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In einem der stzten, also vordersten Bäume der Kiefernschonung mußte ein Vogel tzen. Von Zeit zu Zeit lieh er seinen melodischen Ruf erschallen. Der tzund dagegen war nun endlich verstummt. Der Stehgeiger knipste mit ditzen Fingern prüfend über seine Saiten und warf einen Blick in die Loten. Er schulterte seine Geige, ein altgedienter Soldat — und setzte he wieder ab. Adalbert Steyer und Frau v. Blinkburg sahen sich gleichzeitig um. Was war das für ein Lärm? Woher kam zu dieser Stunde das laute Stimmengewirr? Auf der Straße, die in das Dorf führte, näherten sich aus der Heide lammend dunkle Gestalten. Der Stimmlage ihrer Rufe nach mußten s Männer sein. Zwei bogen von der Straße ab, liefen dem Hotel zu imb riefen etwas, das nicht verständlich ward. Ein Kellner sprang ihnen mtgegen. Waren es Betrunkene, dann würde er sie am Betreten des jtauses zu hindern wissen. Aber es blieb still. Die Männer, auch der Lettner nun, verhandelten flüsternd. Da wartete der Geiger nicht länger. Er gab seinen Kollegen das Zeichen, und die Musik setzte ein. Es war nicht der Wiener Walzer, Isen Frau o. Blinkburg prophezeit hatte, aber auch Kreislers „Rose- niorie" hätte gefallen. Da geschah abermals etwas Unerwartetes. Der Kellner schoß über die Veranda heran und trat zu den Musikanten. Er hirach ein paar Worte, und die Musik setzte wieder aus. Frau v. Blinkburg und Steyer sahen den Kellner an. Er war blaß, i” schien verwirrt oder ratlos. Adalbert Steyer winkte ihm zu. Der Kellner zögerte, dann kam er an den Tisch. „Meine Herrschaften", sagte r. und war heiser, hob eine Hand und ließ sie planlos wieder sinken, gleichzeitig verstummend. „Was gibt es denn?" fragte der Schriftsteller erstaunt. „Warum ^stellen Sie die Musik ab? Was wollten die Leute auf der Straße ivn Ihnen?" Der Kellner raffte sich zusammen; vielleicht dachte er noch, daß es silsch sei, den Gästen hier Rede und Antwort zu stehen; aber er war M erregt, um rasch eine Ausrede finden zu können. „Die Leute brachten tine Botschaft, eine traurige", sagte er. „Unferm Herrn Alwien ist in i’T Heide ein Unglück zugestoßen." „Was!?" Der Kellner nickte. „Sie fanden Herrn Alwien beim Wegkreuz blut» inerftrömt und leblos." Steyer erhob sich. Er mußte sich auf den Tisch stützen. „Das ist — liahrhastig — seltsam." Der Kellner bat leise: „Bitte, sprechen Sie nicht darüber. Wir müssen C’«roarten. Die Leute holen den Gendarm und den Ortsvorsteher. Die lixehre ist schon unterwegs." Er verbeugte sich und wollte davon, aber Meyer hielt ihn beim Arm fest. „Wenn Sie die Panik unter den anderen Gästen vermeiden wollen, es handelt sich ja um zumeist ältere k»rrschasten, die, wenn sie diesen schlimmen Todesfall erfahren, sicherlich hser nicht bleiben wollen, wenn Sie verhüten wollen, daß morgen dies Jmtel leer ist, lassen Sie die Musik weiterspielen." Der Oberkellner sah den Schriftsteller an. „Sie haben recht", sprach e:,, „ich danke für den Hinweis." Nun ging er wirklich. , Wie kann sa etwas geschehen?", fragte Frau v. Blinkburg, mit ent» («Sten Augen Adalbert Steyer anstarrend. Der schrak auf aus tiefem skachdenken. „Warum fragen Sie mich?", rief er erregt, verbesserte sich dann aber sofort und meinte gedämpft: „Ich war doch hier bei Ihnen an Tisch, gnädige Frau; ich weiß nicht mehr als Sie." Sie nickte. Die Musik setzte ein und enthob sie einer Antwort. Der Schriftsteller faßte einen Entschluß „Ich will hingehen", sagte er, „ich warde zu erfahren suchen, wie es geschah, und Ihnen berichten." Sie sah aus. „Ich nehme kein persönliches Interesse an unferm Ge- ciästsführer. Es ist nur —" Ihre Blicke begegneten sich und hielten sie ftit. Cs war, als ahne er ihre Gedanken, als er sagte: „Seltsam. Das if das Wort, welches Sie suchen. Ja, es ist wirklich seltsaml Wenn ein h»nd heult, stirbt ein Mensch. Ich äußerte das im Grunde gedankenlos. könnte man beinahe Angst vor sich selbst bekommen, nicht wahr?" | Er nahm seinen Hut; den Stock vergaß er. „Da geht ein Mensch über die Heide; er tut vielleicht wie ich vorhin einen kleinen Abendspazier- gang; es ist dunkel; aber er plant nichts Böses. Da steht plötzlich am Wegkreuz ein Fremder vor ihm, und ehe der Ueberraschte den Mund öffnen kann, bevor er die drohende Gebärde recht begreift, saust ein Knüppel durch die Lust und streckt ihn zu Boden. Der Landstreicher erbeutet eine Brieftasche und schleicht davon." „Glauben Sie, daß es so geschah?" Adalbert Steyer zuckte die Achseln. „So ober ganz ähnlich. Wir haben keinen Schuß gehört. Alwien ist also niedergeschlagen oder erstochen worden. Ich werde es erfahren. Dies Wissen macht allerdings den armen Menschen nicht wieder lebendig; es ist im Grunde unwichtig, wie alles Nachher. Aber es mag auf die Spur führen, und man wird den Mörder fangen." Er fah vor sich hin. Leiser noch, als hole er seine Worte von weit her, schloß er: „Und der Täter, den man dann fängt, wird nicht mehr der Mörder {ein, sondern ein Mensch; denn nun — wiederum bas Nachher — ist bie Sekunde, ba er ben Morb