Nummer 5H Hreitag, den 17. Juli Jahrgang 1956 ein- ihn. ver- und Karl, der Kutscher, nickte, lüstete seinen Hut und fuhr mit ländlich eleganter Wendung ab. Zehn Minuten später saßen sie aus dem Schiffchen, das außer ihnen nur nach die obere Klasse einer Mädchenschule samt Lehrerin, ein paar alte Herren mit grünen Lodenkragen und ein halbes Dutzend Marktfrauen beherbergte, und fuhren unter der Straßenbrücke hindurch zwischen grünbebuschten hohen Ufern den schmalen Kanal entlang, der aus dem hinter ihnen versinkenden See von Maldeuten in den Röthloss-See hinübersührte. Georg Ebener saß auf seinem Platz vorn an der Spitze des Schisses und hatte immer noch ein Traumgefühl. Er war gekommen, gutzumachen, und es war offenbar nichts mehr gutzumachen. Er wollte mit ihr reden, und sie redete mit ifjm; er wollte erklären; sie schien keiner Erklärung zu bedürfen. Sie erzählte, wie schön Wensdors sei, mit dem alten Herrenhaus dicht am See und dem großen Garten, der schon mehr ein Park sei und gleich in den hohen Buchenwald überginge. Jeden Morgen ginge sie zuerst schwimmen, und dann Helse sie im Haus; nachmittags könnten sie ausreiten oder auch spazierengehen in-den Groß-Bestendorfer Wald, oder hinüberfahren nach Mohrungen in das alte Nest, wo der Herder neben der Schule steht — o ja, und an den Narjensee, wo die guten Maränen herkämen. Es würde ihm sicher gefallen. Das Oberland sei so schön, mindestens so schön wie Masuren, von dem immer alle Leute redeten. Der Doktor Ebener hörte mit noch mehr Traumgefühl, daß die Schwester Regina ihn offenbar bereits als Gast in ihr Urlaubsleben schloß. Das Hütte ihn noch in Nidden beglückt; jetzt beunruhigte es Sie verhielt sich vollkommen anders, als er es erwartet hatte; das wirrte ihn so, daß er endlich einen Anlauf nahm, sich zu ihr wandte stockend begann, er sei ihr über sein Verhalten eine Erklärung Oie Fahrt nach der Ahnfrau Erzählung von Paul Fechter Copyright 1935 by Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart (Schluß.) Gerade vor dem roten Bahnhofsgebäude machte der Zug halt. Georg Ebener stieg aus, fand nach längerem Suchen einen Mann mit einer Mülle die offenbar die Stelle der Uniform vertrat, und brachte ihn nach einigem Zureden dahin, ihm seinen Koffer zum Aufbewahren abzunehmen. Dann verließ er das Stationshaus. Draußen hielt em ländlicher Kut ch- roaaen- er ging an den Pferdeköpfen vorüber um ihn herum und and sich plötzlich vor der Schwester Regina, die, von den Tieren gedeckt, neben dem Wagen stand, als hätte sie auf ihn gewartet. Sie streckte ihm die Hand hin und fragte nach feinem Gepäck. Er zückte den eben erworbenen Schein: sie gab ihn dein Kutscher, der langsam damit im Bahnhof verschwand. Als er mit dem Koffer nnebertam, äußerte er ernst: „Jejeben hab' 'ch ihn aber mischt — fer die fünf Minuten! Die Schwester Regina hatte die Zwischenzeit benutzt, um dem immer noch zu jeder Aktivität unsähigen Doktor Ebener die Möglichkeiten zu entwickeln, die vor ihnen lagen. Sie könnten, so sagte sie, mit dem Wagen jetzt nach Groß-Wensdorf fahren; das dauerte etwa drei Viertelstunden; dann waren sie unter der Obhut von Onkel und Tante, und in Gesellschaft von allem, was fonst noch da wäre. Dagegen wäre nichts einzuwenden; in einer Viertelstunde aber tarne auch das Thardener Schift, das heute gerade ginge. Mit dem könnten sie über den Rothloff-See nach Tharden fahren, nachmittags wieder zurück und sich von Karl — dieses war der Kutscher, der inzwischen stumm auf feinen Bock zuruckgeklettert war — von hier nach Wensdorf abholen lassen. Sie wolle ihn ,a, wenn er müde sei, nicht verschleppen; aber der Tag und die Fahrt seien so schön, und sie sühre so gerne Dampfer. Georg Ebener war jetzt so weit Herr seiner selbst, daß er ihr mit einer gewissen Haltung folgen konnte. Er verstand dies alles nicht: statt einer Gekränkten und eines Reuigen standen sich hier eine offenbar höchst Fröhliche und ein Mann gegenüber, der eine Situation, wie es schien, völlig falsch gesehen hatte. Er hatte sich vor dem Wiedersehen und dem Bereinigen der Lage gefürchtet: die Lage, die er sand, verwirrte ihn vollends, machte ihn unsicher und von neuem mißtrauisch, so daß er, als sie schwieg, zunächst auch die Antwort vergaß. Dann aber glitt die Wolke, in deren Schatten sie bis jetzt gestanden hatten, vorüber: helle Sonne traf sie, und die Landschaft leuchtete strahlend auf. Ein Streifen des Samrodt-Sees blinkte im Licht, und em kleines weißes Schiffchen tauchte auf feiner blauen Fläche auf. Rechnens Augen sahen ihn fast bittend an; da sagte er stockend, es wäre bann wohl bas beste, sie führen mit bem Dampfer, und ber Wagen nähme nur bas Gepäck mit. Weiter kam er nicht. Sie legte ihre Hanb auf feinen Arm, sah ihn freundlich an und schüttelte den Kopf. „Später, nicht jetzt. Bitte.' Das verstand er wieder nicht; aber er sah ihre Augen, und was darin vorging, gab ihm etwas Sicherheit. Er fühlte den Druck ihrer Hand, und das war, als ob sie das Heute bet dem Heimweg durch den abendlichen Wald anknüpfen und was dazwischen lag, auswischen wollte. Alles, was er an jenem Abend empfunden hatte, brach durch das Wirrfal ber letzten Tage. Er atmete tief auf unb empfanb eine Erleichterung wie als Junge, wenn er merkte, bah ber erwartete mütterliche Zorn über irgenbelne Untat längst verraucht war. Vor ihnen öffnete sich ber See. Bäume hingen von beiben Seiten über