Nummer 22 Montag, -en 16. März lrhrgang 1936 sein ver- unb diese Steuer nahm den Bries. Ein länglicher Umschlag, Papier aus einer Privatschatulle. Die Adresse war richtig. Die Handschrift kannte er nicht, aber sie machte sofort den Eindruck, als sei sie verstellt, etwa m unge= wohnter Federhaltung geschrieben oder mit der linken Hand. Er drehte das Schreiben um. Kein Absender. Da wars er Frau v. Blmkburg einen f ^,Jch erwarte hierher keine Post", sagte er. Aber ich fetje, ber Brief kam ja auch nicht mit der Post", und zu dem Kellner: „Wer brachte Derben Der D'mer nahm meine Karte und verschwand. Verzeihen Sie, Herr Steyer", unterbrach Frau v. Blmkburg, „der Miner will sicherlich zu Ihnen, er möchte aber nicht stören Adalbert Steuer brach seine Rede ungern ab, man konnte das merken. Er sah sich um. Hinter ihm stand der Ober, er machte eine dankbare Ber- beugunq 3U Frau v. Blinkburg hinüber. „ , Der Brief wurde für Herrn Doktor abgegeben , sagte er dann zu lern Schriftsteller. ichMrZamilienvlätm Unterhaltungsbeilage ;um Gießener Anzeiger überftüssiglei^e Dies ist eine Kampfansage. Sie kommt reichlich spät', denn ich habe ja wohl die Feindseligkeiten schon geraume Zeit er°^Sie hegen ehre bestimmte Mutmastung, wer den Brief geschrieben haben könnte?" ^Nich^"di"e""leiseste"^°'gestanb er. „Die Schrift ist verstellt. Es wäre unsinnig sich auf Raten einzulassen." . . , . . Er wollte weitersprechen, es war ,a da immerhin noch einiges zu legen, aber zum zweitenmal störte das Dazwischenkommen des Kellners. Verreibung gnädige Frau", entschuldigte sich der Ober, „in der Halle steht der Postbote. Er hat eine eingeschriebene Sendung für gnädige Frau. Würden gnädige Frau sich zur Unterschrift hmbemuhen? Er ist ein neuer Beamter und verlangt eine Unterschrift m feiner Gegenwart." „Natürlich." Frau v. Blmkburg erhob sich. Das war wieder eine Gelegenheit, sich die Hande zu reichen. „Auf nachher, Herr Doktor." Er stand neben ihr. ... Süff die Hand, sagen die Kollegen aus Wien; aber ich mache nicht bei "der Versicherung halt", und er neigte sich herab zu ihren Fingern, Dann "sah" er"ih "'nach Sicherlich sprach er fo leife, llafe iniemanb iljn hörte. Denn was er murmelte, kann man nicht hinter der Geliebten ^Stifte sagte er, du hast den Brief geschrieben. Wie leichtsinnig! Du konntest den'Fall ungeheuerlich komplizieren. Ich muß auf ber Hut sein. 2ßenn ich dich nicht durchschaut hätte, würde ich letzt vielleicht doch vor eheimms der Heide ROMAN VON FRANK F. BRAUN Die Begegnung überraschte »"W.™. gnädiges Fräulein, faxte ich. Und st« fuhr mir dazwischen: Mich nicht weniger! Ich nehme w. Sie wollten nicht mich, sondern meinen Vater sprechen? Man sagte mir, ihr Herr Vater sei mit ihnen auf den Feldern. Wer sagte? Ach, Lilius. Nun ja, Vater ist nach Hause geritten. Wer Sie brauchen nicht umzukehren. Vater ist nicht zu sprechen. Wichtige^ arbeiten beanspruchen ihn heute den ganzen Tag. , „ Ich zweifle nicht daran. Trotzdem muß ich versuchen, den Professor jii sprechen. Auch mein Anliegen ist sehr wichtig. Ich wollte eine 2Ius- Hnft. , Welche Auskunft? erbot sie sich. . _.__ 3ch zögerte gemacht. Die Leute reden von dem Kreuz auf dem Turm, binann id). Ich wollte den Professor fragen, wie das zusammenhangt. . Dabei sah ich Glascha an; und ich kann mir nicht denken, daß ich »ich täuschte, mir schien, sie verfärbte sich. Sie öffnete den Mund und sh lost ihn wieder; bann fuhr es erregt über ihre Lippen: Welche Leute reden so etwas? Nur einen Augenblick wartete ich. Dann warf ich hm: Der Pachter ^^Die Wirkung dieser Worte war überraschend. Glascha fuhr zusammen. k,s Pferd erschrak und tat einen Sprung, aber sie bändigte es leicht. Mahn ist ein Schwätzer, ein Dummkopf! Ich blieb gelassen. Sie selbst wissen nichts von diesem Kreuz auf dem ^Nichts! Gar nichts! rief sie. Dann nahm sie sich merklich zusammen; Ur Ton wurde verächtlich, obgleich er eifernd blieb. Das ist alles Un- fiq! Phantastereien eines Heidebauern! Sonst nichts! _ , Aber weshalb erregen Sie sich, Fräulein Pfenmngshof Der Spuk lvid die Phantastereien eines Heidebauern haben ihre schlichte Erklärung o sunden. Wir wissen, daß es Ihres Vaters großes Fernrohr war, dis, wahrscheinlich gegen ein Stativ gelehnt, diese Wirkung heroor- gi rufen hat. Ein Kreuz hat natürlich niemals auf dem Turm gestanden Sie sah mich erstaunt und wütend an. So. Dann ist doch alles klar. 5$arum fragen Sie bann noch? Ich wollte Ihre Meinung wifsen. Warum, was kann Ihnen an meiner Meinung liegen? Ja sehen Sie, — es ist ein eigenartiges Zusammentreffen, gerade li der trüben Stunde, als Alwien ums Leben kam, war Ihr Herr Bater a«f dem Turm und sah in die Sterne. Hätte er das ®las m bie Heide gerichtet, wüßten wir, wie das U glück am Kreuzweg geschah. Was wüßten wir mehr, als wir bereits erfuhren! Alwien fiel auf ei-nen Stein! sagte sie immer noch mit einer Stimme, die em wenig $n hoch lag. Ober"ber"stein fiel auf Alwien! sagte ich mit Betonung. Ihre Augen glitzerten; sie biß die Zähne ^Jammen; man mertte bas; ihre Lippen wurden ganz farblos. Sie sind unverständlich, sagte sie. Sie sind doch nicht etwa betrunken, daß sie solche