GichenerZamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1956 Hreitag, den 17. Januar Nummer 5 Der Laufen. Erzählung von Emil Strauß Copyright 1930 by Albert Langen / Georg Müller Verlag, München 1. Fortsetzung. Ich sah nach der Uhr und bemerkte: ,Die haben uns zur rechten Zeit an die Luft gesetzt, jetzt kommen wir noch bequem auf den Zug.' Er antwortete nicht, und da mich sein Benehmen überhaupt unsicher (gemacht hatte, so schwieg ich auch, und wir gingen eine ganze Strecke tumm nebeneinander hin, er mitten auf der Straße, ich ein paar Schritte seitlich am Straßenrand. Plötzlich blieb er stehen und rief mir mit scharfem Tone zu: .Mein Herr, wie kommen Sie eigentlich dazu, immer neben mir herzulaufen!' Ich war natürlich etwas überrascht und sagte: ,Ja — was ist denn los, auf einmal?' .Fühlen Sie denn nicht, daß mir das lästig werden muß!' fuhr er fort. .Das ist ja geradezu zudringlich, — verzeihen Sie das harte Wort! — Aber ich kenne Sie ja gar nicht. Wer sind Sie denn überhaupt?' Er blickte mich so fremd und feindlich an, daß ich merkte, eine Berufung auf unsere Freundschaft sei zwecklos, und so widerstand es mir ein wenig, meinen Namen zu sagen. Mein Zögern reizte ihn, er trat einen kleinen Schritt näher, bohrte seinen Blick in den meinen und fuhr fort: .Wollen Sie sich nun entschließen, mich allein zu lassen? Oder — muß ich mir Platz machen?' Er wiegte feine herabhängenden Fäuste wie versuchend ein wenig auf und ab. Ehe ich antworten konnte, setzte er hinzu: .Sind Sie Student?' Als ich bejahte, sagte er in leichterem Tone: .Dann bitte ich um Ihre Karte!' und griff nach seiner Brusttasche. Ich zog zwar auch mein Notizbuch; aber, als er sich mit seiner Karte in der Hand wieder zu mir wandte, erwiderte ich: .Bedauere, ich habe keine Karte.' Darauf richtig einzugehen, auch nur aus Rücksicht aus seinen Zustand, war gegen mein Gefühl. .Darf ich aushelsen?' fragte er höflich und reichte mir eine der feintgen. Als ich mein Blei zur Hand nahm, fuhr mir durch den Sinn, einen falschen Namen anzugeben, und ich kritzelte aus die Rückseite seiner Karte: .Melchior Müller, stuck, phil., Güdingen.' Indem ich ihm meine Karte gab und seine empfing, beobachtete ich ihn erwartungsvoll. Er hielt die Karte gegen das Mondlicht, las, lupfte leicht, doch förmlich den Hut, — und ich tat dasselbe. Dann eilte ich mit großen Schritten voran. Aus dem Bahnhof ging er noch einmal an mir vorbei ohne mich zu erkennen. Und am andern Tag wußte er nicht, wie er aus dem Wirtshause heraus- und heim- gekommen sei. Ich sagte es ihm auch nicht. Dies war das einzige Mal, daß ich ein gebändigtes und verdecktes Temperament bei ihm ausbrechen sah: denn er trank immer sehr mäßig. Bon seinen Bundesbrüdern erfuhr ich später ähnliche und ernstere Geschichten, doch nur aus seinem ersten Studienjahr; nachdem er seine Schwäche kennengelernt hatte, gewöhnte er sich daran, wenig zu trinken. An dem Hallauer Tag aber war ihm, indem wir von Ort zu Ort wanderten, Besuche machten, einkehrten, immer wieder mit andern zusammensaßen und redeten, wohl, wie es so geht, nicht bewußt geworden, wieviel er trank. Bald darauf zog ich mit ihm nach Heidelberg, und es war für mich ausgelassenes Füchslein, dem die studentische Freiheit und die Pfälzer Lustigkeit alle Riegel und Zügel lösten, eine große Wohltat, den älteren Freund zu besitzen, der fest auf sein Ziel hinsah, heiter und gleichmäßig arbeitete und mich, sobald ich zu ihm trat, mit wissenschaftlichen Fragen einnafjm. Er baute also sein Staatsexamen und feinen Doktor und verbrachte bann, wie auch ich, das folgende Sommerfemester wieder in Heidelberg, und zwar als Affiftent in einer Klinik. Am Ende des Semesters machte ich mit einigen Bundesbrüdern eine Rundreise nach verschiedenen andern Universitäten, so zum Abschied; denn ich gedachte, im Winter eine Schweizer Universität zu besuchen und erst in den klinischen Semestern nach Deutschland zurückzukehren. Spät im August kam ich nach Hause. Am Bahnhof erwartete mich Freund Albiez und hatte ein zierliches, hellgekleidetes Geschöpf am Arm, das mir bekannt schien; aber es hielt den Kopf gesenkt, und ich konnte aus der Ferne das Gesicht unter dem großrandigen Strohhut nicht sehen. Alle Wetter, dachte ich, hat der sich zu guter Letzt auch noch einen Schah vom Neckar mitgebradjt! Wer kann sie nur fein? Freudig erregt trat ich auf die beiden zu, blieb aber einige Schritte vor ihnen plötzlich stehen, als das Mädchen nach mir aufschaute und mich mit wohlbekannten, dunklen Augen anlachte, während zugleich eine tiefe Röte ihr braut* licfjes Gesicht durchglühte. Ich blieb also stehen, blickte bewundernd ooft einem zum andern und sagte: .Herr Gott, sieh dein Volk an! Es sind lauter Zigeuner.' Dann schüttelte ich ihnen herzlich die Hände. Das Mädchen aber gab mir noch, scherzhaft schmollend, einige Schläge mit dem Zeigefinger auf meine Hand und sprach: ,Du bist auch nicht mehr wert als die andern! Alle wundern sich darüber, daß ich mich verlobe! Wieso denn? Das ist doch zu arg! Von dir aber hätte ich was anderes erwartet!' Im Grunde war sie von der alb meinen Ueberraschung sehr erfreut. .Ich bin wirklich maßlos Überrascht', erwiderte ich; .aber nicht, wie du meinst, sondern darüber, daß mir nicht schon längst aufgegangen ist, wie ausgesucht ihr zwei zu einander paßt! Ihr habt es gut gemacht! Ihr könnt mir's glauben; denn ich kenne euch. — Siddy!. setzte ich hinzu, .du bist ja freilich noch ein Mammenkind! — Was ein Strumpf ist, erkennt sie