ben Kanal, ein grünes, schattendes Tor bilbenb, durch das hell die Fläche des Wassers blinkte. Ein paar Augenblicke später versank die schattige Welt hinter ihnen, und der große Raum voll Licht und Weite nahm sie auf. Eine Insel, von hohen Bäumen bestanden, glitt an ihnen vorüber; Felder zogen sich lichtgrün schimmernd dis an das Ufer hinab; erst in ber Ferne vor ihnen säumte Buchenwald, hell in ber Sonne leuchtend, ben heiteren See, ber sich zwischen ber hügeligen Einsamkeit seiner schwingenben Ufer in bie schweigenbe Tiefe bes sommerlichen Lcmbes zog. Das Rauschen bes Wassers hinter bem kleinen Schiff zog mit ihnen; zuweilen klang von oben bas verwehte Singen einer Lerche. Zur Rechten glitzerte bas Wasser unter ber Sonne, zur Linken lag bie Lanbschast in ber schönen, satten unb frischen Farbigkeit bes östlichen Sommers, ßanb, bas noch ßanb, unberührt unb ungeformt unter feinem eigenen Gesetz für sich bahinlebte. Georg Ebener empfanb allmählich bies Gleiten burch bie frembe Welt wie ein Glück, bas zum erstenmal zu ihm kam. Was schwer war, war hinter ihm versunken; ber Rest lag auf bem Bahnhof in Malbeuten. Er faß in ber warmen Junisonne, bie nur zuweilen eine flüchtig gleitenbe Wolke für Augenblicke verhüllte; er fuhr über ben schweigenden See, bem kein Haus, kein Schiff, kein Boot feine Unberührtheit nahm. Neben ihm saß das Mädchen, hinter dem er diese letzten Tage mit einem schlechten Gewissen hergefahren war, und wollte nichts von feinem schlechten Gewissen hören. Zuweilen lächelte sie, wies auf einen Raubvogel über dem Wald, auf einen weißbefleckten Reiherhorst hoch im Wipfel eines Baumes; es war, als hätten sie, obwohl getrennt, in diesen Tagen soviel neue, gemeinsame Vergangenheit erworben, daß sie sogar schon miteinander schweigen konnten. Einmal wandte sie sich lebhaft zu ihm: das hätte sie fast vergessen — sie hätte inzwischen festgestellt, daß die Urgroßmutter Regina tatsächlich in Insterburg und nicht in Neidenburg geboren sei: die Eltern wären gerade zu einer Hochzeit unterwegs gewesen. Das stimmte also. Georg Ebener mußte eine ganze Weile Nachdenken, so sehr war ihm Regina Katharina hinter Regina Müller verschwunden. Erst bann bebanfte er sich: es tarn ihm kaum zum Bewußtsein, baß er eigentlich um biefer Auskunft willen seine ganze Reise unternommen hatte. Nach einer Weile bog ber kleine Dampfer scharf nach links auf bas Walbufer zu. Der Doktor suchte eine Anlegestelle ober eine Einfahrt: er fanb beibe nicht. Erst als sie bicht an ber Wand des Waldes waren, tat sich ein schmaler Wasserweg, kaum breiter als der Dampfer, auf, in den das Schiffchen langsam hineinfuhr. Aus dem Hellen Tag tarnen sie in grünes Dämmern; Buchen überwölbten die Fahrstraße, Büsche neigten sich von den Seiten bis fast auf ben Dampfer: sie fuhren mitten burch ben Walb, mit bem Gefühl, baß bas Schift hier eigentlich gar nichts zu suchen hätte. Die Schwester Regina unterrichtete ben Doktor Ebener bahin, baß bies ber Duz-Kanal sei. Seine Frage, woher ber seltsame Name tarne, wußte sie nicht zu beantworten. Aber ber Kapitän bes Schiffes machte gleich barauf wenigstens ben Versuch einer Deutung. Er hielt ber Mäbchentlasse einen lauten Vortrag, biefer Kanal hieße barum ber Duz-Kanal, weil, solange man auf ihm fahre, alle Passagiere bes Schiffes sich buzen müßten. Sie sollten nur bei ihm ben Anfang machen: er heiße Emil unb wolle gern wissen, wie ihre Frau ßehrerin heiße. Die Mäbchen schrien vor Vergnügen burrfjeinanber, unb bie Lehrerin würbe rot. , t , „Also sag, wie heißt bu?" roanbte ber junge blonbe Mensch sich grinfenb birett an sie. Die Mäbchen schrien noch lauter; als bie Lehrerin roieber feine Antwort gab, tlang von hinten eine hohe, ein bißchen scharfe Stimme: „Martha heißt se." „Also Martha", lachte ber Schifssführer breit unb behaglich, „sag mal, Martha, wie alt bist bu eigentlich?" ,,, _. Der Doktor Ebener verzog bas Gesicht; er liebte so etwas nicht. Die Schwester aber lachte; bas sei nicht böse gemeint, unb bie Leute hätten immer ihren Spaß an ber Kanalfahrt. Außerbem sei es gleich zu Ende, sobald sie roieber im Freien wären. Es bauerte nicht lange, ba blieb ber Walb ebenso plötzlich, wie er begonnen hatte, zurück — ein neuer See tat sich auf, ber Bcirting-See. Seine Ufer waren noch freier als die bes schmaleren Rökhlofs-Sees; nur Siebener ^amilieiiblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger zur Rechten geleitete dunkler Wald die breite Bahn des Wassers, und mitten im See tagen, von noch höheren Bäumen überragt, ein paar Inseln. Es war, als ob die Farben hier noch tiefer, kräftiger waren: ein Dorf winkte mit roten Dächern von der Höhe des Ufers herüber, hell von der Sonne beglänzt: der Wald lag tiefdunkel, und über die Kornfelder, die sich bis zum Uferhang hinzogen, ging der leichte Wind, so daß die Schattenwellen in langem, langsamem Zug über das lichte Grün dahinliefen. Regina atmete tief. „Das ist so schön an dem Land hier, daß alles so weit und groß ist, viel größer als im Reich. Ich war voriges Jahr in Thüringen: ich hab' immer das Gefühl gehabt, ich müßt' auf die Berge rauf, damit ich mal wieder weit sehen könnte. Aber richtig weit, so wie hier, waren auch die Aussichten nicht. Erst in der Rhön, auf der Wafserkuppe wurd's besser. Da zu fliegen ist ebenso schön wie am Predin." Und dann berichtete sie, daß sie mit einem jungen Vetter, dem Sohn des