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Vom Bahnhof Lünefeld ging der Weg vielleicht zehn Minuten lang durch eine wunderschöne alte Kiesernwaldung; dann fuhr man am Gut Pfenningshos vorbei, das mit seinem Turm auf dem Herrenhaus rote eine alte Raubritterburg aussah; nach wenigen hundert Metern durch dichte, unberührte Heide war man bann angelangt. Das Hotel „Zur Heide" hielt nur bis zum Herbst seine Pforten geöffnet. Herr Alwien, der neue Geschäftsführer, plante allerdings, es auch für Winterfportler dies Jahr versuchsweise offenzuhalten, aber es hing wohl davon ab, wie sich diesmal das Sommergeschoft anlassen würde. Der Mai war nicht besonders gewesen. Der viele Regen hatte die Leute in den Städten zurückgehalten. Jetzt Mitte Juni, war das Hotel zwar auch nur mäßig besetzt, ein Zustand, der Herrn Alwien bedrückte; aber da das Wetter sich gut hielt, wollte er auch den Kops nicht allzu sehr hängen lassen. Seinen Gästen jedenfalls zeigte er ein strahlen- bcs (9efid)t. Er glänzte, wie mit Speckschwarte eingerieben, stellte Adalbert Steyer fest, als er in das Haus (einen Einzug gehalten hatte. Adalbert Steyer sagte das nur zu sich, es war niemand im Zimmer, während er feine Koffer auspackte. Das Mädchen hatte er weggeschickt. Man könnte nun annehmen, dieser Adalbert Steyer sei ein besonderer Mensch, ein Mann, der zumindest von sich recht eingenommen war. Aber Steyer war ein sehr simpler Schriftsteller. Seine ganze Besonderheit bestand darin, daß er Kriminalromane erfaßte. Sie gehen noch am besten, pflegte er zu erklären, wenn man ihn fragte. Er trat an fein einziges Fenster. Die Heide lag ausgebreitet wie ein mattgetönter Teppich, die hellen Wege, sandfarben, bildeten das Schnörkelmulter. Im Hintergrund stand die Burg des Pfenningshofes. Er atmete tief die frische Luft ein, die ihm gewürzt erschien, anders als in Hamburg; nicht mit Rauch aus Schiftsschornsteinen und ewigen Nebeln; sondern durchtränkt vom Duft des Heidekrautes und dem Geruch frischer, unverbrauchter Erde. „Bezaubernd", sagte er, „glattweg bezaubernd", und räusperte sich; „ich bin in tiefster Seele vielleicht überhaupt ein Lyriker?" Hierauf schloß er das Fenster und ging hinunter, irgendwo in der Halle, auf der Veranda oder im Garten den Nachmittagskaffee einzunehmen. Und hier nun fängt die Geschichte eigentlich erst richtig an. Denn auf der Veranda des Hotels, hingestreckt im gepolsterten Korbstuhl lag Frau o. Blinkburg und rauchte eine Zigarette, trank ab und zu einen kleinen Schluck Kaffee, den der fürsorgliche Herr Alwien hatte vor ihr auf den kleinen Tisch hinbauen lassen, und las ein Buch. Adalbert Steyer sah sie schon von der Treppe aus. Er dämpfte sofort feine Schritte, ging, auf der Veranda angelangt, einen kleinen Bogen, dieser Dome Gesicht zu sehen, bevor er selber bemerkt werden wurde und erreichte sein Ziel. Frau v. Blinkburg sah nicht auf. Er konnte sie betrachten, ohne lästig zu werden. Ihr Haar war blond, weißblond, wie es die Frauen der Dftfeetüften häufig haben. Ihre Augen mußten blau sein. Steyer konnte das nicht genau feststellen, aber er war gewiß, sich nicht zu täuschen. Ihre Nase, in der Form edel, sprang ein bißchen vor. Aber gerade das, fand Steyer, fei eine reizende Abweichung. Es gab dem Gesicht den Ton, nahm ihm das Süßliche. Diese Frau würde nicht irgendeinen albernen Liebesroman lesen. Sie war eine Persönlichkeit. Er sah sie eine ganze Weile an. Ihr Kleid war blau; die Strümpfe glänzten hellfarben gelblich. Hieß es nicht fettfarben? Das war ja gleichgültig, aber daß sie gutgeformte Beine hatte, war wichtig. Er legte den Kopf schräg. Er sah so gerne hübsche Frauen; und zum zweitenmal in ganz kurzer Zeit sagte er: „Bezaubernd, glattweg bezaubernd" und wiederholte sich, ein Fehler, der ihm als Schriftsteller eigentlich nicht hätte unterlaufen dürfen. Sich räuspernd, trat er näher. Frau ö. Blinkburg sah kurz auf, bann blickte sie wieder in ihr Buch, ehe Steyer eine Verbeugung hätte anbringen können. Er blieb stehen, lehnte sich an und hielt eine der Holzfäulen fest. Dabei sah er das Buch der Dome an. und seine Mundecken bogen sich aufwärts. „Es taugt nicht viel", äußerte er halblaut, aber gut vernehmlich Frau v. Blinkburg hob den Kopf. Sie sah Steyer ins Gesicht; dann schaute sie ihm auf die Krawatte und zuletzt auf die Stiefel; von hier kehrte ihr Blick in das Buch zurück. Sie war sich klar, dieser Mann sah ganz sympathisch aus, aber solche Frechheit, sie hier auf der Veranda, wo keifte zehn Schritte entfernt andere Gäste beim Kaffee saßen, derart formlos anzusprechen, empörte sie. Gewiß, man wohnte im selben Hotel, man würde sowieso über kurz oder lang bekannt werden; aber hier unerwartet neben ihr zu stehen, wildfremd, und mitten in eine Konversation hineinzuspringen, war denn doch unerhört. Was dachte sich dieser Mann? Steyer hielt die Säule mit beiden Händen in seinem Rücken. „Mögen Sie es denn, gnädige Frau?", fragte er nochmals. Da gab sich Frau v. Blinkburg einen Stoß. „Mein Herr!", sagte sie scharf und verweisend. Mehr zu sagen war ja wohl nicht erforderlich, der Ton der Worte redete deutlich. Adalbert Steyer nickte freundlich in den empörten