nämlich erst, wenn der Fuß drlnsteckt! Und für die Trauung und Unterschrift — da ist nun nicht zu helfen! — Kind, dafür wirst du doch noch lernen müssen, drei Kreuze zu machen!' lieber meine Anspielung errötend rief sie: .Und ich rate dir, laß dir das Haar schneiden, ehe du zu uns ins Haus kommst!" Also mein Nachbarskind, meine Spielgefährtin und Jugendfreundin, die in unserem Haus und Garten so daheim war wie im eigenen, und wie Übrigens auch ich in dem ihrigen, Siddy Graf war die Braut meines Freundes Ludwig Albiez! Und sie machten ein Paar, das sich sehen lassen konnte. Sie war kleiner als er, biegsam, lebhaft, von natürlicher Anmut. Man konnte sie sich als kleinstädtische Hausfrau und Mutter vieler Kinder denken, die diesem Dasein jede mögliche Schönheit bewahrt hätte, man war aber auch sicher, daß sie als Frau eines Gelehrten oder eines repräsentierenden Beamten an ihrer Stelle sein würde. Sie hatte zwar in der Schule nicht gelernt, doch war sie empfänglich, ja, begierig auf alles, was das Leben brachte, und kam nie feinen Anforderungen gegenüber in Verlegenheit. Ich bewunderte die Liebeswahl meines Freundes, dem alles so wohl geriet, ohne daß er im mindesten ein Schlauer, ein Streber, ein Berechner gewesen wäre, und es schien mir nur feinem Reinlichkeitsbedürfnis zu entsprechen, daß er es klug vermieden hatte, auf diesem Eroberungszuge den Verdacht oder die Ahnung selbst der nächsten Angehörigen zu erregen. Ich freute mich über diese Verlobung wahrhaftig ohne jede Spur von Neid. Gewiß war ich in den Jahren und auch dazu angetan, Liebesgedanken zu haben, schönen Mädchen nachzulaufen und wo es anging, den Hof zu machen; aber diese liebliche Siddy Graf hatte sich noch nie in meine Träume eingeschlichen. Wenn gesunde Buben mit herzhaften Mädchen aufwachfen, so sind ihnen die Mädel nicht viel anders als Kameraden, die langes Haar und Röcke tragen, schlecht rennen und schlecht werfen können. Nun kommt die Zeit, wo das Mädchen seine Knabenhaftigkeit verliert, und kriegt man im herkömmlichen Spiel und Treiben so ein Wesen zu fassen, so hat man plötzlich ein unruhiges Gewissen, da man inne wird, daß so ein Arm etwas anderes geworden ist, voll, elastisch, nicht mehr jenes dünne Ding aus Knochen und Muskelsträngen. Man hat mit einemmal das Gefühl, der Arm fei fremdes Eigentum, von dem man die Hand lassen müsse wie von so vielen lieblichen Dingen, man wird mißtrauisch, unsicher, etwas scheu Man überläßt die Freundin mehr der Schwester und zieht sich instinktiv soweit zurück, daß das gute Einvernehmen keinen Schaden leidet. Die ersten Schritte auf dem Glatteis der Liebe tut man überhaupt womöglich nicht unter den Augen der Eltern und Schwestern, man schweift etwas in die Ferne, und wenn es nur die nächste Straße ist, und verwogt sich lieber vor fremden Mädchen als vor alten Freundinnen, von denen uns die Vertrautheit zu dieser Zeit wie eine Kluft trennt. Mir wenigstens war es mit Siddy so ergangen. Unser Verkehr war längst ein klein wenig förmlich geworden ich hatte mich bet einer etwas steifen Aufmerksamkeit für sie wohlbefunden. Wie sie nun am Arme ihres Verlobten neben mir dahinschritt, vom Bahnhof der Brücke zu, da ward mir plötzlich bewußt, daß wir eben bei unserer Begrüßung ganz in der derb herzlichen Unbefangenheit früherer Jahre miteinander gesprochen hatten und während ich den Albiez ausfragte, freute ich mich unsäglich darüber, daß Siddy und ich den alten Ton wiedergefunden hatten, und nahm mir vor, dabei zu bleiben; am liebsten hätte ich sie bei der Hand gefaßt, dem Herrn da weggerissen und wäre mit ihr die Straße hinunter und rote der Blitz an den Zöllern vorbei über die Brücke nach Hause gerannt! Albiez wandelte frei und gemessen, als wäre er schon zehn Jahre verheiratet, mit seiner Braut des Weges und sprach davon, daß er den Winter in Wien zubringen werde, um die Spitäler und Kliniken kennenzulernen — es war zu Ende der sechziger Jahre, und der süddeutsche Arzt ging noch nach Wien — und daß sich bei diesem Aufenthalte entscheiden müßte, ob er praktischer Arzt werde ober die Universitätslaufbahn einfchlage; übers Jahr wollten fit In beiden Fällen heiraten. Siddy, an deren kürzeren Schritt sich ihr Liebhaber noch nicht gewöhnt hatte, so daß sie bald trippeln bald weit ausholen muhte, Siddy war so rührend schön in ihrem stillen Hineinhören in die Dinge, die ihr noch fremd waren und doch ihre Zukunst und ihr Glück in sich bargen, und sie war so köstlich ernst und überlegen, wenn sie zwischenhinein mir etwas erklärte, — und ich dachte derweil an lauter Bubenpossen und Narretei. Ich blieb auch zunächst grundoergnügt. Anfangs oft mit dem Paare zusammen, merkte ich bald, daß ein Dritter überslüfsig sei, und folgte daher hren Aussorderungen seltener, überlieh das Zusammentreffen dem Zu- all und beschränkte mich daraus, den Freund wie bis dahin zu beuchen, wenn ich ihn allein muhte, und mit Siddy Gras nach der Gelegenheit zu verkehren wie in Kinderzeiten. Und dieser Verkehr war wieder ganz der alte, unbesangen vertraute. Wenn sie meine Schwestern besuchte, was in dieser Zeit der Wichtigkeiten sehr häufig geschah, so versäumte sie nie mehr, meine Zimmertüre zu öffnen, mich zu begrüßen und das Neueste zu berichten; wenn ich ausging, so trat ich meistens noch in das Nebenhaus, um ein paar flinke Worte mit ihr zu wechseln. Sahen wir einander im Garten, so hob sie die dafür eingerichtete Latte aus dem Zaun, schlüpfte wie als Kind schon herüber und hielt mir die Leiter beim Obstpflücken, oder