Wensdorser Onkels, zu den Flugtagen gefahren wäre. Der fei jetzt in Rofsitten; sie hätte ihn am Abend in Nidden getroffen, und sie feien zufammen nach Wensdorf gefahren. Heute abend müßte er aber schon wieder zurück; der Doktor würde ihn infolgedessen wahrscheinlich nicht mehr treffen. Georg Ebener fühlte, wie er rot wurde. Er warf einen hastigen Blick auf die Schwester; aber die sah ruhig geradeaus, die blanke Fläche des Sees entlang, als ob nicht die leiseste Absicht in ihrer Erzählung läge. Nur fern um die Mundwinkel schien eine ganz kleine Heiterkeit zu zucken. Der Doktor setzte zum Sprechen an, wollte den Faden aufnehmen; da hab sie den Kopf und wies geradeaus: „Sehen Sie, da ist schon Tharden — dort ist die Landungsbrücke." Eine halbe Stunde später legte der kleine Dampfer an, und sie wanderten unter den riesenhaften hohen Eichenbäumen dahin, die wie ein heiliger Hain mit ihrem noch ganz jungen, rötlich-lichten Grün die Ankommenden empfingen, und weiter den sandigen Weg durch den Wald nach Tharden. Sie saßen auf der Veranda des alten Wirtshauses, und der Doktor holte das versäumte Mittagessen nach, wobei die Schwester sich Vorwürfe machte, daß sie nicht früher daran gedacht hätte. Sie gingen zu dem verwachsenen Thardener See, vorüber an ruhenden, wiederkäuenden Kühen, die mit großen, langsamen Augen groß und ruhig zu ihnen aufsahen. Sie ließen sich eine Weile am Walde in der milden Sonne nieder und kehrten schließlich zum Bärting-See zurück. Ein weidenbestandener Landweg führte vom Bahnhof am Außenrand des schmalen Waldstreifens entlang, der den See hier einfaßte: sie gingen auf dem Fußweg am Rande der hohen Roggenfelder und sahen den See im Licht der sinkenden Sonne durch das Laubgewirr heraufleuchten. Der Duft des Landes war um sie und feine Weite, gleitender Schwalbenflug und das fröhliche Schlagen der Finken — und sie sprachen vom Osten und vom Westen, von ärztlichen Dingen und von dem Professor in Insterburg. Nur von dem, was dem Doktor immer wieder durch den Kopf ging, sprachen sie nicht. Sie sprachen auch nicht davon, als sie wieder auf dem noch leerer gewordenen Dampfer faßen und in den Hellen Abend fuhren, gegen die Sonne, die schon tiefer über dem Walde hing. Georg Ebener hatte es aufgegeben, sich zu rechtfertigen, solange das Helle Licht des Tages um sie war. Er wartete auf den Abend, von dem er Lösung und Befreiung von dem Druck erhoffte, unter dem er immer noch durch die strahlende Sonnenwelt des Hohen Landes zwischen den Seen fuhr. Und langsam sank das Licht, lieber dem Duz-Kanal lag schon grüne Dämmerung, und als das Schiff wieder ins Freie kam, brannte über dem Waldhang drüben am andern Ufer des Röthloff-Sees schon die Glut des Abends, in der die Sonne sank. Das Wasser leuchtete in funkelndem Gelb, in bas dunkel die Wellen des Dampfers, des Himmels lichtes Blau spiegelnd, schnitten. Einsamkeit begann zu steigen und dem Land ringsum noch mehr Größe und Stolz und Schönheit zu geben. Da nannte die Schwester Regina auf einmal den Namen des Pfarrers Malletke. Ihr Bruder aus Zoppot hätte ihn getroffen. „Sie waren doch jetzt auch in Danzig bei ihm", fetzte sie harmlos hinzu. Der Doktor zuckte zusammen und sah sie fragend an. Sie hielt seinen Blick fest, wurde ein klein wenig rot — es konnte auch von der Sonne kommen — und sagte dann mit einem Lächeln: „Er hat mir doch alles geschrieben: Da war Georg Ebener, als glühe die Sonne drüben noch einmal so hell auf, aus strahle der nahe Wald allen Glanz von Frühling und Sommxr und Herbst auf einmal in das sinkende Licht des Iunitags. Er wollte reden und war doch klug genug, nur vorsichtig feine Hand auf eine schmale, feste andere Hand zu legen, die neben ihm auf der Bank ruhte, und statt der Worte ein Paar Augen zu suchen, die in ihrem ruhigen, offenen Blick alle Schönheit des Tages und der Welt für ihn noch einmal viel schöner spiegelten. „Nun brauche ich nicht mehr nach Danzig zum Jüngsten Gericht", sagte die Schwester, als sie durch den kühlen Schatten der abendlichen Insel glitten. „Die Ahnfrau Regina hat ihre Ruhe und der Pfarrer auch." „Wieso der Pfarrer?" Sie lachte: „Er schrieb, er hätte auch etwas gutzumachen für seine Vorfahren. Seine Urgroßmutter habe doch um den Irrtum des alten Johann Benedikt Ebener gewußt, und daß es ein Irrtum war, und habe nichts getan, um Regina Katharina Müller zu helfen. Da müsse er nun versuchen, fo gut er’s könnte, der heutigen Regina zu helfen. Darum hätte er geschrieben, und darum hätte er — ach was — dich hcrgeschickt." * Die „Preußen" machte vorn Zoppoter Seesteg los. Regina Müller stand am Land in der ersten Reihe, Georg Ebener stand oben auf dem Schiff und sah hinab in ihre Augen. „In acht Tagen", rief er. Sie nickte mit einem schönen, strahlenden Gesicht, ohne alle Falten in der Stirn. Langsam glitt der Dampfer vom Land, langsam wurde der Abstand zwischen den beiden größer und größer. Sie regten sich nicht, standen Blick in Blick, als ob sie miteinander verbunden wären und als ob es keine Trennung für sie gäbe. Als das Schiff zu wenden begann, blieb Regina noch eine Weile ruhig stehen, winkte nicht, sondern nickte, ohne den Blick von ihm zu lösen, ein paarmal leicht mit dem Kopfe. Erst als sie feine Augen verlor und nicht wieder fassen konnte, wandte sie sich langsam ab und verschwand in der Menge. Der Mann auf dem Schiss suchte noch lange die Helle Gestalt am Steg — mit erheblich anderen Gefühlen als damals, da er von Nidden abfuhr und, solange er konnte, den weißen Vorhang des Eckfensters mit den Augen festhielt Als er nichts Einzelnes mehr unterscheiden konnte, löste er seinen Blick vom Steg und nahm Abschied vom Lande, von den besonnten Höhen über der Bucht, die blaß im Nachmittagslicht standen, von dem schmalen Küstenstreif auf Danzig und die Nehrung zu, der in Hellen Farben rings um den kleinen, im Blau ver- schwebenden Stumpf der Marienkirche lag — von der See, die sich ostwärts dunkel ins Freie weitete. Ein einsamer Dampfer zog fern mit lang hinwehender Rauchfahne nordwärts, auf Riga, auf Stockholm, auf Helsingfors zu. Der Doktor folgte ihm mit den Augen; da schob sich vom Lande her ein kleines Boot in fein Blickfeld. Es war ein Motorboot, das hell von der Sonne beschienen weitab von dem Dampfer durch das Blau des Wassers glitt — und auf einmal war ihm, als schwebte hinter dem Boot, über die Wellen tanzend, der Schimmer einer leichten Gestalt. Es mochte nur ein Widerschein des Lichts über der See fein, ein Blitzen über dem weißen Auffchäumen des Wassers, wenn das Boot schneller anzog; wie eine Vision zog es dahin, fern über die See, und Georg Ebener folgte ihm mit feinem Blick und mit feiner ganzen Seele, obwohl er als Mediziner gar nicht an eine Seele glaubte. In feinen Ohren klang der Iubelruf des Morgens, mit dem ihn das Land hier am Tor des neuen Lebens zuerst gegrüßt hatte, klang die Erinnerung an feinen eigenen Ruf in Brandung und Sturm, in dem er feine tote, alte Welt von sich geworfen hatte. Die beiden Rufe gingen in einen zusammen, der wie ein sehnsüchtiger Klang über dem Rauschen der Wellen und dem dunkeln Herztakt des Schisses blieb, während fern und klein das helle Boot im Spätnachmittagslicht über der See entschwebte. Am Tag nach seiner Rückkehr lud der Doktor Ebener den Leutnant Ebener abends zu Gast. Er ries auch seine Schwester an, die, mit einem Bankier verheiratet, in Dahlem lebte und - die er oft lange Zeit nicht sah, weil die Verschiedenheit der Arbeit und der Lebensformen Begegnungen erschwerte. Sie versprach zu kommen; ihr Mann fei verreist, und sie freute sich, wieder einmal feststellen zu können, daß der Herr Bruder noch am Leben sei. Georg Ebener fand sich etwas vor der festgesetzten Zeit ein, besprach Speisenfolge und Weine mit dem Kellner, und als die Geschwister kamen, setzte er ihnen ein Mahl vor, kredenzte ihnen einen Wein, der den jugendlichen Vertreter der Reichswehr ausblicken und die Frage stellen ließ, was in aller Welt denn Besonderes geschehen sei. Die Schwester, dem Alter nach zwischen den Brüdern stehend, lächelte nur. Georg Ebener schwieg, aß und trank. Dann erst berichtete er von der erfolgreichen Ahnensuche und fügte etwas knapper und nicht mit allen Einzelheiten eine Schilderung der weiteren Ereignisse und Ergebnisse seiner Fahrt hinzu. „Also dazu bist du nach Ostland geritten", sagte der Leutnant. Georg Ebener lachte. „Dazu eigentlich nicht. Du hast ja selbst energisch zugeredet — wegen der richtigen Urgroßmutter." Die Schwester überging die Urahne: sie wollte mehr von Regina Müller, ihrem Aussehen und Wesen, ihrer Familie erfahren. Der Doktor zückte eine Photographie, der er mitgenommen hatte, und berichtete. Der Leutnant machte seine jungen Zwischenbemerkungen; es ergab sich jene durch Spannungen nicht getrübte Atmosphäre des Zusammenseins, wie sie sich nur zwischen Geschwistern sehr verschiedener Lebenskreise zu entwickeln pflegt. Es waren außer ihnen nur wenige Gäste in der andern Hälfte des Raumes: die Rosen, die der Doktor für die Schwester mitgebracht hatte, standen auf dem Tisch und mischten ihren leichten Duft in den Zigarettenrauch des Leutnants. Das Gespräch glitt, vom Wein gehoben, leicht über den menschlichen Dingen dahin, ohne die Bereiche des allgemeinen Lebens zu verlassen. „Nun ist also das Rätsel der Ahnfrau gelöst", sagte der Leutnant nach einem Schweigen, das unbemerkt aufgestiegen war. Der Doktor lächelter „Und das des Ahnherrn auch. Die heutige Ahnensuche hat für die Vergangenheit entschieden ihr Gutes." Der Leutnant fragte, ob er damit meine, daß durch fo eine nachträgliche Aufklärung etwas wie Ordnung auch in die fchon weit zurückliegenden Familienverhältnisse käme. Georg Ebener nickte: Ja, so wäre es wohl. Dieses Aufhellen und Feststellen fei beinahe so etwas wie eine nachträgliche Lösung alter Verwirrungen und damit eine Art von Erlösung der Ahnen. „Dann hast du also mit dem, was du dort im Osten erlebt und von dort mitgebracht hast, die alten Herrschaften von der Last ihrer Sünden befreit und fromm zur ewigen Ruhe gebracht?" lachte der Leutnant. Der Doktor nickte: Das könne wohl sein. Die Schwester aber roch nachdenklich an der Rose, die sie neben ihrem Gedeck behalten hatte: „Meinst du das wirklich?" Georg Ebener sah erstaunt auf. Gewiß meine er das. Sie betrachtete versonnen die Blüte, die sie in der Hand hielt. Das Licht fiel auf ihr dunkles Haar, durch das sich da und dort schon ein paar graue Fäden zogen. Dann hob sie den Blick zu ihm: „Glaubst du nicht, daß auch die Alten ihr Leben mit seinen Nöten und Schwierigkeiten leben mußten, um dir zu helfen — sozusagen um dich und das Mädchen zu erlösen?" 1 als Jelle 1 zu agen und am dden Ilers Iben mir, ag5= le!