Eichener ZamilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Nummer 98 Freitag, den l8. Dezember Jahrgang 1956 pageien zeterten Natur nach nichts mit der Weltwirtschaft zu tun hatten. Aber weder erschoß er sich, noch schaffte er sich mit Gas oder Wasser aus dem Dasein, auch schluckte er kein Schlangengift, worüber er vielmehr manche Geschichte zu erzählen wußte — er blieb bei seinen grünen Hustenbonbons, öie bewährten sich. Sein Husten hielt sich in Grenzen. Auch Frau Trockenhut tat sich nichts zuleide, wenn sie auch Sorgen genug hatte und an ihrer Krankheit litt. Die Ladentür ging seltener auf, und wenn jemand hereinkam, war es ein Bettler oder ein Kunde, der ein nicht zusagendes Weihnachtsgeschenk umtauschen wollte, wenn sich Frau Trockenhut in ihrer Gutmütigkeit noch im Februar bereitfand. verlieh, und sie waren, . Aufmerksam ließ Klick seine Augen „ Laden umherschweifen. Ein Verhör der Papageien hätte sicherlich am raschesten Aufklärung gebracht, überlegte er, könnten bloß die Vögel mehr schwatzen als ihre paar eingetrichterten Wortfolgen. Er setzte eine Miene auf wie ein Inspektor von Scotland Yard, dem berühmten Londoner Polizeiamt. Die Käfigtllr war offen. Der Affe hatte sich an dem Gestell herabgeschwungen, folgerte der angehende Detektiv. Sah man irgendwo Fingerabdrücke, Haare? Er beschnupperte Leisten und Bretter. Roch es nach Affe? Es roch. „Man sollte ihn durch den Rundfunk als vermißt melden lassenI , sagte Ali. „Nein!", rief der Onkel. „Schweigen, man muß schweigen, sonst kommt mir noch die Polizei aus den Hals — die Leute sind ängstlich.' Klick hatte sich auf den Bauch gelegt und untersuchte den Fußboden. Durch die Hintertür muß er entwischt sein", sagte der Tierhändler. „Eh wir uns aber auf die Suche begeben, liebe Kinder, wollen wir noch ein Hustenbonbon nehmen, draußen zieht es schauerlich. Die Grippe geht um. Man wird bald die Schulen schließen." Er hielt ihnen die wohlbekannte Blechdose hin, und jedes bediente sich daraus. „Hoffentlich werden die Schulen geschloffen!", wünschte Klick. „Dann hätte man genügend Zeit für die Affenjagd." „Man müßte ein Fernrohr haben!", meinte der Hustenonkel. „Einen Augenblick, bitte!", rief der grüne Papagei. Klick schob sein Bonbon im Mund hin und her, ein Zeichen scharfen Nachdenkens. „Wer hat die Käfigtür geöffnet? Wer hat sie nicht zugemacht? , fronte er. Der fiustenonkel schloß die Ladentllr und hängte gegen die Scheibe ein Pappschild, darauf gedruckt stand: Vorübergehend geschlossen! „Ich glaube, ich bin's gewesen ...", bekannte der Onkel kleinlaut und verlegen ^hüstelnd. „Hab Pong die Zehennägel geputzt ... Dann kam jemand und taufte Wasserpflanzen ..." Ein kurzer Kriegsrat wurde gehalten. Der Hustenonkel wünschte, alle sollten zusammenbleiben, von einem gemeinsamen Angriff auf den Aus- reißer versprach er sich am ehesten einen Erfolg. Doch Klick war anderer Meinung. , ,, „Getrennt marschieren!", schlug er vor. „Cinkreisen, erwischen. Im Geist hatte er ihn bereits. Die Papageien brachen in unverschämtes Gelächter aus. „Dummer Kerl, dummer Kerl!", höhnte Ricka. Die Finken zwitscherten, die Sperlinge schlugen Krach, der Husarenstar pfiff wie ein Soldat. Vor Aufregung dröhnte der Laden. Selbst die Fische in den Wasserbehältern wurden unruhig. „Erwischen, los!", rief der Hustenonkel, klemmte den grünen Regenschirm unter den Arm und wollte zur Hintertür hinaus. „Was willst du mit dem Schirm?", fragte Klick. „Laß doch den Schirm da!" „Ohne Schirm tue ich keinen Schritt", erwiderte der Onkel. „Ich bin einmal in Hamburg elend naß geworden. Seitdem habe ich meinen Aber das Wetter ist doch wunderbar", entgegnete Klick. Bist du Wetterprophet, bist du ein Laubfrosch?", versetzte der regenscheue Mann. „Dem Wetter in der Webergasse trau ich nicht. Ich bin hier nicht in Buenos Aires. Sieh dir doch die Grünen bu an!" Er deutete auf die Laubfrösche in den Gläsern. Die Wetterfrosche hockten unten. „Gut!", sagte Klick. „Los!" . Die Hintertür führte durch einen dunklen Flur auf den viereckigen, kahlen Hof, wo sich der Packraum des Tierhändlers befand und sein Klick aus dem Spielzeugladen Roman für das große und kleine Volk Von Friedrich Schnack Copyright by Insel-Verlag zu Leipzig 3. Fortsetzung. Tag und Nacht hielten die Staatsmänner Rat, was zu tun sei, um die Ausgaben der Völker zu verringern und die Einnahmen zu steigern. Es kam nichts Gescheites dabei heraus, wie Klick der Zeitung entnahm. Mancher Bankleiter, der die ewigen Geldgeschichten satt hatte, brachte sich um, Zündholz- und Schweinekönige erschossen sich, und die amerikanischen Kaugummi-Milliardäre nahmen statt Kaugummi Schlangengift zu sich ober sonst etwas, bas ihnen auch nicht gut bekam. Selbst ber Hustenonkel spürte, baß Vögel und Goldfische nicht mehr so begehrt waren wie früher, obwohl sie nichts von ihrer Schönheit eingebllßt und ihrer ach nichts mit der Weltwirtschaft zu tun hatten. Aber weder r sich, noch schaffte er sich mit Gas ober Wasser aus bem Dasein, Hustenonkel, schnell