Eichener ZamilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger ZahrsangM» Montag, d°i> XI. «uflujl "ummcr63 Fridericus 3^ex. Von Willibald Alexis. Fridericus Rex. unser König und fierr, Der rief seine Soldaten allesamt ins Gewehr, Zweihundert Bataillons und an die tausend Schwadronen, Und jeder Grenadier kriegte sechzig Patronen. „Ihr verfluchten Kerls", sprach Seine Majestät, „Daß jeder in der Bataille seinen Mann mir steht. Sie gönnen mir nicht Schlesien und die Grafschaft Glatz Und die hundert Millionen in meinem Schatz. Die Kaiserin hat sich mit den Franzosen alliiert Und das Römische Reich gegen mich revoltiert. Die Russen sind gefallen in Preußen ein; Auf, laßt uns zeigen, daß wir brave Landeskinder sein! Meine Generale Schwerin und Feldmarschall von Keith, Und der Generalmajor von Zielen sind allesamt bereit. Potz Mohren, Blitz und Kreuzelement, „ Wer den Fritz und seine Soldaten noch nicht kennt. „Nun adjö, Lowise, wisch ab das Gesicht, Eine jede Kugel, die trifft ja nicht. Denn traf' jede Kugel apart ihren Mann, Wo kriegten die Könige ihre Soldaten dannl Die Musketenkugel macht ein kleines Loch, Die Kanonenkugel ein weit größeres noch; Die Kugeln sind alle von Eisen und Blei, Und manche Kugel geht an manchem vorbei. Unsere Artillerie hat ein vortrefflich Kaliber, Und von den Preußen geht keiner zum Feinde nicht über; Die Schweden, die haben verflucht schlechtes Geld, Wer weiß, ob der Oesterreicher besseres hält. Mit Pomade bezahlt den Franzosen sein König, Wir kriegen's alle Wochen bei Heller und Pfennig. Potz Mohren, Blitz und Kreuzsakrament, Wer kriegt so prompt wie der Preuße sein Traktament! Fridericus mein König, den der Lorbeerkranz ziert, Ach, hältst du nur öfters zu plündern permittiert, Fridericus Rex, mein König und Held, „ Wir schlügen den Teufel für dich aus der Welt. Bei Hochkirch. »erung der Niederlage Frieoricys oei entnehmen wir dem packenden Buche Die Schilderung der Niederlage Friedrichs des Großen chmen wir dem packenden Buche: „Logan- Erlebnisse als Reiteroffizier unter dem Logejus, Meine — großen König 1741 bis 1759" (Wich. Gottl. Korn Verlag, Breslaus. Die Nacht vom 13. zum 14. Oktober war leidlich ruhig verlausen. Ich ichlief in meiner Strohhütte innerhalb unseres Regimentslagers noch ganz fest, ja ich träumte, ich wäre mitten im Kanonendonner einer Schlacht und während ich mich entsetzlich abmühte, mein Pferd das unverrückbar stillstand, vom Fleck zu bringen was mir aber trotz aller Anstrengungen, bei denen ich mit dem Kopse gegen den einen Zeltpfahl stieß durchaus nicht gelingen wollte, stürmte der Josef in meine Hütte und meldete, daß vom Hauptquartier her Schlachtenlarm klänge und Häuser von Hochkirch brennten. Trotz traumschweren Kopfes war ich ,m Nu auf den Beinen. Eilends schwang ich mich m den Sattel. De General von Puttkamer traf ich schon zu Pferde, auch unsere Husten waren dabei aufzusitzen, was die Krockowdragoner ebenfalls taten, während unsere Jäger ihre Stellung vor den Zelten An- So waren wir hier auf dem linken Flügel bereit, leben feiMlchen Angriff abzuschlagen. Der beängstigende Lärm bei unserem rechten Flügel nahm mehr und mehr zu; immer dröhnender krachtendie Kanonen- schiisse und das Geprassel des Gewehrfeuers steigerte sich immer ver- "^Richt^ehr weit rechts von uns war eine mit Geschützen und Grenadieren ^besetzte Schanze. Kaum hatte sich der Nebel gehoben und die feindlichen Fahnen erkennen lassen, als auch schon die Geschütze von den Grenadieren auf Teufel komm heraus abgefeuert wurden. Diese Tod und Gefahr wie jeder Soldat ge- Schüsse ließen Puttkamer den Entschluß fassen, den mehr seitwärts anrückenden Feind zu attackieren. Bei unserer Attacke traf meine Schwadron aus die Flügelschwadron eines Kllrassierregimentes. Wenn wir auch Unordnung in den Feind hineintrugen, so muhten wir uns doch zuruck- ziehen weil die Uebermacht des Feindes zu groß war und wir leicht hätten überflügelt werden können. Hatten wir also wenig Gluck, so unsere tapferen Grenadiere noch viel weniger. Da der Feind durch den dauernd wechselnden Nebel, der sich bald hob, bald senkte, gedeckt wurde fiel er unseren Grenadieren sogar in den Rücken. Ohne unseren heldenmütigen Brüdern helfen zu können, weil wir uns mit der Zeit noch selbst mit den feindlichen Reitern herumschlugen, nahm der Feind den unverwundeten Rest von ihnen gefangen tznd eroberte die Schanze. Nur allein das Regiment der Fußgänger vermochten wir aus dem von Puttkamer anbefohlenen Rückzüge mit uns zu nehmen. Wenige tausend Schritte neben uns zur linken Hand sahen plötzlich die teils brennenden, teils schwelenden Ruinen von Hochkirch aus dem Nebel hervor, auch konnten wir jetzt ganz deutlich unser vom Feinde erobertes und geplündertes Lager erkennen. An diesem vorbei zogen die Truppen unserer Armee, die bisher den rechten Flügel unserer Stellung in und bei dem Dorfe Hochkirch gebildet hatten. Diese unsere Bruder führte der König von dannen. In derselben schönen Ordnung wie wir zogen auch jene dahin. Wenig später stießen wir zu ihnen und, um sie vor erneuerten feindlichen Angriffen zu schützen, blieben wir hatten; so zogen jene an uns vorüber. Der König