|= Der» sich ern •ot-- bt war dem war M- chis des iljin, Slict 1 an |ens, irüfet Jung lalle, tiger des iach- nant nem richt Be- «r» der be- Ge- nen die fei. eite । on nif ix-- gtna rttor itete. sich men1 jene* i i in I die i hren I > die iant fige ad)1 । 5 i S uni neben Ja« : n ei*1 1 lauiff - #»*«* I d i°- ‘ Der Bruder machte ein Gesicht, dem man deutlich ansah, daß er dem weiblichen Gedanken- und Gefühlsgang nicht völlig folgen konnte. Der Leutnant schüttelte ehrlich den Kopf; das sei ihm zu hoch. Die Schwester hatte di- Rose fortgelegt und schob mit dem Finger [nnafam ein paar Brotkrllmchen zu einem Stern zusammen: „Denk mal nach - dein Leben und das Johann Benedikt Ebeners und ferner Frau Regina Katharina stehen sich doch nicht nur so gegenüber, daß hu hurdi deine erfolgreiche Ahnensuche und dem — entschuldige — vernünftigeres Verhalten in einer ähnlichen Situation die Verknotungen im Leben der Alten nachträglich entwirrt hättest. Es ist doch auch so daß du deine Sache nur richtig lösen konntest, weil die Ahnen dir die falsche Lösung und ihre Folgen vorgelebt hatten." „Erlaube mal", sagte der Doktor. Der Leutnant schüttelte stumm den Kopf. Die Schwester hob beruhigend die Hand: „Ich will deine Berdienste um die Erforschung unseres Stammbaums so wenig schmälern, wie die größere Richtigkeit deines Verhaltens gegen das Mädchen bestreiten. Aber sag mal selbst: Wären Johann Benedikt und seine wilde Eifersucht gegen Regina Katharina nicht gewesen, hätte dann der Pfarrer — er muß übrigens ein reizender Mann fein — auch an deine Regina geschrieben?" r ___ „ ..... Das Gesicht des Doktors bekam einen nachdenkliches Zug: er schüttelte langsam den Kopf. „Siehst du", fuhr sie fort und hob wieder die Rose. „Wahrscheinlich hätte er dir auch nicht so energisch den Kopf zu- rechtgesetzt, und ohne das — ach mein Lieber, ich kenne dich doch — ohne das wärest du bestimmt nicht noch einmal zu ihr hingefahren." Der Doktor gab zu, daß sie recht haben könnte. In den Zügen des Leutnants hämmerte erstes Verstehen. „Darum aber meine ich, nicht du allein hast das, was die Vorfahren falsch gelebt hatten, zurechtgelebt: ich glaube, sie haben auch ihr Teil dazu beitragen müssen, daß du dein Leben nicht wieder ebenso falsch anlegtest wie sie das ihre. Die Gegenwart sieht leicht ein bißchen auf die Vergangenheit herab; aber die Zeiten hängen wohl viel tiefer zusammen; ich kann das nicht so ausdrücken." „Du brauchst es auch nicht", sagte der Bruder und hob sein Glas. „Es ist gut, daß es unter den Ebeners auch Frauen gibt. Sonst müßten wir uns alles von den Malletkes klarmachen lassen. Der Pfarrer wird an dir sowieso seine Freude haben. Du wirst ihn ja vald kennenlernen." Abendlied. Von Matthias Elaudius. Der Mond ist aufgegangen, Die golbnen Sternlein prangen Am Himmel hell und klar; Der Wald steht schwarz und schweige Und aus den Wiesen steiget Der weiße Nebel wunderbar. Wie ist die Welt so stille Und in der Dämmrung Hülle So traulich und so hold! Als eine stille Kammer, Wo ihr des Tages Jammer Verschlafen und vergessen sollt. Seht ihr den Mond dort stehen? — Er ist nur halb zu sehen. Und ist doch rund und schön! So sind wohl manche Sachen, Die wir getrost belachen, Weil unsre Augen sie nicht sehn. Wir stolze Menschenkinder Sind eitel arme Sünder, Und wissen gar nicht viel; Wir spinnen Luftgespinste Und suchen viele Künste Und kommen weiter von dem Ziel. Gott, laß uns dein Heil schauen, Auf nichts Vergänglichs trauen. Nicht Eitelkeit uns freun! Laß uns einfältig werden. Und vor dir hier auf Erden Wie Kinder fromm und fröhlich (ein! Wollft endlich fonder Grämen Aus dieser Welt uns nehmen Durch einen sanften Tod! Und wenn du uns genommen, Laß uns in Himmel kommen, Du unfer Herr und unser Gott! So legt euch denn, ihr Brüder, In Gottes Namen nieder; Kalt ist der Abendhauch. Verschon uns, Gott, mit Strafen, Und laß uns ruhig schlafen. Und unfern kranken Nachbar auch. ßin Freund konnni zu Besuch. Von Ernst Kreuder. Es ist noch fünf Minuten bis vier. Um vier wird der Zug kommen und auf den Geleisen halten, und bann werben Überall Türen aufgehen unb Leute aussteigen, und dann wird er Richard Wiedersehen. Ferdinand geht aus der kleinen Bahnsteighalle hinaus in den warmen Sonnenschein, neben den Geleisen wächst spärliches Gras, hier und da blüht ein Löwenzahn. Es sind nur ganz wenig Leute da, die mit dem Zug hinunter nach Heidelberg fahren wollen. Der Dorfbahnhof liegt ziemlich hoch, man kann von hier aus weit über bas ausgebreitete Dorf mit ben vielen hohen Bäumen, mit ben beiben spitzen Kirchtürmen nach ben Höhen hinübersehen. Dort oben wohne ich also, bentt Ferbinand, ganz bort oben habe ich mich also niedergelassen. Es ist ein warmer Nachmittag. Es liegt ein goldener Schimmer in der Lust, und über den sonst geschwungenen braunen Höhen ist die Lust aus einmal blau wie Vergißmeinnicht. Das sind die Felder des Himmels. Ferdinand macht kehrt und geht wieder neben den blanken, gleißenden Stahlschienen langsam zurück. Jetzt ist es auf der großen Uhr unter der Halle eine Minute vor vier. Mit jeder Sekunde kann der Zug m der Biegung vor den kleinen fernen Welldlechschuppen austauchen, und Ferdinand spürt, wie plötzlich alle Friedlichkeit ringsum für ihn verloren geht, der stille, sandige, nachmittägliche leere Bahnsteig verwandelt sich aus feinem gleichmütigen, zeitlosen, schicksallosen Dahindämmern, aus seiner über onnten, dörflichen Vergessenheit in eine erwartungsvolle, ankunstsbereite