Nummer 62 Ort Zrettag, den H. August Jahrgang 1956 ietzenekZamilieMäller Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger ___ „Darüber wollen wir zu Hause sprechen!" antwortete der Diktator mit einem grimmigen Lachen. Und er schob den jungen Mann die Straße hinauf vor sich her in der Richtung nach dem Hause mit den grünen Läden. __ Francis versuchte allerdings nicht mehr, durch Gewalt etwas zu er reichen, aber er wartete lieber auf eine Gelegenheit, durch einen kühnen Schritt wieder zur Freiheit zu gelangen. Mit einem plötzlichen Ruck ließ er den Kragen seines Rockes in den Händen des alten Vaiideleur und lief wieder, so schnell er nur konnte, in der Richtung auf die Boule- ^^Das Blättlein hatte sich jetzt gewandt. Wenn auch der Diktator stärker war, so war dafür Francis, der in der Blute seiner Jugend stand, bd weitem der schnellere, und bald hatte er seinen Bersolger weit hunter sich gelassen und war im Menschengewühl verschwunden Für den Augenblick fühlte er sich befreit, aber ein Gefühl der Unruhe und der Verwunderung wurde stärker in ihm; so ging er mit schnellen Schritten, bis er auf den von elektrischen Lampen taghell beleuchteten Opernplatz kam. Jetzt würde Fräulein Vandeleur ,a wohl mit mir zufrieden sein, dachte er Er gingsnach rechts hinunter die Boulevards entlang, trat in das Cafä Arnäricain ein und bestellte ein Glas Bier. Die Stunde war für die meisten Besucher dieses Kaffeehauses entweder zu spät oder zu früh. Daher saßen nur zwei oder drei Herren und keine einzige Dame an verschiedenen Tischen des Saales; Francis war jedoch zu sehr mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt, um ihre Anwesenheit überhaupt zu bemerken. Er zog das Tüchlein aus seiner Tasche hervor. Der eingewickelte Gegenstand erwies sich als ein Lederkästchen mit goldenen Zieraten und Schließen. Ein Druck auf eine Feder öffnete es, und den Blicken des enl- | setzten jungen Mannes zeigte sich ein Diamant von ungeheuerlicher Große UnÖ!Da69eTbiejen1 Gbdftdn in der Hand hielt, war so unerklärlich, und der Wert des Steines war offenbar so riesig, daß Francis keine Bewegung machen und keinen Gedanken fassen konnte, sondern immer nur auf den Diamanten starrte, wie wenn er plötzlich den Verstand verloren Affine fianb leqte sich leicht, aber fest auf seine Schulter, und eine ruhige Stimme, aus der jedoch die Gewohnheit d°s Befehlens klang, flüsterte '^„Schließen Sie das Kästchen und halten Sie Ihr Gesicht in der Gewalt. erblickte einen noch jungen Mann von höflichem und ruhigem Wesen und in einfacher, aber kostbarer Kleidung Diese Person war von einem der Nachbartische aufgestanden, hatte sein Glas mitgebracht SÄK Z-d. "n Ä>?° Md,., in M. ... £■- Ä'mÄ’Ä«'o » *.« worauf er einen tiefen Zug aus feiner Zigarre t . mer 6ie «nl)( und"w7s da" bedecke?? Ich 9weih wirklich selber nicht, weshalbg> SMSSM-W ich daran: Sie müssen mir erst,erzählen, wie der Diamant des Radschahs ,n Hainan/^des^Rad schahl" wiederholte Francis. "Ick mürbTan Ihrer Stelle nicht so laut sprechen. Aber soviel ist ''' aemifc- Sie haben den Diamanten des Radschahs IN Ihrer Tasche. M habe ihn in Sir Thomas Vandeleurs Sammlung Dutzende von Mein « S--»-i-, "Ihr Baker?" wiederholte der Fremde. „Es war mir nicht bekannt, i daß'der General Nachkommenschaft hätte." „ ->r- „Jch hin ein illegitimer Sohn, mein Herr , antwortete Francis e rÖt Cer andere machte eine würdevolle Verbeugung. Es war eine refpetb 1 volle Verbeugung, wie wenn jemand seinesgleichen stillschweigend u Dec Diamant öesRaöschah IDon Robert Louis Stevenson topyrfgfft by Verlag Albert Langen / Georg Müller, München 7. Fortsetzung. „Ich verspreche es Ihnen!" antwortete Francis. Sie steckte einen Gegenstand, der lose in ein Taschentuch gewickelt gar, dem jungen Mann in die Hand; gleichzeitig stieß sie ihn mit gro- ierer Kraft, als er ihr zugetraut hatte, in die Straße hinaus und rief: „Jetzt laufen Siel" Er hörte, wie die Tür hinter ihm geschloffen und wie die Riegel ilirrend wieder vorgeschoben wurden. ,,,,,, , , Auf mein Wort!" rief er noch einmal; „ich hab s ja versprochen! Und er rannte, so schnell er konnte, die schmale Gasse hinunter, die in Ifie Rue Ravignan einmündet. * Francis Scrymgeour war noch nicht fünfzig Schritte von dem Hause Mit den grünen Läden entfernt, da drang plötzlich ein Schrei durch die Stille des Abends an fein Ohr, wie wenn die Holle losgelassen wäre. >Unwillkürlich blieb er stehen; ein anderer Vorübergehender folgte seinem Veispiel; in den nächsten Häusern sah er Menschen an die Fenster eilen; eine Feuersbrunst hätte keine größere Aufregung in diesem einsamen Stadtviertel Hervorrufen können. Und doch war es allem Anschein nach weiter nichts, als daß ein einzelner Mensch in Schmerz und Wut brüllte, wie eine Lowm der ihre Jungen geraubt worden sind, und Francis hörte voll Ueberraschung und Unruhe, wie sein eigener Name unter englischen Fluchen in die Adend- iuft hinausgeschrien wurde. .. ,, Sein erster Gedanke war, nach dem Hause nut den grünen Fenster- Ilüden umzukehren; dann aber fiel ihm Fräulein Vandeleurs Rat ein und er setzte seine Flucht in noch größerer Eile fort. Plötzlich