war verwundet, seine Uniform war zerrissen und äußerst beschmutzt, sein Hut war von zwei feindlichen Kugeln durchbohrt, sein Degen stak ihm ohne Lederschelde in der blutbefleckten Schärpe. Die Insignien vom hohen Orden des Schwarzen Adlers waren abgerissen. Puttkamer, der zum Monarchen vorausgeritten war, um zu rapportieren, erhielt den Beseht, mit dem Regimente der Fußjäger, mit den Krockowdragonern und seinem Regiment eine regelrechte Arriergarde zu bilden. ... , Die Regimenter und Bataillone, die tn und bei Hochkirch vom Feinde in ihren Zelten und Häusern überfallen worden waren, hatten, obwohl sie sich wie die Löwen zur Wehr gesetzt, alles verloren, ihre Geschütze, ihre Wagen und sogar ihr kleines Feldgepäck. Viele ihrer Leute hatten sich nicht einmal ankleiden können, weswegen Grenadiere und Musketiere, die ihrer Hofen, Stiefel oder Röcke verlustig gegangen waren, keine Seltenheit waren, und sie waren es, die zur dauernden Zielscheibe der Spaßvögel wurden und, um der in der Armee herrschenden Stimmung Rechnung zu tragen, gute Miene machten. Aber ebenso gab es sehr viele unter den Gerupften, und sie waren eigentlich in der Mehrzahl, die sich den Dreck was aus dem Verlust machten und selbst scherzten, als ob sie Bänkelsänger wären, und in diesen Chor stimmten auch die Verwundeten mit ein, um nur ja nicht nachzustehen. Der Boden aber, aus dem diese Stimmung erwuchs, war der alte unerschütterliche Preüßenmut, der einen Grenadier sagen ließ: „Wir und der König haben zu fest geschlasen, so hat uns der kleine Daun seine Aufwecker geschickt". Alles ringsum lachte. Dann riefen sie dem gerade vorbei- rcitenben Monarchen jene Worte zu, indem sie sich gegen alle Regeln ber Disziplin aus Reih unb Glied herauswagten, um naher an den König heranzutreten. Aber auch noch etwas anderes vermochte man sestzustellen: der König war mit dem heutigen Tage für einen jeden unserer Krieger zum Gott geworden. Er, der sich in seiner vom Staub und Pulver- aualm völlig geschwärzten Uniform von keinem Grenadier unterschied, der mitten in einer Hölle von Tod und Gefahr wie jeder Soldat gestanden und unerschrocken mit dem Degen in der Hand allen ringsum bewiesen hatte, daß er auch zu kämpfen vermochte wie ein jeher anbere aemeine Mann, er hatte, ungeachtet des Verlustes einer Schlacht, eines Lagers und vieler Generale und Soldaten, im Scheine des brennenden Hochkirch sich die Herzen seiner Krieger für Jem Leben erobert. Und mag man auch später in den Annalen dieses Krieges d,e Namen Prag, Roßbach, Leuthen und Zorndorf mit goldenen Lettern versehen, o joUte man hierbei des Namens Hochkirch nicht vergessen. Denn nur allem auf diese Bewunderung, diese Anhänglichkeit, die seine Krieger, ihm, dem Großen von diesem 14. Oktober an entgegenbradjten, vermochte er feine Pläne auszubauen und bas zu erreichen, was er in biejem bentmurbigen Kriege erreichen sollte. Hier in dem brennenben Hochkirch hatte unser König bewiesen, daß er auch zu seinen Worten stand, zu ihnen stand mitten im Krachen der Kartätschen, mitten im Geprassel des Gewehrfeuers, mitten zwischen brennenden Häusern und unm'hclbar vor den Bajonetten anstürmender feindlicher Grenadiere, die sich doch wirklich nicht willens gezeigt hatten, auch nur einem einzigen Preußen als Antwort auf Leuthen Pardon zu geben. . 9lur von einem, der es erlebt hat, kann ausgesprochen werden. Der Ueberfall auf unser Lager, mit dem ber Feldmarschall Daun unb seine Heerführer doch etwas ganz anberes zu erreichen trachteten, wurde ein ! Fundament zum Ruhme und zur Größe unseres Königs, wurde em Sockel der künftigen Sicherheit Preußens, wurde zum Eckstein des Glücks meines Vaterlandes. Denn alle die furchtbaren Schicksalsschlage, denen wir noch entgegenzugehen hatten, wir alle, unser König, unsere Armee, unser Vaterland, konnten nur dadurch jeweilig überwunden, gar manchmal gemeistert und schließlich besiegt werden, daß sich in Hochkirch etwas geoffenbart hatte, das heller scheint als alle Diamanten der Welt und das wertvoller ist als alles Gold dieser Erde. Als Friedrich starb. Zum 150. Todestage des großen preußenkönigs am 17. August. Von Wilhelm B o e ck. „Wenn das Leben eines Königs für den größten Theil der Einwohner Europens interessant gewesen ist, so werden es gewiß auch noch die lezten Umstände seines Lebens und die bei seiner Beisezzung angestellte Feierlichkeiten sein." So beginnt eine Schrift aus dem Todesjahre Friedrichs, die sich die Schilderung dieser Vorgänge zur Aufgabe gemacht hat, und besser ließe sich eine solche Betrachtung auch heute nicht rechtfertigen, es sei denn damit, daß der größere geschichtliche Abstand uns die Persönlichkeit des Mannes in ihrer Bedeutung noch besser erkennen läßt. Allerdings ist selten zu Lebzeiten eines Herrschers und im Augenblick seines Todes sein wahrer Wert so deutlich gefühlt worden; die Welt hielt einen Augenblick den Atem an, um dann zu erfahren, daß Friedrich starb wie jeder Mensch. Die „Berlinische Zeitung von Staats- und gelehrten Sachen" verkündete am 19. August 1786: „Vorgestern, den 17ten August (ein Donnerstag), früh um 3 Uhr endigte sich das große thatenvolle Leben Sr. Majestät, Unseres