Festigkeit. Er wacht auf, als das ferne Bodenerzittern beginnt, er besinnt sich, und bann wirb er mit Donnergetöfe, Dampfgebraus, mit dröhnender Wucht unb herzbeklemmenbem Erbeben übertumpelt. Völlig klar ftanb er ba, als ber Zug bicht neben ihm anftürmte unb feine Wucht verlangsamte, unb plötzlich hielt, als wäre alle Kraft unb Wildheit von ihm gewichen. Türen flogen auf, ein Karren mit Süden unb Kisten würbe vorbeigezogen, mit Körben unb Paketen, ein Postschaffner mit bem Briefbeutel eilte vorüber, bas Dorf liegt still unb trdumenb ba im Nachmittagsgvld, unverrückbar ruhen bie weich geschwungenen braunen Hügel vor ben vergißmeinnichtblauen Weihern bes Himmels, still blüht der Löwenzahn längst den Geleisen, nur auf dem kleinen, sandigen, überrumpelten Bahnsteig herrscht eine übertriebene, unnatürliche, gleichsam geronnene Unrast. Eine Minute Aufenthalt... Ferdinand wirft die an- gerauchte Zigarette fort, sieht, wie vorn der Kinderwagen eilig in ben Zug gehoben wirb, er erlebt bie ganze getriebene, wie traumverstrickte, gepreßte schwere Hast biefer Aufenthaltsminute mit, bann hat er ben hut- schwenkenben, lächelnden großen jungen Mann erkannt, und in diesem Augenblick Haden Zug unb Bahnsteig ihre erbrüctenbe Macht verloren, sie finb zu schemenhaften Unbeteiligten herabgesunken, unb eine völlig neue, erlöfenb weite, branglose Zeit beginnt. Die Freunde gehen sich entgegen, der Angekommene hat noch bie Luft ber langen Reisestunden um sich, die Warte- unb Sitzgeduld auf ber Abteilbank, im Blick bas unausgesetzte Hinausspähen in bie sich immer erneuernbe, fremb vorbeiziehenbe Land- fdiaft, unb Ferbinanb fühlt sich jetzt einen Augenblick arm unb unscheinbar, namenlos unb unbebeutenb, obwohl ihn die Wiedersehensfreude mächtig erwärmt. „Da bist du also, Richard!" sagte er, „gute Reise gehabt?" Sie haben sich lange nicht gesehen, was soll man in einem solchen Augenblick sagen k Sie sehen sich lächelnd an, forschen lächelnd in des anderen Gesicht nun sind sie wohl beide erleichtert, unbemerkt rollt ber Zug bavon, schlaft der Bahnsteig in der Sonne ein, verschwinden die Ausgestiegenen. Ferdinand nimmt dem Freund den Koffer ab, unb nun, ba er ben ziemlich schweren Koffer trägt, verwirklicht sich bas Wiedersehen immer mehr, rückt die Zusammenkunft näher. Sie gehen nebeneinander durch die Sperre hinunter auf die Dorfstraße, Richard ist viel zu verwundert, um zu reden, er muh sich immerzu umsehen, es ist alles neu und fremd für ihn, er ist zum ersten Male in dieser lieblichen Odenwaldgegend, und Ferdinand ist immer noch ganz betroffen, er findet nicht ein vernünftiges Wort, und fo fragt er höchstens, ob ber Freunb hungrig sei ober Durst habe. „Du hast schönes Wetter mitgebracht", sagt er noch, „unb wann bist bu eigentlich in Nürnberg abgefahren?" Nachmittägliche, burchsonnte Stille liegt in ben Hellen Dorfstraßen, Richarb finbet, baß es hier so viele schöne alte Mauern gibt, unb so sieht auch Ferbinanb bie bemoosten alten Mauern roieber an, unb plötzlich ist er mübe Er stellt ben Koffer hin, sieht Richarb etwas streng an, lächelt unb sagt: „Meinst bu nicht auch, daß mir uns erst einen Augenblick hinsetzen könnten? Es ist noch eine gute Dreiviertelstunbe bis zu mir hinaus." Sie treten burch eine Penbeltür in einen kühlen Hausflur. Ferbinanb öffnet bie Tür zur Gaststube, an bem großen, runben Tisch in ber Mitte sißen brei ältere Dorfbewohner im Gespräch, einfache, werktägig gekleidete Männer. Er geht auf den weißen, blankgescheuerten Tisch in ber Ecke zu, stellt ben Koffer hin, hängt ben Hut an ben Haken, ruft bem Wirt hinüber, ber hinter bem blankgeputzten Büfett steht, baß sie einen Korn trinken, unb nimmt bann neben Richarb Platz. Da sitzen sie nun unter ber nichtigen, rauchblinben Decke, bie Arme auf ben Tisch gelegt, lächeln unb schauen sich an. Der Wirt, in Weste unb Hembsärmeln, stellt zwei bickwanbige, gefüllte Schnapsgläser vor sie hm. „Wohl betomm’s!" „Also", sagt Ferbinanb unb hebt sein Glas, „jetzt bist bu also hier, Richarb. Willkommen unb auf bein Wohl!" Richarb lächelt sein breites, herzliches, das ganze, große Gesicht füllende, stille Lächeln, er ist immer noch nicht ganz hier, und fo trinken sie sich zu. Der Korn ist mild und läuft weich über die Zunge, erst im Magen fangt er langsam zu wärmen und zu brennen an, und in seinem leichten, ätherischen Feuer schmilzt allmählich die letzte, fremde Betroffenheit des Wiedersehens. „Wie lange haben wir uns eigentlich nicht mehr gesehen?" fragt Ferdinand, obwohl er es ungefähr weiß. „Als du das letzte Mal in Nürnberg warft", sagt Richard, ungläubig lächelnd, „das war vor anderthalb Jahren." Anderthalb Jahre, denkt Ferdinand, und so wird er plötzlich vor eine Rechenschaft gestellt. Eine lange Zeit, wie habe ich sie verbracht, wo ist sie hingekommen? Unwiederbringlich. So gehen also doch die Jahre herum, und da er noch jung ist, denkt er, daß das Leben noch viele anderhalb Jahre haben wird, und jetzt ist er mit einem Freund zusammen, und diese Stunden zählen mehr, sind unendlich erhöht, in den Schmerzen des Abholens geboren. Eine wilde, schwärmerische Freude erfaßt ihn, jetzt werden sie sich endlich wieder einmal erzählen, wozu man in Briefen nicht die Zeit und nicht die Geduld hat, jetzt werden sie vom Leben reden, wie es mit ihnen umgegangen ist, was es ihnen geschenkt und geraubt, gespendet und entrissen, zugeteilt und abgerungen