ein Bonbon nehmend, weil es im Hausflur zog. „Haben Sie vielleicht einen Affen gesehen?" „Aber Onkel, der Schnllrsenkelmann ist doch blind!", mahnte Ali. „Du lieber Himmel!", versetzte der Onkel. Nein, erwiderte ber Schnürsenkelmann; er habe keinen Assen gesehen. Er sehe alles mit bem Gefühl. Aber vielleicht gäbe es Affen in ber Bären- fchenke. Es sei allerbings noch etwas früh am Tage. „Zwei Paar zehn Pfennig!", setzte er hinzu. „Feinste Ware, unzerreißbar." „Hätten wir Pong!", rief ber Hustenonkel und zog die beiden Freunde mit fort. Sie eilten in den Laden. „Ob ihn vielleicht gar jemand entführt hat, weil er Lösegeld von dir erpressen möchte?", befürchtete Ali. Tante Mittwoch hatte ihr vor einigen Tagen eine Geschichte von einer amerikanischen Kindesentführung vorgelesen. Der Hustenonkel hustete, wie ein verstopftes Lachen klang es. Die Papageien zeterten. Sie hatten wohl beobachtet, wie Pong das Gefängnis , ihm die Freiheit mißgönnend, zornig. klick feine Augen in dem engen und etwas düsteren Das Radio war längst eingerichtet und fünfte. Klick hörte Konzerte, Vorträge, Hörspiele, Opernübertragungen und dummes Zeug. Der Apparat war der Zauberkasten des höheren Lebens: Schule, Hochschule, Welt, Leben, Wettkampf, Unterhaltung — alles in einem. Noch immer hatte er die Wollmütze nicht gefunden, das Erinnerungsstück an die geliebte Mutter und den Kassenschrank der beiden Lose. Viele Wege hätte er damals noch getan, zweimal war er im Städtischen Fundamt gewesen, gern hätte er sie wiedergehabt. Zwar arbeitete Ali fleißig an der Ersatzmütze. aber ehe die fertig war, kam der Sommer, und dann brauchte er sie nicht mehr. Du läufst immer ohne Mütze, Klick", sagte der Hustenonkel. „Das kann nicht gesund fein. Wirst dir noch das Haar erfrieren. Erfrorenes Haar bricht ab ..." Es war nur gut, daß der Vater den Verlust der Kopfbedeckung noch nicht bemerkt hatte. Dann ereianete sich das Abenteuer mit dem Affen Pong. Es war am zehnten März, Klick schrieb den Tag in sein Notizbuch, und den Vorfall dazu. Der Hustenonkel verließ in höchster Aufregung seinen Laden, haftete, den grünen, verschossenen Regenschirm in der Hand, mochte der Tag auch klar sein und keine drohende Wolke am Himmel der Webergasse stehn, schräg herüber; und am fiauseingang der Nummer elf, wo der blinde Schnürsenkelmann seine Ware d->n L-uien hinhielt, stieß er auf Klick, der mit feiner Freundin aus dem Hausflur trat. „Ach (Sott, ach Gott!", jammerte der Tierhändler, „was macht man nur?" Sein Gesicht war bleich, und aufgeregt zuckte der Regenschirm. „Was ist denn los?", fragte Klick, über den zappligen Mann ver- n)uvS,rt. finden die Goldfische einander aufgefressen oder hat der Papagei der Schildkröte die Augen ausgehackt?, dachte er. „Pong ift verschwunden ... der Affe ist entflohn ..." E-schi-ocken fuhr Ali mit der fianb gegen die Livpen. Klick zog ein scharfes Gesicht, wie es die Detektive in den Filmen schneiden. Das war eine Sache! Angellren-ch dachte er nach. „Er wird gewiß sämtliche Gardinen in der Nachbarschaft berunter- reißen", wehklagte der Hustenonkel. „Er klettert so gern. Das Biest, der Schake. der Hund!" Gafllob, dachte Ali, daß wir keine Gardinen haben. „Verschwunden, sagst du?", fragte Klick, aus seiner Brüterei auffahrend. „Verschwunden!", rief der Onkel. Der Regenschirm fuchtelte, man starrte einander an. Der blinde Schnürsenkelmann machte sich heran und hielt bem Hustenonkel seine Senkel unter bie Nase. Er meinte, Käufer seien gekommen. „Zwei Paar zehn Pfennig!", bot er an. „Hab Weib unb Kind zu Hause..." „Unb mir fehlt Pong! Was soll ich mit Schnürsenkeln!", krächzte ber kleines Lager für Käfige, Kisten, Gläser, Schachteln. „Pong! Pong!", loaie jchmeichUnv üer untn. „jwmm, mein Pongchen!" So lockt man Hühner, vachte ititd, aber kerne Äs,en. Pong war nirgends zu entdecken, mochte der Hujtenonkel auch mit seinem Regenschirm alle Spinnenwtnkel ausstochern. Keine Spur des Flüchtlings. Sticht der leiseste Afsenge.uch in der Lust oder auf dem Stiegengeländer, das zu Lagerräumen im Hinterhaus nach oben kleckerte. Aber wahrend der Hustenonkel und Ali herumguckten, hatte Klick einen sehr guten Einfall. Er behielt ihn jedoch bei sich. „Affen steigen wie Luftballone in die Hohe", meinte der Onkel, die staubige Sckege betrachtend. „Geh du mal die Stiege hinauf, Onkell", riet Klick. „Ali kann in den Nebenhaufern nachsehen." „Recht!", sagte der Onkel. „Aber ..er legte den Finger zum Zeichen des Stillschweigens auf den Mund und blickte das Mädchen streng an. Ali nickte. „Ich will die Dächer nehmen", fuhr Klick fort seinen Plan zu entwickeln. „Von drei Seiten wollen wir versuchen, Pong zu umzingeln." „Zingle nurl", spottete der Hustenontel. „Erst mußt du doch wissen, wo er steckt." „Wenn ich das weiß, habe ich ihn auch", versetzte Klick. „Hurra!", rief der Hustenonkel mit unterdrücktem Stolz. „Pfotenspuren auf der Stiege ..." Tatsächlich, im dicken Staub der seit langem nicht mehr benützten, zu den leeren und zu vermietenden