Allerdurchlauchtigsten, großmächtiasten und allergnädigsten Fürsten und Herrn, Friedrich des Zweyten, Königs von Preußen. Er starb mit der Standhaftigkeit und Gelassenheit eines Weisen, alt 74 Jahr, 6 Monate, 3 Wochen und 3 Tage, an einer Entkräftung, nachdem Seine unvergeßliche Regierung 46 Jahre und drittehalb Monate gedauert hatte. Wenn die allergerechteste Bewunderung reden will, so macht der allergerechteste Schmerz verstummen. Sein Volk betete Ihn an, Europa suchte Ihm nachzuahmen, die Welt bewunderte Ihn, und die Nachwelt wird erstaunt die Geschichte seiner Thaten kaum glaublich finden. Wenige Könige waren so groß wie Er! Wer Gesühl für Geistesgröße und für Thätigkeit zur Beförderung von Menschenglück hat, wird seinen Namen nicht anders als segnend aussprechen; Seine getreuen Unterthanen sprechen ihn jetzt nur noch weinend aus." Friedrichs Tod kam nicht überraschend, weder für ihn noch für fein Volk, aber während er ihm mit klarer Ruhe ins Auge sah, hoffte er doch immer noch, fein Leben verlängern zu können; und im Volke nährte man einen ähnlichen Glauben. Seine letzte Krankheit zeigte sich im Gefolge der Ueberanstrengungen bei den großen schlesischen Ma- nöoern im August 1785, wo der wettergewohnte König fo vom Regen durchnäßt wurde, daß man nachher das Wasser aus seinen Stieseln goß. Vier Wochen später traf ihn ein Schlaganfall, und seitdem verschlimmerte sich sein körperliches Befinden stetig. Karl August von Weimar, Goethes Herzog, der um die Jahreswende in Berlin und Potsdam weilte, schrieb damals an Lavater mit besonderer Hervorhebung der physiognomischen Eigenart des greifen Königs: „Ich habe in Potsdam den erstaunlichsten aller Menschen gesehen. Der Anblick des nun veralteten und sich seiner Grube nähernden Königs erklärt viel Unerklärliches." Schon die Herbst- manöver hatte Friedrich nicht mehr persönlich abgehalten, und Berlin konnte ihn in diesem Winter nicht zum Karneval begrüßen. In der schönen Jahreszeit schöpfte er gelegentlich neue Hoffnung und bestieg gar am 4. Juli noch einmal seinen treuen „Conds" zu einem dreiviertelstündigen Ritt im Garten von Sanssouci. In den nächsten Wochen gewann jedoch „seine Krankheit, die zehn Männer umgebracht hätte", langsam Macht über den entkräfteten Körper, den die Wassersucht ergriffen hatte. Atembeschwerden nötigten ihn, im Lehnstuhl fitzend zu schlafen, und feine großen Stiefel trug er ausgeschnitten, aber der Geist tat heldenmütig seine Pflicht. Ja, in der letzten Zeit, als er fein Ende nahen fühlte, ließ der König die Minister statt um 6 schon um 4 Uhr früh zu sich kommen, um die ihm vom Tode gewährte Frist besser zu nutzen. So erledigte er auch noch am 15. August sein volles Tagesprogramm, gab Anweisungen zu einem Manöver für den nächsten Tag „mit einer vollkommen richtigen und zweckmäßigen Anwendung auf das Terrain: eine Disposition, die des Siegers bet) Mollwitz würdig war", und beschäftigte sich mit neuen politischen Konstellationen. Bis kurz vor seinem Tode freute er sich darauf, die Schafe, die er aus Spanien zur Blutauffrischung auf den Domänen bestellt hatte, persönlich in Sanssouci begutachten zu können; er sollte ihre verzögerte Ankunft nicht mehr erleben. Erst am 16. nötigte ihn sein Zustand, von der gewohnten Arbeitsregel abzuweichen. Als Friedrich an diesem Tage dem Kommandanten von Potsdam die Parole geben wollte, versagte ihm die Stimme; doch immer noch besaß sein Auge die fesselnde Lebendigkeit. Gegen Abend wurde er so schwach, daß der ihn behandelnde Dr. Selle durch einen Boten, der ein Pferd zuschanden ritt, aus Berlin gerufen wurde. Nachts um 11 Uhr erwachte der Kranke und bestimmte, haß er um 4 Uhr geweckt sein wolle; um 2.20 Uhr war er tot. Ein treuer Bedienter hielt während der letzten Stunden den Körper des Schlafenden umfangen, um ein Ueberfinfen zu verhindern. „Das Physische des Königs war ebenso außerordentlich als sein Moralisches", urteilte sein Arzt, außer dem sich der Minister von Herzberg, Generalleutnant von Görz und zwei Kammerhusaren, die hauptsächlichsten Gesellschafter der letzten Zeit, am Sterbelager befanden. Friedrich der Große starb in seinem Schlafzimmer in Sanssouci, dessen Dekoration von Hoppenhaupt uns in dem Kupferstich von Bock überliefert ist. (Den Raum ließ noch im Sterbejahr der Nachfolger, Friedrich Wilhelm II., durch Erdmannsdorf für sich umgeftalten.) Dem Sterbenden vor Augen stand auf dem Kamin die Bülte seines großen Vorbildes, des philosopbilchen Kaisers Marc Aurel. Außer dem im Hintergrund des Stiches sichtbaren Schrank hat sich namentlich der Sterbestuhl des großen Königs erhalten, „ein sehr breiter, sogenannter Ottomane-Stuhl, weih lakiert, mit ausgeblasster grüner Leinwand bezogen"; zunächst im Besitz der Prinzessin Amalie, der Schwester Friedrichs, die ihn in ihrem Palais in der Wilhelmstraße verwahrte, wurde er auf Befehl Friedrich Wilhelms IV. wieder im Sterbezimmer ausgestellt. Die kostbarste Religuie jener Stunde ist indes die ergreifende Totenmaske Friedrichs, die der Potsdamer Bildhauer Johann Eckstein gleich am frühen Morgen des 17. abgenommen hat. Schon längst vorher hatte der Thronfolger ihre Anfertigung dem Herzog Karl August