Unterhaltungsbeilage zum Gietzeuer Anzeiger Jahrgang 1956 ~ Montag, den U- Dezember Nummer 9Z Klick aus dem Spielzeugladen Roman für das große und kleine Volk Von Friedrich Schnack Copyright by Insel-Verlag zu Leipzig 2. Fortsetzung. „Wer ist dieser Herr?", erkundigte sich Klick. Der Onkel richtete sich spinnendünn auf, hob einen Finger, und seine Augen schimmerten lustig hinter den grünen Brillengläsern. „Das war der Kapitän Sassafraß." Klick verstand: einen solchen Namen gab es gar nicht. Der Onkel schnitt wieder einmal auf. „Was du sagst!", erwiderte er. „Sassasraß?" „Ja, meinte der Onkel vertraulich, „du mußt nämlich wissen, bei mir heißt er so. Ich taufe alle Leute um. Die meisten Menschen haben falsche Namen, Namen, die nicht zu ihnen passen. In dieser Welt, lieber Klick, bedeutet der Name nicht den Mann. Der Kapitän heißt Kasimir Schneider. Ich habe ihm den Namen Sassafraß gegeben. Aber daß du's nicht ausplauderst! Schneider, was ist das schon für ein Name für einen Kapitän! Für mich und die Fische heißt er: Kapitän Sassafraß." Der Onkel schmetterte den Namen hinaus. Der Affe meinte, es gäbe Krach, und fing sogleich an, mit dem Eßnapf zu trommeln, und die Papageien schickten schneidende Schreie in den Laden. „Ruhe, Ruhe!", begütigte der Tierhändler. „Ich rede!" Da schwiegen die Störenfriede still. Und der Hustenonkel wippte wie ein Seemann auf seinem dünnen Bein. Er sang: „Kapitän Sassafraß, Der am liebsten Haifisch aß!" Was war das nun wieder für eine Räubergeschichte? „Kann man denn Haifische essen?" „Hochfein!", rief der Onkel. „Schmeckt wie Kalbsfilet." „Wann aß der Kapitän Haifisch und wo?" „Dieser nicht", erzählte der Hustenonkel, „ein anderer, den ich auch Sassafraß genannt hatte. Eine Zeitlang begleitete ich den Baron Rothschild, der die größte Jnsektensammlung der Welt zusammengebracht hat, auf seinen Reisen. Damals beschäftigte er sich noch mit der Erforschung der Fische und Seekühe, vor allem der Haifische. Er war in sie verschossen. Auf seiner Jacht .Esmeralda Knillknick' planschten wir im Roten Meer herum, wo er viele Raub- und Haifische fing, die er in einer wissenschaft- kichen Arbeit beschrieb. Ein baumlanger Kapitän, ein Norweger, steuerte das Schiff .Knillknick', ein Kerl mit einem Knebelbart wie unser Kapitän Schneider. Dem gab ich den Namen Sassafraß. Am liebsten briet er Haifischflossen und die Schwanzstücke der gefangenen Bestien. Die größten und ältesten liebte er besonders: sie hätten Tiefseegeschmack. Liebhaberei!" „Und was ist mit dem hiesigen Kapitän los?", forschte Klick. „Er ist jetzt außer Dienst. Seine vor ein paar Jahren verstorbene Frau hatte ein Blumengeschäft in der Prager Straße, Früher kreuzte er in der Ostsee, zwischen Deutschland, Schweden und Rußland. Jetzt pflegt er seinen Garten und seinen Knebelbart. Seine Muschelsammlung solltest du einmal sehen!" Während der Unterhaltung mit dem Hustenonkel hatte Klick seine Mütze völlig vergessen. Jetzt kam sie ihm wieder in den Sinn. „'Es tut nicht weh!", plärrte der Papagei. De- Bogel hatte unrecht: es tat weh,, und Klick schalt sich in seinem Herz'" Dummkopf. r-chn, Onkel!", sagte er unvermittelt und wollte gehen. „Augenblick, bitte!", schnurrte der Papagei. „Ja, einen Augenblick, bitte!", rief der Hustenonkel. „Es ist kalt draußen, wieder mal abscheuliches Wetter in der Webergasse, nimm lieber ein Bonbon, damit du keinen rauhen Hals kriegst." Und er reichte ihm die runde Blechdose hin. Klick nahm ein grünes Bonbon und schob es in den Mund. „Fröhliche Weihnachten, Onkel!", wünschte er. Schwupp, war er fort. „Klick, Klick!", klickerte es aus dem Käfig des roten Papageien. Weihnachten in der Webergasse. Als Klick dem Jungen in die Tierhandlung folgte, ging Ali nach Hause. Es tat ihr leid, daß ihr Freund seine Mütze mit den Losen verloren hatte. An den Losen lag ihr ja nicht viel, er würde doch wieder nicht gewinnen, wie schon bei seinem Kirchenbaulos, aber die Mütze hatte er noch van seiner Mutter, und es war auch seine einzige. Was sollte er nun aufsetzen? Sie beschloß, ihm eine zu stricken. Morgen schon würde sie damit anfangen. Sie wollte ein paar abgelegte Wollstrümpfe der Tante Mittwoch aufleiern und zum Stricken verwenden. Sie kniete vor dem kalten Herdofen nieder, kratzte die Asche aus dem Schürloch, richtete Papier, Holz und Briketts und entzündete das Feuer, wie es die Tante angeordnet hatte. Das Zimmer sollte gut warm sein, wenn jene ausgefroren heimkam. Ali stellte den Kaffeetopf in die oberste Röhre, dann wusch sie Kartoffeln. Dabei fiel ihr ein, daß fein Brot mehr im Kasten lag. Sie nahm vom Eckbrett, wo der vertrocknete Heidekrautstrauß stand, etwas Kleingeld und lief zum Bäcker. An den feisten Gänsebrüsten, Würsten und Feinkostwaren huschte sie vorbei. Davon würde sie nicht ein Stückchen für die Feiertage haben. Auf dem Rückweg verweilte sie einen Augenblick vor der Auslage des Spielzeuggefchäfts. In vollem Lichterglanz lagen die Spielwaren, ruhte die selige Kinderwelt. Wie alles blinkte! Dickflockig zwischen ihr und der Scheibe strich der Schnee, und er funkelte weihnachtlich, mit winzigen Eissternen und mit Sterneneis. Bald würden die Weihnachtsbäume angezündet werden, die schöner waren als der Weihnachtsbaum im Kaufhaus. Ihre Kerzen flackern und duften. Auf gedeckten Tischen sind die Gaben ausgebreitet. Viele Kinderaugen senken sich glücklich über die Christgeschenke. Und