Nummer 89 Montag, den 16. November Jahrgang 1936 SietzenerKnnilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger /S Geschichte einer Liebe ^7 IvlvVl VI von Knut Hamsun Copyright by Albert Langen^Georg Müller Verlag,München 3. Fortsetzung. Er reiste nicht. Verschiedenes hielt ihn auf, er hatte einige Angelegenheiten zu ordnen, etwas zu kaufen, etwas zu bezahlen, es wurde Morgen und Abend. Er taumelte wie sinnlos umher. , Schließlich läutete er beim Kammerherrn an. War Victoria da? Victoria machte Besorgungen. Er erklärt, daß sie aus demselben Ort seien, Fräulein Victoria und er, tzr hätte sie nur begrüßen wollen, wenn sie dagewesen wäre, hatte sich erlaubt sie zu begrüßen. Er wollte eine Nachricht nach Hause senden. Gut. Dann ging er in die Stadt. Vielleicht konnte er sie treffen, sie entdecken sie saß vielleicht in einem Wagen. Bis zum Abend wanderte er umher. Dor dem Theater sah er sie, er grüßte, lächelte und grüßte, und sie beantwortete seinen Gruß. Er wollte zu ihr treten, es waren nur einige Schritte — da sieht er, daß sie nicht allein ist, Otto ist bei ihr, der Sohn des Kammerherrn; er war in Leutnantsuniform. Johannes dachte: Vielleicht gibt sie mir jetzt einen Wink, ein kleines Zeichen mit den Augen? r.. Sie eilte ins Theater, rot, mit gesenktem Kopf, als wollte sie sich ver- ^Vielleicht konnte er sie drinnen sehen? Er nahm ein Billet und ging kannte die Loge des Kammerherrn, jawohl, diese reichen Menschen hatten eine Loge. Da saß sie in all ihrer Herrlichkeit und blickte sich um. Sah sie ihn an? v r , . „ Als der Akt zu Ende war, lauerte er ihr draußen auf dem Gang auf. Er grüßte wieder; ein wenig erstaunt sah sie ihn an und nickte. Dort drinnen kannst du Wasser bekommen, sagte Otto und deutete nQC©te gingen vorbei. Johannes sah ihnen nach. Eine seltsame Dämmerung legte sich vor seine Augen. Alle diese Menschen um ihn waren ärgerlich auf ihn und stießen ihn; mechanisch bat er um Entschuldigung und blieb stehen. Dort verschwand sie. Als sie zurück kam, verbeugte er sich tief vor ihr und sagte: Entschuldigen Sie, gnädiges Fräulein ... Das ist Johannes, jagte sie vorstellend. Kennst du ihn wieder? Otto antwortete und sah ihn blinzelnd an. Sie wollen vermutlich wissen, wie es daheim steht, fuhr sie fort, und ihr Antlitz war schön und ruhig. Ich weiß es wirklich nicht, aber es geht sicher gut. Ausgezeichnet. Ich werde die Müllersleute grüßen. Danke. Reisen Sie bald, gnädiges Fräulein? In den nächsten Tagen. Ja, ich werde sie grüßen. Sie nickte und 6in$Bieber sah Johannes ihr nach, bis sie verschwunden war, dann begab er sich hinaus. Eine ewige Wanderung, ein schwerer und trauriger Gang, Straße auf, Straße ab, schlug die Zeit tot. Um zehn Uhr stand er vor des Kammerherrn Haus und wartete. Jetzt war das Theater bald zu Ende, jetzt mußte sie kommen. Er konnte vielleicht den Wagenschlag ötssnen, den Hut abnehmen, den Wagenschlag öffnen und sich bis zur Erde verbeugen. Endlich, eine halbe Stunde später, kam sie. Konnte er dort bei der Türe stehenbleiben und sich wiederum in Erinnerung bringen? Er eilte die Straße hinauf und sah sich nicht um. Er hörte, wie das Tor ausging, wie der Wagen hineinfuhr und das Tor wieder zugeschlagen wurde, da kehrte er um. Jetzt ging er eine Stunde lang vor dem Haus aus und ab. Er wartete auf niemand und hatte hier nichts zu tun. Plötzlich wird das Tor von innen geöffnet und Victoria tritt auf die Straße hinaus. Sie ist ohne Hut und hat nur einen Schal um die Schultern geworfen. Halb ängstlich, halb verlegen lächelt sie und fragt als Anfang: Gehen Sie hier umher und denken? Nein, antwortet er. Ob ich denke? Nein, ich gehe hier bloß so. Ich sah Sie hier außen auf und ab gehen, und da wollte ich ... ich sah Sie von meinem Fenster aus. Ich muß gleich wieder hinein. Dank, weil Sie kamen, Victoria. Vor kurzem war ich so verzweifelt, und jetzt ist es vorbei. Entschuldigen Sie, daß ich Sie im Theater grüßte; leider habe ich auch hier beim Kammerherrn nach Ihnen gefragt, ich wollte Sie treffen und erfahren, was Sie meinten, was Ihre Meinung ist. Ja, sagte sie, das wissen Sie doch. Ich sagte vorgestern so viel, daß Sie es nicht mißverstehen konnten. Ich bin immer noch gleich unsicher. Reden wir nicht mehr davon. Ich habe genug gesagt, ich habe viel zu viel gesagt, und ich tue Ihnen jetzt weh. Ich liebe Sie, ich log vorgestern nicht und ich lüge auch jetzt nicht; aber es gibt so vieles, das uns trennt. Ich schätze Sie sehr, spreche gern mit Ihnen, lieber mit Ihnen, als mit jemand anderem, aber ... Ja, ich wage nicht länger hier stehen zu bleiben, man kann uns von den Fenstern aus sehen. Johannes, es gibt so viele Gründe, die Sie nicht kennen, und Sie dürfen mich nicht mehr bitten, zu sagen, was ich meine. Ich habe Tag und Nacht daran gedacht; ich meine, was ich gesagt habe, aber es ist unmöglich? Was ist unmöglich? Das Ganze. Alles. Hören Sie, Johannes, ersparen Sie es mir, stolz für uns beide zu sein. Jawohl. Gut, ich will es Ihnen ersparen! Aber dann haben Sie mich also vorgestern zum Narren gehalten. Es ging so zu, Sie trafen mich auf der Straße und waren in guter Stimmung, und da ... Sie wandte sich um und wollte gehen. Habe ich etwas Unrechtes getan? fragte er. Sein Gesicht war bleich und unkenntlich. Ich meine, wodurch verscherzte ich Ihre ... Habe ich in diesen zwei Tagen und zwei Nächten etwas verbrochen? Nein, das ist es nicht. Ich habe nur darüber nachgedacht; haben Sie das nicht? Es war die ganze Zeit unmöglich, wissen Sie. Ich schätze Sie, halte viel auf Sie ... Und achte Sie. Sie sieht ihn an, sein Lächeln kränkt sie, und sie fährt heftiger fort: Mein Gott, begreifen Sie