Eichener Zamilienblättn Unlerhaltungrbeilage zum Eichener Anzeiger Nummer 88 Freitag, den 15. November Jahrgang 1956 Ein Septembertag. Diese abgelegene Straße nti ftol Ich und sich Diese abgelegene Straße war sein Spazierweg, er ging in ihr wie in einer Stube, denn er traf hier niemals jemand. Zu beiden Seiten der Gehsteige waren Garten, in denen Bäume mit rotem und gelbem Laub bleiben? , . . , _ r Einige Tage. Nein, nicht lange. Ich muß wieder nach Hause. Ich danke Ihnen dafür, daß ich Sie begrüßen durfte, sagte er. Pause. . Ja, ich habe mich übrigens hier wohl verirrt, sagte ße wieder wohne im Hause des Kammerherrn; welchen Weg muß ich da gehen? Ich werde Sie begleiten, wenn ich darf. Copyright bg Albert Langen^Georg Müller Verlag,München 2. Fortsetzung. Sie gingen. Ist Otto daheim? fragte er, um etwas zu sagen. Ja, er ist daheim, antwortete sie kurz. . Aus einem Tor kamen ein paar Männer, sie trugen ein Klavier versperrten den Gehsteig, Victoria wich nach links aus, sie lehnte ganz an ihren Begleiter. Johannes sah sie an. Verzeihung, sagte sie. Ein Gefühl der Wollust durchfuhr ihn bei dieser Berührung, einen Augenblick lang lag ihr Atem auf feiner Wange. Ich sehe, Sie tragen einen Ring, sagte er. Und er lächelte und sah gleichgültig aus. Darf ich vielleicht Glück wünschen? Was würde sie antworten? Er sah sie nicht an, aber er verhielt den Atem. Und Sie? antwortete Victoria, haben Sie keinen Ring? Nein, nicht? Irgend jemand hat erzählt ... Man hört jetzt so viel von Ihnen in diesen Tagen, es steht in der Zeitung. Papier heraus. t ~r. ... Sehen Sie her! sagte sie schwer atmend. Ich habe es ausgeschnitten und aufgehoben. Sie dürfen es gerne erfahren, ich lese es immer abends. Das erstemal zeigte es Papa mir, und ich ging ans Fenster, um es zu lesen Wo ist es denn? ich finde es nicht, sagte ich und drehte die Zeitung um Aber ich fand es leicht und las es bereits, und ich war so froh. Ein Duft ihres Körpers stieg vom Papier auf; sie entfaltete es selbst und zeigte es ihm, es war eines seiner ersten Gedichte, vier kleine -oerle an sie an die Reiterin auf dem weißen Pferd. Es war das einfältige und heftige Geständnis eines Herzens, ein Ausbruch, der nicht zunm- gehalten werden konnte, sondern aus den Zeilen hervorsprang wie Sterne, wenn sie zu leuchten beginnen. Alle meine Gedichte sind an Sie gerichtet, nur einige wenige sind es nicht und die sind nicht gedruckt. Aber Sie haben wohl auch die gedruckten nicht gelesen. Jetzt habe ich ein großes Buch angefangen. Ach ja, mein Gott, wie dankbar bin ich Ihnen, denn ich bin so erfüllt von Ihnen, und das ist meine ganze Freude. Stets sah oder hörte ich etwas, das mich an Sie erinnerte, den ganzen Tag, auch in den Nächten. Ich habe Ihren Namen an die Decke geschrieben da liege ich dann und sehe hin; aber das Mädchen, das bei mir aufräümt, .sieht es nicht, ich habe es so klein geschrieben, um es für mich allein zu haben. Das ist eine gewisse Freude für mich. Sie wandte sich ab, öffnete ihr Kleid auf der Brust und zog em Stuck fA | A Geschichte einer Liebe von Knut Hamsun Weshalb geht Mctoria hier? Wie kann ihr Weg sie hier vorbeiführen? Er irrte sich nicht, sie war es, und vielleicht war ste es auch gewesen, die gestern abend hier vorbeiging, als er aus seinem Fenster sah. Sein Herz klopfte stark. Er wußte, daß Victoria in der Stadt war, das hatte er gehört; aber sie verkehrte in Kreisen, in die der Sohn des Müllers nicht kam. Auch mit Ditlef hatte er keine Verbindung. Er nahm sich zusammen und ging