beging, vorbei, unb er ist längst ein anberer. Jetzt würbe er bie Tat nicht mehr zu tun vermögen. Jetzt bereut er schon. Denn ber Mensch ist sich in keiner Stunbe gleich; aber er muß einstehen für jebe Minute feines Gebens." Er schaute Frau v. Blinkburg noch einmal ins Gesicht. „Gute Nacht", wünschte er. Aber sie antwortete ohne zu zögern: „Ich werde auf Sie warten." Da ging er mit einem Kopfnicken. Die Musik spielte immer noch. Das ältere Ehepaar brach auf und schritt bie Treppe hinauf in sein Zimmer; nicht viel später folgte bas alleinstehenbe Fräulein. Alle brei hatten bem kurzen Geschehen keine Beachtung geschenkt unb gingen ahnungslos unb unbeschwert ihrer Nachtruhe entgegen. Frau v. Blinkburg blieb sitzen. Es war nicht kühl. Da sie zubem gar nicht mübe mar, beschloß sie, wirklich zu warten. Die Musiker beratschlagten eine Weile. Dann ließen sie eine längere Pause eintreten. Frau v. Blinkburg war so in Nachdenklichkeit versunken, baß sie die Bewegung übersah. Die drei Künstler verschwanden. Der letzte Kellner war im Saal beschäftigt, bie Tische für ben Morgenkaffee zu richten. Frau v. Blinkburg saß auf ber Beranba ganz allein. Warum warte ich?, bachte sie. Morgen früh kann mir Herr Steyer bas alles genau so gut erzählen. Aber sie blieb sitzen. Vielleicht kam er halb zurück. Ein Winb hatte sich aufgemacht. Er fegte über bie Heibe und rauschte in den Kiefern. Der Mond warf ein rasch wechselndes Licht herab; zuweilen verdeckten ihn Wolken, und erlosch für eine kurze Zeit ganz. Adalbert Steyer schritt auf der Landstraße dahin. Er konnte sich gut denken, wo der Kreuzweg, der Tatort, sich befinden würde. War er nicht selber vorhin dort vorbeigekommenl Er sah zu Boden. Die Hutkrempe verdeckte sein Gesicht. Er dachte angestrengt nach. Der Ortsvorsteher, Herr Pfrundt, kam ihm'mit dem Gendarmen entgegen. Sie grüßten einander; Steyer hatte sich mit Pfrundt bei feinem ersten Besuch bekannt gemacht. Herr Pfrundt war geschwellt von Wichtigkeit. „Sie bringen ihn auf ber Bahre", gab er Auskunft auf Steyers Frage. „Ich habe veranlaßt, baß bie Träger ben Richtweg zum Krankenhaus gehen unb nicht hier biefe Lanbstraße. Wo soll ich sonst hin mit ihm, er ist fremb hier." „Sie besitzen im Ort ein Krankenhaus?" „Gewiß. Es ist nicht groß. Aber von ben zwölf Betten finb noch immer einige frei. Die Leute finb hier sehr gesunb, wissen Sie. Ein alter Sachsenschlag mit harten Schübeln." Er zog ben Munb schief, aber das war kein Lachen. „Wäre das Unglück, bas Herrn Alwien zustieß, einem Eingeborenen geschehen, es wäre nur halb so schlimm geworben. Der arme Herr Alwien mußte dran glauben. Er hat sich auch einen recht kantigen Stein ausgesucht, als er stolperte." „Sie wissen — das — bestimmt?" „Was soll ich bestimmt wissen?" „Wie es geschah." „Cs war nicht schwer festzustellen. Er lag noch auf dem Stein, auf ben er gestürzt war." „Wer fanb ihn?" „Glahn, ein Pächter aus ber Umgegenb." „Eine anbere Lesart ist ausgeschlossen? Morb? Raubmorb?" Herr Psrunbt sah ben Schriftsteller an. Es fehlt weber die Brieftasche noch Uhr ober Ringe. Zubern war niemanb um die Zeit auf der Heide. Glahn ist keiner Menschenseele begegnet. Wenn Herr Alwien noch hätte aussagen können, als wir ihn aufhoben, würde er uns sicherlich fein Mißgeschick genau in der Form erzählt haben, wie wir es schon erraten hatten." „Ja, ja. Es war nur so eine Idee." Herr Pfrundt wurde ganz Amtsperson. „Es ist nichts versäumt worden", stellte er fest. „Die Polizei" — und er wies auf den Gendarmen — „war zugleich mit mir zur Stelle. Es handelt sich zweifellos sich nicht ver» Herr Pfrundt, an. Alwien sei der Ortsvorsteher zu Protokoll genommen haben, fiert Alwien ist ermordet worden! Es hat nur so ausgesehen, als ob er auf einen Stein gefallen sei. In Wahrheit ist dieser Stein auf ihn gefallen. Klar ausgedrückt: Alwien ist mit einem Stein niedergeschlagen worden! „Sie waren dort? Haben Sie Beweise für das, was Sie sprechen?" "Gewiß." Er sah sich um; sie waren allein, da griff er in die Tasche und" brachte einen Stein zum Vorschein Er war faustgroß und rund, dazu ziemlich glatt, wie aus einem Geröll oder am Strande aufgelesen. Steyer hielt dieses Stück in das Licht. „Der Stein »ft blutig, nicht ^"grQU v. Blinkburg nickt gespannt. Ein Schauer durchrann ihre @l'stener suhr fort: „Es ist nicht der Stein, auf dem Alwien lag, als man ihn entdeckte. Dieser Stein sand sich drei, vier Meter entfernt iN der Heide, vom Kraut fast verdeckt. Ich bemerkte ihn zufällig. Und daraus schließen Sie ..." .... ~ Er hob eine Hand und wehrte ab. „Ich sage Ihnen, gnädige Frau, ich folgere keine Schlüsse; ich mutmaße nicht; ich weiß! S.e werden sich sogleich meiner Idee anschließen. — Man fand Alwien aus dem Rucken liegend in der Heide. Sein Hinterkopf lag auf etnem großen, eckigen Granitblock, einem Findling, der halb aus der Erde ragte. Auch dieser Findling wies Blutspuren auf. Aber nun kommt das Sonderbare. Alwiens Wunde am Hinterkopf war nicht bedeutend. Jedenfalls hatte sie nie zum Tode geführt. Den fofortigen Tod herbeigerufen hat eine