denn nicht selbst, daß mein Vater es Ihnen abschlagen würde? Warum zwingen Sie mich, das zu sagen? Sie wissen es selbst. Wozu hätte es geführt? Habe ich nicht recht? Pause. Ja, antwortet er. Außerdem, fährt sie fort, es gibt so viele Gründe ... Nein, Sie dürfen mir wirklich nicht wieder ins Theater nachkommen, ich hatte Angst vor Ihnen. Das dürfen Sie nie wieder tun. Nein, sagt er. Sie nimmt feine Hand. Können Sie nicht auf einige Zeit nach Hause kommen? Ich würde mich sehr darüber freuen. Wie warm Ihre Hand ist; ich friere. Nein, jetzt muh ich gehen. Gute Nacht. Gute Nacht, antwortet er. Kalt und grau dehnte sich die Straße in die Stadt hinauf aus, sie glich einem Gürtel aus Sand, einem ewigen Weg. Er stteß auf einen Jungen, der alte verwelkte Rosen verkaufte; er rief ihn an, nahm eine Rose, gab dem Jungen ein winziges Fünfkronenstück in Gold, ein Geschenk, und ging weiter. Kurz danach sah er eine Gruppe von Kindern, die bei einem Tor spielten. Ein Junge von zehn Jahren sitzt still da und sieht zu; er hat alte blaue Augen, die dem Spiel folgen, hohle Wangen und ein viereckiges Kinn, und auf dem Kopf trägt er eine Leinenmütze. Es war das Futter einer Mütze. Dieses Kind trug eine Perücke, eine Haarkrankheit hatte diesen Kops für immer entstellt. Auch seine Seele war vielleicht ganz verwelkt. All das beobachtete er, obwohl er keine klare Vorstellung davon hatte, in welchem Teil der Stadt er sich befand, oder wohin er ging. Es fing auch an zu regnen, er fühlte es nicht und spannte seinen Schirm nicht auf, obwohl er ihn den ganzen Tag mit sich herumgetragen hatte. Als er schließlich an einen Platz mit Bänken kam, ging er hin und setzte sich. Es regnete immer mehr. Ohne es zu wissen, spannte er den Schirm auf und blieb sitzen. Nach kurzer Zeit überfiel ihn eine unüberwindliche Schläfrigkeit, fein Gehirn lag wie im Nebel, er schloß die Augen und fing an zu nicken und zu schlafen. Eine Weile später erwachte er durch die Stimmen einiger Vorübergehenden, die laut sprachen. Er stand auf und ging weiter. Sein Gehirn war klarer geworden, er entsann sich dessen, was geschehen war; aller Ereignisse, sogar des Knaben, dem er fünf Kronen für eine Rose gegeben hätte, erinnerte er sich. Er stellte sich das Entzücken des kleinen Herrn vor, wenn er nun diese wunderbare Münze unter seinen Schillingen sand und sah, daß es nicht ein Fünfundzwanzigörestück war, sondern ein Füns- kronenstück in Gold. Gott mit dir! Und die andern Kinder waren vielleicht vom Regen vertrieben und spielten im Torweg weiter, hüpften ins Paradies, spielten mit Kugeln. Und der entstellte zehnjährige Greis sah da und sah zu. Wer weiß, vielleicht freute er sich über irgend etwas, vielleicht hatte er eine Puppe in feiner Kammer im Hinterhof, einen Hampelmann, einen Kasperl. Vielleicht hatte er nicht alles im Leben verloren, vielleicht gab es eine Hoffnung in feiner welken Seele. Eine feine schlanke Dame taucht vor ihm auf. Er zuckt zusammen, hüll inne. Nein, er kannte sie nicht. Sie war aus einer Seitenstraße gekommen und eilte weiter, und sie hatte keinen Schirm, obwohl der Regen herabströmte. Er holte sie ein, sah sie an und ging vorbei. Wie fein und jung sie war! Sie wurde naß, sie erkältete sich, und er wagte nicht, sich ihr zu nähern. Da klappte er seinen Regenschirm zu, damit sie nicht allein naß werden sollte. Als er nach Hause kam, war es Mitternacht vorbei. Auf seinem Tisch lag ein Brief, eine Karte, es war eine Einladung. Seiers würden sich freuen, wenn er morgen abend zu ihnen käme. Er würde bekannte Leute treffen, unter anderem — könnte er das erraten — Victoria — das Schloßfräulein. Freundliche Grüße. Er schlief auf seinem Stuhl ein. Ein paar Stunden darauf erwachte er und fror. Halb wach, halb schlafend, von Kälteschauern geschüttelt, müde von des Tages Mißgeschick, setzte er sich an den Tisch und wollte die Karte beantworten, diese Einladung, die er nicht anzunehmen gedachte. Er schrieb seine Antwort und wollte sie in den Briefkasten bringen. Plötzlich kommt ihm der Gedanke, daß auch Victoria eingeladen war. Ja so, sie hatte nichts davon zu ihm gesagt, sie hatte gesürchtet, er würde kommen, sie wollte ihn draußen unter den fremden Menschen los sein. Er zerreißt seinen Brief, schreibt einen neuen und dankt, ja, er würde kommen. Eine innere Heftigkeit läßt seine Hand zittern, eine eigenartige frohe Bitterkeit erfaßt ihn. Weshalb solle er nicht hingehen? Weshalb sollte er sich verbergen? Basta. Seine ungestüme Gemlltserregung geht mit ihm durch. Mit einem Ruck reiht er eine Handvoll Blätter von seinem Wandkalender ab und versetzt sich eine Woche weiter vor in der Zeit. Er bildet sich ein, daß er über irgend etwas stoh ist, über alle Maßen entzückt ist, er will diese Stunde genießen, will eine Pfeife anzünden, sich hinsetzen und sich freuen. Die Pfeife ist nicht in Ordnung, vergebens sucht er nach einem Messer, einem Pfeifenputzer, und nimmt plötzlich den einen Zeiger der Uhr im Winkel herunter, um die Pfeife damit zu reinigen. Es tut ihm gut, diese Zerstörung anzusehen, sie bringt ihn innerlich zum Lachen, und er späht umher, ob er noch sonst etwas zerstören könnte. Die Zeit vergeht. Schließlich wirft er sich vollständig angezogen in seinen nassen Kleidern aufs Bett und schläft ein. Als er erwachte, war der Tag weit vorgeschritten. Es regnete immer noch, die Straße war naß. Sein Kopf war ganz wirr, Bruchstücke der Träume aus dem Schlafe vermischten sich mit den Erlebnissen des gestrigen Tages; er verspürte kein Fieber, im Gegenteil, seine Hitze hatte sich gelegt, ein Gefühl der Kühle umfing ihn, als sei er die ganze Nacht durch einen schwülen Wald