der Dame entgegen. Kannte sie ihn nicht? Ernst und gedankenvoll ging sie ihren Weg und trug den Kopf stolz auf ihrem schlanken Hals. Ich habe ein paar Gedichte geschrieben, antwortete er. Aber Sie haben sie wohl nicht gesehen. War es nicht ein ganzes Buch? Mir ist so ... Doch, es war auch ein kleines Buch. Sie kamen an einen Platz, sie hatte keine Eile, obwohl ste zu der Familie des Kammerherrn sollte, sie setzte sich auf eine Bank. Er blieb vor ihr stehen. _ ... . • Da reichte sie ihm plötzlich die Hand und sagte: Setzen Sie sich auch. Und erst, als er sich gesetzt hatte, ließ sie seine Hand los. Jetzt oder niemals! dachte er. Wieder versuchte er, einen scherzhaften und gleichgültigen Ton anzuschlagen, er lächelte, sah geradeaus in die ^Sost>^Sie sind verlobt und wollen es mir nicht einmal sagen. Mir, der daheim Ihr Nachbar ist. Sie überlegte. Das war es nicht gerade, worüber ich heute mit Ihnen sprechen wollte, antwortete sie. Er wurde aus einmal ernst und sagte leise: Ja, ja, ich begreife es trotzdem gut. Pause. Er fing wieder an: ... , ,, Natürlich wußte ich die ganze Zeit, daß es mir nichts helfen würde ..., ja, daß nicht ich ... Ich war nur der Sohn des Mullers, und Sie Natürlich ist es so. Und ich verstehe nicht einmal, daß ich letzt hier neben Ihnen zu sitzen und dies anzudeuten wage. Denn ich mußte vor Ihnen stehen, oder ich müßte auf den Knien liegen. Das wäre das Richtige. Aber es ist gleichsam ... Und alle diese Jahre, die ich sort- gewesen bin, haben auch das ihre dazu beigetragen. Es ist gleichsam, als wagte ich jetzt mehr, denn ich weiß ja, daß ich kein Kind mehr bin, und ich weiß auch, daß Sie mich nicht ins Gefängnis werfen können, wenn Sie wollten. Deshalb wage ich das zu sagen. Aber Sie dürfen mir deshalb nicht böse sein; ich will lieber schweigen.' Nein, reden Sie. Sagen Sie, was Sie sagen wollen. Darf ich das? Was ich will? Aber dann dürfte auch Ihr Ring mir nichts verbieten. Nein, antwortete sie leise, der verbietet Ihnen nichts. Nein. Wie? Ja, aber wieso denn? Gott segne Sie, Victoria, irre ich mich? Er sprang auf und beugte sich vyr, um ihr ins Gesicht zu sehen. Ich meine, bedeutet denn der Ring nichts? Setzen Sie sich wieder. Ach, Sie sollten nur wissen, wie ich an Sie gedacht habe; Herrgott, war denn jemals ein anderer kleiner Gedanke in meinem Herzen! Unter allen die ich sah, und unter allen, von denen ich wußte, waren Sie der einzige Mensch auf der Welt. Es war mir nicht möglich, etwas anderes zu denken als: Victoria ist die Schönste und Herrlichste, und sie kenne ich! Fräulein Victoria, dachte ich immer. Zwar wußte ich ja gut, daß niemand Ihnen ferner war als ich; aber ich kannte Sie, — ja, das war durchaus nicht zu wenig für mich —, wußte, daß Sie dort lebten und sich vielleicht manchmal meiner erinnerten Natürlich erinnerten Sie sich meiner nicht: aber an manchem Abend habe ich doch auf meinem Stuhl gesessen und gedacht, daß Sie sich mitunter meiner erinnerten. Und wissen Sie, dann öffnete sich gleichsam der Himmel vor mir, Fräulein Victoria, und dann schrieb ich Gedichte an Sie und kaufte Blumen für Sie für meine ganze Barschaft, und stellte sie zu Hause in ein Glas. “ gerichtet, nur einige wenige sind es -druckt. Aber Sie haben wohl Er grüßte. Guten Tag, antwortete sie ganz leise. . Sie machte keine Miene stehenzubleiben, und er ging stumm vorbei. Es zuckte in seinen Beinen. Am Ende der kleinen Straße kehrte er um, wie es seine Gewohnheit war. Ich wende meinen Blick nicht vorn Boden und sehe nicht