Zahllose wieder, empfand sie, haben nichts, nur Sehnsucht und Wünsche. Ali und Tante Mittwoch waren aber schon froh, Brot, Kartoffeln, Kaffee und morgen ein wenig Kuchen zu haben. Wenn nur einmal, wenigstens zu Weihnachten, Tante Mittwoch alle ihre Zeitungen und Blätter bis auf die letzte Nummer mit einem Schlag loswürde! Das wäre eine Freude. Dann konnten einige Markstücke für die Not auf die Seite gelegt werden. Schöner Traum! Die alte Frau fror am Postplatz, und ehe sie einen Stoß Zeitungen verkaufte, mußte sie lange hocken und warten. Und wie wird es mit Ali zu Weihnachten? Wird sie etwas bekommen? Von all den schönen Spielsachen der Frau Trockenhut nichts. Früher hatte ihr manchmal Klick ein zerbrochenes Stück aus dem Laden mitgebracht. War nicht darauf angekommen. Aber heuer waren so gut wie keine Spielsachen beschädigt ober zerbrochen worden. Die Verkäuferinnen muhten sehr achtgeben, Spielsachen sind teuer. Und hatte schon einmal ein Stück Schaden genommen, so wurde es ausgebessert und wieder in den Laden getan. Es konnte noch immer verkauft werden. Der Laden hatte es jetzt nicht mehr so Üppig. Mit Frau Trockenhut sollte es auf der Kippe stehen. Ali weiß, was ihr die Tante schenkt. Schuhe. Sie hat sie nötig. Die alten können nicht noch mehr zusammengeschustert werden. Der Kauf von Schuhen ist eine große Ausgabe. Macht ein Loch in den Geldbeutel. Ja, wenn die Ellern noch lebten! In Polen liegen sie begraben. Tante Mittwoch sorgt für Ali, so gut sie kann. Ali hat für sie ein Paar Pulswärmer ie gestrickt. Nur einen Augenblick will sie die Auslage betrachten. Es kostet nichts, und sie stellt sich vor, es feien ihre Weihnachtsgeschenke. Sie darf aus- fuchen, es ist nicht verboten. Eine blondgelockte Puppe nimmt sie, mit Schlafaugen^ die sind schwarz wie Kirschen. Ein seidenes Kleid trägt sie. In einem fckönen Puppenhaus soll sie wohnen, in einem kleinen Bett schlafen, in einem Spiegel an der tapezierten Wand sich bespiegeln. Ein Puppenherd gehört dazu, Töpfe, reizendes Gefchi-r, ein Tellerbrett, ein Vorratsschränkchen mit Porzellangefäßen und schwarzen Aufschriften. Linsen, liest sie, Erbsen, Zucker, Mehl, Nudeln. Da kann man kochen, die köstlichsten Gerichte. Mehr wählt sie nicht. Es ist genug, es ist sehr viel, mehr als sie je wird erlangen können. Aber jetzt, mit diesem zärtlich verliebten Blick, gehört ihr alles. Ein Spiel nimmt sie noch, ein Spiel zu zweien, damit sie mit Klick eine kleine Abendunterhaltung hat, wenn er zu ihr herüberkommt. Versunken starrte sie auf das schöne Weihnachtsbild. Die Kälte durchdrang ihr dünnes Kleid, fröstelnd spürte sie ihr Armfein. Großäugig und lächelnd sahen die Puppen zu ihr, mit ernstem Gesicht blickte sie zu ihnen, und keines kam zum andern. Zwischen ihnen fror die Scheibe. Das Brot unter den Arm geklemmt und fchneeüberrieselt träumte sie. Kinder drängten sich heran. Erwachsene schauten über sie hinweg in die Auslage. Sie gewahrte es kaum, so dicht eingesponnen war sie in ihr billiges Weihnachtsglück. Dann ging sie. Sie hatte sich des Ofens erinnert, des Kaffeetopfes und der Kartoffeln, die kochen sollten. . Klick kehrte zehn Minuten vor sieben Uhr heim. Nun hieß es, schnell das Bäumchen putzen, ehe der Vater aus dem Geschäft zuruck war Muß was für Vater Herrichten! Altklug, abgeklärt wiegte er den Kopf. Er will fern Weihnachtsbäumchen nun einmal haben, das oute Kind! Väter find so. Die reinsten Jungens. Er hängt so sehr an der Weihnachtsstimmung. O du fröhliche, o du selige ..., trällerte Kllck Aepscl an das Bäumchen, Kugeln, Ketten, Kerzen, Eishaar darauf, lang von oben nach unten, und den Stern auf die Spitze, wie alljährlich. Fertig! nicht schlafen. tFortsetzung folgt.) Der wird natürlich sogleich angeschaltet, nahm er sich vor. Wenn nur erst der Vater mit dem Lied fertig wäre! Endlich schwirrte der letzte Ton ins Zimmer. „Fein hast du wieder gespielt", lobte Klick. „Ist doch ein herrliches Lied." „Wunderbares Lied", jagte der Vater, „ich will es noch einmal spiel..., da"es dir so gut gefällt." Klick sah den Radiokasten. Ja ja", meinte der. „Vielleicht aber am besten nachher, zum Schluß, als Äu'sklang des Abends, ehe wir an die Arbeit gehen ..." Arbeit?", fragte der Vater. . "Ich sehe da, wenn ich mich nicht täusche ..stotterte Klick halb verlegen, „einen Radiokasten ..." ^Alsc>°1nein lieber Junge", begann der Vater, „ich habe dir ein Rundfunkgerät geschenkt, hoffentlich freut es dich." . Endlich konnte Klick den Apparat in Besitz nehmen Dreirohren-Retz° anschluh-Empfänger stellte er mit einem Blick fest. Neueste Form. Wellenskala. Tipptopp! Und der Lautsprecher, wie vornehm! , ,Danke, Vater, ich freu mich. Ich sreu mich unbändig. Gerade das habe ich mir so sehr gewünscht." Glückstrahlend druckte er seinem Vater bU ^?bab ja nicht so Schönes zu bieten", meinte er, an seinem großen Paket herumraschelnd. Als er das verpackte Ding enthüllt hatte, war es ein Vogelbauer, von ihm selbst zusammengefügt, mit Staben, Futternapf, Badehaus undnTur^ rkf ber zzater, freudig überrascht. "Nun kannst du dir den Stieglitz halten!", meinte Klick. „Hab ihn schon beim Hustenonkel in Auftrag gegeben. Nach Weihnachten soll eme frische Sendung kommen. Ich warte darauf. Den alten Stieglitz, den.Laden Hüter wollte ich nicht nehmen. Der neue soll auch «t«« billiger feln.wi- mir Onkel sagte. Die Einkaufspreise wurden gesenkt. Und sein Gesang ist ^Bater