von Weimar versprochen, und sie gehört in der Tat zu den wertvöllsten menschlichen Dokumenten überhaupt: „Der Monarch war, ungeachtet seiner langen Krankheit, gar nicht verstellt, außer daß die rechte Wange sehr eingefallen war. Seine ruhige unverzogene Miene zeigte, daß er im Bewußtseyn, alle seine Pflichten als König und Landesvater bis auf den letzten Augenblick im ganzen Umfange erfüllt zu haben, sanft entschlafen war." Bald nachdem der große König verschieden war, traf Friedrich Wilhelm II. an feinem Lager ein; dann bettete man den Entschlafenen im benachbarten „Konzertzimmer" auf ein Feldbett. Dort lag er einige Zeit in feinen schlichten Kleidern, eine Kopfbedeckung war mit einer Serviette um das Sinn befestigt, und zwei Lakaien hielten mit grünen Zweigen die Fliegen von dem Gesicht des Toten fern. Der spätere König Friedrich Wilhelm III., damals ein junger Prinz, der uns eine Schilderung dieser Stunden hinterlassen hat, bemerkt besonders, daß die Bedienten und Pagen des verstorbenen Königs alle einen ehrlich betrübten Eindruck machten. Später wurde die Leiche von Feldscheren gewaschen und in samtene Staatskleider gekleidet; doch folgen wir nun dem Kirchenbuch der Hof- und Garnisonkirche in Potsdam: „Noch an dem nämlichen Tage Abends gegen 9 Uhr wurde die hohe Leiche vom Schloß Sanssouci nach Potsdam auf das Schloß (Stadtschloß) gebracht, und am folgenden Tage den 18. August um 8 Uhr Abends geschah die Beisetzung in der Hof- und Garnisonkirche. An der Kirchthüre gingen die beiden ersten Prediger der Kirche, Hofprediger Dannberger reformierter Seite und der Feldpropst Kletschke der hohen Leiche entgegen. Der eichene Sarg wurde von 12 Unteroffizieren von dem mit 8 Schimmeln bespannten Leichenwagen gehoben und in die Kirche getragen, während der Organist Petzold aus gedämpfter Orgel den Choral „Dein find wir Gott in Ewigkeit" spielte." Am Vormittag hatte derselbe Organist auf dem bekannten Glockenspiel der Kirche, das feine stündlichen Melodien aussetzte, „Alle Menschen müssen sterben" über die schweigende Stadt erklingen lassen. Indessen drängten sich im Stadtschloß die stummen Besucher, die meist aus Berlin herübergekommen waren, um den Alten Fritz zum letztenmal zu sehen. Diesen einen Tag über war er in seinem ehemaligen gelben Audienzzimmer im weich gepolsterten Sarge ausgestellt. „Man hat bemerkt, daß der König wohl nie so sanft geruht hätte, als er es nun, da er tobt ist, thut, denn es ist zu erinnern, daß der hochfelige König bei Lebzeiten allezeit auf Madratzen gelegen, hat und daß diese Kissen, so im Sarge liegen, außerordentlich sanft sind." Vor dem Sarg lagen auf einem Taburett nur der Krückstock, den nachher bei der Leichenfeier der neue König trug, und der durch Napoleon leider abhanden gekommene Degen Friedrichs. Der Widerhall der Todesnachricht war ungeheuer. Schon um 6 Uhr früh gelangte die Botschaft nach Berlin, wo sogleich die Tore für 24 Stunden geschlossen und die Truppen auf den neuen Herrscher vereidigt wurden. Mit den knappen Worten „Die ganze Stadt ist wie vor den Kopf geschlagen" gibt der Kupferstecher Chodowiecki der allgemeinen Stimmung Ausdruck, und Mirabeau, der letzte Fremde, den Friedrich empfangen hatte, leiht dem großen Moment die schonen Worte: „Einer der größten Charaktere, die 'je auf dem Throne gesessen haben, ist zerbrochen, mit ihm eine der schönsten Formen, die die Natur je geschaffen hat." Alle Geschäfte ruhen, jede kriegerische und geistliche Musik schweigt; nur die Glocken läuten 6 Wochen lang täglich eine Stunde. „Alles liegt im tiefen, schwarzen Trauer verhüllt; Trommeln, Pciucken und Trompeten erftummen, die sonst liebliche Saiten schweigen, die Orchester sind zugeschlossen; nur allein die Glocken lassen täglich durch den kläglichen Todtenschall in unsren Ohren ertönen jenes aus dem Klaglied Jerm. 5 V. 16. Die Krone unseres Hauptes ist abgefallen." Von allen Kanzeln wirb die Trauerbotschaft verlesen und zur Gedächtnisrede das Textwort aus dem 1. Buch der Chronik gestellt: „Ich habe dir einen Namen gemacht, gleich wie einem von den Großen, die berühmt sind auf Erden." Abgesandte und Kuriere tragen die Kunde in die Welt hinaus, der Wiener Bote bringt sie unter Lebensgefahr über die Donau, da das Hochwasser die Brücke zerstört hat. Befreundete Höfe, auch der mit Friedrich einst verfehdete sächsische, legen Trauer an, und ein alter schwäbischer Bauer macht seinem Herzen mit dem Seufzer Luft: „Sich mein Gott, wer wird nun die Welt regieren?" Der Direktor der Berliner Sternwarte, Bode, benennt ein Gestirn „Friedrichs Ehre" nach dem Verewigten. „Sein Tod hat ganz Europa in Bewegung gesetzt; und Staatsmänner, Geschichtsschreiber, Dichter beschäftigt. In Spanien hat man Ihn besungen; in Italien bereits eine weitläufige Lebensbeschreibung von ihm angekündigt. Die Englischen Blätter sind voll von Ihm; sie liefern Biographien oder einzelne Züge von Ihm, und Gedichte, die besser sind, als manche, die Ihm die Deutfthen Musen nachgesungen haben!" Kaum war die schlichte Beisetzung in der Garnisonkirche vorüber, so begannen die Vorbereitungen zu dem feierlichen Leichenbegängnis, das auf den 9. September festgesetzt