Nummer 80 Hreitag, den 16. Oktober Jahrgang 1956 Die Halsban-geschichte Erzählt von Wilhelm Schäfer Copyright by Albert Zangen / @eorg Müller Verlag, München 1. Fortsetzung. Von Luneville nach Jabern, das war kaum eine Tagereise, und so beiläufig an den Rohan, Fürstbischof von Straßburg und Groß-Almosenier von Frankreich, heranzukommen: das war wohl eine Reise wert. Sie meldete sich nicht lange an, weil sie in solchen Dingen fürs Ueberrumpeln war und fuhr bereits am andern Tag in der ersten Frühe das Tal der Vezouse hinauf auf Saarburg und Zabern zu. Sie hielten am Nachmittag in Pfalzburg auf den Vogesen die letzte Rast, als ihnen durch einen sonderbaren Zufall die Boulainvilliers begegnete. Die war mit einer Gesellschaft 3U zwölf Wagen nach Pfalzburg den vielberühmten neuen ^eftenweg der Steige hinaufgefahren, was für die Gäste des Kardinals ein vielbegehrtes Nachmittaqsvergnügen war. Während das junge Volk sich in den Post- qarten drängte, ließ sie ihren Wagen unter den Schatten eines Nußbmimes fahren, sich etwas zu erfrischen. Die Jeanne de la Motte, welche sich zur rechten Zeit erinnerte, daß der alten Dame stürmische Auftritte zuwider waren hielt sich zurück, bis die Marquise das ihrige bestellte; sie wußte, daß es ein Gläschen Rotwein war, den sie mit Zuckerwasser stark verdünnte und niemals nach ihrem Willen gemacht erhielt; sie nahm der Schenkin als einer Freundin der alten Dame die Sache ab, bereitete aus einer Platte alles sehr artig zu und trat nach einer Musterung vor dem Spiegel leichten Schrittes an den Wagen, der Marquise mit einem Kmcks und Schelmenlachen den Trank anbietend, wobei sie noch die Vorsicht brauchte, rasch einen Schritt zurückzutreten, so daß die Hand der alten Dame im ersten Schrecken nicht die Gläser umwerfen konnte. Sie war in einem Federhut mit zarten Bändern, in Rüschen und einem sommerlichen Reisekleid zwar ein bißchen verstaubt, doch sehr manierlich gekleidet: so geriet das Wiedersehn aufs schönste. Die Marquise war geschmeichelt, daß ihr das schöne Kind so artig vor allen Leuten Respekt und Dankbarkeit bezeigte, umarmte sie gerührt und lud ste em, in ihrem Wagen einzusitzen. Sie aber bat um die Erlaubnis, erst ihren Mann zu holen, der auch sehr artig und fast würdig war, und galant m seiner roten Uniform am Schlag des Wagens stehen blieb indessen sich die Marquise in raschen Worten das Schicksal ihrer jungen Ehe erzählen lleß soweit es der Jeanne geraten schien. So tarn es, daß sie mit der Gesellschaft zum Abend die Steige hinunter ins Elsaß fuhren, die junge Frau bei der Marquise der Leutnant in einem Wagen mit andern Offizieren, und mit der schwärmenden Gesellschaft den weiten Blick ins reiche Elsaß bewundern konnten, der sich bei jeder neuen Biegung der schönen Felsenstraße bot. Es war vereinbart, daß sich die Wagen am Fuße der Steige mit anderen Säften treffen sollten, die mit dem Kardinal von einer kleinen Jagd heimkehrten; o fuhr die Jeanne an diesem Tag in einem wahren Marchen- mnqen: denn es machte sich, daß die Boulainvilliers gerade vor dem Rohan hielt, der als ein schon bejahrter Mann, doch groß und schlank, tm grünen Jagdkoitüm mit goldenen Tressen und einem Busch von Falkenfedern an der Mütze liebenswürdig grüßend herantrat. Sie stellte chm die kleine Dame als ein Fräulein von Valois vor, weil sie den neuen Namen und den Mann dazu schon wieder vergessen hatte, und fugte noch mit auffälliger Betonung hinzu, daß ihr der Name mit vollem Recht gebühre Der Kardinal verneigte sich noch einmal leicht und fragte, das Persönchen mit Vergnügen musternd, ob es die Reise gestalte, zu Abend und zur Nacht sein Gast zu fein? Und als sie es nach einem Fragedlick zu der Marquise beglückt annahm, verneigte er sich noch einmal zum Abschied, diktierte dem Hausmeister noch, der mit dem Schreibbuch gleich zur Stelle war: Fräulein von Valois, und ging mit raschen Schritten die andern Gäste zu begrüßen. .. . So kam es, daß die junge.Frau zum Abend wieder als Fraulein von Valois zur Tafel faß, indessen sich der Nicolas als ihr Begleiter m Zabern allein vergnügen mutzte, weil er vergessen worden war. Man speiste nicht wie sonst an langen Tafeln, man saß an kleinen Tischen, rote sich- machte. Das schöne blasse Fräulein bei der Boulainvillers wurde viel bemerkt und auch durch ein Gespräch vom Kardinal beehrt, der hier und dort sich höflich nieberliefy Man fragte, wer sie sei, und horchte bei dem Namen DaloiS und suchte ihre Nähe, so daß die Jeanne bei ihrem erften Schritt n die große Welt berauscht von dem Erfolg fein mußte. Als gegen Zwölf der Fürstbischof sich zurllckzog und danach auch die Boulainvilliers.aufjtanb mit der die Jeanne sich empfehlen mußte, wurde ihr von einem ber . Lakaien zugeflüstert, baß noch jemand an ihrem Zimmer mit einer wichtigen Nachsicht auf sie warte. Es war ber Nicolas tn bofer Saune, ber nur durch diesen Vorwand Einlaß erhalten hatte und von Eifersucht geplagt auch etwas angetrunken sich die Aussperrung nicht länger gefallen lassen wollte. Es hätte im fürstbischöflichen Schloß zu Zabern eine de la Mottesche Auseinandersetzung gegeben, wenn die Jeanne nicht kurzerhand den Nicolas mit in ihr Zimmer abgeschoben und das von innen verriegelt hätte, zum Erstaunen und Grinsen der Lakaien, die durch den Takt des Hauses kaum verhindert wurden, dem Hausmeister Nachricht zu geben von den Gewohnheiten dieses Fräuleins von Valois. Am andern Morgen beim Empfang, den er der Boulainvilliers ver- prochen hatte, war der Kardinal verwundert, seit gestern statt einem Frau- iein von Valois eine Frau de la Motte und einen Leutnant von den Gendarmen als ihren Mann zu finden. Doch hörte er gutlaunig die Geschichte an, die ihm die junge Frau erzählte. Er war nicht mehr im Jägerwams; es war der Kirchensurst, der mit gnädiger Geduld fein Amt als