Bodenweber sprach sich anerkennend über das Bauwerk aus, die gutgelunqene Arbeit, die glattgerundeten Stäbchen, die genau abgepayten Messingstangen, über alles, woran Klick unbemerkt fast ein halbes Jahr gearbeitet hatte. Nun konnte der Vogel fein Haus beziehen, der Lieblings änj)ie Kerzen waren zur Hälfte niedergebrannt. Da sie noch für Neujahr reichen sollten, löschte der sparsame Vater sie aus. Pfeifenrauch, Fickstrn- nadeigeruch und Wachsdampf hatten sich lieblich müeinander vermischt. Die Belcherung war vorüber, Vater und Sohn zeigten sich frohgelaunt und hochgestimmt. Zu dieser Freude paßte eine kleine Schlußmusik, zuerst das alte'Weihnachtslied: O du fröhliche ... womit der Musikant das Fest eingeleitet hatte und nun auf Wunsch des Zuhörers beendigt^ Er hob die Mundharmonika wieder an die Lippen, und wahrend Klick an seinem Funkgerät schaltete, als wäre es schon in Gang gesetzt, entströmte dem kleinen Instrument die gute Weise. Ihr folgte e.n mehr weltlicher Klang ein Weihnachtsmarfch mit schmetternden Stimmen. Traumhafte Scharen zogen im Marschtritt durch di- Zimmerluft. Und dann spielte der Vater em klein wenig Stieglitz. Er setzte sich an den Tasch, stellte den Kasig var sich hin und strikte den Kopf. Seine Augen schauten durch das Güter nach dem Jungen, der die Drahtrollen aufknupfte und Oesen zum Befestigen spitzte. Er legte die Mundharmonika leicht an die Lippen und versuchte, einen Vogeltriller nachzuahmen. Fast glückte es ihm; nahe am Vogelschlag irrten ein paar Töne hin, frühlingshell, hold erklingend, eme träumerische Lockung, Vogellust mitten in der Weihnachtsnacht Klick hatte keine Zeit, auf das Spiel Hinzuhoren, er war stark beschäftigt. Indes draußen der Schnee fiel, durchstöberten den Bastler allerlei Pläne Wellenfetzen und Radioklänge, künftige Musik. Der Vater aber, ein Vogel im Käfig der Gegenwart, fpielte eine leise Melodie: er hatte keinen Rundfunk nötig, in ihm lebte ber schlagende Stieglitz samt allen seinen Vogelweisen. DasAbenteuermitPong. Klick fand, der Spielzeugladen der Frau Trockenhut sei wie ein Abbild der Außenwelt. Wie di- sich wandelte so wandelte auch er sich Er war ein Gleichnis der Zeit. Zu Weihnachten standen dann die We hnachtssachen im Vordergrund, zu Fasching Larven, Pritschen und Pop^vschlangen, um Ostern Hasen Nester, bunte Eier, Kücken und junge Birkenbaumchen von erschienen hinter der Fensterscheibe Masken, allerlei Chinesenkopse mit langen gemalten Schnurrbärten, ebenso Negerschadel, Jnd.anerlarven und Lachmi'chan-Gesichter. Bald befanden sie sich auch aus der Strafte unb durchzogen lärmend die Webergasse. Pappschäbel rannten aus ber Baren- schenke, Flegel schwangen sich beim Kaufhaus an ber Wilsdruffer Strafte um die Ecke, Hanswurste waren der Kinder Spaß, der Erwachsenen Narr- heit Der Aschermittwoch aber machte rasch Schluß mit ihnen, samt Ihren bunten Luftschlangen fegte er sie aus den Straften in den Mull und das war auch ganz gut, wie hätte sonst Ostern kommen können, die E er- und Auferstehungszeit, da sich di- Birkenbäumchen in den Schaufenstern be- grünten und die künstlichen Blumen ihre Knospen öffneten. Aus dem Schaufenster ber Frau Trockenhut waren bie Larven verschwunden und in die großen Schachteln verpackt worden, die Klick in das Lager hmaus- ^°So'ging es zu. Die Würste aber blieben, der Käse, die Hamburger Mastgänse und all die guten Sachen in der Freftgasse, die ze.tlose und ftCt^ÄPÄ die Würste gut gekauft. Blell-icht auch nicht. Der t mz-Ii d"° wahres 1932 ging es mit jedem Tage schlechter, wie auch dem i Spielrengladen der Frau Trockenhut. Vor Geldsorgen konnte bie Menschheit Klick »fiff unb zwitscherte. Schön sah es aus, bas Vaterbaumchen. Die Uhr schlug sieben. Peng, ber letzt» Schlag! Unten knallten unb rasselten bie Läden. Hatten es eilig, die Leute. Wollten heim. Jeder ranme zum ^"Er'^späht^durch^das Fenster in das Schneetreiben. Drüben bei MIi schimmerte Licht, Weihnachtslicht, wenn auch bloß ein schwaches Fünkchen. Kick hatte etwas für sie. Ein zufriedener Ausdruck uberftuftfjte fein Gesicht. i 2>ort auf der Kommode steht eine kleine Schachtel, eine Bauernpuppe ist darin. Von Frau Trockenhut hat er sie erbeten. Morgen wird er die kleine Schachtel feiner Freundin übergeben. Er riß die Schranktür auf, raschelte mi)Rapier. Son. unten, Hangen Schritte herauf. Der Vater war auf der Stiege. Rasch bas Geschenk für ^"Dan^'ve^grub"er^i^Händ°e^in ben Taschen unb Meisterte harmlosen Gemüts im Zimmer umher. Im Ofen brobelte bas Feuer, Hitze strahlte. Wärme umkroch weich die Möbel. „Guten Abend, Vater!" Kurze',^männttche Worte. Die Stimme des Vaters Hang müde. fierr Bodenweber wirft einen Blick auf den geputzten Baum. Die Kerzen brennen noch nicht. Nach dem Esten erst werden sie angezunde. Klick klappert mittlerweile mit den Tellern. Schnell ist der „Tisch gedeckt. „Einen Weihnachtskarpfen haben wir leider nicht, Vater , meinte der 3",Mas mache ich mir viel aus Karpfen!", fagte ber Vater, sich nieder- f-tz'-nd. „Schmecken mir zu moorig." . Ja, was machst du dir aus Karpfen, da du Bratheringe fo gern ißt! , sagte Klick. „Bratheringe aus unserer Freßgasse ..." „Ueberbies sind unsere Fischteiche zugesroren, Klick. Laß ihnen den ^'"Jch^lasse ihnen die Ruhe. Die tauen auch nie aus, nicht mal im Sommer Aber dafür haben wir Bratheringe aus der Ostsee, wo der S"PiS,®Ä"6««n"™S“fr«gi; d-, V-,--. d,n 31,fd Mund- tuchs in die