auf, dachte er. Erst nach einigen Schritten sah er auf. Sie war vor einem Fenster stehengeblieben. Sollte er sich wegschleichen, in die nächste Straße? Weshalb stand sie da? Das Fenster war ärmlich, es war ein kleines Ladenfenster, in dem einige übereinandergelegte Stangen roter Seife zu sehen waren, Grütze in einem Glas und einige gebrauchte Briefmarken zum Verkauf. Vielleicht ging er noch ein paar Schritte weiter und kehrte dann um. Da sah sie ihn an, und plötzlich kommt sie ihm von neuem entgegen. Sie ging rasch, als habe sie sich ein Herz gefaßt, und als sie sprach, hatte sie Mühe, Atem zu holen. Sie lächelte nervös. Guten Tag. Wie nett, daß ich Sie treffe. Mein Gott, wie fein Herz kämpfte; es schlug nicht, es bebte. Er wollte etwas sagen, es gelang nicht, nur seine Lippen bewegten sich. Ihr Kleid strömte einen Duft aus, ihr gelbes Kleid, oder vielleicht war es ihr Mund. Er hatte in diesem Augenblick keinen Eindruck von ihrem Gesicht, aber er erkannte ihre seinen Schultern wieder und sah ihre lange schmale Hand auf dem Griff des Schirmes. Es war ihre rechte Hand. Die Hand trug einen Ring. ... , . , ,, „ . In den ersten Sekunden dachte er nicht darüber nach und hatte kein Gekühl von einem Unglück. Aber ihre Hand war wunderbar hübsch. Ich bin eine ganze Woche in der Stadt gewesen, suhr sie fort, aber ich habe Sie nicht gesehen. Doch, ich habe Sie einmal auf der Straße gesehen; irgend jemand sagte, daß Sie es seien. Sie sind so groß geworden. Er murmelte: m , ,. Ich wußte, daß Sie in der Stadt seien. Werden Ste lange hier- Ja, sagte er, das habe Ich geschrieben. Es ist so lange her. In einer Nacht, die Pappeln vor meinem Fenster rauschten so, da schrieb ich es. Nein, bewahren Sie es wirklich wieder auf? Dank! Sie bewahren es wieder auf. Oh! brach er aus, ergriffen, und feine Stimme war ganz leise: zu denken, daß Sie mir so nahe sitzen. Ich fühle Ihren Arm an den meinen, es strahlt eine Wärme von Ihnen aus. Oftmals, wenn ich allein war und an Sie dachte, stör ich vor Erregung; aber jetzt bin ich warm. Als ich das letztemal zu Hause war, waren Sie auch damals herrlich; aber jetzt find Sie noch herrlicher. Es find Ihre Augen und Ihre Augenbrauen, Ihr Lächeln —, nein, ich weiß es nicht, es ist alles zusammen, alles an Ihnen. Sie lächelte und sah ihn mit halb geschlossenen Augen an, es blaute dunkel unter den langen Wimpern. Sie hatte einen warmen Schimmer. Sie schien eine Beute der höchsten Freude zu sein und griff mit einer unbewußten Handbewegung nach ihm. Dank! sagte sie. Nein, Victoria, danken Sie mir nicht, antwortete er. Seine ganze Seele strömte ihr entgegen, und er wollte mehr sagen, mehr sagen; es waren verwirrte Ausbrüche, er war wie berauscht. Ja, aber Victoria, wenn Sie mich ein wenig gern haben ... Ich weiß es nicht, aber sagen Sie, es sei so, selbst wenn es nicht so wäre. Seien Sie lieb! Ach, ich möchte Ihnen versprechen, etwas zu werden, viel zu werden, unerhört viel beinahe. Sie ahnen nicht, was ich werden könnte; manchmal grüble ich darüber nach und weiß, daß ich ganz voll ungeschehener Taten bin. Oft strömt es aus mir aus, nachts gehe ich in meinem Zimmer umher und finge, weil ich von Gesichten erfüllt bin. Neben meinem Zimmer liegt ein Mann. Er kann nicht schlafen, er klopft an die Wand. Wenn der Morgen graut, kommt er zu mir herein und ist wütend. Das tut nichts, ich schere mich nicht um ihn; denn dann habe ich so lange an Sie gedacht, daß mir ist, als seien Sie bei mir. Ich gehe ans Fenster und singe, es fängt an, ein wenig