schoß der Diktator, barhäuptig, laut schreiend, mit wehenden weißen Locken, wie •ine Kanonenkugel an ihm vorüber und rannte die Straße hinunter. Da bin ich gerade noch um Haaresbreite davongekommen, dachte Francis bei sich selber. Was er von mir will, und warum er so aufgeregt ist, das kann ich mir nicht vorstellen; aber offenbar ist in diestm Augenblick nicht gut Kirschen mit ihm zu essen, und ich kann nichts besseres tun, als Fräulein Vandeleurs Ratschlag zu befolgen. Mit diesen Worten kehrte er wieder um, in der Absicht dann die Rue Sepie selber hinunterzugehen, während sein Verfolger m der Nebenstraße weiterlaufen würde. Dies war ein unglücklicher Gedanke. Das einzig richtige wäre gewesen, sich in das nächste Kaffeehaus zu setzen und dort zu warten, bis die erste Hitze der Verfolgung vorüber gewesen wäre Aber Francis hatte keine Erfahrung und nur geringe natürliche Anlagen für den Kleinkrieg des Menschenlebens; außerdem aber war er sich in keiner Weise bewußt, irgend etwas Boses getan ZU haben, und deshalb glaubte er nicht, daß er schlimmeres zu befurchten hatte als eine unangenehme Auseinandersetzung Und solche unangenehme Auseinandersetzungen hatte er an diesem Abend schon zur Genüge kennengelernt. Er konnte auch nicht annehmen, daß Fräulein Vandeleur irgend etwas ungesagt gelassen hätte. Der junge Mann hatte Schmerzen an Leck und Seele __ sein Leib war voll van Beulen und Schrammen, und seine ■Seele war van vielen scharfen Pfeilen durchbohrt worden; denn er nnußte sich gestehen, daß der alte Vandeleur eine sehr böse Zunge hatte. Die Schmerzen seiner Glieder erinnerten ihn daran, daß er nicht nur feinen Hut im Zimmer gelassen hatte, sondern daß auch seine Kleider lei dem Sprung durch die Zweige des Kastanienbaumes gelitten hatten. In dem ersten Laden, auf den er traf, kaufte er einen billigen weichen Filzhut und ließ die Hauptschäden an seiner Kleidung fluchtig aus- bessern. Das Andenken, das Fräulein Vandeleur ihm gegeben hatte, steckte er in die Hosentasche, ohne es aus dem Taschentuch herauszu- Er"war nur wenige Schritte von dem Kleiderladen entfernt, da verspürte er plötzlich einen Stoß. Eine Hand packte seine Kehle ein wwtges Gesicht befand sich dicht vor seinen Augen, und em offener Mund brüllte Flüche in sein Ohr. Der Diktator war Die ankere Straße zurück gelaufen, als er von seiner Beute kerne Spur gefunden batte- granas war ein kräftiger junger Mann, aber mit seinem Gegner komste er es weder an Kraft noch an Geschicklichkeit --ufnehmen; und nachdem er einen Augenblick vergeblich Widerstand zu leisten versucht hatte raab er sich vollständig dem Stärkeren und sagte: „Was wollen. Sie von mir?" breiten?" (Schluß folgt.) Oer erste Marathonlauf. Von Pros. vr. Emil Waldmann, Direktor der Bremer Kunsthalle. Ein großer Irrtum. Wir glauben immer, im Spätsommer des Jahres 490 vor Christus, als in der Schlacht bei Marathon die Auseinandersetzung Mischen Europa und Asien einstweilen zugunsten des Abendlandes entschieden wurde, wären alle Griechen wie ein Mann ausgestanden gegen den Erbfeind. Die Hellenen, die ja kaum ein Volk, ge chweige denn eme Nation waren, dachten gar nicht an derart weltgelchichtl.che Gesichtspunkte Was sich verteidigte, war der Stadtstaat Athen. Zehntausend Mann hatte Miltiades auf die Beine gebracht. Plataa, sehr mit» betroffen, schickte tausend Mann, damit nicht wieder geschähe, was vor zwei Menschenaltern unter dem Vorderasiaten Peisistratos geschehen war: Fremde Herrschaft auf der Akropolis und über Attika. Aber Sparta und Korinth, das reiche Sykion und alle die Leute, die sonst nicht griechisch sprachen, kümmerten sich nicht. Was Terxes da oorhatte, war eine rein athenische Angelegenheit. Das Schlachtfeld von Marathon. Das Schlachtfeld von Marathon ist eines der schönsten auf der Welt. Nicht nur schön im historisch-romantischen oder malerischen Sinne, wie der heutige etwas vergessens große deutsche Maler Rottmann es so pathetisch gemalt, mit dem Gewitter, das über die Ebene fegt, mit dem Blitz im dunkelblauen Aether und dem unvergeßlichen bäumenden Schimmel und seinem flatternden roten Tuch. Sondern schon wegen der Klarheit. „ „ , . , „ Wenn man aus den» zwölf Meter hohen Grabhügel der gefallenen Athener steht, kann man das Ganze übersehen. Nichts ist überbaut, Oleander und Agaven wuchern dort, und wenn man sich nach allen Seiten umsieht, weih man, wie es gewesen ist. Die Bucht von Marathon mit dem Vorgebirge Kynosura, gegenüber der immer sichtbaren Sudspitze der Insel Euböa, hat keine zehn Kilometer Küstenlänge. Dann beginnen schon die Vorberge des Pentelikongebirges, und das ist schon Attika und beinahe schon Athen. Marathon selbst aber, schon eingebettet in Hügelschluchten, liegt keine fünf Kilometer von jenem Strand entfernt, an dem die Perser mit ihrer Flotte, südlich um Euböa herumfahrend, gelandet waren und ihre Heerhausen aufstellten. Sie wollten südlich auf derselben Straße, die einst Peisistratos marschiert war, durchstoßen nach Athen. Die geglückte Ueberrumpelung der Barbaren. Daß sie erwartet wurden, wußten sie; aber nicht wo. Auf den Rat des H i p p i a s hatte Miltiades, einer