Lagerräumen hinaufführenden Treppe zeichneten sich Spuren von Tierpsoten ab. Sechs Augen neigten sich darüber. Als erster richtete Klick sich wieder auf. „Katze!", sagte er. „Meinst duk", fragte der Hustenonkel enttäuscht. „Ganz gewöhnliche Katze!", behauptete Klick mit aller Bestimmtheit. Aber der Hujtenonkel war von diesem Befund nicht so recht überzeugt. Er wippte mit den dünnen Beinen wie jener Kapitän im Haifischwalzer, und den Regenschirm wie eine Fahne schwingend, nahm er die Treppe im Sturm. Gleich einem mageren Vogel hüpfte er von Stufe zu Stufe und las Spuren. Nachdenklich schaute ihm Klick einen Augenblick zu. Dann setzte er feiner Freundin nach, die den Hof verließ. Auf der Gasse wandte er sich nach links, sie rannte nach rechts. Auf die Dächer! Das Abenteuer ausgekostet. Selten genug ereignete sich was Gescheites in der Webergasse. Dort oben hatte die Jagd auf Pong erst ihren wahren Reiz und Geschmack. Was im Urwald die Vaum- wipfel, stellte er sich vor, das sind in der Großstadt die Dächer. Hinauf! Durch Alis Haustür eilte er und sprang die Stiege hinan. Als er im zweiten Stock anlangte, trat aus der Wohnungstür der Stadtsekretär Nipperklein, der auf das Rathaus ging. Seine Beamtenwürde begleitete ihn. Argwöhnisch musterte er den hastigen Klick. „He, Bursche, wohin? Was willst du hier? Klauen?", fuhr er den Heraufstürzenden an. Grober Klotz!, dachte Klick. Seh ich so aus? Unverschämt, da ich doch Tierdetektiv bin, Affenjäger. „Ich suche einen Affen!", sagte er zornig. „Sahen Sie einen?" „Außer dir keinen!", schimpfte der Stadtsekretär. „Was sind das für freche Reden, ha?" „Sie haben also keine Ahnung, wie einer aussieht", erwiderte Klick, mit einem Schwung entwischend. Die Grollstimme schallte ihm nach. Er hatte aber bereits den Dachboden erreicht. Durch eine Luke kroch er hinaus, das Dach war flach und mit Blech beschlagen. Wind sauste, Rauch und Ruß wirbelten durch die Lüste. Aber der Himmel über der Gasse des Hustenonkels war sonnenklar. Keine Wolke drohte. Die Laubfrösche hatten sich getäuscht, sie hatten ihren Wettersinn in dem diistern Laden des Onkels eingebüßt. Man sollte auch ihnen grüne Regenschirme in die Pfoten drücken. Aber wohin war Pong entkommen, und welchen Unfug stellte er an? Aufmerksam spähend kletterte Klick von Dach zu Dach. Platt wie ein Nudelbrett war die blecherne Gegend. Hinter jeden Ranchfang schaute er, aber nirgends machte Pong: Kuckuck! Er war nicht da. Klick schlüpfte durch offene Luken und zerschlagene Scheiben in fremde Böden und Kammern. An Seilen hingen alte Kleider und steifgefrorene Hemden. Er zählte Rundfunkantennen und hatte jeden Eigentümer der Drähte in Verdacht, ein verwünschter Rückkoppler zu fein, der abends die Sendungen störte. Bei einem neuerlichen Einstieg erschreckte er ein junges Dienstmädchen, das einen Schrei ausstieß — affenbehend schwang er sich davon, turnte über Dachrinnen, und das Blech knackte unter seinem Gewicht. Pong war nicht da. Die kalte Luft hätte ihm auch kaum behagt. Klick schaute in die Gasse; wie an unsichtbaren Schnüren liefen die Leute. Die Wurstladen blinkten, das Spielwarengeschäft der Frau Trockenhut schimmerte. Bälle nahm er wahr, Puppen, Karren, Kästen und einen verschwimmenden Scheibenglanz. Auch einen braunen Pliischasfen konnte er erkennen; still hockte der in der Auslage und richtete Kopf starr emvor, al? ob er Klick, den Affenjäger auf den Dächern, belauere. Klick sah: Ali wedelte von einem Haus zum andern. Auch sie hatte also Pong noch nicht gefunden. Wie stand es auf der Rückseite der Häuser? In den Höfen? Was trieb der Hnltenonkel? Klick schlich zur andern Dachkante, und sich an einem Schneefänger anhaltend, lugte er in die tiefen Höfe. Er beobachtete, wie der Husten- ontel über eine Mauer schaute; gleich einer schwarzen Fliege (lebte er an der Wand, die Fußspitzen in einen Sprung der Mauer eingeklemmt. Der Schirm, dessen Griff in die Rocktasche gesteckt war, Munterte uhrpendelgleich hin und her. „Onkel!", rief Klick. „Gib acht, daß du nicht ausrutschst!" Der Schirm erschrak und knallte zu Boden. Das verzerrt angespannte Gesicht des Angerufenen starrte heraus. Krampfhaft hielt der Onkel sich fest. „Hast du ihn?" ..In meinem Kops!", antwortete Klick, gegen feine Stirn tippend. Der Tierhändler sackte von der Mauer. Weiß beschmutzt waren seine schwarzen Knie. „Wenn es ein Vogel wär, tat ich's glauben, daß du ihn iu deinem Kopf hast!", schallte es unmutig an Klicks Ohr. „Such! Aber brich dir nicht den Hals und setz dich nicht so sehr der Zugluft aus!" Er verschwand. Klick kroch zurück. Das Revier war abgesucht, die Jagd auf den Dächern ergebnislos gewesen. Einzig Rußsinger hatte der Assen- jäger erzielt. Er stieg in ein Haus und benützte den beliebten Kinderlift, den es in allen Stockwerken gab, das Stiegengeländer. Mit saufender Eile fuhr er abwärts und fchnellte zur Tür hinaus. Der Asse i m K1 e i d e r s ch r a n k. Aus der Gaffe blieb Klick nicht lange untätig. Er ging nun feinem Einfall nach, den