Weste stopfend. Klick trug das Essen auf, er war Mutter und Wirtschafterin zugleich. „Sassafraft ist ein Bekannter vom Hustenonkel. Heißt aber eigentlich Schneider. Wurde ihm heute vorgestellt, als ich einen Augenblick tm Tier- l0t>C,n2)as"ift wohl der Lange?", besann sich der Vater, ber viele Leute kannte. . „Mit einem Knebelbart", sagte Klick. . „Seine verstorbene Frau hatte, wie ich mich erinnere, bas Blumengeschäft in der ..." . „... Prager Straße", fuhr Klick fort. „Richtig!", bestätigte ber Vater. Die Kartoffeln in ber Schale bampften, Kumme! hing an ihnen. „Den Rapünzchensalat habe ich in ber Markthalle aufgetrieben. Seltenheit bei bem Schnee." , , . Er stellte bem Vater eine Flasche Bier und ein Glas hin. Schweigend aßen sie In der Webergasse verebbten die Geräusche. Ein Laden nach dem andern war geschlossen worden, man hörte noch Türschlagen, Rumpeln und Rollen. Bald war es ruhig, nur ber Schnee zischte vor ben Fenster- sie mit bem Essen fertig waren, wünschte Klick: „Gesegnete Mahlzeit, Vater!" , ... _, , Mahlzeit Klick", erroiberte ber Vater und langte nach seiner Stummel« pfeife- fast wie ein Detektiv sah er aus, als sie ihm zwischen ben Zahnen stak Sann er einer Liebesgeschichte nach, hatte es irgendwo Mord und Totschlag gegeben? Klick lächelte. Könnte er nicht die verlorene Mutze 'räumte den Tisch ab und trug das Geschirr in bie Küche. Was soll ich ihn mit bieser bummen Geschichte belästigen! Verloren Er^zog"bie'gute Tischdecke über die Platte und stellte sein Paket daraus. „Laß mal, Vater!" meinte er, bem Raucher freunblich auf bic Schulter klopfend. Denk nicht ans Geschäft, heut ist Weihnachten. Laß bas bis nach d-n 'Mcrtagen. Cs wird ja doch nicht bester, wenn du auch grübelst. yvr >” --- -lotete einen Blick aus der Versunkenheit auf feinen Sohn. $er„€x*i"n ' sagte Herr Bodenweber, sich erhebend. „Geh einen Augenblick hinaus!" ... So roar es an jedem 9Beibnad)t5abenb. 9lad) bem (Sffcn vermanbelte sich der Vater in einen Weihnachtsmann, in den Christengel mit der Tabakspfeife. Er entbrannte die Kerzen des Bäumchens und legte die Geichenke aus. Diesmal war es nicht viel, wenn auch nicht gerade etwas Billiges Einen kleinen Radiokasten mit einem Lautsprecher hatte er seinem Jungen gekauft — auf einer Versteigerung. Drähte, Kontakte, Schrauben, alles war da, nur der Anschluß muftte noch hergestellt werden. Die Lichter brannten. Herr Bodenweber klingelte mit einer Glasglocke. So läuten Weihnachtsgeister. Klick trat ein, behutsam schloß er bie Tur unb kam sacht erwartungsvoll näher, als wolle er den Weihnachtsengel, ber eben noch im Zimmer geschwebt, nickt burch lautes Benehmen nachträglich erschrecken. So verbreitete er um sich feierlich Stimmung, unb ber Vater war sehr erhoben. Er hatte bie Detektivpfeife in die Aschenschale gelegt und seine kleine Mundharmonika von der Kommode genommen. Nun setzte er sie an die Lippen und ließ die Metallzungen spielen. O du fröhliche, o du selige Knabenbringende Weihnachtszeit ... orgelte bie Mundharmonika, das Maurerklavier, wie sie Klick nannte. Schön, voll und feierlich klang es, wie alles, was mit dem Weihnachtsfest eingeftimmt war. Von Wohllaut umtönt, stand der Vater, geschlossenen Auges, ganz hingegeben der Musik und ber schlichten Freube. Klick aber äugte mit langen unb großen Blicken nach bem Rundfunkkasten. ihre freudige Erregung. Mit ernstem Gesicht gab ihr der König einen Wink und sie beherrschte sich. Die Stunde war gekommen: es soll nun im großen und mit wirklichen Türmen, mit wirklichen Trommeln und Menschen „Barbarenüberfall" gespielt werden, um zu sehen, wie alles sich bewähre. Der König gab das Zeichen, der erste chofbeamte übergab den Befehl dem Hauptmann der Reiterei, der Hauptmann ritt vor den ersten Wachtturm und gab Befehl, die Trommel zu rühren. Gewaltig dröhnte der tiefe Trommelton, feierlich und tief beklemmend rührte der Klang an jedes Ohr. Bau Sie war vor Erregung bleich geworden und fing zu zittern an. Gewaltig fang die große Kriegstrommel ihren rauhen Erdbebengesang, einen Gesang voll Mahnung und Drohung, voll von Zukünftigem, von Krieg und Not, von Angst und Untergang. Alle hörten ihn mit Ehrfurcht. Nun begann er zu verklingen, da hörte man vom nächsten Turm die Antwort, fern und schwach und rasch absterbend, und dann hörte man nichts mehr, und nach einer kleinen Weile nahm das seierliche Schweigen ein Ende; man sprach wieder, man ging auf und ab und begann sich zu unterhalten. Unterdessen lies der tiefe drohende Trommelklang vom zweiten zum dritten und zehnten und dreißigsten Turm, und wo er hörbar wurde, muhte nach strengem Befehl jeder Soldat alsbald bewaffnet und mit gefülltem Brotbeutel am Treffpunkt antreten, mußte jeder Hauptmann und Oberst, ohne einen Augenblick zu verlieren, den Abmarsch rüsten und aufs äußerste beschleunigen, mußte gewisse vorbestimmte Befehle ins Innere des Landes senden. Ueberall, wo der Trommelklang gehört worden war, wurde Arbeit und Mahlzeit, Spiel und Schlaf unterbrochen wurde gepackt, wurde gesattelt, gesammelt, marschiert und geritten. In kürzester Frist waren aus allen Nachbarbezirken eilige Truppen unterwegs zur "n^ongyinmltten des Hofes, hatte die Ergriffenheit und Spannung, weiche beim Ertönen der furchtbaren Trommel sich jedes Gemütes de- mäcktigt hatte, bald wieder nachgelassen. Angeregt und plaudernd bewegte man sich in den Gärten der Residenz, die ganze Stadt