der zehn kommandierenden Generäle, feine Schwerbewaffneten in zwei Hügelschluchten versteckt. „Sie müssen mir diesen späten Besuch verzeihen, Herr Vandeleur", antwortete der Prinz. . s „Eure Hoheit sind stets willkommen , sagte Vandeleur, indem er bei- ^Der^Prinz schritt durch die offene Tür, ging, ohne auf den alten Herrn zu warten, stracks in das Haus und trat in den Salon ein. Zwei Menschen saßen in diesem; Fräulein Vandeleur trug an ihren Augen die Spuren, daß sie gemeint hatte und wurde von Zeit zu Zeit durch ein neues Schluchzen erschüttert; in dem andern erkannte der Prinz den jungen Mann, der ihn vor etwa einem Monat im Rauchzimmer eines Klubs nach literarischen Angelegenheiten gefragt hatte. „Guten Abend, Fräulein Vandeleur", sagte Florizel; „Sie sehen angegriffen aus. Herr Rolles, glaube ich? Ich hoffe, Sie haben sich das Studium Gaboriaus zunutze gemacht, Herr Rolles." Aber der junge Geistliche war zu niedergeschlagen, um sprechen zu können; er begnügte sich damit, eine steife Verbeugung zu machen und nagte an feiner Unterlippe. „Welchem guten Winde", sagte John Vandeleur, der fernem (Saft gefolgt war, „darf ich die Ehre der Anwesenheit Eurer Hoheit zu- chreiben?" Ich komme wegen eines Geschäftes", erwiderte der Prinz; „wegen eines Geschäftes mit Ihnen; sobald dieses abgemacht ist, werde ichi Herrn Rolles ersuchen, mich auf einem Spaziergänge zu begleiten. Herr Rolles , etjte er in strengem Ton hinzu, „gestatten Sie nur, Sie daraus ausmerk- am zu machen, daß ich mich noch nicht gesetzt habe." Der junge Geistliche sprang mit einer Entschuldigung auf. Dann setzte der Prinz sich in einen Lehnstuhl, reichte feinen Hut Herrn Vandeleur, feinen Spazierstock Herrn Rolles, ließ die beiden vor ihm stehen, wie wenn sie seine Bedienten wären, und sagte: „Ich bin, wie gesagt, wegen eines Geschäftes gekommen; aber wenn ich nur zu meinem Vergnügen gekommen wäre, so hätte dieser Empfang und die Gesellschaft, die ich hier treffe, mir nicht mehr mißfallen können. Sie Herr Rolles, haben sich gegen einen Mann, der höheren Standes ist als Sie unhöflich benommen; Sie, Vandeleur, empfangen mich mit einem Lächeln' aber Sie wissen sehr wohl, daß Ihre Hände noch nicht rem sind. Ich wünsche nicht unterbrochen zu werden, Herr! nes er gebieterisch; „ich bin hier, um zu sprechen, nicht um zu hören; und ,ch muß Sie ersuchen, mich mit Ehrfurcht anzuhören und pünktlich zu gehorchen Sobald es irgend möglich ist, wird auf der britischen Botschaft Ihre Tochter mit meinem Freunde Francis Scrymgeour, dem anerkannten Sohn Ihres Bruders, vermählt werden. Sie werden mir den Gefallen tun, eine Mitgift von mindestens zehntausend Pfund auszusetzen. Ihnen selber werde ich schriftlich einen Auftrag für Siam zustellen; er ist nicht ohne Bedeutung und ich verlasse mich dabei auf Ihre Umsicht. Und jetzt, Herr Vandeleur, werden Sie mir in zwei Worten antworten, ob Sie diese Bedingungen annehmen oder nicht." , „ Eure Hoheit werden verzeihen", sagte der alte Vandeleur; „wollen Sie"mir gestatten, in aller Ehrerbietung, Ihnen zwei Fragen zu unter- Vergebung bäte; und Francis suhlte sich erleichtert und getröstet — warum das wußte er selber nicht. Die Gesellschaft dieses Herrn tat ihm wohl; er hatte das Gefühl, festen Boden zu berühren; em starkes Gefühl von Ehrfurcht stieg in ihm auf, und unwillkürlich nahm er einen Filzhut ab, wie wenn er sich in Gegenwart eines Vorgesetzten befände. „Wie ich bemerke", sagte der Fremde, „ist es bet Ihren Abenteuern nicht immer ganz friedlich hergegangen. Ihr Rockkragen ist zerrissen, Ihr Gesicht verkratzt, Sie haben eine Schramme an der Schlafe. Vielleicht werden Sie meine Neugier verzeihen, wenn ich Sie bitte, mir zu erklären wie Sie zu diesen Verletzungen kamen, und wie es sich gefugt hat, daß Sie gestohlenes Gut von ungeheurem Werte in Ihrer Tasche haben." „Ich muß Ihnen widersprechen!" antwortete Francis aufgeregt. „Ich besitze kein gestohlenes Gut. Und wenn Ihre Worte sich auf den Diamanten beziehen — dieser wurde mir vor noch nicht einer Stunde von Fräulein Vandeleur in der Rue de Lepic gegeben." . „Von Fräulein Vandeleur in der Rue de Lepic! Jhre^ Worte interessieren mich mehr als Sie glauben. Bitte fahren Sie fort." „Himmel!" rief Francis. Sein Gedächtnis hatte einen plötzlichen Sprung gemacht. Er hatte gesehen, wie der alte Vandeleur seinem ohnmächtigen Gast einen Gegenstand von der Brust wegnahm; und dieser Gegenstand — davon war er fest überzeugt — war ein Lederkästchen gewesen. „Ihnen geht ein Licht auf?" fragte der Fremde. „Hören Sie! Ich weiß nicht, wer Sie sind; aber ich glaube, Sie verdienen mein Vertrauen und können mir helfen. Ich befinde mich in einer merkwürdigen Lage. Ich weiß nicht, was ich tun soll: ich habe Rat und Hilfe nötig, und da Sie mich auffordern, so will ich Ihnen alles erzählen." Und er berichtete in aller Kürze seine sämtlichen Erlebnisse von dem Augenblick an, als der Sachwalter ihn zu sich bestellt hatte. „Da haben Sie allerdings eine merkwürdige Geschichte erlebt", sagte der Fremde, als der junge Mann mit seiner Erzählung fertig war, „und Ihre Lage ist schwierig und gefahrvoll. Mancher