gewandert und befände sich jetzt in der Nähe eines Sees. Es topft, der Postbote bringt ihm einen Brief. Er öffnet ihn, sieht ihn an, lieft ihn und kann ihn nur schwer verstehen. Der Brief war von Victoria, ein Zettel, ein halber Bogen! Sie habe vergessen, ihm zu erzählen, haß sie heute abend zu Seiers gehe, sie möchte ihn dort treffen, sie wolle ihm eine bessere Erklärung geben, wolle ihn bitten, sie zu vergessen, es wie ein Mann zu tragen. Entschuldigen Sie das schlechte Papier, freundliche Grüße. Er ging in die Stadt, speiste, ging wieder heim und schrieb endlich eine Absage an Seiers, er könne nicht kommen, möchte aber gerne ein anderes Mal kommen dürfen, vielleicht morgen abend. Diesen Brief sandte er durch einen Boten. V. Jetzt kam der Herbst, Victoria war heimgereist, und die kleine abgelegene Straße lag wie früher mit ihren Häusern und ihrer Stille da. In Johannes' Zimmer brannte nachts ein Licht. Es wurde am Abend mit den Sternen angezündet und bei Tagesgrauen ausgelöscht. Er arbeitete und kämpft«, er schrieb an seinem großen Buch. Wochen und Monate vergingen; er war allein und suchte niemand auf, zu Seiers kam er nicht mehr. Ost trieb seine Phantasie ein böses Spiel mit chm und streute in fein Buch nicht dazugehörige Einfälle, die er später wieder ausstreichen und ausmerzen muhte. Das hielt ihn sehr auf. Ein plötzlicher Lärm in der Stille der Nacht, das Rumpeln eines Wagens auf der Straße konnte feinen Gedanken einen Stoß versetzen und sie aus ihrer Bahn werfen: Achtung! Weicht dem Wagen aus! Weshalb? Weshalb sollte man sich eigentlich vor diesem Wagen in acht nehmen? Er rollte vorbei, jetzt ist er vielleicht an der Ecke. Vielleicht steht dort ein Mann ohne Mantel, ohne Mütze, er steht vornübergebeugt da und hält dem Wagen seinen Kopf entgegen, er will überfahren, unwiderruflich zermalmt, getötet werden. Der Mann will sterben, das ist seine Sache. Er knöpft die Knöpfe an seinem Hemd nicht mehr zu, und er hat aufgehört, des Morgens seine Stiefel zuzuschnüren, er läßt alles offen, seine Brust ist nackt und mager; er wird sterben ... Ein Mann lag in den letzten Zügen, er schrieb einen Brief an einen Freund, einen Zettel, eine kleine Bitte. Der Mann starb, und er hinterließ diefen Brief. Der trug Datum und Ueberschrift, war mit großen und kleinen Buchstaben geschrieben, obwohl der Mann, als er ihn schrieb, in einer Stunde sterben sollte. Das war so merkwürdig. Er hatte auch den gewöhnlichen Schnörkel unter seinen Namen gemacht, und eine Stunde danach war er tot ... Es gab noch einen anderen Mann. Er liegt allein in einem kleinen holzgetäfelten und blau gestrichenen Zimmer. Was weiter? Nichts. In der ganzen weiten Welt ist er der, der jetzt sterben soll. Das beschöstigt ihn; er denkt daran, bis er erschöpft ist. Er sieht, daß es Abend ist, daß die Uhr auf acht Uhr zeigt, und er begreift nicht, warum sie nicht schlägt. Die Uhr schlägt nicht. Noch dazu ist es einige Minuten über acht, und sie tickt weiter, aher sie schlägt nicht. Armer Mann, sein Gehirn hat bereits angefangen zu schlafen, die Uhr hat geschlagen, und er hat es nicht gemerkt. Da durchlöchert er das Bild seiner Mutter an der Wand, — was soll er noch mit diesem Bild, und warum soll es ganz [ein, wenn er fortgeht? Sein müder Blick fällt aus den Blumentopf aus dem Tisch, und er streckt die Hand aus und zieht langsam und nachdenklich den großen Blumentopf herunter, so daß er zerbricht. Warum soll er dort stehen und ganz fein? Dann wirft er feine Zigarettenspitze aus Bernstein zum Fenster hinaus. Was soll er noch damit? Es schien ihm so einleuchtend, daß sie nach ihm nicht mehr dazuliegen brauchte. Und nach einer Woche war der Mann tot ... Johannes steht auf und geht im Zimmer auf und ab. Der Nachbar nebenan erwacht, sein Schnarchen hört auf, und man vernimmt ein Seufzen, ein gequältes Stöhnen. Johannes geht auf den Zehen zum Tisch hin und setzt sich wieder. Draußen vor seinem Fenster rauscht der Wind in den Pappeln und läßt ihn erschauern. Die alten Pappeln sind ihres Laubes beraubt und gleichen traurigen Mißgebilden; einige knorrige Aeste schlagen an die Hauswand und erzeugen einen knackenden Laut, wie eine Holzmaschine, ein zersprungenes Stampfwerk, das geht und geht. Er sieht auf feine Papiere nieder und lieft. Jawohl, feine Phantasie hat ihn wieder irregeführt. Er hat nichts mit dem Tod und mit einem vorbeifahrenden Wagen zu schaffen. Er schreibt von einem Garten, von einem grünen und üppigen Garten in seiner Heimat, von dem Schloßgarten, davon schreibt er. Tot und eingeschneit liegt er nun da, aber trotzdem schreibt er über ihn, und es herrscht dort durchaus nicht Winter und Schnee, sondern Frühling und Dust und milde Winde, und es ist Abend. Der Teich unten liegt still und tief, wie ein See aus Blei; die Fliederbüsche duften, Hecke neben Hecke steht mit Knospen und grünen Blättern da, und die Luft ist so still, daß man den Birkhahn auf der anderen Seite der Bucht balzen hört. Auf einem der Wege im Garten steht Victoria, sie ist allein, weißgekleidet, zwanzig Sommer alt. Da steht sie. Ihre Gestalt ist höher als die höchsten Rosenbüsche, sie sieht zum .Wasser hinüber, zu den Wäldern, zu den schlafenden Bergen in der Ferne; sie sieht aus wie eine weihe Seele mitten in dem grünen Garten. Unten vom Weg hört man Schritte, sie geht ein wenig vor, hinunter zu dem versteckten Lusthaus, stützt sich mit den Ellbogen auf die Mauer und sicht hinab. Der Mann unten auf dem Weg nimmt feinen Hut ab, senkt ihn beinahe bis zur Erde und grüßt. Sie nickt zurück. Der Mann sieht sich um, niemand ist in der Nähe, der ihn erspähen könnte, und er macht einige Schritte auf