Gießener ZamilieniMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1936 Montag, den 15. Juni Nummer 45 Oie Fahrt nach der Ahnfrau Erzählung von Paul Fechter Copyright 1935 by Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart 1. Fortsetzung. Ein wenig mußte er überlegen. Das da hinter dem langen Platz zur Linken, mit der Säulenhalle davor und dem griechischen Tempelgebiet, das war das Theater, und hier gleich beim Stockturm, um den weiß die Tauben flatterten und die Schwalben mit Hellem Pfeifen durch die warme Luft schossen, da ging es zur Langgasse und zum Langen Markt. Er schritt durch das Halbdunkel des Bogens, und vor ihm lag die schmale Straße, wimmelnd von Menschen, zur Linken überragt von der zierlich barocken Silhouette des Rathausturmes. Das Sonnenlicht fiel noch halb von vorne: die Straßenwand zur Rechten lag im Schatten. Georg Ebener ging langsam seines Weges, als erwarte er bei jedem Schritt etwas Unerwartetes. Und auf einmal traf ihn auch eine Ueberrafchung, daß er unwillkürlich stehenblieb. Drüben, auf der Sonnenseite der Straße, öffnete sich eine Gasse: schmal, hoch, leicht gekrümmt, noch voll vom Schatten des Morgens zog sie sich in die Tiefe: über ihr aber stieg, die ganze Breite des Raums zwischen den Häusern füllend, die wie ein machtloser Abgrund zu seinen Füßen zurückblieb, ein Turm auf: schwer, wuchtig, im Rotbraun seiner Backsteine dunkel im Morgenlicht leuchtend und den Blick und die Seele widerstandslos hinaufreihend in das jubelnde Blau des Junihimmels — der Turm von Sankt Marien. Beinahe drohend, mit einer ungeheuren Ueberlegenheit, ragte der riesige Turmstumpf mit dem niedrigen Dach, seine Stockwerkgliederungen mühelos mit seinem Trieb zur Höhe überwältigend, in das Licht. Der Doktor Ebener wußte, daß dort Sankt Marien tag; er hatte von vielen Bildern noch eine ziemlich feste Vorstellung von dem Bau gehabt. Jetzt stand er auf einmal da und hielt den Atem an, bevor er langsam die Straße überquerte und die Gasse entlang aus die ragende Festung Gottes zuwanderte. Den langen Markt, den Artushof, die Mottlau hatte er vollkommen vergessen: er hatte das Gefühl, daß sein erster Besuch schicklicherweise nur diesem Riesen gelten konnte. Ihm war, als hätte er noch nie eine so große Kirche gesehen. Nicht einmal in Köln. Aber dann fand er die Kirche geschlossen, und beim Küster, zu dem man ihn wies, eröffnete ihm ein freundliches Mädchen, daß die nächste Führung erst um elf sei, einer Trauung wegen; ob er vielleicht inzwischen den Turm besteigen wolle. Die Aussicht sei sehr schön, vierzig Pfennig pro Person. Indessen, der Doktor Ebener wollte nicht. Treppen waren nicht seine Leidenschaft. Er sagte, er würde wiederkommen, und entsann sich, daß fein Besuch in dieser Stadt eigentlich nicht Sankt Marien, sondern der heiligen Katharina galt. Im Haus der Mutter Gottes war er ein Fremder; bei Sankt Katharinen hatte er zum wenigsten in den Kirchenbüchern ein gewisses Familienheimatsrecht. Wo Sankt Katharina lag, wußte er nicht mehr. Das freundliche Mädchen, das ihn so gern zur Turmbesteigung verleitet hätte, beschrieb ihm den Weg, und bald stand Georg Ebener an der raschen Radaune, hörte das Wasser an der Alten Mühle rauschen und sah vor sich den beschatteten schweren Giebel der Katharinenkirche aufragen, von deren Türmchen gerade heiter gedankenlos das Glockenspiel leicht verstimmt in den Hellen Tag fiel. Er hotte sich verlaufen und war weit ober» ha"' >r Kirche herausgekommen, bei dem schönen, berankten Giebel- Ha! das, wie der Baedeker behauptete, einmal den Aebten von Pelplin gehört hatte. Der Doktor ärgerte sich, daß er nicht die geringste Vorstellung hatte, wo Pelplin lag und was es eigentlich war. Hier Am Sande, so hieß die Straße, war es still und menschenleer. Ein Betrunkener sah auf der Brücke am Geländer in der Sonne und unterhielt sich mit sich selber; es schien aber niemanden zu stören. Georg Ebener fragte sich nach dem Pfarrhaus durch und stand bald im Amtszimmer vor einem jungen Mann, der den Fremden zuerst mit einem gewissen Mißtrauen betrachtete, dann aber, als er auf dessen Kirchenbuchauszügen die eigene Handschrift wiedererkannte, zutraulich wurde und erklärte, mehr als er gefunden habe, könne kein Mensch finden. Er habe auf die mehrfache Bitte des Herrn Doktor alles noch einmal durchsucht, auch der Herr Leutnant Ebener habe ja noch einmal geschrieben wegen der Herkunft von Regina Katharina Müller — jawohl, er wisse die Vornamen schon auswendig — aber es fei nichts mehr ausfindig zu machen gewesen. Der Doktor sah den jungen Mann, der im schönsten Danziger Dialekt seine Mitteilungen vorbrachte, mißtrauisch an. Was man denn noch machen könne? Der Gefragte zuckte die Achseln. Gleichzeitig machte er einen tiefen Diener; denn aus dem Nebenzimmer kam ein Herr in langem Gehrock und kurzem graumeliertem Vollbart, dem man sofort den geistlichen Berus ansah. Er nickte, ging zu dem Arbeitstisch am Fenster und begann dort zwischen den Papieren zu suchen. Den Fremden überließ er seinem Helfer. Zunächst wenigstens. Denn als das Gespräch weiterging und der Name Ebener von neuem fiel, hob er das Haupt, und als der