würde Ihnen wohl raten, Ihren Vater aufzusuchen und diesem den Diamanten zu geben; aber ich bin anderer Meinung." Er schwieg einen Augenblick und rief bann: „Kellner!" Der Kellner trat heran, und der Fremde sagte: „Wollen Sie den Geschäftsführer bitten, mal einen Augenblick mit mir zu sprechen." Wieder bemerkte Francis an feinem Ton und Gehaben, daß er offenbar gewöhnt war, zu befehlen. - Der Kellner entfernte sich und kam gleich darauf mit dem Geschäftsführer wieder, der eine ehrfurchtsvolle Verbeugung machte und dienstbeflissen sagte: „Womit kann ich Ihnen dienen?" „Haben Sie die Güte", antwortete der Fremde, indem er auf Francis zeigte, „diesem Herrn meinen Namen zu sagen." „Sie haben die Ehre, mein Herr", sagte der Geschäftsführer zum jungen Scrymgeour, „an demselben Tische mit Seiner Hoheit, dem Prinzen Florizel von Bohemia zu sitzen. Francis sprang bestürzt auf und machte dem Prinzen eine tiefe Verbeugung. Florizel bat ihn, sich wieder zu setzen und sagte dann zum Geschäfts- führer: , „Ich danke Ihnen. Es tut mir leib, Sie wegen einer solchen Kleinigkeit bemüht zu haben." Unb er entließ ihn mit einer Handbewegung. Sodann wandte der Prinz sich zu Francis und sagte: „Unb jetzt geben Sie mir den Diamanten!" Ohne ein Wort zu sagen, reichte der junge Bankbeamte ihm das Kästchen. „Sie haben recht getan", sagte Florizel. „Ihr Gefühl hat Ihnen den rechten Weg gezeigt. Und Sie werden für die unangenehmen Ereignisse dieser Nacht noch einmal dankbar sein. Ein Mensch kann in tausend Verlegenheiten geraten, Herr Scrymgeour; aber wenn sein Herz auftichtig und seine Vernunft klar ist, bann wird er sie alle ohne Schande bestehen. Seien Sie ohne Sorge; ich habe jetzt Ihre Sache in die Hand genommen unb bin mit des Himmels Hilfe stark genug, sie zu einem guten Ende zu führen. Begleiten Sie mich bitte zu meinem Wagen." Mit diesen Worten stand der Prinz auf und legte ein Goldstück für den Kellner auf den Tisch. Dann führte er den jungen Mann aus dem Kaffeehause und den Boulevard entlang bis an eine Stelle, wo ein einfacher Wagen mit zwei Dienern ohne Livree auf ihn wartete. „Dieser Wagen", sagte der Prinz, „steht zu Ihrer Verfügung; besorgen Sie so schnell wie möglich Ihr Gepäck; meine Diener werden Sie nach einer Villa in der Nähe von Paris fahren, wo Sie einigermaßen behaglich verweilen können, bis ich Zeit gehabt habe, Ihre Angelegenheiten zu ordnen. Sie werden dort einen hübschen Garten finden, eine Bibliothek mit guten Büchern, einen Koch, einen Weinkeller und etliche gute Zigarren, die ich Ihrer Beachtung empfehle. Jerome", sagte er zu einem der Bedienten, „du hast gehört, was ich sagte, ich lasse Herrn Scrymgeour in deiner Obhut; ich weiß, du wirst dich meines Freundes sorgsam annehmen." Francis stotterte einige abgebrochene Danksagungen. „Mir zu danken, wird es früh genug sein", sagte der Prinz, „wenn Sie von Ihrem Vater anerkannt und mit Fräulein Vandeleur verheiratet sind." Mit diesen Worten drehte der Prinz sich um unb ging gemächlich nach dem Montmartre hinauf. Er rief die erste vorbeifahrende Droschke an, gab dem Kutscher eine Adresse an, und klopfte eine Viertelstunde später, nachdem er kurz vorher schon den Wagen weggeschickt hatte, an John Vandeleurs Gartenpforte. Es wurde mit besonders umständlichen Vorsichtsmaßregeln von dem Diktator selber geöffnet. „Wer sind Sie?" fragte der alte Herr. ßin junger Läufer spricht. Von Adolf Petrenz, gefallen im Weltkrieg 1915 Nichts als Sonne, Bahn und Band und Wille und die straff gespannte Lauerkraft, bis das Zeichen blitzt aus heißer Stille und die Glieder löst aus starrer Haft. Alle Leiber fangen an zu leben, alle Seelen sangen an zu schweben, und die Arme greifen in den Sieg. Zu uns singen tausend Nachtigallen, tausend Jubelstimmen rings umschallen unsres Lebens ersten heiligen Krieg. Ach, wer nie des Kampfes Wonne spürte, niemals mit der Brust das Band durchstieß, schweige still von dem, was uns verführte, was uns packte und uns nicht mehr lieh. Nur wem je der Sieg mit Wunderflammen wie ein Glutstrom durch die Adern schoß, der nur soll uns richten und verdammen, wer des Kämpsens heiliges Glück genoß. . Feierabend — Abendseier. Von Dorothea Hofer-Dernburg. Schubert, der zaubervolle, läßt in der Tragödie der Müllerlieder seinen verliebten Burschen singen: Und da sitz ich in der großen Runde in der kühlen, stillen Feierstunde und der Meister spricht zu allen Euer Werk hat mir gefallen, und das liebe Mädchen sagt allen eine Gute Nacht. hinein rauscht die Melodie des Mühlbachs und des Abends, und wir sehen den Meister sitzen, weise und em Patriarch m Kreis der Gesellen, im zufriedenen Baß die Semen loben. Wir ^metfen be Rauch seiner Pfeife, atmen den Frieden der Natur, sehen fte ba, fjoren sie, hockend an der Böschung des kühlen Erlenbachs und behaglich schwatzen „in der großen, kühlen Feierstunde ... em IBtlb noni ßnbtmg Richter, schwer von innerster Beschaulichkeit uni) von Behagen, und nur das junge Blut klopft ungeduldig laut und rasch und kann den Rbnthmus des Tages und der Arbeit so schnell nicht vergessen ... „Hütt ich tausend Arme zu rühren, könnt ich brausend die Rader