ich half ihr drüben beim Bohnenbrechen. Oester noch lehnten wir uns von veiden Seiten nebeneinander aus den Zaun und plauderten. Oder vielmehr wir scherzten, wir neckten einander, trieben Possen. Das war alles sehr harmlos, aber manchmal doch übertrieben von einer zutappenden Aufgeregtheit, die uns wohl plötzlich bewußt wurde, so daß wir in alberner Ueberraschtheit vor einander stehen blieben und uns ein wenig schämten Wir fühlten, daß wir uns nicht so auslassen würden, wenn nicht Siddy eben eine verlobte Braut wäre Diese Braut- schast machte uns sicher. Siddy war ja einige Jahre jünger als ich und noch ein halbes Kind, und es hatte den Anschein, als müßte sie sich sür den plötzlich über sie gekommenen Ernst durch kindisches Tollen ent- schädigen. So überließen wir uns unserer Unbesonnenheit ohne Arg. Wohl entging mir nicht, daß dieser Verkehr ansing, mich von der Arbeit abzuhalten, daß ich träumerisch auf meinem Studierzimmer bin und her ging, daß ich droben unzufrieden war und allsort ins Haus hinabhorchte ober in den Nachbargarten hinüberfpähte; — aber was war denn dabei, wenn ich nebenher auch ein bißchen für Siddy schwärmte, sür die Braut meines Freundes, dem ich sie doch aufrichtig von Herzen gönnte. Und war sie denn nicht mein Spielkarnerädlein von ihren ersten Schühchen an! Wie es in dieser Zeit mit ihr stand, ob sie sich bloß vergaß ober ob sie vielleicht auch bewußt aus ber Sicherheit heraus ein wenig mit bem Feuer spielte, bas weiß ich nicht. Ich jebenfalls, keines bösen Willens mir bewußt, ließ mich treiben in bem klaren Gefühle, bah ich in einigen Wochen nach Bern ziehen unb bas Spiel bann ein Enbe haben werbe. Uebrigens scheuten ober verstellten wir uns vor Albiez nicht im min- beften, unb er spottete wohl gutmütig unb sagte, wir seien wie zwei junge hunbe, bie immer herumtollen unb herumtapsen müssen. Unb so wenig über bas doch lustig anzusehenbe Spiel junger hunbe zu sagen ist, so wenig kann ich von unsern Albernheiten erzählen. Eines Tages nun hatte sie vor bem Mittagessen noch Blumen geschnitten unb in einem schönen roten Glase auf ben weißen Tisch ber Laube gestellt, wo auf bes Bräutigams Anregung ber Kaffee genommen würbe. Dann trat sie zu mir an ben Zaun, über ben hinweg ich ihr zugefchaut hatte. Sie stutzte sich, bie hänbe zusammenfügenb, mit beiben Unterarmen auf bie ben Zaun oben schließenbe Querleiste, ich lehnte auf ber anbern Seite neben ihr. Sie hatte ein kleines blasses Röslein zwischen ben weihen Zähnen unb bewegte es beim Plaubern hin unb her. Die Rosasarbe ber Blüte hob sich zart von ber kräftigen Röte ihrer zierlichen, vollen Lippen wie von ber heißbraunen Gesichtsfarbe ab unb gab ihr einen ungemein irischen Reiz. Ich sah eine Weile zu, wie bas Röslein von rechts nach links im Gesicht roanberte, sich halb unter bas Näschen erhob, bas alsdann ben Duft einsog, balb auch über bas runb herausgewölbte Kinn herabhing, unb wie bie Zähne aus bem Stiel herumbissen, unb sagte bann, inbem ich bie hohle hanb hinhielt: .Mir bas Röschen!' .Wozu!' erwiberte sie unb roanbte ben Kopf ausweichend beiseite. ,Zum Andenken!' sprach ich, ganz ohne Ueberlegung. 4jum Andenken —?' wiederholte sie, mich scharf ansehend, unb nahm bas Röslein aus bem Munbe. .Gewiß!' antwortete ich mit etwas bewegter Stimme. .Wir haben bich |a boch nicht mehr lange/ .Aber bas Röschen ist nichts!' sagte sie. .Morgen fallen bie Blätter ab Nein, ich werbe bir was Rechtes geben, — ich werbe dir was machen!' Sie ließ nachfinnenb bie Augen umgehen, unb ihr feiner Mund ftanb halbgeöffnet, kinblich, baß bie Zähne schimmerten. Da erschien mir bieser Munb als bas schönste unb köstlichste Gut auf ber Welt, ich trat vor Sibby, legte bie Hänbe fest auf ihre Schultern unb sprach: .Ich weiß, was! Einen Kuh gibst bu mir zum Andenken — zum Abschied — wie bu mir früher einen gegeben hast, wenn ich aus ben Ferien roieber nach Aarau fuhr!' Nicht ganz ehrlich hatte ich bies rasch zur Ueberrumpelung hinzugesetzt, unb ohne weiteres hielt ich bie sich Auf- richlenbe fest unb küßte sie. Unb sie küßte mich mit Straft roieber. Kaum hatte ich sie aber losgelösten und stand etwas beschämt unb mir selbst überflüssig vor ihr, ba atmete sie plötzlich gewaltsam auf, blickte mir erschrocken in bie Augen, warb tiefrot unb sagte leise: .Das mar Unrecht/ .Unrecht —?!' wieberholte ich unwillig, .Unrecht? Wieso?!' ,3a!' erwiberte sie bestimmt, .Unrecht! Denn bas bars Ludwig nicht wissen!' .Ja, roae ist denn —?!' fragte ich. .Hier über ben Gartenzaun, wo wir aus Euerem Hau», aus unserem Haus, von der ganzen Nachbarschaft gesehen werben können, haben wir alten Freunde, — saft Geschwister! — uns einen Kuß gegeben!" Sie ließ, ohne sich zu bewegen, ihren Blick über die ihr sichtbaren Fenster wandern und schüttelte wie verständnislos ben Kopf. .Das will ich bem Albiez gerne sagen! fuhr ich fort, ,da bin ich ganz ruhig. Er ist doch ein vernünftiger Mensch/ ,Du sagst nichts! Wenn er es erfahren darf, bann bin ich bie nächste. Aber ich glaube, — er darf es nicht erfahren Da kennst bu ihn schlecht: bas erträgt er nicht! — Unb er hat recht!' setzte sie plötzlich roieber er» rötenb unb mit zornigen Augen hinzu. .Ich mürbe es auch nicht ertragen, baß er andere Mädchen küßte.' Mir war recht unbehaglich zumute, ein bißchen gebemütigt, säst als hätte ich gestohlen; boch bezwang ich meinen Merger unb sagte be- \Sber Kinb, so sagen wir eben nichts bavon! Dann ist ber Katze gestreut. Denke nicht mehr daran!' (Schluß folgt.) War es nicht — Von Ruth Schaumann. War es nicht, als ich in schmaler Wiege Müd vom Werden schwang, Daß bie Magb auf unsres Hauses Stiege Deinen Namen sang? War es nicht, ich ging, .ein Kind, zur Mühle Durch bes Mittags Schlaf, Daß mich, Tropfen unsichtbarer Kühle, Schon bein Schotten traf? War es nicht, baß jener Schmied, der alte. Himmlischen Befehl empfing: Hartes Gold zu leichtem Kreis entfalte! Deinen, meinen Ring! War nicht alles, was nun ist, gegossen Für das Herz von einem neuen Stern? Ach, mein Mund, von deinem zugefchlossen. Schweigt so gern. Vom eignen Leben. Von Joses Ponten. Wir sind zweimal ba: einmal aus unserem Geschlechte, bann in unserer Person. Es ist oft schwer zu sagen, in welcher von beiden Formungen mehr. Wie es mit dem Verhältnis in meinem Fall steht, weih ich nicht genau. Vielleicht weih es niemand von seinem Fall, vielleicht bedarf es, damit es gewußt werde, des Abstandes ber fremben Person ober — bes Tobes. Versuchen will ich, von mir selbst vor mich selbst ein Bilb aus Gegebenem unb Bekanntem hinzustellen, bas vielleicht manchen Vorwurf auf sich lenken wirb, nicht aber ben ber Willkür. Einmal im Leben bürste sich wohl jeher bie Frage stellen: Wer bist bu eigentlich? Heute wirb vielen zur Aufgabe gemacht, klipp und klar auszusagen, wer sie, rein natürlich und kreatürlich gesehen, sind — für die Beantwortung einer solchen Frage wollen wir ein Musterstück zu entwerfen versuchen. Wer sich vor die schwierige Aufgabe gestellt sieht, ein Bild von sich zu zeichnen, der wird natürlich zuerst an Vater und Mutter denken, an die Großeltern, die er aber selten alle vier bewußt gesehen hat und im günstigsten Fall noch an ein paar Ureltern. Meine Familie, sowohl nach der Vater- wie nach der Mutterseite, war ihrer selbst kaum bewußt und hielt sich nicht für ausgezeichnet im Volke, dessen Gemeinschaftsleben, -schlaf und -tob sie mitlebte, unauffällig unb fast namenlos. So habe ich von meinen Vorfahren persönlich nicht mehr gekannt als vier Menschen, bie Eltern unb bie Großmütter (bie Großväter starben in meiner dumpfen Kinbheitszeit), und habe von den Ureltern nur einiges Unsichere gewußt. Ich pflegte zu sagen, ich stamme einfach vom Volke ab. Alle Menschen Haden im großen ganzen gleich viel Vorfahren, nur nicht gleich viel benennbare. „Ahnen haben" heißt, sagen können, wie sie hießen. Jeder Mensch steht an der Spitze einer Menschenpyramide, jede Menschenfolge ist eine Schicht darin Die Steine in diesen Schichten werden nach unten hin bald sehr dunkel, unbenennbar und unerkennbar, und ber Fuß ber Pyramibe verschwinbet In einem Dunkel, bas „Volk " heißt. Was nun bas Wissen um unseren gegebenen Fall angeht, so fällt erst in ber sechsten Menschensolge ein weiblicher Name aus, in ber siebenten aber tun es schon bie Namen von Mitgliebern von acht Paaren, in ber achten unb neunten finb nur noch je sünsunbzwanzig Paare bekannt, in ber zehnten aber vierzehn einzelne Personen, in ber elften deren noch acht Und so taucht bie Pyramibe mit ungeraber Abgrenzung in bie Nacht. Die fprlngenbe Linie entspringt ber Zeit um 1600, in ber wir alle am meisten Ahnen haben sollen, was bebeutet, bah bie von einzelnen in bieser Zeit überlieferte Erbmasse bie bünnfte ist. Darüber hinaus aber verengt sich ber Zahlenkörper, d h. bie Vorsahren werben mehr unb mehr miteinanber verroanbt, bie Erbmasse verbickt sich roieber. Da lernen mir von ben fünfzehn Mannern bis zur fünften Geschlechts- folge kennen: neun Ackerer unh sechs Handwerker, wobei jedoch zu bedenken ist, daß Bauernwesen und Handmerkertum nicht genau zu trennen sind Denn nach Feierabend ober zur Winterzeit wirb jeder Bauer mehr ober weniger ein Hanbwerker. Drei von ihnen finb außerbem Fuhrleute, b h. sie haben eigenes Gefährt, und wenn es zwischen Hof und Feld nichts zu fahren gibt, so fahren sie als fleißige Leute anderer Leute Sachen unb Kram zwischen ben Dörfern unb in bie Stabte. So war ber mütterliche Großvater, ein lanbeigencr Bauer mit Hof, zugleich, bevor es die Eisenbahn gab, „Fuhrmann* zwischen den Städten Monschau, Düren, Aachen. Ungefähr so wird es bei den Männern der fünf oder sechs früheren Geschlechterfolgen gewesen sein, von denen die Archive nur Namen sagen. Zusammenfassend: ein Geschlecht von Bauern steht vor uns, erbeigenen, aber kleinen, wie das Maß den Verhältnissen des Landes, das keine großen kennt, als mittleres entspricht. Nur von einer Ahnmutter in der siebenten Reihe, Elisabeth Philippens aus Noorbeck im heutigen cholländifch-Limbura, heißt es einmal, daß sie „veele goede- ren", viele Güter (bedeutet wohl: Äecker) besessen habe. Irgendwo aber, ebenfalls in der siebenten Folge, in dem vor ein paar Jahrhunderten durch Kunsttöpferei landweit bekannten Dorfe Raeren (dem Geburtsort der „Probanden"), treten drei Erbväter als „Sannen- bäcker" auf, deren Namen ich auf den Ergüssen ihrer Fertigkeit in den Museen von Berlin, Paris und Neuyork gefunden habe. Das Handwerk erscheint in ihnen verselbständigt, gehoben, veredelt. Was Wunder, daß diese Meister sich mit dem Adel des Landes verheiraten konnten! Sie gingen auf die Burgen und führten die Töchter weg — ich habe das nicht gewußt, da ich als Kind auf eben diesen winzigen Landburgen, auf denen Verwandte saßen, wohnte und spielte. Die Kunstpötterei hat auch einen vielleicht selbständigen Stand der Fuhrleute, der der Familie Ahnen stellte, nötig gemacht, und zwar Kerle, die „ins Reich" angeblich bis nach Warschau östlich und in das Königreich Navarra westlich fuhren und Raerener „Kunst" verkauften. Es erscheint einmal die Bezeichnung: Potoerkoper tot Antwerpen. Und hier stehen wir von neuem vor einer Wand, vor der Nacht des Nichtmehrwissens. Aber in der fünften Schicht ist ein Stein: Maria Isabella, von der sich der schöne Name bis zur Schwester herab leitete, aus dem Geschlechte der Schwartzenberg. Diese ist die Spitze einer zweiten Pyramide, die in die vom Nichtwissen aufgelockerten unteren Schichten der ersten einbringt und sich rückwärts bis in die graue Volksvorzeit belichtet zurückbaut. Leider ist es nur eine Linie und nur eine von der Vaterseite, durch welche die beiden übereinanderstehenden Pyramiden Zusammenhängen. * Das Geschlecht entstammt den alten Herzogtümern Limburg (väterlicherseits) und Jülich (mütterlicherseits), also dem Raume zwischen Rhein und Maas, dem Land näher und zunächst der Maas. Doch sind die politischen Landschaften einander benachbart, die Grenze ist eine zufällige. Die natürlichen Landschaften gehören im Sinne der Ergänzung zueinander. Die eine ist ein sehr fruchtbares, volkreiches Lößackerland am Cifelfuße, die andere dünner besiedeltes Rodungsland in den Wäldern und Heiden der Eifelhochfläche. Diese Landschaft ist im Siedlungssinne die jüngere. Ich habe die drei Landschaften geschildert: die des Lößackerlandes in „Cie Bockreiter", 1919, die des Wiesenlandes in „Sieben- quelle n", 1908, die des Rodungslandes in „Jungfräulichkeit", 1906. Unter den Ahnen erscheinen Leute namens Plum, Jaspers u. a., Namen, die man aus der Geschichte der Bockreiterabenteuerei kennt. Es wird wahrscheinlich gemacht, daß gewisse Rodungsflecke im Wals und Venn ganz von den Angehörigen der Blutssippe besetzt sind. Zu sagen wäre noch, daß die Landschaft im Oberlande, die der mütterlichen Ahnen, fast städtelos ist, und daß an den Ecken des anschließenden Unterlandes, des der väterlichen Erbmasse, drei uralte Städte, Aachen, Lüttich und Maastricht liegen. Man muß auch wissen, daß die zwei natürlichen Landschaften durch drei Reichs- und zwei Sprach- und Völkergrenzen mitten durchgeschnitten werden, von denen die Hauptgrenzlinie, die älteste von denen, die Nordeuropa aufteilen, auch wohl die empfindlichste ist. Die politischen Erdbeben werden hier an ihr stark gefühlt. * Sehr merkwürdig will mich dünken, daß erst im ausgehenden Mittel- alter eine nachweisbare Beziehung zu Menschen in Städten auftritt, es erscheinen in der Blutsreihe Namen von Bürgermeistern der freien Reichsstädte Aachen und Köln (in dieser zur Zeit der Erbauung des Kölner Doms). Die Bauern, die Handwerker, die Adeligen scheinen die Städte im allgemeinen geflissentlich gemieden zu haben. Erst ein „landbouwer" auf der Namenslinie Johann Hambert Pontus, stirbt in Maastricht und fein, des Altelters, Sohn, der Urelter Jan Hendrik, lebte selbst noch auf dem Lande geboren, als ein unruhiger Hans-in-allen-Berufen („Bierbrauer, Fuhrmann, Kutscher, Nachtwächter, Bedienter, Taglöhner" sagen von ihm die Urkunden aus) in Maastricht, später in Eupen. Dessen Sohn, der Großvater, aber ging wieder aufs Land, und erst der Vater zog als ein Bauunternehmer in die Stadt, Aachen nämlich, damals, als es in Deutschland plötzlich Städte auszubauen galt. Aus Maastricht, dessen Stadtheiliger und Patron der einst freien Reichskirche Sankt Servatius ist, leitet sich des Verfassers zweiter Vorname Servatius her. Als die wesentlichste der Erkenntnisse nun erscheint die der Ortsbeständigkeit und Landschaftsverwurzelung eines Geschlechtes, das, wenn feine nachweisbaren, beleuchteten Teile den scharf umgrenzten Raum in schöner Gleichmäßigkeit besetzten, ihn auch mit seinen im Dunkel gebliebenen nicht verlassen haben wird, was man mit Sicherheit annehmen kann, wenn man die fehlende Freizügigkeit der niederen und schwere Zügigkeit der oberen Stände in zurückliegenden Zeiten bedenkt. Wert zu wissen ist auch wohl das Verbundensein und -gewesensein mit Niedrig und Hoch einer deutsch bevölkerten Landschaft. Auch fremdes Volkstum kommt, als wollte es feine Besuchskarte ablegen, auf einigen wenigen Linien herein, romanisches, wahrscheinlich in der Spielart des wallonischen, und gerade auf der Stammlinie. Der Nome des Altelters Pontus kommt in d e Holters „Ulenspiegel" vor. Der Großvater des Altelters mit dem Vornamen Lebunius, Gatte einer Lucia Mespelboom und Verwandter der uns schon bekannten Elisabeth Philippens, alle aus dem holländischen Maaslande, nannte sich Pontis, mit dem Ton wahrscheinlich auf der zweiten Silbe. Es will scheinen, als werde sich bald ergeben, daß Pontis ein Ortsname ist, heute Pontiffe gefcbrieben; Pontiffe aber liegt im Stadtgebiet Lüttich und ist ein Teil des Vorortes Herttal. Erst der famose Jan Hendrik nannte sich, wahrscheinlich bei seiner Ueherfieölung auf reichsdeutsches Gebiet, so wie die Familie heute heißt. Das ist in großen Zügen das Gegebene. Wiuieruacht und Krühlingettraum. Von Josef von Eichendorfs. Verschneit liegt rings die ganze Welt, Ich hab nichts, was mich freuet; Verlassen steht der Baum im Feld, Hat längst sein Laub verstreuet. Der Wind nur geht bei stiller Nacht Und rüttelt an dem Baume; Da rührt er feinen Wipfel sacht Und redet wie im Traume. Er träumt von künftiger Frühlingszeit, Von Grün und Ouellenrauschen, Wo er im neuen Blütenkleid Zu Gottes Lob wird rauschen. James Watt, der Erfinder der Dampfmaschine. Iu seinem 200. Geburtstage am 19. Januar. Von Dr. Werner Hillbring. Zu den genialsten Vorkämpfern des technischen Fortschrittes gehört James Watt, der Erfinder der