er den andern verschwiegen hatte. Schnell wischte er vor das Kolonialwarengeschäft Küblers Erven und pfiff. Einen spitzen, abgehackten und austrillernden Pfiff flötete er, den Geheimpfifs, uen niemand so leicht nachahmen konnte. Es war der Bundespfijs der Gafsen- freunäe. Bei Fleifchermeister Grasmann und bei Bäcker Muntz fuhren die Köpfe der Lehrlinge aus den Türen. Mit neugierig vorgereckten Nafen spähten sie. Was gibt's? Klick winkte ab. Sie waren nicht gemeint. Blitzschnell verschwanden ihre Köpfe. Er wartete auf Bernhard, den Stift bei Küblers Erben. A>s der nicht sogleich erschien, angelte der eilige Klick mit dem Fuß nach der. großen schwarzen, an dem Fensterpfoften stehenden Preistafel und warf sie um. Durch ihr lautes Poltern aufgestört, flitzte Bernhard aus dem Laden, die Tafel wieder aufzuftellen. „Endlich kommst du!", wisperte Klick ihm zu. „Hab dich nicht gehört. Ist was los?" „Eine dringende Sache. Habt ihr vielleicht frische Bananen hereinbekommen?" „Und ob!", antwortete der Stift. „Frische Bananen, Apfelsinen und auch kalifornische Speiserosinen, kernlos, das Pfund zu fünfuni) ..." „Schon gut!", unterbrach Klick. „Dachte mir’s. So! In meinem Kopf hab ich ihn ..." Verständnislos starrte Bernhard ihn an. „Was? Wen hast du? Mensch, red doch! Was willst du mir sagen?" „Daß dem Herrn Dräsecke fein ausgeriffener Asse Pong von euren frischen Bananen verrückt gemacht worden ist. Seit ein paar Stunden ist er weg. Er muß die Sendung gewittert haben und meinte vielleicht, er sei in feinen Negerländern. Da schwirrte er ab. Verstanden?" „Und ...?" „Und frißt sich in eurem Lager an den Bananen dick und fett, wette ich!", sagte Klick. „Ja, du lieber ...!" Bernhard wollte in den Laden rennen, die Sache zu melden. Er wurde festgebalten. „Bist du verrückt geworden? Willst du ihn verscheuchen? Die paar lumpigen Bananen zahlt Dräsecke. Hier, nimm! Zehn Pfennig. Sperr die Haustür auf und laß mich ins Lager. Schweig aber und laß mich machen. Vorwärts!" Bernhard erhielt einen Knuff in die Seite und schlüpfte in den Laden. Es verging noch keine Minute, da knarrte die Haustür und ließ Klick ein. „Ich muh überdies Apfelsinen auspacken, da paßt es gerade ...", sagte der Stift. Mit verstohlenen Schritten gelangten sie ins Lager. Der süße Dust von Südfrüchten strömte ihnen entgegen. Sie lauschten an der Tür. Horch! Hörte man Schmatzen, Schlitzen, Grunzen? Nichts. Mäuse raschelten. „Du öffnest vorsichtig die Tür!" Bernhard nickte. „Wieviel Fenster?" „Sins!" „Wo?" „Links!" „Geöffnet?" „Ja!" „Höhe?" „Lehrlingsmaß!" „Wenn er drinnen ist, keine Aufregung bitte! Zittre nicht, Feigling! Was ist schon ein Asse? Noch lange kein Ches. Brauchst keine Angst zu haben." „Hab keine Angst!" „Du machst hinter mir rasch die Tür zu, aber leis. Ich geh zum Fenster und schließ es. Hoffentlich hüpft er nicht vorher hinaus!" ,jawohl!", sagte Bernhard. So flüsterten sie miteinander. „Wenn er nur auch drin ist!", wünschte Klick. Behutsam öffnete Bernhard die Tür, Klick schob sich an ihm vorbei und in das Gelaß hinein. Auf der rechten Seite lagerten Halbdunkel und ein ungewisser Goldglanz. Ohne zu zögern, gewann Klick das Fenster, dellen Flügel er zuwars. Bernhard hatte die Tür geschlossen. Mucks- mäuschenstill blieb er stehen. Der Schatten auf dem golbe^en Hügel war ein Tier. Es regte sich, und eine Apfelsine floa durch die Lust. Da hockte er auf dem Fruchtberg. Pong! Gefunden. Klick atmete auf. Ader Bernhard im Hintergrund wagte nicht zu schnaufen. „Geh an deine Arbeit, Bernhard!", sagte Klick. „Tu, als ob er gar nicht da rohre. Er soll nicht scheu werden." Zugleich bückte er sich und begann, dem Lehrling beim Auspacken der Früchte helfen. Die Augen des Affen funkelten und beäugten miß- traullch die beiden. Da sich aber nichts Feindseliges ereignete, machte er sich ein Vergnüaen daraus, Apfelsinen von seinem Berg herimterzurollen. Er hatte eine Menge gusaeluticht und grob Banan->n entfchält. Schalen und Rekte tagen auf dem Baden herum. Wird eine Mark kosten, Hukt-n- onkel schält» Mick Mehr nicht. Wenn er nicht auch Gardinen zerrissen hat. Er hat sich gütlich getan, hat ein bißchen Heimat geflaut. (Fortsetzung folgt.) Himmlischer Giern. Von Eleonore Lorenz. Dunkel die Nächte, es funkelt kein Stern, dicht quillt der Nebel, das Licht ist fern. Aber in stiller, in heimlicher Zeit trägt eine Blüte die Ewigkeit — Seliges Kindlein, himmlischer Stern, der uns gegeben von Gott dem Herrn, leuchtest durch dunkle nachtschwere Zeit, leitest die Müden zur Ewigkeit, weckst in den Herzen, die traurig sind, ewige Sehnsucht, himmlisches Kind. Dunkel die Nächte, doch glänzt ein Stern — Christrosenschimmer aus Gott dem Herrn. Carl Maria von Weber. Zu feinem 150. Geburtstage am 18. Dezember. Von Hermann Ohrenschall. Was Mozart begonnen, Beethoven weitergeführt, hat Weber vollendete die Schöpfung der deutschen Oper. Längst ist der „Freischütz" selbstverständlicher Besitz des deutschen Volkes geworden. Wo man von deutscher Musik spricht, muh man Weber an erster Stelle nennen. Er war so völlig von deutschem Geiste erfüllt, daß er alles Fremde bis auf den Tod haßte. Mit aller Energie strebte er danach, das deutsche Opernschaffen von den ausländischen, besonders den italienischen Einflüssen zu befreien und eine heimatverbundene deutsche Dolksoper zu gründen. Das fühlte er als seine innerste Berufung. Und mit dem „Freischütz" gelang ihm der große Wurf. Hier drang er hinab bis zu den tiefsten Wurzeln und heiligsten Quelle deutschen Volkstums: dem Märchen und der Sage. Aus ihnen schöpfte er seine Melodien, echte Volksweisen, die nur aus einem deutschen Gemüte fließen konnten. Somit wurde er auch gleichzeitig der Begründer der r o m a n - tischenOperin Deutschland. 