hatte Feiertag, und als nach weniger n's drei Stunden schon von zwei Seiten her kleine und größere Kavalk'd-n sich näherten, und dann von Stunde zu Stunde neue eintrafen, was den oan'sn Tag und die beiden folgenden Tage andauerte, ergriff den König, dis Beamten und Offiziere eine immer mehr wachsende Begeisterung. Der König wurde mit Ehrungen und Gratulationen überhäuft, die Baumeister bekamen ein Gastmahl, und der Trommler vom Turm Eins, der den ersten Trommelschlaq getan hatte, wurde vom Bolk bekränzt, in den Straßen herumgeführt und von jedermann besthenkt. Völlig hingerissen und wie berauscht aber war jene Fraukes Königs, Bau Si Herrlicher als sie es sich je hatte vorzustellen vermoasn. war ihr I Türmchen- und Glöckchenspiel Wirklichkeit geworden. Magisch war der Befehl gehüllt in die weite Tonwelle des Trommelklanges, m das leere Land hinein entschwunden; und lebendig, lebensgroß, ungeheuer kam feine Wirkung aus den Fernen zurückgeströmt, aus dem herzbeklemmenden Geheul jener Trommel war ein Heer geworden, ein Heer von wohl- bewaffneten Hunderten und Tausenden, die in stetigem Strom, in stetiger eiliger Bewegung vom Horizont her geritten und marschiert kamen: Bogenschüßen, leichte und schwere Reiter. Lanzenträger erfüllten mit zunehmen, dem Getümmel allmählich allen Raum rund um die Stadt herum wo sie empfangen und an ihre Standorte gewiesen, wo sie begrüßt und bewirtet wurden, wo sie sich lagerten, Zelte aufschlugen und Feuer entzündeten. Tag und Nacht dauerte es an, wie ein Märchenlvuk kamen ste aus dem grauen Erdboden heraus, fern, winzig, in Staubwölkchen gehüllt, um zuletzt hier, dicht vor den Augen des Hofes und der entzückten Bau Si, in über- wältigender Wirklichkeit aufgereiht zu stehen. König Pu war sehr zufrieden, und besonders zufrieden war er mit dem Entzücken seiner Lieblingsfrau; sie strahlte vor Glück wie eine Blume, und war ihm noch niemals so schön erschienen. . .. . Feste haben keine Dauer. Auch dies große Fest verklang und wich dem Alltag" keine Wunder geschahen mehr, keine Märchenträume wurden erfüllt. Müßigen und launischen Menschen scheint dies unerträglich Bau Si verlor einige Wochen nach dem Feste alle ihre gute Laune wieder. Das kleine Spiel mit den tönenden Türmchen und den an Bindfaden gezogenen Glöcklein war fad geworden, seit sie das große Spiel gekostet hatte. O wie berauschend war das gewesen! Und da lag nun alles bereit, das beseligende Sviel zu wiederholen: da standen die Türme und hingen die Trommeln, da zogen die Soldaten auf Wache und saßen die Trommler in ihren Uniformen, alles wartend, alles auf den großen Befehl gespannt, und alles tot und unnütz, solange der Befehl nicht kam! Bau Si verlor ihr Lachen, sie verlor ihre strahlende Saune; mißmutig iah der König sich feiner liebsten Gespielin, feines Abendtrostes beraubt. Er mußte feine Geschenke aufs höchste steigern, um nur ein Lächeln bei ihr erreichen zu können. Es wäre nun der Augenblick für thn qefficfen, die Lage zu erkennen und die kleine, süße Zärtlichkeit seiner Vslicht zu opfern Yu aber war schwach. Daß Bau Si wieder lache, schien ihm mirsTer(ag e^ihre"^ Versuchung, langsam und unter Widerstand, aber er erlag Bau Si brachte ihn so weit, daß er seiner Pflicht vergaß. Tausendmal wiederholten Bitten erliegend, erfüllte er ihr den einzigen großen Wunsch ihres Herzens: er willigte ein, der Grenzwache das Signal zu neben als fei der Feind in Sicht. u , ^ Alsbald erklang die tiefe, erregende Stimme der Kriegstrommel. Furchtbar schien ste diesmal dem König zu tönen, und auch Bau Si erschrak bei dem Klang. Dann aber wiederholte sich das ganze entzückende Spiel: es tauchten am Rande der Welt die kleinen Staubwolken auf, es tarnen die Truppen geritten unh marschiert, drei Tage lang, es verneigten sich die Feldherren, es sckluaen die Soldaten ihre Zette auf Bau Si mar ettq, ihr Lachen strahlte. König Vu aber hatte schwere Stunden Er mußcke bekennen, daß kein Feind ihn überfallen habe daß alles ruhig sei. Er suchte zwar den falschen Alarm zu rechtfertigen, indem er ihn als eme heilsame Uebuna erklärte. Es wurde ihm nirfit widersprochen man verbeugte 1 sich und nahm es hin. Aber es sprach sich unter den Offizieren herum. König Uis Untergang. Erzählung von Hermann H e f f e. Nicht häufig find in der alten chinesischen Geschichte die Beispiele von Regemen und Staatsmännern, welche ihren Untergang dadurch sanden, daß sie unter den Einfluß eines Weibes und einer Verliebtheit gerieten. Eines dieser seltenen Beispiele, ein sehr merkwürdiges, ist das des Königs Au von Dschou und seiner Frau Bau Si. Das Land Dschou stieß im Westen an die Lander der mongolischen Barbaren, und seine Residenz Fong lag mitten in einem unsicheren Gebiet, das öfters den Ueberfällen und Raubzügen jener Barbarenstamme ausgesetzt war. Darum mußte darauf gedacht werden, den Grenzschutz möglichst zu verstärken und namentlich die Residenz besser zu schützen. Von König Pu nun, der kein schlechter Staatsmann war und auf gute Ratgeber zu hören wußte, berichten uns die Geschichtsbücher, daß er es verstand, durch sinnreiche Einrichtungen die Nachteile seiner Grenzen auszugleichen, daß aber alle diese sinnreichen und bewundernswerten Einrichtungen durch die Launen einer hübschen Frau wieder zunichte gemacht Der König richtete nämlich mit Hilfe feiner Lehensfürsten an der Westgrenze einen Grenzschutz ein, und dieser Grenzschutz hatte