fuhren, daü die schöne Müllerin merkte meinen treuen Smn ... Denn für die Verliebten ist jeder Tag der kürzeste und keine Arbeit schwer genug, tick iu beweisen, als ein Held und ein ergebener Knecht zugleich. '^Und so könnte man auch sagen von dem Glücklichen der verliebt ist in einen Gedanken, in eine Hoffnung, m «me Aufgabe, ob er nun aus den Müllerliedern und ihrer holden Romantik stammt, aus dem Album Ludwigs Richters, oder aus dem heutigsten Heute. Nur wer den Rhythmus eines arbeitsreichen Tages hinüber nimmt m die stille Melodie des Abends, der wird von ihm getragen zu immer neuen ufern. Feierabend. Ein feierliches, abendliches Wort. Dem einen klingt's von altersher nach Glockenläuten, klingt nach aefalteten Bauernhänden, die ruhen im Schoß, nach stiller Sammlung unter Haustüren, die im Schatten der Dorstinden hegen. Dem andern — sehr weit entfernt von jenem — nach dem erlösten Schrei der Fabriksirene, dem ausgerissenen Tor der Städte, dem anfeuernden Ruf der Plakate vor Kino und Theater. Dem Dritten n ad) der i'^enStille eines Zuhause, nach Kinderstimmen und Weihnachtsbastelei, heimttch hinter verschlossenen Riegeln. Nach einer Sonate, nach Freude auf Seite so und soviel in einem Buch, bas tagsüber im Schrank stand wartete. Dem Vierten und Fünften, die sie Tags an der Drehbank standen, nach frohem Geschrei der Kameraden, nach Kamps und Marschmelodie, nach rstcher Dusche in der Kabine des Tum- und Sportvereins, nach fester Faust und hohem Sprung, nach Rekord und dem ganzen anpackenden Leben der jüngsten Jugend. — Und wieder einer, ein junger Stubent acht her legt (ein Feiertagsgewand an, bürstet brav den Hut, schließt die Bude ab und wandert zur Liebsten, holt sie ab, um mit ihr oben hoch auf dem Olymp diesen selben unvergeßlichen, unvergänglichen Schubert zu hören, aufgerissenen Herzens Hand in Hand und der Puls der Freundin klopft die Melodie ihres eigenen heben Namens, und sie sind still und romantisch und weltvergessen und verachten ein wenig den Kinomann und sparen für Tristan und Isolde am Mittagessen wochen- hinaus ins Zeltlager in die Landschaft, auf die Flusse und atmen und kommen heim mit den Sternen, u^d wenn es Winter ist dann gehen diese selben Leute in die Hochschulen und Abendkurse und lernen Sprachen ober lassen sich die Schätze alter Meister erklären, die ohne sie tot und verstaubt in Museen vegetierten und ichasfen sich alles Wißen, zu dem die Hast und Last des Tages nicht Zeit laßt. Und roteber und mieber andere sitzen im Kreis der Freunde, reden von Gott, Gemüt und Welt und oom lieben Nächsten und lasten die RZhtik nicht zu kurz kommen und nerbeffern die Wettgeschichte. Und der Herr Generaldir ktor der gewichtige, geht in den Klub und kommt geschwellt von Wichtigkeit um das Dovpette heim, und das Schalmeienorchester "artet aus diese und der Theaterverein auf jenen der Kameradschaftsabend auf den Die Plattier, tausend Mann, In einer Hügelfalte Im Nordwesten, bei I Marathon. „Macht mir den rechten Flügel stark , dachte er und verbarg die Hauptmacht seiner Athener in der Schlucht von Wrana, die 150 Meter von ihrem Ausgang immer noch einen Kilometer breit tft 2c1 war Platz. Man sieht von dem Grabhügel heute noch in diese Boden- ’C Zwn Tage lang zögerten die Asiaten in ihren Schiffen, ihnen war unheimlich zu Mute, sie sahen nichts und hörten nichts, und Ueberlaufer kamen auch nicht. So wagten sie es endlich, und die Athener warteten ab bis alle die Asiaten ausgeschifft waren. Dann brachen sie, schnell formiert, so breit wie die persische Front, vor, der plataische Flügel dicht gedrängt, der rechte athenische Flügel sehr dick und massiert, aber bie Mitte ganz schwach, nur ein paar ©lieber tief. Die mußte und sollte vor der mächtigen Stoßkraft des persischen Zentrums auswe.chen und 192 Athener, ^außer den Sklaven, liehen ihr Leben in tapferem Kampf. Dann, als die Perser durch waren, griff die Zange der beiden Flügel zu, Athener und Platäer schlugen nieder, was, aus plötzlichem Mangel an Gegnern, an den Strand zurücksluchtete H e r o b o t gibt bu Zahl ber toten Barbaren mit 6400 Mann an; sie konnten aus bem groben Sumpf nicht roieber heraus unb würben teils hier, teils auf der Flucht zu den Schiffen, elend zusammengehauen. . Nun drängten die Hellenen nach bis ins Wasser. 3rvei Generale sanden den Tod, Kallimacfjos und Stesilaos, unb bem Bru- ber des Dichters Aeschylos, Kyneigiros mit Namen, wurde^ als er ein Schiff beim Bug ergriff, bie rechte Hand mit einem Enterbest abgehackt und bann, als er mit ben Zähnen anpackte, ber Kopf. Sieben Schiffe erbeuteten die Athener und Platäer in diesem Handgemenge, aus den anderen suchten die Barbaren, Perser, Meder und Saker entsetzt das Weite. . „ „D i e m e d i s ch e T r a ch t. . Sie hatten sich das Ganze zu einfach vorgestellt. Erst war da niemand, dann brach es aus den Schluchten hervor wie em Ungerad er unb bie mebifdje Tracht", in ber das Vordertreffen der Barbaren focht, nutzte auch nichts. Sonst nämlich faßte die Feinde der Asiaten, wenn sie die medische Tracht sahen, Krieger, bunt bemalt wie die Indianer oder die Papuas, gräßlich schreiend, die bleiche Angst