Narrheiten au6ern_ Ich sah sie immer noch an, auf eine Antwort verzichtete ich. -La stieß fle dem Pferd die Sporen in die Weichen, daß es wild ansprang und im Galopp davonstürmte. Eine seltsame Art, sich einer Unterredung zu entziehen. Ich ging ihr nach. Natürlich war sie langst vom Hofe ver- shwunden, als ich dort ankam. ßilius stand da; er sagte mir, daß der Professor oben im Turmgemach sei und arbeite. Jetzt gerade sei Glascha zu ihm hinauf. Ist sie denn nicht erst in ihre Zimmer gegangen? Nein, sie schien es eilig zu haben; sie lief sofort in das Turmzimmer """Dann" will ich warten, sagte ich. Kann ich hier in ber Halle bleiben? Er öffn-te mir bie Tür bereitwillig, winkte einen Diener heran und fegte: Soroie ber Herr Professor allein ist, möchte dieser Herr gemeldet ihn?" Der Kellner bedauerte. , „ . ,, Wir wissen es nicht, Herr Doktor. Wir sind selber em bißchen erstaunt Der Brief lag auf dem kleinen Tisch in der Halle. Es kann eigentlich niemand in die Halle, ohne bemerkt zu werden. „Es ist gut", jagte Steyer. Er erbrach das Schreiben. "sie erlauben, gnädige Frau." Frau o. Blinkburg nickte, denn er las ja bereits. Sie betrachtete ihn. Er zog die Brauen zusammen, auf feine Backen sprang eine Muskel hin und her> bann steckte er mit einer Gebärde, die unerwartet abrupt aussah, den ' Bries in die Tasche. Als er aufschaute und in Frau von Blinkburgs Blick geriet, der ihn noch nicht losgelasfen hatte, wies Gesicht offensichtliche Verlegenheit. „Eine unangenehme Nachricht? Sie sinb blaß geworden. Oh, zeihen Sie, ich frage ganz gedankenlos." Er schüttelte den Kops. . .. . Dieser Bries gehört in die Geschichte", meinte er nachdenklich, er zog ihn wieder heraus „Zweifellos gehört die Person, die Zeilen schrieb, in den Kreis derjenigen, die ich vorhin aufzahlte. Bitte, nehmen Sie nur. Sie waren mir bisher eine fo treue unb aufmerksame Zuhörerin, Sie sind meine einzige Vertraute, wahrhaftig, es ist saft Ihr gutes Recht, diesen Brief kennenzulernen." Frau o Blinkburg nahm unsicher das Schreiben. ,Zch weist denn j. x nicht " „Sitte lesen Sie die neun Worte", forderte er kurz. Da schlug sie das gefaltete Blatt auf und las: „Wenn Ihnen Ihr Leden lieb ist, reifen Sie ab!" Mchts fonft ftanb auf bem tDeber eine Ortsangabe noch das Datum; auch keine Unterschrift. JJttt einer Tinte geschrieben, bie keine besonderen Merkmale wies, zeigte es eine unbekannte Handschrift. Langsam gab sie Umschlag unb Brief zurück. Einen Augenblick be- fann sie sich, dann fragte sie doch: „Und reifen Sie nun ab?" Er hob sofort den Blick zu ihr. „Würden Sie es begrüben oder bedauern? Aber das war wohl zu kühn unb zu ungeschickt gefragt; er sah, wie bie Dame feines Herzens errötete; wahrhaftig, eine entzuckenbe Nuance; bis in ihre Schläfe stieg die feine Tönung. Da sprach er rasch weiter, eine Antwort, die nie kommen wurde, diesem Warner bk Flucht ergriffen haben Aber bu bist nicht gefährlich- du bist der einzige Mensch, von dem ich das bestimmt weist. Er lächelte- es war der Augenblick, da hinter Frau o. Blinkburg die Flügeltüren der Halle zuschlugen. Dann setzte er sich wieder. Keine Erleuchtung kam über ihn. War er ein stumpfer Mensch, em Mann ohne Nerven? Oder ist es wirklich so, daß nie eine Ahnung uns warnt, wenn unser Schicksal einen gefährlichen entscheidenden Schritt tut? Frau v. Blinkburg trug das versiegelte Paket auf ihr Zimmer. Sie spürte eine Schwäche in den Beinen. Die Stufen waren heute noch viel höher. Ihr Herz klopfte merklich, als sie, angelangt, die Stricke durch chnitt. Was würde der Schwager schreiben? Lag der Stockgrisf wieder dabei? Ja. Stockgrisf, Bries. Sie zersetzte den Umschlag. Las sie? Sank sie schon vorher in den Sessel? Ehe die Ohnmacht sie ustising und wohltätig Licht und Wissen abblendete, hatte sie noch gelesen, daß der Stockgriff Blut aufwies. Menschenblut. Falls es interessiere: solches der Blutgruppe B, schrieb der Schwager. Die besten Grüße und die Wünsche für gute Erholung hatte sie nicht mehr gelesen. Als sie erwachte — waren Minuten vergangen oder Ewigkeiten em- gestürzt — sand sie sich wieder in ihrem Zimmer. Das Paket lag geöffnet auf dem Tisch. Der Stockgriff ragte ein wenig aus der Holzwolle heraus, ein gekrümmter Riesensinger mit drohender Gebärde. An der Erde lag des Schwagers Brief, der ihren Händen vorhin entglitten war. Sie hob ihn mechanisch auf; aber sie las die Sätze nicht noch einmal. Wozu? Es war alles zu Ende. Ihr war, als habe jemand sie über den Kopf geschlagen. Und sie erschrak vor dem entsetzlichen Vergleich: über den Kops geschlagen ... Sie setzte sich wieder in den Sessel und starrte vor sich hin. Was nun? Was würde geschehen? Was hatte sie zu tun? Frau v. Blinkburg stand unschlüssig. Da klopfte es an die Zimmertür und derselbe Kellner, der sie vorhin von Steyers Seite fortgerufen, derselben Mann, der sozusagen Schicksalsbote gespielt hatte, indem er ihr die Ankunst des Paketes gemeldet halle, er war es auch wieder, der nun Steyers Bitte überbrachte: Wenn es der gnädigen Frau angenehm sei, lasse der Herr Doktor Steyer sie in den Garten bitten; er habe ihr einige Eröffnungen zu machen. Frau v. Blinkburg