junge Mann eifrig versicherte, der Herr Doktor Ebener könne ihm glauben, daß er wirklich gewissenhaft — er sagte gewissenhaft — arbeite, da erhob sich der Geistliche, kam heran und fragte, ob er Doktor Georg Ebener vor sich habe. Als der etwas erstaunt feine Identität mit dem Arzt dieses Namens zugab, lächelte der Pfarrer, streckte ihm die Hand hin und fragte ihn, ob er ihn denn nicht mehr kenne. Er heiße Malletke, Franz Malletke. Längst vergessene Gesichter tauchten aus der Seele des Arztes ckuf. „Mein Gott — Malletke", sagte er und suchte in dem bärtigen, bebrillten Gesicht des andern den Knaben, der einst diesen Namen getragen hatte. „Erinnern Sie sich?" fragte der Pfarrer. „Mir fiel schon, als Sie schrieben, Ihr Name auf, und nun ich Sie fehe ..." „Mensch, Malletke", sagte der Doktor Ebener, „jetzt erkenne ich dich — Himmelherrgott ..." Der Pfarrer nickte. „Ja, ja, mein Lieber — heut können wir Horaz zitieren, was wir früher nicht gern taten." „Beim alten Lueck, weißt du noch?", rief der Arzt. „Eheu fugaces Postume, Postume." — Er sprach die Verse so ostpreußisch, wie es ihm nur möglich war. Der junge Mann hörte mit einigem Erstaunen zu. Der Pfarrer bestätigte sodann, daß hier in Sankt Katharinen nichts weiter zu finden sei, als man den Brüdern schon mitgeteilt hätte. Aber es gäbe noch die Möglichkeit, daß drüben in Sankt Marien Eintragungen seien: er habe schon mit Brausewetter darüber gesprochen, der meinte, sich zu erinnern, Ebeners sogar unter seinen Pfarrkindern gehabt zu haben — von Müllers ganz zu schweigen. „Das glaub’ ich", sagte der Doktor und erzählte, wie man ihn in Sankt Marien auf den Turm verwiesen hätte. Der Pfarrer griff nach feinem Hut. Wenn er mitkäme, ließe man ihn überall hin, und sie könnten vielleicht sogar selbst in den Kirchenbüchern nachsehen. Dazu kam es nun freilich nicht. Aber der junge, rundliche Mann, der unter dem dicken Turm die Ahnen der heutigen Danziger betreute, versprach genaueste Durchsicht; die Herren könnten sich auf ihn verlassen — sie sollten nur inzwischen in die Kirche gehen. Der Herr Archidiakonus sei auch eben dorthin; wenn sie fertig wären, hoffe er, da ja die Daten alle schon feftgeftellt seien, Auskunft geben zu können. Die beiden gingen hinüber; ein Junge schloß eine Seitenpforte auf und sie standen in dem ragenden Raum zwischen den Riefenpfeilern, die vom Staub der Jahrhunderte zart und lebendig marmoriert aufftiegen zu den dämmernden Gewölben hoch in der Höhe. Lautlos und langsam wehten die alten, verwitterten Fahnen der Geschlechter oben über den dunkelbraunen Kirchenstühlen; die Silhouette des gotischen Altars stand dunkel im hellen Licht, das durch die hohen, weißen Fenster fiei, über denen die Sperlinge sommerlich fröhlich schilpten. Von ferne klang die mechanische Stimme des Küsters, der gerade irgend etwas erläuterte,' hallend herüber; sonst war nur die Stille stehengebliebener Zeit in diesem kühlen, bläulich schwebenden Raum zwischen den Riesenpfeilern, die in diesem Hause Gottes die Hauptsache zu sein schienen. Georg Ebener ging nicht oft in Kirchen; sein Beruf hatte wenig Beziehungen zur theologischen Fakultät. In dieser schweigenden Endlosigkeit, die Jahrhunderte zu ihren Füßen gesehen hatte, stieg ein halb vergessenes Gefühl in ihm aus, Erinnerung an die Tage, da er zum Unterricht gegangen war, obwohl er damals nie etwas von der Schönheit und der Größe des Gotteshauses empfunden hatte. Vielleicht kam das Gefühl auch von dem Zweck feiner Reife; ihm war, als hätte er sich hier in die Bereiche der Ahnen begeben, wäre in die Welt eingegangen, in der sie noch gewissermaßen leibhaftig von alten Tagen her unsichtbar ihr Wesen trieben. „Wir wollen zum Memling gehen, da ist Brausewetter sicherlich auch — du kennst ihn doch?" fragte vorsichtshalber der Pfarrer Malletke. Georg Ebener sah ihn erstaunt an: woher sollte er den Archidiakonus von Sankt Marien kennen? Der einstige Schulgenosse aber lächelte: „Er ist nicht nur Archidiakonus, er schreibt auch Romane." Der Doktor bedankte sich für den Hinweis und zog einige Erkundigungen ein. Sein Beruf lasse ihm wenig Zeit zum Lesen von Büchern, die andere Dinge behandelten als etwa Fortschritte in der Bekämpfung der Malaria oder die neuesten Präparate, die die I. G. Farben gegen irgendeine Menschheitsplage auf den Markt geworfen hätten. Der Plärrer nickte verständnisvoll, gab die gewünschte Auskunft und dem Küster Ende nicht hatte, weib- über- hatte, Diese Jnteressenverlagerung war nicht ganz unverständlich. Am ist ein Mensch immer wesentlicher als ein Bild, und es ließ sich leugnen, daß der Pfarrer Malletke sich einem Menschen zugewandt Er stand in der Ecke der Kapelle und sprach halblaut mit einem lichen Wesen, das Georg Ebener über dem berühmten Bild völlig sehen, das sein ehemaliger Mitschüler offenbar aber sofort entdeckt weil er es nämlich kannte. Der Doktor Ebener wußte nicht recht, was er tun sollte. Sein Bedarf an Verdammten war gedeckt und sein Kunstinteresse ebenfalls. Hingehen wäre indiskret gewesen, warten war langweilig. Er besah pflichtgemäß noch ein Weilchen di« bunten Wiesen hinter dem wunderlichen Spitzbogentempel der