hat, und sie werden kein Blatt vor den Mund nehmen und sich gar nichts vormachen, nichts beschönigen und nichts verschweigen. Und da es sich so geborgen und heimelig hier sitzen läßt, werden sie jetzt noch ein Glas frisches Bier mit einem schönen, dicken, weißen Schaum drauf trinken. „Wart' noch einen Augenblick mit dem Bestellen", sagt Richard, „ich hab' dir nämlich etwas aus Nürnberg mitgebracht." Er beugt sich zu dem großen braunen Koffer hinab, läßt die beiden Schnappscharniere springen und wühlt dann eine Weile in Wäschestücken und Anzügen herum, bis er einen in Papier eingeschlagenen schweren Gegenstand zum Borschein bringt. Ferdinand löst die Hülle und hält einen mattgrauen, steinernen Maß- krug in der Hand. Das ist eine wirkliche Ueberraschung. Er dankt dem Freund herzlich, streicht mit der Hand über die glatte Fläche des irdenen, glasierten Kruges, und die frühen, beschwingten Münchener Jahre fallen ihm ein, die Sommerabyide auf den Bierkellern draußen an der Theresien- wiese, unter dem dichten, würzigen Laub der mächtigen Kastanien, die unwiederbringlichen Jahre der verlorenen Hoffnungen und der vergessenen Xrüume —, dann gibt er den Krug an den Wirt weiter, wo er gespült und bis zum Rande mit frischem Bier gefüllt wird. Und nun trinken sie beide aus dem Krug, aus dem das Bier milder und duftiger schmeckt, ihre Wangen röten sich, ihre Gedanken werden lebhafter und ihre Zungen, nun ist ihr Wiedersehen feierlich besiegelt, die Ankunft des Freundes glorreich beendet, er ist nun endgültig abgeholt und ausgenommen worden. Vier Tage oder fünf wird er bleiben, und dann werden sie eines Nachmittags wieder auf jenem Bahnsteig stehen, die Uhr wird vorrücken, dort wo der Löwenzahn blüht und die Geleise in die Ferne lausen, und dann wird das Donnern des Zuges in der Luft sein—, aber daran wird Ferdinand jetzt nicht denken, sondern er wird den Koffer wieder tragen und den Freund endlich nach Hause bringen, wo seine Frau mit dem dampfenden Kaffee und der frischen, knusperigen Obsttorte schon lange auf sie wartet. 60 Jahre Boyreucher Festpreis. Bon Herbert Günther. In diesem Jahre finden die Bayreuther Festspiele mit Rücksicht auf die XI. Olympischen Spiele in zwei Abschnitten vom 19. bis 30. Juli und vom 18. bis 31. August statt. Zur Aufführung kommen „Lohengrin", „Parsifal" und „Der Ring des Nibelungen". In den vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts reichte Richard Wagner als Hofkapellmeister zu Dresden dem sächsischen Ministerium eine Denkschrift über die künstlerische Reorganisation des Theaters ein. In seiner anschließenden Schweizer Verbannung will seine Schrift „Ein Theater in Zürich" reformatorisch wirken. Inzwischen ist ihm im damals üblichen Schlendrian des alltäglichen Opernbetriebes bereits der Fest- spielgedanke gekommen. 1850 schreibt Wagner schon an Uhlig, wenn er 10 000 Taler hätte, würde er „auf einer schönen Wiese bei der Stadt von Brett und Balken ein rohes Theater" nach seinem Plan Herstellen — nur mit Dekoration und Maschinen für den „Siegfried". Orchester und Publikum sollen aus ganz Deutschland geladen werden, „und ist alles in gehöriger Ordnung, so lasse ich dann unter diesen Umständen drei Aufführungen des „Siegfried" in einer Woche stattfinden: nach der dritten wird das Theater eingerissen und meine Partitur verbrannt. Den Leuten, denen die Sache gefallen hat, sage ich dann: nun macht's auch sol Wollen sie auch von mir wieder einmal etwas Neues hören, so jage ich aber: schießt ihr das Geld zusammen!" Die Idee des Festspiels gewinnt festere Form durch die Entstehung des „Ringes des Nibelunge n", mit dem sie unlösbar zusammenhängt. Ende 1851 kündigt Wagner in seiner „Mitteilung an meine Freunde" öffentlich seine Absicht an, „an einem eigens dazu bestimmten Feste mit einem Vorabende jene drei Dramen nebst dem Vorspiele aufzuführen". Und 1852 teilt er Liszt mit: „Ich kann mir unter meiner Zuhörerschaft nur eine Versammlung von Freunden denken, die zu dem Zwecke des Bekanntwerdens mit meinem Werke eigens irgendwo zusammenkommen, am liebsten in irgendeiner schönen Einöde, fern von dem Qualm und dem Jndustriegeruche unserer städtischen Zivilisation". In Weimar versucht Franz Liszt, seinem Freunde dieses Festtheater zu schaffen, in München danach König Ludwig II. Dort vereitelt es der Hof, hier die Bürgerschaft. 1863 muß Wagner sich zur öffentlichen Ausgabe des „Ringes" entschließen. Sein Vorwort bezeichnet genau die Eigenschaften der Festspiel-Aufführung von später: die sommerliche Spielzeit mit Wiederholungen, der amphitheatralische Zuschauer- raum, das verdeckte Orchester, das übrigens endlich eine Forderung Goethes erfüllt, der „durch die mechanischen Bemühungen und durch die notdürftigen, immer seltsamen Gebärden der Jnstrumentenspieler so sehr zerstreut und verwirrt" wurde. Mitwirkende wie Zuschauer sollen, unbeansprucht durch irgendeine andere Beschäftigung, zur Andacht gestimmt werden. 1870 besinnt sich Wagner auf eine Wanderfahrt, die seine Schritte 1835 durch das Fichtelgebirge nach Bayreuth lenkte. Frau Cosima — nach langen Kämpfen ihm gerade angetraut — ahnt eine besondere Bedeutung hinter dieser Erinnerung, liest mit Wagner sogleich nach, was im Lexikon über Bayreuth steht, und sie bedenken alle Möglichkeiten. 