Gießener Zamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger Jahrgang (936 Zreitag, den HZ. April Nummer 30 Das Jahr des Herrn Roman von Karl Heinrich Waggerl Copyright by Insel-Verlag zu Leipzig. 6. Fortsetzung. Der Lehrer behauptet ja auch, der Mond sei eine Kugel. Das möchte noch hingehen, solange er voll ist, aber er hat ja mehrerlei Gestalt, einmal sieht er wie ein Butterhörnchen aus, das andere Mal wie ein mißratener Käse. Nein, so einfach ist das alles nicht, niemals kommt David mit diesen Rätseln zurecht. Da kauert er in der weiträumigen Nackt, ein Würmchen, an der Erde festgekrallt, ein winziges Lebewesen mit seinen mühseligen Gedanken, jeden Augenblick kann es der schwarze Abgrund über ihm verschlingen. Jetzt glimmen auch am jenseitigen Hang des Tales Feuer auf. David erkennt jedes einzelne, das dort ist in Schütt, dieses bei Brandstatt, und das dritte' erkennt er auch, aber das ist kein Reiffeuer, dieses Licht trennt in der Stube auf Eck. Es kann verschiedene Bedeutung haben, vielleicht kalbt nur eine Kuh so zur Unzeit, die Magd muß wach bleiben, um die Hofleute zu wecken, wenn es so weit ist. Es kann aber auch jemand auf Eck krank liegen. David denkt an Christine, er hat sie schon lange nicht mehr im Dorf gesehen. Die Leute behaupten, es liege nur daran, daß ihr das Mieder zu eng geworden fei, darum käme sie nicht mehr zur Kirche. Aber das ist wohl bloß Geschwätz und Bosheit von den Mägden im Dorf, die können es njd)t mit ansehen, wie schnell Christine ihr Glück gefunden hat. Ja, so etwas käme mancher gelegen, als Magd auf einen Hof zu gehen und nach ein paar Monaten als Braut von Der Kanzel gerufen zu werden. Allein nicht Überall ist der Altbauer io gefügig, daß er zur rechten Zeit von der Tenne fällt, kopfüber in fein Grab. David kann Christine gut leiden. Als sie noch Kellnerin in der Schenke war, steckte sie ihm oft etwas zu, ein Stück Braten ober einen Kuchen- ceft, und er wusch ihr dafür die Gläser, wenn an Festtagen das Gedränge zu arg wurde. Einmal zeigte ihm der junge Bauer einen halben Schilling auf der Hand, den sollte David bekommen, wenn er ihm sagte, wer am Samstag der letzte Gast gewesen fei, — der Forstgehilfe vielleicht? David wollte es genau nehmen und antworten, diesmal sei der Briefträger am längsten geblieben. Aber Christine winkte ihm verstohlen mit den Augen, und später bekam er ein ganzes Silberstück von ihr, weil er so tapfer standgehalten und den Spaß nicht verdorben hatte. Ja, so war Christine, freigebig und schlagfertig, für jeden hatte sie das treffende Wort auf ihrer flinken Zunge. Daran denkt David jetzt, er hockt noch immer auf dem Schubkarren vor der zerfallenden Glut und betrachtet dieses ferne Licht, wie es blinzelt und schwankt, — geh zu Bett, denkt er schläfrig. Christine, laß die Gläser! Es kommt niemand mehr, das ist nur so ein lumpiger Hahn, Der da kräht, geh zu Bett-- Plötzlich schlägt die Turmuhr, David fährt zusammen und schüttelt sich und schaut umher. Der Morgen graut, es ist merkwürdig rasch hell geworden. Eben brannten da noch Feuer über dem dunklen Tal, glommen Düster und wanderten auf und ab vor Davids schlaftrunkenen Augen, eine Menge Lichter vor dem Fenster des Mädchens, das nicht schlafen gehen mochte. Und nun sind alle erloschen, nur weiße Rauchsaulen Dampfen noch in der wolkigen Dämmerung auf den Feldern. Bitter kalt ist der ziehende Frühwind, David hüpft wie ein lahmer Vogel unter Den Bäumen umher und schlägt mit den Flügeln seiner Decke, um sich warm zu machen, und außerdem hungert ihn auch erbärmlich Das ist Doch ein pflichtvergessenes Geschöpf, die Magd, wird sie wohl endlich aufstehen und Wasser für den Kaffee zufetzen? Die Kühe brüllen im Stall, die Hähne krähen, überall in der Nachbarschaft steigt schon Rauch aus den Schornsteinen, aber ihr ist das einerlei, sie schlaft. Sie begrabt ihr Gewissen unter der Decke, während er, David, bei Frost und Finsternis die Wache hält und kein Auge zutut, ein braver Soldat, em verlorener Posten vor seinem Feuer. . Das darf man nicht so hingehen lassen, er schickt einen scharfen Pfiff durch die Finger. Die Spatzen fallen von den Bäumen, wenn David so pfeift, aber die Magd rührt das gar nicht. Am Jüngsten Tage wird Gott alle Seelen vor sich versammelt haben, nur eine einzige wird fehlen, und welche? Die Seele der Pfarrmagd, sie allem hat kerne Posaune ^David seufzt und knurrt aus der hohlen Tiefe des Magens, es ist ja schon lichter Tag, man muß der Magd etwas Handfestes in das Fenster werfen. Aber während er sich bückt, um einen passenden Stein zu suchen, kommt hinter ihm die Magd aus dem Stall und trägt wahrhaftig schon einen Eimer Milch in jeder Hand. David, wie geht das zu? Trink deinen Kaffee in der Küche, sagt sie, und dann schlaf in Gottes Namen wieder! Nur nicht im Schubkarren, fügt sie hinzu, den brauche ich! * Am andern Tag zeigt es sich, warum der Bauer auf Eck zur Nachtzeit Licht in der Stube brennen mußte. Die Hebamme bringt ein Kind zur Taufe, einen Knaben. Ja, Christine hat geboren, darum war ihr das Mieder zu eng geworden. Es überfiel sie ganz unerwartet, denn das Kind kam um zwei Monate zu früh, so wie die Mutter rechnet. Aber bann brachte sie doch ein ordentliches Mannsbild an den Tag, durchaus