und sie kehrten lieber gleich wieder um. Hier zum ersten Male in der medischen Krieg-geschichte so wird eigens berichtet, verfing der Trick nicht. Diese Schwerbewaffneten, die da oorftürmten, ungedeckt etwa durch Kavallerie oder durch Bogenschützen, kümmerten sich nicht um die große Kriegsbemalung dieser Horden. Dichtung und Wahrheit. Ob aber die 11 000 Mann, wie H e r o d o t, der ja erst vierzig Jahre später schrieb und sich bei manchen Dingen aus das Hörensagen verletzen mußte, berichtet, tatsächlich dies ganze Schlachtseld, immerhin eine Strecke von mindestens anderthalb Kilometer im Laufschritt durchmaßen, bleibt j>tl fragen. Wohl gab es den Hoptttenlauf in Olympia, Wettlaus m Der Bahn, nackt mit Helm unb Beinschienen, Speer unb schwerem Runbschstd. Gute Läufer waren sie alle, und wenn nach Waterloo der etzerne Herzog, der von W e l l i n g t o n , von seinen Soldaten sagte die Sportplätze von Eton und Cambridge hätten ben Sieg bei Belle-Alliance erst möglich gemacht, so kann man von Marathon sagen, bah es ^^ O^wP'a und die anderen Wettspiele wohl nicht gegangen roare. Aber 192/- Meter nackt in der Bahn ist doch immer noch etwas anderes a.s anderthalb Kilometer | schwer gerüstet laufen, fechten und kämpfen. Es wird wohl so gewesen sein daß bie Hellenen anfangs in Geschwindschritt anmarschierten unb dann als bas Hanbgemenge nahte, in Laufschritt übergingen. Herobot ist ein rounberbarer Erzähler. Er konnte noch beides. Erfundenes so vortragen, als wäre es wahr, und Zugleich। und im se ben Atem Wahres so lebendig erzählen, als roare es von ber Phantasie eines Dichters erfunden. Da ist, in feinem Bericht, ein Blinder, Vornehmer aus der Stadt Athen. Der erzählte nach der Schlacht von einer Erscheinung, bie er während des Kampfes gehabt hätte: Em Greis mit ^nem verdeckten Auge bärtig, habe plötzlich vor den Feinden gestanden Mit einem Stab unt? bedeutet: „Bis hierher und nicht weiter . Hai Herobot am Ende auch einmal etwas von Odin gehört unb hineinverwoben m seine Historie von ber Schlacht bei Marathon? Mochten bie Zettgenossen selber auch dnmctto nicht willen um was es ging unb denken, es handle sich „nur um Athen _ der Generation ber Söhne war bie Weltbedeutung des Geschehens gewiß klar. .. Der Läufer. llnh vielleicht ist doch auch damals schon, wenn auch Herobot hiervon noch nichts sagt, die" Geschichte vom Säufer von Marathon er}Wie einer der Kämpfer, als der Sieg errungen tft s°l"aust nach Süden da wo P e i f i ft r a t o s marschiert war, durch die Walder und über die Felder die schmale Straße, bügelauf, hugelab, burch all die Dörfer und all die Flecken, und nichts halt ihn auf und ferner Der steht weshalb ber so rennt, er läuft nur und läuft, stundenlang — bis er auf dem Marktplatz von Athen ankommt, wo gerade rote immer m Athen Versammlung ist, und stürzt hinein mitten unter unb keucht und atmet schwer und schreit noch im Laufe pwtzhch das eine Wort: „W i r haben gesiegt!" Und bricht am Herzschlag, e T Dst'z Ä'so'schön, daß H e r o b o t es könnte erfunden b?l>en" Geschichte, die zur Legende wurde, wenn nicht Legende, die zur Geschichte wurde. Bie Strafte von Marathon nach Athen, es ist noch dieselbe, wie damals, nur ainhaltiert heute, ist 41,7 Kilometer lang. Wieviel jener Unbekannte im September 490 v. Ehr. für die Strecke brauchte, weiß man nicht. Anno 1896. am 29. März, bei ben ersten Olympischen Spielen der Rem zett stellt der Sieger, her attische Bauer Spyros L u i s aus Ma ruf st. mit' 2 Stunden 58,50 Minuten, vor 25 Teilnehmern den Siegesrekord auf Untermens batte er ein Viertel Wein getrunken. Seitdem gibt es wieder den Marathonlauf, als schönsten Sieg über die Langstrecke, zu Erinnerung an ein ganz großes Stück Wettgeschich-e. dritten und der Stammtisch auf den Dick-Letzten — und auf sie alle nur das Eine: Feierabend, Feierabend, Feierabend! Feiern aber mag nur, wer ausruhen kann von des Tages Muhe. Das ist das Geheimnis und der Sinn des Abends. Volk ohne Feierabend — Volk ohne Arbeitstag. Nichts Schmerzlicheres, als ein aufgezwungenes Feiern, als ein Müßiggang ohne Ende, ohne Erlösung. Wir haben es erlebt, und erleben es in der ganzen Welt, was es heißt, rat- und hossnungslose Menschen der Not, der Verzweiflung und der Irrlehre in die Arme getrieben zu sehen. Und wir erleben täglich, was es heißt, diese Verzweifelten mit der Freude an der Mitarbeit, an der Leistung und am Einsatz des ganzen Menschen, der ganzen Tatkraft neu zu erfüllen: Millionen einem neuen Tag der Arbeit zurückgegeben zu sehen und damit der wohlverdienten „großen, kühlen Feierstunde". Wir wissen wie im Tiefsten wirklich die Geschichte vom Schatzgräber ist, der sich dem Teufel verschrieb: „Um zu enden meine Schmerzen, ging ich einen Schatz zu graben, meine Seele sollst du haben, schrieb ich hin mit eignem Blut ..." und wir kennen den Trost der reinen Lehre mit dem Goethes große Ballade der Verwirrung endet: „Trinke Mut des reinen Lebens, dann verstehst du die Belehrung, kommst mit ängstlicher Beschwörung nicht zurück an diesen Ort. Tages Arbeit — Abends Gäste. Saure Wochen — Frohe Feste sei dein künftig Zauberwort." Lob der Stadt