Dampfmaschine. Es ist gerade in unserer gigantischen Zeit der donnernden Blitzzüge, die mit gespenstischer Geschwindigkeit durch die Landschaft gleiten, da die Bequemlichkeit der reisenden Welt Triumphe feiert, eine besondere Pflicht, dieses Mannes zu gedenken, der in jahrelanger, zähester Arbeit eine Erfindung schuf, die für das gesamte wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben der Welt eine entscheidende Bedeutung erlangte. James Watt war es, der als einer der ersten das Prinzip der Dampfmaschine in seiner fundamentalen Bedeutung erkannte und dieses Prinzip in einer möglichst vollkommenen technischen Form zu verwirklichen suchte. Der Erfinder wurde vor nunmehr 200 Jahren zu Greenock in Schottland geboren. Wie die meisten der wirklichen und bahnbrechenden Genies war auch er ein Selfmademan, einer, der aus kleinsten Anfängen, aus der urwüchsigen Kraft eigener Beobachtung heraus in die Welt feiner technischen Phantasie hineinwuchs. Es klingt wie eine unwahrscheinliche Legende, wie ein Mythos aus Schullesebüchern, wenn man die Entwicklung dieses Mannes verfolgt: ein Anfang ohne Hilfsmittel und ohne die Möglichkeit einer wissenschaftlichen Ausbildung, ein dämonischer Forschertrieb, der sich schon in jungen Jahren Form und Gestalt sucht, eine naive Freude am Zerlegen und Zusammensetzen komplizierter Mechanismen. Dazu gesellt sich der Drang, Selbständiges zu leisten, aus eigener Beobachtung gänzlich neue Gebilde und Kombinationen zu schaffen. Wir finden bei James Watt alle diese Dinge stark ausgeprägt, die elementare Lust am Basteln, am Forschen, am Nachdenken, am Experimentieren. Schon früh offenbart sich in unbeholfenem, tastendem Ausdruck das reifende Genie des großen Neuerers. Als Knabe bereits ist James Watt ein Eigener, einer, der sich von den andern obsondert, schwächlich und beherrscht von einem starken technischen Spieltrieb Während die Kameraden ihre üblichen zwecklosen Spiele spielen, hockt dieser kleine, hartnäckige Sonderling im irgendeinem verborgenen Winkel und bastelt und bastelt und klopft, schraubt, sägt und hämmert, daß es eine wahre Freude ist. Spieltrieb, Wissensdurst, eine urhafte Neugierde Ganze lange Stunden verstreichen dem Jungen im Fluge, er merkt es nicht. Wie von selbst zaubert sich aus dem grübelnden, tastenden Werk seiner Hände eine kleine Elektrisiermaschine — und siehe das Ding funktioniert! Die andern, die Großen, Vernünftigen, sind überrascht, stehn vor einem Rätsel! Der erste Weg des Jungen, wenn er aufwacht, ist in seine Spielecke, in sein technisch-physikalisches „Laboratorium", wo er die Experimente fortsetzt, die er am Abend vorher begonnen hat. Mit neunzehn Jahren tritt er bei dem Mechaniker Morgan in London in die Lehre. Der Mechanikerlehrling James Watt findet aber erst ein Jahr später an der Universität Glasgow eine Wirkungsstätte, die seinem Genie gerecht wird. Er erregt sofort die Aufmerksamkeit einflußreicher Kreise. Seine Art, der wohl schon damals der Ausdruck einer ringenden, suchenden Genialität anhaftete, zieht alle, die feinen Weg kreuzen, in ihren Bann, Studenten und Gelehrte, Junge und Alte. Im Nu erobert sich der junge Mechaniker wohlmeinende Freunde, die ihm helfen, ihn betreuen und beraten, und seine Wohnung wird nach und nach zu einem gesellschaftlichen und geistigen Mittelpunkt. Der berühmte Staatsökonom Adam Smith ist ständig unter den Gästen. Man trifft sich und debattiert, man tauscht Anregungen und Gedanken, Probleme formen sich und werden lebhaft erörtert. Dieser James Watt ist faszinierend in seiner bescheidenen Schlichtheit, und, was bei seinem Alter erstaunlich ist, er weih eine Menge, wovon die andern keine Ahnung haben. So schildert ihn ein Zeitgenosse: „Ich wurde — ein Freund mathematischer und mechanischer Studien — durch einige Bekannte bei Watt eingesührt. Ich erwartete einen einfachen Arbeiter und fand anscheinend auch einen solchen. Wie sehr aber sah ich mich überrascht, als ich bei näherer Prüfung in ihm einen Gelehrten erkannte, der, nicht älter als ich, dennoch imstande war, mich über alle Gegenstände der Mechanik und Naturkunde auszuklären, nach denen ich fragte. Ich glaubte in meinem Studium weit fortgeschritten zu fein und fand nun, daß Watt hoch über mir stand. So auch meine Genossen. Jede Schwierigkeit, welche uns oorkam, trugen wir Watt vor, und er war immer imstande, uns zu belehren, aber für ihn wurde jede solche Frage der Gegenstand eines neuen und ernsten Studiums, Verantwortlich: br.-ftanä Thtzrtot. — Druck und Derlag: Drühl'sche UniverlitätS-Duch« und Lteindruckerei. 2L Lana«, Gieße». Nun noch etwas über die Auflagenhöhe: Wenn es sich um ein Buch eines noch unbekannten Dichters handelt, werden im allgemeinen ein paar tausend Exemplare gedruckt. Selbstverständlich richtet sich die Höhe der Auflage nach den Erfolgsmöglichkeiten, die der Verleger in einem Buch sieht. Sind diese begründet, so riskiert er wohl auch mehr. Handelt es sich um den neuen Roman eines bekannten Dichters (auf den bekanntlich alle wartenl), so druckt der Verleger vielleicht 10 000 oder mehr Exemplare, weil er weiß, die Bücher werden von den Lesern gekauft, ja mehr noch, die Auflage steigt mit der Zeit, so daß in kurzem eine zweite und dritte folgen muß. Dies aber sind die wenigen Ausnahmen, die Glücksfälle. Manchem Dichter schweben sie im Traume vor! Aber tatsächlich kommen die meisten Bücher über die erste Auslage nicht hinaus. Für den Erfolg eines Buches sind Umschlag und Einband wichtig. Was diese betrifft, so