Groß-Almosenier versah. Die junge Frau de la Motte aber hatte ihre schönste Stunde; sie sprach, daß sich die blaffen Backen röteten, sie ließ die Sätze rinnen wie Perlenfchnüre, fing sie geschickt mit einer Frage auf, warf sie ein paarmal der Marquise zu, die dann triumphierend den Kardinal ansah, der von so viel Temperament verwundert kaum noch hörte, was sie sagte, nur immer das zierliche Persönchen bestaunte, das einem Advokaten gleich die Worte zu setzen wußte und dennoch die größte Kunst der Rede mit ihren Augen, mit dem sinnlichen Klang der Stimme und mancher Bewegung der kleinen raschen Hand vollführte. Es endigte damit, daß ihr der Kardinal die Hand zum zarten Segen auf ihren weichen Scheitel legte, weil da gerade ein dünner Sonnenstrahl auffiel, der tupfrig glühte, um ihrer edlen Abkunft, wie um der Schönen Seele willen, ihr beizustehen. m An diesem Abend durste auch der Nicolas zur Tafel sitzen. Die Boulainvillers die ihrer Pflegetochter noch angesichts des Kardinals und weinend vor Stolz den ersten Kuß gegeben hatte, bemühte sich um sie mie eine Mutter, und von der Anerkennung und Gunst des Kardinals auffällig ausgezeichnet, verlebte die junge Frau de la Motte actjt Jage wie eine Siegerin, wobei der Nicolas auf feine Weife profitierte. Als sie dann in den Wagen fliegen, die Felfenstrahe der Steige hinauf nach Luneville zurückzufahren, erschien zufällig der Kardinal im Jagdgewand mit einigen Reitern und gab ihr scherzend bis zur Pfalzburg das Geleit; und mancher der Gäste drängte sich ihr beim Abschied auf. Es war eine andere, die danach die Straße nach Saarburg von den Vogesen hinunterfuhr, als biß DOt einer Woche bescheiben gekommen roor. Äuch fuhren sie n»ach Dille nur um ben Haushalt abzubrechen, benn die Jeanne war fid)er, oah - Nicolas als Rittmeister zu den Dragonern von Monsieur dem Grafen Artois, eintreten konnte, und Frau von Boulainvilliers im Stolz auf ihre Pflegetochter bezahlte seine Schulden. III. Es gab zwei Linien de la Motte, von denen eine gräflich war. Der wurde aus Versehen im Patent der neue Rittmeister zugerechnet; so tkif? die beiden auf der Reise nach Paris in Bar-sur-Aube als Graf und Gräfin de la Motte absteigen konnten. Zwar nur für einen Tag, doch lange genug, um zu verkünden, daß sie nun bald bei Hofe angenommen und eines Xages als die Herrschaft auf Foutette, auf Esfoyes und Verpillieres er- nahmen trotzdem noch bescheiden zwei Zimmer in Paris, in einem kleinen Gasthof „Ville de Reims"; nur installierte sich die Jeanne auch in Versailles am Place Dauphin, dem Hofverkehr zuliebe Sie war fett Zabern in einem Rausch gewagter Hoffnungen und zweifelte mcht, daß die Gemächer der Königin bald offen für ste standen, sowie die Boullam- villiers erst wieder in Auteuil sein würde. Statt der Marquise aber kam die Nachricht, daß d,e alte Dame an den Strapazen ihrer Reise krank geworden und unterwegs gestorben war. Damit verlor der Haushalt de la Motte Zukunft und Gegenwart fliit eins. Sie faßen nach den ersten Wochen schon so tief m Schulden daß sie die Ankunft des Kardinals Rohan, der nun für sie die einzige Hoffnung war, kaum erwarten konnten. Als sich dann endlich die furstbischofliche Hofhaltung im Palais der Rohan, dem „Hotel de Strasbourg , eingerichtet hatte und die Jeanne in dringenden Anliegen um eine Audienz anfragte, die ihr gar nicht fo rasch bewilligt wurde, wie sie erwartete: fand sie tm Vorzimmer des Kardinals, wo sie lange warten mußte die Marmorbuste eines Mannes mit breitem Gesicht und offener Halskrause flohen, auf deren Sockel in goldenen Lettern „Dem göttlichen Caglwstto zui lefen war. Sie wußte, daß der Wundertäter durch viele Wochen bei dem Rohan in Straßburg gerne en war. Auch hatte sie von feinem Einzüge in Paris gehört wie er mit Trompetenbläsern, Herolden in Brokat Vorläufern und seltsam aufgeputzten Dienern gekommen war das Geheimnis der blauen Freimauerei zu bringen. Nun fand sie den Kardinal, den sie durch die Erinnerung an manches Wort in Zabern und durch ihr Schicksal mit der Boulainvilliers gewinnen wollte, fremd und zerstreut und nicht geneigt, sie anzuhören: Im Rat der Geister standen fo wichtige Dinge zur Entscheidung, daß sie wohl richtiger morgen tarne. Er lasse sie am andern Sießcner^mnilkiiblältcr Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Tage zur Tafel taten, da fände sich in heiterer Stunde bessere Gelegenheit zu sprechen. Die schöne Eminenz, wie sie ihn nennen hörte, schon grau, mit roten Augenrändern, trotz ihrer Größe leicht beleibt, blieb mehr als kühl bei diesem Wiedersehen, so daß die Gräfin de la Motte auch an dem Abend nichts zu erhoffen wagte, als sich noch einmal satt zu essen. Ganz unerwartet wurde ein Triumph daraus, weil bei der Tafel ihr der Wundertäter Cagliostro leibhaftig schräg gegenüber saß: ein kurzer Mann mit mächtigen Schultern wie ein Riese, wenn er saß, mit einer kahlen Stirn und aufgeschwippter Nase, der durch den farbigen Prunk von seiner Kleidung die seltsame Bronzefarbe seiner Haut noch steigerte: Sein Rock stahlgrau, die Weste scharlachrot mit breiten spanischen Spitzen, wodurch der nackte Hals bis in die kräftige Brust hinunter zu sehen war. Er wandte sich sofort an sie mit einem tauten Kauderwelsch, das wenig französisch, meist italienisch und seltsam mit arabischen Wörtern durchschossen war, so daß sie ihn gar nicht verstand und nur seinen Blick wie einen Bohrer auf sich gerichtet fühlte. Er schien auch keine Antwort zu erwarten, sprach weiterhin gleich laut, daß alle an der Tafel nach ihm hören mußten und keiner sonst zu Wort kam. Nur fragte er von Zeit zu Zeit, aus der Verzückung sich mühsam in die Wirklichkeit besinnend und besorgt: Ob man ihn auch in allem verstanden hätte? Die Jeanne bemerkte mit Erstaunen, daß dies die meisten eifrig bejahten, und gab sich