Blick. Also doch blaue Augen, natürlich! „Das Buch meine ich", erläuterte er. Sie starrte ihn verblüfft an. Im Augenblick — wollte sie nicht den Skandal — wußte sie sich nicht zu helfen. Dovongehen. Gewiß. Aber sie lag mehr, als daß sie saß in dem Faulenzerstuhl. Das empörte Davonlaufen war nicht ganz einfach. Und dann gefiel es ihr hier sehr gut. Mochte er doch sich fortscheren, der Frechling! Sie beschloß, ihn mit stummer Abwehr zum Rückzug zu bringen. » „Es hat einen Fehler", sagte Steyer, und er war noch oder wieder bei dem Buch. „Auf welcher Seite sind Sie?", er beugte sich vor, las ab: „Seite 56, hm ..., da liest es sich noch ganz gut; aber im nächsten Kapitel geschieht der Mord. Sehen Sie, gnädige Frau, das ist der Fehler. Ein Kriminalroman mit dem Mord erst auf Seite 60, das ist ein Unding." Dieser Ton ärgerte sie. Entgegen ihrer Absicht entfuhr es ihr: „Was verstehen Sie davon!" Steyer lächelte trübe. „Sehen Sie", sagte er, „nachher erkennt man immer die Fehler. Aber da ist es zu spät. Wenn man den nötigen Abstand von dem Werk hat, — ein Werk, verzeihen Sie, das Wort ist gebräuchlich und nicht meine Anmaßung, — dann liegt es als Buch vor einem auf dem Tisch, und man kann sich nur noch ärgern." „Ich finde diesen Roman reizend", sagte sie ärgerlich, hauptsächlich, weil sie nun doch redete, „kennen Sie denn das Buch?" „Doch", versicherte er, „wie könnte ich sonst Kritik üben." „Ich weiß nicht, was Sie da herausgelesen haben", sagte Frau v. Blinkburg und nahm ihren Blick wieder zurück, „mir gefällt es. Aber", und ihre Mundwinkel kräuselten sich spöttisch, „Sie können ja dem Verfasser einmal Ihre Mißbilligung ausdrücken." „Das habe ich schon oft getan; aber er nimmt nicht an: er ist geradezu auf feine Fehler eingespielt und kultiviert sie." Frau v. Blinkburg schlug die Titelseite ihres Buches auf. Lieber Himmel, wer merkt sich den Autor! „Kennen Sie denn den Schriftsteller Adalbert Steyer?", fragte sie noch immer spottend. Steyer brauchte im Augenblick nicht zu antworten. Gerade ging der Geschäftsführer Alwien vorüber. Er klappte die Hocken zusammen, nahm bas Einglas aus dem Auge und lachte: „Guten Tag, gnädige Frau, Tag, Herr Doktor, gute Fahrt gehabt?" „Danke, Herr Alwien. Es ging rasch; das war die Hauptsache." „Sehr richtig", gab Herr Alwien bedingungslos zu. „Wir haben eine vorzügliche Verbindung. Und das Wetter macht sich auch." „Ganz famos", räumte nun seinerseits Steyer ein. Herr Alwien zog mit einer Doppelverbeugung heiter an den nächsten nicht fernen Tisch. Frau v. Blinkburg sah Steyer auf den Mund. Sie wollte etwas sagen, vielleicht sogar fragen, aber Adalbert Steyer tarn ihr zuvor. „Sie meinen, ich kenne den Geschäftsführer gut und nenne ihn beim Vornamen? Ich kenne Herrn Alwien so gut wie gar nicht. Sie dürfen auch Alwien zu ihm sagen, gnädige Frau. Es ist nicht sein Vorname, sondern sein Familienname. „ „Das weiß ich natürlich", sagte Frau v. Blinkburg, „den Namen des Geschäftsführers kenne ich..." Wie betonte sie denn das? Steyer ließ die Säule los; er tastete dafür mit den Fingern der freigeroorbenen fjanb einmal an feine Krawatte. „Mich kennen Sie auch", sagte er schüchtern mit der Andeutung einer Verbeugung. „Sie? Nicht, daß ich wüßte." „Dann lesen Sie sehr flüchtig, gnädige Frau. Mir hat einmal eine Dame, eine Lektorin im Verlag gesagt, als ich ihr gelegentlich vorgestellt wurde, sie kenne mich besser als hundert Menschen, mit denen sie täglich umgehe. Und bas muß wohl so sein. Denn bei aller Technik unb allem Handwerklichen, die dazu gehören, am Ende gibt man immer sich selbst, vielleicht sogar sein Wesentliches in so ein Buch hinein." „Wie denn? Sie ..." „So ist es*, sagte Steyer. „Was hilft hier leugnen. Der gute Herr KIroien würde es Ihnen ja doch verraten." . firau v. Blintburg war verdutzt. Man muß das verstehen tonnen. Ihr Gatte war als Hauptmann 1918 gefallen 2hr Bater lebte noch, ein Oberst, nun Gutsbesitzer, der doch nicht begriff, daß bie Welt nach 1918 weitergehen konnte. Ein Schriftsteller, oder wie man mit dünnem Lächeln in ihrer Familie sagen würde: ein Dichter, war ihr bisher nicht über den Weg gelaufen. So also sah ein Mann aus, der (oldje rouöen Mordqeschichten ichrieb? Sie vergewisserte sich: „Sind Sie wirklich Herr Steyer, der Verfasser dieses Romans?* und als Steyer mckte, „warum haben Sie das nicht gleich gesagt?* „ „Vielleicht würden Sie um Hilfe gerufen haben. 3um ersten Male lächelte sie ihn an. „Aber ich bin doch erst auf Seite 56*, sagte sie, „da leben noch alle Personen Ihres Buches.. „Richtig*, sagte er, und seufzend: „leider, ich bin zu gutmütig* Sie klappte das Buch zu und legte es auf den kleinen Tisch neben die Kaffeetasse. Jetzt wünschte sie womöglich gar nicht mehr, daß dieser Mann sich davonmachte? „Warum gehört der Mord an den Anfang? , fragte sie. „Sie forderten bas vorhin. Ist es wichtig?* Er nickte. „Nicht gerabe an ben Anfang. Aber auf Seite zehn spätestens muh der Mord geschehen. Der Leser muß wissen, woran er ist. „Aber er soll bas boch gerabe nicht wissen!