und für dessen Verlauf am 3. ein gedrucktes „Reglement" herausgegeben wurde. Nach Gontards Entwürfen wurde derselbe Raum im Stadtschloß, in dem der tote König ausgestellt gewesen war, als „Paradezimmer" hergerichtet, violett mit silbernen Tressen ausgeschlagen und darin ein „Castrum doloris“ aus einem ovalen Thronhimmel und zwei Obelisken aufgebaut. Dort wurde nun der Zinnsarg, der von dem französischen Zinngießer Michaud in Berlin gefertigt und in den der eichene hineingestellt worden war, noch einmal gezeigt, geschmückt mit dem Reichshelm und umgeben von den übrigen Kroninsignien, die unter Geleit von 30 Mann Gardedukorps am 6. nach Potsdam gebracht wurden. Auch der Marmorsaal an der Rampe und das zum Paradezimmer führende Audienzzünmer, das Friedrich früher einmal als Speisezimmer gedient hatte, waren schwarz ausqeschlagen und geschmückt; hier defilierten am 7. und 8. wieder un- abfehdare Reihen an den sterblichen Resten des Monarchen vorbei. Hier versammelten sich auch am folgenden Tage die Teilnehmer des Trauer- 3Uqe5 Sobald der Sarg vor dem Marmorsaal auf den Wagen gehoben wurde, erwiesen die im Lustgarten aufgestellten Truppen dem toten Herrscher die kriegerischen Ehren. Unmittelbar vor dem Sarg, über dem ein großer Himmel getragen wurde, gingen die Minister mit den Kronin ignien, dahinter folgten der Generalleutnant von Moellendorf mit dem Reichspanier und Friedrich Wilhelm II. Der ganze Weg bis zur Kirche war mit schwarzem Tuch belegt und von vielen Tausenden von Zuschauern gesäumt, von denen die Glücklicheren gerne 10 Taler für em Fenster gezahlt hatten; 60 000 Fremde wurden in diesen 3 Tagen m Potsdam geschätzt. Auch in der Garnisonkirche waren große Vorbereitungen getroffen worden; Den schwarz ausgeschlagenen Raum hatte der bekannte Rode mit gemalten Sinnbildern nach Ideen von Rammler geschmückt, wahrend der Sarg von einem eigens errichteten kleinen Rundtempel ausgenommen wurde, der die „Vergötterung" des Königs andeuten sollte 4870 Lampen und 558 Wachskerzen, teils auf 21 Kronleuchtern, erhellten die Kirche zur Feier, in deren Mittelpunkt eine lateinische Trauerkantats stand; ihr Dichter war der Friedrich in seiner letzten Zeit nahestehende Marquis von Lucchesini, Komponist und Dirigent in einer Person war der Kapellmeister Reichardt, dem Benda als Leiter des 70 Mann starken Orchesters und der Chordirektor Lehmann zur Seite standen. Die Kroninsignien als Zeichen der königlichen Gewalt blieben vor der Gruft zurück, indes vor den Türen 24 Sechs- pfünderkanonen und viele Gewehrläufe mit insgesamt 794 Schüssen über den weiten Lustgarten hin dem Helden nachriefen. — Anschließend wurde im Schloß von 600 Gedecken gespeist; der künstlerische Leiter Gontard erhielt ein Ehrengeschenk von 1000 Talern. Auch Friedrichs Aufnahme im Jenseits, feine dortige Begegnung mit verstorbenen Freunden, Vorfahren und großen Mannern der Vergangenheit beschäftigte lebhaft die Phantasie der Zeitgenossen. Sie wird in verschiedener Weise ausgemalt. Da bittet z. B. der gestrenge Soldaten- köniq dem Sohne ab, daß er ihm nicht so viel zugetraut, „indem ich mich selbst über meinen gehegten Zweifel entblöde", während der Große Kiirfürst Friedrichs Feldzüge sachlich mit ihm erörtert. Sein an Friedrich Wilhelm I. gerichtetes Wort „Ihr Sohn hat mehr getan als wir alle!" nimmt Bezug auf Friedrichs ähnlichen Ausspruch gelegentlich der Oeffnung des Sarges des Großen Kurfürsten bei feiner Ueberfufjrung in den neuen Dom am Lustgarten. Die Begrüßung mit Alexander dem Großen steht im Zeichen einer besonderen Kollegialität, des gemeinsamen Beinamens wegen. Arm in Arm mit den alten Freunden Kayserlmg und Quintus Jcilius zieht Friedrich sich schließlich von der großen Gesellschaft zurück. Einer anderen Lesung zufolge läßt er gleich nach der Ankunft im Elysium seinen Vorfahren seine Werke überreichen, und zwar bezeichnenderweise dem Großen Kurfürsten die geschichtlichen Memoiren seines Hauses, Friedrich I. die „Werke des Philosophen von Sanssouci", seinem Vater die militärischen Schriften. Dem Zeitgeschmack entsprechend wird der Vorgang seines Todes in die Verstellungen der antiken Götterwelt gekleidet: Ungern entschließt sich die Parze Atropos, diesen Lebensfaden abzuschneiden. „Dennoch aber — nur allmählig — mit einer gewandten Stirne, und mit zupfender Hand, zerschnitt sie endlich den Faden, wodurch die Welt verlohr, was die Götter um sich wissen walten. Run entzog sich der strebende Geist seinem zeitlichen Eingehülle, und gelangte an diejenige Ueberfafjrt, wo der, sonst ganz gleichgültige Charon, stracks beym ersten Anblick, seine Gondel mit Palmen schmückte, und in einer aufmerksamen Bewunderung der Vorzüge eines so sonderbar ausgezeichneten, und mit vier Genien umgebenen Uebergängers, die sanfte Stille des itzt sich aber in etwas blähenden Styks durchruderte, bis an die heiligen Ufer." Oer Diamant des Radschah. Von Robert Louis Stevenson. Copyright by Verlag Albert Langen/Georg Müller, München. (Schluß.) „Ihre Bitte ist gewährt", antwortete der Prinz. „Eure Hoheit", fuhr der Diktator fort, „haben Herrn Serymgeour Ihren Freund genannt. Glauben Sie mir, wenn ich gewußt hätte, daß er