die Mauer zu. Da weicht sie zurück und ruft: Nein, nein! Sie wehrt ihm auch mit der Hand ab. Victoria, sagt er, es war ewig wahr, was Sie einmal sagten, ich hätte es mir nicht einbilden sollen, denn es ist unmöglich. Ja, antwortet sie, aber was wollen Sie bann? Er ist ihr ganz nahe gekommen, nur die Mauer trennt ihn von ihr, und seine Antwort lautet: Was ich will? Sehen Sie, ich will nur eine Minute hier stehen. Es ist zum letztenmal. Ich will Ihnen so nahe wie möglich sein; jetzt stehe ich nicht weit von Ihnen entfernt! Sie schweigt. So vergeht die Minute. Gute Nacht, sagt er und zieht den Hut beinah wieder bis zur Erde. Gute Nacht, antwortet sie. Und er geht, ohne sich umzublicken ... Was hatte er mit dem Tod zu schaffen? Er knüllt das beschriebene Papier zusammen und wirst es in den Ofen. Dort liegen auch noch andere beschriebene Papiere, die verbrannt werden sollen, lauter flüchtige Einfälle seiner Phantasie, die mit ihm durchgegangen war. Und er schreibt wieder von dem Mann unten auf dem Weg, einem wandernden Herrn, der grüßte und Lebewohl sagte, als feine Minute um war. Und im Garten blieb ein junges Mädchen zurück, sie war weiß gekleidet und zwanzig Sommer alt. Sie wollte ihn nicht haben; nein, wohl. Aber er hatte an der Mauer gestanden, hinter der sie lebte. So nahe war er ihr einmal gewesen. Wieder vergehen Wochen und Monate; und der Frühling kam. Der Schnee war schon fort, weit draußen im Weltraum rauschte es von der Sonne bis zum Monde wie von befreiten Wassern. Die Schwalben waren gekommen, und im Wald außerhalb der Stadt erwachte ein munteres Leben von allerhand hüpfenden Tieren und Vögeln mit fremder Sprache. Ein frischer und süßlicher Geruch drang aus der Erde. Seine Arbeit hat den ganzen Winter gedauert. Wie ein Aufgesang hatten die trockenen Aeste der Pappeln Tag und Nacht an seiner Hauswand gescharrt; jetzt war der Frühling gekommen, die Stürme waren vorbei und das Stampfwerk hatte aufgehört. Er öffnet das Fenster und sieht hinaus, die Straße ist schon ruhig, obwohl es noch nicht Mitternacht ist, die Sterne blitzen an dem wolkenlosen Himmel, alles deutet darauf, daß es morgen ein warmer und heller Tag wird. Er hört die Geräusche aus der Stadt, die sich mit dem ewigen Rauschen in der Ferne vermischen. Plötzlich gellt eine Lokomotivepfeife, es ist das Signal des Nachtzuges; es klingt wie ein einzelner Hahnenruf in der stillen Nacht. Jetzt ist die Zeit der Arbeit da, dieser Pfiff war ihm den ganzen Winter hindurch wie eine Botschaft gewesen. Und er schließt das Fenster und setzt sich wieder an den Tisch. Er wirft die Bücher, in denen er gelesen hat, zur Seite und holte die Papiere hervor. Er ergreift die Feder. Jetzt ist seine große Arbeit beinahe fertig. Nur ein Schlußkapitel fehlt noch, ein Gruß wie von einem fortfegelnbcn Schiff, und er hat es bereits im Kopf: In einem Gasthaus am Wege sitzt ein Herr, er ist auf der Durchreise und fährt weit, weit hinaus in die Welt. Haar und Bart sind grau, und viele Jahre find über ihn hingegangen; aber er ist immer noch groß und stark und kaum so alt, wie er aussieht. Draußen steht fein Wagen. Die Pferde ruhen aus, der Kutscher ist luftig und vergnügt: denn er hat Wein und Essen von dem Fremden bekommen. Als der Herr seinen Namen eingeschrieben hat, erkennt ihn der Wirt, verbeugt sich tief vor ihm und erweist ihm viele Ehre. Wer lebt jetzt auf dem Schloß? fragt der Herr. Der Wirt antwortet: Der Kapitän, er ist sehr reich; die gnädige Frau ist gütig gegen alle. Gegen alle? fragt der Herr sich selbst und lächelt seltsam, auch gegen mich? Und der Herr schickt sich an, etwas auf ein Papier zu schreiben, und als er damit fertig ist, überlieft er es, es ist ein Gedicht, schwer und ruhig, aber mit vielen bitteren Worten. Dann aber zerreißt er das Papier in Stücke, und er bleibt sitzen und reiht das Papier in immer noch kleinere Stücke. (Fortfetzung folgt.) Sonnenuntergang. Von Friedrich Hölderlin. Wo bist du? Trunken dämmert die Seele mir Bon aller deiner Wonne; denn eben ist's, Daß ich gelauscht, wie, goldner Töne Voll, der entzückende Sonnenjüngling Sein Abendlied auf himmlifcher Leier spielt; Es tönten rings die Wälder und Hügel nach. Doch fern ist er zu frommen Völkern, Die noch ihn ehren, hinweggegangen. Oer zwölfte der Schillschen Offiziere. Von Friedrich Wencker-Wildberg. Am 28. April 1809 eröffnete der preußische Major Ferdinand von Schill auf eigene Faust den Krieg gegen den mächtigen Franzosenkaiser. Es war ein tollkühnes Unternehmen, das von vornherein zum Scheitern verurteilt war, denn der großen Armee Napoleons, der über halb Europa gebot, konnte Schill nur das 2. Brandenburgische Husarenregiment entgegenstellen, das, durch Freiwillige verstärkt, im Höchstfälle 2000 Mann zählte. Ohne jede Unterstützung durch die Regierung, ja sogar ohne Wissen seiner Vorgesetzten versuchte der tapfere Major die Bevölkerung Norddeutschlands zur Erhebung gegen die französische Fremdherrschaft aufzurufen und der gegen Oesterreich im Felde stehenden Armee Napoleons in den Rücken zu fallen. Schill hatte in den unter französischer Herrschaft stehenden preußischen und westfälischen Garnisonen zahlreiche Mitverschworene, die aber leider nicht nach einem einheitlichen Plan handelten, sondern nach eigenem Gutdünken losschlugen. Alle diese Anschläge, die mit unzureichenden Kräften ausgeführt wurden, wie die Erhebung des Leutnants von Hirschfeld in Madeburg, der Ueberfüll Kattes auf Stendal, und Dörnbergs Aufstand gegen JerSme in Kassel, wurden von den französischen Garnisonen mühelos unterdrückt, bevor Schill überhaupt eingreifen konnte. Als er endlich mit feinen Husaren