Passau. Von Wilhelm Hausen st ein. Ich halte den Stadtplan in den Händen. Schlank wie"ein Tisch, ja spitz wie eine Lanze fährt feine Figur zwischen Donau und Inn dahin: bis zu dem empfindlichen Punkt, wo die Wasser sich vereinigen, um als einige Donau weiterzufließen. Was für eine köstliche Planung und Gründung! Schon vom Bahnhof her erblickt man über zwei Drittel der Stadtlänge hin die runden Hauben des Doms. Die Schritte richten sich sofort auf ihn, die Mitte der Stadt in jedem Sinn: nach einer Weile irren sie ab, rechtshin. Der Inn erst, mit seinem vielen Wasser, gibt dem Anstieg zum Domberg die letzte und volle Spannung. Nun geht es durch ein uraltes Tor mit geistlichem Steinwappen, nun über eine dunkle, kellerkühle, uralte Steinstiege — und mit einem Mal ist das strahlende, weiträumige Rechteck erreicht, an dem der Domchor und die fürstbischöfliche Residenz sich unter einem goldblau leuchtenden Himmel zueinanderhalten. Der Chor trägt die Stilzeichen später Gotik und läßt, so weich sie gebildet sind, keinen Zweifel daran, daß wir uns im Norden der Alpen wissen müssen. Doch abgesehen von ihm, der mit einer hier fast befremdenden Gestalt hereinragt, ist dieser Platz eines jener vollkommenen bayerischen Gleichnisse des Südens. Er ist geschlossen und klarförmig wie ein mittelmeerländischer Platz, ist wändig wie die Bauform südlicher Märkte und wie die Platzräume des Südens mit waagrechten Dachlinien gesäumt. Sein Wesen ist, mit einem Worte, klassisch. Auch im barocken Antlitz der Residenz: denn mit ihren vorgeschwellten Portalen und Balkonbrüstungen drüber steht sie im sicheren Besitz einer fast genuesischen oder römischen Würde da. Von selbst ergibt sich der Weg durch die enge Gasse neben dem Domchor, die „Zengergasse" heißt. Sie ist regenburgifd) eng, auf regensbur- gische Weife hoch und altertümlich: wenn die Gestalt der Stadt von der Kulturgeschichte des Inns bestimmt ist, so ist sie auch von der Kulturgeschichte der Donau bestimmt. Durch diese Gasse, über der sich der purpurblaue Himmel nur mit der Breite eines Bandes hinzieht, gelangt man auf den andern Platz: den Platz, dem der Dom die Stirnseite zukehrt. Noch sieht man sie nicht: noch fühlt man nur die Größe des Doms zur Rechten, ohne sie einzusehen. Noch breitet sich erst der Domplatz: südlich gesinnt und gestaltet wie der Residenzplatz, den die Ehorseite regiert. Aber nun darf man wagen, sich umzukehren, — und nun steht die ganze schlagende Größe der Domfront im anstossenden Auge. Es ist eine römische Größe, dem Rinascimento noch ebenso verpflichtet, wie dem Barock schon aufgeschlossen: es ist die prächtige und feste Haltung des späten siebzehnten Jahrhunderts ... welch eine Darstellung ist diese Domstirn und der Platz, den sie beherrscht! Einen Augenblick lang verdrießen die Bäume, die dem Platzraum die bauliche Reinheit stören, und mit ihnen unterbricht (im räumlichen Bezug ober vielmehr Unbezug) ein fehlgestellles Denkmal für eine Sekunde die klare Größe des architektonischen Bestandes; gleichwohl ist die Gewalt des Raumbildes unveräußerlich. Das Innere des Domes eines Carlo Lurago, von Giambattista Car- tone pomphaft ftukkiert, würde der Glorie Roms wahrlich nicht weniger anstehn als das Aeuhere. Es ist dem stolzen Inneren der Theakiner- kirche in München ebenbürtig: ja zum wenigsten in diesem Maß ist es prächtig, weit und wie im einzelnen so im Raumganzen deutlich. Auch unter der Fülle des Prunks ist die lateinische Klarheit nicht verschwunden. Der Aufschwung des verschwenderischen Dekors erhebt sich von Gesimsen, deren mächtige Einfachheit und Festigkeit beruhigt und gläubig macht. Man kehrt zum Residenzplatz zurück. Gibt es in solchen erstaunlichen Verhältnissen überhaupt Vorlieben und Entscheidungen, -so würde ich wagen ui gestehen, daß mir her Residenzplatz, der an der Chorseite, doch falt noch lieber sei. Vielleicht, weil sein Behagen inmitten der Größe noch fühlbarer ist. Im fürftbifcböflicfjen Resldenzschloß ist ein Stiegenhaus versprochen. Da steht es: weiß von Stukkatur, rötlich von Marmor und vom feinsten Geschmack mit dem Bleigrau der Laternen, der Laternenputten aus- geziert. Was macht den Stil der ganzen Stadt so großartig und so ange- nehm? Das unterhaltende, gleichsam epische Auf und Ab des Geländes. Das Bewußtsein des Wandernden, daß er mit der Stadt von zwei großen strömenden Wassern umfangen und gesichert ist — und mit Öen ziehenden Wassern doch der weiten Welt verbunden bis ins Schwarze Meer. Dann die Erhabenheit der Wandungen, die nicht von allzu vielen Fenstern zerrissen sind, sondern unzerklüftet sich in die Breite und in die Höhe dehnen — oft lauter Wand: denn zahlreich sind die Häuser- fürnen, die nicht einmal ein einziges Fenster tragen. Was macht den Charakter der Stadt so bedeutend und fo erfreulich? Die Einheit mit jener schönen und von verkehrsreicher Menschengeschichte dicht erfüllten Lebenszone, die, von Norden nach Süden und von Süden nach Norden gerichtet, den Namen „Inntal" führt. In Passau umhergehen heißt gewiß vor allem Passau sehen, aber auch an all die schönen Städte denken, die wie lauter Kronen der Landschaft die alte