Verletzung, die Alwien an der Stirn genau am Haaransatz erhielt. ,,0f) ...", brachte Frau v. Blinkburg heraus. Und dann: „Sie haben den Toten noch gesehen in der Heide?" Ich war im Krankenhaus, ich habe ihn angesehen; man hat ihn dort aufgebahrt. Ich habe den Ortsvorsteher, den Arzt und den Gen- barmen veranlaßt, noch einmal die Leiche zu betrachten. Sie haben die Verletzung untersucht. Aber von einem Mord will man nichts wissen, trotz meiner markanten Hinweise." „Ja — aber das sind doch Tatsachen, denen man fernt, warf ich dringlich ein. . Sagen Sie doch nicht Tatort! Es gibt keine Tat in diesem Sinne. Und daß der Stein ein Ende weit weg lag — bester Doktor, es sind viele Menschen inzwischen an der Unfallstelle gewesen. Ein Fußtritt hat ihn vielleicht wirklich ein Stückchen beiseite gestoßen. Und dieser Fußtritt soll zufällig erfolgt fein?, fragte ich. Da zuckten sie die Schultern und ließen mich fo ungefähr stehen. Der Herr Pfrundt meinte noch, kühl bis zum Halse, wenn ich das Gefühl hätte, es fei bei der Untersuchung etwas versäumt worden, möge ich meine Beziehungen zur Presse benützen und den „Fall" aufrollen. Das Wort Fall kam so überlegen höhnisch, daß ich es aufgab. Ich verlieh das Krankenhaus und ging nochmals zu der Unfallstätte." „Um Himmels willen!" „Doch. Ich hatte mich zu sehr geärgert. Cs war beinahe, als ob ich nun für eine persönliche Sache hier fechten müffe. Und es war wirklich gut, daß ich noch einmal zum Wegkreuz zurückging." „Sie fanden noch etwas, was Ihre Ansicht befestigte?" ,Hch fand noch etwas. Ja. Und vor allem, ich begegnete einem Menschen." Er sah zu Boden und zögerte einige Sekunden unschlüssig. „Jetzt müssen Sie mir alles sagen", bat Frau v. Blinkbura „Sie haben mich zur Hälfte eingeweiht, ich muß nun auch den Schluß der Geschichte wissen." Er hob den Kopf mit einem Ruck. „Den Schluß!? Oh, Frau o. Blinkburg, der Schluß steht noch aus. Diese Geschichte, wie Sie sagen, beginnt erst. Sie ist doch recht düster und geheimnisvoll, und kein Lichtschein will sie vorläufig aufhellen." (Fortsetzung folgt.) nm einen Unglücksfall, einen Hef bedauerlichen natürlich; aber eine 1 Schuld frage kann nicht gestellt werden. Das bewies der Ve,und an , Drt und Stellbar g^nug.. bei)elmten Gendarmen an Ein j Mann.' blond bebartet, mit gutmütigem Gesicht, das kaum die Gabe triminaliftitoer Findigkeit verriet. „Run, das ist auf jeden Fall besser, als wenn fid) an die Tragödie noch ein Prozeß anschloffe, Raubmord °^^Ia""wrach Herr Pfrundt, „solchen Fall haben wir in unserer Gemeinde Gott sei Dank noch nicht erlebt." Er faßte an den Hut und beendete die Unterredung. Adalbert Steyer hielt ihn nicht mehr zuruck. Ohne Eile schritt er weiter. Ich bin wahrhaftig ein Narr, dachte er. Was redete ich da von Mord und Totschlag. Ich bin in dieses Heio^ dors gefahren, um auszuspannen. Nun kommt mir dies dazwischen. Ach tann ^beifeite treten. Niemand will etwas von mir. ^tuß ich mich vordrängen. Er blieb stehen. Ich sollte umkehren. Was habe ich beim Weg- kreuz, wo man Alwien fand, zu suchen. Eine Sekunde Zögerte er, fein Schritt stockte, dann ging er weiter. Er schritt sogar rascher aus. Wes halb? Es war nicht zu erklären. Wie sollte er em Gefühl beschreiben, wenn es keine Auswirkungen zeigte, als diese Beschleunigung des Marfcktempos? Ihm war, als habe er einen inneren Ruf gehört- Er mußte noch einmal zum Wegkreuz gehen. Es war wichtig. Vielleicht war doch etwas vergessen worden. So wehrte er sich denn nicht langer. Stand etwas gegen ihn? Der Mond verschwand. Der Wind am stärker auf; er jagte pfeifend Wolkenfetzen niedrig über die Heide. Aber Steyer war nun'nicht mehr zu beirren. . Dort war der Kreuzweg. Wahrhaftig, die Stelle lag wie ein helles, großes Kreuz in der dunklen Heide. Hier waren Menschen gewesen vor kurzer Zeit/ Die Wegränder waren zerstampft, das Heidekraut war niedergetreten. Steyer schritt gebückt. Er suchte den Boden °b Wenn Alwien an dieser Stelle vorn Weg abgebogen war, um zum Hotel über die Heide querfeldein, rascher vorwärts zu kommen, mußte er hier gestürzt fein. Dort lag ein Stein. Und da nneder emer. Diele Steine. Man bemerkte sie erst gar nicht, sie waren zur Hälfte noch m der Erde. Steuer schritt den Weg, den Alwien genommen haben mußte. Fern schimmerten die Lichter des Hotels. Da faß eine entzückende Frau und wartete. Weshalb ftapfte er hier durch das Heidekraut? Vollkommen sinnlos. Sein Interesse war, hier sernzubleiben. Der Tote war abtrans- oortiert Diese Stelle zu finden, die Steine anzufehen, ob er vielleicht ben einen mit den Blutspritzern wiedersand, war ein unsinniges Unter» fan®r" roar im Begriff, sich aufzurichten, da stolperte er. Fast wäre er auch gestürzt. Duplizität der Ereignisse. Jagte ihm das solchen Schreck ein? Er richtete sich nun doch auf. Gerade tarn der Mond einen Augenblick hinter einer Wolkenwand hervor. Er warf ein unwirkliches l-icht auf Siegers Gesicht. Das war es wohl, was diefe Züge fo verzerrt und gespannt zugleich erscheinen ließ. . Denn den Mann, der da über die Heide in feinem Rucken