Mühe, gleichfalls zu folgen. Doch hörte sie nur Worte wie Christus, Sterne, Hierophanten aus dem Schwall und merkte schließlich noch, daß er von einer Stadt in Afrika erzählte, zehnmal größer als Paris und trotzdem mitten in der Wüste, darin er mächtige Bekannte habe. Und mußte lachen, als er sie plötzlich feine Taube nannte, bis sie auch dazu den staunenden Ernst der andern sah und sich durch diese Galanterie des Wundermannes geschmeichelt fühlte, der sie auch noch als Schwan und schließlich als Gazelle anschmachtete. Auch als die Tafel aufgehoben war, blieb er auffällig um sie her, zum Neid der andern Damen. Das machte sie so übermütig, daß sie scherzend auf feine Bilderreden einging und durch die Eleganz ihrer Bemerkungen, durch das Gelächter ihrer kirschroten Lippen die Herren entzückte. Auch der Rohan näherte sich wieder und hörte zu, wie sie dem Cagliostro versprechen muhte, ihn inmitten seiner Laboranten zu besuchen. Wie sie nachher erfuhr, hatte sie der Cagliostro für eine reiche und einflußreiche Dame gehalten, die er für feine Loge Isis gewinnen wollte, am selben Abend aber noch erfahren, und zwar vorn Rohan, wer sie war. Als sie deshalb am andern Tag sich melden ließ im Hotel d'Or- villiers, das er mit einem Troß von Dienern, Apothekern und Alchimisten bewohnte, lieh er sie warten. Sie hatte Muße, den Lärm der Kutschen auf dem Hof, das neidische Gedränge vornehmer Frauen, das Gehämmer und Gezisch der Schmelzöfen zu beobachten, und mußte schließlich im bitteren Verdruß weggehen, weil ihr hitziger Verehrer als Herrscher dieser Zauberwelten für sie nicht mehr zu sprechen war. Sie glaubte nicht an seine Wunderkräfte, doch hatte sie erfahren, wieviel er beim Kardinal vermochte, und darauf, des Groh-Almoseniers bedürftig, ihre Rettungspläne aufgerichtet. Denn unterdessen waren die Schulden im Haushalt de la Motte so dicht geworden, daß sie am Place Dauphin und auch in der „Ville de Reims" nichts mehr geliehen bekam. Auch war längst alles Bewegliche im Leihhaus. So dah der Graf, der in den ersten Wochen dem Vergnügen der Hauptstadt leichtsinnig nachgegangen war, schon mit gewagten Abenteuern Geld schaffen mußte; meist so, daß die La Motte noch irgend etwas auf Rechnung zu kaufen suchte, Lyoner Seide ober Silberzeug, das er dann gleich ins Pfandhaus brachte. So war ihr Leben erbärmlicher als es vorher in Luneville gewesen war und stand mit ihren Plänen traurig im Widerspruch. Ihre Bittgesuche bei Hofe wurden nicht geachtet; die Wut, als eine echte Valois so zu leben, und die Bestürzung, nach ihrem Zaberner Triumph nun in den Vorzimmern des Kardinals gleich andern warten zu müssen, um schließlich durch einen Diener fünf Louisdor, dazu die kühle Weisung zu erhalten, ihr Gesuch direkt beim Hofe einzubringen: dies alles vermischte sich zu einem wilden Haß auf den Cagliostro, der ihr die Gunst des Rohan verhinderte, auch auf ihn selbst, den launenhaften Kardinal. In diesen Tagens die jenen auf der nassen Landstraße von Var-sur- Aube nach Paris ähnlich in der trüben Verzweiflung waren, besann sich die Jeanne auf das Mittel, dem sie damals die glückliche Veränderung verdankte. Eines Morgens sank sie, die wirklich nur noch selten etwas zu essen bekam, im Vorzimmer von Madame Elisabeth, der königlichen Schwester, in Ohnmacht, so daß der Prinzessin gemeldet wurde, in ihrem Vorzimmer sei eine junge Dame vor Hunger umgefallen. Sie lieh die Jeanne auf einem Tragbett zurück in ihre Wohnung bringen und durch die Aerzte das Nötigste besorgen. Als sie nachher den Namen der Valois erfuhr, ließ sie in einer Hofgesellschaft für sie sammeln; auch sorgte sie, daß ihre Pension auf fünfzehnhundert Livres gesteigert wurde. Nur als die Gräfin Valois-La Motte sich ihr zu Füßen werfen wollte, ließ sie bedeuten, daß sie der Dankbarkeit auch ohnedies versichert wäre. Sie aber, die sich höher schätzte, als eine Prinzessin aus dem Haus Bourbon, verließ mit ihrem Grafen, der mit der neuen Wendung sehr zufrieden war, die „Dille de Reims" und mietete in der Rue Neuve- Saint-Gilles ein ganzes Haus mit Portierloge und Wagenremife, schaffte einen eigenen Wagen an, damit zu Hof zu fahren, und trat nun bei dem Kardinal hochmütig an, ihm Dank zu sagen für den guten Rat: Sie glaube, daß ihr dadurch für olle Zeit geholfen fei; sie habe nun den Weg zum Hof gefunden und hoffe, daß er noch zu weiteren Ehren führen würde, weil sich die Königin selber ihren Wunden mit dem Balsam edelster Güte zuneigen wolle. Der Rohan, den diese Wendung verblüffte, obwohl sie bei der bekannten Freigebigkeit Maria Antoniettes verständlich war, sagte ihr wehmütig scherzend, indem er sie leichthin zum Sitzen nötigte: daß sie somit glücklicher sei als er, der, wie ganz Frankreich wisse, von der Königin nicht empfangen würde. Sie nahm den Platz nicht an und gab auch keine Antwort, bat nur hochmütig lächelnd trotz ihrer kindlich frommen Verneigung um feinen Segen, mit dem er sie erstaunt entlassen mußte. Nach einer Woche kam sie wieder und war so munterer Laune und wußte ihn mit Andeutungen aller Art, der nach dem Grund so vieler Fröhlichkeit neugierig war, so einzuspinnen, daß er sich schließlich bereit erklärte, für sie mit einer Kleinigkeit von einigen tausend Livres zu bürgen, die sie zur neuen Einrichtung noch brauchte, um nicht zu ärmlich bei Hofe aufzutreten. Es gab nun einen Diener, einen Kutscher und eine Zofe in der Rue Neuve-Saint-Gilles, und fleißig fuhr der Wagen der Gräfin nach Ver» failles, den angebahnten Hosverkehr zu pflegen. Und weil sie nichts verschmähte, gelang es ihr tatsächlich, die Bekanntschaft eines Musikers der Hofkapelle namens Desclaux zu machen, der freilich nicht zur Hofgesellschaft gehörte, jedoch zugleich als Kammerlakai der Königin von manchen Sachen der Gemächer erzählen konnte. Darüber aber ging dem Haushalt