nickte. „Ich komme", versprach sie. Der Kellner ging. Frau o. Blinkburg war leicht gereizt, diese Aufforderung empörte Ne. Er wird frech. Wahrscheinlich aus Angst. Ich muh ein Ende machen; schließlich heißt es, ich sei die Komplicin. Man hat mich zu oft mit ihm gesehen. Und eine neue, anderen Antrieben entspringende Röte schoß ihr ins Gesicht. Er mag seine Geschichte zu Ende erzählen; deswegen ruft er mich wahrscheinlich; aber bann, wenn er nicht weiter weih, wie regelmäßig am Schluß seiner Berichte, bann will ich biesmat die Pointe bringen! Haben Sie zufällig einmal Ihr Blut untersuchen lassen, Herr Doktor Steyer? Richt? Nun, wenn es Sie interessiert, und bas müßte es eigentlich, Sie gehören in bie Blutgruppe B! Sie sah fein Gesicht. Es verfärbte sich. Aber sie hatte kein Mitleid, nein, gar kein Mitleid mehr würde sie mit diesem Menschen haben! Sie schritt die Treppe hinab. Das rosa Seidenkleid leuchtete und rauschte. Ihre hellfarbenen Strümpfe strahlten. Nur das Gesicht paßte nicht in diese frohe Sinfonie; es schien sonderbar verkniffen ober nach- benklich. Vielleicht war es eine Trauermiene. Etwas war gestorben ... 10. Kapitel. Abalbert Steyer saß noch auf ber gleichen Bank. Also war nicht viel Zeit vergangen? Es braucht nur Minuten für einen Weltuntergang. Frau v. Blinkburg beherrschte sich gewaltig. Sie preßte bie Hände zusammen, schmerzhaft spürte sie die eigenen Nägel sich einbrücken. Ihr Atem war kurz. Sie brachte kein Wort heraus. Ihre Kraft würbe nicht lange reichen. Sie sah ihn nicht an, sonbern setzte sich neben ihn; sie war ja nur für einen Augenblick weggegangen, ihre Unsicherheit konnte nicht auffallen. Tatsächlich verstanb Steyer alle biese Vorgänge nicht; vielmehr, er nahm sie gar nicht wahr. Frau v. Blinkburg war zurückgekommen, diese geliebte blonde Frau saß wieder neben ihm. Wundervoll, daß sie gekommen war; ber Kellner hatte bie Frage also wohl recht geschickt an» gebrach, wie er es von dem intelligenten Burschen erwartet hatte. Er sprang sofort da in das Gespräch, wo die Unterbrechung erfolgt war. „Keine wichtigen Nachrichten, die der Postbote gebracht hat, hasse ich? Man soll Ihnen — überhaupt uns — hier in den paar Wochen die wohlverdiente Ruhe lassen." Wie er bas reben konnte! Wohlverdiente Ruhe! Das gab es also doch, daß ein Mensch mit solcher Tat auf dem Gewissen seine wohlverdiente Ruhe beansprucht! Was für Nerven, was für ein Gemüt. Sie entsetzte sich fast. Ihr war kalt, ein Schauer rann über ihre Haut. Die wirkliche Bewegung wagte sie nicht, aber sie rückte innerlich weit von diesem Mann ab. Steyer jedoch, dieser Mensch ohne Gemüt, spürte nicht, was in der Seele dieser Frau vorging. Da er keine Antwort bekam, nahm er an, daß er mit seiner Mutmaßung bas Richtige getroffen hatte; unb selbstgefällig ober unwahrscheinlich sicher, wie er war, begann er roieber von seinem Besuch auf dem Pfenningshof zu erzählen „Sie erinnern sich, ich sagte Ihnen, es sei mir ausgefallen, daß Glascha nach ber Besprechung mit mir sofort zu ihrem Vater in bas Turmgemach lief. Erinnern Sie sich? Gerabe ba kam ber Ober mit dem geheimnisvollen Warnunasbrief." „Ja nattirlich", sagte Frau v. Blinkburg ziemlich kurz und kaum sehr höflich. Dieser Bries! Sie hätte sich ohrseigen mögen! Steyer verwies sich sofort selber. (Schluß folgt.) Nacht im Zeucchaus. Von Gottfried Keller. Bleich beglänzte Wolkenscharen Draußen durch die Mondnacht fahren, Ungewisse Lichter fallen Hier in diese grauen Hallen. Schwert an Schwert und Lanz' an Lanze Reihen sich mit düsterm Glanze, Banner, braun vom Schlachtenwetter, Rascheln da wie Herbstesblätter. Licht aus heller Jugendfeme, Seid gegrüßt, ihr Morgensterne Und auch ihr mit tausend Scharten: Aexte, Schilde und Halmbarten! Eifenhüllen, dunkel schimmernd, Gleich verglühten Sonnen flimmernd Steht ihr da, des Kerns Beraubte, Brust an Brust und Haupt an Haupte! Die euch ehrne Chrysaliden Sich zum Kleide mochten schmieden. Sind die Falter ausgeflogen? Sag, wo sind sie hingezogen? Und in welcher Schöpfungsweite Stehn die Helden jetzt im Streite? Sieht man sie im Feld marschieren Unter fliegenden Panieren? In gedrängten Männerhaufen Stürmend an die Feinde laufen Und Dämonenheere schlagen, Ew'ge Freiheit zu erjagen? Schweigen herrscht — sie ruhn im Frieden; Tatensroh sind sie geschieden. Ließen stolz und reich im Sterben Land und Freiheit ihren Erben. Simm auf Belgerad. Von Josef Magnus Wehner. In der Hanseatischen Verlagsanstatt AG., Hamburg, erscheint unter dem Titel „Stadt und Festung Beige r a b" (Seinen 4,80 Mark! bas neueste Werk des Dichters Josef Magnus Wehner. Wehner gestattet darin den Siegeslauf des deuifchen Heeres durch Serbien während des Krieges. Wir veröffentlichen einen Auszug aus der Schilderung des Sturmes auf Belgrad. Kalb kam erst im Morgengrauen des 8. Oktober vom Nordufer zurück (fr hatte die Kähne gelenkt, in denen breizehneinhalb frische Kompanien unb frische Munition übergesetzt würben. Schon bei seiner ersten Ankunst erfuhr er ben Tob bes Leutnants von Au. Der erste Schuh, eine schwere Zweiunbvierzigzentimeter-Granate, sei zu kurz gegangen ... Bei biesem Worte stürzte er, als sei er