* „Er soll wißen, um was es geht Sonst hat er nicht bas richtige Interesse Ein Morb Da steht als nächstes Wort bie Frage: Wer? Nun ist bie Spannung ba, unb Sie bürfen in bie Geschichte so viel Hineingeheimnissen, wie Sie erfinben können. Der getreue Leser wühlt sich hindurch, um am Enbe zu finbcn, baß der Mörder mit der ganzen Geschichte nichts zu tun hatte. Ein Landstreicher, der oor- überging, ein Jäger, der einen unglücklichen Schuß abfeuerte — nun, Sie kennen ja die Geschichten.* Frau v. Blinkburg nickte erheitert. „Ich weiß immer schon nach ganz kurzer Zeit, wer der Täter war, beziehungsweise, ob er in dem Kreis der handelnden Personen zu suchen ist.* Steyer legte den Kops schief. „Erlauben Sie, das ist wohl über« trieben. Wir haben fabelhafte Kriminalromane.* Er sprach nicht von sich; sein Berufsehrgeiz opponierte. „Bringen Sie mir einen Kriminalroman, ich sage Ihnen vor der Mitte des Buches, wer der Täter ist!* Er lachte unb schwenkte vom Thema ab; unmöglich konnte er ihr seine Romane bringen. Wie hätte bas ausgesehen, nicht wahr. Er sagte: „Haben Sie viel gelesen?" „Ich bin viel allein", antwortete sie, „ich reise auch viel. Da ist ein Kriminalroman so bequem. Man braucht nicht zu denken." „Nein, das hat der Autor vor Ihnen bewerkstelligen müßen." ,HH, verzeihen Sie!" Frau v. Blinkburg war aufrichtig erschrocken. Er wehrte ab. „Weshalb! Sie waren nur ehrlich." Er betrachtete sie. Wenn sie nicht so hübsch wäre, dachte er, könnte man sich über sie ärgern. Aber so kommt man nicht dazu. Man muß die Bögen dieses wundervollen Mundes ansehen, wenn sie spricht. Ihre Nasenflügel zittern ein wenig, wenn sie lacht. Sicherlich hat sie sehr viel Temperament; — aber bas steht hier ja keineswegs zur Debatte. Energisch rief er sich selber zurück. „3dj will Sie nicht länger stören, gnäbige Frau", sagte er förmlich, aber in so vertrautem Ton, als spreche er zu einer guten Bekannten. „Sie wollen gewiß Ihr Buch lesen." Er verneigte sich, lächelte herzlich und trat einen Schritt zurück. Frau v. Blinkburg sah ihn noch einmal an unb entschloß sich bann zu einem Lächeln ihrerseits; während sie bas Buch aufnahm, verab- schiedete sie ben Autor gütig mit einem leichten Neigen bes Kopfes. Steyer ging; er hatte bas untrügliche Gefühl für biefe Minute: jetzt mußte er erst einmal verschwinben; es gatt, auch ben Anschein einer Aufdringlichkeit zu vermeiben bei biefer Frau. Ihr Interesse an seiner Person schien geweckt. Was kann man von ben ersten zehn Minuten einer Bekanntschaft Besseres sagen. So schritt er davon in heiterster Laune. Diese kleine Ausspannung hier im Heibehotel würde vielleicht ganz reizend werben. Als er oben in (einem Zimmer ftanb — warum war er denn eigentlich vorhin heruntergekommen? Ach ja, Kaffee zu trinken; nun, lassen wir bas — als er sich, wirklich zufällig, im Wanbspiegel ansah, begann auf ber Beranba bie kleine Kapelle — Klavier, Cello unb Geige — zu (crenaben. Sie fanb auf fonberbare Art einen Schlager. Steyer kannte die Melodie, er summte ben Text bazu, diese höchst abrupten Wendungen. Fräulein, parbon — ich glaub’, wir kennen uns schon —. Aber bas glaubt man immer nur. Das p. p Fräulein sorgt bann für lieber« raschungen, so baß man zum Schluß roieber nur sagen kann: Fräulein, parbon. Bor bem Abenbessen erwischte Herr Alwien die gnädige Frau von Blinkburg an ber Tür zum Speisesaal. Vielleicht sagte sich biefer Ge- schästsführer, baß für bies große Abendkleib — schwarz, unten ein durchsichtiges Tüllgewebe, bis zu ben Knöcheln reichenb — ein Partner am Tisch sitzen müße, ber biefem Kleid unb seiner Trägerin bie ge- dührenbe Bewunderung zollte. Er rebete sie an unb erfunbigte sich dezent, ob es ber gnädigen Frau unangenehm wäre, wenn er Herrn Adalbert Steyer an ihren Tisch setzen würde. Frau o. Blinkburg fragte nicht: Hat sich Herr Steyer an Sie mit dieser Bitte gewandt? Sie wußte, diese Männer hielten in solchen Fällen zusammen wie Ziehhunde. Sie nickte nur. Enttäuschte ber Herr Steyer bei näherer Bekanntschaft, war wohl immer noch bie Möglichkeit, einen Platzwechsel zu erreichen. „Herr Steyer ist ein ruhiger, angenehmer Gesellschafter, gnädige Frau, er wird Ihnen nicht lästig fallen." „Sie kennen Herrn Steyer gut9" Nur um etwas zu erwidern, fragte sie bas. „Persönlich kaum", antwortete Herr Alwien; „aber ich bürge für seine gesellschaftliche Korrektheit." Frau d. Blinkburg lächelte. „So war das nicht gemeint", sagte sie und lächelte stärker im Gedanken an die kaum korrekte Art, in der Herr Steyer sich ihr bekannt gemacht hatte. Der Geschäftsführer Alwien aber geriet in eine Erinnerung, bie noch ftifch war. ,Hch lernte ihn im Zuge kennen", erzählte er, „vorgestern, als Herr Steyer hierherkam, um sie zu informieren. Er fiel mir in Hamburg schon auf. Er erroiberte mit bem Taschentuch aus bem Gang« fenfter des V-Zuges bas Winken einer gewiß kurzsichtigen alten Dame, deren Sohn zu uns in das Abteil gestiegen war, und über der Not« wendigkeit, fein Gepäck unterzubringen, diese kleine Liebespflicht vergeßen hatte. „Es winkte niemand aus dem langen Zug", sagte der Herr Steyer mir wie zur Erklärung, „da tat mir die alte Dame leib.