wohlgeraten nach Maß und Gewicht, ist das nicht merkwürdig? Die Hebamme bettet das Kind in der Pfarrküche auf den Tisch und verschnauft ein wenig, solange der Bauer noch unterwegs ist, um den Paten zu holen. Was meint ihr, wen er wohl bringen wird, den Forst- gehilfen doch nicht? Der Knabe hat dunkle Augen, seht her, und auch das Haar ist dunkel, oh, oh! Da muß sich die Mutter einmal versehen haben, sie selbst ist ja blond, fast noch ein wenig heller als der Bauer, von der Nase nicht zu reden, die das Kind hat. Gab es jemals so eine Nase auf Eck? Aber gleichviel, krumm oder gerade, dem Vater gefällt das Kind. So sind die Männer. Wenn es nur kräht und Hand und Fuß hat, dann geraten sie schon außer Rand und Band, als sei es vorher noch keinem so gut gelungen. Auch der Pate lobt das Kind, der gefällige Nachbar, ja, es blinzelt schon und schreit, es hat zweimal fünf Finger an den Händchen, das ist alles richtig und in Ordnung. Man muß es noch einmal trockenlegen, dann wird ihm das Bündel auf den Arm gehoben, mit Gottes Hilfe trägt er es vor sich her und bringt es unbeschädigt in die Kirche. Der Pfarrer deckt den Taufstein ab, die uralte Schale, aus einem einzigen Block gehauen. Er tritt unter das Tor und begrüßt das Menschenkind im Haus des Herrn, legt ihm ein Salzkorn der Weisheit auf die Zunge und benetzt die Deffnungen der Sinne mit Speichel, wie der Meister den Blinden und Taubstummen getan hat, als er sie heilte. Das Kind roiberfagt dem Teufel und allen feinen Werken, aber die Drangsal des Lebens wird es herzhaft hinnehmen, wie der Herr es fügt und will Und der Pfarrer nennt den Namenlosen Adam, das ist: aus Erde gemacht, er salbt ihn mit heiligem Del und gießt ihm das Wasser des Jordan über den Scheitel Adam weiß nicht, wie ihm geschieht. Vielleicht wird der winzige Funken Lebens in seinen schwarzen Augen schnell wieder verlöschen. Vielleicht aber wird sich das Dunkel klären, er wird heranwachsen und verstehen, daß er Adam ist, ein Mensch, Sohn eines Bauern. Und auch die Dinge werden ihn durch diesen Namen für ihren Herrn erkennen. Stube und Haus werden ihm allmählich vertraut fein, dann die Tiere, die Felder umher, die Arbeit und ihr stetiger Fluß im Wechsel der Jahreszeiten. Eines Tages wird er selbst das erste Werkzeug in die Hand nehmen, es wird ein Rechen fein, eine Senfe, der Vater wird ihm zeigen, wie man die Senfe führen muß. Adam wird feine Freude haben, wenn bas Futter saftig auf ben Wiesen steht, Sorge wirb ihn brücken, wenn ber Schnee in ben halbreifen Weizen fällt, und im andern Frühjahr wird er trotzdem das Pflügen versuchen. Ja, Gott gebe, daß es so kommt, daß diese dunklen Augen nicht weniger gelassen und geduldig auf der Erde ruhen und niemals den Blick von ihr lösen, die den Vatersnamen trägt. Einmal könnten sie plötzlich innewerden, wie weit die Welt ist, wie eintönig das Triebwerk bes bäuerischen Gebens, unb baß braußen in ber Frembe blefes Leben leichter unb gefälliger ist. Abam würbe ja nicht sogleich alles verlassen und auf und davon gehen, wenigstens anfangs noch nicht. Er finge nur an, sich aus dem ganzen Gefüge der Arbeit zu lösen, der Last zu entrinnen, die er plötzlich fühlte. Zeit möchte er gewinnen, ein paar freie Stunden. Darum hielte er es mit dem Fortschritt und brächte Maschinen auf den Hof, am Futterschneiden und am Heuwenden ersparte er eine Unmenge Zeit. Allein die Felder sind an das Werkzeug gewöhnt, nicht an Maschinen, ober wie bas sonst Zusammenhängen mag. Die Maschine roenbete ja bas Futter gut, aber ber Bauer mähte bafür schlecht, er müßte auch eine Mähmaschine haben, natürlich verbrösse es ihn, so viele Stunben mit biefer langweiligen Arbeit zu oergeuben. Unb wenn es soweit wäre, bann gebe es immer noch keine Maschine, die ihm das Dach deckte, den Stall räumte ober bie Zäune flickte, es blieben hunbert Hanbgrisfe zu tun, unb keiner freute ihn mehr. Das Leben hätte er nicht satt, oh, keineswegs, nur bie Arbeit, die gehörte nicht zum Leben, meinte er. Obendrein müßte er nun die Maschine bezahlen und könnte es nicht, denn die Felder trügen nur für ihn, nicht für eine Maschine. Er mußte den Haferfleck verkaufen, nachher den Gaul, der den Hafer fraß, eins ums andere. Und es würde schlechter von Jahr zu Jahr, immer weniger Heu, nur noch halbe Ernten, ein elendes Leben von der Hand in den Mund. Kein Wunder, wenn er es endlich satt bekäme, alles hinwürfe und ginge. Aber woran läge es denn, es müßte doch einen Grund haben, wenn ihm alles nur so in den Händen zerfiele I Auf den Acker käme es nicht an, ob er sonnseitig oder schattseitig liegt, auch nicht auf die Arbeit selbst oder auf einen besonderen Segen dabei. Aber das alles zusammen, der Bauer und sein Land, sein Haus und Hof, das ist ein einziges lebendes Wesen in Gottes Hand, unzerstörbar im tätigen Wirken, fest auf sich ruhend in seiner Ordnung. Nein, Gott wird helfen, daß der kleine Adam dieses Geheimnis erkennt, wenn seine Zeit kommt, mag er nun schwarze oder helle Augen haben. Das meint auch sein Pate. Auf den kannst du rechnen, sagt er. Was glaubst du, wie der mich in den Bauch getreten hat, als ihm das Wasser über den Schädel lief! Sag, was du willst, es ist viel für sein Alter. Und es begibt sich dann, daß ein hilfloses Taufkind um eine