1871 besucht Wagner zweimal die Markgrafen-Residenz im Herzen Frankens. Verhandlungen mit den Behörden verlausen günstig, und auf dem grünen Hügel über der Stadt spricht der Meister seinen Entschluß aus: „Nirgendwo anders, denn hier". Ende April 1872 übersiedelt Familie Wagner nach Bayreuth. Sommers wohnt sie in einem kleinen Hotel beim nahen Schlößchen Fantaisie, winters an der Dammallee. Am 22. Mai 1872, Wagners 59. Geburtstage, findet die Grundsteinlegung des Festspiel- hauses statt, gekrönt durch eine Aufführung von Beethovens IX. Symphonie in dem prachtvollen barocken Opernhaus unter* Wagners Leitung. Zu dieser Zeit ist weder das Spiel gesichert, noch der „Ring" vollendet. 1874 kann Wagner in sein Haus Wanfried einziehen, das ihm König Ludwig II. baute. 1875 beginnen die Proben mit einer bis dahin ungekannten Besetzung von 70 Saiteninstrumenten, nachdem ihm das Unternehmen noch 1874 gescheitert schien. Vom 13. bis 17. August 1876 endlich wurden die Bayreuther Festspiele mit dem „Ring des Nibelungen" eröffnet. Eine Gedenktafel in Form eines marmornen Theaterzettels verewigt am Festspielhaus die Namen der Hauptdarsteller. Am Schluß der erst 1874 beendeten, „im Vertrauen auf den deutschen Geist entworfenen" „Götterdämmerung" erwidert Wagner die begeisterten Rufe mit einer kleinen Ansprache: „Ihrer Gunst und den grenzenlosen Bemühungen der Mitwirkenden, meiner Künstler, verdanken Sie diese Tat. Sie haben jetzt gesehen, was wir können: nun ist es an Ihnen, zu wollen. Und wenn Sie wollen, so haben wir eine Kunst". Alle Zuschauer, nicht zuletzt Kaiser Wilhelm I. und König Ludwig von Bayern, waren erschüttert. Die Presse zeigte sich nach wie vor größtenteils ablehnend, ja feindselig und höhnisch. Die Gesamtkosten sollten durch 1000 Patronatscheine zu je 300 Talern aufgebracht werden. Allein es ergab sich ein Defizit von 160 000 Mark. Um es zu decken, mußte Wagner, ganz gegen die ursprüngliche Absicht, seinen „Ring" den Theatern freigeben. In Bayreuth konnte er erst wieder volle 20 Jahre später erscheinen. Unendliche Schwierigkeiten waren überwunden. Der Kampf ging weiter. Wagner beschäftigte vor allem „die ewige Sorge dem Unzureichenden gegenüber". Die materiellen Hemmungen verhinderten eine schnelle Korrektur des bisher noch Unvollkommenen, das er mit voller Deutlichkeit sah. Erst 1882 sollten sich die Tore des Festspielhauses wieder öffnen, und zwar für den inzwischen entstandenen „Parsifal". Wieder muhte sich der Meister seine Künstler von allen Theatern zusammensuchen und sie in Eile für diese besondere Bayreuther Aufgabe umformen. Die erhoffte „Schicke", auf der sich die Fortführung der Festspiele aufbauen sollte, war nicht zu verwirklichen gewesen. „Noch sind wir erst in der Ausbildung des neuen Stils begriffen", hatte Wagner 1876 erkannt. Jetzt konnte er immerhin schon „von der Wirkung einer Weihe sprechen, welche frei über alles sich ergoß". Die Welt verfolgte das Ungemeine weiter mit Haß. Als jedoch im Jahre darauf die von Wagner ungeratene Wiederholung des „Parsifal" zur Gedächtnisfeier für ihn wurde, beugte sie sich. Wagner hatte bei der letzten „Parsifal"-Aufführung 1882, wie im Vorgefühl seines Heimgangs, Abschied genommen: im 3. Akt bestieg er plötzlich das Pult und leitete den Abend zu Ende... Als er 1883 starb, trat Cosima aus dem Schatten und nahm die Festspiele in ihre sicheren Hände. 1884 wurde noch einmal „Parsifal" angesetzt. 1886 lauschte eine winzige Gemeinde von nur 300 Zuschauern in dem Raum, der 1700 Personen faßt, zum erstenmal „T r i st a n und I s o l d e". Für das deutsche Volk, für die ganze Welt existierte Bayreuth noch so gut wie gar nicht", sagte damals Chamberlain. Cosima Wagner war unbeirrbar. Mal für Mal fügte sie dem „Parsifal" eines der anderen Wagner- schen Werke an — von den reifsten wie „Meistersinger" und „Tannhäuser" bis zum „Lohengrin" und „Fliegenden Holländer". So hat sie Bayreuth den ganzen Wagner erschlossen, getreu dem Vermächtnis des Meisters. Von 1899 ab vereinigten sich regelmäßig „Parsifal", der „Ring" und jeweils ein anderes seiner Musikdramen in den Festspielen. Cosima Wagner wurde die Bewahrerin Bayreuths. 1908 mußte sie wegen schwerer dauernder Erkrankung ausscheiden, und ihr Sohn Siegfried übernahm die Leitung. 1914 brachte das Freiwerden des bisher Bayreuth vorbehaltetien „Parsifal" für alle Bühnen dem Festspiel die Gefahr einer Einbuße. Dann begann der Weltkrieg. Mitten in den Festwochen brach er aus; Trommelwirbel überdröhnten die Geigen — alles stob auseinander. Erst ein volles Jahrzehnt später, 1924, öffneten sich Bayreuths Pforten wieder. 1930 wurden Cosima und Siegfried Wagner in die Ewigkeit abberufen. Wieder übernahm eine Frau die Zügel: Siegfrieds Witwe Winifred Wagner. Das Haus auf dem Feftsplelhügel, von dem Wagner einst mit Stolz sagte, es sei einzig, und niemand könne es ihm nachbauen, hat allen Stürmen der Zeiten standgehalten. Seit 1933 aber ist ihm ein spürbar neues Blüten beschieden. Statt einzelner Patrone oder Stipendiaten wallfahrtet heute das ganze Volk dorthin. An feiner Spitze der Führer, der gleich 1933 die Zeit fand, einem ganzen Zyklus von sechs Vorstellungen beizuwohnen. Adolf Hitler fördert Bayreuth wie niemand zuvor. So ist es eine schöne Fügung, daß 1936 eine Neueinstudierung des „Lohengrin" bringt, dem er einen entscheidenden künstlerischen Jugendeindruck verdankt. verantwortlich: l)r. HansThyriot. — Druck und Derlag: Brühl'fche Univerf itäts-Buch» und Steindruckerei. 2L Lange, Gießen.