'Die strenge klassische Form Mozarts und Beethovens wurde aufgelöst. Die freie, seelisch verseinerte Kunstgestaltung trat an Stelle formgebundenen Schaffens. Das Lied verdrängte die Arie. Die bisher so stumme und doch so wundervolle Welt der heimatlichen Natur, des Waldes, der Täler, der Berge, wird mit all ihrem Zauber der Kunst erschlossen. Damit sind die beiden wesentlichsten Züge W-bcr- scher Eigenart und Musik genannt. Er war der deutsche Romantiker. Und deshalb müssen wir ihn lieben, weil er zu unserer Seele spricht, weil er aus unserer Seele spricht. Als am 18. Dezember 1786 dem Eutiner Stadtmusikus Franz Anton von Weber in zweiter Ehe sein neuntes Kind, Carl Maria Friedrich Ernst, geboren wurde, stand es bei dem ehrgeizigen Vater sest, daß er aus seinem Jüngsten ein Wunderkind machen würde. Hemmungslos, erfüllt von einer alles überwuibernden Abenteuerlust und Musikleiden- schaft, die. um ihrer Erfüllung Genüge zu tun, selbst nicht vor brutalen und zweifelhaften Mitteln zurückscheute, führte Franz Anton von Weber ein unstetes, oft von bitterster Not geplagtes Wanderleben mit seiner Familie. Alle Stellungen und Posten, die er innehatte, gingen ihm nach kurzer Zeit wieder verloren, weil er seine Beziehungen nur zu egoistischen Spekulationen ausnutzte. Selbst die Erziehung seiner Kinder opferte er seinem Wahn, zu Glanz und Erfolg zu gelangen. So verlief des schwächlichen, zarten Knaben Carl Marias Jugend völlig freudlos. Er kannte keine Heimat, keine Ordnung, keine liebevolle Pflege, da die sorgende Mutter srüh starb, keine Freiheit, aber auch keine segnende Gebundenheit, sondern nur harten strengen Unterricht in Musik, bei dem es auch sehr oft böse Schläge setzte. Aber selbst die barbarischen Erziehungsmethoden des Vaters machten aus dem scheinbar völlig unmusikalischen Knaben kein Wunderkind. Sein Stiefbruder Fridolin schlug ihn einmal im Zorn mit dem Geigenbogen aus die Finger und schrie ihn an: „Carl, du kannst vielleicht alles werden, aber ein Musiker wirst du nimmermehr!" Die einzigen Hellen Augenblicke seines Lebens waren die Stunden, wo er allein auf der Bühne spielen konnte. Sein Vater hatte eine eigene Theatertruppe ausgemacht und zog mit ihr von Ort zu Ort. Und wenn die Bühne nach den Proben leerstand, dann schlich sich der kleine Karl heimlich auf die Bretter, kleidete sich in die Gewänder der Schauspieler und lebte nun sein eigenes Traumleben in einer glücklicheren Welt. In Wien ersuhr Carl Maria endlich den ersten systematischen Musikunterricht durch Michael Haydn, einen Bruder des großen Joses, und durch den außerordentlich tüchtigen Abt Georg Joses Vogler. Beide erkannten sofort die geniale Begaoung des Knaben und süyrten chn zu seinem eigentlichen Gebiet, der dramatischen Musik. Und nun geschah das Wunder. Aus Empfehlung Voglers wurde der kaum Achtzehnjährige 1804 zum Operndirektor nach Breslau berufen. Zum erstenmal zeigte sich hier sein Überragendes Organisationstalent'. Die Breslauer Oper erlebte unter seiner Leitung eine Zeit höchster Blüte. Aber sein feuriges Temperament, sein selbstbewußtes Auftreten brachten ihn bald in Konflikt mit der Theaterverwaltung. Rasch entschlossen legte er 1806 sein Amt nieder. Köstlich war die Zeit beim Herzog Eugen von Württemberg in Karlsruhe in Schlesien. Der musikbegeisterte Fürst hatte hier ein Theater errichten lassen und ein ausgezeichnetes Orchester zusammengerufen. Sorglos, in heiterer Schaffensfreude lebte Carl Maria hier als Musikintendant des Herzogs seinen Neigungen und Wünschen. Seine zwei entzückenden Symphonien und das Hornkonzert legen Zeugnis ab von dem Glück jener Tage. Nur zu bald nahm dieses idyllische Leben ein plötzliches Ende, als 1806 die Kriegssurie üher deutsches Land hereinbrach und der zum Heer einberufene Herzog Kapelle und Theater auflösen muhte In trostloser Lage, völlig verarmt, unternahm Carl Maria Kunst- reifen, um sein Leben nur in aller Notdurft fristen zu können, bis er endlich in Stuttgart beim Herzog Ludwig von Württemberg eine Stelle als dessen Sekretär fand. Webers Dienstpflichten ließen ihm reichlich Zeit, seinen Privatinteressen nachzugehen. Er schloß sich fröhlichen, kunstbegeisterten Kreisen an und geriet in ein recht lockeres Leben. Das leichtsinnige Leben riß ihn in feinen