gute Weile früher den Berg hinauf und nach Haufe kommt als zwei rüstige Väter, ein leiblicher und ein geistiger. An den Bitt-Tagen vor Christi Himmelfahrt kommen Wallfahrer von weit her aus dem Nachbardors. Sie sind schon am frühen Morgen fortgegangen mit Gebet und Lobsingen, aber der Weg war lang, die Sonne schritt dem Zug voran am wolkenlosen Himmel, und so wurde es zuletzt eine mühselige Wanderschaft auf der glutheißen Straße. Die Böller stehen lange bereit, Fahnen wehen vom Turm der Kirche, und endlich tauchen die ersten Pilger aus dem Staubgewölk gleich einem Trupp von Landsknechten nach hitziger Schlacht, braun gesengt und schweiß- übergossen unter dem Lanzenwald der blitzenden Kreuzstangen, mit bekränzten Bildern und dem bunten Tuch der Fahnen darüber. In der Nähe des Dorfes sammelt der Borbeter noch einmal seine Kräfte und beginnt mit lauter Stimme die Litanei der heiligen Jungfrau, — du Zuflucht der Sünder, du Morgenstern! Der Troß rückt langsam nach und antwortet ihm kläglich, die Weiber, dampfend und förmlich gesotten in der schwarzseidenen Rüstung ihrer Röcke und Mieder, und Kinder, weißgekleidete Mädchen, die schon ganz welk und verdurstet an den Händen ihrer Mütter hängen. Gottlob für ein wenig Kühle, für einen einzigen Lusthauch im Schatten der Linde! Die Wallfahrer lagern eine Weile vor der Kirchmauer, um sich zu sammeln und zu verschnaufen. Es sind fremde Leute, ihr Dorf liegt fünf Gehstunden weit im jenseitigen Tal, das ist schon außerhalb der Welt. Darum haben sie auch ganz andere Bräuche, die Männer tragen grüngemusterte Strümpfe, und die Frauen stecken das Halstuch nur lose in das Mieder, nicht so schön gefältelt wie im hiesigen Dorf. Und am merkwürdigsten ist, daß sie an jedes zweite Wort einen Seufzer anhängen, Gott weiß, warum sie das tun, vielleicht gefällt es ihnen so, ihr 'Geblöke. Man sagt, diese Leute hätten überhaupt etwas Abseitiges in ihrer ganzen Art. Einmal seien sie am Borabend der Wallfahrt zwei Stunden weit ins Tal hereingelaufen und wieder heimgekehrt, nur, damit sie am andern Tag nicht so weit zu gehen hätten. Sie erzählen freilich ihrerseits wieder die Geschichte von den bellenden Hühnern, als habe man hierzulande vor Zeiten versucht, dem Federvieh das Bellen beizubringen, damit der Geier nicht so oft über die Küchlein käme. Die Hühner gaben sich auch Mühe und lernten brav, aber als sie es richtig konnten, liefen sie in blindem Schrecken vor sich selber davon und stoben in alle Winde Daran ist natürlich kein wahres Wort, das wäre ja auch des Teufels, denkt euch bloß, ein bellendes Huhn! Wie dem auch fein mag, sie sind ein fröhliches Volk, die Nachbarn, der Dorfplatz quillt über von Lärm und buntem Gedränge. Pater Jo- bannes hält ihnen die Predigt in der Kirche, aber für den Anfang fruchtet es nicht viel, wenn er von Buße und Einkehr spricht. Die Leute stehen unter der Tür und hören eine Weile zu, ja, es ist wahr, man sollte die ganze Welt verachten, alle ihre Freuden, und nur an den Himmel denken. In Sack und Asche sollte man gehen, nicht in Seide, ihr Weiber, sondern mit einem Strick um den Hals, wie der heilige Bischof von Mailand zur Zeit der schwarzen Pest. Denn das Leben währt nur kurz mit seinen Plagen, und wer verdammt ist, brennt in Ewigkeit, — das sind goldene Worte! Der ist nicht übel, sagen die Leute, euer Pater! Da kannst du hören, was du bist: ein Gefäß des Unrates! Aber Gott ist langmütig, er wird noch eine Weile zusehen und nicht gleich Pech und Schwefel schicken, das bedenkt der Pater vielleicht, zu wenig. Es bleibt noch Zeit für einen Krug Vier in der Schenke und für ein Gespräch über den Zaun. — So, dann seid ihr also zuftieden mit dem Futter? Wir auch, wir mähen nächste Woche. Aber das Korn steht hier schöner, drüben war Hagel. Hagel, sagt der Mann im Garten, ja, das ist schlimm. Da kannst du nichts oagegen tun, mein Freund, wenn dir die Schloßen kommen. Im vorigen Jahr, sagte er, und das ist eine lange Geschichte von einem fürchterlichen Unwetter und von acht Schafen, denen der Blitz die Wolle abschor, — wie ich dir sage, rein herunter bis auf die Haut! Die kleinen Mädchen bekommen ihr Naschwerk bei Agathe im Laden, da werden auch Spitzen besehen und Stoffe befühlt, es ist alles sündhaft teuer, und am Ende geht es doch nicht ohne ein Stück Schürzenzeug. Dann aber auch noch eine Rolle Tabak für den Mann, um des Friedens willen. Draußen auf dem Kirchplatz haben die Buben ihr Wesen, da führt David das Wort. Er glüht gerade Kohlen im Rauchfaß an. Bei uns ist das von Silber, sagt einer aus der Reihe, wir haben ein silbernes Rauchfaß mit vier Ketten. Ach? Ein silbernes, ein einziges? Soll ich dir etwas zeigen, du Grindkopfi Unser« Rauchfässer der Reihe nach, die goldenen und die mit den Edelsteinen, oder die Kelche und die Meßkännchen und die Monstranzen und das ganze Gewölbe voll unter deinen Füßen? Zeig es doch! Ja, dir, so einem Gewächs! Da muß der Bischof kommen, verstehst und selbst der muß den Verstand zusammennehmen. Ein ganzer Tag geht hin, und da ist er nicht einmal mit den kleineren Leuchtern fertig. Zählt er sie? Ja, jedes Jahr. Sie gehören Unserer Lieben Frau. Einmal wurde einer von den Leuchtern gestohl--,, er verschwand einfach, und was geschah? Nun, was? Die