solcher Ehre gewürdigt wird, so hätte ich ihn mit entsprechender Achtung behandelt." „In ihren Worten liegt eine geschickte Frage", sagte der Prinz; „aber dies wird Ihnen nichts nützen. Sie haben meine Befehle vernommen; Sie würden unumstößlich fein, selbst wenn ich diesen Herren heute abend zum allerersten Male gesehen hätte!" „Eure Hoheit haben meine Meinung mit gewohntem Scharfsinn erkannt", antwortete Vandeleur. „Noch eins: ich habe unglücklicherweise die Polizei auf die Spur des Herrn Serymgeour unter der Anschuldigung eines Diebstahls gebracht; soll ich die Anklage zurückziehen oder aufrecht erhalten?" „Das haben Sie mit sich selber auszumachen", antwortete Florizel. „Die Frage geht Ihr Gewissen und die Gesetze dieses Landes an. Geben Sie mir meinen Hut; und Sie, Herr Rolles, geben Sie mir meinen Stock, und folgen Sie mir. Fräulein Vandeleur, ich wünsche Ihnen guten Abend. Ich nehme an", sagte er zum alten Vandeleur, „daß x>hr Stillschweigen rückhaltlose Zustimmung bebeütet." „Ich kann nichts besseres tun", antwortete der alte Herr; „ich werde mich fügen; aber ich erkläre Ihnen offen heraus, ich weiche nur der @e™Sie find alt", sagte der Prinz; „aber das Alter ist für Sünder kein Vorteil, Är Alter ist weniger weife, als die Jugend anderer. Fordern Sie mich nicht heraus; Sie könnten finden, daß Ich härter bin, als Si» geglaubt haben. Es ist das erstemal, daß ich im Bösen Ihren Weg gekreuzt habe, geben Sie acht, lassen Sie es das letztemal (ein!" Mit diesen Worten winkte Florizel dem jungen Geistlichen, ihm zu folgen, verließ das Zimmer und schritt der Gartenpforte zu. Der Diktator folgte ihm mit einer Kerze und öffnete wieder die vielen Riegel und Schlosser, durch die er sich gegen Eindringlinge zu schützen suchte. „Da jetzt Ihre Tochter nicht mehr zugegen ist", sagte der Prinz, indem er sich auf der Stelle umdrehte, „so lassen Sie mich Ihnen sagen, daß ich Ihre Drohungen verstehe. Sie brauchen nur Ihre Hand zu erheben, und Sie werden sofort unrettbar verloren sein." Der Diktator antwortete nicht; als aber der Prinz ihm den Rücken wandte, machte er eine Gebärde der Drohung und wahnsinniger Wut. Im nächsten Augenblick schlüpfte er um eine Straßenecke und lief im schnellsten Schritt zur nächsten Droschken-Haltestelle. * Hier schließt die Erzählung von dem Hause mit den grünen Läden. Nur noch ein Abenteuer, und wir sind fertig mit dem Diamanten des Radschahs. Dieses letzte Glied in der Kette ist unter den Einwohnern Bagdads bekannt als: Das Abenteuer des Prinzen Florizel und des Geheimpolizisten. Prinz Florizel ging mit Herrn Rolles bis an die Tür eines kleinen Gasthofes, in welchem der letztere wohnte. Sie sprachen viel miteinander, und der Geistliche wurde durch die Vorwürfe des Prinzen, in denen Strenge und liebevolles Mitleid sich mischten, mehr als einmal zu Tränen gerührt. „Ich habe mein »ben verpfuscht", sagte er schließlich. ..Helfen Sie mir, sagen Sie mir, was ich tun soll. Ich besitze leider weder die Tugenden eines Prinzen, noch die Geschicklichkeit eines Verbrechers. „Weil Sie jetzt demütig sind", sagte der Prinz, „so befehle ich nicht länger; die Reuigen haben es mit Gott zu tun, nicht mit durften. 2Iber wenn Sie sich von mir wollen raten lassen: gehen Sie als Kolonist nach Australien, suchen Sie körperliche Arbeit im Freien, vergessen Sie, daß Sie jemals ein Geistlicher waren und daß Ihre Augen jemals diesen verfluchten Stein erblickt haben." Ein verfluchter Stein fürwahr!" antwortete Rolles. „Wo ist er jetzt? Welch neues Unheil soll er der Menschheit zufügen?" Er wird kein Boses mehr tun", antwortete der Prinz; „er befindet sich in meiner Tasche. Und daß ich Ihnen ^es sage , setzte er in gütigem Tone hinzu, „wird Ihnen zeigen, daß ich Vertrauen in Ihre Reue setze, so jung Sie noch ist." „Gestatten Sie mir, Ihnen die Hand zu drückens bat Rolles. „Nein", antwortete Prinz Florizel, „noch nicht." Der Ton, in welchem er diese letzten Worte sprach, sprach beutlich genug zum jungen Geistlichen. Als der Prinz ihn verlassen hatte, stand er noch mehrere Minuten vor der Haustüre, folgte mit seinen Augen der sich entfernenden Gestalt und slehte den Segen des Himmels auf einen Menschen herab, der ein so trefflicher Ratgeber war. Mehrere Stunden lang wanderte der Prinz einsam durch menschenleere Straßen. Er war voll von Sorgen: was sollte er mit dem Diamanten machen? Sollte er ihn dem Eigentümer zuruckgeben, d-rnach einer Meinung dieses köstlichen Besitztums unwürdig war? Oder sollte er einen kühnen Entschluß fassen und den Unglücksstein em für allemal aus dem Bereich der Menschheit entfernen? Dieses Problem war zu MtP,erig- um sich im Handumdrehen entscheiden zu lassen. In der Art, wie der Diamant in seine Hand gekommen war, erkannte er em offenbares Walten der Vorsehung; und als er das Kleinod aus seiner Tasche hervorzog und im Scheine einer Straßenlaterne betrachtete, da bracyte die Große und der wunderbare Glanz des Steines ihn mehr und mehr zu der lieber» zeugung, daß dieser Diamant eine unheilvolle Gefahr für die ganze Welt sei. , ,.tl .. . Sott helfe mir! dachte er bei sich selber; wenn ich noch öfter diesen Diamanten ansehe, wird auch mich