selbst schütt, an bem frühen Tobe feines Offiziers, halb von Sinnen den schmächtigen Laufgraben entlang, um zu feinen Leuten zu kommen. In der Nacht aber mußte er öfter verhalten; überall, wo er stehendtteb und fragte, erzählten sie ihm schon von dem Heldenhasten Tode des jungen Offiziers. Er habe kurz vor dem vermuteten Beginn der Beschießung den Graben räumen lassen und sei selber ganz allein als Posten zurückgeblieben, um die Front zu warnen, wenn etwa die Serben unversehens in den Graben elnbrechen sollten. Auch seinen Burschen, der sich an seine Knie klammerte, habe er fortgeschickt, und von ihm, ber ganz verzweifelt war, habe man erfahren, wie seltsam bas Schicksal bes Leutnants an ben Turm gebunben sei, ber jebcn Sturm verhindere. Er sei ausrecht unb ein wenig spöttisch im Graben geftanben, bie Arme gekreuzt, unb in jeber Hanb eine Wurfgranate. Allmählich sei es dunkel geworden und man habe ihn aus den Augen verloren, da er so unbeweglich und fahl wie Erde an seinem Posten stand, den Blick feinbroärts. Kurz vor der Nacht sei es geschehen. Alle hätten zuerst geglaubt, ein Raddampfer rausche den Strom herab. Ader dann habe es gekracht, daß einige Zahnschmerz bekamen, andere vom Luftdruck in ben Strom geschleubert würben. Das Granatloch sei haustief, vom Leutnant habe man nichts mehr gefunben. „Unb ber Turm?" fragte Kolb. „Der Turm feuere noch ...", antworteten ihm zögernb bie Leute. Dann habe eben bie Hexe an bie schwere Granate gebacht, als sie vom Turm sprach, schrie Kolb unb stürzte in bie Nacht zu seinem Zuge. Er fanb seine Leute ziemlich ratlos. Einige waren in ben Krater ber Granate hinuntergeklettert, einer hatte einen Knops, ein anberer ein versengtes Stückchen Tuch gefunben unb sie preßten bie Dinge stumm an sich unb gaben sie nicht aus ber Hanb, als seien sie heilig. Sonst aber hatten sie nichts mehr gefunden. Auch Kolb stieg noch einmal in den stark riechenden Trichter hinunter, besten Crdränder zu schwarzen Knorpeln verbrannt waren, und leuchtete die Wände ab, bis Maschinengewehrkugeln in die Schrägwand des Kraters klatschten. Er sand nichts. Dann lief er noch einmal die Entfernung ab vom Turm zum Ufer und sah, daß er sie richtig angegeben habe. Dann hatte er die ganze Nacht Fährdienst getan, totenbleich vor Zorn, aber mit eiskalter Ueberlegung. Nun stand er wieder in dem mächtigen Trichter, den seine Leute zur Verteidigung ausgebaut hatten. Mit der österreichischen Befehlsstelle des Abschnitts hatte er in der Nacht alles verabredet. Zu seinen Leuten sagte er nur, er werde jetzt Rache nehmen. Als der zähe Nebel sich langsam hob, stellte er Winker auf, die seine Befehle empfingen und sie an die Monitors weitergaben, die bleich auf dem geschwollenen, pfeilschnell dahinrasenden Strom standen. Allmählich wurde es über dem Boden klar. Rosenfarbiges Gewölk stieg feierlich aus dem alten Gestein der Zitadelle, und um die graue Nadel des Minaretts flog Silberrauch. Drei Batterien standen bereit, den Turm Nebojfe niederzuschlagen, in dessen oberstem Stockwerk die sechs Maschinengewehre immer noch lebten. Kolb winkte zuerst das Feuer der österreichischen achtzehner Haubitzen herbei. Die standen hinter einem Gebüsch in der Saveniederung in fast fünf Kilometer Entfernung. Kolb hatte gestern mit dem Richtkanonier selber gesprochen. Knapp drei Minuten, nachdem Kolb den Befehl gegeben hatte, das Feuer zu eröffnen, hörten die Leute den dumpfen Abschuß der Batterie, und schon brauste eine schwere Lage durch die Luft. Die Granaten fielen weit jenseits des Turmes in die Stadt. Kolb verbesserte die Entfernung. Die nächste Lage sah dreißig Meter hinter dem Turm, aber die Schüsse lagen zu weit auseinander. Kolb verbesserte abermals. Die Maschinengewehre der Serben begannen zu schießen. Kolb hörte am Takte der Schüsse, daß die Schützen aufgeregt waren. Erst jetzt sah er übrigens auch, daß zerfetzte Serbenleiber um den Trichter gestreut lagen: der von Au hatte sich ein Dutzend Reisegefährten mitgenommen. Abermals rauschte ein Geschwader schwerer Eisenklötze durch die Lust. Eine Staubwolke stieg aus dem Turme des Despoten Georg Bankovic, eine Wolke aus rötlichem Sand. Sie blieb eine Weile stehen, gerade unter der Nebeldecke, und als sie zerflogen war, sahen die Soldaten, daß die rechte obere Ecke des Turmes fehlte, aber das Gebäude stand noch trotzig wie vordem, und sechs Maschinengewehrläufe rasten aus den schrägen Schlitzen. Die deutschen und die österreichischen Soldaten gaben dem tapferen Feinde Beifall. Die nächsten Salven der Artillerie nahmen genau denselben Weg, oder sie zischten zu weit links vom Turm in die Stadt. Kolb schrie zu Paul Sang hinüber, der seine Befehle weiterwinkte: „Die Schweren sind zu breitbeinig! Achtzehner stopfen! Die Siebenzentimeter sollen vorkommen!" Der vorderste Monitor konnte den Beseht gerade noch über den Strom funken. Da aber hatten ihn die Serben erspäht. Während Schornstein, Holzgebälk und ein Teil der Kommandobrücke unter den Schlägen serbischer Granaten in die Luft wirbelten und das wunde graue Schiff langsam in den toten Winkel zurückkroch, fuhr am Nordufer völlig sichtbar eine Batterie leichter