Jungfrau stieg selbst aus der Nische und ging drei Nächte lang mit dem andern Licht in der Hand durch das Dorf, um den Dieb zu suchen, und in der dritten Nacht fand sie ihn. Sie tat ihm gar kein Leid an, nein, die Mutter Gottes trat nur in seine Kammer, während er schlief, und zündete bas Licht auf dem gestohlenen Leuchter an. Dann ging sie wieder, stand in der Nische und wartete. Aber von Stund an brannte das Licht immerfort, der Dieb wachte davon auf und erschrak. Er blies es an, da» half nicht. Er goß Wasser daraus, es brannte nur noch heller, und so stark, daß die Leute vor seinem Haus zusammenliefen. Was ist das für ein Licht? sagten sie. Was für ein Leuchter, es ist doch nicht der gestohlene? Zuletzt mußte der Dieb feine Schande bekennen, er mußte mit dem brennenden Licht durch das ganze Dorf zur Kirche gehen, ja, und bann hatte bie Mutter Gottes ihren Leuchter roieber. Unb ber Dieb? Was geschah mit bem? Weiß ich nicht, sagt Davib überdrüssig. Frag ihn. Wenn er so alt ist, wie du dumm bist, du Knirps, bann lebt er noch. Selber bumm, sagt ber Knirps. Uederhaupt ist das gar nichts, ein Leuchter unb solches Zeug. Unser Einsiebler, sagt er, der kann Wasser riechen unb schatzgraben. Der Einsiebler? Wer ist bas? Nun, so ein heiliger Mann, wie ftüher bie Propheten. Er lebt im Wald in einer Höhle, ganz allein, — eben ein Einsiedler. Und was tut er da? Nichts, er betet. Manchmal sucht er sich Wurzeln ober Schwämme, unb wenn er gar keine mehr finbet, bann läutet er mit seiner Glocke, damit ihm jemand Brot an den Weg bringt. So. Und er kann Wasser riechen, sagst du? Ja, weil er so heilig ist. Aber er tut es nicht gern, nur wenn man ihn sehr bittet. Dann geht er mit einer Rutengabel über die Felder, und wo die Rute zuckt, da ist eine Quelle in der Erde, da kannst du immer einen Brunnen ausmachen. Einmal hat er mit dieser Rute auch einen Schatz gesunden, lauter Silbertaler in einem Topf. Aber er mochte sie gar nicht, sie sind verflucht, sagte er. Warum war der Schatz verflucht? Weiß ich nicht, sagt der Knirps. Frag ihn! Aber David hat keine Lust mehr zu streiten. Das hat ihn aus dem Sattel gehoben: ein Einsiedler, und so heilig, daß er Wasser riechen kann! Indessen ist bie Vesper vorbei, das Gepränge und der ganze heitere Tag. Die Gäste verlieren sich allmählich, noch von weither hört man ihre Ruse und ihr Gelächter auf dem Weg. Einigen ist die Fröhlichkeit zu Kopf gestiegen, es war zuviel an Bier und Schnaps und Würzwein. Sie rumoren noch eine Weile im Dorf herum, selig beschwingt oder kopfüber auf den Zäunen hängend. Andere führen reumütige Gespräche mit ber Brunnensäule, — verachte mich nicht, Nachbar, sei ein Christ! Ich bin besoffen, verstehst bu, durch und durch, aber ein gutes Herz habe ich, Nachbar, ich bin ein guter Mensch ... Und bann verschwindet das gute Herz in ber Dämmerung, ein schwankendes Laternenlicht. Spät in der Nacht gibt es noch irgendwo im Häuserschatten einen blitzschnellen Kampf, halblaute Flüche und sausende Hiebe in der Dunkelheit. Jemand keucht und springt über den Zaun, eine Fensterstange klirrt, und bann ist es roieber still. Das Dorf schläft ein, die müde Herde ber Häuser. Der Nachtroind geht um auf bem leeren Platz, bas Wasser rauscht. Monb unb Sterne ziehen über das Tal unb hüten den Frieden. ♦ Der Sommer reift heran, die drangvolle Zeit. Nur noch ein paar Tage, ein verläßliches Zeichen für gutes Wetter, unb man wird mit ber Heumahd beginnen. Die Gärten füllen sich mit bem üppigen Blattfleisch bes Gemüses, mit blaugeabertem Kohl unb gekräuseltem Salat, auf hoben Stecken flattern die bunten Ranken der Bohnen im Wind. Es quillt aus den Fenstern von heiteren Farben, Fuchsien blühen, brennrote Nelken an langen Stielen. Solche Nelken tragen die Burschen am Hut unb bie Mädchen am Mieder, und sie sind alle gleich rot. solang die Liebe im Dorf umgeht, man weiß nicht, von welchem Fenster sie stammen. Auch bie Schwalben sinb wieder da, sie nisten im Flur und sind den ganzen Tag unterwegs mit ihrer Behendigkeit und ihrem zuttaulichen Geschwätz. David muß wieder Kinder hüten unb Wasser in ben Garten schleppen, ihm ist keinen Augenblick Ruhe gegönnt, aber seine Gedanken geben trotzdem wunderliche Wege. Er denkt an den Einsiedler, der von Gott vor allen Menschen ausgezeichnet wurde, unb warum? Weil er im Walde haust und von Schwämmen lebt Und selbst bas nimmt er nicht sehr genau, er läutet ja mit feiner Glocke, wenn es ihn einmal verbrietst, immer nur Wurzeln zu kauen. Das ist nichts Unmenschliches, denkt David, er selbst hat jedenfalls fchon schwierigere Prüfungen bestanden. 