herankam, hatte Adalbert Steyer noch nicht bemerkt, weder gehört noch gesehen. Der Mann nämlich, der sich näherte, vermied es, auffällig zu werden, bevor er es nicht selber wünschte. Daß er den Schriftsteller schon lange gesehen hatte, war ganz gewiß. Vielleicht wunderte er sich, was dieser fremde Mann dort an der Unsallstelle machte. Er schritt behutsam näher. Auf zwanzig Meter etwa blieb er stehen, faßte in die Tasche und zog einen Revolver „Hallo!" rief er. „Wer sind Sie? Was suchen Sie hier? Steyer prallte herum, als habe er einen Schlag bekommen. Er hatte sich namenlos erschrocken. Der Fremde kam heran und sah ihn an. „Was suchen Sie hier? wiederholte er drohend seine Frage. Adalbert Steyer starrte in die Revolvermundung. „Tun Sie die Waffe herab", sagte er, „von meiner Seite droht Ihnen keine Gefahr. War das eine Antwort? Der fremde Mann musterte den Schriftsteller prüfend. Dann ließ er den Revolver sinken. „Wissen Sie, wo Sie hier stehen?" fragte er. Steyer nickte. „Ich bin aus dem Hotel", erklärte er, „dort wußte man es schon. Doch Sie kommen aus der entgegengesetzten Richtung... Er brach ab. Es war wohl gefährlich, in dieser Situation so etwas zu ^Der andere sagte kalt: „Ich wußte es als erster. Ich fand ihn. Dort lag er. Ich bin der Pächter Gkahn vom Rügen Hofs." 3. Frau v. Blinkburg hatte wirklich gewartet. Sie saß noch am selben Platz; nur die beiden Schiebfenster hatte sie herunterziehen lassen, denn der Wind hatte Kühle und Staub herangeblasen. Steyer langte ein wenig außer Atem an. Wahrscheinlich war er deswegen so bleich. Sie sah ihn an, aber es täuschte sie nicht. Sie sah sogleich, daß feine Erregung einen anderen tieferen Grund haben mußte. Er ließ sich recht formlos in den Korbstuhl ihr gegenüber fallen. Was gibt es denn? Ist Ihnen doch ein Heidefpuk begegnet?" Er schüttelte den Kopf, aber er vermochte nicht, ihr schwaches Lächeln S erwidern. Seine Hände taten eine Bewegung, die auf halbem Wege on zerslatterte; er ließ sie wieder auf die Knie sinken. Als er sich vorbeugte und zu ihr sprach, erschrak sie vor dem Glanz seiner Augen und überhörte fast seine Worte. Erst als das Wort Mord fiel, schrak sie zusammen und horchte auf. „Aber um Himmels willen, Herr Steyer, wie dürfen Sie das aus» sprechen! Wenn Herr Alwien ermordet worden wäre, wüßte doch zu allererst die Behörde davon!" „Das ist die weitverbreitete Laienmeinung", versetzte er trübe; „aber die Behörde, das sind auch nur Menschen, nicht wahr; und Menschen können sich ost gewaltig irren und sind leicht zu täuschen." „Sie glauben ..." „Ich glaube nicht nur, ich weih! Leider, muß ich sagen. Herr Alwien ist nicht gestürzt und aus einen Stein gefallen, wie der Gendarm und schließen kann!" Er neigte den Kopf. „Das habe ich genau fo gesagt, gnädige Frau. Aber so heißt der Ortsvorsteher, erkannte solche Beweise nicht gefallen, das stehe fest. Er habe eben am Boden n°ch °'ne Wendung gemacht und sich auf den Rücken gedreht Der Arzt zuckte die Achselm Ob die Verletzung von einem Sturz oder Schlag herruhrte, fei in btefern Falle nicht mit Sicherheit festzustellen. Er, wenn feine persönliche Meinung in Frage komme, glaube an einen unglücklichen Sturz. Frau v. Blinkburg sagte nichts daraus. Sie war zu überrascht von allem, als daß sie schon eine feste Meinung gehabt hatte. S,e war bereit, sich Steqers Ansicht anzuschließen, denn Steyer war nah und hatte klare Argumente; aber sie begriff anderseits, daß auch die Manner tm Krankenhaus zu ihrer Ueberzeugung, daß hier ein Ungttickssall vorliege, auf Grund von berechtigten und wohlerwogenen Schluffen gekommen fein mußten. _ _ , . ...__. . Es war, als ahne Steyer ihr Schwanken. Er beugte sich noch ein wenig näher. „Wissen Sie, was ich vermute, gnädige Frau? Man will den Mord nicht", flüsterte er. „Man wünscht für den aufstrebenden Fremdenerholungsort nicht folchen Kriminalfall, der recht fühlbare Folgen haben könnte." Sie hatte große runde Augen. „Unsicherheit in der Heidegegend hier würde manchen abhalten, herzukommen. Das meinen Sie doch?" So ist es", gab er zu. „Herr Pfrundt sowohl wie die anderen Männer hatten es eilig, mich non dem Toten wieder wegzubringen. Meinen Stein hier, dies untrügliche Beweisstück, wie mir scheinst beachtet..: sie gar nicht. Lieber Herr Steyer, sagte Pfrundt bieder. Sie sind Schriftsteller, Ihre Phantasie geht mit Ihnen ein bißchen durch. Ihr Kieselstein da hat eben auch einen Blutspritzer abbekommen, als der arme Kerl sich den Schädel ausschlug. Das ist doch ganz logisch. Aber dieser Stein lag mehrere Meter vom eigentlichen Tatort ent- An einen Freund. Mil Uebersendung eines allen Buches. Von Eduard Mörike. Jüngst ich in eines Kaufherrn Kram Ein Pfund Tabak zu holen tarn. Die Ladendirne, jung und frifch, Befcheidentlich stund Hinterm Tisch Und wog mir in bedächtiger Ruh Mein braun, süß duftend Kräutlein zu; Derweilen schaut' ich gähnend stumm So rings mich im Gewölbe! um: Da lag am Boden nächst zur Hand, Wurmstichig, alt, ein Foliant, Dergleichen wohl zum Packen und Wickeln Die Krämer blätterweis