beauftragt der Verleger in den meisten Fällen einen Buchkünstler mit dem Entwurf. Ist das Buch also bis hierher fertig, so beginnt für den Verlag die schwierige, aber wichtige Arbeit der Propaganda. Die Lektoren brüten über zugkräftigen Texten, die auf den Schutzumschlag gedruckt werden und zumeist besagen, daß dieses, gerade dieses Buch dasjenige ist, das man unbedingt gelesen haben muß. So ausgerüstet, erscheint denn eines Tages das neue Buch in den Schaufenstern der Buchhandlung, — so gelangt es vom Dichter auf einem weiten Wege zum Leser. Bon Kopf zu Kopf. wie ein Buch entsteht. Von Hanns Arens. Es bestehen im allgemeinen recht unklare Vorstellungen über den Werdegang eines Buches, den wir hier schildern wollen, ausgehend von der ersten Idee im Kopf des Dichters, bis hin zur Lektüre, also bis zum Kopf des Lesers. Ein weiter, mühsamer Weg liegt dazwischen, von dem die meisten Leser und Bücherfreunde selten Kenntnis erhalten. Es lassen sich über den allerersten Anlaß im Dichter, ein Buch zu schreiben, keine allgemeingültigen Aussagen machen, da er tausendfach verschiedener Natur ist. Ein winziger, rein äußerlicher Vorfall kann die Idee zu einem großen Romanwerk ergeben. Nur eines können wir sagen: immer wird die Vision, die Idee, oder wie man sonst jenen rätselhaften Vorgang benennen will, maßgeblich sein für die Komposition der ganzen Dichtung: wird Grenze und inneres Ausmaß bestimmen, wobei es jedoch noch nicht endgültig feftsteht, ob sich der Stoff, ursprünglich für einen Roman vorgesehen, nicht später zu der Form einer Novelle umschwingt: ja, nicht selten entdeckt der Dichter bei der Arbeit einen „Irrtum", nämlich, daß der Entwurf einen stärkeren dramatischen als epischen Charakter hat, was ihn dann veranlaßt, dies von der erzählerischen Seite her begonnene Werk zum Drama umzugestalten. Nehmen wir nun an, ein Dichter erhalte durch einen inneren oder äußeren Anlaß die tragsähige Idee und damit den Stofs für einen groh- angelegten Roman. Was dann weiter? In den meisten Fällen vergeht eine längere Zeit, ohne daß der Autor ein Wort schreibt: wohl selten geht der Schriftsteller gleich ans Werk. Unablässig aber arbeitet in ihm der Ideenkeim weiter, wird größer und umfassender. Das Beispiel vom Samenkorn ist hier am Platze: so wie dieses entwickelt sich organisch die Idee. Vielleicht macht sich der Dichter im Verlauf der Zeit Notizen, Bemerkungen über diese oder jene Einzelheit, wohl auch, je nach der Arbeitsweise, größere Exposes. Einige Autoren arbeiten, wenn sie erst einmal begonnen haben, unter derartigem inneren Hochdruck, daß sie in ganz kurzer Zeit ein Werk abschließen können. So schrieb der junge Oesterreicher Karl Heinrich Waggerl seinen ersten Roman „Brot" in genau vierzig Tagen: nur ein Kapitel hat er später unwesentlich neu bearbeitet. Dagegen schreibt Gustav F r e n s s e n , um ein gutes Gegenbeispiel zu nennen, an jedem Roman «'tma zwei bis drei Jahre, ehe er ein Werk als fertig aus der Hand gibt. Bei alledem sind die vielen Kleinänderungen, die sich im Laufe der Arbeit zwangsläufig ergeben, nicht berücksichtigt. und er ruyre eher, als bis er sich entweder von der Unbedeutsamkeit des Gegenstandes überzeugt oder das daraus gemacht hatte, was sich daraus machen ließ. Diese Eigenschaften, verbunden m.t der größten Bescheidenheit und Herzensgüte, machten, daß alle seine Bekannten ihm mit der herzlichsten Liebe und Anhänglichkeit zugetan waren. Das Leben in Glasgow, in einem Kreis gleichgesinnter Naturen, wird für James Watt von entscheidender Bedeutung Er beschäftigt sich nach wie vor mit einer unerschütterlichen Ausdauer mit dem Wesen und dem Probl-m der Dampfmaschine, und als er dazu auserkoren wird, das alte schadhafte Modell, das von der Universität für Studienzwecke benützt wird, wieder in Ordnung zu bringen, ist seine große Stunde gekommen. Er entledigt sich der Aufgabe zur vollsten Zufriedenheit seiner Auftraggeber, die feine Tüchtigkeit und seinen Scharfsinn bewundern, aber darüber hinaus konstruiert er im Laufe der Jahre eme ganze Reihe technischer Verbesserungen, die aus einem gründlichen Studium beruhen und von epochemachender Bedeutung sind. Er arbeitet solange, bis es ihm endlich gelingt, die wesentlichsten Mangel der alten Dampsmaschine auszuschalten und gänzlich neue Ideen zu finden. Sem Werk bedeutet einen ungeahnten Aufschwung in der Entwicklung der B03arnesiC9Ba 11 erfindet einschneidende Veränderungen und Verbesserungen, er baut eine Maschine, die bei der stärksten Kraftwirkung die Regelmäßigkeit und Genauigkeit einer Uhr besitzt. Er erfindet den Kondensator, in den die Dämpfe abgeführt und verdichtet werden, er baut einen geschlossenen Zylinder mit Selbststeuerung, er nutzt den Damps aus so weit es auf Grund seiner Studien und Beobachtungen möglich ist,' und erzielt so eine wichtige Ersparnis an wertvollstem Brennmaterial, er läßt den Kolben des Dampfzylinders nicht mehr durch die atmosphärische Luft niedertreiben, sondern ebenfalls durch Dampf, mit einem Wort, James Watt beseitigt alle Unsicherheiten und Unregelmäßigkeiten durch raffinierte technische Neuerungen. Das glorreiche Produkt dieser Forscherarbeit ist schließlich die Ersindung der berühmten .doppeltwirkenden Dampfmaschine", einer klassischen Mustermaschine, in der die Früchte jahrelangen Grübelns und Forschens Gestalt gewonnen haben. . , ... .. Unübersehbar und glanzvoll für die gesamte Weltwirtschaft, für die Technik und Industrie aller Länder, ist die Auswirkung dieser epochalen