0 Gott, unb vielleicht ist er längst mit ähnlichen Gnaden begabt, vielleicht kann er Ichon Wasser riechen und schatzgraben und wußte es nur bisher nicht. Sicher ist es so. im ganzen Haus ruft iebermann nach ihm, wenn e:n Groschen verloren geht, unb David findet ihn unfehlbar. (Fortsetzung folgt.) konnte wohl nicht fein, daß ihr dann geschah etwas. Es geschah großen Dinge in der Welt. Eines geb. Jäkel eine Anweisung von und zugleich ein Brief mit einer und wartete Tag um Tag. Nein, es vergeben werden sollte. Ein paar Monate vergingen, doch plötzlich und erschreckend wie alle ganz Tages kam an Frau Minna Rudat einer Bank in Berlin über 50 Mark fremden Marke, es war ein großer Umschlag, darin ein großer Bogen, ganz weiß. Nur wenige Zeilen standen darauf, sie waren nicht geschrieben, sondern sahen aus wie gedruckt. Vielleicht waren sie in ganz wenigen Minuten hingefetzt worden, und doch geschah es, daß sie ein Wunder taten: sie lösten einen zentnerschweren Stein und rollten ihn ins Meer. Dort versank er für immer ... Damit ist diese Geschichte zu Ende. Denn was dazwischen noch liegt, zwischen den beiden Briefen, zwischen den beiden Welten, das gehört ja April. Bon Josef Weinheber. Der Regen sprüht, die Sonne scheint, Der Knecht, er lacht, die Magd, sie weint. Bom Ktrschbaum flockts, der Kuckuck schreit, Der Rebentrieb hat all noch Zeit. Ein Farbenbogen steht gespannt. Und nimmer ruhn Gerät und Hand. Noch dröhn Sankt Georg und Sankt Marf. Die sind schon so, der Blüh viel Args, Wenn aber nur die Frösch nicht schrein, So kann's um Peregrin auch schnein. Was wär' denn das für ein April, Der nicht tun dürfte, was er will. ersten Rast am Abend, weiter westwärts auf der Straße noch FrfeS> land, da lag er neben der Bibel. Sie schnitt jedem ihrer Kinder ein Stück davon, ach, es war nur ein winzig kleines Stück von dem großen Rad, es war bei Gott ein Nichts. Aber stand denn nicht geschrieben: „Wer im Geringsten untreu ist, der ist auch im Großen untreu?" Und wie sie die Kinder esien sah, gestohlenes Gut aus der Hand der Mutter, da wußte sie: Gott wird mich richten. Gott wird es heimsuchen an meinen Kindern ... Es war nur ein winzig kleines Stück, das andere gab sie fort. Sie selber hatte keinen Bissen genommen. So war es geschehen, und mehr war es nicht. Es wog vielleicht nur wie eine Feder auf der großen Waage Gottes. Doch die Frau trug eine Last mit sich durch fast zwanzig Jahre. Der Strom der Flucht rann dahin durch Tage und Nächte, die Gefahr blieb zurück, es ging in die Sicherheit, aber es war die Fremde. Genossen der Heimat, Gefährten der Not, sie wurden in alle Winde zerstreut. In fremder Stadt, bei fremden Leuten brachte die Frau ihr Kind zur Welt. Es war ein Junge, er schrie, er war drall und gesund. Die Mutter sah ihn an und weinte: ein Kind ohne Heimat, ein Kind ohne Vater. Eine Mutter, die gestohlen hatte mit dem Kind unterm Herzen. Sie dachte: Gott wird mich strafen. Gott wird ihn mir nehmen ... Aber der Junge lebte. Es ging durch die langen harten Jahre des Krieges, diese Jahre ohne Herd und ohne Brot. Der Mann im Kriege und viele Wochen kein Wort von Leben oder Sterben, immer wieder Warten und Warten und in Verzweiflung gerungene Hände: Ich habe gestohlen. Gott wird mich strafen. Gott wird ihn mir nehmen ... Aber der Krieg ging zu Ende, und der Mann kam nach Haus. Das Los dieser Menschen war nicht anders als das von vielen, vielen, die das Schicksal wie sie entwurzelt hatte. Sie waren arm, ohne Habe und Heimat, sie tarnen hierhin und dorthin, sie trieben durch die Jahre in Sorge und Hunger. Minna Rudat, die Jnstmannsfrau aus Budweitschen — wie lange war das her, wie wett lag das fort — nie würde sie imstande fein, den Käse zu bezahlen, gestohlen, nein genommen 1914 in Wilhelmsdorf auf der Flucht. Eines Tages ging die Frau zum Landjäger und zeigte sich an. Es war ihr ernst damit, sie dachte an Gericht und an Gefängnis. Sie wollte es endlich lossein. Doch es geschah, daß der Landjäger sie aus- lachte: Du lieber Gott, vor bald zwanzig Jahren. Um einen Käse im Krieg ... * Er schickte sie nach Hause, wie sie war, unverstanden und ganz und gar entmutigt. Der Fritz, der Kleinste von den Kindern, der damals auf der Flucht geboren wurde, war nun neunzehn Jahre alt, ein großer Kerl, gesund und tüchtig, Gott hat ihn leben lassen. Die Mutter sah ihn an, Tag um Tag. Er wußte von nichts, er war unbeschwert, vielleicht konnte der Fritz ihr helfen. Er wollte über Land, Arbeit suchen, und die Mutter schickte ihn. Sie suchte die letzten Groschen zusammen, ach, es war zu wenig, es reichte nicht ... Sie sagte: „Fahr mit dem Zug, soweit du kommst. Und dann mußt du zu Fuß ... Es ist weit, es ist bis hinter ©erbauen. Es heißt Wilhelmsdorf. Da ist eine Meierei. Und da frag nach dem Herrn. Und dann sag ihm: die Mutter ist hier mal was schuldig geblieben im Krieg. Sag, du möchtest dafür arbeiten, umsonst, bis es bezahlt ist. Sag, es war ein Käse ..." Doch der Fritz kam wieder, sie hatten ihn nicht brauchen können. Die Meierei, die war gar nicht mehr. Da war jetzt eine Gastwirtschaft und ein Laden. Der Herr, dem die Meierei vor dem Kriege gehört hatte, der war schon lange fort, weiß Gott, wo er war. Aber der Gastwirt, der ein freundlicher Mann war und dem Fritz zu essen gab, auch noch Zehrung auf den Weg, der hatte jenen wohl gekannt, er wußte den Namen und schrieb ihn auf. Er sagte, der wäre im Krieg Offizier gewesen, und es gäbe eine Stelle in Königsberg, die heiße Deutscher Offizierbund. Vielleicht wüßten sie da Bescheid. Die Frau Minna Rudat setzte sich hin und schrieb einen Brief, es war ein langer Brief, und es war ein mühsames Werk, sie brauchte viele Tage dazu. Darin stand die Geschichte der Flucht, und die Geschichte des Käses und die Geschichte von fast zwanzig Jahren Gewissensqual.. Es war eine seltsame Sache mit diesem Brief. Er wurde aufs Ungewisse in die Welt hinausgeschickt, es war sehr