Strudel, und hemmungslos gab er sich den Vergnügungen hin. Ungehindert brach das unselige Erbteil der Zuchtlosigkeit feines Vaters aus ihm hervor. Die erste Frau, die bedeutungsvoll in fein Leben eintrat, die Sängerin Gretchen Lang, führte ihn bis an den Rand des Verderbens. Ihretwegen stürzte er sich in Schulden über Schulden. Und als sein Vater im April 1809 ganz unerwartet in Stuttgart eintraf, vermehrten sich nur die Nöte des jungen Carl Maria. Um die Schulden zu decken, war dem Vater jedes Mittel recht, und er scheute nicht vor Bestechung und Unterschlagung im Namen seines Sohnes zurück. Cs war am 9. Februar 1910. Carl Maria stand auf dem Orchefterpult und dirigierte gerade feine Oper „Silvana". Da entstand plötzlich eine Unruhe im Parkett. Militär erschien, wie ein Blitzstrahl durchfuhr Carl Maria die Wahrheit. Er wurde auf Befehl des Königs Friedrich verhaftet und ins Gefängnis geworfen. Zwei Wochen wurde er in strengstem Gewahrsam gehalten. Ein Verhör jagte das andere. Aber Carl Maria blieb standhaft. Kein Wort der Anklage traf feinen Vater, der schwere Versehlungen begangen hatte. Der König war schonungsvoll genug und verurteilte beide Weber wegen hoher Schulden zu dauernder Landesverweisung. Unter starker militärischer Bedeckung wurden sie bis an die Grenze gebracht. Aus dem verschwenderischen, leichtsinnigen Jüngling aber war ein reifer Mann geworden, den die harten Gefängnistage endlich zu seinem wahren Ich hatten gelangen lassen. Jahre des Suchens und des Lernens führten ihn über Karlsruhe, Darmstadt, München, Weimar, Dresden und Berlin nach Prag, wo ihm 1813 die Leitung der Oper angetragen wurde. Er verzichtete auf feine großen Künstlerpläne, die ihn nach Italien und Paris führen sollten, und zwang seinen freien Künstlergeist in das harte Joch der Pflicht, um «„bald meine Schulden als braver Kerl abzahlen zu können", wie er in feinem Tagebuche schreibt. Und dieses Opfer wurde ein Segen für ihn. Die Prager Oper, die nahe am Verfall war, mußte neugestaltet werden. Und was Weber in jungen Jahren in Breslau so glückverheißend begonnen hatte, das führte er hier zu höchster Meisterschaft: die Organisation eines Opernbetriebes. Webers Dirigentenzeit ist eine der glanzvollsten Perioden der Prager Operngeschichte. In Prag traten wieder Frauen entscheidend in sein Leben. Therese B r u n e 11 i war eine Schauspielerin, die in einer unbefriedigenden Ehe mit einem Tänzer lebte. Webers Liehe zu dieser dämonischen Frau war eine einzige Leidenszeit. Mit Eifersucht und unsinniger Launenhaftigkeit verbitterte sie ihm das Leben. Seine alles beherrschenden Gefühle für sie benutzte sie nur zur Spielerei und trieb ihn manchmal bis an die Grenze des Wahnsinns. Carl Marias Briefe und Tagebücher aus dieser Zeit sind erschütternde Zeugnisse seiner Dual. Aus solcher Not konnte ihn nur reine Liebe erlösen. Sie sollte ihm in Karoline Brandt erblühen, die am 1. Januar 1814 von Weber für sein Ensemble verpflichtet wurde. Sie gehörte zu den entzückendsten Erscheinungen der deutschen Opernbühne. Sie lebte mit ihrer Mutter in vornehmer Zurückgezogenheit, und als Weber einmal durch dienstliche Obliegenheiten in die wundervoll harmonische Häuslichkeit eintrat, fühlte er bald seine wahre Neigung entschieden. Unsäglich schwere Kämpfe kostete die Lossagung von der Brunetti, die ihrer schlichten Nebenbuhlerin nicht weichen wollte. Aber auch Karoline konnte sich nicht entschließen, Weber das Jawort zu geben, zumal er an eine eheliche Verbindung den Verzicht auf die Bühnenlaufbahn knüpfte. Auf alle seine Briefe — herrlichste Zeugnisse einer großen, edlen Liebe — hatte Karoline nur zögernde Antworten Mehrmals kam es fast bis zum Bruch zwischen ihnen. Als er am 15. Januar 1816 die entscheidende Frage tat, erhielt er eine Absage: sie wollten einander in Freundschaft verbunden bleiben. Der Verzweiflung nahe, kehrt er nach Prag zurück und sieht am ersten Abend das geliebte Mädchen in all ihrem unwiderstehlichen Zauber auf der Bühne wieder. Nun erfüllt sich endlich das Geschick dieser beiden Menschen. Jetzt erst erkennt Karoline ihre wahre Liebe und willigt in die Ehe, die sich zu einer wundervollen Harmonie gestalten sollte. Karoline gab ihrem Gatten endlich die langersehnte Häuslichkeit. Aus ihrer hingehenden Liebe schöpfte er immer neue Kraft und Freude, lieber olle Erdenschwere hinweg führte sie seine Seele zu strahlenden Höhen und trug so reichen Anteil an seinen Meisterwerken, die nun während der glücklichsten Zeit seines Lebens entstanden: „Der Freischütz", Euryanthe", „Oberon". Mit ihnen begann der Siegeszug der deutschen Oper. Als bei der Uraufführung des „Freischütz" in Berlin am 18. Januar 1821 der Hof fernblieb und die Anhänger der Italiener em<- Derfchwörung gegen das Werk geplant hatten, war es die Jugend, dic Studentenschaft und das Volk, das der Oper zu Ihrem Siege verhalf Der Bann S p o n t i n i s , des damaligen Generalmusikdirektors der Berliner Oper, war gebrochen. _ , . Unb auch in Dresden, wohin Weber