Ersindung. Das Fabrikwesen nimmt einen ungeheuren Aufschwung, es ist wahrlich ein Werk, das die Welt bewegt und erschüttert, ein beispielloser Gewinn für die Zivilisation, mit dem aber freilich auch das Problem Mensch und Maschine eine furchtbare Aktualität erlangt. James Watt hat gekämpft und gesiegt. Er hat zahlreiche Fehlschlage erlitten, aber feine starke Energie hat ihn immer wieder aufgerichtet. Er war einer von den wenigen Erfindern, welche die Krönung ihres Werkes erleben durften. Im Jahre 1773 lernte er den Mann kennen, der das Geld und die Macht befaß, feine Erfindung kaufmännisch zu verwerten. Dieser Mann war der Industrielle Matthias B o u l t o n. Aus seiner Verbindung mit Watt entstand jene großartige Maschinenfabrik, die die gesamte kultivierte Welt mit den neuen, aufsehenerregenden Dampfmaschinen belieferte. — Watt starb am 19. August 1819. Don aller Mühe aber spürt der gemütlich im Sessel sitzende Leser nichts und je mehr es dem Dichter gelingt, seine Leser die aufgewendete „Arbeit" nicht spüren zu lassen, je spielerischer, oder „gekonnter" uns ein Werk erscheint, desto schneller und inniger sind wir seiner Romanwelt verhaftet. Wir ahnen nichts von den Zweifeln und Qualen des Dichters, dem Martyrium des Schaffenden. Diese Unruhe, peinigend und schmerzhaft alle Nerven im innersten Element erschütternd, diese heilige Unruhe begleitet ihn durch Tage und Nächte, durch Monate und Jahre, unab- lässig Jedes neue Werk bedeutet Kampf, Ringen: unerbittlich und hart- näcklg fordert es ihn heraus. Wir, die Leser, sind nicht Zeuge all dieser unauszählbaren Anforderungen, die ein unbestechliches Gesetz an den Dichter stellt; wir genießen nur, mir sind Beschenkte, dankbare oder tadelnde, und teilhaftig jener Freude, die uns die Dichter durch ihr Werk bereiten. * Wenden wir uns der technischen Seite zu. — Ist ein Roman nach Ansicht des Dichters endgültig abgeschlossen, und liegt er nun in mog'-chst orgsältig korrigierten Schreibmaschinenseiten vor, bann wandert er — irofjer Tag für den Autor — zum Verleger. (So man hat, werden einige agen!) Hier wird er in mehr oder weniger kurzer Zeit geprüft und, ofern sich der Verleger zur Annahme entscheidet, alsbald zum Drucker geschickt. Dieser druckt ihn nicht gleich, das heißt zum fertigen Buch, wie manche Leser annehmen, sondern schätzt auf das genaueste erst einmal den Umfang für die Buchform, wobei natürlich die Wahl der Type und die Größe des Satzspiegels ausschlaggebend sind. Nach dem Umsang richten sich bann ber Papierverbrauch unb bte Lage bes Papiers. Erst nachdem alle technischen Kleinarbeiten vom Verleger unb Drucker gemeinsam abqewickest sinb, wirb Auftrag gegeben, bas Manuskript abzusetzen, bas heißt, bas ganze Manuskript wirb erst einmal vollkommen abgesetzt unb in sogenannten „Fahnen" abgezogen. Diese „Fahnen", auch „Bürstenabzüge" genannt, gehen nun zu Verlag unb Dichter; der Korrektor des Verlegers lieft lediglich auf Druckfehler hin, die natürlich immer unterlaufen; der Dichter aber, auch diese mit’ berücksichtigend, lenkt seine ganze Aufmerksamkeit auf das dichterische Werk. Für ihn beginnt jetzt wieder eine angestrengte Tätigkeit, denn letzt bietet sich ihm unweigerlich die letzte Möglichkeit, Korrekturen oder Aenderungen anzubringen. In diesem Stadium ist das kritische Gefühl des Dichters besonders angespannt und empfindlich, denn was er letzt versäumt, an Unausgeglichenheiten nicht bewältigt, ist ihm für die Dauer der ersten Auflage entgangen. Und wie viele Bücher gelangen nicht über die erste Auflage hinaus! m , Manche Schriftsteller fangen nun zum Kummer bes Verlegers an, ganze Seiten ober gar Kapitel zu streichen und neu zu schreiben Vor allem beginnt für den Dichter wieder der heimliche Kampf mit der Sprache; immer wieder zwingt er sie in seinen Dienst, fo schwer es oft für ihn ist. Immer wieder tauchen Zweifel auf, und nicht feiten wohl verzweifelt er am ganzen „Wert" seiner Arbeit. Seit langem mit seinem Stoff tief verbunden, zu nah noch allen Wirrnissen und Geschehnissen seiner erdichteten Welt, die für ihn überdeutliche Wirklichkeit ist, hat er nicht immer den genügenden Abstand; sein Herz kann noch nicht die klare unparteiische Distanz gewinnen, die nötig ist. Viele Autoren legen aus diesem Grunde das im Manuskript abgeschlossene Werk für längere Zeit zur Seite, ehe sie es dem Verleger einreichen, um es später mit nüchternem Blick erneut zu prüfen. Doch was geschieht weiter? Erst nachdem der Verfasser alle Korrekturen gelesen hat, die wiederum von der Hauskorrektur des Verlegers auf vielleicht noch übersehene „Druckfehlerteufel" geprüft werden, erst wenn diese letzte Lesung, Revision genannt, stattgefunden hat, erst dann erhalt der Drucker die Änweisung, mit dem Druck des Buches zu beginnen. Bei der Revisionskorrektur ist in den meisten Fällen schon der sogenannte Umbruch vorgenommen, das heißt, die Fahnen sind auf die Buchgröße gebracht worden. Er richtet jetzt seine großen Druckmaschinen ein, die, je nach Große, acht oder sechzehn Seiten des umbrochenen Satzes drucken können. Unaufhaltsam laufen nun Bogen um Bogen über die Walzen. Das überraschte und erstaunte Auge des Laien erlebt nun das Wunder jener großen Kunst, die Johann Gutenberg für die Menschheit entdeckte. Die sauber gedruckten Bogen werden von einer anderen Maschine gefalzt und in diesem Zustand zur Buchbinderei geschasst, wo sie zu Büchern zusammengestellt und vom Verlag vorbereitet werden für den entscheidenden Start in die große Welk.