zweifelhaft um ihn bestellt. Er blieb zuerst lange Zett liegen, man wußte nicht, was man mit ihm machen sollte; er irrte bann wochenlang umher, er reifte weit, weit, er zog übers Meer, er manberte fast um bie halbe Erbe. Cs war nicht abzusehen, was es mit ihm werben sollte. Aber vielleicht war ihm eine Senbung guerteilt von ber großen Kraft, bie bie Wege ber Menschen lenkt. Er kam schließlich boch ans Ziel. Er lag eines Morgens unter einem Dutzenb anberer Briefe auf eines Mannes Schreibtisch in einer großen, lauten Stadt in Amerika. In einem Dorf tief in Ostpreußen saß eine arme CanbarbeiterfraS Sie Last. (Eine Geschichte aus Ostpreußen. Von Gertrub Papenbick. Wieviel wiegt ein Tilsiter Käse, gewogen auf ber großen Waage der Meierei? Neun bis zehn Pfund, nicht mehr. Wieviel wiegt die Last einer Tat auf dem Herzen eines Menschen durch mehr als neunzehn Jahre? Diese Geschichte beginnt 1914, in den ersten Wochen des großen Krieges. Durch das ostpreußische Land rollte die große Woge der Flucht. Und hinter ihr ging Haus und Habe in Flammen auf, erlosch der Sinn des Lebens, versank fern und unrettbar die Heimat. Angst erfüUte den Tag und durchgrauste die Nacht, Angst ftah das Herz und fraß das Gewissen, Angst war das Gesicht der Welt, das die Menschen dahinttieb aus einem Wege, ber ohne Ziel unb ohne Hoffnung war. Die Lanbstraße würbe Herb und Tisch unb Bett für bas friedliche Volk ber Scholle, das von einem ungeheuren Schicksal losgeriffen unb verweht worden war in den Tagen, da auf den Feldern das Korn zur Ernte stand. Es zog in langen rinnenden Ketten nordwärts und westwärts, es drängte weiter und weiter, es nahm kein Ende, Wagen hinter Wagen, bepackt mit Habsrat, mit Mensch und Tier. Sie hatten mit sich ein wenig Mehl in den Züchen, die letzten Kartoffeln im Sack, eine Speckseite und ein Brot. Wovon sollten sie leben, wenn bas verzehrt war? Es ging durch Städte und Dörfer, verlassen und tot, es zog dahin auf Spuren der Zerstörung. Es gab ein Halt um ein gebrochenes Rad, um eine gebärende Frau ober um einen Toten Es mürbe Rast gemacht, um die Kühe zu melken, um zu essen unb zu schlafen. Man fällte Holz im fremben Wald, man machte ein Feuer auf fremdem Grund. Man zog Kartoffeln und Rüben aus frembem Acker, man trieb das Vieh auf bie Weibe, die niemand gehörte. Es gab kein Recht mehr als bas ber Not! So konnte es geschehen, daß die Jnstmannsftau Minna Rudat einen Tilsiter Käse stahl. Dieser Käse war nur ein winziges verlorenes Sandkorn — damals in jener Zeit, du lieber Gott, es war vielleicht gar nicht wert, daß man ein Wort darüber verlor. Zu alledem war es keineswegs der einzige Käse, der in unrechtmäßige Hände kam. Aber er hatte vor andern fein Gewicht unb feine Bebeutung in ber Welt, man bars ihn nicht verschweigen noch unterschlagen. Da kam jener Flüchtlingszug, — drei Tage und zwei Nächte unterwegs von der Grenze — durch das Dorf Wilhelmsdorf, wo sich die große Meierei befand. Wem gehörte die Meierei? Niemand, sicherlich. Wer hatte hier etwas zu sagen? es war keiner da ... unb als man dort hinkam, müde, zerschlagen und hungrig, da war schon die Hauptarbeit geleistet. Die Keller waren gestürmt, bie großen Rollen mit Käse waren herausgeschleppt unb ausgebrochen. Die gelben, bieten Käselaibe, runb wie Näber, lagen aufgetürmt auf bem Hof, sie rollten in ben Staub, sie blieben liegen hier unb bort. Niemanb gehörten sie, man brauchte sie nur zu nehmen. Die junge Frau Minna Rabat, geborene Jäkel, sie war aus Bub- weitschen in der Goldaper Gegend zu Hause. Drei Tage und zwei Nächte mit ben andern auf einem Leiterwagen, drei kleine Kinder, fünf, vier und zwei Jahre alt, und das vierte unterwegs. Der Mann war im Felde, am dritten Tag hatte er fortgemußt, weiß Gott wohin, es kam keine Nachricht — die Russen kamen, wer weiß, wo er war, vielleicht war er schon tot ... Als der Zug ins Stocken geriet auf ber Dorfstraße von Wilhelmsdorf, da stieg sie vom Wagen und ging mit dem Eimer nach Wasser. Auf dem Hof der Meierei war vielleicht eine Pumpe. Sie hatte es nicht gewollt, gewiß nicht. Sie war ehrbarer Leute Kind, sie war eine fromme' ff rau, die aus der verlorenen Heimat die Bibel mitnahm und im Stroh unterm Sitz verbarg. Sie hatte noch nie etwas Unrechtes getan. Sie tat es, ohne zu denken. Da lagen die Käse in Haufen, unb bie Menschen waren barüber her. Arme Menschen, sie waren in Not. Sie ftanb unb sah zu. Aber bann stieß einer sie auf- munternb in bie Seite! „Na, junge Frau, man ran ..." Sie trat näher unb bückte sich unb ging wie eine Schlafwanblerin vom Hof, in ber Rechten ben Eimer, in Dem linken Arm einen Käse. Sie ging bamit die Dorfstraße hinauf, bis sie zu ihren Kinbern kam, bie an ber leeren Wagendeichsel spielten. „Mutter, was ist das?" fragten die Großen. Die abgesträngten Pferde rupften am Straßenrand geduldig das arme, trockene Gras. Die Frau gab den Kindern zu trinken und lieh auch die Pferde saufen. Sie ftanb still babei, sie sprach kein Wort. Man weiß nicht, wie es kam. Vielleicht, wenn sie ihn nach hinten gepackt hätte zum Mehl unb zu ben Kartoffeln, so wäre biefer Käse unb feine Geschichte untergegangen in ber Flut jener Zeit wie so manche anbere Tat ber Not unb Verzweiflung. Aber als sie ihn vorholte bei der eigentlich