schon wieder der Atem aus. Sie mußte eilen, wenn ihr der Hof noch helfen sollte, und versuchte es zum anbernmal mit einer Ohnmacht. Sie machte sich in das Gedränge der Spiegelgalerie, als die Königin hindurch zur Messe ging, und fiel ihr mit einem schwachen Seufzer bewußtlos in den Weg. Doch gab es, weil die Wachen sie gleich zur Seite schafften, nur einen Tumult, fo daß die Königin, erschrocken von dem Lärm, sie gar nicht sah, nur rascher als sonst in die Kapelle ging und seit dem Morgen die Galerie absperren ließ, wenn sie hindurch zur Messe wollte. Sie mußte diesmal aus eigenen Füßen nach Hause gehen und hatte das Vertrauen zu ihren Ohnmächten verloren; auch sah sie ein, daß sie nicht wie zur Boulainvilliers mit ihrem Namen fo rasch zur Königin kommen konnte. Um so hitziger verspann sich ihre Leidenschaft in Träume und Phantastereien, wie es fein würde, wenn ihr die Königin doch einmal, durch das Unglück einer Valois gerührt, in Güte nahen und ihr den Einlaß in die Gemächer gestatten würde, der ihr gebührte. Auch fing sie an, davon zu fprechen; und weil sie feit dem Besuch beim Rohan wußte, daß es nützlich war, sprach sie mit Ueberlegung. Es dauerte nicht lange, fo stand sie im Gerücht, auf irgendeine geheimnisvolle Weife, wie das in Versailles gebräuchlich war, Einfluß bei Hof zu haben. Sie nannte sich nur noch die Gräfin Valois-La Motte, war viel im Palais Royal, dem Stelldichein der Lebewelt, zu fehen und machte in der Rue Neuve-Saint- Gilles ein offenes Haus, daraus leicht einer mit dem Adel, wenn nicht als Graf entlassen wurde, der bürgerlich gekommen war. Aus einzelnen Hausfreunden schloß sich ein fester Kreis, darin die Spieler ihr nm liebsten waren; und manchmal verlies sich schon ein Provinzler zu ihr, der von. guter Hand gewiesen gern bereit war, ihre Fürsprache bei Hof durch eine runde Summe zu erkaufen. Der Keller des Grafen fing an, einen Vorrat von Burgunderwein zu halten; es war zwar kein gediegener Haushalt, doch gab es meist etwas zu essen; und wenn auch zwischendurch der Gerichtsvollzieher kam: sie sorgten schon, daß nichts zu pfänden war. Irgendwoher gab es dann wieder Louisdor genug, und die Bedienten waren gern im Haus der Gräfin Valois-La Motte. In diesen Zeiten kam sie dem Rohan wieder näher, weil sie durch einen Zufall einen Einblick in feine heimlichen Wünsche gewann, darauf sie mehr als eine Bürgschaft zu gründen gedachte. Sie war in Bar-fur-Aube als junge Frau und Mutter — von der Surniont ausgefperrt — noch ein paar Wochen bei einer Frau de la Tour gewesen, die eine Schwester von ihrem Grasen war. Die kam vom Rus des Cagliostro angelockt mit einer Krankheit nach Paris und brachte ihre Tochter mit, ein Ding von fünfzehn Jahren, blauäugig, blond und schlank. Sie wohnte in der Rue Neuve- Saint-Gilles und klagte ihrer Schwägerin, daß sie der Cagliostro nicht annehmen wollte. Die La Motte wußte, daß er junge Mädchen mit Gold bezahlte, wenn sie unschuldig waren und seinen Beschwörungen dienen konnten. Sie riet, die Tochter dem Zaubermeister vorzustellen, und als die Mutter das nach mancherlei Bedenken tat, wurde sie mit der engelhaften Erscheinung auch angenommen. Von diesem Mädchen, das der kranken Mutter treuherzig dienen wollte, erfuhr die Gräfin lange nichts, was ihr zu wissen wert war; bis es eines Tages mit einem Weinkrampf nach Hause kam und eher sterben, als noch einmal zu dem Cagliostro wollte. Sie hatte nur mit einem langen weißen Hemd und blauer Schärpe bekleidet in ein vor dem Tageslicht verdunkeltes Zimmer treten müssen, wo mitten auf dem Tisch eine mit klarem Wasser gefüllte Schale zwischen zwei brennenden Kerzen stand und auf der Seit^ der Kardinal in einem hohen Lehnstuhl saß. Sie mußte unverwandten Blickes vor die Schale treten, die von Sternzeichen, Hieroglyphen und kleinen Figuren umgeben war, die Isis und den Stier Apis darstellend, wie sie aus anderen Sitzungen schon wußte. Indessen führte der Cagliostro mit seinem Degen verzückte Bewegungen aus und rief den Groß-Kophta mit allen Erzengeln an. Als das lange gedauert hatte und das Wasser durch die Wucht seiner Bewegungen geheimnisvoll erschüttert war, fragte er nach einer großen Pause, während die Oberfläche des Wassers sich glättete, mit seiner Donnerstimme, die Degenspike mit ausgerecktem Arm steil aufgerichtet: ob sie im Wasserspiegel das Bild der Königin erblicke? Und weil das Mädchen wußte, daß feine Unschuld bezweifelt wurde, wenn es nichts erkannte, fo sah es deutlich in der Schale die Gestalt der Königin. Und nach wilderen Degenstößen und einer längeren Pause auch einen großen Mann, der ihr zu Füßen liege und dem Kardinal wohl ähnlich sehe. Wie einem Raubtier funkelten die Augen der Gräfin de la Motte, als sie den Kardinal so in den Händen des Cagliostro sah. Wenn er die Gunst der Königin so nötig hatte: sie war die Frau dazu, die zu verschaffen. Das Halsband. IV. Der Kardinal Rohan, der so seltsam nach der Zukunft suchte, statt sie in Gott zu stellen, war als Gesandter des französischen Königs vier Jahre lang in Wien gewesen. Er hatte aus Versailles die Sonne Frankreichs mitgebracht, die an dem hausbackenen Hof der Habsburgerin nicht scheinen durfte, obwohl sich zu den Abenden in der französischen Gesandtschaft alles drängte und seine Volksfeste ihn zum Liebling der Wiener Straßen machten. Selbst den Sohn bet Kaiserin, Josef den Zweiten, zählte er zu feinen Freunden; und als er zum Abschied sein Bildnis in Elfenbeinplättchen gravieren ließ und dies an feine Freunde und Freundinnen verschickte, wurden diese Plättchen mit Perlen und Diamanten eingefaßt und von den schönsten Frauen und wichtigsten Männern der habsburgischen Herrlichkeit auf Ringen und im Halsschmuck getragen; trotz ihrer Kaiserin, die diesen blendenden Sohn der Leichtfertigkeit lieber tot als länger in Wien