Artillerie auf. Die Pferde schäumten. Sie waren wie der Blitz ausgeschirrt. Neben dem Rohre stand der Leutnant und spähte nach dem Turm. Kolb schoß zwei Leuchtkugeln ab. Die erste stieg senkrecht hoch und stand schimmernd im Hochnebel: sie zeigte den eigenen Geschützen drüben die Stellung der Infanterie an. Die zweite funkelte feuerrot gegen den Turm und zersprühte am roten Stein. Das war das Ziel. Die roten Flaggen schrien die Entfernung hinüber zur Artillerie. Die ganze Front hinunter standen die Soldaten auf dem Sprunge. Der Kampf wurde jetzt nackt. Es gab keine Schonung mehr, weder für den Feind noch für die eigene Brust. Vergebens riefen die Offiziere. Die Leute kletterten den Damm hinaus und schauten. Die Kameraden von der Artillerie schossen über den Strom auf dreitausendfünfhundert Meter Entfernung. Schon die erste Salve saß am Turm, aber er war i dick gemauert, daß die leichten Granaten ihn nicht zerrissen, er iferte nur. Unter dem Hurrageschrei der Soldaten, während die ser- v.lchen Granaten vom Topciderberg langsam das Gelände abtafteten, um die verruchte leichte Batterie zu fassen, zischten pfeilschnell die nächsten Lagen heran; sie spritzten höher in das Mauerwerk, der Turm schwankte, aber er stand. Da sahen die Leute, wie fern der Artillerieleutnant den Boden stampfte und dem Richtkanonier zurief. Es entstand eine kleine Pause, nur die Maschinengewehre im Turm fangen ihr eintöniges Lied. Da — plötzlich ein Blitz an den Rohren, und fast gleichzeitig, während die Soldaten noch den Peitschenschlag der knirschenden Granaten im Rücken spürten, ein zweiter gelber Blitz im Innern des Turmes. Die Artillerie hatte haarscharf durch den Schlitz gesck^sien, zwei Maschinengewehre schwiegen. Die Soldaten schrien wie besessen, den ganzen Bahndamm hinunter; einzelne Gruppen machten sich sturmfertig. Kolb, alle Sehnen auf das äußerste gespannt, mußte seine Winker andonnern, daß sie stehenblieben. Die zweite Sage saß abermals genau in den Schlitzen, und ehe die Soldaten sich noch besinnen konnten, schlug Feuer aus dem Innern des Turmes, die Maschinengewehre schwiegen völlig. Man sah, wie Kalb aus dem Trichter sprang, über das freie Feld lief, vor feinen Winkern her, die im Abstand folgten, und als erster den flammenden Turm aufbrach. Die Batterie, die im Nu anschirrte und von serbischen Gr-"iaten umjault baoonftäubte, war längst vergessen. ~*n oberen Stock zerknallte Leuchtmunition, ein Serbe, am ganzen Leibe brennend, lag die Steintreppe herab, die Luft glühte. Aber Kolb drang durch den Rauch. Er sah die Verteidiger tot über ihren Ma- schinenaewehren hängen, einige saßen mit aufgerissenen A'w"n entseelt an der ^-mb; ja über den Tisch preßte sich mit zerschossen m Kopfe ein junger Offizier. Er hatte den Bleistift noch in der Hand, mit dem er eben die Meldung geschrieben hatte ... Märziag. Von Detlev von Liliencron. Wolkenschatten fliehen über Felder, Blau umbunftet stehen ferne Wälder. Kraniche, die hoch die Luft durchpflügen. Kommen schreiend an in Wanderzügen. Lerchen steigen schon in lauten Schwärmen. Ueberall ein erstes Frühlingslärmen. Lustig flattern, Mädchen, drine Bänder, Kurzes Glück träumt durch die weiten Länder. Kurzes Glück schwamm mit den Wolkenmassen Wollt es halten, muh es schwimmen lassen. Herder. Lin weg zu völkischer Bildung. Von Eugen Kühnemann. Eine schaffende Zeit schafft nicht nur für ihre Zukunft, sondern auch für ihre Vergangenheit. Sie sieht die eigene Geschichte neu und stellt sie unter den Sinn der neuen Aufgabe. Sie wägt die großen Geister der Vergangenheit und fragt, was sie ihrem Leben zu sagen Haden. Sie erschafft sich die Vorläufer, die ihrem Gedanken die Bahn gebrochen haben. Herder ist im Schrifttum seiner Zeit der Aufbruch zu vollbe- wußter Deutschheit. Die Liebe zur deutschen Muttersprache zündete chm das Licht an, das ihm feinen Weg erleuchtete. Ihm als dem ersten war die Sprache nicht ein Regelgebäude der Grammatik, sondern ein lebendiges Wesen, das hervordricht aus dem erregten Gefühl ursprünglicher Menschheit, dem Menschen seinen Charakter der Besonnenhell schafft, mit dem er die Wesenszüge der Dinge bemerkt und behält, und die Kette der Ueberlieferung schmiedet, durch die allein es eine Geschichte und eine Einheit des Menschengeschlechtes gibt. In der Sprache eines Volkes lebt die gesamte Geschichte seiner Seele fort. In der Muttersprache allein guillt das uns eigene fieben. Darum gibt es lebendige Dichtung nur in der Muttersprache. Aus dem sprachschaffenden Genius des Volkes bricht sie allein hervor. Die Völker alle sind die Stimmen im Chor der Menschheit. Jeder Stimme kommt ihre Zeit, in der sie führt. In der Botschaft Herders lebt die Gewißheit: Die Zeit für die deutsche Stimme, jetzt ist sie gekommen. Zu seinen Füßen saß der Jüngling und hielt ihm in seiner Krankenstube zu Straßburg gute Kameradschaft, in dem die deutsche Stimme im Chor der Menschheit ihr Ewigkeitswort sagen sollte. Herder wußte es nicht. Es war der junge Goethe. Zwischen den reifsten Werken Lessings und den Erstlingen Goethes — welche Kluft! Die Brücke über diese Kluft heißt Herder. Er machte das letzte Ende mit der