nicht mehr hierher. Und was jenen Mann angeht, der seinen Bries wahrscheinlich im Büro in die Maschine diktierte, so steht es so, daß wir nicht viel von ihm wissen. Wir wissen eigentlich nur, daß er einmal ein ostpreußischer Landmann war und ein deutscher Soldat. Doch das ist lange her. Wir kennen die Geschichte seiner Wanderung nicht Vielleicht ist auch sie ein Buch der Not, des Kampfes und des Verzichtes. Eine Stimme kam zu ihm übers Meer, eine arme, leise Stimme, die verloren und seltsam klang in dem brausenden Konzert jener Welt. Doch sie kam aus der Jugend, sie kam aus dem Land des Herzens, sie sprach von Wiese und Feld und Hof, von Mittagläuten und Feierabend; sie sprach von heimkehrenden Gespannen, von klappernden Holzpantoffeln und klappernden Milchkannen; von dem Mond hoch über der Scheune, auf der das Storchennest war. Sie sang ein längstoergessenes, schlichtes Lied, das Lied des alten Landmannes an seinen Sohn: „Ueb immer Treu und Redlichkeit bis an dein kühles Grab ..." In dem Brief an die Jnstmannsfrau aus Budweitschen da stand ganz zuletzt: „Grüßen Sie meine Heimat ..." Freude. (Unbekannter Dichter des Barock.) Hüpft ein Vögelein, singt mir zu: Freudei holde Freudei Kuß und Sang, ein Paradeis Aus dem grünen frischen Reis Unter Blüten, rot und weiß, Auf der grünen Heide. Flieht ein Bächlein, rauscht mir zu: Freudei holde Freude! Muntre Schwätzer lustig ziehn In die Wiesen saftig grün, Oder wo die Sträucher blühn An der grünen Heide. Fliegt ein Bienlein, summt mir zu: Freudei holde Freude! Hohes Fest und süßes Mahl, Honigblüten ohne Zahl, Duft im warmen Sonnenstrahl Auf der grünen Heide. Tanzt ein Mädchen, lacht mir zu: Freude! holde Freude! Ostertag, so licht und warm. Bachgemurmel, Bienenschwarm, Vogelsang, und Arm in Arm Tanz aus grüner Heide. Giovanni Battista ZZergolese. 5 u m roo. Todestage des Musikers. Von Hermann Ohrenschall. Wohl kein Tonsetzer der Welt ist gleichzeitig mit soviel überschwenglicher Begeisterung als auch mit härtester, vernichtender Kritik überschüttet worden wie Pergoiese. Als Schöpfer einer neuen Kunstrichtung wurde er von den einen gepriesen, als Stümper und Nichtkönner von den anderen verspottet. Aber dieser Tadel ist völlig ungerechtfertigt. Denn dem jungen begabten Musiker lag nichts ferner als Uebertreibung und Heuchelei. Seine zarte Seele und sein kranker Körper brachten nicht die Kraft freudiger, sieghafter Lebensbejahung auf. Deshalb findet sich in allen seinen Werken ein gewisser Gleichklang, eine müde Resignation und ein stiller Verzicht auf ein machtvolles, kämpferisches Leben. Er war wohl von einem starken Ehrgeiz erfüllt, der ja die Triebkraft jeder künstlerischen Weiterentwicklung ist; aber er war auch wieder rasch entmutigt, wenn harte Kritiken seine Werke verdammten. Die vielen Enttäuschungen zermürbten zu schnell den schwachen Körper, in dem schon seit srühefter Kindheit die Keime der Schwindsucht steckten. Die vernichtende Ablehnung, die seine letzte Oper „Olimpiade" erfuhr, trug besonders zu seinem plötzlichen Tode bei. Giovanni Battista Pergolese wurde am 3. Januar 1710 in Jest in der Mark Ankona als Sohn vornehmer Eltern geboren. Frühzeitig offenbarten sich die musikalischen Talente des Knaben, so daß er bereits mit 7 Jahren auf das Konservatorium nach Neapel kam. Hier wurde er von berühmten Meistern seiner Zeit, Domenico de Matteis, Francesco Durante, Francesco Feo und Gaetano Greco, einem der Begründer der neapolitanischen Schule, unterrichtet. Zuerst erhielt Pergolese eine gründliche Ausbildung im Violinspiel. Der junge Geiger erregte durch selbsterfonnene Modulationen ganz neuer Art bald die Aufmerksamkeit seiner Lehrer. Er wurde daraushin sofort in die Kompositionsklasse ausgenommen, wo er eine ernste theoretische Schulung im Kontrapunkt bekam. Noch während der Schülerzeit erschien fein erstes größeres Werk, ein „Dramma sacra", das reichen Beifall fand. Die begeisterte Aufnahme dieses und der folgenden Oratorien machte alle Kunstliebhaber auf ihn aufmerksam und verschaffte ihm einige wohlhabende Schutzpatrone. Besonders der Gunst des Principe Stigliana hatte Pergolese es zu verdanken, daß sich ihm die Pforten des Theaters öffneten. In feinen ersten Werken folgte er noch ganz den Grundsätzen seiner Lehrer und der Schule, der er angehörte. Bald aber ging er eigene Wege. Er hob die Fülle der Stimmen durch eine reiche Begleitung und selbständige Führung der Bässe und übertrug sogar auf die kirchlichen Kompositionen einen gewissen dramatischen Ausdruck. Er bereicherte das Orchester durch bis dahin im Orchester nicht gebräuchliche Instrumente und gab den Kantilenen einen leidenschaftlichen Schwung. So erwarb er sich die Achtung aller großen Zeitgenossen Und doch brachten ihm die Aufführungen seiner nächsten Opern „La Sallustia" und „Recimero" nicht dm erhofften Erfolg. Verärgert wandte sich Per- golefe von der Bühne ab und komponierte eine große Reihe kammermusikalischer und kirchlicher Werke, die sich durch veredelte Melodie und Wohlklang von denen seiner Zeitgenossen abhoben Als im Jahre 1731 Neapel von einem Erdbeben, das in der Umgebung großes Unheil angerichtet hatte, ziemlich verschont geblieben war, erhielt Pergolese vom Magistrat der Stadt den ehrenvollen Auftrag, die F e st m e s s e für den Dankgottesdienst zu schreiben. Es wurde feine berühmte Messe für 2 fünfftimmige Chöre und 2 Orchester. Sie verbreitete feinen Ruhm durch ganz Italien. Wer einmal dem Theater verfallen ist, kann sich von ihm nicht wieder losreißen. Der Erfolg seiner geistlichen Kompositionen ermutigte Pergolese zu immer neuem Schaffen. 