gesehen hätte. (Fortsetzung folgt.) Oer psiüqer. Von Friedrich Bischoff*. Die Städte rauchen an den Horizonten, Das Land ruht braun und brach. Den Winden, die im Schlehengrund sich sonnten, Schwingt eine erste Schwalbe nach. Der Bauer pflügt in die erwachte Erd« Das junge, starke Licht, Er wandert neben seinem magern Pferde Mit weltverwunschenem Gesicht. Die Züge schmettern aus den Städten, Er treibt mit stillem Schritt. Ein Weihrauchduft aus weihen Wintermetten Weht segnend mit. Das Riemzeug klirrt an seinem Pferde, Die Welt erglüht im Lerchenton, Er lauscht und pflügt die ewige Muttererde Als ihr getreuer Sohn. Er sieht ihn lang, am Abend spät, noch schreiten. Verdunkelt, riesig, fern, Und in die aufgebrochenen schwarzen Schollenbreiten Fällt fruchtbar Stern aus Stern. Leopold von Dessau als Kriedensfürst. Von FriedrichvonOppeln-Bronikowski s-. Dieser Aufsatz bildet ein Kapitel in dem bei der Akademischen Verlagsgesellschast Athenaion m. b. H., Potsdam, erschienenen Bänvchen „Der alte Dessaus r". Eine Studie seines Lebens und Wirkens. Von Dr. Friedrich von Oppeln- Bronikowski. Wir werfen einen Blick auf die andere Seite von Leopolds Begabung, die wirtschaftliche, die sich schon im Kriege entwickelte und in den langen nachsolgcnden Friedensjahren zur vollen Entfaltung kam. Auch hierin begegnete er sich mit dem künstigen Soldatenkönig und ward zum Vorbild für ihn. Er selbst datierte den Beginn seiner wirtschaftlichen Tätigkeit in das Jahr 1698, wo er die Regierung seines Fürstentums antrat. Dann führte ihn der Erbfolgekrieg nach Süddeutschland und Oberitalien, der Provence und Flandern. Mit Hellen Augen sah der junge Kriegsmann sich in der Welt um. In Oberitalien wie in Flandern lernte er Kanäle und Deichbauten, aber auch den Gartenbau kennen, in Süd- deutschland den Obstbau, und diese Künste verpflanzte er in seine Heimat, wie die Kreuzfahrer einst den Kunstsleih des Orients nach dem Norden mitgebracht hatten. Vor allem ging er aufs Praktische. Er führte große Meliorationen und Entsumpfungen durch, ließ 1706 bis 1708 den Kapen- graben zur Entwässerung der Gegend von Oranienbaum, 1707 bis 1708 einen Elbdeich anlegen. Er betrieb Pferde- und Maultierzucht, schuf in Dessau eine Neustadt am rechten Muldeufer, erbaute zahlreiche Kirchen und Dörfer und schenkte seinen Untertanen für 180 000 Taler Holz, Steine und Mörtel zum Häuserbau. Eine Wohltat für sie war auch die Herabsetzung der Gerichtsporteln und die Abkürzung der Prozehdauer. Aber auch die feineren Lebensgenüsse wurden kultiviert. Den Gartenbau förderte Leopold in seinem Lande derart, daß er seinem Freund Friedrich Wilhelm im Januar frischen Spargel schicken konnten, „etwas sehr Rohres". Selbst das Schöne und Gefällige fehlte nicht, denn er legte für teures Geld eine große Orangerie an. Am liebsten wäre er Alleinbesitzer aller dessamschen Landguter geworden. Man hat ihm das Auskaufen feines Adels schwer verdacht; nach einem Stichelwort seines Feindes Grumbkow hätte es in seinem Lande „nur noch Juden und Bettler" gegeben. Tatsächlich hat er den Ertrag seiner Güter fast verzehnfacht und dadurch der Landeskultur einen Aufschwung gegeben, den sie durch den alten Schlendrian des verschuldeten Adels nie erlangt hätte. Allerdings hat Leopold die Güterankäufe bisweilen mit unlauteren Mitteln erzwungen. Doch hat er sie nicht aus Mitteln der Landeseinnahme bestritten, sondern, wie er in seiner Selbstbiographie rühmt, „für mein Geld, welches ich auher Landes als Soldat erhalten habe, durch Erfvarnisfe und immerwährenden Fleiß' . Seine Absicht dabei war sowohl wirtschaftlich wie politisch; er wollte die kargen Einkünfte seines Kammerguts erhöhen und zugleich seine Stellung gegenüber den Ständen stärken, deren Mitregierung ihm als Mann der Autorität und des Gehorsams besonders unbequem dünkte. Indem er sie auskaufte, wurde er sie am besten los. Mit den Einkünften aus seinen Gütern bestritt er dann wieder die schon geschilderten Meliorationen und Bauten in Stadt und Land und den Ankauf großer Güter in Ostpreußen, aber auch das gewaltige Jagdrevier, das er sich bis ins Brandenburgische und Kursächsische hinein schuf. Wirkliche Kosten bereitete ihm fteilich nur seine Jägerei, denn die ostpreuhischen Güter warfen bald 9 bis 11 Prozent jährlich ab. Seine Jagd übertraf die seines Freundes, des Soldatenkonigs, beträchtlich. Für diesen war er Vorbild und Orakel in allen Jagdfragen. Der Potsdamer Tiergarten wurde nach dem Muster des Dessauer eingerichtet; ja der sparsame König erbat sich aus Leopolds Meute alte, ausgediente Hunde, da sie für ihn noch gut genug wären. Dafür schenkte er ihm, als er seinen Tod nahen fühlte, 70 feiner besten Hunde, „well ich in dieser Welt ausgejagt habe". Für Leopold wie für den Soldatenkönig war die Jagd eine Leidenschaft und eine Schule des Krieges. „Die Jagd halte vor meine Gesundheit bester als Stahl" (sein Leibarzt), schrieb * Dieses Gedicht entnehmen wir dem „Volksbuch deutscher Gedichte": „Das Deutsche Herz" — Herausgegeben von Rudolf Stirbt. Es enthält 300 der schönsten Gedichte vom Mittelalter bis in unsere Tage. (Ganzleinenband 2,85 Mark. Verlag Ullstein, Berlin.) er 1732. „Vivat Doktor Leopold!" Für Leopold fteilich ist sie gefährlicher geworden als seine Feldzüge, denn aus all seinen Schlachten und Belagerungen ist er bis auf die Schramme bei Douai (1710) wie durch ein Wunder unversehrt zurückgekehrt, aber häufig hatte er Jagdunfälle und mehrmals wurde er von den Hauern des Ebers oder von den Stangen des Hirsches lebensgefährlich geschlagen. In den Briesen des Königs an Leopold ist denn auch vom Miliia- rischen abgesehen, von nichts so oft die Rede wie von der Jagd. Merkwürdig ist bei alledem nur, daß beide Nimrode nur selten miteinander gejagt haben, und daß Leopold nur wenige Einladungen nach dem