Gerechten; dann begann er zurückgebogenen Hauptes die Gewölbe in der Höhe zu mustern, als hätte er Zeit seines Lebens Architektur studiert. Er war schließlich so vertieft in das veränderte Bild, daß er leicht zusammenfuhr, als eine Hand sich auf feine Schulter legte und der Pfarrer freundlich fragte, ob er ihn Fräulein Müller vorstellen dürfte. Georg Ebener kehrte mit einem Ruck aus der Höhe in die Tiefe zurück und verneigte sich leicht vor der jungen Dame, die unvermutet vor ihm stand. Sie war schlank und groß, und er hatte das Gefühl, sie schon einmal gesehen zu haben. In ihrem Gesicht war etwas Gespanntes, Suchendes; über der schmalen, feinen Nase saßen zwei Falten, und der Mund hatte etwas Zusammengepreßtes, Verschlossenes. „Brausewetter ist nicht mehr hier, sagte Fräulein Müller", bemerkte der Pfarrer. „Er ist schon hinüber nach dem Rathaus. Wollen Sie noch bleiben?" wandte er sich an das junge Mädchen — wie es dem Doktor schien, mit einem besonders vorsichtigen Ton in der Stimme. Sie schüttelte stumm den Kopf, warf einen raschen Blick auf das still leuchtende Memlingbild und wandte sich zur Türe. Der Pfarrer nickte und folgte ihr; der Doktor Ebener kam als letzter mit dem Gefühl, etwas überflüssig geworden zu sein. Vor der Kapelle fragte ihn der Pfarrer, ob er noch das Steinerne Brot und die Grabplatte sehen wollte, durch die di« Hand mit den fünf Fingern hindurchgewachsen war. Georg Ebener verneinte; so verließen sie die Kirche und standen bald draußen am Fuß der gewallig himmelan ragenden Turmwand, auf einem Fleckchen Sonne, das dort schmal und bescheiden neben all dem vielen Schatten rings um die alte Kirche lag. Der Pfarrer fragte, ob Fräulein Müller schon lange wieder in Danzig sei. Sie schüttelte den Kopf: erst seit gestern sei sie wieder in Zoppot. In Danzig und in der Kirche sei sie heute zum erstenmal gewesen, und morgen müsie sie zurück. Als sie von Zoppot sprach, sah Georg Ebener sie suchend an. Es war für ihn etwas von Vekanntfein um sie — trotz des kühlen, frernden Gesichts, mit dem sie ihm jetzt zum Abschied die Hand reichte. „Ein merkwürdiges Mädchen", sagte der Pfarrer und sah ihr nach, und dann erzählte er ihr Schicksal oder vielmehr das ihrer Eltern. Sie stammte aus der Neidenburger Gegend, Kind begüterter Leute, die dort eine größere Besitzung hatten. Als der Krieg ausbrach, wurde der Vater eingezogen, die Kinder mußten mit der Mütter flüchten, wurden unterwegs von ihr getrennt und hörten nie mehr etwas von ihr — und vom Vater auch nicht. Georg Ebener sah erstaunt auf. Der Pfarrer hob die linke Schulter: „3a, mein Lieber, wenn du damals Danzig gesehen hättest, all die Tausende, die aus den Aemtern verlorene Kinder und Eltern und Geschwister suchten, die Zeitungen all« seitenlang voll von Inseraten: Wo ist der, und wo ist der? — Wer kann Auskunft geben? Da würd'st du dich nicht wundern. Die Sach' an sich ist ja auch nicht so merkwürdig, wie daß sie immer wieder zu dem Bild kommt." „Zu welchem Bild?" Zu dem Memling hier. Sie ist Schwester geworden, Kinderpflegerin, oben in Ostpreußen. Aber jedes Jahr ist sie ein paarmal hier, und immer acht sie zu dem Bild. Der Bruder hat's mir mal erzählt; in seinem letzten Brief hätt' der Vater, der gleich bei der Mobilmachung hierher einrücken mußte, von dem Bild geschrieben, wie er da immer hinging, wenn er vorbeikäm': er beschrieb den Herrn aus dem Regenbogen und vor allem die Seligen, wie tröstlich das wär, und wie es Kraft gäbe und beinahe was von zu Haufe hätt'. Das schrieb er, und dann mußten sie fort und hörten nie mehr was von ihm: das Regiment hat ihn nach ein paar Monaten als vermißt gemeldet, und keiner weiß, wo er geblieben ist. Aber als das Kind größer würd', ging es immer, wenn es hier war, in die Kirch' zu dem Bild, als ob es dort am End mal den Vater treffen könnt'." Der Doktor Ebener schüttelte den Kops: „Denn war das doch ne andre." Der Pfarrer machte erstaunte Augen. Georg Ebener erzählte von der Wellenreiterin und dem Jüngling im Boot, und wie er einen Augenblick geglaubt hätte, sie in Fräulein Müller wiederzuerkennen. Aber das fei danach wohl ausgeschlossen. O nein", lachte der Pfarrer, .Durchaus nicht, Regina Müller ift zwar ein sehr ernstes Mädchen, aber eine leidenschaftliche Schwimmerin, und es ist durchaus möglich, daß sie es war. Der Jüngling ist ihr Bruder, er hat 'n Motorboot." . „. „ffiie heißt sie?" fragte Georg Ebener, und in seine Stirn gruben sich ebenfalls zwei Falten. „Regina Müller", antwortete der Pfarrer erstaunt. ''Merkwürdig", sagte Georg Ebener. Mittag aßen die beiden bei Lautenbacher in der 3opengaste. Sie waren langsam zwischen den Beischlägen durch die alten Straßen um Sankt Marien geschlendert, in denen die Linden und die Ulmen im stischen Grün vor den grauen, schwingenden, alten Giebeln leuchteten, waren durch das Krantor mit seinem wunderbar braunen, schweren Holzausbau zur Mottlau gegangen, in der qualmend die Dampfer lagen und aus den tarierten Speichern drüben am andern Ufer knarrend neue Ladung einnahmen. Sie waren zu ihrer alten Schule am Franziskanerkloster geschlendert und hatten sich um das Museum daneben herumgedruckt. Das