nach ihm gelüsten! Obwohl er immer noch nicht zu einem Entschluß gekommen war lenkte er seine Schritte zu dem kleinen, aber eleganten Palais an der Seine das feit Jahrhunderten feiner königlichen Familie gehört hatte. Das Wappen von Bohemia ist über der Vorfcchrt und auf den hohen Kaminen eingemeißelt; die Vorübergehenden erblicken einen grunenj)of, worin die köstlichsten Blumen wachsen, und einen Storch den einzigen in 7anz Paris der den ganzen Tag auf dem Dache steht und .mmerzu einen Haufen von Gaffern anzieht. Würdevolle Bediente gehen hin und her, und von Zeit zu Zeit werden die großen Torflügel geöffnet und ein Wagen rollt unter den Schwibbogen hindurch. Aus vielen Gründen war dieses Haus dem Herzen des Prinzen Florizel besonders teuer; niemals näherte er sich ihm, ohne jenes Gefühl bes Daheimfeins zu genießen, das die Großen der Erde in ihrem Leben so selten haben. Und besonders an diesem Abend erbliche er nut aufrichtiger Erleichterung und Beftiedigung das hohe Dach und die freundlich Hellen Fenster seines kleinen Palastes. Als er sich der Gartenpforte näherte, durch die er stets emtrat. wenn er allein war, kam ein Mann aus dem Schatten hervor und stellte sich mit einer tiefen Verbeugung dem Prinzen in den Weg. „Ich habe die Ehre, Prinz Florizel von Bohemia zu sehen?" sagte der Mann. . ,, _. „Das ist mein Titel", antwortete der Prinz. „Was wünschen Sie von „Ich bin Beamter der Geheimpolizei und habe Eurer Hoheit diesen Bries vom Herrn Polizeipräfekten zu überreichen." E bi u Worten ganz überwältigt und sagte: Gutem. Auf einen Eingriff in ^.raniwortlich: vr. Kans Tbtzriot. - ®cud und Bcrlag: Brühl',che Universitäts-Buch. und Steindruckerei. Lange, Giehen. „Ein Offizier", begann Prinz Florizel, „ein mutiger und bewahrter Mann der dank seinem Verdienst, schon zu einem hohen Range auf- gestiegen war, und sich nicht nur die Bewunderung, sondern auch die Achtung der Menschen erworben hatte, besichtigte in einer für den Frieden seiner Seele unglückseligen Stunde die Sammlungen eines in- bifdien Fürsten, hier erblickte er einen Diamanten von so außen ordentlicher Grosze und Schönheit, das; er von Stund an nur noch einen einzigen Wunsch im Leben halte: Ehre, Leumund, Freundschaft, Vaterlandsliebe — alles war er zu opfern bereit um diesen Klumpen funlelnden Kristalls. Drei Jahre lantz diente er diesem halbbarbarischen Fürsten wie Jakob dem Laban diente: Er versetzte Grenzsteine: er lieh seine Mithilfe zu Morden: er verurteilte ungerechterwcisc einen Kameraden, einen Offizier, der das Unglück gehabt hatte, dem Radschah durch einige freimütige, wahre Bemerkungen zu mißfallen, und liefe ihn hinrichten. Endlich verriet er in einem Augenblick, als sein eigenes Heimatland in großer Gefahr war, eine Abteilung von Truppen und lies; sie geschlagen und zu Tausenden niedergemetzelt werden Schließlich hatte er ein ungeheures Vermögen zusammengebracht und kam mit öcm so heife begehrten Diamanten in seine Heimat zurück. „Jahre vergingen, und aus einmal ging der Diamant durch einen Unglücksfall verloren. Er gerät in die Hände eines fleißigen 3unglings von einfältigem Herzen, eines Gelehrten, eines Dieners am göttlichen Wort der gerade die ersten Schritte in einem nützlichen Berus getan und sogar schon Auszeichnungen sich erworben hatte. Auch ihn umstrickt der Zauber; er wirft alles hin: seinen heiligen Beruf, ferne Studien, und flicht mit dem Edelstein in ein fremdes Land. „Der Offizier hat einen Bruder, einen schlauen, kühnen, gewissenlosen Mann: dieser erfährt das Geheimnis des Geistlichen. Was tut er? Sagt er es seinem Bruder? Macht er der Polizei Anzeige? Nein. Auch diesem Mann hat der Satanszauber gefallen — er muß den Stein für sich selber haben. Auf die Gefahr hin, einen Mord zu begehen gibt er dem jungen Priester ein Betäubungsmittel ein und bemächtigt sich der Beute. ,, v. , Und setzt kommt durch einen Zufall, der für die moralifd)e Lehre meiner Geschichte ohne Bedeutung ist, der Edelstein aus dem Gewahr- am des Offiziers in den eines anderen Menschen; voll Entsetzen über alles, was er sieht, übergibt er den Diamanten einem hochgestellten Mann, der über jeden Vorwurf erhaben ist. „Der Offizier heißt Thomas Vandelcur", fuhr Florizel fort. ,L>en Stein nennt man den Diamanten des Radschahs. Und" — damit öffnete er plötzlich seine Hand — „hier sehen Sie.ihn vor den Augen. Der Beamte fuhr mit einem Aufschrei zurück. „Wir haben von Verderbnis gesprochen", sagte der Prinz. „Für mich ist dieser glänzende Kristall ekelhaft, wie wenn er noni Seidjen- würmern wimmelte, mir ist er entsetzlich, wie wenn er aus unschuldigem Blut zusammengeballt wäre. Ich sehe ihn hier in meiner Hand unö id) weiß, es ist Höllenfeuer, was aus ihm glüht. Ich habe Ihnen nur den hundertsten Teil seiner Geschichte erzählt; die Phantasie schaudert davor zurück, daran zu denken, was in früheren Jahrhunderten um dieses Steines willen geschah, zu was für Verbrechen und gemeinen Handlungen er [eit unendlichen Zeiten Menschen angestiftet hat. Jahre und abermals Jahre hat er getreulich den Mächten der Holle gedient. Und ich age: Genug des Blutes, genug der Schande, genug vernichteter Leben und gebrochener