollen. B. also reitet ins Dorf hinüber, fragt nach, stellt folgendes fest: der fast hundertjährige Dorfschulze ist so altersmatt, daß er die Gemeindegeschäfte nicht mehr führen kann, sterben kann er nicht, abdanken darf er nach chinesischem Gesetz nicht — folglich beschließt bas Dorf, daß er in freiem Entschluß sich als tot zu betrachten habe, und daß man ihn in allen Ehren lebendig begraben werde. B. reitet vor bas Gern einbehaus, finbet inmitten aller gebühren- ben Zeremonien ben Alten im offenen Lacksarg aufgebahrt, bart liegt er unb rührt sich nicht, ist aber burchaus lebendig. „Hast du denn nicht Angst?" fragt B. Ach ja, gewiß hat er Angst, sieht aber ein, daß es wohl so sein muß; die Gemeinde habe es so beschlossen, abdanken könne man nicht, folglich müsse es so sein. B. schaudert, kann aber, da ein Korpsbefehl den russischen Truppen jede Einmischung in die Angelegenheiten der Zivilbevölkerung strenge untersagt, nichts machen. Reitet zu seinen Leuten zurück, erfährt am nächsten Tage, daß der Alte, unter dem Klagegeschrei der trauernden Gemeinde begraben worden sei ... Tolle Geschichte. Der Bayer schüttelt in solchen Fällen den Kopf, sagt „Sach gibt’s" und geht zur Tagesordnung über ... Unsereins kann nicht schlafen. Föhn geht, zerrt gewaltig an den Zeltoerankerungen. Ein Toter liegt, gar nicht weit von unserem friedlichen Biwakplatz, in dem tiefen, tiefen See. ♦ Es war aber nur ein kleines Intermezzo mit Donner und Blitz, es war noch nicht der große Wechsel zum Sommerende. Neuer Tag ist da, Sonne ist wieder da, Leben ist da. Geschwommen, gefrühstückt, hinausgerudert, bis vor die Hotelterrasse, wo Generaldirektoren streng und beinahe tadelnd ihre Rumpsteaks ansehn, wenn sie sie verspeisen ... lange im Boot gelegen, in ckll dem Sonnenglast und zu- geschaut, wie gurkhafarbene und tobattene und zinnoberrote Wagen die Kefselbergstraße zum Walchensee hinauffahren. Deutsche, Engländer, Franzosen, Italiener, die wie Heldentenöre fahren, Knickerbockerdubis, die mit stahlhartem Blick Caraceiola mimen, wasferstoffsuperoxydiertes Frollein mit niegelnagelneuem Führerschein, das sämtliche Kurven verkehrt nimmt. „Was, mein Fräulein, werden Sie tun, wenn an Ihrem Wagen der Unierdrucksörderer versagt?" — „Dann, mein Herr, werde ich mich neben den Wagen setzen und solange bitterlich meinen, bis ein Kavalier kommt und mir hilft." Recht hat sie. Alte Herren, in deren Vollbärten Bienen summen, haben den Ernst des Lebens und die „Sachlichkeit" erfunden, während doch ringsum in der Natur lauter grober Unfug getrieben wird und die Propheten der Sachlichkeit Lügen gestraft werden ... Hell wie ein Aquamarin ist der See und auf den Zeltplatz prasselt Spätsommer-Sonne, unb prolongiert ist noch einmal der Wechsel zum murrdaxigen Herbst ... 'sche Aniversitäts-Duch. und Steinbruderei, A. Lange, Gießen.