Handelsstraße des Inns hinaufstehn. In Passau, gehn und staunen heißt noch weiter hinaus- und hinüberdenken: an die alte nordsüdliche Straße der Römer und der deutschen Kaiserzeit — an Sterzing und Brixen und Bozen. So weit reicht der Atem von Passau; man weiß es, indem man spazierengeht. Und er reicht weiter: er geht bis ins katholische Rom, von wo er sich als einen verstärkten Atem zurückempfängt. Gar nicht erst davon zu erzählen, daß der Dom von Passau dem von Salzburg gewiß nichts nachgäbel Denn das Katholische dieser Stadt ist ebenso ihr Gesicht und Wesen wie ihre uralte Südlichkeit inmitten unseres Nordens und Ostens. Die Kirchen drängen einander. Die Studienkirche, die von den Jesuiten errichtet worden ist, besitzt zwar nicht die ganze herrenhaft-geistliche Pracht des Doms; aber mit ihren schwarzgoldenen Altären unter den weih in weiß geschmückten Wölbungen ist sie prächtig genug. Die Gotik hat sich in etlichen denkwürdigen Kirchen befestigt, und die romanische Basilika zum heiligen Kreuz, zwar nicht mehr in ihrer unmittelbarsten Gestalt gegenwärtig, zeugt vom hohen geistlichen Alter dieser Stadt, die zu den frühesten Bastionen des nordischen Christentums gehört. Aber dies ist noch nicht alles. Merkwürdig die schmalen Gassen mit den Stützbogen zwischen hohen alten Häusern — Bogen, die sich ein» klemmen wie Kletterer im Kamin. Das Wasser reicht wie an der Riva degli Schiavoni fast unmittelbar an die Höhe der Uferwege; der Platz vor dem Rathaus ist eine richtige Piazzetta; die Bereitschaft der Botführer am Donaukai ist ein wenig wie die der Gondolieri. Freilich sehen sie anders aus als die Ruderer in Venedig. Einer um den andern, wenigstens von denen, die mir begegnen, hat den ausgesprochenen Typus des Nordens: die starkblauen Augen im kräftigen, knappen Gesicht und den blonden Schopf darüber: Wohl haben die Römer auch hier kolonisiert; sie fanden die schon den Selten vertraute Stelle geeignet, die „Castro Batava" anzulegen — das Lager der botanischen Kohorte. Ader diese Ruderer (und nicht nur sie unter den Passauer Jungen) sehen aus wie die Nachfahren der Burgunder von der Nibelungenfahrt auf der Donau. Das Boot wird durch die drei Wasser getrieben: erst ein Stück auf der glatt strömenden Donau hin, dann eins auf dem größeren und rasenden Inn, der die Ufer bedroht; dann eins auf der Jlz, die moorbraun und langsam vom Bayerischen Wald kommt. Schließlich landet es mich an der Terrasse einer Fischküche. Für die Terrasse fassen sich Stadt und Flüsse und Land schier in einem einzigen Blick. Da sieht man Oberhaus und Niederhaus und am jenseitigen Jnnufer den Mariahilferberg; da sieht man Innstadt und ein Stück Ilzstadt; da sieht man inmitten bas erhabene Inner-Passau mit den drei gleichen Hauben des Doms, die Kuppel und Türme überwölben und alle Türme der Stadt, geistliche und weltliche dazu. Die Wasser der Flüsse grenzen sich noch im Zusammenströmen voneinander ab: das matte Grün der Donau, die in langzügigen Streifen fließt; das Gelb des Inns, den das Hochwasser am meisten'schwellt, ein erdiges Gelb mit lila und rosa Reflexen; das tintige Dunkel der Jlz. Bis an die Grenzen der Begegnung halten die Wasser ihre Farben ein; man könnte die Grenzen mit dem Finger nachzeichnen. Die unmittelbare Nähe der Natur ist eine der großen Schönheiten dieser Stadt. Dicht hinter der hochgelegenen Feste Oberhaus, von der aus man die Stadt beinahe mit Händen greifen und bewältigen kann, beginnt das Ackerland. Die Stabt verliert sich nicht in ungewisse Vorst ab k. Burg Oberhaus hat ihr eine Grenze gesetzt, und gar die Wasser haben die Stabt in starken Grenzen gehalten. Natur und Stabt halten bie allernächste Nachbarschaft. Wie weit sie aber auch tragen kann, ermißt man, wenn man von ber Höhe des Oberhauses Schauturms burch eine süße und zart verstörte Luft bie Bläuen bes Bayerischen Walbes sichtet, der bie Grenze gegen Böhmen bezeichnet und die Gedanken zur sehr geliebten Welt Stifters hiniiber- leitet. Auch Linz ist nicht gar so weit. Man muß aber endlich noch aufs andere Jnnufer hinüberlaufen, um dem Verlangen das Bild der Stabt auch noch von bort aus zu bestätigen. Die Wahl tut weh: ist bas Bild der Stabt von dieser Seite nicht am herrlichsten? Da steht es noch einmal, von einem neuen Standpunkt aufgefaßt und doch dasselbe: in seinen Kirchen befestigt, in ihnen verklammert — am meisten im Dom und in der Figur der Studienkirche mit ihren angeschrägten Stumpftürmen, — und vom Inn auf dieser Seite so bedingungslos abgeschlossen wie, von der Donau mit ihrem nördlichen Hochufer auf der anderen. Aber ob es auch zuviel wäre, behaupten zu wollen, von Jnndrllcke und Innstadt her sei bas Bilb bes inneren und eigentlichen Passau am glorreichsten: so darf ich doch berichten, daß mir am Wesen der über die Massen bewegenden, dieser wahrhaft hinreißenden, wie ihr eigenen Triumphzug begeisternden Stadt von diesem Standpunkt her bas Eiaentümlich-Allgemeinste am meisten aufgegangen ist: ihre schöpferische Fülle. ’Reranttt>orilic6: Dr, Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Vrühl'scheUntversitäts-Vuch» und Eteindruckeret. R. Lange, Gießen.