hell zu werden, draußen rauschen die Pappeln. Gute Nacht! sage ich zum Tag. Das heißt zu Ihnen. Jetzt schläft sie, denke ich, gute Nacht, Gott segne sie! Dann lege ich mich nieder. So geht es Abend für Abend. Niemals aber habe ich geglaubt, daß Sie so herrlich wären, wie Sie sind. Jetzt werde ich mich Ihrer so erinnern, wenn Sie abreisen; so, wie Sie jetzt sind. Ich werde mich Ihrer so deutlich erinnern ... Kommen Sie nicht nach Hause? Nein. Ich bin nicht fertig. Doch, ich komme. Ich reise jetzt. Ich bin nicht fertig, aber ich will alles tun, was möglich ist. Gehen Sie manchmal daheim im Garten spazieren? Gehen Sie abends aus? Ich könnte Die sehen, ich könnte Sie vielleicht begrüßen, weiter will ich nichts. Aber wenn Sie mich ein wenig gern haben, wenn Sie mich ertragen, mich leiden mögen, so sagen Sie ... Machen Sie mir die Freude ... Es gibt eine Palme, die blüht nur einmal in ihrem Leben, und doch wird sie siebzig Jahre alt, es ist die Talipotpalme. Aber sie blüht nur einmal. Jetzt blühe ich. Ja, ich verschaffe mir Geld und reise heim. Ich verkaufe das, was ich geschrieben habe; ich schreibe nämlich an einem großen Buch, und das verkaufe ich jetzt, gleich morgen, alles, was ich fertig habe. Ich bekomme eine ganze Menge dafür. Möchten Sie denn, daß ich heimkomme? Dank, Dank! Verzeihen Sie mir, wenn ich zuviel hoffe, zuviel glaube, es ist so herrlich, ungewöhnlich viel zu glauben. Dies ist der glücklichste Tag, den ich erlebt habe ... Er nahm den Hut ab und legte ihn neben sich hin. Victoria sah sich um. Eine Dame kam die Straße herunter und weiter oben eine Frau mit einem Korb. Victoria wurde unruhig, sie griff nach ihrer Uhr. Müssen Sie jetzt gehen? fragte er. Sagen Sie etwas, ehe Sie gehen, lassen Sie mich Ihre Stimme hören ... Ich liebe Sie und sage das nun. Don Ihrer Antwort wird es abhängen, ob ich ... Ich stehe also ganz in Ihrer Macht. Was ontroorten Sie? Pause. Er läßt den Kopf sinken. Nein, sagen Sie es nicht! bat er. Nicht hier, erwiderte sie. Ich will es da unten tun. Sie gingen. Man sagt, daß Sie sich mit dem kleinen Mädchen, mit dem Mädchen, das Sie gerettet haben, verheiraten werden; wie heißt sie? Mit Camilla, meinen Sie? Camilla Seier. Man sagt, daß Sie sich mit ihr verheiraten werden. Soso. Warum fragen Sie danach? Sie ist noch nicht erwachsen. Ich bin in ihrem Heim gewesen, es ist so groß und reich, ein Schloß wie Ihr eigenes; ich bin oftmals dort gewesen. Nein, sie ist nicht erwachsen. Sie ist fünfzehn Jahre alt. Ich habe sie getroffen, wir sind zusammen gewesen. Sie hat mir sehr gefallen. Wie reizend sie ist! Ich werde mich nicht mit ihr verheiraten, sagte er. So, nicht. Er sah sie an. Ein Zucken lief über sein Gesicht. Aber weshalb sagen Sie das jetzt? Wollen Sie meine Aufmerksamkeit auf eine andere hinlenken? Sie ging mit raschen Schritten vorwärts und antwortete nicht. Sie befanden sich vor dem Haus des Kammerherrn. Sie nahm feine Hand und zog ihn mit ins Tor hinein, über die Treppe hinauf. Ich will nicht mit hinein, sagte er halb erstaunt, halb verwundert. Sie drückte auf die Glocke, wandte sich ihm zu, ihre Brust wogte. Ich liebe Sie, sagte sie. Verstehen Sie das? Sie sind es, den ich liebe. Plötzlich zog sie ihn hastig die Treppe wieder hinunter, drei, vier Stufen, schlang ihre Arme um ihn und küßte ihn. Sie bebte ihm entgegen. Sie sind es, den ich liebe, sagte sie. Oben wurde die Wohnungstür geöffnet. Sie riß sich los und eilte die Treppe hinaus. IV. Es geht auf den Morgen zu, der Tag graut, ein bläulicher