gleich allen politischen Gebilden eine doppelte Gestalt: eine moralische nämlich und eine mechanische. Die moralische Grundlage des Uebereinkommens war der Schwur und die Zuverlässigkeit der Fürsten und ihrer Beamten, deren jeder sich verpflichtete, sofort aus den ersten Notruf hin mit seinen Soldaten der Residenz und dem König zu Hilfe zu eilen. Die Mechanik aber, deren der König sich bediente, bestand in einem wohlausgedachien System von Türmen die er an seiner Mestgrenze bauen ließ. Auf jedem dieser Türme sollte Tag und Nacht Machidien'' getan werden, und die Türme waren mit sehr starken Tromm-'" nusaeriiftet. Geschah nun an irgendeiner Stelle der Grenze ein sei-''st'-"- Umbruch, so schlug der nächste Turm seine Trommel, und von Tm-m ”.t Turm flog das Trommelzeichen in kürzester Zeit durch das ganze Land. ,, „ Lange Zeit war König Pu mit dieser klugen und verdienstvollen Einrichtung beschäftigt, hatte Unterredungen mit seinen Fürsten, hörte die Berichte der Baumeister, ordnete das Cinexerzieren des Wachtdienstes an. Nun hatte er aber eine Lieblingsfrau namens Bau Si, eine schöne Frau, die es verstand, sich mehr Einfluß aus Herz und Sinn des Königs zu verschaffen, als für einen Herrscher und sein Reich gut ist. Bau Si verfolgte gleich ihrem Herrn die Arbeiten an der Grenze mit großer Neugierde und Teilnahme, so wie zuweilen ein lebhaftes und kluges Mädchen den Spielen der Knaben mit Bewunderung und Eifer zusieht. Einer der Baumeister hatte ihr, um die Sache recht anschaulich zu machen, von dem Grenzschutz ein zierliches Modell aus Ton verfertigt, bemalt und gebrannt: ba war die Grenze dargestellt und das System von Türmen, und in jedem der kleinen zierlichen Tontürme stand ein unendlich kleiner tönerner Wachter, und statt der Trommel war ein kleinwinziges Glöckchen eingehängt. Dieses hübsche Spielzeug machte der Königsfrau unendliches Vergnügen, und wenn sie zuweilen schlechter Laune war, so schlugen ihre Dienerinnen ihr meistens vor, „Barbarenüberfall" zu spielen. Dann stellten sie alle die Türmchen auf, zogen an den Zwergglöckchen und wurden dabei sehr vergnügt und ausgelassen. Es war ein großer Tag in des Königs Leben, als endlich die Bauten fertig, die Trommeln aufgestellt und ihre Bediener eingedrillt waren, und als nun nach vorheriger Verabredung an einem glückbringenden Kalendertag der neue Grenzschutz auf die Probe gestellt wurde. Der König, stolz auf feine Taten, war voll Spannung: die Hofbeamten standen mm Glückwünschen bereit, am meisten von allen aber war die schöne Bau Si in Erwartung und Aufregung, und konnte es kaum erwarten, bis alle vorbereitenden Zeremonien und Anrufungen vollendet waren. Endlich war es so weit, und es sollte zum erstenmal im großen und wirklichen jenes Turm- und Trommelspiel gespielt werden, das der Konigs- frau schon so oft Vergnügen bereitet hatte. Kaum konnte sie sich zuruck- halten, selbst in das Spiel einzugreifen und Befehle zu geben, so groß war Glimmen im Advent. Von H.dwig Forstreuter. Die Schritte der Einsamkeit gehen ums Haus, Man kann sie zur Nachtzeit hören. Durch Tannensausen und Windgebraus Immer im Schnee die Schritte ums Haus Und Stimmen von fernen Chören. Wer rastlos war und sehr leise schlief, Darf wieder den Schlummer lernen Und hört es mit Freude, wie jemand rief Mit sanfter Stimme, dringend und tief, O Stimme üb-- >--- ~'ernen. D Stunde des Wariens, so fern aller Qual Verstummt vor dem ewigen Lauschen, Der Wind auf den Höhen, das Klingen im Tal, Du weißt es im Herzen, dies war schon einmal Und es tarn wie mit Flügelrauschen. Sie kommt unabweisbar, so bittend und klar, So sicher durch alle Fernen Und ruft um die dunkelste Zeit im Jahr, Weil dunkel immer das Heilige war. Die Stimme über den Sternen. man sei auf Hnen treulosen Stretch des Königs hereingefallen, nur feiner Buhlfreu zuliebe habe er die ganze Grenze alarmiert und sie alle in Bewegung gesetzt, alle die Tausende. Und die meisten der Offiziere wurden unter sich einig, einem solchen Befehl künftig nicht mehr zu folgen. Inzwischen gab der König sich Mühe, den verstimmten Truppen durch reiche Bewirtung die Laune zu heilen. So hatte Bau Si ihr Ziel erreicht. Noch ehe sie aber von neuem in Launen verfallen und das gewissenlose Spiel abermals erneuern konnte, traf ihn und sie die Strafe. Die Barbaren im Westen, vielleicht zufällig, vielleicht auch weil eine Kunde von jener Geschichte zu ihnen gedrungen war, kamen eines Tages plötzlich in großen Schwärmen über die Grenze geritten. Unverzüglich gaben die Türme ihre Zeichen, dringlich mahnte der tiefe Trommelklang und lief bis zur fernsten Grenze. Aber das vortreffliche Spielzeug, dessen Mechanik so sehr zu bewundern war, schien jetzt zerbrochen zu sein — wohl tönten die Trommeln, nichts aber tönte diesmal in den Herzen der Soldaten und Offiziere des Landes. Sie folgten der Trommel nicht, und vergebens spähte der König mit Bau Si nach allen Seiten; nirgends erhoben sich Staubwolken, nirgends kamen die kleinen grauen Züge gekrochen, niemand kam ihnen zu Hilfe. Mit den wenigen Truppen, welche gerade vorhanden waren, eilte der König den Barbaren entgegen. Aber diese waren in großer Zahl. Sie schlugen die Truppen, sie nahmen die Residenz Fong ein, sie zerstörten den Palast, zerstörten die Türme. König Pu verlor sein Reich und sein Leben, und nicht anders erging es seiner Lieblingsfrau Bau Si, von deren verderblichem Lachen