ist für die Fremden, ich bin Danziger", hatte der Doktor Lbener gesagt und der Pfarrer hatte zugestimmt. Auch das Uphagenhaus hakten sie sich nur im Vorbeigehen betrachtet; aber auf dem Langen Markt war Georg Ebener doch eine Weile stehengeblieben, hatte sich umgesehen zu dem zierlichen Geträufel des Rathausturms emporgenickt, der über dem schweren Rot des gotischen Unterbaues in den Himmel stieg, und hatte sestgesteUt, daß es so etwas wie dies — er machte eine Bewegung, di« vom Arttishof bis zum Grünen Tor alles umfaßte — immerhin nur in Danzig gäbe. Nun faßen sie im Schatten auf dem kleinen Beischlag bei Sauten- bacher über sich den Himmel mit den vorüberschießenden Schwalben, zur Seite über dem Grün der Balkonwand einen Teil des bunten Giebelbarocks der Zeughausfront, gegenüber aus Lindenwipfeln aufragend den im Hellen Sonnenlicht glühenden Marienturm. Der fenose Kellner brachte das Essen. Der Doktor Ebener kostete und nickte höchst befriebigt: „Sieh mal an." Der Pfarrer Malletke lachte. „3a, mein Lieber, komm du man zu uns in den Osten. Da kannste lernen, was gutes Esten heißt. Der Doktor meinte, das hier sei doch eine einmalige Ausmchme; aber der Pfarrer schüttelte den Kopf. O nein, er könne ihn noch an mindestens drei, vier andere Stellen führen, wo es ihm genau so gut schmecken würde. „Wenn du noch bleibst, gehen mir morgen in den Speisewagen und abends zu Nagest" Und Stremeilachs mit Machandel bekäme er beinahe überall in der gleichen ausgezeichneten Qualität. Sie aßen, tranken, trotz des warmen 3unitages selbstverständlich Rotwein: denn nur den gab es hier an der Wasserkante in wirklich berühmter Güte. Der Doktor fragte nach anderen Schulgefahrten, was aus ihnen geworden fei, nach alten Lehrern; aber dazwischen tauchte vor ihm immer wieder ein junges, herbes Gesicht mit zwei Falten in der Stirne auf. Einmal sah er fein Gegenüber an und hatte bereits eine Frage auf der Zunge; bann verschluckte er sie wieder und spülte sie mit einem Schluck des milden Bordeaux hinunter. Beim Kaffee fragte der Pfarrer, was Ebener nun weiter zu unternehmen gedenke. Der Doktor, der von dem guten Esten und Trinken einen leicht geröteten Schädel bekommen hatte, blies langsam genießerisch den Rauch seiner Zigarre von sich: „3ch weiß es selber nicht. Heut will ich etwas hinaus nach Oliva oder nach Heubude; über morgen habe ich noch nicht nachgedacht." Der Pfarrer strich die Asche von seiner Zigarre. Ob er Lust hatte, nach I Marienburg mitzukommen. Er mühte morgen mit dem Wagen hm; sie könnten einen Umweg machen, und er sähe wieder einmal Weichsel und Werder und nachher das Schloß. Am Nachmittag könnten ne zuruck |Cin',Du bist unverheiratet?" fragte der Doktor Ebener vorsichtig. 3ch war verheiratet", sagte der Pfarrer ruhig. „Aber meine Frau und" die Kinder konnten das Klima schon im Frieden nicht vertragen, sie war aus dein Reich. Und als der Krieg und all die Entbehrungen kamen | — sch war damals Pfarrer in Elbing ... da liegen sie alle drei auf dem | ' Der Doktor nickte und dachte an feine Ahnfrau, wobei er wieder das junge, schmale Gesicht sah. „3a — Marienburg. Vielleicht kann ich da auch noch mal fragen. Am Ende bringt ein Zufall was. . . Der Pfarrer stimmte zu. „Es war ,a um die Zeit beides bei den Polen — wann ist deine Urgroßmutter geboren? „1760", sagte der Doktor. I (Fortsetzung folgt.) einen Wink und ließ bann feinen Gast mit leichter Handbewegung in die Kapelle eintreten. . _ . . ,.. , Halbdunkel lag in der Tiefe des von der übrigen Kirche abgejchloj- fenen Raumes: nur oben unter den Gewölben siegte der 3unitag. Rechts vom Eingang ragte, von unsichtbaren elektrischen Lampen wunderlich weltlich bestrahlt, das berühmte Bild, dessen sich jetzt auch der Doktor entsann, obwohl seine Beziehungen zur bildenden Kunst nicht weit über ben Besitz einer Reprobuktion ber Rembranbtschen Anatomie hinaus- ginqen. Er entsann sich auch nicht eigentlich bes Bilbes, sondern vielmehr seiner Geschichte. Da war nämlich etwas von Seeräuberei dabei gewesen, und das hatte ihn schon damals interessiert. Paul Beneke hieß der tapfere Kapitän, der dem Herzog von Burgund einen Kahn kaperte, auf dem das Gemälde, für irgendeinen Florentiner Geldsack bestimmt sich befand. So war es nach Danzig gekommen, und selbst Napoleon hatte es nicht für die Dauer fortholen können, und darum wußte sogar der Doktor der Medizin Georg Ebener davon, obwohl er sonst weder zu Memling noch zu seinem Thema sonderlich viel Hinneigung verspürte. Die Kapelle war leer; irgendwo draußen zwitscherte em Bogest das Bild leuchtete im warmen Schein des Lichtes seltsam hell durch die Dämmerung. Ohne viel zu denken, betrachtete der Arzt das 3üngst« Gericht, den thronenden Christus im roten Mantel auf dem funkelnden Regenbogen, den Erzengel Michael im strengen Panzer, der die Auferstandenen auf feiner Waage wägt; dann die Seligen, die zu dem Tempel emporsteigen, und die Verdammten, die auf der anderen Seite zur Hölle hinabstürzen. Er betrachtete es, wie er Bilder zu betrachten pflegte: pflichtgemäß, ein bißchen verwundert darüber, wie Menschen so etwas machen und wie sie mit solchen Sachen so berühmt