nach vier Jahren in Prag als Direktor der neuen Oper ging, gelang ihm das große Werk, eine deutsche Oper zu schassen. Mit zäher Energie und hartnäckigem Idealismus kämpfte er gegen alle Widersacher, sein eigenes Interesse oft bis zur Selbstverleugnung verdrängend. Doch diese harte Zeit forderte zuviel von der zarten Gesundheit des Meisters. Sein Lungenleiden nahm immer größeren Umsang an. Um die Zukunft seiner Lieben ganz sicherzustellen, entschloß er sich zu einer Reise nach London, um dort die Proben und die Erst- auffüfyrung seines ,,D b e r o n" selbst zu leiten. Als er am 16. Februar in Dresden von den Seinen Abschied nahm, wußten alle, daß sie ihn zum leßtenmal gesehen hatten. Nach glanzvollen Feiern unb unerhörten Triumphen in Lonbon entschlief ber mübe, kranke Meister voll tiefsten Heimwehs nach Frau unb Kinbern am 5. Juni 1826. Unendlich war Karolinens Schmerz um den geliebten Mann: „Wie reich war ich und nun ganz verarmt an allen Lebensfreuden! Ich lebte ja nur für ihn. Daß ich mit meinen armen Kindern nicht einmal an feinem Grabe weinen kann, daß feine Hülle in einem fremden Lande ruhen muß, wo er zuletzt so ungern war, aus dem er sich mit ganzer Seele hinweggesehnt, ist doch recht hart. Vielleicht vergönnt es der liebe Gott einst, meine Kinder dahin zu führen, wenn sie brave Menschen geworden sind, würdig, die Asche eines solchen Vaters zu berühren." Zwanzig Jahre später ging dieser Wunsch endlich in Erfüllung. Richard Wagner trat an die Spitze eines Komitees, und seiner entschlossenen Tatkraft gelang endlich die Heimholung der sterblichen Ueberreste des von ihm über alles verehrten Meisters. Am 14. Dezember 1844 wurde der Sarg in Dresden beigesetzt. Schlichte Krivpenwacht. Von Ruth Schaumann. Der Esel und das Rind, Die knien bei dem Kind — Soll uns das nicht gelingen. Die Ihm ob allen Dingen Die traurig liebsten sind, Die traurig liebsten sind. Der Stern steht ob dem Dach — O Kind, so klein und schwach, O Sonne in den Nächten, Demant in finstern Schächten, Sieh unsre Sünde nach, Sieh unsre Sünde nach! Es rauscht bas arme Stroh, Die Kön'ge beten so. Der Hirt bei seinen Schafen Kann diese Nacht nicht schlafen, Die Hügel hüpfen froh, Die Hügel hüpfen froh. Und treibt dich Hochmut fort, Und weißt du keinen Port, Mit Ihr, die dich getragen, O Wort, nicht auszusagen, Nimm mich zum Ruheort, Nimm mich zum Ruheortl Mit Onkel Ridtari) Spielzeug basteln. Eine Geschichte von Heinz-Arthur Lehmann. Onkel Richard hat sich schon seit seinem sechsten Lebensjahr glühend einen Rollwagen mit Holzpferdchen unb ein Regiment Bleisolbaten gewünscht. Beides würbe ihm niemals zu Weihnachten beschert. Darüber ist er selber Familienvater mit einem sechsjährigen Jungen geworben unb ist jetzt, in der Adventszeit, dicht daran, sich die Wünsche seiner Jugend zu erfüllet, indem er seinen Sohn, der imstande ist, Autos zu reparieren, mit solchem rückständigen Spielzeug beglücken will. In unserer Familie ist es Ehrensache, immer alles selbst zu machen, das geht meistens schief wie das weiland verunglückte Zimmertapezieren, aber wir haben unseren Spaß daran. Deshalb mußte ich mich auch mit Onkel Richard in die eiskalte, zugige Bodenkammer setzen und oben erwähnten Spielzeugrottwagen zusammenleimen und nageln. Da wir beide nicht mit sonderlich viel technischen Fertigkeiten ausgeftattet sind, wünschten wir des öfteren, der Weihnachtsmann möge erscheinen und uns den dritten Rollwagen, an dem wir zimmerten, leutselig aus den klammen, leimverklebten Fingern nehmen, und ihn den Wichtelmännern zu weiterem Bau anvertrauen. Wahrscheinlich aber waren wir im Glauben zu schwach, vielleicht hat sich auch Sankt Nikolaus durch die markigen Flüche, die durch die Bodenkammer schallten, abhalten lassen, uns rettend unter die Arme zu greifen. Der Räder für den Rollwagen hatten wir vorsichtshalber gleich acht gekauft, weil wir wißen, daß wir immer erst Ausschuß fabrizieren, ehe wir unsere Werke so richtig hinkriegen. Aber man sollte es nicht glauben, wie schwer es ist, auch nur sechs kleine Stückchen so von der großen Latte herunterzufägen, daß sie dieselbe Lange haben! An den zwei, uns bereits windschief geratenen Fahrgestellen hatten wir ein Paket Nägel krumm- geschlagen, und drei Tafeln Leim waren tiraufgegangen; die faßen in unseren Kleidern, das Holz nahm einfach keinen Leim an Was uns am meisten in der Arbeit hemmte, war unfere Gewissenhaftigkeit. Wir stritten uns herum, wie die lenkbare Vorderachse bei einem wirklichen großen Rollwagen beschaffen fei. Onkel Richard wollte durchaus Recht behalten, er stieg die fünf Treppen hinunter auf die Straße und stellte sich, die Hände in den Hosentaschen, auf, um zu warten, daß ein Rollwagen vorbeikomme. Als er nach einer Stunde noch nicht wieder erschienen war, und ich ihn in den Verdacht bekam, daß er sich bei Tante Johanna in der Küche auswcirme, kam Onkel Richards hoffnungsvoller Spröhling Harry auf den Boden geschlichen und fragte mich, was wir denn eigentlich hier oben trieben. Ich