Poesie, die immer noch ein feines Gebilde der Schule ist. Er machte sie zum Naturlaut, da er sie aus der sprachschöpferischen Seele des Volkes als die Offenbarung hervorbrechen ließ, in der bas Volk sich selbst bie Seele erschafft. Gott hat alles geistige Leben unter bas Gesetz gestellt, baß Leben immer nur vom Genius kommt. Dies Urgesetz bes Geistes unb ber Erde hat Herder dem schöpferischen Leben zurückgebracht. Er ruft die Dichter feiner Zeit zu der Ursprünglichkeit auf, mit der der Urmensch dem Weben der Natur gegenüberstand. Mit der ersten Sprachwurzel entstanden die Sprache unb Gott zugleich in ber Seele, benn bie Sprache suchte das geheimnisvolle Walten der Kräfte in der Natur zu fassen. Sie entstammte religiöser Ergriffenheit. So ist dem wahrhaften Dichter fein Lied immer wieder urerstes Erlebnis des göttlichen Waltens in ber Natur. Jedes Volk steht unter dem Gesetz, das ewig gleiche Menschenlos auf feine Art zu tragen und fein Erlebnis des Menschseins auf feine Weise in Liedern und allen Gebilden seiner nationalen Kultur auszuprägen. Die Völker sind die Instrumente, durch die der große Gesang der Schöpfung vielstimmig wiederklingt. Herder vernimmt die Seelen der Völker in ihren Liedern nicht nur, sondern im ganzen ihrer Volkskultur. Die Völker sind so viele Volksgenialitäten. Niemand vor ihm hat einen gleich feinen Sinn für jede Volksart gehabt, niemand vor ihm in gleich umfassendem Verstehen alle Völker in sein Weltbild ausgenommen. Die christliche Menschenliebe ist in ihm großes Erkennen geworden. Er legte diesen Zug der alloerstehenden Menschenliebe als Wesenszug in die neue deutsche Bildung hinein. Aber diese Siebe zum All der Völker quillt bei ihm aus der stolzen und sicheren Liebe zur Deutschheit. Der Stolz auf die deutsche Art und Kunst gibt ihm das Verstehen für die Fremden. Mit ihm zieht der Stolz der Deutschen auf sich und ihre Art in unser Schrifttum ein. Er ist der Prophet des Deutschtums und feiner Herrlichkeit. Wohl wird dies alles von dem höchsten Begriff der Menschheit umspannt. Aber Menschheit bedeutet nur die allgemeine Aufgabe, die Aufgabe, vollendeter Mensch zu sein, die jedem Volke auf feine Art gestellt ift Die Menschheit lebt nur in den Völkern. Indem ein jedes Volk sich in seiner eigensten Art erfüllt, tut es fein Werk für die Menschheit. Deutschtum ist eine Gottessendung. Wir können den Willen Gottes nicht anders erfüllen, als indem wir bis in jeden Laut hinein deutsch sind. Dem genialen Seher erwächst aus seiner Grundanschauung ein Weltbild von stolzer Größe und Weite. Seine Welt nennen wir am besten das Wort Gottes. Denn wie die Dichtungen und Kulturen, so denkt er sich die Welt hervorgegangen aus ursprünglicher Schöpferkraft, die ihr Gebilde im ganzen und in allen Teilen überall als derselbe belebende Odem wie ein vollendetes Gedicht durchhaucht. So läßt er bie Reiche aufgehen ber Welt, ber Erbe, bes Lebens, ber Seele, ber Völkerseele, der Geschichte. So führt er in großartigem Gange die Völker und Kulturen auf von Ostasien über Westasien zu Griechenland und Rom und schildert in einem wahrhaften Kunstwerk weltgeschichtlichen Geschehens die Entstehung des christlichen Europa. Seine „Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit" wären kein Werk Herders, Heimkehr zur Gesundung. Sparta. Verantwortlich: vr. tzanSThyriot. — Druck und Derlag:Drühl'sche Univ er sitätS-Duch. und Steindrucker ei. R. Lange, Gi eben. nis ausgeübt haben. .... „... „ ... Zwischen dem Altertum und der Paschaherrschast der Türken, zwischen dem feierlichen byzantnischen Zepter und der westlichen Demokratie eines neueren Griechenland erscheinen auf dem Hügel über Sparta abend- ländische Ritter, um ihre Herrschaft aufzurichten. „Fränkische Ritter —, womit sowohl deutsche wie französische gemeint sind, die irn gemeinschaftlichen Geiste der Katholizität und des Feudalismus den Peloponnes zum Pfeiler einer heroischen Brücke machen: der Kampfbrücke, die von 1096 bis 1291, durch zwei Jahrhunderte, das großartige Abenteuer der Kreuzzüge erlebt. 1204 erobern Kreuzfahrer Byzanz; der Graf Balduin von Flandern, durch die Ritter zum Kaiser ausgerufen, gründet gegen die byzantinische Monarchie ein „lateinisches Kaisertum , das bis 1261 dauern soll. Man kann sich endlich daran erinnern, daß der hohenstaufische Friedrich II., der hintergründigste Mann der deutschen Kaisergeschichte, in Italien geboren, den'Schwerpunkt seines Lebens in Sizilien findet. In diesem weitläufigen Zusammenhang einer erstaunlichen Versüdlichung deutschen, abendländischen Lebens erhebt sich seit des 13. Jahrhunderts Mitte die außerordentliche Erscheinung, die Mistra heißt: aus ihrer I obersten Höhe mit einer Zitadelle gekrönt. , . Von einem leidenschaftlich und kühn gespannten Dasein, das einmal 35 000 Menschen umschloß, sind phantastische Trümmer übrig, die am ehesten wohl an das provenzalische Les Baux gemahnen mögen — an jene seigneuriale Felsenstadt bei Arles. Doch sind einige Kirchen und Klöster lebendig geblieben: die Metropolitankirche; Sankt Theodor; das Kloster der Pantanassa, der Allbeherrscherin, der Himmelskönigin Der Burgberg steht als