erschien, war bereits alles verraten und der Feind auf feiner Hut. So blieb dem Freiheitskämpfer nichts übrig, als in nördlicher Richtung auszuweichen und sich nach der Ostsee durchzuschlagen. Das gelang ihm auch; etwa tausend Franzosen und Westfalen, die ihm den Weg verlegen wollten, wurden bei Dodendorf geschlagen, und am 24. Mai sprengte Schill die Besatzung von Stralsund, die sich ihm entgegenstellte, bei Dammgarten auseinander. Tags darauf konnte er die nur noch von fünfzig franzöfifchen Artilleristen verteidigte Festung besetzen. Statt sich aber auf die im Hafen liegenden englischen Schisse zu flüchten, beging Schill den taktischen Fehler, sich in Stralsund zu verschanzen. Er sand hier zwar annähernd 500 Geschütze und reichlichen Munitionsvorrat, doch fehlte es an ausgebildeten Mannschaften. Und schon war General Gratien mit 5000 Mann von Wismar her im Anmarsch! Am 31. Mai war Stralsund vom Feind eingeschlossen, am frühen Morgen fetzte der Angriff auf das Kniepertor ein — wenige Stunden später war das Schicksal der kleinen Heldenschar entschieden. Auf der Fährstraße stieß Schill mit Holländern und Dänen zusammen; unter ihren Kugeln und Säbeln starb er den Heldentod. Nur etwa 400 Mann seiner Truppe gelang es, sich unter Führung des Leutnants von Brünnow nach Warnemünde durchzuschlagen und auf englische Schiffe zu entkommen. Der Rest mußte die Waffen strecken — es waren noch 557 Mann und 12 Offiziere. Von den Gefangenen wurden 14, die westfälische Untertanen waren, sofort erschossen, die übrigen wurden zu langjähriger Zwangsarbeit verurteilt und nach Brest, Cherbourg und Toulon gebrächt, wo sie mit Schwerverbrechern am Ausbau der Hafenanlagen Mitarbeiten mußten. . ,, lieber die Bestrafung der Offiziere wurde noch kein Entschluß gefaßt; man wartete erst di5 Befehle Napoleons ab. Vorläufig wurden sie in der Festung Montmedy interniert. Unterdessen traf aus Schönbrunn die Order des Kaisers ein: „Die Offiziere der Schillschen Bande sind vor ein Kriegsgericht zu stellen. Machen Sie ihnen einen regelrechten Prozeß und lassen Sie sie ,evec 6clat‘ erschießen", schrieb er an den Kriegsminister Clarke. Am 16. September erschienen vor dem Kriegsgericht in Wesel elf von den angeklagten zwölf Offizieren. Ihr Schicksal, von Napoleon im voraus bestimmt, ist bekannt: noch am selben Tage — Verhandlung und Urteilsverkündung hatten nur zwei Stunden gedauert — wurden sie auf den Wällen vor der Zitadelle erschossen. Der Zwölfte, der dem Märtyrertod seiner Kameraden entronnen war, lag unterdessen noch schwerverwundet im Lazarett zu Montmedy und war nicht transportfähig. Das war der damals 24jährige Leutnant Heinrich Ferdinand von Wedel, ein Vetter der beiden Brüder Karl und Albert von Wedel, die an der Seite ihrer Kameraden in Wefel erschossen worden waren. Ferdinand von Wedel hatte bereits bei Auerstädt mitgekämpft und war, obwohl schwerverwundet, der Gefangenschaft durch die Flucht nach Dänemark entronnen. Jetzt rettete ihm eine zweite schwere Verwundung das Leben. Wedel wurde zwar ebenfalls zum Tode verurteilt, jedoch von Napoleon zu lebenslänglicher Galeerenstrafe begnadigt. In Cherbourg, wo er viele feiner Waffengefährten wiedersah, wurde er gemeinsam mit einem preußischen Unteroffizier an die Kette geschmiedet. Jeden Morgen mußten die Gefangenen durch die Stadt zu ihrem Arbeitsplatz am Hafen marschieren, und abends kehrten sie aus demselben Wege in den Bagno zurück. Hier wurde der französische Hafenbeamte de la Chetardie auf den blonden jungen Mann aufmerksam, dessen stolze Haltung und edle Züge so auffallend von den Verbrechertypen der übrigen Sträflinge abstachen. Chetardie erkundigte sich nach dem Offizier, und bald stellte sich heraus, daß der Beamte ein Verwandter der Berliner Refugiöfamilie Gabein war, deren Sohn sich als Kamerad Wedels unter den Erschossenen von Wesel befand. Chetardie verwandte sich bei dem Gefängniskommandanten für Wedel, der daraufhin von der entehrenden Kette befreit und statt mit Erdarbeiten als Schreiber und Dolmetscher beschäftigt wurde. Der Franzose vermittelte auch den Bries» wechsel mit Wedels Eltern, die in banger Sorge um das.Schicksal ihres Sohnes waren. Ein Begnadigungsgesuch, das die Familie, von Wedel anläßlich der Geburt des Königs von Rom an Napoleon richtete, blieb zunächst erfolglos, jedoch erhielt Ferdinand von Wedel kurz vor Beginn des Feldzuges gegen Rußland auf Fürbitte Friedrich Wilhelms III., die Freiheit wieder, nachdem er zwei Jahre im Bagno von Cherbourg zugebracht hatte. Er sollte bald Gelegenheit finden, für sich und feine unglücklichen Kameraden Rache zu nehmen. Als Rittmeister und Ches der neuen Garde-Kosaken-Eskadron nahm Wedel ruhmvollen Antett an den Befreiungskriegen. Am 26. Mai 1813, feinem 28. Geburtstag, errang er sich in der siegreichen Schlacht bei Heynau das Eiserne Kreuz; bei Leipzig war er auch dabei, und dann folgte er der preußischen Armee auf die Schlachtfelder Frankreichs. Nach Waterloo zog er zum zweitenmal als Sieger in der Hauptstadt des gestürzten Welteroberers ein. Tage des Friedens und der Ruhe folgten auf die stürmische Kriegszeit. Wedel, der 1834 die Gräfin Charlotte Pückier geheiratet hatte, wurde Divisionskommandeur in Bromberg, wo er sich 1848 bei der Niederwerfung des polnischen Aufstandes auszeichnete, der bereits auf preußisches Gebiet übergegriffen hatte. Zum Generaladjutanten des Königs und zum General der Kavallerie befördert, kam Wedel schließlich als Gouverneur in die Festung Luxemburg, die bis 1866 zum deutschen Bundesgebiet geörte. Hier konnte er am 15. April 1856 sein 60jähriges Dienstjubiläum feiern, das sogar von der den „Preußen" sonst