Freundschaften. Alles nimmt einmal ein (Enbe — das Böse wie das Gute — Pestilenz sowohl wie schöne Musik. Und dieser Diamant — Gott vergebe mir, wenn ich Unrecht tue — aber heute nacht endigt seine Herrschaft!" . Der Prinz machte eine plötzliche Bewegung mit der Hand — der Edelstein beschrieb einen strahlenden Bogen und verschwand in die aus- spritzende Flut des Stromes. „ „Amen!" sagte Florizel ernst: „ich habe einen Basilisken getötet! „Gott verzeih mir!" rief der Beamte. „Was haben Sie getan? Ich bin ein verlorener Mann!" . , . , Ich glaube", antwortete der Prinz mit einem Lächeln, „manche wohlhabende Leute in dieser Stadt möchten Sie beneiden." „Oh! Euer Hoheit!" sagte der Beamte: „so bestechen Sie mich schließlich'doch noch?" s „Wie es scheint, geht es nicht anders", antwortete Florizel. „Und jetzt wollen wir uns auf die Präfektur begeben." Nicht lange nachher wurde die Hochzeit von Francis Scrymgeour und Fräulein Vandeleur im allerengften Kreise gefeiert; der Prinz machte bei dieser Gelegenheit den Brautführer. Die beiden Vandeleurs hörten gerud)tmei(e etwas von dem Schicksal des Diamanten; ihre geschickten Taucher arbeiten im Scineftrom, bilöcn das Erstaunen und Ergötzen aller Pariser Tagediebs Allcrdings habcn sie infolge einer falschen Berechnung einen falschen Arm des Flusses sich §Jr Prinz, diese erhabene Persönlichkeit, hat jetzt seine Schuldigkeit getan und mag einen Purzelbaum in den Weltraum schlagen. Wenn jedoch der Leser darauf besteht, etwas genauer berichtet zu werden, so habe ich die Freude ihm sagen zu können, daß neuerdings eine Revolution ihn von dem Throne des Königreichs Bohem.a ge- stoßen hat; die Ursache war seine beständige Abwesenheit und absichtliche Vernachlässigung seiner Staatsgeschäfte. Seme Hoheit hat letzt in Rupert Street einen Zigarrenladen, der viel von anderen ausländischen Verbannten und Flüchtlingen besucht wird. Ick; gehe von Zeit zu Zeit hin, um eine Zigarre zu rauchen und ein bißchen mit ihm zu plaudern, und finde, daß er immer noch ein so großartiges Geschöpf ist, wie m den Tagen seines Glanzes. Er steht mit der Miene eines Olympiers hinter feinem Ladentisch; und obgleich seine sitzende Lebensweise sich an feinem Bauchumfanq bemerkbar macht, ist er alles in allem genommen | wahrscheinlich der schönste Zigarrenhändler en ganz London. Ich rcdine es mir als eine Ehre an", antwortete der Beamte, „das; Eure Hoheit sich meines Gesichtes erinnern. Vor acht Jahren hatte ich das Vergnügen einer Unterredung." . . Ein gutes Gedächtnis für Gesichter", antwortete Florizel, „gehört zu meinem Beruf so gut wie zu dem Ihren. Wirklich, wenn man es richtig betrachtet, dienen ein Fürst und ein Geheimpolizist derselben Sache: wir kämpfen beide gegen das Verbrechen; nur ist mein Rang gefahrvoller; in gewissem Sinne aber sind beide Berufe für einen nuten Menschen gleich ehrenvoll. Sie werden es vielleicht für sonderbar halten, aber id) wollte lieber ein charakterfester und geschickter Geheimpolizist sein, als ein schwacher und unedler Fürst!" Der Beamte mar von diesen ......*•---,,nh ,nn*‘' „Eure Hoheit vergelten Böses mit L—.. Ihre Rechte erwidern Sie mit der liebenswürdigsten Herab assung. Woher wissen Sie", antwortete Florizel, „ob ich nicht den Ver- ÄZÄ äff »'") geweigert noch muh bereit erklärt habe; und meine Entscheidung wird mell eicht sehr von Ihrer fdmellcn und aufrichtigen Antwort abhastgen. Soffen Sie mich Sic darauf aufmerkfam machen, Herr Beamter, das; es fi* um eine Angelegenheit von einer gewissen ernsten Bedeutung handelt. Hoheit!" sagte der Geheimpolizist bescheiden, „General Vandeleur und" sein Bruder haben die unglaubliche Kühnheit gehabt. Sie eines Dieb- tahls zu beschuldigen. Sie behaupten, der berühmte Diamant be mdet ich in Ihren Händen. Sie brauchen nur nut einem Wort zu ert aren, )aft dies nicht der Fall ist, und der Präfekt wird vollkommen zufrieden- gestellt sein. Ja, ick; gehe noch weiter: wenn Eure Hoheit einem Unterbeamten wie mir die große Ehre erweisen wollten, zu erklaren daß S e von der Sache nichts wissen, so wurde ich um die Erlaubnis bitten, ■WS! £“ü"&™ t«in » eine Kleinigkeit betrachtet, die nur ernst werden konnte roenn internationale Beziehungen im Spiel waren. Als der Beamte den Namen Vandeleur nannte, wurde dem Prinzen plötzlich die entsetzliche Wahrheit bewußt: er war nicht nur verhaftet, sondern er war schuldig. Es war nicht einfad) ein unliebfamer Zwischenfall — sondern ferne Ehre stand in Gefahr. Was follte er sagen? Was sollte er tun? Der Diamant des Radschahs war roirtlid) ein Stein der Hölle, und es hatte den Anschein, wie wenn er das letzte Opfer feiner Wirkung fein foUte. Eins war gewiß: die verlangte Versicherung konnte er dem Beamten nicht geben. Er mußte Zeit gewinnen. Sein Zaudern hatte keine Sekunde gedauert; er sagte: „ , Es fei. Wir wollen zusammen nad) der Präfektur gehen. Der Mann verbeugte fid) wieder und folgte dem Prinzen m einem ehrerbietigen 2lbftunb. . o . , Kommen Sie näher!" fugte Florizel. ,,Jch bin in der Lonne, etwa.» ZU plaudern; und da ich Sie mir jetzt richtig ansehe, kommt es Mir vor daß id) Ihnen nicht zum erstenmal begegne, wenn ich mich nicht sehr