1731 folgten Schlag auf Schlag feine damals bedeutendsten Kompositionen, darunter viele Opern, die heute alle vergessen sind. Den Jubel aller Zeitgenossen brachte ihm fein zweiaktiges Lustspiel „La serva padrona' (Die gebieterische Magd) ein. Diese kleine Oper ist ein Muster ihrer Art voll ewiger Jugendfrische und feinster Komik. Noch heute zieht sie uns mit ihren reizenden Melodien in ihren Bann. Kurz nach ihrer Uraufführung trat sie ihren Siegeszug durch Frankreich, England und Deutschland an. Wie groß ihre Beliebtheit war, geht daraus hervor, daß in der Folgezeit eine Unmenge Nachahmungen und Bearbeitungen entstanden, und noch heutzutage erscheint sie in immer neuer Ausmachung aus der Bühne. Der Erfolg dieses Werkes war der Höhepunkt im Leben und Schaffen Pergolefes. 1735 wurde er mit der Komposition der Karneoalsoper für Rom beauftragt. Es wurde die Opera seria „Olimpiade". In Rom aber hatte sich schon seit den ersten Erfolgen des jungen Komponisten eine ihm feindliche Partei gebildet, die ihm seine Erfolge neidete und seine Werke mit vernichtender Kritik überschüttete. Die neuen Wege, die er beschritt, waren für die meisten seiner Zeitgenossen unverständlich. Sie erkannten nicht den Weg in die Zukunft, den dieser junge Musiker mit klarer Hand vorzeichnete. Als die „Olimpiade" bei ihrer Uraufführung einen vollen Mißerfolg erlebte, war damit auch das Schicksal des Komponisten besiegelt. Ein 'Mitschüler Pergoleses, Egidio Duni, der mit seiner Karnevalsoper den Vogel abschoß, obgleich sie weit unter der „Olimpiade" steht, sagte zu Pergolese: „Mein Freund, in deinen Werken sind so viele Detailschönheiten, die man bei der Lektüre oder als Kammermusik gewiß heraus- hören würde, die man aber auf dem Theater nicht gewahr wird. Für einen großen Raum gehören große Noten." Besser kann die Oper nicht charakterisiert werden. Die Schönheiten der Partitur gehen in einem großen Hause vollständig verloren. Pergolese war im letzten und tiefsten Sinn eben doch nicht der geborene Dramatiker, sondern seine großen Leistungen lagen auf dem Gebiete der Kammer- und Kirchenmusik. Nach dieser Niederlage war Pergoleses Ehrgeiz aufs Schwerste verletzt. Er ertrug diese Demütigung nicht. Krank und müde kehrte er nach Neapel zurück. Die Aerzte, die das kritische Stadium seiner Krankheit erkannten, schickten ihn sofort in die berühmten Bäder von Pozzuoli am Golf von Bajä, wo die letzte Hoffnung aus Heilung feiner fast zerstörten Lunge war. Hier vollendete der dahinsiechende Musiker sein Meisterwerk, das zugleich sein Schwanengesang wurde: das „8 t a b a t mafer“. Er fühlte, daß sein Leben sich rasch dem Ende näherte und gab sich mit letzter Kraft dieser Komposition hin. Den Auftrag dazu hatte er von der Brüderfchast S. Luigi di Palazzo in der Kirche S. Maria di Loretta erhalten und auch schon das vereinbarte Honorar von zehn Dukaten im voraus dafür bekommen, da er in sehr ärmlichen Verhältnissen lebte. Sein Lehrer Feo besuchte ihn in diesen letzten Tagen und erkannte mit Schrecken, daß Pergoleses Tage gezählt waren. Er flehte ihn an, sich doch zu schonen und nicht seine schwachen Kräfte an diesem Werke zu verströmen. Pergolese lächelte schmerzlich: „O teurer Lehrer, ich habe, um zu Ende damit zu kommen, keine Zeit zu verlieren". Unsäglich schwer rang Pergolese mit diesem Stoss. Es wird erzählt, der kranke Musiker sei stundenlang durch die Straßen der Stadt geirrt und habe nach Melodien gesucht, bis er eine weinende arme Frau antraf, die ihm auf fein Drängen erzählte, daß ihr Mann eben unschuldig hingerichtet würde. Er geleitete die Unglückliche in ihr halbzerfallenes Haus, wo auf einem Strohhaufen zwei kleine frierende Kinder hockten, die der Mutter jammernd die Arme entgegen» streckten. Da fällt die Frau auf die Knie nieder, drückt die beiden Kinder an sich und singt mit zarter, (elfer Stimme ein Wiegenliedchen. Wie ein Engelsgesang aus einer anderen Welt klingt es dem erschütterten Jüngling. In feiner Seele bricht es wie ein Silberguell auf und strömt und wogt in himmlischen Melodien. Weinend eilt er nach Hause und schreibt und schreibt, und Seiten füllen sich auf Seiten ... Als Feo am 16. April 1736 wieder nach Pozzuoli kam, um feinen kranken Schüler zu besuchen, fand er das Werk vollendet, aber auch das Leben des jungen Meisters. Nur 26 Jahre umfaßte es. Die sterblichen Ueberrefte wurden in aller Stille in der Kathedrale S. Trocolo zu Pozzuoli beigefetzt. Später wurde ihm von feinen Verehrern eine marmorne Gedenktafel gefetzt. Und was die Menschheit dem genialen Musiker bisher versagt hatte, das brachte sie nun feinen Werken in überreichen Maßen entgegen, freilich zu spät. Und noch heute erfreuen wir uns feiner herrlichen Musik, wie sie in feiner „La serva padrona“ ober im „Stabat mafer“ erklingt. Verantwortlich: l)r. HanSThtzriot. — Druck undDerlag:'Lrühl'scheUntveriitäts-Duch'UndEtetndruckerei.R.Lllnae, Di eben.