* Frau v. Blinkburg sah burch Herrn Alwien hinburch. „Das ist hübsch*, meinte sie leise. „Nicht wahr? Das fanb ich auch. Aber dort kommt Herrn Steyer. Darf ich Sie geleiten, gnädige Frau?" Er durfte. Unb bann war ber Herr Steyer da, unb es ergab sich, daß Frau v. Blinkburg ihn zum ersten Male bie Hanb gab; zum ersten Male berührten sie einanber. War bas wichtig? Verschlug es beibcn zugleich ben Atem ober wünschten sie in biefem Augenblick keine Unterhaltung? Adalbert Steyer neigte sich stumm über diese Hand. Sein Kuß währte keine Sekunde zu lange. Vielleicht war er doch nicht so wundervoll rasiert, wie er selbst angenommen hatte, und Frau von Blinkburg zuckte zusammen, weil seine Lippenränder ihre Finger stachel- ten? Adalbert Steyer hätte hier in seinem Roman vermutlich von unwägbaren Gefühlsimponderabilien gesprochen; aber das ist auch nur ein Wort und biegt dem Eigentlichen aus. Tatsächlich geschah etwas in dieser Sekunde. Eine uralte Verzauberung fiel vom Himmel. Mehr ist nicht zu sagen. Nach bem Essen blieben sie noch eine Weile beisammen. Sie saßen in ber Halle, deren Glasscheiben nach der Heide zu offen standen. Ein ältliches Ehepaar blieb im Hintergrund. Das magere Fräulein, das man fast übersehen hatte unb als Angestellte bes Hauses zu nehmen gewillt gewesen war, hatte sich beim Eßen als Gast entpuppt. Es verzog sich in den Schreibraum unb erlebigte sicherlich umfangreiche Sorte- (ponbenj, einzige Rettung, bie Abenbstunden hinzubringen. „Ich schlage einen kleinen Spaziergang vor", meinte Steyer. „Wir roanbern bis zum Pfenningshof unb zurück. Das macht eine halbe Stunbe. Der Abenb ist warm unb ber Monb scheint. Die Heibe ist also heute nicht gruselig." Aber firau v. Blinkburg wollte ttotzbem nicht. Sie hätte sich umziehen müssen; mit biefen Schuhen konnte sie unmöglich burch bie Heibe laufen. Männer finb zu merkwürdig. Steyer begriff ihre Weigerung einfach nicht. „So ein schöner Abend , wagte er noch einmal unb brach ab. Er hatte sagen wollen, baß der Geflügelsalat zu viel Mayonnaise enthalten habe; er hatte auf die gute Einwirkung dieses abendlichen Spazierganges Hinweisen wollen, aber er konnte noch ausweichen unb feinem Satz geschickt ein anderes Ende geben. „Ich gehe auf jeden Fall", verkündete er in männlicher Entschlossenheit. „Ich rauche unterwegs eine letzte Zigarre. Finde ich Sie noch unten, wenn ich zurückkomme?" „Vielleicht. Wenn Sie nur eine halbe Stunde fortbleiben.* .Höchstens*, versicherte Steyer. Am liebsten wäre er nun überhaupt nicht mehr gegangen; aber das ließ sich nicht machen; man durfte keinesfalls lächerlich werben. Er nahm feinen Stock, es war schon mehr ein Knüppel; er stammte aus Oberbayern unb war für bies filarf)Ianb kaum angebracht. So vorbereitet, schritt er zur Tür. Frau v. Blinkburg sah ihm vom Fenster aus nach, wie er durch die Heide stampfte. Weshalb ging er querfeldein? 2. Der Mond schien immer noch. Aber vom Boden dieser weiten Ebene fliegen wohl Dünste ober Nebel auf. Nach einiger Zeit schien es, als sei Abölbert Steyer untergetaucht. Frau v. Blinkburg sah ihn nicht mehr. Sie blieb am offenen Fenster sitzen. — Die brei Kammermusiker waren wieder soweit. Aber sie nahmen Rücksicht auf bie Stunbe unb fügten sich ihr ein. Ihre Musik war sanft unb betonte getragene Zärtlichkeit. Die Klänge schwebten über die Heide unb verebbten. Hörte auch Steyer sie noch? ... Frau v. Blinkburg blieb nicht lange allein. Abalbert Steyer hatte seinen Spaziergang wohl bebeutenb abgekürzt. Er kam von ber anberen Seite roieber an das Hotel heran, als sei er im Kreis gelaufen. Sie sah ihm lächelnd entgegen unb war jufrieben, baß er roieber ba war. Sie rounberte sich nicht einmal sehr über biefe Smpfinbung; sie nahm sie einfach hin. ,Hch kann ja morgen ben ganzen Tag da draußen herumlaufen", sagte Steyer unb erklärte sich nicht weiter. Der Kellner wehte heran, rückte einen Stuhl zurecht. Da mußte Steyer ja einfach wieder am Tisch der Dame Platz nehmen. Seinen Stock schob er beiseite; weit weg; ber paßte hier auch wirklich nicht her. „Sinb Sie jemanbem begegnet?* „Nein. Es war, als sei ich ganz allein auf ber Heibe Man kennt als Großstäbter biefe wirkliche Stille gar nicht mehr. Wenn ich so sagen bars, ich empfanb sie gerabe körperlich. Nur ber helle Monbschein rettete mich, solche Lautlosigkeit nicht als Unbehagen zu spüren, als einen Alb ber Angst. Sie wissen boch: Erlkönig — so spät burch Nacht unb Winb — Hören Sie den Hund? Das Heulen klingt ganz unheimlich!" „Sie beschwören eine Stimmung herauf, bie in Wahrheit hier gar nicht besteht. Es ist nur einen Augenblick Mustkpause. Gleich löst ein sanfter Walzer von Strauß bas Hunbegebell ab." „Natürlich. Aber hat bies Gebell, haben diese klagenden Töne nicht etwas Unheimliches an sich, das an bie Nerven greift? Spüre nur ich bas so? In meiner Heimat sagt man, wenn ein Hunb so ben Mond anfyult, stirbt ein Mensch." „Es sterben in jeder Minute zahllose Menschen, Herr Doktor Steyer", sagte sie, „also besteht die Volksweisheit auf jeden Fall zu recht." (Sortierung folgt.) Krau Rebekla. Von Matthias Claudius. Wo war ich doch vor dreißig Jahr, Als deine Mutter dich gebar? Wär' ich doch dagewesen! — Gelauert hätt' ich an der Tür Auf dein Geschrei und für und für Gebetet und gelesen. Und kams Geschrei — nun marsch hinein: „Du kleines — liebes