zerstückeln. Mit Andacht grüßt' ich allsogleich Hans Sachsens holde Musenstreich'. O schade um so viel edle Reim'! So goldner Weisheit Honigseim In Staub verschütt'tl Wer mag es sehn. Dem es nicht sollt' zu Herzen gehn! „Schön's Mägdlein", rief ich, „ach und ei! Verkauft mir die Schnurrpfeiferei!" Sie lächelt spötttsch vor sich hin, Ob ich auch wohl bei Sinnen bin? „Das ist ja Schund, Herr, mit Vergunst, Doch, steht's Euch an, habt Jhr's umsunst!" Ich sagt' ihr Dankes Ueberfluh: Hätt' gern gedankt mit einem Kuh; Schleppt' meinen Schatz heim unterm Arm, Und gleich drauf los, weil ich noch warm. Da war denn viel und allerlei: Im got'fchen Schnitt, Mythologei, Komedi, Tragedi dazu, Wacker versohlt nach'm Baurenschuh. Mit Wundern las ich, was er red't Von einem Dänenprinz Amlet. Run ich mich sattsam durchgewühlt, Sinnend das Werk in Händen hielt, Gedacht' ich dein zumal und meint' Der Fund wär just für solchen Freund. Ein fromm Gemüt oft liebt und ehrt, Was vor der Welt nicht Hellers wert. Oer Trompeter aus pobethen. Von Hans Franck. In der Kirche zu Pobethen — gelegen nahe der Ostseeküste des ehe- inaligen deutschen Ordenslandes — wird neben den heiligen Geräten eine Trompete und ein Säbel aufbewahrt. Die gehörten einstmals einem deutschen Kriegsmanne, welcher sowohl durch Anfeuerung der Kameraden mit kraftvollen Klängen seines Instrumentes, wie durch todmutiges Dreinschlagen dem Lande, das ihn geboren und gebildet hatte, manches Jahr tapfer diente. Eines Tages aber wurde er von den Schweden gefangen genommen und über das Meer mitgeführt. Er hatte es gut im Feindeslande, der Trompeter aus Pobethen. Man wies ihn — nachdem er fein Kriegerwort gegeben hatte, in keiner Weise Schweden zu schaden, auch niemals einen Fluchtversuch zu machen — einem Großbauern an der jenseitigen Ostseeküste zu, daß er diesem durch Arbeiten auf dem Felde dienstbar sei. Der Trompeter, da er die Landbestellung aus seiner Jugendzeit her von Grund auf kannte und ein fleißiger, ordentlicher Kerl war, wurde seinem Herrn unentbehrlich. Anfänglich hielt der ihn als Knecht. Sehr bald aber ließ er ihn nach eigenem Willen und eigener Einsicht arbeiten, setzte ihn — den Fremden — über seine Leute, machte ihn zum Verwalter und gewann sich schließlich einen Freund an ihm, mit dem er von nichts lieber sprach, als von den für Schweden ruhmvoll verlaufenen Kämpfen in Deutschland, aus denen er — von der Hand des Trompeters — eine rote stirnnarbe über die Ostsee zurückbrachte. Er hatte es gut in Schweden, der deutsche Trompeter. Und wurde doch seines Lebens nicht mehr froh. Sein Herr schenkte ihm zur Ermunterung eines der Pferde. Er möge, sagte er, wenn die Arbeit getan wäre, reiten so oft er wolle, so lange er wolle, wohin er wolle. „So oft ch will — ja", sagte der Trompeter. „Solange ich will — auch möglich. Aber wohin ich will — das stimmt nicht. Denn zu jenem Land, wohin gu reiten sich einzig für mich lohnt, kann ich und darf ich mich niemals sufmachen. Das wißt Ihr, Herr. Und hättet darum das Letzte besser nicht gesagt." Der Bauer schwieg. Denn ihm war bewußt geworden, daß der ehemalige Trompeter an einer unheilbaren Krankheit litt: Am Heimweh. Der deutsche Kriegsmann ritt in jenem Lande, darin er sich nicht «Is Gefangener, sondern als Gast fühlte, viel mit dem geschenkten Roß irntjer. Er schloß sich vor den Schönheiten von Feld und Wald, Fluß und See und Meer nicht zu. Trost aber, soweit dar heimwehkranke Herz sich trösten ließ, brachte ihm nicht sein Pserd, obwohl es ihm bald zum Kameraden wurde, sondern seine Trompete. Mit ber ging er immer wieder zum Strand, oft Abend für Abend, setzte sich nieder und blies — das Gesicht gen Süden gekehrt, Schweden im Rücken — Lied auf Lied. Als in der ersten Zeit jemand feinen Dienstgeber fragte: Was der deutsche Mann denn eigenllich immerfort blase? lautete die Antwort: „Deutschland bläst er!" Da der Trompeter aus Pobethen länger als ein Jahrzehnt seinem schwedischen Herrn gedient hatte, sagte er zu ihm an einem Novemberabend: „lieber Nacht war er bei mir." „Wer?" fragte der Bauer. „Der nur zweimal im Leben kommt: Zuerst, wenn er verkündet, daß er uns demnächst abholen wird, und zu zweit, wenn er sein Wort wahrmacht." „Unsinn! Ein Dutzend Mal und öfter kommt der Tod zu den Menschen, eh er nicht wieder weggeht." — „Noch einen Monat hat er mir gegeben." „Und —?" , „ „Und darum wollte ich Euch sagen, Herr: Ich reite morgen fort. „Muß ich dich daran erinnern —?" „Daß ich nicht fliehen darf? Ist unnötig. Ich reite nicht in ein anderes Land. Aber, daß ich mich freien Willens zu jener Welt, aufmache, die wir Himmel nennen, verwehrt mein Schwur mir nicht." „Was foll das bedeuten?" „Ich reite morgen auf die Ostsee hinaus. Südwärts." „Wenn es auch früher und härter gefroren hat, als sich irgendeiner im Kirchspiel erinnert, zugefroren ist die Ostsee nicht. Nach Deutschland —" „Wofür haltet Ihr mich!" fiel der Trompeter seinem Herrn ins Wort. Ich will nicht, was ich nicht darf: nach Deutschland reiten. Traut Ihr mir zu, daß ich einen Kriegerschwur