mächtiges Profil im Blick; auch kann kaum irgendwo das gerühmte „Malerische" des Ruinenwesens starker ernp- mo oer ^reue, au sunden werden. Zumal im Frühling stellen Berg und Stadt und Zita- der Berkünstelunq delle sich mit einer unwahrscheinlichen, wahrhaft phantastischen Blldhastig- - y 1 seit dar Grau der Steine, vom Mot der Ziegeldächer und Fugenz,egel in einen leisen Brand gesetzt, wird von der Fülle der Blumen zur Hälfte überwuchert: zumeist von einem strahlenden Gelb. Aus der Rühe besehen erweist sich dieses Gelb dem Steigenden als das unendliche Blühen südlich großer, südlich ausschwärmender Wolssmilchstauden; so riesig sind die Blütendolden, daß man sie in zwei zum Gefäß gewölbten Hände kaum aufzunehmen vermag. Zwischen den Wolfsmilchstauden schwärmen Asphodelos und rote Anemonen. Fülle und Farbigkeit der Blumen mischen einen üppigen Ton der Zuversicht ins Ganze. Die Kirchen gehorchen durchaus dem byzantinischen Schema von Kuppel und Viereck; dem Schema, in dem die romanische Form sich auf eine unverkennbare Weise zu orientalisieren beginnt. Die Fresken drinnen zwischen wenigen Säulen der quadratisch kurzen Kirchen byzantinisch in die Höhe gestreckt, sind provinziell, aber des Ausdrucks voll. Griechische Nonnen, bei denen wir unsere Bilderkarten kaufen, bewirten uns mit ("loschen einer guten, wohl von ihnen selber destillierten Anisette. Sie sinu sehr leise, sehr verbindlich und voller Abstand von der Welt, auf gut Glück französisch (wie man hier unten eben, wenn nicht die nationale Sprache, am ehesten Französisch hört): „Je vous souhaite la bienvenue". Mädchen werfen uns, da wir weiter fahren, Rosen IN den Wagen nach. r , ,, . 2£n Ruinen ist wenig da: ein Theater außerhalb der neuen «tadt. Das merkwürdigste der Theaterruinen ist die Schönheit des Standpunktes am Rande der Höhe: über die Steine und das wenig an- mutende neue Sparta hinwegblickend schaut man auf das verschneite Hochgebirge, auf die öltragenden Felder und aus das hoch drüben zur Rechten hinaufwachsende Rätsel der Ruinenstadt, die Mistra Die entscheidende Merkwürdigkeit dieser Gegend ist ja nicht Sparta (das alte so wenig wie das neue), sondern die Hinterlassenschaft einer mittelalterlichen Stadt, die, wie unter dem Gesetz einer besonderen Anziehung dieses alten kriegerischen Bodens, gleichsam em Geschlecht der christlichen Spartiaten beherbergt hat — denn so mögen jene Kreuzritter füglich genannt werden, die im 13. Jahrhundert unserer Zeitrechnung über diese Stadt und Landschaft eine ebenso feudale wie fromme Tyran- Von WilhelmHausenstein. Ins innere Lakonien führt die abenteuerlichste Straße, (abenteuerlich mit der ungeahnten Wüstheit ihres Zustandes über weite Strecken) durch Bergland. Der Weg ist von großem blutrotem Mohn gesäumt. Zur Hinten und zur Rechten ist viel frisches Grün; zwischen Olivenfeldern und Reb- hängen steht Getreide in vollem Trieb. Es ist Frühling. Im Sommer oder gar im Herbst würde das Grüne und Blumige in branstiges Braun verschossen sein, wie es auf den griechischen Landschaften Rottmanns in der Neuen Pinakothek so häufig wiederkehrt ... An Abständen erheben sich vollkommene Eichen; sie sind die männlichen Kronen einer männlichen emporsteigenden Natur. Daß die Landschaft reich sei an Feldertrag, läßt sich, trotz den Oliven und Weinstöcken, trotz dem Korn nicht eben behaupten. . ...., Viele Reiter und Reiterinnen auf Eseln. Die Frauen sitzen seitlich; wie von einem hohen Stuhl lassen sie die beiden Beine herunterhangen. Mitunter werden kleine Pferdchen geritten, die mit einem hölzernen Dachfaitel ausgerüstet sind. Die Luft ist frisch und fest. Landschaft und Stadt liegen in einem von neun Zehntel umschlossenen Tal; nur die Niederung des Flusses macht eine Bresche. Wir nehmen die Einfahrt über eine ziemlich weit heraufgewundene Paßstraße. Lakonien ist binnenländisch; am Seewesen hat es keinen Anteil. Wichtig ist, daß Lakonien, daß Sparta in einem eher kontinentalen Stil ausgesondert ist, daß die Strenge hoher Berge, die Landschaft und Stadt umgeben, das lakonische Dasein alleinzusetzen und es schon darum, von vornherein, zu einem allzu ausschließlichen Bewußtsein zu bestimmen scheinen. Auch leuchtet ein, daß die verhältnismäßige Härte der Landschaft, einer großen Landschaft, wie sich versteht, den strengen verpflichtenden Charakter spartanischen Daseins, das disziplinäre Wesen dieses besonderen Lebens mitbestimmt hat. Das neue Sparta ist ohne Reiz — um nicht mehr zu sagen: denn in der Tat vermag e» abzuschrecken, wie die Oede gewisser slldsranzö- sischer Provinzstädte. Das Schönste ist der Orangenhain, der das Museum als eine städtische Parkanlage verbirgt; die Bäume tragen Frucht, während sie blühen. Sie sind'ein wenig pedantisch gesetzt. Dennoch bezaubert ihre Atmosphäre, und es verwundert uns nicht, daß ein junger • Spartaner, die Fremden in uns erkennend, mit vollendeter Höflichkeit den Hut lüftet, um uns, ebenso verbindlich wie distanziert, die Worte der Gastfreundschaft entgegenzusprechen, die das Griechischste von ganz Sparta sein mögen: „Ich wünsche Ihnen wohl angekommen zu fein". Er sagt es die wir mitbringen. Es verlockt, zwischen