Mägdelein, Mein Reis'gefährt', willkommen!" Und hätte dich denn weich und warm Zum erstenmal aus meinen Arm Mit Leib und Seel' genommen. Und hätte dich denn weich und warm Mit Leib und Seel' auf meinen Arm Zum erstenmal genommen ... „Du frommes, liebes Mägdelein, Ich hab dich sonst noch nicht gesehn, Willkommen, bist willkommen!" — „Wie bist du, lieber Reis'gefährt', In deinen Windeln mir so wert! 0 werde nicht geringer! Du, Mutter, lehr' das Mägdlein wohl! Und wenn ich wiederkommen soll, So pfeif nur aus dem Finger." Kleine Vogelfibel. Bon Johan Luzian. Grünfinken vor dem Fenster. Als dicke, aufgeplusterte Notenköpfe hocken die Grünfinken da in den kahlen Zweiglinien der Gartenbuche, ein winterliches Bauernvolkslied, in den grauen Himmel komponiert. Grün, grüii ... gilb, giib! bettelt die Schar durch die fchneenebelnde Luft. Habt ihr euch nicht erst am Morgen vollgefressen, ihr grünen Landstreicher! Habt ihr nicht Korn um Korn genießerisch ausgeschält und zer- mümmelt mit eurem dicken Fresserschnabel! Hat euch Hanföl und Sonnenblumensaft nicht vor einer Stunde erst den plumpen Bauch gewärmt! Aber ihr kennt mein Haus, ihr kennt mein hübsches Vogelhaus am Fensterbrett. Es gefällt euch bei mir, he? Besser hier als auf der Wald- streife, jawohl! Und der Mensch fügt hinzu: Ich lege keinen so großen Wert darauf, wie ihr vielleicht meint, euch als einzige Dauergäste bei mir zu sehen! Ihr verjagt mir Meisen und Gimpel! Euer Futterneid ist so gelb wie eure Schwanzwurzel! Er öffnet das Fenster und will den grünen Freß- und Streitkumpanen draußen ein wenig den Marsch blasen. Aber da fliegt schon der ganze Schwarm mit raschen, wippenden Schwüngen aus dem Ge- zweige fort und fliegt weit über den kahlen Hang nach dem See hinunter und verschwindet irgendwo über dem Wald. Nun ist der Vogelbaum im Garten also leer. Gewiß werden jetzt die Meisen kommen oder die Distelfinken oder der rote Dompfaff, denkt der Mensch und wartet. Er hat das neue Futter auf das Brett gestreut und wartet geduldig am Fenster auf seine buntscheckigen Freunde. Doch der Himmel bleibt leer. Nur der Windoogel, der riesengroße, der mit den Frostflügeln und dem Messerschnabel, fliegt über die Welt, und sein jaulendes Lied jagt durch die Wälder um das einsame Haus. Da ruft der Mensch nun nach einer langen Weile doch wieder die Grünfinken herbei. Erfüllt den Baum vor meinem Fenster wieder mit eurem grünen Leben! sagt der Mensch, demütig geworden. Schilpt euer einfältiges Lied von neuem über den trüben Schnee! Zankt euch wieder an meinem Fenster um den Platz und spreizt euer grüngelbes Gefieder im Raufen um den fettesten Hanf! Es ist ja gut, euch zuzuschauen, wie ihr, gegen den Wind flatternd, über dem Futterbrett hin und her fliegt, wie ihr euch am Dach, an den Kanten, den Zweigen, einem Nagel, einem Kiefernbusch festklammert, die Augen immer auf das Mahl gerichtet, vor Ungeduld und Eifersucht lärmend und flügelfchlagend, bis der erste Sieger endlich gemä' Idie Stelle räumt und ein anderer mümmelnd sich zwischen die Körner lhockt, bereit, den Alleinbesitz zu erkämpfen und zu verteidigen. Ja, es ist gut, im Winter das Leben um sich zu sammeln und ihm • ein wenig zu helfen, denn der Wald ist stumm und die Erde ist leer. Den Goldhähnchen lauschend. Die Fichtenzweige hängen schwerbeladen mit kristallhartem Schnee Ihernieder, die stangendllnnen Jungbuchen werden von der weißen Last iSu Bögen gebeugt, der Waldweg ist ein schmaler Wandelgang geworden, iin dem die Dunkelheit hockt, ob es auch über den Wipfeln noch Tag ist. G^rau ist der lautlose, leere Himmel. Schnee hängt wölkend in Der Mensch geht in sich verkrochen, in Pelz und Wolltuch gehüllt, idie Hände tief in den Taschen vergraben den Wandclgang durch den jFichtenwald. Nach Hause! An den warmen Ofen! Zu den Büchern! Zu den sarbenhellen Bildern! Aber da wird sein windtaubes Ohr angerührt von den hellsten Tönen, so als striche ein Waldgeist klingend über hauchdünnes Glas, als zittere eine Saite aus dem Himmel der Märchen, als klingele ein Traumglöcklein: srifiisirisirsri ... srisrisri ... sirsirsri... Und die verfinsterten, schneemüden Augen des Winterwanderers tasten sich nun heller hinauf durch das grüne Genadel zu den Goldhähnchen im Zweiggefächer, zu den huschenden Zwergen, die auf der Jnsektensuche zaunkönigschnell Dom Ast zu Ast eilen, an der Unterseite der Zweige hängend und laufend, leichte olivgelbe Federkügelchen, dahinrollend durch die Luft. Wie Kolibris flattern sie, wie im Nichts stehend, vor einem Zweig und spähen mit Funkeläuglein zwischen Nadelwerk und Schorf, klammern sich an einen Zapfen, einen braunen Riesenzapfen und rennen an ihm hoch, lassen ihre Feuerstriche auf der Kopfplatte leuchten, ihren goldenen Schmuck. Ohne Scheu sind sie, den Menschenaugen vertrauend, daß in dem leuchtenden Blick, der sie auf ihren Schwüngen begleitet, keine Bosheit lauere. In Armesweite turnen sie über dem lächelnd Hinaufäugenden in der Luft, als trüge sie ihr eigenes gläsernes Zirpen, als schwebten sie auf dem Seidengespinst ihres Liedes. Dann find sie fort, die Wichte, die Tannenmäuschen, die Elfen unter den Vögeln. Sie find wieder untergetaucht in der