Jagdparadies Wusterhausen erhalten hat. Vielleicht schämte sich Friedrich Wilhelm des sparsamen Zuschnitts seiner Jagd, die ihm wenig gekostet hat. Im Volksbewuhtsein lebt Leopold als „wilder Jäger" und als Hau? degen fort, wogegen seine großen wirtschaftlichen Leistungen vergeßen sind. Der Kulturhistoriker aber wird ihn weniger mit den mythischen Gestalten der deutschen Vorzeit vergleichen, als mit den Helden Homers, die gleich ihm Kriegsmänner und Landwirte in einer Person waren, stets bestrebt, ihre soziale Stellung durch Bewirtschaftung und Vermehrung ihres Grundbesitzes zu verbessern. Selbst im Idealbild des Heldenliedes tritt dieser wirtschaftliche Zug ebenso stark hervor wie der kr,egerflche^ ^idatenkönig wurde Leopolds wirtschaftliches Vorbild ebenfo maßgebend wie das als Jäger, aber auch hier zeigen sich die gleichen Unterschiede zwischen beiden Freunden. Friedrich Wilhelm war der Herrscher eines werdenden Großstaats, den er aus Elend, Vergeudung und Erschlaffung emporriß; seine Ziele waren weit gesteckt und trotz aller „Plusmacherei" uneigennützig. Leopold, der Kleinstaatfurst, war selbstsüchtiger und fiskalischer. Während Friedrich Wilhelm I. seine Schatullgüter den Staatsdomänen einverleibte, suchte der Dessauer ganz Anhalt in sein Hausgut zu verwandeln. Während Leopold nur sich und (eine Familie von der Verbrauchssteuer, der Akzise, ausnahm, unterwarf sich der Soldatenkönig ihr ausdrücklich mit seinem ganzen Hof, befreite aber Geistliche und Schullehrer von den Einquartierungslasten, dem SCr®e5(onber5 deutlich wird der Unterschied ihrer Ziele in Ostpreußen. Während der König bei seinem „Retablissement" der durch lange Mißwirtschaft, Kriege und Seuchen verödeten Provinz ein Jahrzehnt lang mit Unterbilanz arbeitete, warfen Leopolds Güter, wie schon gesagt, jährlich 9 bis 11 Prozent ab. „Was die neun Prozent betrifft schrieb ihm der König am 17. August 1723 nach der Rückkehr aus Preußen, „so wünsche (ich sie wohl), aber wenn ich in drei Jahre 3 Prozent bekomme, (halte ich es für) miraculeus. Aber das Land wird bebauet sein und ist dazu gut, wenn die Kinder erwachsen sind und mein Sohn Krieg bekommet, daß es ihm an Menschen nicht fehlet. Menschen halte für den größten Reichtum." Erst nach einem Jahrzehnt, als die Salzburger kamen, wandte sich alles zum Guten. Dieser Vergleich soll jedoch kein Vorwurf für Leopold fein, denn er hat auch hier dem König mit Rat und Tat geholfen, so viel er konnte. Der Reformer des preußischen Steuerwesens, des verrotteten Lan^ kostens" der allzu früh verstorbene Truchseß zu Waldburg, Fnedrick Wilhelms erster Gehilse bei dem „Retablissement , trat schon 1715 bei Beginn seiner Tätigkeit, in Verbindung mit Leopold und dieser selbst stand bei der Konferenz von Oletzko (1721), dem Ausgangspunkt der ganzen Agrargesetzgebung, auf Seiten des Königs gegen die Partei des alten Schlendrians. In der Folge begleitete er thn auf allen feinen Jnfpektionsreifen nach Ostpreußen, und feine dortigen Gu er wurden als Muster für die preußischen Beamten und Amtleute ausgestellt. In dieser Provinz, die dem Deutschtum erst wieder zurückgewonnen werden muhte, begann Leopold mit dem Ansetzen deutscher Bauern die der Landwirtschaft durch Fleiß und bessere Bestellung aufhalfen Schon 1722 erkannte der König die greifbaren Erfolge dieser Wirtschaft und ahmte sie nach. Der Etablissementsminister v. Goerne, die Kammerpräsidenten und Räte wurden nach feinem Hauptgut Bubainen geschickt, um dort aus der Anschauung zu lernen, und Prinz Leopold Max, der des Vaters wirtschaftliche Begabung geerbt hatte, reifte mit den Domanenkommissio- nen im Lande umher, um die Pachtanschläge zu prüfen und ein „Plus herauszuwirtfchasten. Schon 1723 erkannte der König dankbar an, daß feine Leute ohne Leopolds Anleitung mit dem preußischen Haushalt nicht ertiq geworden wären. Und ihm selbst half Leopolds praktischer Ginn und seine methodische Beharrlichkeit über manche Anfalle von Mut- I°fl6d)on'17t239 nad) der Rückkehr aus Ostpreußen, als Regen und Sturm dort große Verheerungen angerichtet hatten, klagte er 'hm: „Es ist, als wenn Gott nit haben wollte, daß das arme Land in 5Ior tommen sollte . Ich bin meiner preußischen Haushaltung müde. Ich krwge nichts vielmehr erschöpfe mich und meine übrige Lander mit Menschen und Geld und fange an zu glauben daß (ich) nit reüssieren werde^ Die aleichen Klagen ziehen sich jahrelang durch des Königs Briefe. Im August 1724 bittet er Leopold, dem Minister von Görne Mut zuzusprechen, damit er in seinen Entschlüssen nicht so schwankend sei. Doch er selbst schwankt noch zwischen Mutlosigkeit und Hoffnung. „In meine Afferen ist so eine qroße Konfusion, daß ich nit weiß, worauser (heraus) zu kommen Aber ein paar Zeilen weiter: ,Hch weiß nit, ob lch recht habe, aber ich habe itw das feste Vertrauen, daß es in Preußen vor dem Lande und vor mir besser werde. Gott weiß, ob ich recht I,abe." Aber noch 1727 stöhnt er: „Es ist da (in Preußen) alles so desperat und miserable, daß ich nit weiß anders zu sagen, als daß Gott einen Fluch über bas Land aeschicket habe. Wenn ich mein Dage das Land nit hatte gehabt, so wäre ich reicher und alle meine Sachen ständen besser als itzo, denn Preußen ruinieret mich total." Er schämte sich vor Fremden von Ostpreußen zu reden da er bei feiner Arbeit Zeit und Geld ins Meer geworfen habe Ohne'Gottes Beistand, beteuerte er Leopold, wäre er „vor Schimpf und Spott närrisch geworden". Ja, aber auch ohne Leopolds Vorbild und Beistand! Die Provinz schuldet ihm noch heute ein Denkmal * Vgl. Heidkamp, „Friedrich Wilhelm L", S. 114 ff. Gievennqer Okioberlied. Von Josef Weinheber. Torbogen, Tische im Flur. Rauch zieht, Windlicht brennt. Oktober, letzte Spur — Lust vor dem End! Sag mir, ach sag, wie ich dem Laubfall im Herzen entflieh? Jahrtraum