nicht gerade allzu freundlich gesinnten Bevölkerung festlich begangen wurde. Wenige Wochen zuvor hatte er den am 31. Januar geborenen Sohn feines Adjutanten Bruno von Francois aus der Taufe gehoben — der kleine Hermann von Frangois hat feinem Taufpaten alle Ehre gemacht: er ist der aus dem Weltkriege ruhmvoll bekannte General geworden. Die glänzendste Genugtuung, die dem deutschen Freiheitskämpfer und ehemaligen französischen Galeerensträfling zuteil wurde, war sein Besuch am Hofe Napoleons III., wohin er 1855 als außerordentlicher Gesandter Friedrich Wilhelm IV. geschickt wurde. Die Garden präsentierten, die Trommeln schlugen den Generalmarsch, als der alte Offizier Schills die Ehrentreppe emporftieg und der Kaiser ihm in der Dianengalerie das Kommandeurkreuz der Ehrenlegion anheftete. Erst am 1. Juli 1860 trat Wedel in den Ruhestand. Am 20. Januar 1861 wohnte er noch der Krönung Wilhelms I., des späteren Kaisers, bei. Zwei Tage darauf, am 22. Januar 1861, ein halbes Jahrhundert nach den elf Kameraden von Wesel, starb auch der Zwölfte. Oer Bildnismaler Anion Graff. Zu seinem 200. Geburtslage am 18. November. Von Margarete von Olfers. „Mein Vater war ein Zinngießer, dessen Handwerk ich auch erlernen sollte. Allein die Freude, die ich von klein auf hatte, Bilder zu sehen, erregte in mir den Wunsch, Maler zu werden." So beginnt die Selbstbiographie Anton Graffs, dessen künstlerischer Begabung wir die besten und lebensvollsten Porträts vieler bedeutender Persönlichkeiten des 18. Jahrhunderts verdanken, ja, der am Schluß seines Lebens die erstaunliche Zahl von 1655 Bildnissen und 322 Zeichnungen erreicht hatte. Der kindliche Wunsch des Knaben hatte sich also erfüllt und als erfolgreich bewiesen. Daß der talentvolle Junge die Künstlerlaufbahn ergreifen durfte, verdankt er den Bemühungen eines kunstliebenden Pfarrers, der den Vater Hans Georg Graff, ehrsamen Zinngieher in Winterthur, bewog, den Sohn auf eine Kunstschule seiner Heimatstadt zu schicken. So kam Anton Graff zu dem Maler Schellenberg, man kann wohl sagen „in die Lehre", und überflügelte seinen Meister sehr rasch. Eine lustige Geschichte, ein richtiger Jungenstreich, der zugleich aber auch ein Beweis seines routinierten Könnens auf malerischem Gebiet ist, wird von ihm aus dieser Lehrzeit berichtet: Schellenberg war Rathaus- meister und hatte seinen Sitz auf dem Rathaus. Als Anton Graff eines Tages im Vorraum des Rathaussaales auf feinen Lehrer warten mußte, kam er aus lauter Langeweile auf den Einfall, die Haken, an denen die Herren ihre Baretts aufzuhängen pflegten, herauszuschrauben und nächtlicherweile durch gemalte zu ersetzen — das wußte er ebenso täuschend zu machen wie jener Künstler der Antike, an dessen gemalten Beeren Die Vögel gepickt haben sollen. In Winterthur waren die Angeführten die Ratsherren, denen zu allgemeinem Staunen bei der nächsten Sitzung die rasch aufgehängten Baretts sämtlich zu Boden fielen. Mit zwanzig Jahren hatte Graff in der Heimat ausgelernt und zog, aufs Veste empfohlen, zu weiteren Studien nach Augsburg. Dort war er schön bald als Porträtmaler in den wohlhabenden Bürgerkreisen so beliebt, daß er den Neid der anderen Maler erregte. Er solle, so verlangten sie von ihm, entweder zu malen aufhören oder die Stadt verlassen. Zu malen aufhören?! Ebensogut hätten die freundlichen Kollegen von Graff verlangen können, daß er aufhöre zu atmen ... Er trennte sich also schweren Herzens von der ihm liebgemorbenen Stadt und ging nach Ansbach. Auch dort war ihm das Glück in gewissem Sinne günstig. Die verwitwete Markgräfin, die Schwester Friedrichs des Großen, beauftragte ihn, ein Bild des Königs zu kopieren. Diese Kopie fand so großen Beifall, daß es Bestellungen ohne Ende gab. jeden Tag mußte er eine anfertigen. „Aber", so heißt es in der Selbstbiographie, „immer schlechte Kopien machen ist nicht der rechte Weg zur Kunst" Ueberhaupt fürchtete Graff in dem behaglich geruhsamen Leben der kleinen Residenz, in der er reichlich verwöhnt wurde, zu versanden. So kehrte er zunächst in feine Heimat zurück. Inzwischen war in Dresden auf Anregung des Kunsthistorikers und Mäzens Christian Ludwig von Hagedorn eine Kunstakademie gegründet worden, für die ein Porträtmaler gesucht wurde. Hagedorn hatte von Graff gehört, sich eines feiner Bilder kommen lassen und bot ihm, entzückt und rasch entschlossen, die Stelle an der Akademie gegen ein Gehalt von 400 Taler jährlich und 100 Taler Reisekosten an. Die Berufung nach der durch Kunstpflege, Pracht und Prunk berühmten fächsischen Hauptstadt bedeutete eine ungewöhnliche Auszeichnung für den noch recht unbekannten Künstler. Der schlichte Schweizer Handwerkersohn zögerte, den Ruf anzunehmen; er fürchtete, sich in dieser anspruchsvollen Umgebung nicht durchsetzen zu können. Als er aber einmal dort war, lebte er sich fo rasch ein und fühlte sich in Dresden so wohl, daß er dieser Stadt bis an fein Lebensende treu blieb und Deutschland somit seine zweite Heimat wurde. . ... „ „Von dieser Zeit an (es war das Jahr 1756) ging es immer glücklich , bekennt Graff von sich selbst. Er erhielt die interessantesten Auftrage, er wurde berühmt. Während eines Aufenthaltes in Berlin lernte er die viel umworbene Tochter seines Landsmannes, des Philosophen Sulzer (in dessen Haus er Lessing im Jahre 1771 porträtierte) kennen und lieben. Und wie alle Wünsche Graffs ohne weitere Schwierigkeiten in Erfüllung gingen, fo hatte er auch hier Glück. Gustchen erwiderte seine Liebe, und Sulzer selbst zögerte nicht, seine Tochter einem Manne zu geben, der auf dem besten Wege war, berühmt zu werden, und vor allem, nach des Schwiegervaters