Stille der Wipfel, in das Märchen zurückgehuscht, aus dem sie gekommen. Und der Wanderer geht weiter, auch er taucht unter im Walde, in das schwere, dunkle Grün und das kalte, tote Weiß. Aber seine Augen sind ein wenig heller geworden, die Einsamkeit des Weges ist verscheucht und in seinen Öhren singt noch das Goldhähnchenlied: Srisirt- srisirisri... Das Goldammernbild. Ein kleines, schönes Bild bringt der Mann im Walde mit von seinem Besuche in der Stadt. An einer neuerbauten Kirche im Arbeitervorort ging er vorüber und sah dort ein Sgrafftto neben dem Portal, in den frischen Putz gekratzt, darstellend Franziskus, der den Tieren predigt. Ein Löwe ruhte zu feinen nackten Füßen bei Schaf und Rind, die Fische steckten ihre breiten Mäuler aus den blauen Fluten, und die Vögel saßen auf der Schulter des wundersamen Predigers. Dieses Bild hatte er vor Augen, als er weiterging, und dachte: Zu wem die Tiere kommen, wie zu diesem frommen Mann, der hat die Liebe und die Weisheit, denn eines gibt es nicht ohne das andere, und schon gar nicht die Tierliebe, die ganz gewiß ein Teil der höchsten Weisheit ist, weil zu der Tierliebe ein ruhiges, inneren Dingen zu- gewandtes Gemüt gehört. In diesen Gedanken ging er an der kahlen Häuserreihe hin. Gelbgetüncht und eintönig sahen die Fronten zu beiden Seiten aus. Fenster war gleichmäßig neben Fenster, Tür einförmig neben Tür, Massen- quartiere ohne Beschönigung, auf denen ein graues Himmelslicht lag. Da sah er mitten in dieser Gleichförmigkeit, an einem dieser Fenster im ersten Stock irgendwo zwischen lauter andern ersten Stöcken ein neues und noch schöners Sgrafftto. Und diesmal nicht mit grünen, roten, blauen Farben in den Putz gekratzt, sondern von lauter lebendigen, singenden Vögeln gebildet. Ja, an diesem einen Fenster, vor dem nichts als ein Vogelbrett war, wie man es hie und da in der Straße sehen konnte, und rings um das Fenster, ans rauhe Mauerwerk gekrallt, an die kleinsten Vorsprünge geklammert, hing und flatterte ein Schwarm von Goldammern Lauter Goldammern mit den hellen Köpfen der Männchen und den schlichteren Farben der Weibchen, mit goldenen Tupfen und gelbbraunen Streifen im Federkleid, wohl fünfzig Vögel. Sie flogen von ihren kleinen Haltepunkten hin und her zum Fensterbrett, hockten körnerspaltend oder still Ausschau haltend auf dessen Rand, zu zehn, zu zwanzig nebeneinander und sahen nach der Sonne und dem Frühjahr aus. Schickschickschickschicksiee fangen die Goldammern. Der Mann aus dem Walde blieb stehen und besah das schöne Bild in der Straße. Mit ihm blieben noch ein paar Leute stehen. Und sie freuten sie alle, Kinder und große Leute. Alle Vögel nur vor dem einen Fenster! sagte eine Frau und wunderte sich. Ja, und man sieht gar nichts Besonderes daran! Vor andern Fenstern sind doch auch Futterbretter! sagte eine zweite Frau. Dann setzten sie ihren Weg fort. Das Futter allein macht es nicht, wie Sie sehen, meine Damen! sagte der Mann im Vorübergehen. Eine liebevolle Hand muß es streuen! Ja ja, gewiß, antworteten die beiden und sahen den Sprecher ab* schätzend von der Seite an. Sie wollten sich wohl nicht mit einem Fremden unterhalten. Der Mann kehrte dann noch einmal um. Der Goldammernschwarm erhob sich gerade und flog schwirrend die kalte Sttaße entlang und war fort. Nun war die Häuserfront auch an dieser Stelle wieder so einförmig wie überall. Aber dennoch unterschied sie sich ihm ganz deutlich. Und auch als er an dem Klingelbrett neben der Haustür den Namen der Leute im ersten Stock linker Hand las und ihn als einen überall gebräuchlichen sand, unterschied er sich ihm von den vielen Schmitzens auf eine wunderbare Art. Dieses kleine Bild bringt der Mann also mit aus der Stadt nach Hause. Es gibt jetzt kaum Ammern im Walde. Sie suchen gern die Dörfer und Städte auf, die kleinen, zutraulichen und doch klugen und vorsichtigen Sommersänger. Mögen sie viele Weise dort finden! die Sterne waren ganz nah. Verantwortlich: Or. HanSTHyriot. — Druck und Derlag:Brühl'1che Univerlitäts-Duch» und Steindl ucker «i, R. Lange, Gieße». Das Wunder der Welt. Von Andre Baron Foelckersam. Spruch der Ahnen. Von Willy Arndt. Was wir empfingen und bewahrt, erblüht in dir und will zum Licht: der Väter und der Mütter Art, der Sippen Seele und Gesicht. Aus unsren Quellen fließt dein Saft, du trinkst mit jedem Atemzug und jedem Blick von unsrer Kraft, du leerest nimmermehr den Krug. Im Acker, den wir treu bestellt, stehst nun auch du in Reih und Glied und singst zum Grillenlaut im Feld mit uns das alte Bauernlied. Uraltem Blut und heilgem Land bist du verschworen und geweiht, und über dich und alle spannt sich Gottes große Ewigkeit. Podium vor dem Zelt, unbeweglich, bte Arme über der Brus gekreuzt. Plötzlich ries die Dame von der Kasse: „Komm, letzt .st die letzte Vorstellung!" Michael fühlte, wie sein Herz rasend und laut un Halse Wug. Er schlüpfte ins Zelt. Im Zelt war es sehr heiß Unter dem Dach brannten zwei riesige grelle Gaslampen Das Zelt war bis aus den letzten Platz besetzt. Vorne saßen die Leute, und in den hinteNten Reihen standen sie auf den Bänken, um besser sehen zu können Michael blieb unentschlossen am Eingang