verwittert leis in Melancholie. Schau, Freund, hinauf, ja, schau dir den schwarzen Himmel an! Das war vor Stunden Blau. Alles ist Wahn . -. Wer nicht mehr lachen kann, kann nicht mehr menschlich sein. Jetzt ist die höchste Zeit: Hauer, schenk ein! Die heutige deutsche Naturwissenschaft und Medizin. Von Hans Hartmann. Ueberall läßt sich heute eine gesteigerte Freude und innere Beteiligung an der Wissenschaft und der Forschung feststellen. In Aufsätzen und im Lichtbild, im Film und in der gruppenweisen Besichtigung wird fast dem ganzen Volke das Reich der Forschung erschlossen. Das führt Millionen und aber Millionen zu jenem großen Staunen, das den Adel unseres Lebens ausmacht; sie wollen immer tiefer eindringen und wenigstens gelegentlich hinter die Dinge sehen. Da hören wir, daß man eine Uhr konstruiert hat, die täglich höchstens eine Zehntausendstel Sekunde vor- oder nachgeht. Wir hörten aus dem Naturforscher- und Aerztetag von einem unserer besten Arsen-Forscher, daß man mit den neuesten Methoden ein Zehntausendstel Milligramm (das ist der zehnmillionste Teil eines Gramms» Arsenik feststellen kann, was für die Aufdeckung von Verbrechen von Bedeutung ist. Oder wir hörten dort, daß man erforscht hat, wie die im Darm entstehenden Gifte, die wir alle haben, durch andere Organe (z. B. Leber und Lunge) entgiftet werden und so ein Ausgleich im Organischen in uns stattfindet, der uns erst ermöglicht zu leben. Oder ein Forscher schildert uns, und wir können es tatsächlich im Wesentlichen verstehen, wie die Physik dahintergekommen ist, daß die Materie aus Wellen besteht. So könnten wir noch unendlich lange sortfahren und wir wären unserer verblüffenden Wirkung sicher. Es kommt uns aber gar nicht auf eine solche verblüffende Wirkung an — die Verblüffung gehört in die Zauber- vorführungen der Varietes. Wirkliche Erkenntnis der Größe der Forschung, wirkliches Verständnis für ihre großen Leistungen für die Völker auf weite Sicht entsteht nicht aus einer einmaligen neugierigen Beschäftigung mit Naturwissenschaft und Medizin, sondern sie wird nur gewonnen durch eine dauernde Beschäftigung mit ihr. Und dazu Wege zu weisen und somit jene wahrhaft demütige Haltung hervorzurufen, die jeder echte Forscher hat, das ist der Sinn dieser Zeilen. Wir fragen, wo denn die Naturwissenschaft und Medizin heute steht. Es handelt sich uns um die großen Linien, um ein Stück geschichtlicher Entwicklung, wie sie gerade im deutschen Volke besonders bedeutsam war und ist. Konnten es doch die großen Geister in diesem „Volke der Dichter und Denker" nicht lassen, über aller Einzelforschung das große Ganze immer wieder aufzuspüren. Auf den inneren Zusammenhang kommt es ihnen an, sie wollen sich nicht verlieren in den Einzeltatsachen; freilich wollen sie diese unermüdlich erforschen und die Ergebnisse als ein Stück Wahrheit in Ehrfurcht binnehmen, aber dann greifen sie wieder hoch hinaus ins Weltanschauliche, und Gestalten wie Paracelsus, Goethe, der Dresdener Mediziner und Naturforscher C a r u s , unter dessen Zeichen der Naturforscher- und Aerztetag stand, haben so ein naturwissenschaftlich- medizinisches Weltbild entworfen, das sich in eigener Kritik ständig erneuerte und vervollkommnete. Versuchen wir, eine Hauvtlinie in der inneren Entwicklung dieses Weltbildes herauszuarbeiten. Wir werden feinen heutigen Stand recht gut begreifen, wenn wir einmal die „romantische" Naturwissenschaft und Medizin vor etwa hundert und mehr Jahren zum Vergleiche heranziehen. Damals war eine Zeit, die auch nach einer Verbindung von wissenschaftlicher und Volksmedizin suchte, ganz so wie es die heutige tut. Damals erkannten lcköpferische Geister die Gefahr, die in einer Ueberspezialisierung der Wissenschaft liegt: sie wird volksfremd. Das Volk findet aus seinem Lebensgefühl heraus und da es noch näher und unmittelbarer zur Natur steht als der Mann des Laboratoriums, oft das Richtige. Heilpflanzen, von denen auf dem Naturforscher- und Aerztetag viel die Rede war, bestimmte Methoden der Naturheilkunde, eine „biologische" Auffassung der Krankheit und der Hüloorgänge sind tief verwurzelt im Empfinden des Volkes. Und es ist ein Ehrenzeichen für unsere Wissenschaft, daß sie das heute keineswegs ablehnt, sondern die Verbindung wieder sucht. Jeder weiß z. B., welches Aussehen es erregte, als der berühmte Chirurg Bier, der sich um wahrhaft naturphilosophische Erkenntnis müht, anfing, Erkältungen mit einem Tropfen Jod auf ein Glas Wasser zu heilen. Homöopathie? — fragten viele, erleichtert oder bestürzt. Ja und nein, lautet die Antwort. Bier wollte d-nnit keineswegs eine einzelne medizinische „Richtung" bevorzugen, aber er wollte zeigen, daß die Wissenschaft nicht engstirnig ist und Halt macht vor neuen Ideen, sondern sie wird alles prüfen und, wie es im Spruch" heißt, „das Gute behalten" (nicht nur das Beste, wie meist fälschlich ’if'ert wird). Diesem Ziele dient heute unter anderem das Rudolf-Heß-Krankenhaus in Dresden, dos gerade die wirklichen Forscher gerne besuchen; denn sie sehen dort, wie vorurteilslos man an alle Krankheiten herangeht, wie ‘•Öetanttr ertlich: Dr. Hans Tbvrtot. — Druck und Derlag: Brühl Naturheilkundige und sogenannte „Schulmediziner" dort einträchtig Zusammenarbeiten, um — nicht den Interessen einer Richtung oder einer bestimmten Arzneimittelindustrie zu dienen, sondern dem ganzen Volke und seiner körperlich-seelischen Erneuerung. Die Homöopathie ist dort nicht vertreten, sondern wird aus dem Gedanken der Arbeitsteilung dem homöopathischen Krankenhaus in Stuttgart überlassen. Aber das, was wir heute mit Recht die „biologische Medizin" nennen, wird dort von allen, welcher „Richtung" sie auch angehören mögen, klar erkannt. Und da schließt sich auch der Chirurg nicht aus, der eine eigene Abteilung leitet; denn es wäre ein