zitternder Septembermorgen. In den Pappeln im Garten rauscht es sanft. Ein Fenster geht auf, ein Mann lehnt sich heraus und summt. Er hat keine Jacke an, er sieht in die Welt hinaus wie ein unbekleideter Irrer, der sich heute nacht in vollen Zügen am Glück berauscht hat. Plötzlich wendet er sich vom Fenster weg und blickt zu seiner Türe; es hat jemanö bei ihm angeklopft. Er ruft: Herein! Ein Mann tritt ein. Guten Morgen! sagt er zu dem Eintretenden. Es ist ein älterer Mann, er ist bleich und wütend und trägt eine Lampe, weil es noch nicht ganz hell ist. Ich möchte es Ihnen noch einmal anheimstellen, Herr Müller, Herr Johannes Müller, ob Sie das vernünftig finden, stammelt der Mann erbittert. Nein, antwortet Johannes, Sie haben recht. Ich habe etwas geschrieben, es fiel mir so leicht ein, sehen Sie, all das habe ich ge- schrieben, ich habe Glück gehabt heute nacht. Aber jetzt bin ich fertig. Ich öffnete das Fenster und fang ein wenig. Sie brüllten, sagt der Mann. Es war der lauteste Gesang, den ich je gehört habe, verstehen Sie. Und noch ist es mitten in der Nacht. Johannes greift in seine Papiere auf dem Tisch, nimmt eine Handvoll großer und kleiner Bogen. Sehen Sie her, ruft er. Ich sage Ihnen, noch niemals ist es mir so leicht geworden. Es war wie ein langer Blitz. Ich habe einmal einen Blitz gesehen, der an einem Telegraphendraht entlang fuhr, Gott schütze Sie, es sah aus wie ein Laken aus Feuer. So ist es mir heute nacht zugeströmt. Was soll ich tun? Ich glaube nicht, daß Sie noch böse auf mich fein werden, wenn Sie hören, wie es zusammenhängt. Ich saß hier und schrieb, hären Sie, ich rührte mich nicht; ich dachte an Sie und war still. Da kommt der Augenblick, da ich nicht mehr länger daran denken kann, es wollte meine Brust zersprengen, vielleicht stand ich da auf, vielleicht stand ich auch im Laus der Nacht noch einmal auf und ging einige Male im Zimmer umher. Ich war so froh. Ich hörte Sie heule nacht nicht so viel, sagt der Mann. Aber das ist vollkommen unverzeihlich von Ihnen, jetzt um diese Tageszeit das Fenster zu öffnen und derartig zu lärmen. Jawohl! Doch, das ist unverzeihlich. Aber jetzt habe ich es Ihnen erklärt. Ich habe eine Nacht ohnegleichen hinter mir, müssen Sie wissen. Ich habe gestern etwas erlebt. Ich gehe auf der Straße und begegne meinem Glück, oh, hären Sie doch, begegne meinem Stern und meinem Glück. Wissen Sie. und dann küßt sie mich. Ihr Mund war so rot, und ich liebe sie, sie küßt mich und berauscht mich. Hat ihr Mund jemals so stark gezittert, daß Sie nicht sprechen konnten? Ich konnte nicht sprechen, mein Herz durchschüttelte meinen ganzen Körper. Ich ging heim und fiel in Schlaf; hier saß ich auf diesem Stuhl und schlief. Als es Abend wurde, erwachte ich. Meine Seele schwankte auf und ab in mir vor Stimmung, und ich begann zu schreiben. Was ich schrieb? Hier ist es! Ich war von einem seltsamen und herrlichen Gedankengang beherrscht, die Himmel öffneten sich, es war gleichsam ein warmer Sommertag für meine Seele, ich erhielt Wein von einem Engel, ich trank ihn, es' war berauschender Wein, ich trank ihn aus einer Granatschale. Hörte ich, ob die Uhr schlug? Sah ich, daß die Lampe ausbrannte? Gebe Gott, Sie verstünden es! Ich durchlebte das Ganze noch einmal, wieder ging ich mit meiner Geliebten auf der Straße, und alle wandten sich nach mir um. Wir gingen in den Park, wir begegneten dem König, ich zog meinen Hut vor ihm bis zur Erde vor Freude, und der König wandte sich nach ihr um, nach meiner Geliebten, denn