stehen. Er sah nur die Rucken der Menschen, eine undurchdringliche schwarze Wand. Er stellte sich auf die Fuß pitzen, aber auch jetzt konnte er nichts sehen. Aus der Mitte des Zeltes drang zu ihm die Stimme des kleinen Herrn: „Herr Almansor, das Wunder der Welt, wird jetzt einen Dolch, Länge 58 Zentimeter, schlucken Ich bitte die Herrschaften sich von der Echtheit der Waffe zu überzeugen!" Der Dolch wurde im Publikum hermgereicht, er wanderte von Hand zu Hand, Michael fah ihn im Licht der Gasflamme aufblitzen und wieder verschwinden. Ein leiser, immer stärker werdender Trommelwirbel ertönte und brach plötzlich ab. In der Stille, die letzt folgte, horte Michael nur das rasende Klopfen des eigenen Herzens und das laute Zischen der großen Gaslampen an der Decke des Zeltes. Ein erschüttertes Raunen ging durch das Publikum. Einige Mädchen kreischten auf. In der Mitte des Zeltes, hinter der dichtgedrängten Menge, ging etwas Unheimliches und Gefährliches vor sich. Die Spannung der Menge teilte sich Michael mit. Er Zitterte vor Erregung Er hie t Öen Atem an. Die Stille war unerträglich. Plötzlich wurde laut geklatscht. Ein Gefühl der Entspannung überfiel Michael. Er wagte sich zaghask vor, aber er wurde zurückgestoßen. Die Vorstellung ging weiter Michael hörte wieder die Stimme des kleinen Herrn, er sah einen Sabel blitzend von Hand zu Hand wandern, es folgte ein Trommelwirbel und brach plötzlich ab, und Michael hörte in der darauffolgenden Stille nur das rasende Klopfen seines Herzens .. , , . ... . Die Vorstellung war zu Ende. Das Publikum erhob sich und drängte zum Ausgang. Michael stand noch immer, heiß und verwirrt, auf der gleichen Stelle. Seine Wangen glühten. Er starrte auf die grellerleuchtete Mitte des Zeltes. Es war nichts zu sehen, als ein Stuck leeren, zertranipelten Rasens. Der Messerschlucker war verschwunden. Er hatte mit dem Leben gespielt, und nun war er verschwunden Der Menschen- strom, der zum Ausgang strebte, riß Michael mit sich. Einen Augenblick sah er die Dame an der Kasse. Sie hatte ihn erkannt und nickte ihm zu. „Run, roar’s schön?" Michael schwieg. Ein hilfloses Lächeln zuckte über sein Gesicht. Er blieb wie benommen vor dem Zelt stehen, er merkte nicht, wie die Menge sich zu zerstreuen begann. Draußen strich der Racht- wind durch die Bäume. Sie rauschten laut auf. Die Zelte hoben sich dunkel und still gegen das tiefe Blau des Himmels ab, die unzähligen bunten Lämpchen der Karussells und Schaukelboote waren erloschen. Das fahle und trübe Licht einer Straßenlaterne siel zitternd auf den stillen Rummelplatz. Dunkle Gestalten bewegten sich zwischen den Buden, ihre langen Schatten glitten hin und her. Michael stand noch immer vor dem Zelt. Von irgendwo hörte man eine grobe zornige Stimme, die laut in die Nacht gröhlte. Michael fror plötzlich. Er fühlte sich grenzenlos verlassen und unglücklich. Ec dachte an daheim. Jetzt wurde im Kinderzimmec schon die Milchglaslampe brennen, weiß und rund und ruhig. Wieder rauschte es in den Bäumen auf. Sie sahen tm grünlichen Licht der Straßenlaterne wie Gespenster aus. Etwas raschelte hinter Michael am Eingang des dunklen Zeltes. Wie gehetzt stürzte er davon. Er rannte, kaltes Entsetzen im Herzen, an den SchaukeGoo en vorüber. Einmal siel er hin und schlug sich das Knie blutig. Er lief weiter, der Straße entgegen. Aus einem Seitengang näherten sich fremde Schritte, er hastete vorüber. Eine Stimme rief: „Michaeli Und nochmals, ungläubig, und ganz tief vor Erstaunen: „Michael?!" Michael blieb stehen. Er warf den Kopf herum. Aus dem Dunkel kam Anna, die Köchin, auf ihn zugesegelt, mit wehendem Mullkle.d schwer und prächtig anzusehen, wie eine Brigg m voller Fahrt. Michael treckte die dünnen Arme nach ihr aus. Er konnte nicht sprechen. Seme Wangen zitterten. „Rein, so was, nein, so was!" rief Anna. Ausgeruckt ist er' Treibt sich nachts auf dem Rummelplatz herum, wenn das der Herr Vater erfährt ..." Michael preßte stumm seinen Kopf an ihren dicken, warmen Arm, jetzt konnte ihm nichts mehr geschehen. Anna war da, laut, warm und mächtig. Als sie ihn bei der Hand nahm und friedlich zankend mit ihm weiterging, schämte er sich nicht, daß er sich führen ließ als wäre er noch ein ganz kleiner Junge. Sie fuhren in der Straßenbahn heim. Michael saß still und schläfrig am Fenster. Er blickte hinaus. Draußen war die Nacht, schwarz und fremd. Die Eltern waren noch nicht heimgekommen. Michael ließ sich von der Köchin auskleiden, waschen und zu Bett bringen. Sie brachte ihm auch das Essen ans Bett, und während er seine Milch trank, saß sie an seinem Bett, streichelte seine Hand und sagte immer wieder: „Kind, Kind!" Nachdem er gegessen und gebetet hatte, deckte sie ihn zu, löschte das Licht und ging hinaus. Michael lag noch lange wach. Er hörte die Eltern heimkommen und er hörte, wie die Mutter leise ins Zimmer tpat und sich über sein Bett beugte. Michael lag ohne sich zu rühren mit geschlossenen Augen. Sein Herz klopfte schnell und laut. Er versuchte ruhig und langsam zu atmen, er fürchtete sich zu verraten. Als die Mutter gegangen war, lag Michael noch lange wach. Er lag in seinem schmalen weißlackierten Kinderbett, er