werden konnten. Der Pfarrer stand neben ihm und betrachtete ebenfalls das Gemälde. Aber er schien nicht recht bei der Sache zu fein. Er sah mehrmals zur Seite, wo die Kapelle unter den Fenstern verdämmerte, und entfernte sich schließlich nach der Fensterwand hinüber, damit ben letzten Faden von Verbindung zwischen dem medizinischen Betrachter und dem theologischen Kunstwerk auch noch abschneidend. Georg Ebener interessierte sich viel mehr für das, was der Pfarrer da im Dämmer entdeckt hatte, als für die eschatologifchen Schicksal« der unglücklichen Opfer der Tättg- keit von früheren Angehörigen feines Berufes. tlnser Haus. Von Hermann Claudius. steine lieben vier Mauern, zwischen denen ich mit den Meinen ein Leben lang gelebt: wird irgend etwas dauern, das euch nach uns noch heimlich umschwebt? Andere werden kommen und zwischen euch wirken und leben und sein. Wird es ihnen frommen zu ihrem Glücke oder zu ihrer Pein? — Manch lieber Gedanke — manch liebes Lied und Wort, o du vielbuntes unsichtbares Geranke, wärst du auf einmal verschwunden und ewig fort? Gottes Geist ist um jede Blüte und um jedes tote Gestein. Meine lieben vier Wände, von seiner Güte wird ein heimlicher Hauch auch um euch noch sein. Sm Zuwetierladen. Eine Erinnerung von Selma Lagerlöf. Jetzt waren wohl die größten Beschwerlichkeiten für dir Reisenden überstanden. Sie brauchten nicht mehr zu fürchten, auf dem schlechten Weg nach Karlstadt umgeworfen oder auf dem Wenernsee seekrank zu werden, sondern waren nun glücklich in Göteborg angekommen. Jetzt war alles Ungemach vergessen, und in dem schönen Sommerwetter waren sie ausgezogen, sich die Stadt anzusehen. Als sie durch die Osthafenstraße wanderten, schritt Leutnant Lagerlöf voraus, den Stock in der Hand, den Hut im Nacken und die Brille auf der Nase. Hinter ihm kam Frau Lagerlöf mit Johann an der Hand, ihr folgte Mamsell Lovisa, die Anna führte, und den Schluß bildete Back- Kajsa mit Selma. Sie trug das Kind auf dem Arm, weil sie es nicht für passend hielt, es auf dem Rücken zu tragen, solange sie in der Stadt waren. Leutnant Lagerlöf trug einen braunen Rock und einen hellen Strohhut. Frau Lagerlöf und Mamsell Lovisa prangten in weißen Panamahüten mit breiten, nickenden Rändern und in großen, echten gewirkten Umschlagtüchern, die, ins Dreieck gelegt, ihre weiten schwarzseidenen Röcke und feinen Samttaillen mit weißem Einsatz sowie die weiten bauschigen Manschetten fast ganz bedeckten. Johann hatte einen Blusenanzug an aus schwarzem Samt und Anna ein steif gestärktes, blau- getupstes Kattunkleidchen sowie Hut und Sonnenschirm und Krinoline. Selma trug das gleiche blaugetupfte, steif gestärkte Kattunkleidchen, hatte aber keinen Hut, sondern einen zu Hause angefertigten weißen Helgoländer auf dem Kopf und weder Sonnenschirm noch Krinoline. Während Leutnant Lagerlöf so dahinschritt, drehte er sich ab und zu um und betrachtete die Reihe Frauenzimmer und Kinder, die hinter ihm herkamen. Er nickte und lachte, und man konnte ihm wohl anmerken, wie er sich freute, sie bei sich zu haben. „Hier ist noch keines von uns je gewesen", sagte er, „nun wollen wir uns aber auch alles ansehen." Sie wanderten also die Straße entlang und betrachteten die Häuser und die Kanäle mit ihren Brückchen, die Wagen und die Spaziergänger, die Schilder und die Gaslaternen, aber am meisten interessierten sie doch die Schaufenster. Leutnant Lagerlöf drängte nicht vorwärts, im Gegenteil, alle miteinander sollten sich nach Herzenslust sattsehen und vergnügen. „Hier kennt uns niemand", sagte er, „guckt nur, solange es euch freut!" In einem Modewarenschaufenster erblickte Mamsell Lovisa einen Hut, der mit weißem Schwanenpelz und zartroten Rosenknospen ausgeputzt war, und da blieb sie mit Anna an der Hand wie gebannt stehen; demgemäß mußten auch Leutnant Lagerlöf und Frau Lagerlöf und Johann und Back-Kajsa mit Selma auf dem Arm vor dem Schwanenpelzhut stehen bleiben. Mamsell Lovisa dachte nicht an die andern, sie stand wie verzaubert da, und Leutnant Lagerlöf freute sich, sie so hingerissen zu sehen. Aber schließlich ging ihm doch die Geduld aus. , Du hast doch wohl nicht die Absicht, dir diesen Hut anzuschaffen, Lovjla?" sagte er. „Weißt du, der paßt besser für eine Siebzehnjährige." „Es kann doch auch einer Alten Freude machen, etwas Schönes zu sehen", versetzte Tante Lovisa, die schon die erste Jugendblüte hinter sich hatte, obwohl sie noch schön und stattlich war. Aber nachdem sie sich von dem Schwanenpelzhut losgerissen hatten, kamen sie an einen Juwelierladen, und nun war es Leutnant Lagerlöf, der stehen blieb. Als er eine Weile die Ringe und Armbänder und die silbernen Löffel und Becher und alles übrige, was ausgelegt war, betrachtet hatte, fing er vor lauter Entzücken leise zu fluchen an. „Hier gehen wir hinein", sagte er. „Aber Gustav", mahnte Frau Lagerlöf, „wir kaufen doch jetzt keine solchen Sachen." Sie legte die Hand auf seinen Arm und wollte ihn zurückhalten; aber er hatte schon eine große Glastür geöffnet und war eben im Begriff, in den Laden einzutreten. Und da blieb den andern auch nichts weiter übrig, als ihm zu folgen, Frau Lagerlöf mit