breche? Nicht nach drüben reite ich. Sondern nach droben. Begreift mich doch!" Der Bauer begriff und schwieg. Der Heimwehkranke wiederholte: „Ich reite morgen auf die Ostsee hinaus. Südwärts. Immerfort nach Süden." „Du wirft einbrechen." „Das weiß ich." „Wirst ertrinken!" „Das will ich " Um das Pferd, fuhr der Trompeter fort, fei es allerdings schade. Aber zu Fuß könne er, da er fein ganzes Leben lang dem Tode entgegengeritten wäre, diesen Weg nicht machen. Er habe vom Lohn soviel Geld erspart, daß sein Herr sich dafür zehn Pferde kaufen könne. Nein, nicht das Geld ablehnen! Wenn der treue Gaul ihm auch geschenkt sei. — Alles was er in Schweden empfangen hätte, habe er stets als Lehen betrachtet. Einverstanden also? — Gut. Das Meer sei erbarmungsvoll. Es werde feine Leiche nach Deutschland tragen, daß er in deutscher Erde fein letztes Lager finde. Wenn es aber wider Erwarten mißgünstig fei und ihn nach Schweden zurückbringe, dann falle fein Herr ihn am Strande verbrennen und die Asche dem Wasier überantworten. Denn in schwedischer Erde, in der Erde eines fremden Landes, eines Landes, gegen das er mit feinem Säbel gefochten habe, könne und wolle er nicht bis zum Jüngsten Tage schlafen. Sein Herr dürfe diese Worte nicht mißverstehen. Keine Silbe sage er damit gegen Schweden, das an ihm gleich einer zweiten Mutter gehandelt hätte. Gleich einer Mutter! Aber doch: wie die'zweite, nicht wie die erste Heimatmutter, die ihn geboren und gebildet, getränkt und genährt habe Jahr um Jahr. Ob der Herr ihm die Hand darauf gäbe, daß er feinen Leib verbrennen und die Asche ins Meer werfen werde, wenn die Ostsee seinen toten Körper nach Schweden zurück, und nicht — wie er inständig hoffe — nach Deutschland hinüber trage. Zwei Hände, nicht die eines Schweden und eines Deutschen, nicht die eines Herrn und feines Untergebenen, zwei Kriegerhände fanden sich zum Gelöbnis. Am andern Morgen stieg der von den Schweden gefangene Trompeter aus Pobethen in feine sorgsam aufbewahrte deutsche Soldatenmontur hinein, umgürtete sich mit dem Säbel, nahm seine Trompete von der Wand herunter, holte das geschenkte Roß aus dem Stall, bestieg es, setzte sein Instrument an, blies und ritt — mit südwärts gerichtetem Blick — auf das Eis der Ostsee hinaus. Jener Choral, den der Trompeter als erstes erklingen ließ, hebt an: „Herr Jesu Christ, mein Lebens Licht, Mein höchster Trost und Zuversicht, Auf Erden bin ich nur ein Gast, Und drückt mich schwer der Sünden Last Ich hab vor mir eine schwere Reis' Zu dir ins himmlisch Paradeis; Da ist mein rechtes Vaterland, Darauf du dein Blut hast gewandt. Zu reifen ist mein Herze matt. Der Leib gar wenig Kräfte hat; Allein mein Seele schreit in mir: Herr, hol mich heim, nimm mich zu dir!" Alle vierzehn Verse blies, indessen er sie inwendig mitsprach, der Trompeter. So sehr gab er sich an das Lied hin — an Weise und Wort — so ganz war er dieses Lied, daß er nichts von dem vernahm, was um ihn vorging. Er gewahrte nicht, daß sein Pferd plötzlich still- stand. Er hörte nicht, wie es hinter feinem Rücken bonnerartig krachte. Die Augen des südwärts gerichteten Gesichtes zum Himmel gekehrt. Mit seinem Gehör nicht mehr auf Erden, das Herz bereits nach drüben geworfen, hinüber in die andere Welt, blies er das Lied, dessen A und O I lautete: „Herr, hol mich heim!" Als der Trompeter am Schluß des I Gesanges im Irdischen wieder erwachte, sah er — anfangs zu seinem Schrecken dann Jtt seinem Staunen, schließlich zu .seinem unsäglichen raSj __'hQE, er qen Süden vorwärts kam, obwohl sein Pferd still stand. Da tat der Trompeter was er um keinen Preis tun wollte. Er wandte iick um blickte nach Schweden zurück, erkannte, daß sich eine mächtige E^lckolle losaeristen hatte und mit ihm der deutschen Küste zutrieb. Tiefbewegt "hob er"die Trompete und war nun stark genug, seiner Zweiten Heimatmutter Dank und Lebewohl zuzuwinken. j 2iuf der Eisscholle hat der länger als ein Jahrzehnt m Schweden aeianaen q»haltene deutsche Trompeter die Fahrt heim tn tue Heimat aeSt Da er dies nicht tat, sondern es ihm getan wurde war es deinem Serien keine Flucht, nicht em Bruch des Schweres, den er IN Schweden leistete, sondern Gnade Gottes. Viele Lieder hat er auf dieser Reise geblasen, geistlich-weltliche, kriegerisch-friedliche, der Trompeter aus Pobethen und sein Gesicht kein zweites Mal zmuckgewandt. Ms er Deutschland mit Augen fern am Horizont aufleuchten sah, begann e ein neues Lied, das so anhebt und endet: „Und ließest du die Heimat auch, westwärts gewendet das Gesicht, scheiden kannst dich von Baum und Strauch, von deiner Heimat nicht. Sie ist in deinem letzten Hauch, ist in dem Blick, der dir zerbricht. Denn ließest du die Heimat auch — die Heimat läßt dich nicht." Bei Rantau, anderthalb Meilen von Pobethen entfernt, ist der Trompeter gelandet und geraden Wegs in fein Heimatdorf geritten. Dort hat er — auf den Tag genau — so lange gelebt, bis der Monat herum war, den der Tod ihm als letzten des Lebens verkündigt hatte. Sein Roß hat aus keiner deutschen Hand Futter genommen