großes Vorurteil und würde zur Charlatanerie führen, wenn man dächte, man könnte Knochenbrüche und Blinddarmentzündungen immer ohne Chirurgie heilen. Die Hilfe, die uns heute gerade von der Naturheilkunde gegen alle Art von Wunderdoktoren kommt, ist nicht zu unterschätzen und gibt dem heutigen medizinischen Weltbild jenen Ernst und jene Tiefe, wie sie unbedingt in eine Zeit passen, wo ein Volk die ganzen Grundlagen seines Lebens neu legt. Wollen wir nun erkennen, wie sich diese biologische Richtung in Naturwissenschaft und Medizin heute von jener vor hundert Jahren unterscheidet, die damals weiteste Kreise unseres Volkes erfaßt hatte, so müssen wir zunächst folgendes im Auge behalten. Es gab damals zwei Haupt- ftrömungen: die eine war zwar genial, verlor sich doch in mystische Spekulationen, verstand Paracelsus und die Alten falsch und verlor den Zusammenhang mit der Wirklichkeit. Die andere, die an die Namen Goethe, Hufeland, Carus geknüpft ist und heute ihre Auferstehung feiert, trug dagegen die Keime einer schönen zukünftigen Entwicklung in sich. Ein paar Bilder: Novalis, der große deutsche Dichter, hat zweifellos tiefe Erkenntnisse neuer Art über Natur und Medizin besessen. Seine Fragmente zur Naturwissenschaft und Medizin sind für den, der sie recht zu lesen weiß, eine Fundgrube der Erkenntnis. Aber in seinen Ergebnissen verirrte er sich doch ins Krankhafte. Er ist mit schuld an den Lehrsätzen jener sogenannten naturhistorischen Schule, wonach die Krankheit zu einem selbständigen Wesen werde, das auf dem Menschen wie ein Parasit hauste, erzeugt und geboren wurde, in der Narbe seinen Leichnam hinterließ, sich wie eine Blume fortpflanzte, und was dergleichen mehr behauptet wurde. Versuchen wir aber, den richtigen Kern herauszuschälen, so kommen wir recht bald in jene klareren Gefilde des Geistes wie bei Goethe, Hufeland und Carus. Die Krankheit" ist stark vom Seelischen beeinflußt. Heute wird keiner mehr bestreiten, daß es — aus rein seelischen Gründen — eine Flucht in die Krankheit gibt. Und der Mediziner, der das nicht weih und ohne Berücksichtigung des Seelischen rein mechanisch die Krankheit heilen will, der paßt mehr in die rein materialistisch-mechanistische Auffassung zwischen etwa 1850 und 1910, aber nicht mehr in unsere Tage; denn er muß wissen, daß erst die seelische Störung behoben werden muß, weil sie sonst der körperlichen Krankheit immer neuen Nahrungszufluh gibt. Diese richtige Grundidee wurde vor hundert Jahren auch in anderer Weise Übersteigert. Der naturphilosophische Mediziner Schubert (geft. 1860) hat durch sein aufsehenerregendes Buch „Ansicht von der Nachtseite der Naturwissenschaft" die größten Geister wie Heinrich von Kleist („Kötchen von Heilbronn") ober die Brüder Schlegel ober E. Th. A. Hoffmann beeinflußt. Andere wollten unmittelbar mit der Religion heilen. Der Münchener Professor der inneren Medizin, Ringseis, wendet sich mit Entrüstung gegen die, welche in den Einzelvorgängen des Körpers, in der Entstehung und Heilung von Krankheiten das unmittelbare Walten Gottes leugnen. Die Krankheit ist durch den Sündenfall in die Welt gekommen; daher sollen sich Art und Kranker, ehe die Behandlung beginnt, mit den Heilmitteln der Kirche entfünbigen lassen. Wenn wir heute fast alle nicht mehr so denken können, so sehen wir doch den inneren Kern einer solchen Auffassung: das Geistige und Seelische wirkt bei allen Krankheits- und Heilvorgängen stark mit. Der Wille, gesund zu werden, der Glaube, daß man es schaffen wird — freilich geleitet von den wissenschaftlich gebildeten Aerzten, das Vertrauen zum Arzte und seiner „Kunst" helfen zusammen zum Erfolge. Wir haben mittlerweile einen gewissen Abstand vom deutschen Naturforscher- und Aerztetag gewonnen, der, seit 1822 eine Heerschau deutscher Wissenschaft, nun alle zwei Jahre der Oeffentlichkeit kund tut, wo die Forschung steht. Von den etwa 400 Vorträgen in Dresden, die dieses Jahr gehalten worden sind und die alle ihren Wert für die große Gesamt- anschauung von Natur und Krankheit oder für die Einzelerkenntnis hatten, bleiben im Rückblick die Leitlinien bestehen, das, was wirklich fördernd für unser Volk ist und was in sein wissenschaftliches Gedankengut eingehen darf. Die großen Mediziner wie Sauerbruch ober von Bergmann waren sich barin einig unb sprachen es wie alle anberen immer roieber aus: es müssen „Heilkunbe" und „Heilkunst" zusammenwirken. Je strenger wissenschaftlich ber Arzt gerichtet ist, mit je genaueren Methoben er die geheimsten Vorgänge, Vitamin-, Hormonstoffwechsel, Viruskrankheiten usw. untersucht, besto mehr weiß er, baß zur „Kunde" die „Kunst" hinzutreten muß, die verantwortliche menschliche Haltung, die seinem Tun erst die rechte Würde und Weihe unb ben Einsatz für bie Erneuerung des Volkes gibt. Das physikalische Weltbild hat seit der Entdeckung der Quantentheorie durch Max Planck entscheidende Wandlungen erfahren. Es scheint sich zunächst alles aufzulösen. Wir wissen nicht mehr, was Materie, was ein Atom, was ein naturwissenschaftlicher Vorgang ist, wenigstens wissen wir es nicht mehr in der Form des naiven Bewußtseins, wie es noch Haeckel hatte und wie es natürlich auch zunächst das Empfinden eines jeden von uns ist. Aber je mehr die Erkenntnis der physikalischen Tatsachen in ihrer unendlichen Mannigfaltigkeit wächst, desto mehr gelangen wir zu neuen Grunberkenntnissen über Welt unb Leben. Einer der bekanntesten Forscher wie Max Hartmann hat in seinem großen grunblegenben Vortrag in Bresben mit allen Mitteln bes Denkens unb der Einzelforschung nachgewiesen, daß die Grundlagen der exakten Forschung weiter bestehen und daß wir hassen dürfen, auf dieser Grundlage eine wirklich lebensnahe Naturwissenschaft unb Medizin zu erhalten. 'fche Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.