Johann, Mamsell Lovisa mit Anna und Back-Kajsa mit Selma auf dem Arme. Als sie eintraten, stand Leutnant Lagerlöf schon vor dem Ladentisch und sprach mit einem jungen Verkäufer. „Nein, kaufen will ich nichts", sagte er, „aber im Schaufenster liegen so viele schöne Sachen, und da konnte ich der Lust nicht widerstehen, hereinzukommen und zu bitten, auch die andern schönen Sachen, die Sie noch hier haben, sehen zu dürfen." Der junge Mann, mit dem er sprach, sah etwas betreten aus und wußte nicht, was er erwidern sollte. Und Frau Lagerlöf und Mamsell Lovisa hatten beide die Hände auf des Leutnants Schultern gelegt und versuchten, ihn wieder mit sich aus die Straße zu ziehen. Da kam der Besitzer des Ladens selber aus dem Ladenstübchen. Er hatte wohl gehört, daß mehrere Leute in seinen Laden eingetreten waren, und dachte, er könne ein gutes Geschäft machen. Er stellte sich neben den jungen Ladendiener, legte die flachen Hände auf den Tisch und sagte einladend: „Was steht zu Diensten?" Leutnant Lagerlöf erklärte noch einmal, was er wünschte. Er fragte, ob er sich die schönen Sachen ansehen dürfe, die ringsum stünden, obgleich er nicht in der Lage fei, etwas zu kaufen. Der Goldschmied drehte den Kopf ein wenig und sah schräg an dem Leutnant hinauf. „Der Herr ist gewiß ein Wermländer?" fragte er. „Potz Tausend noch einmal, was sollte ich denn sonst fein!" versetzte Leutnant Lagerlöf. „Natürlich bin ich ein Wermländer." Da fingen alle an zu lachen, alle miteinander, die in dem großen Laden standen. Alle Ladendiener und Kontoristen versammelten sich lachend um Leutnant Lagerlöf, und aus einem inneren Zimmer trat eine feingekleidete Dame, die Frau des Goldschmieds, und wollte auch hören, was es Lustiges im Laden gebe. Aber Frau Lagerlöf und Mamsell Lovisa Lagerlöf waren in der größten Verlegenheit, lieber wären sie wieder voll Angst und Beben in der Kutsche gesessen oder hätten sich im Sturm auf dem Wenernsee schaukeln lassen, als hier in dem vornehmen Laden zu stehen. Und so versuchten sie aufs neue, den Leutnant aus dem Laden herauszubringen. „Komm doch, Gustav!" baten sie. „Laß uns doch um Gotteswillen gehen!" „Nein, nein", sagte der Goldschmied in liebenswürdigstem Ton, „bleiben Sie, bleiben Sie! Wir bitten, Ihnen alles zeigen zu dürfen, was wir haben." Er gab dem Ladendiener Befehle, und da wurden Schränke geöffnet und Leitern erklettert, um herauszuholen, was auf den oberen Regalen stand. Bald war der große Ladentisch bedeckt mit Gold- und Silbersachen. Der Goldschmied und seine Frau suchten eifrig aus, was besonders beachtenswert war, zeigten es ihren Besuchern und berichteten dabei, wozu die einzelnen Sachen dienten und wie sie gearbeitet waren. Leutnant Lagerlöf putzte feine Brille mit einem seidenen Taschentuch, um besser sehen zu können. Er bestaunte und bewunderte, nahm schwere silberne Kannen in die Hand und betrachtete ihre Verzierungen. „Siehst du, Lovisa", sagte er, „hier ist es noch viel großartiger als in der Propstei zu Sünne!" Ein andermal hielt er Back-Kajsa eine silberne Schale vor die Augen und rief: „Der Riese im Asberg speist sicherlich nicht auf feinerem Geschirr, Kajsa!" Alle Ladendiener kicherten und lächelten und machten sich über die Fremden luftig. Der Goldschmied und seine Frau waren ebenfalls munter und vergnügt, aber auf andere Weise. Sie waren freundlich, und Leutnant Lagerlöf gefiel ihnen offenbar sehr gut. Es dauerte nicht lange, da wußten sie, wer er war und wer die waren, die er bei sich hatte, und daß er nach Strömstadt wollte, um dort Heilung für fein Kind zu suchen, das ein Hüstleiden hatte und nicht gehen konnte. Als Frau Lagerlöf und Mamsell Lovisa merkten, wie gut alles ablief, beruhigten sie sich und halfen bewundern. Frau Lagerlöf war voll Freude, als sie an silbernen Löffeln dasselbe alte Muster sah, das sie in ihrem Elternhause gehabt hatten, und Mamsell Lovisa war jetzt von einer Zuckerdose ebenso begeistert wie vorhin von dem Schwanenpelzhut. Als sie sich endlich satt gesehen hatten und Abschied nahmen, war es gerade, als schieden sie von alten Freunden. Der Goldschmied und seine Frau und alle Ladendiener begleiteten sie bis auf die Straße hinaus; die Vorübergehenden glaubten sicherlich, hier seien Einkäufe von vielen tausenden Kronen gemacht worden. „Ja, und nun bitte ich Sie noch vielmals um Entschuldigung", sagte Leutnant Lagerlöf, als er die Hand zum Abschied ausstreckte. „Keine Ursache, Herr Leutnant", erwiderte der Goldschmied. „Wir haben Ihnen soviel Mühe gemacht", warf Frau Lagerlöf in entschuldigendem Ton ein. „Sie haben uns eine sehr angenehme Stunde bereitet", sagte der Goldschmied. „Lassen Sie es sich ja nicht gereuen. Man darf doch auch einmal etwas zu feinem Vergnügen tun, wenn man auch im Laden stehen muß." Als Leutnant Lagerlöf nun den Weg durch die Osthafenstraße fortsetzte, saß ihm der Hut noch tiefer im Nacken als gewöhnlich. Er schwang fernen Stock und war sichtlich stolz auf sein Abenteuer. Aber Frau Lagerlöf sagte leise zu Mamsell Lovisa: „Ich kann dir gar nicht sagen, wie bange ich war, denn ich glaubte gewiß, wir würden hinausgeworfen werden." „Ja, ein andrer als Gustav hätte