noch heute die Geschichtsbücher erzählen. Fong wurde zerstört, das Spiel war ernst geworden. Es gab kein Trommelspiel mehr und keinen König Pu und keine lachende Frau Bau Si. Pus Nachfolger, König Ping, fand keinen anderen Ausweg, als daß er Fong aufgab und die Residenz weit nach Osten verlegte. Er mußte die künftige Sicherheit seiner Herrschaft durch Bündnisse mit Nachbarfürsten und durch Abtretung großer Landstrecken an diese erkaufen. Dorfz rkus. Von Sophie von Uhde. Nachmittags waren zwei Wagen durchs Dorf gezogen, die hatten großes Aufsehen erregt: grün gestrichen, weiße Mullvorhänge an den Fenstern und einen kleinen Kamin oben, aus dem es rauchte — die reinsten Wochenendvillen! Aber was das Schönste war: aus einem der kleinen Fenster hatten engumschlungen zwei Aefschen herausgeschaut, und nun war bei den Kindern kein Halten mehr. Die Mütter bekamen böse Stunden — am besten, man ließ sie laufen, die Rangen! Sie taten es ohnedies, bald stand auf dem Anger die ganze Jugend versammelt und umringte die Wagen, von einem herkulisch großen Mann mit dicken, schwarzen Locken zuweilen in etwas respektvollere Entfernung getrieben, wenn sie die Nasen gar zu weit in die Türen steckten. Mein Gott, was gab’s da auch zu sehen! Zunächst einmal einen Haufen Kinder, deren schmutzige Fäustchen und tropfende Nasen sich eigentlich in nichts von denen ihrer Bewunderer draußen unterschieden, die aber vom Zauberlicht der Zirkusromantik umwoben, doch etwas recht besonderes erhielten; sicher war eines von ihnen der dumme August! Eine üppige Frau in Küchenschürze und Filzpantoffeln, nicht viel anders wie die Mütter zu Hause, nur vielleicht ein bißchen bunter und mehr mit Schmuck behangen, stand an einem kleinen Herd und rührte fleißig in einem Topf, es war weiter nichts Besonderes an ihr, aber die Dorfjugend wisperte und stieß sich an und starrte auf die brave Kartoffelsuppe, als kochten alle Wunder der Welt in dem Tiegel. Zuweilen unternahmen die eng- umschlungenen Aeffchen einen gemeinsamen Vorstoß gegen den Herd, um in etwas größere Nähe der Suppe zu gelangen, bekamen aber einen kleinen Klaps mit dem Kochlöffel und zogen sich wieder zurück; dann brandete der Jubel der Kinder so wild um den Wagen, daß der Schwarzgelockte es an der Zeit fand, zu erscheinen. Doch inzwischen hatte sich bei dem zweiten Wagen allerhand Großartiges ereignet. Ein Reiter in goldschimmerndem Gewand hatte sich auf ein prunkvoll gezäumtes Roß geschwungen und verkündete unter Fanfarenstößen, daß heute abend Zirkusvorstellung im Dorfe sei: Donna Isabella mit ihrem Schulpferd Scheich, reitende Äffen, dressierte Schakale, Glanznummern am Trapez — nun, es war allerhand! Diese glanzvolle reiterliche Erscheinung steigerte den Jubel der Kinder zur Ekstase; auch die Bauern legten Mistgabel und Melkeimer beiseite und betrachteten staunend das Wunder, und auch unsere, von langer dörflicher Stille genügsam gewordenen Gemüter waren bereit, sich der allgemeinen Hochstimmung anzuschließen. Allerdings, wenn man näher hinsah, dann war das Turnierroß ein einäugiger Pony mit Hahnentritt, das schimmernde Geschirr war Karton mit Reißzwecken daraus, der kühne Reiter war ein recht unrasierter Jüngling, sein Prachtgewand war Bettbarchent, und die Fanfare war eine Trompete mit drei Tönen, von denen einer bestimmt falsch war. Aber wer sah denn hin, Illusion ist alles! Wir beschlossen, alle Mann hoch in die Vorstellung zu gehen. Als die Sterne über der Dorfstraße standen, ging der Zauber los. Eine helle Bogenlampe erhellte den nächtlichen Platz, Bretter aus Kisten und Fässer a-legt, bildeten Parkett und Logen, ein Trapez kündete vom gefährlichen Zauber der Seiltänzerwelt, und Grünwagen-Romantik schlug alles in Bann, was da erwartungsvoll ringsum aufgereiht faß: dörfliche Liebespaare, Kinder, Bauern und die „Städtischen" aus den Villen. Kinder, Kinder, es ging los! Ein Drehklavier begann heiser und fröhlich die Schlager vergangener Jahre zu spielen; an einem der Wagen- senster enterte ein Säugling hoch mit einem Schnuller im Munde, wahrscheinlich war es ein ganz alltäglicher Säugling, aber im Lichte der Erwartung bekam er etwas durchaus Bemerkenswertes; man stieß sich an und machte sich auf ihn aufmerksam. Zwei kleine Bübchen in langen, weißen Hosen kletterten aus dem Wagen, stopften die Hände in die Taschen und gähnten aus Herzensgrund — ach und seht, da kam ja auch der dumme August, prall und rund, mit Pumphosen und einer spitzen Mütze, weiß angestrichen im Gesicht und wirklich nur drei Käse hoch, ein famoser dummer August, vom Alltag hatte er nur das rinnende Näschen behalten, aber was tut das schon! Ein paar gelbliche Tiere strichen zwischen den Wagen umher, die öffentliche Meinung ging dahin, daß dies die Schakale seien; wild, mager und struppig verkörperten sie Wüstenzauber. Eigentlich hatten sie ja etwas von der beliebten Zufallsmischung Schlachtköter-Dorf- spitz, aber man muß nicht immer opponieren, seien dies denn Schakale! Und nun kamen unsere Freunde, die zwei Aeffchen, und wurden links und rechts vom Trapez auf zwei Stühle gesetzt. Der eine trug eine Hose aus Kord, der andere einen recht schlampigen Rock aus Wollkattun, sie schauten mit kleinen, ältlichen Menschengesichtern in die Runde und nahmen aus den etwas ängstlich hingestreckten Fingern der Kinder Zucker und Brot. Aber nun auf die Plätz, das Publikum, bitte, die Vorstellung begann! Das