und ist daher bald hernach verendet. Man hat nicht gewagt, einen Kadaver tn dem toten Pferde zu sehen und es — wie man doch selbst mit Tieren gewohnt war, die man Jahre lang gehegt und gepflegt hatte — zu mancherlei nützlichen Zwecken zu zerstückeln. Das schwedische Roß ist vielmehr in der Nähe des Kirchhofes, auf dem fein letzter Herr, fern Kamerad und Freund ruhte, unbeschädigt mit seinem Sattel und Zaum bestattet worden. Säbel und Trompete des Mannes aber, den die Heimat in der letzten Not nicht verließ, weil er ihr auch in der Fremde unverbrüchlich die Treue hielt, verwahrt man in der Kirche zu Pobethen bis zum heutigen Tage als Heiligtum. Gchlangenpark. Von Fritz Reck-Malleczewen. Ich habe so ungefähr vier oder fünf Schlangenerlebnisse gehabt. Das erste auf einer sehr notablen Hamburger Hochzeit, wo ein alter klapperiger Tanzlehrer den sehr notablen Brautjungfern und Brautführern ein Menuett und der notabelsten Lady sogar einen Schlangentanz beigebracht hatte, und nachher setzte sich der alte Tanzlehrer versehentlich auf den Python, den man bei Hagenbeck entliehen und nach dem Tanz achtlos auf einen Sessel in der Garderobe gelegt hatte, herauf. Und das weitere können Sie sich denken. An sich ist ein Python sanft und ungiftig wie ein Regenwurm ... wie aber, mein Herr, käme es denn Ihnen vor, wenn man Sie zuerst in der Garderobe abgeben und bann sich auf Sie heraufsetzen wollte? Der alte Herr schrie und die notablen Paare mußten den Python (denn diese unheilige Kreatur kann ja nicht loslassen, wenn sie sich erst einmal sestgebissen hat!) ... die notablen Paare also muhten den Python losreihen und bann den alten Tanzlehrer, was wenig festlich ausfah, in eine Waschschüssel mit Lysolwasser fetzen ... So war bas. Und einmal beim Baden in Beira an der portugiesisch-afrikanischen Ostküste stand plötzlich vor mir hoch aufgerichtet und mit aufgeblähter Halshaube eine höllenschwarze Ringhalskobra, und ich denke ungern an diese Begegnung zurück. Einmal in Ecuador wurde in meiner Gegenwart ein chinesischer Farmarbeiter von einer riesigen Ekih in die Wade gebissen, und nachher ließen wir die Schlange aus dem Busch treiben und zerflederten sie mit Schrot Nr. 2, und ich habe noch die ausgebrochenen Giftzähne, und die Verwandtschaft ist geneigt zu glauben, es handle sich um hinterlassene Zähne unserer Tante Angelique ... Aber es waren wirkliche Giftzähne, und der Chinese starb in vier Stunden einen schweren Tod. Und der kleine Zuluboy, der in meiner Gegenwart am Grunde eines Kanalisationsschachtes von einer Mamba ins Handgelenk gebißen wurde, der starb in zwanzig Minuten einen noch viel schwereren ... Dann bin ich in Nordafrika im Zelt in den Bedkandhills aufgewacht von einem penetranten Moschusgestank, und draußen fchien grell der Mond, und im Grunde der nahen Kiesgrube räkelte es und regte sich wie ein riesiger Bottich voll Krebse. Und schürfte mit Hornringen auL Kies und Stein und umwand sich ekelhaft und war ein einziger Klumpen von Mokassinschlangen, und als ich mitten hineinschiehen wollte, da rissen mir die Boys das Gewehr fort und warnten mich und meinten, die Mokolsin werden Rache nehmen und mich verfolgen und selbst noch auf dem Dampfer mich zu erreichen wissen. — Ich weiß nicht, ob diese Boys recht hatten, ich weih nur, daß jedes Land samt seiner Kreatur seine bunten Geheimnisse hat, und daß man sehr gut daran tut, diese Geheimnisse zu respektieren und sie auf keinen Fall herauszufordern. Was aber die Stadt Port Elisabeth an der Südküste von Afrika angeht, so fordert sie um so mehr heraus durch eine Türkenkälte, die man doppelt emvsindet, weil man aus den großen Backöfen von Zentralafrika kommt und Fieber hat und am liebsten sich den ganzen Tag in der beiden Badewanne kochen ließe. Port Elisabeth aber hat einen Schlangen- park und unter den Passagieren der großen Postdampfer ist berjenige, der ihn nicht besucht, anstößiger als ein Mann der sich s ein,allen ließe, eine Trapistinnen-Domina mit „Gnädiges Fraulein anzureden. Item wir gingen alle zum Schlangenpark hinauf, ich auch und auch A G Ziesemer war von der Partie. A. G. Ziesemer war eine brünette Dreißigerin, sie war in Port Amelia eingestiegen und war Meisterin im Anzetteln von Bordintrigen, sie bekam von Zeit zu Zeit hysterische Anfälle und veranstaltete mit ihrem jeweiligen Seladon tn diesem Zustande pathetische Schreiduette; ich bin nie dahinter gekommen, ob sie o,zusagen .real existent’ und aus Fleisch und Blut oder nur eine Luft- piegelunq und eine Vision aus Strinöberg war, und außerdem hatte ich was allgemein akzeptiert wurde, ihren Namen aus A. G. Ziesemer (schätze .Amely Gustava’) in .Ziesemer 21. G.’ umgewandelt, weil sie immer solchen Stab von Anbetern um sich versammelt hatte und weil sie ... Aber das gehört nicht hierher. . Port Elisabeth, Schlangenpark. Rund herum war eine vier Fuß hohe Mauer, dann kam ein Graben voll feister Wasserpflanzen, dann kam der Rasen mit den Schlangen und in der Mitte der Schlangenwärter Johannes. Der Schlangenwärter Johannes ist ein