das auch nicht fertig gebracht", erwiderte Mamsell Lovisa. „Aber er ist eben ganz und gar unwiderstehlich." Gräfin dort. Sich Des Des Und Kind zu sehn im Erdbeerschlag. Armen? Brot voll Edelstein. Blinden? Glanz vom jüngsten Tag. was dein Traum, dein eigner Traum, Wenn Nacht um dich die Arme schlägt? Nur Rast auf Gottes Mantelsaum MU allem, was die Erde trägt. Oie Träume. Don Ruth Schaumann. Was wünschst du deinem Kind zum Traum ? Mich selbst als seiner Freude Schoß, Im Bogeltanz den Apfelbaum, Der Bienen Honig, stachellos. Was deinem Feind? Boll Gott sein Herz. Was ihm, der ernst dein Lager teilt? Mein Lieben, groß und unverweilt, Und Garben aus dem Acker Schmerz. Was soll der Traum der Ahne sein? Gräfin! Sie nahm auflachend seinen Arm. Als sie beim Wagen waren, flatterte jemand hinter ihnen-, es war La Stella, die da plötzlich stand in ihrem ein wenig verrutschten Abendkleide. Mein Herr, sagte sie rasch: Sie haben einen Knopf vergessen, ich sah zufällig wo! Der kleine Kadett war recht verlegen. Er nahm den Knopf aus ihrer ausqestreckten Hand. Er wollte sagen: Behalten Sie ihn, so lächerlich es ist, er sollte nichts als eine kleine Erinnerung sein! Aber» er brachte es nicht über die Zunge. Die kleine Seiltänzerin merkte wohl, wie er sich genierte. Ich liebe ihn und er liebt mich! dachte sie: Aber das Wasser und die große Dame, sind zwischen uns. Nein, es war nicht ihr Berus und Ehrgeiz, anderen Ungeiegenheiten zu bereiten, und darum sagte sie freundlich: Auch wollte ich keine Kopfschmerzen bekommen, deswegen. Nach dieser nicht ganz eindeutigen Aeuherung sahen die beiden jungen Leute einander traurig an. Gräfin Z. entschied sich zögernd zu einer Einladung, aber La Stella überhörte es, wandte sich um und eilte in das Dunkel des Gartens zurück. Der kleine Kadett legte den Knopf — für seine Jacke nahm er einen neuen — in eine passende Puderdose, die ihm die Gräfin Z. auf seine Bitte überließ: denn es ist tröstlich eingerichtet, daß der Mensch Erinnerungen, die sich nicht bis zur letzten Ersprießlichkeit lösten, m rundere und einfachere einzuhüllen vermag, wodurch sie dem Herzen erträglicher werden. Verantwortlich: l)r. Hans Thyr^t. - Druck und Berlag: Brühl',che Univerfitäts-Buch. und Steindruckerei. R. Lange, Sieben. £a Stella und der kleine Kadett. Bon Hans Leip. Der kleine Seekadett hatte nur einen Tag Urlaub. Nach Hause konnte er da nicht erst, zumal seine Mutter ins Bad gereist war und sein Vater auswärts zu tun halte. Jedoch eine gute Freundin der tfamtue, die verwitwete Gräfin Z. nahm sich seiner an. Sie war doppelt so alt wie der Junge. Er jedoch fand sie so elegant und hübsch wie die Braut seines Kommandanten. Den Nachmittag fuhren sie in den Vergnügungspark. Sie tranken Schokolade, genossen die Achter-Bahn und kamen sodann an die Wiese, von der schon länger Beifallsklatschen ertönte. Eine Seiltanzergruppe gastierte dort. Soeben klettert- ein zierliches Mädchen d.e Strickleiter zur Plattform hinauf. Es war in weißem Matrosenanzug und man wußte nicht, war es zehn oder zwanzig. Die beiden engen Plattformen, zwischen denen das Sell sich spannt, sind etwa zehn Meter hoch über der Erde auf dünnem Gestänge verankert. Bon der einen nun erhob sich ein glatter Mast um das Dreifache dieser Höhe in den blauen Tag. Die kleine Tänzerin umfaßte den Mast und klomm in ruhigen Zügen bis zur Spitze. Es war eine beträchtliche Strecke und dauerte geraume Weile und aller Augen folgten gespannt der zarten Figur. Die Spitze trug einen platten Knauf und einen seitlich befestigten waagerechten Eisenring von einem Durchmesser, daß em paar zierlicher Schultern und Hüften eben hmdi-rchpaßten. Das Matrosenmädchen setzte sich gewandt auf den äußersten Rand des Ringes. Der Mast, der einst eine stolze Föhre gewesen sein mochte. begann zu schwanken wie ein Schilfrohr. Es schien, ihr nichts auszumachen. Sie legte sich hintüber, hing in den Kniekehlen, pendelte dort so hoch in freier Lust mit abwärts hängendem Oberkörper und schwankenden Armen übermütig hin und her. Dem kleinen Kadetten in der gebannt schweigenden Menge kl^-ste das Herz, obwohl er gelernt hatte, was Schulschiffexerzieren heißt. Dort oben aber war kein Want, kein Tau, kein Fußpferd, daran man sich gegebenensalls halten konnte, und es war ein Mädchen und kein rauher Seemann. Jemand erklärte seiner Nachbarin mit unterdrückter Erregung: / Das ist La Stella! Die Seiltänzerin in ihrer schwindelnden Höhe setzte indes die Kapriolen fort, hing nur mit einem Fuß in einer kurzen Schlaufe, die dort befestigt war, stemmte sich weit ab vom Mast, setzte es m verschiedenen bewundernswerten Stellungen fort, saß alsdann mit einem Aufschwung wieder im Ringe und nahm den Beifall entgegen. Danach stand sie auf einmal mit gespreizten Beinen oben auf dem Reifen, steckte die Hande frech in die Taschen, warf den Kopf in den Nacken und wippte in den Knien, so daß der Mast sein Schwanken verstärkte, als solle er brechen, und es war jedermann in der Tiefe zumute, als müsse ein Unglück geschehen und das tollkühne Geschöpf herabgeschleudert werden von der Wucht da oben. Doch nicht genug. Als der dürftige Untergrund ihrer Füße