Ausspruch „ein Gemüt besah, das so hell und rein wie ein Frühling war." Zahlreiche Bilder, die mit zu den schönsten gehören, die der Künstler geschaffen, legen Zeugnis von seinem glücklichen Familienleben ab. Grafs im Kreise seiner Familie, Frau Guste allein, seine Kinder liebevoll beobachtet, der etwa achtjährige Karl Anton (der später Landschaftsmaler wurde) am Tisch sitzend und zeichnend und vor allem das reizende Bild des kleinen Georgs der mit Seifenblasen beschäftigt ist. Trotz wachsenden Wohlstandes lebte Graff, nach einer Schilderung der Malerin Luise Seidler, patriarchalisch einfach: In der Altstadt bewohnte er mit seiner ganzen Familie, fast bis an sein Lebensende, nur ein einziges großes Zimmer, das durch eine spanische Wand geteilt war. „Erst nach dem Tode seiner Frau — im Jahre 1812 — trennte sich der Künstler schweren Herzens von der ihm so liebgewordenen Behausung und siedelte zu seiner verheirateten Tochter über. Zum ersten Male kommt nun eine Klage über seine Lippen. „Seit einem Jahre bin ich kein glücklicher alter Mann", schrieb er 1813, kurz vor seinem Tode. Die unruhige Kriegszeit, unter der Dresden viel zu leiden hatte, trug auch dazu bei, den bis in fein Alter schaffenden Künstler niedergeschlagen zu machen. Er erwog allen Ernstes, in feine Heimat zurückzukehren. Ehe es dazu kam, starb Graff am 22. Juni 1813. Von Graffs Bildern find 300 nachweislich erhalten, neben mittelmäßigen Leistungen waren Meisterwerke darunter, wie die Bildnisse Lessings, Sulzers, Chodowieckis, mit dem er eng befreundet war. Bemerkenswert sind auch die Porträts aus der Familie Körners, die ihm nahe stand, und das schöne Bild Bürgers mit den großen dunklen melancholischen Augen. Im Jahre 1785 lernte Graff in Dresden Schiller kennen und es entstand das bekannte Bild, das gewiß zu seinen besten und ähnlichsten gehört. Graff meinte selbst, „den Dichter des Don Carlos in einem günstigen Moment aufgefaßt zu haben", allerdings klagte er, „das war ein unruhiger Geist, der hatte, wie wir sagen kein Sitzfleisch". Zu den größten Förderern der Graffschen Kunst gehörte em Mann, den Wieland „den ersten Buchhändler der Nation" nannte: Philipp Erasmus Reich in Leipzig. Wohl durch Gleimß Freundschaftstempel angeregt, wünschte freier „Buchhändlerfürst" die Bildnisse bedeutender Zeitgenossen zu einer Galerie vereinigt, zu besitzen. Er beauftragte Graff mit dieser Arbeit, und diesem Umstand ist es zu verdanken, daß wir uns von dem Aussehen und Wesen so vieler berühmter Persönlichkeiten des 18. Jahrhunderts einen Begriff machen können. Geschichte von der Baffin-Bay. Von Eberhard Meckel. Von der Baffin-Bay wußte einer, der vor etlichen Jahren von dort zurückgekehrt war, nachdem er da oben lange als Pelztierjäger gelebt hatte, folgende Geschichte zu berichten: Etwa zwischen dem 73. und 74. Breitengrad und dem 81. und 76. Grad westlicher Länge liegt die Insel Byliot, vergleichsweise fo groß wie Baden und Württemberg zusammen, aber unter der Unmenge von Inseln dort gering gerechnet, auch kaum der Besiedlung zugänglich — an ein paar Händen ließen sich die Bewohner, Pelztierfänger, Händler und Robbenjäger, herzählen — und teilweise unter ewigem Eis begraben; auch wird das Hinkommen durch Packeis erschwert. Es gibt einen größeren Ort dort, hierzulande wäre er klein, Ponds Jnlet geheißen, der die Verbindung mit der übrigen Welt wahrt. Von diesem Ort war vor ungefähr 35 Jahren ein Mann in nördlicher Richtung ausgezogen, den man eines langen Bartes wegen gemeinhin nur unter „bärtiger Bill" kannte. Einen anderen Namen oder feine Herkunft wußte man nicht, und das war dort auch gar nicht nötig, denn Namen ober Herkunft spielen um so weniger eine Rolle, je mehr es angesichts oft unmenschlicher Lebensverhältnisse, Härte unb Desonber- heit ber Natur darauf ankommt, seinen Mann zu stehen. Deshalb fanden und finden sich gerade an solchen abgelegenen Plätzen ost Leute zusammen, die Namen und Herkunft nicht mehr brauchen ober auch nicht mehr haben wollen. Ob der bärtige Bill einer von den letzteren gewesen, läßt sich nicht mehr nachprüfen und ist auch für die Geschichte nicht wichtig; er zog also aus, in der üblichen Ausrüstung, die man für den Pelztierfang braucht, aber er war nicht allein, fonbem führte noch eine Frau bei sich, bie er sich mitgebracht hatte, ob als feine eigene, das ist auch gleich — und weil Frauen da oben eine Seltenheit sind, nannte man ihn auch noch zuweilen den „bärtigen Bill mit der Frau". Beide mochten gleichaltrig fein, und wenn man für jeden damals das Alter von dreißig Jahren annimmt, dann kommt man wohl hin. So war also, wie gejagt, der „bärtige Bill mit der Frau" in die Einsamkeit gezogen, wohin, das wußte keiner, und darüber machte sich auch keiner irgendwelche Gedanken. Es genügte, daß Bill durch 35 Jahre hindurch wie übrigens alle, die gleich ihm in ber ewigen Einöde der Jagd nachgingen, fedes Jahr ein-, zweimal mit dem Hundefchlitten nach Ponds Jnlet kam, feinen gewonnenen Vorrat an Fellen einzutaufchen gegen Lebensmittel, Munition, Petroleum und andere Dinge, bie man eben fo braucht. Das Bemerkenswerte jedoch war, daß er die Frau niemals mitbrachte, und wenn man ihn nach ihr fragte, dann nickte er wohl mit dem Kopf und sagte auch etwas, was man so deuten konnte, es ginge gut, aber sonst erfuhr man nichts. Er redete überhaupt nicht viel, was man versteht, wenn man weiß, daß von der Nähe des Großen Eises und der fast immerwährenden Dämmerung unb Mitternacht bie Menschen, oft bis zum Verlernen der Sprache, schweigsam werden. Unb deshalb fand niemand etwas an ber Einsilbigkeit des „bärtigen Bill mit der Frau", unb es