Basutoboy, er trägt hohe Ledergamaschen und dicke Lederhandschuhe und handhabt in diesem Kostüm die Giftschlangen wie der Metzger die Blut- und Leberwürste, er ist weltbekannt und der meistphotographierte Mann aus Südafrika, und die Amerikanerinnen zückten schon den Kodak. Auf dem Rasen wohnen in kleinen Zementbacköfen die Schlangen, und wenn der Wärter Johannes mit dem Stock dagegen böllert, dann fahren sie heraus und zischen wütend wie ein angebohrter Autoreifen. Eine grüne Mamba, die wie ein Smaragd leuchtet, junge Shopstekker, so kurz wie ein Damen- federhalter und so giftig wie eine ältliche Suffragette, feiste kurze Puffottern, die sich zu Mannesschenkeldicke blähen können, und wenn sie auf den Autostraßen sich sonnen und man überfährt sie, denn zerplatzen sie mit dem Knall von aufgeblasenen Papiertüten. A. G. Ziesemer schaut und möchte sie von ihrem sicheren Stand aus mit dem Schirm pieken oder mit Steinen werfen. Das darf sie aber nicht, dieses Mal darf sie solche Dinge nicht treiben. Im Wassergraben, mit dem schmalen Kopf auf einem Lotosblatt liegt, schwarzgeid wie ein Feuersalamander, eine zwei Meter lange Wasserschlange, eine Babunotter prunkt zinnoberrot und pfefserminzschnapsgrun an den Mustern eines neuen Axminterteppichs ... Sandvipern find da in ganzen Büscheln und hie und da wohl auch jenes eigentlich nicht hierher gehörige und in diesen Schlangengarten verpflanzte schwarz und weiß und rot geringelte Schlänglein, das als .german klag’ bekannt und nicht länger als ein Finger und doch der gewisse Tod ist. Vor den Girls aber mit den hennarot geschminkten Knopflochmündern zeigt der Wärter Johannes jetzt eine riesige, unter dem Gabelstock gebändigte Mamba und erzählt Schauergeschichten von ihr, wahre und erdichtete. Die schwarze Mamba aber ist wirklich unter all diesen Bestien der leibhaftige Satan, sie kann vier Meter lang werden und ist schneller als ein Foxterrier und angriffslustiger als ein Ehescheidungsanwalt. Sie ist so gewaltig stark, daß sie ihre Opfer niederrennt, sie tyrannisiert mit ihren Giftsängen ganze Landschaften, sie tötet in zehn Minuten unter unsäglichen Qualen, und was ihr an Schrecken noch fehlt, das fügt der Bafuto Johannes dieser Urmutter alles Bösen noch hinzu. Ein Farmer aus der Umgebung von East London verschwindet, und ein Jahr später findet man fein Skelett mit einem gekritzelten Zettel, daß die Mamba ihn geholt habe. Ein Regiment übender Natalmiliz muß ihretwegen umkehren, weil die wütenden Reptilien die ganzen Karsthänge der Waterberge sozusagen besetzt halten, einem Hochzeitsreisenden wird in einem Hotelzimmer seine junge Frau von der Mamba gemordet, er findet sie starr und tot. Die letzte Geschichte glaube ich nicht, sie klingt nach Orpheus und Euridike und nach großer Oper, sie ist erfunden für diese Flanner, die ringsum an der Mauer lehnen und auf die schwarze Mamba und den schwarzen Wärter Johannes sehn und im Stillen darauf warten, daß sie ihn nun doch noch beißt und daß hier für einen Schilling noch eine kleine nette Sensation serviert wird. Was also ist unnützlicher und böser, der Flapper ober die Mamba? Vor mir quillt es aus Erdspalten und Steinlücken, es wiegt sich und bläht sich und bewacht ekelhafte pergamentene Eier und tnäult sich um Baumäste und läßt sich auf die karminrote harte Erde fallen mit einem dumpfen animalischen Laut, der speiübel macht. Und hebt aus den bunten Ringen das giftgeschwollene Schlangenhaupt und betrachtet den Menschen mit den leeren Blicken des Hades, mit Blicken, die um die eigene Bösartigkeit trauern mögen. Von den Kreuzottern sagte mir ein alter Dorfschullehrer, der meine ersten Schreib- und Leseversuche betreute, sie seien bestimmt, aus der alten Erde die bösen Säfte zu saugen, und müßten sie in sich tragen als Ausgestoßene Gottes. Ach ja, ich "weiß schon, was die Biologen darauf zu sagen hätten. Aber die Biologen haben schon manches gesagt und vorbeigeschossen an mantb-m Geheimnis. Also, mein Herr, wer ist böser und unnützer: der Flapper oder die Mamba? Wer ist giftiger: die Ringhalskobra ober A. G. Ziesemer? Ich weiß es nicht. Wissen Sie es? A. G. Ziesemer, bauerhaft und symbolisch wie bie Gabunotter, wird fortfahren, zu heiraten, sich scheiben zu lassen, bie Menschen burchein- anber zu bringen, bie Mannsdilber abzustoßen und bie Männchen mit ihren Bedürfnissen nach .Usfrejungen’ hinter sich her zu schleppen, sie wirb Strinbbergszenen arrangieren unb bie Verzweiflung aller sein, bie mit ihr auf einem Castel-Dampfer vierzehn Tage lang zusammen eingesperrt sinb auf einen kleinen Raum, wo man ihr nicht ausweichen kann. Ja, so ist es. Wenn sie von einem Reptil angefallen wirb, bann wird bas ärztliche Bulletin also lauten: .Eine schwarze Mamba hatte das Unglück, A G. Ziesemer zu beißen. Das Befinden ber Schlange, bie allgemeine Teilnahme erweckt, ist ben Umftänben entsprechen!» ernst, wenn auch nicht ganz hoffnungslos ...' "eraniwr rtUch: vr. Hans Thyriot. — Druck und Derlag: Drühl'fche Universitäts-Buch. und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.