hörte von nebenan das vertraute Ticken der großen Ehzimmeruhr, er fühlte sich geborgen und beschützt. Er sah den Messerschlucker vor sich stehen, unbeweglich, die Arme über die Brust gekreuzt, die hohe Schaf-Fellmütze über dem wachsgelben Gesicht, er hörte die Stimme des kleinen Herrn: „So spielt der Mensch mit seinem Leben, als ob es gar nichts wäre!" Als ob es gar nichts wäre, dachte Michael. Seine Gedanken begannen sich zu verwirren ... er hörte eine Melodie ... Almansor ... viele Melodien ... das Wunder, das Wunder der Welt ... er flog am Schaukelboot hoch in den warmen, tiefblauen Himmel, er schwebte fern über der Erde, und Beladen mit kreischenden, lachenden Menschen schwangen die bunten Boote der Lustschaukel durch die Abenddämmerung. An den Karusselln glitzerten unzählige bunte Lämpchen, die Melodien von Orchestrion, Drehorgel und Blechmusik dröhnten ineinander. Zwischen den Buden schob sich träge und erhitzt eine sonntäglich herausgeputzte Menschenmenge, staute sich vor den einzelnen Zelten, enggedrängt, gaffend und beseligt. Unaufhörlich klangen die schon heiser gewordenen Stimmen der Aus- ruser „Oh! Wie schön!" dachte Michael. Er stand, schmächtig, m seinem weißen Matrosenanzug in dem dampfenden Menschenknäuel und hielt seinen letzten Groschen in der kleinen, heißen Faust. Seme weihen Leinenschuhe waren schwarz vor Staub, und er hatte schon am frühen Nachmittag seine Mütze verloren. Manchmal sah er sich verängstigt um, als müßten plötzlich die Eltern auftauchen, um ihn entsetzt und wortlos heimzuführen. Aber die Eltern konnten ja noch nichts ahnen. Die fremden Menschen beachteten ihn nicht. Die Drehorgel kreischte. Den Kopf im Nacken, buchstabierte Michael das leuchtende Schild über dem Zelteingang: „Almansor, der Messerschlucker! Almansor das Wunder der Welt!" Auf dem erhöhten Vorbau des Zeltes stand em hagerer Mann mit einem wachsgelben Gesicht, in einer schwarzen, silberverzierten Phantasie-Uniform. Er stand unbeweglich, mit über der Brust gekreuzten Armen, eine hohe Schaffellmütze auf dem Kops, wahrend ein kleiner, kahlköpfiger Herr auf den unbeweglichen Mann deutend, ausrief: „Meine Herrschaften, so spielt der Mensch mit seinem Leben, als ob es gar nichts wäre!" . Michael starrte mit brennenden Augen dem Messerschlucker ms Gesicht, aber der fah über ihn hinweg, regungslos, ohne Wimperzucken, in den fahlen, verbleichenden Abendhimmel hinein. Michael preßte die Finger fest um das Groschenstück. Sechs Groschen hatte er besessen, als er seine Sparbüchse heimlich zerschlagen hatte. Fünfzig Pfennige hatte er ausgegeben, um auf der Riesenschaukel durch die Luft zu schwingen, die drei dicksten Männer der Welt zu sehen, und auf dem Karussell mit den weißen Schwänen zu fahren. Wenn die Eltern wüßten, daß er die Sparbüchse zertrümmert, mit dem erbeuteten Geld sich heimlich aus dem Hause geschlichen hatte und sich seit Stunden auf dem Rummelplatz herumtrieb! Vielleicht waren die Eltern schon heimgekehrt, vielleicht war die Köchin Anna, von ihrem Ausgang zurück, und alle liefen durchs Haus und suchten ihn! Nein, er wollte nicht daran denken! Bevor er den Messerschlucker gesehen hatte, ging er nicht heim. Der kahlköpfige Herr läutete mit einer großen Glocke. Michael blickte wieder zum Messerschlucker hinüber. Er war verschwunden. Die Menge strömte zur Kasse, an der eine dicke, rothaarige Dame sah. Michael stolperte erregt vorwärts. Da legte sich plötzlich eine schwere Hand auf seine Schulter. „Na, du!" rief eine strenge Männerstimme. Michael duckte sich, auf seiner Stirn standen kleine Schweißperlen, er wagte nicht, aufzusehen. Sicher war es jemand, der ihn erkannt hatte, zur Rede stellen wollte ... aber da war der Herr schon an ihm vorbeigegangen, und Michael merkte, daß er jetzt allein vor dem Zelt stand. Die Vorstellung hatte begonnen. Die dicke rothaarige Dame an der Kasse sah Michael sragend an. „Nun, junger Herr?" Michael öffnete die Faust. Sie war leer. Er hatte den Groschen im Gedränge verloren. „Ich hab kein Geld", sagte Michael. „Kein Geld?" wiederholte die Dame an der Kasse. „Kein Geld!" Sie schüttelte dabei ungläubig den Kopf und betrachtete ihn von oben bis unten. Michael machte verwirrt eine kleine höfliche Verbeugung. „Ich habe wirklich kein Geld." Er wandte sich zum Gehen. „Wart mal", rief die Dame herablassend. Sie winkte ihn zu sich, und bevor Michael etwas begriff, hatte sie ihm ein großes Bündel bunter Zettel in die Hand gedrückt. „Bist doch ein tüchtiger Junge, ja? Verteil' mal die Zettel, dann kannst du auch ohne Geld in die Vorstellung." Die Drehorgel kreischte. Michael stand mit den Zetteln vor dem Zelt. Er bot sie zuerst zaghaft den Vorübergehenden an, dann wurde er immer dreister. Es machte ihm plötzlich riesigen Spaß, die Zettel zu verteilen. Es mar dunkel geworden, funkelnd drehte sich das Riesenrad mit seinen Lichtern, die Musik war viel lauter als am Tag. Es schien, als sei der Rummelplatz ein Stern, der kreisend, in einer Wolke von Licht und Lärm gehüllt, in der lauen schwarzen Nacht hing. Michael vergaß an zuhause zu denken, er vergaß die Zeit. Menschen kamen und gingen, immer wieder stand der Messerschlucker auf dem