einäugige Pony mit dem Hahnentritt, zirkusmähig überzäumt, wurde von dem Schwarzgelockten in die Manege geführt; das 2tef" " en mit der Kordhose sprang aus seinen Rücken, und die wilde Jagd ging los, immer Galopp im Kreise. Der Schwarzlockige stand in der Mitte und knallte mit feiner langen Peitsche, das Aeffchen klammerte sich verzweifelt an, die Kordhose kam ins Rutschen, aber es konnte keine Hand riskieren, sie festzuhalten, es ging ums Leben, und überdies hatte es noch ein Stückchen Brot in der kleinen schwarzen Faust. Also sahr hin, Kordhose. Die Kinder schrien vor Glück, ja, das war ein Erfolg, hatte man jemals fo einen Zirkus gesehen! Mit dem letzten Ton des Drehklaviers stand das Pony wie angewurzelt, der kleine Reiter zog fein verunglücktes Beinkleid hoch und begab sich in großen Sprüngen auf feinen Stuhl zurück, denn die Schakale traten an. Sie büßten bei ihren Vorführungen etwas Wüftenzauber ein, denn sie machten Männchen, wedelten dazu mit den Schwänzen und bellten laut, womit aber nichts gesagt sein soll, auch Schakale bellen. Dazwischen trieb der winzige dumme August sein Wesen und führte zwischen allerhand Späßen und Kunststücken einen erbitterten Kleinkrieg mit seiner Nase, die ihr Tropfen nicht einstellen wollte, was sich mit dem höheren Wesen der Kunst nicht recht vereinbaren ließ. Die gähnenden Bübchen in den langen Hosen schlugen Purzelbäume, gute, echte Jungenpurzelbäume, da war nichts dran auszusetzen, das Publikum rings auf den Bänken begutachtete sie mit Sachverständnis. Man wußte gar nicht, wohin man zuerst schauen sollte, so lebhaft ging es zu in der Manege, die Schakale entwickelten viel Temperament, der August wurde andauernd von ihnen überrannt, es war kein schlechtes Hallo! Dazwischen turnte still und ernsthaft das Aeffchen mit dem schlampigen Rock auf dem Seil, es trat sich andauernd auf den Saum, verlor das Gleichgewicht und fiel zwischen die Schakale, der Schwarzlockige, der diese Nummer befehligte, hob es mit raschem Griff wieder auf das Seil und gab ihm fein Voltigierftäbchen wieder in die Hände, worauf es ernsthaft weiter turnte; man hatte den Eindruck, es zähle dabei. Wir klatschten ihm begeistert Beifall, aber es kehrte sich gar nicht daran, es war ganz Pflichtgefühl; dafür verbeugte der Schwarzlockige sich geschmeichelt, und die Schakale wedelten noch einmal so fröhlich. Das Bedauern war allgemein, als diese Nummer zu Ende ging, aber es ging gleich weiter, Donna Isabella kam! Bei Gott, es war unsere Freundin vom Vormittag, die mit der Kartoffelsuppe! Aber nun hatte sie die nüchternen Belange der täglichen Notdurft weit von sich geschoben: in Samt und Seide, ein Federbarett auf dem Haupt, schaukelte sie kokett auf dem Rücken ihres Schulpferdes Scheich in die Manege. Das Publikum hielt den Atem an. Nun, um der Wahrheit die Ehre zu geben: Man hatte von den Begriffen Schulyferd sowohl wie Scheich andere Vorstellungen gehegt. Dieses brave, alte Karrenpferdchen, das da mit Flitterwerk behangen unter Isabellas wogender Fülle einen steifen, kleinen Trab riskierte, hatte weder mit dem stolzen Adel eines Wüstenfürsten noch mit den bewährten Traditionen der hannoverschen Reitschule das geringste zu tun, und auch Isabella war nicht eben, was man eine Reitererscheinung nennt. Aber als das Pferdchen scharrend um Zucker bat, während Isabella, Kußhändchen werfend, um den geistigen Zucker der Anerkennung buhlte, da war der Beifall doch recht beachtlich, und die Kinder rutschten vor Begeisterung beinahe von den Bänken, während die jungen Bauernburschen allerhand anzügliche Beifallskundgebungen in bezug auf Isabellas weibliche Reize laut werden liehen. Aber das Aufregendste des ganzen Abends kam erst: Donna Isabella am Trapez! Hatte man schon so etwas gesehen? Hand in Hand erschien sie nrl dem Fanfarenjüngling, beide in knappem Trikot; sie klatschten in die Hönde, riefen sich etwas Aufmunterndes zu und schwangen sich ins Trapcn Das arme Trapez, es krachte in allen Fugen, als Donna Isabella ihr gewichtiges Achterschiff auf die Schaukel bugsierte. Der Fanfarenjüngling warf schiefe Blicke nach den Verstrebungen. Äber es hielt, und alles ging gut; sie flogen unterm grellen Licht der Bogenlampe auf und nieder, der bunte Flitter auf ihren Trikots blitzte, sie stießen wilde Rufe aus, ehe sie in gestrecktem Sprung die fliegende Schaukel faßten — mein Gott, was war es aufregend! Auf den emporgewandten Gesichtern lag atemlose Spannung — ja, dies war wahrhaftig der Höhepunkt, aber leider auch der Schluß! Wir klatschten wie wild, sie mußten alle noch einmal kommen und sich verneigen, auch die Aeffchen, es war wirklich ein großer Erfolg! Die Bogenlampe erlosch über allseitiger Zufriedenheit. Eine Weile schaute noch alles zu, wie im Wohnwagen Kaffee gekocht wurde; die Bübchen entledigten sich ihrer weißen Hosen, die beunruhigend schicke Turnerin erholte sich in Küchenschürze und Pantoffeln, die guten Tiere bekamen ihr Abendbrot, die biedere Welt der Kartoffelsuppe triumphierte wieder über Flitterglanz, Gefahr und Verführung. Aber sie hatte uns dennoch gestreift, die Welt jenseits des Gartenzaunes, die Welt der Abenteuer, und die jungen Bauernburschen setzten auf dem Heimweg ihre Hüte ein gut Stück schiefer auf den Kopf, als da sie gekommen waren. Berantwörtlich: Dt flenS Thhriot. — Druck und Berlag: Drühl'Iche UniversitätS-Duch- und Steindruckerei, A. Lange, Gießen.