war fo verdutzt, daß ich die vermurksten Rollwagen nicht mehr verbergen konnte. Harry befah sich den Schaden unb brachte mit geschickten Hänben bie vorbere Rollwagenachse in Orbnung. Solche Lappalien wären ihm schon in der Schule beim Werkunterricht des öfteren zwischen die Finger gekommen, meinte er und fragte, für wen wir denn eioimllich dieses lächerliche Spielzeug bastelten. Ich sagte, wir seien hier grr r- maßen eine Filiale vom Weihnachtsmann, was Harry mit einem wortlosen Lächeln aufnahm, er wollte mir anscheinend meinen Kinderglauben nicht nehmen. „Erinnere den Papa nochmal dran", sagte Harry bann, „daß ich mir ein Dutzend kleine Rennautos zum Aufziehen zu Weihnachten wünsche! Die Rennbahn aus Holzleisten, genau nach der Avus gebaut, mache ich mir selber, das gibt es nicht zu kaufen, und ihr bringt es doch nicht zusammen!" Damit lieh mich Harry auf meiner Margarinekiste fitzen und verließ den Bodenraum. Wenige Minuten später kam Onkel Richard, stocksteif gefroren mit blauen Backen, er war seinem Jungen im Treppenhaus begegnet und hatte ihm gegenüber so geheimnisvoll getan, als ob wir hier oben Falschgeld druckten. „Die Sache mit der Schwingachse am Rollwagen hat sich erledigt", sagte ich. Onkel Richard sah nach und war befriedigt. „Das hat Harry gleich selber zufammengenagelt!" fuhr ich voller Stolz auf meinen kleinen Vetter fort. Im Augenblick war Onkel Richard warm. Ob ich denn von einem Leierkasten überfahren worden fei! rief er. Das wären ja schöne Zustände, daß sich die Kinder neuerdings ihr Spielzeug, mit dem sie weihnachtlich überrascht werden sollen, selber bauen! Ich erwiderte, daß er stolz fein möge auf seinen Sohn, der so geschickt mit den Händen fortkomme und auch in der Intelligenz gar nicht feinem Vater gleiche. Im übrigen wünsche sich Harry Rennautos! Onkel Richard war nun nicht mehr zu halten. Solange er den Jungen noch unter der Fuchtel habe, müsse er mit den Sachen spielen, die ihm, dem Vater, gefallen! Und Rennautos kämen nicht ins Haus, wo der Junge ohnehin schon immer davon rede, daß er Omnibusschofför werden wolle. Ich solle mich mit meiner Pädagogik ein- pökeln lassen! Es fei fein Wunder, daß mich meine Frau mit unserem zweijährigen Buben nie ohne ihre Aussicht spielen ließe. Der Kleine würde noch früh genug durch meinen leichtfertigen Umgang verdorben. Als er, Onkel Richard, noch Junge gewesen sei, habe er sich an den Spielsachen erfreut, die ihm zuteil geworden wären, aber jetzt, zum Donnerwetter, wolle er sich endlich die Wünsche erfüllen, die er sich damals aus Angst vor der väterlichen Autorität habe verkneifen müssen. Ich beschloß, Harry mit den Rennautos zu beglücken, Onkel Richard würde bann schon mit uns spielen, wenn er des Rollwagens überdrüssig würde. Außerdem kenne ich Tante Johanna, die erlaubt es bestimmt nicht, daß ihr Gemahl am Heiligabend bis in den Morgen des ersten Feiertags hinein mit einem Rollwagen durch die Wohnung rasaunt. Aber so ist Onkel Richard, er versucht es auf. alle Art, wider die Gewalt aufzumucken. „Was wird nun mit dem Rollwagen, wo er ihn schon gesehen und gewissermaßen selber gebaut hat?" fragte ich. „Das Holz wird ausgezeichnet brennen!" „Ich werde mir sämtliche Adventsnächte um die Ohren schlagen", antwortete der Onkel. „Aber ich will meinen Rollwagen haben!" Er war schon früher so ein eigensinniges Kind, hat mir mein Vater, fein Bruder erzählt, unb nun wundert er sich über feinen Sohn, ber bie gleiche Erbmasse hat, was roieberum die alte Wahrheit beweist, daß der Apfel nicht weit vom Stamm fällt. Wir bastelten weiter an dem Rollwagen unb bekamen denn auch die von Harry gerichtete, lenkbare Vorderachse des Wägelchens wieder entzwei. Onkel Richard schob bie Schulb am Mißerfolg auf unsere starren Finger, die außerdem für solche feine Bastelei zu groß feien. Als ich etwas von Ungeschick murmelte, warf er mir einen giftigen Blick zu. Eine Gemeinheit sei es von Tante Johanna, fuhr er fort, daß sie uns nicht in der Küche weiter fügen, leimen unb hämmern lasse. Tags zuvor war ihr nämlid) unser Sägemehl zwischen ihren Stollenteig geraten, unb daraufhin hatte sie uns aus ber Küchenwärme in bie Kälte ber Bobenkammer verscheucht. Als wir auch den dritten Rollwagen so weit fertig gemacht Hatten, daß er auf allen vier Rädern lahmte, unb aus ben Leimfugen ging bei der Erschütterung, bie ein auf der Straße fahrender Fernlastzug hervorrief, hatte Onkel Richard Tränen in den blauen Augen. Er stemnLe sich die beleimte Werkmannshand unter das Kinn und starrte auf unser Machwerk. Wie er die Hand wieder in die Hosentasche stecken wollte, blieb sie am Kinn kleben, der Leim war von besonderer Art, mit ihm konnte man sich bestenfalls Nikolausbärte anpappen, aber kein Holz zufammen- kleben. Wir rissen die Hand mit vereinten Kräften los unb bie schmerzende Stelle am Kinn gab Onkel Richard Anlaß, den Rollwagen zu verwünschen. Lderantwortlich: vr. HansThyriot. — Druck undDeriag: Brühl'sche Universitäts-Buch» und Steindruckerri. R. Lange, Gießen.