den Ziegelkuppeln, den grauen Mauern, den enormen Wolfsmilchstauden, den großen roten Anemonen, den zarten Asphodelossternen den steilen Berg zur Zitadelle im Schweiß des Angesichts zurückzulegen. Vom Schloß des Villehardouin wird die ganze Region um Sparta am vollkommensten überblickt. Im Tal drunten wechselt die srischgrüne Flur mit hellroter Erde, die offen liegt. Den Rand der Niederung säumt der klassische Eurotas, in dem vor Zeiten die jungen Spartaner gebadet, an dessen Ufern sie sich den Schilf für ihre derben Betten geschnitten haben. Der Fluß ist ein lichtgraues Band, langhin erstreckt, dann abgebogen, dann vom Land Überschnitten Hinter ihm erhebt sich Gebirge. Unter der dichterischen Stunde des Mittags wird es zarter, lyrischer, als es ist; es scheint zu verdunsten und in das Lila, Rosa, Horizontblau der fernen Lüfte aufzugehen. Zuweilen schimmert ein Schneefleck auf wie eine Apselblüle. Fast ringsum schließen sich um die in reinlichen Ordnungen gesetzten Oel- bäume des Talgrundes die Gebirge: kahl, lichtgrau mit Buschwerk dunkelgrün gefleckt, zur Linken dort und mäßig hoch; gewaltig hoch nach der Art der Alpen im Bereich des herrschenden Taygetos. Der Kamm ist noch mit Massen von Schnee bedeckt. Durch eine Talschlucht, deren Hänge Oliven und Zypressen tragen, stürzt aus den Wänden des Taygetos ein Bergbach nieder; es läßt sich vorstellen, wie das Leben der Ausgesetzten, die nicht stark genug befunden waren, zu Spartanern heranzuwachsen, in diesen Abgründen, auf diesen wüsten Höhen verloren ging, wenn es nicht in den untergeordneten Lebenskreis der Periöken, der Hintersassen, aufgenommen wurden. Endlich aber glaubt man auch hier die Heimlichkeit eines nordischen Tons zu gewahren. Der Taygetos besitzt Züge von der elementaren Steinwildnis der Karwendelgebirges, und hierin vollzieht sich eine fast erschreckend unmittelbare Fühlung nordländischer Gemüter mit der Landschaft von Lakonien. wen« sie nicht Bruchstück geblieben wären. Der letzte Band fehlt der I über Reformation und französische Revolution zur Kulturphilosophie de Gegenwa?. hätte führen müssen. Der seine ichreibt Er liebt nicht den Krieg und im bewußten Ausdruck seiner UeberSugunqen auch nicht den Staat, aber er hat dabei den sems en Sinn für die Bedeutung des Staates als des Tragers bes nationale Leben-!, wo er die Völkergeschicke in der Geschichte deutet Er besitzt in seiner stolzen Deutschheit das vollste Verständnis für jebe fremde Volks artundläßt jede gelten an ihrer Stelle in Or und Zeit. Seme Bilder der Volksarten und Seelen find oft von unerhörter Feinheit Ueberall maltet die große, verstehende Liebe. Das Geschichtsgeschehen als Ganze llebt er als das Ringen der Völker um den Kranz der Humanität, das will sagen um die höchste Gestalt des Menschseins, rote sie allem tn der ’,KSÄ”SÄ *« -Wurm einen rechten frohgemuten deutschen Glauben verwandelt. Er steht^ den christlichen Glauben im höchsten Sinne als 3bee, die 3bee nämlich der fortschreitenden Arbeit, in der die Menschen und Volker mehr und mehr die Einheit der Menschheitsgemeinde werden, nicht nn Sinne eines Auslöschens der Volkspersönlichkeiten, die stark in sich selber sich zur Gemeinsamkeit der Arbeit mit den andern zusammenfmden.^Sind doch für Herder in einem neuen Sinne alle Volker und Menschen Kinder Gottes, sofern sie alle Tiefen des göttlichen, d. h. des wahrhaft menschlichen Lebens in sich tragen und zu ihm berufen sind. Die Volker alle entwickelt zur Fülle ihrer Menschlichkeit — das wäre das Re^> Gottes auf Erden, das Jesus gestiftet hat. Er war die Liebe der Menschheit, die das Ziel der Geschichte ist, die Liebe, die roir m Taten erkennen nicht in Worten. So fallen bei Herder alle domatischen Gitter und Zäune Alle Kulturarbeit ist hineingenommen m das christliche Heben, ist ein Christentum nicht nur der Tat und Gesinnung sondern auch des Geistes und der Freiheit, — ein Christentum voller Weltsinn. Es ist em erstaunliches Wort bei einem großen Kirchenhaupt wenn H e rd er bemerkt: ob der Name Christus dabei genannt wird, ist dem Erhöhten gleichgültig. Es kommt allein auf die Tai an. Die Tat ist die Vollendung unseres Volkes in seiner menschheitlichen Ausgabe, aus daß es m feinem Antlitz die Züge seiner Arbeit rein und lauter trage, auf daß dies Antlitz vor Gott bestehe. . , , . . . , ®3ir gehen durch das eigentliche Herder-Erlebnis des deutschen Volkes. Das Volk besinnt sich auf die Deutschheit als feine Pflicht und fein Recht unter den Völkern Aus aufgezwungener Selbstentfremdung nach Schulbeqriffen einer feindlichen Welk kehrt es zu sich selbst zuruck und will das Wort zur Weltentwicklung sagen, in der sich seine Art offenbart. Der Naturlaut der Deutschheit will wieder als deutsche Ehre und Freiheit unter den Völkern erklingen. Wir finden, unser Deutschtum wieder als eine Sendung der Hingabe, des Opfers und der Treue, all der einfachen sittlichen Grundmächte, die uns aus t:- ~ " ""2 retten und uns unserer Ursprünglichkeit zurückgeben sollen. Wir tun unser Werk für die Menschheit, indem roir unser deutsches Leben fordern. Denn indem das Herz Europas gesund wird, bringt es der Welt die