hätte sich auch nach den ungeschriebenen Gesetzen bart oben jeder gehütet, weiter in ihn zu bringen — wie ja keiner dem andern mit Fragen nachhing, hatte doch jeder genug damit zu tun, in dieser Gegend mit diesem Leben und sich selbst auf eigene Weife fertig zu werden. Bis ein Jahr verging, währenddessen sich Bill nicht mehr in Ponds Jnlet sehen ließ. Ein Jahr ist eine gute Zeit, ein Jahr darf man getrost zuwarten, und wenn bann nach einem weiteren halben Jahr sich einer, der sonst immer mit gewisser Regelmäßigkeit sich einzustellen pflegte, noch nichts von sich hören ließ, dann kann man sich langsam darum kümmern, sich ber in vielen Fällen noch verwendbaren Hinterlassenschaft des Betreffenden anzunehmen. Deshalb machten sich ein paar Männer, die einige Erfahrung im Suchen nach Vermißten hatten und auch dabei schon öfters zu guten Gewehren, noch brauchbaren Lebensrnitteln, Kleidern und Fellvorräten gekommen waren, auf, den bärtigen Bill mit ber Frau, bie wohl den Weg allein zurück nicht wußten, zu finden. Nun ist es dort oben nicht fo, als müßten die Sucher nun kreuz und quer durch bie Insel ziehen, wie wenn sie in Württemberg und Baden einen suchen sollten, und er kann am Oberrhein bei Dettingen sein, im Schwäbischen bei Saulgau, im Bauland bei Urphar ober mitten im Schwarzwald, sondern da gibt es ja nur verhältnismäßig wenige Punkte, wo sich Menschen Überhaupt halten können, und an einer solchen Stelle, fünfzig Kilometer von Cap Hay, stießen sie auf bas Lager von Bill. Der Mann tag vor dem Zelt, schon hoch von Schnee zugeweht, aber ba- durch erhalten, als wäre er noch nicht lange tot, und er war es boch sicher schon ein Jahr. Nicht einmal bie schweifenden Eisbären hatten das Lager gesucht unb die Leiche angefreffen, unb auch sonst war bort alles wohlgeordnet, weswegen sich bie Sucher auf die Beute freuten. Wo aber war die Frau? Von ihr war zunächst nichts zu entdecken, bis man beim Durchstöbern des Lagers und feiner Umgebung auf einen großen, sargähnlichen, glasklaren Eisblock kam, in dem, ein unerwarteter Fund, eine menschliche Gestalt eingeeift war: Es war die ber Frau, angetan mit ihren Pelzgewänbern wie im gewöhnlichen Leben. Unb bie Männer sahen, daß ihr Gesicht noch jung war, ob wohl man billig vermuten burften, daß es äußerlich gealtert wäre mit dem des Mannes. Und einer unter den Männern, ber die Frau damals vor 35 Jahren von Ponds Jnlet nach Norden hatte ausziehen sehen, konnte sich noch an ihr Gesicht erinnern und sagte, was durch das Cis zu erkennen wäre, bas wäre das gleiche unverändert wie seinerzeit. Das war nun freilich ein Rätsel, aber nicht für lange, denn dann tarnen bie Finber dahin überein, daß die Frau schon bald, nachdem ber „bärtige Bill" mit ihr nordwärts gegangen war, gestorben sein müsse, und nach ihrem Tode habe sie ber Mann ein geeist und in biefer Weise bei sich gehalten, als lebe sie noch unb wäre nur einmal schnell hinter einer Glaswand, durch die es atlerbings kein Zurück mehr gab, ein- geschlafen. So und nicht anders mußte es gewesen fein, denn wie wäre sonst bie Leiche der Frau fo bewahrt geblieben, wie bie Männer sie nun sahen, und auch von feineren Zügen und Gliedern als gewöhnlich die nach Tran und Fett riechenden Weiber der Robbenfänger und Jäger auszuweisen hatten, und von denen sie gleichwohl doch alle träumten. Und nachträglich beneideten sie noch den „bärtigen Bill", und es regte sich aus ihren verschütteten Herzen das Verlangen, sie wäre wieder lebendig. Aber warum hatte Bill nie etwas davon gesagt, daß sie gestorben war? Der Tote, ber über dreißig Jahre geschwiegen hatte, gab jetzt darüber auch keine Auskunft mehr. Ob er sie so geliebt, ihre Gestalt daher vor dem Verfall hatte bewahren wollen, ob er ihr Sterben, nach welchem niemand fragte, warum es fo früh und ob es jäh ober still, gewaltsam, schwer ober leicht vor sich gegangen, durch Jahrzehnte hindurch in Nacht, Kälte und Eis und Einsamkeit mit sich allein abmachen mußte, von der Gefährtin ja nur durch eine kleine Schicht gefrorenen Wassers getrennt — ober ob er sich um das übliche Totentrinken, bei dem er dem Brauch nach in Ponds Jnlet viel hätte ausgeben und durch Jahre noch bie Schulden davon hätte abtragen müssen, drücken wollte, zu dieser Meinung neigte nur einer von den Findern, mit dem der „bärtige Bill" wegen Geldsachen einmal zusammen geraten war. Die anderen aber neigten zur ersteren Ansicht, wenn gleich so etwas in ihrem Kreis noch nie vorgekommen und ihnen auch sonst unbekannt war. Doch hielten sie dafür, als beratschlagt wurde, was mit den Toten geschehen solle, sie zusammenzutun. So eisten sie den „bärtigen Bill" gleichfalls ein und fügten den Block mit feiner Leiche an den der Frau; es war ein merkwürdiges Bild für sie, die beiden nebeneinander zu sehen, gleich alt und durch viele Zeit getrennt, in der Jugend ber eine verblieben, ber andere vom schweren Leben unb Alter beschattet unb ausgezehrt. Ja, es ergriff bie Männer, denen ber Tob fönst nichts galt und denen ein Aufhebens darum fremd war, sogar ein Schauder bei der Vorstellung, baß ein Lebendiger so lange neben einem sichtbaren Toten gehaust habe, und wie es wohl gewesen sein müsse. Und da sie kein Grab schaufeln konnten, schoben sie, ehe sie die Hinterlassenschaften, unter denen keinerlei Papiere waren, zu sich nahmen unb nach Ponds Jnlet zurückkehrten, den doppelten Cisblock weit hinaus aufs Packeis und überließen ihn ber Drift, bie bie namenlose unb seltsame Fracht schon irgendwohin führen würde, wo es für sie gut war. ^verantwortlich: Dr. Hans Thtzriot. — Druck und Derlag: Drühl'fche Tkniveriitäts-Duch- und Eteindruckerei,2k. Lange, Gießen.