nun recht im Schwung war, bückte sie sich, erfaßte den Ring mit den Händen, beugte die Arme, stemmte sich langsam auf und vollsührte einen Kopsstand auf dem kreisenden Knauf des Mastes, viele Sekunden lang. Die Menge hielt angstvoll den Atem an Aber unerschüttert ließ die junge Akrobatin ihre Beine in die natürliche Lage zurllcksinken, triumphierend hockte sie auf der höchsten Spitze und verneigte sich, da der Applaus tosend losbrach, in alle vier Winde. Dann glitt sie seelenruhig herab, verneigte sich auf der Plattform nochmals und betrat die Strickleiter, während mit Feuerwerk und Radau schon die nächste Nummer einsetzte. Die schöne Gräfin Z. strich dem kleinen Kadetten über den Rockkragen Sie fühlte, wie mächtig es ihn gefesselt habe. Was war das schon! sagte sie leichthin und spöttisch: Ein Seemann und du machen ^°°Natüickich!^ antwortete er. Aber im Innern glaubte er nicht daran. Mit benommenen Augen verfolgte er die schmächtige, in den Huften ver- räterisch ein wenig zu runde Matrosengestalt, die gelassen davonschritt Schon war sie davon. Der kleine Kadett steuerte ins Restaurant und sand die Er haspelte etwas von Verlieren und Suchen. Er aß und wußte kaum was. Sie wiegte den schönen Kopf und sagte: Wir werden nachher zum Tanzen in eine lustige Diele fuhren. Der kleine Kadett mckte Aus einmal wurde er feuerrot. Er sah La Stella in einem großen Abendkleide in den Saal rauschen. Sie ließ sich nicht weit entfernt nieder, bemerkte ihn aber anscheinend nicht. Es würgte ihn im Schlunde. Er vergaß alle Erziehung, wortlos stürzte er hinaus. Es war schon dunkel im Park. Matte Lampen schaukelten in den Bäumen. Das Orchester hatte eingepackt. Er irrte eine Welle zwischen den Büschen umher. Dunkel ragten die beiden SellgestMige über die Wiese. Ihm kam ein Gedanke. Er stieg behende die Strickleiter hinauf. Unwahrscheinlich hoch verlor sich der Klettermast im grmien Nachthimmel. Pah! Knurrte er: Das mach ich in voller Rüstung. Er klomm empor. Der Mast war feucht und glistchig von Tau Er ließ nicht locker, «em Atem pfiff: schließlich war er oben. Nun auf den Ring!, dachte er waghalsig Ts war unmöglich, seine Schultern waren zu breit. Auf einmal lachte er höhnisch. Er erkannte, daß der Mastknopf oben flach gehöhlt ei. Da also legte sie den Kopf hinein. Aber er fühlte, daß es trotzdem eine ungeheure Leistung sein mußte, und daß er es sicher nie so schneidig würde sertiq bringen können. Ein Schissstop war denn doch noch vernünftiger als diese unberechenbar schaukelnde Gerte. Hatte er es denn überhaupt nötig, sich hier in der einsamen Nacht als Fakir mstzuspielem Merken aber soll sie es doch, daß ich hier oben war! entschloß er sich mit letzter Anstrengung. Er riß einen Knopf von ferner Jacke ab Golden mit einem Anker darauf, das war ein unverkennbares Stuck. Er legte ihn in die Vertiefung des Mastknaufes und rutschte aufseufzend hinab. Es bekam seinen Fingern nicht gut. Dennoch war er sehr erbaut von sich, zog Handschuhe über und nahm wieder Kurs aufs Restaurant Die Gräfin erwartete ihn im Eingänge. La Stella?, fragte sie, es sollte schelmisch klingen: eine Person deren Schnittes folgte Ihnen, als Sie entrosten, mein Kapitän! Das war teils unbehaglich, teils ärgerlich. Man hätte sich vielleicht im Dunkeln besser unterhalten sollen, als seinen Urlaub mit anstrengenden Turnübungen zu vergeuden. Der kleine Seekadett raffte sich schlank zusammen. Unvermittelt wie ein Admiral schnarrte er: Gehen rotr tanzen, und bei den Gartentischen verschwand. Seine Begleiterin faßte ihn sanft am Arm: Komm, wir wollen zu Abend essen! Er ging automatisch mit. Der Wall der Gesichter, den sie durchschritten zuckte im Raketenfall. Als die Gräfin freieren Raum hatte und sich umfah, war der kleine Kadett abseits geraten. Sie wartete eine Weile, dann ging sie ins Restaurant. Den kleinen Kadetten aber hatte es in die Richtung gezogen, wo die Seiltänzerin entschwunden war. Er sah sie dort an einem Tische sitzen, einen Stapel Postkarten vor sich. Gerade erhob fie sich, um umher zu gehen und sie anzubieten. Als sie den kleinen Kadetten sah, der sie anftarrte, sagte sie anerkennend: Ein richtiger Mariner! Wollen Sie eine kaufen? — Der kleine Kadett suchte nach einem Groschen, er wurde rot, er fand ihn nicht gleich. Da sagte sie: Lassen Sie man ich schenk Ihnen eine zum Andenken. Ich wollte schon immer mal wissen, roas ein richtiger Seemann denkt, wenn er mich da oben sieht. 0, antwortete er rasch: Großartig! Ganz große Klasse! Achtunddreißig Meter hoch. Mit dem nötigen Konter, da macht man es, lächelte sie. Sie hatte ein breites dunkles Gesicht, ihre schwarzen Augen blitzten ihn an, ihre Stimme war tief und in den Hebungen leicht bewegt, wie es sich bei Wandertruppen gehört. Sie bog den Arm: Muskeln! sagte sie und sah ihn herausfordernd an: Sie dürfen ruhig mal fühlen, eisern! Der kleine Kadett hätte es gern getan, aber er genierte sich. Er fühlte Blicke Umstehender auf sich gerichtet. Ich wurde die Dame gern zu einer Tasse einlaben, sagte er schon halb abgekehrt: Aber ich bin selber ... Macht nichts! mißverstand ihn La Stella: Dann zahle ich. Ich geh gleich und zieh mich um!