sie ist so groß und herrlich. Wir gingen wieder in die Stadt hinunter, und alle Schulkinder drehten sich nach ihr um, denn sie ist jung und trägt ein helles Kleid. Als wir an ein rotes Steinhaus tarnen, gingen wir hinein. Ich folgte ihr über die Treppe hinaus und wollte vor ihr niederknien. Da schlang sie die Arme um mich und küßte mich. Dies geschah mir gestern abend, länger ist es nicht her. Wenn Sie mich fragten, was ich geschrieben habe — es ist ein einziger unaufhörlicher Gesang an die Freude, an das Glück, den ich geschrieben habe. Es war gleichsam, als läge das Glück mit einem schlanken, lachenden Hals nackt da und wollte zu mir. Ja, ich will wirklich nicht mehr länger mit Ihnen schwätzen, sagt der Mann ärgerlich und verzweifelt. Ich habe zum letztenmal mit Ihnen gesprochen. Johannes hält ihn bei der Türe zurück. Warten Sie ein wenig. Nein, Sie hätten sehen sollen, wie Ihnen gerade gleichsam ein wenig Sonne über das Gesicht glitt. Ich sah es jetzt, da Sie sich umwandten, es war die Lampe, sie roarf einen Sonnenfleck auf Ihre Stirne. Sie waren nicht mehr so verbittert, ich sah es. Ich öffnete das Fenster, allerdings, ich fang zu laut. Ich war ein froher Bruder aller Menschen. So geht es einem manchmal. Der Verstand stirbt. Ich hätte bedenken sollen, daß Sie noch schliefen ... Die ganze Stadt schläft noch. Ja, es ist früh. Ich will Ihnen etwas schenken. Wollen Sie es annehmen? Es ist aus Silber, ich habe es selbst bekommen. Ein kleines Mädchen, das ich einmal gerettet habe, hat es mir geschenkt. Bitte schön! Es gehen zwanzig Zigaretten hinein. Sie wollen es nicht annehmen? Ja so, Sie rauchen nicht, aber das sollten Sie sich angewähnen. Darf ich morgen zu Ihnen hinüberkommen und mich entschuldigen? Ich möchte gerne etwas tun, Sie um Verzeihung bitten ... Gute Nacht. Gute Nacht. Ich werde mich jetzt hinlegen. Ich verspreche es Ihnen. Sie sollen keinen Laut mehr hören. Und in Zukunft will ich mich besser in acht nehmen. Der Mann ging. Johannes öffnet plötzlich die Türe wieder und fügt hinzu: Ja, richtig, ich reife jetzt ab. Ich vergaß es zu jagen. (Fortsetzung folgt.) Das Messer. Eine vorarlbergische Volkssage, nachgedichtet von Joses Friedrich Perkonig. Da hat im Schröcker Alpele ein Bauer zu seinen Hausleuten noch einige Burschen und Mädchen aufgeboten, es ist ein warmer Tag, und was die Mannsleute am Morgen mit der Sense niedergeworfen haben, das wenden die Mägde zu Mittag mit den Holzgabeln, und am Abend tft es ^°De?^Bauer ist allen voran, seine Sense hat den weitesten Schwung. Immer wenn er sich die Stirn mit der Hand trocknet, schaut er hinauf zu den Bergen, ob dort wohl nicht aus dem Dunst eine weihe Wolke geworden ist, und aus der weihen Wolke ein Unwetter. So ist das hier im Gebirg manchmal im Sommer: Hast auf die Sense acht, ob sie nocy schneidet, wunderst dich ein wenig über das steife Gras, gehst nut 6em Kumpf zum Brunnen, leierst ein wenig Wasser hinein, und schon schlagen ein paar Hagelkörner auf deine Haut. Schwarz steht ein Wetter über der Alp und es wird das schöne Heu nässen. Deswegen rastet der Bauer öfter als es der Leib verlangt, und lugt hinaus zu dem Berg. Es zeigt sich am hohen Mittag droben über dem Kamm richtig ein Wölklein. Da sagt der Bauer zu den Burschen: „Laht die Sensen und nehmt die Gabelnl" Das Heu möchte er noch einbringen vor dem Guß, die letzte Wiese soll noch stehen bis zum nächsten Morgen, Regen und Tau werden das Halmach schmeidiger machen. Jetzt schasst ein Bursch für zwei, und d.e Mägde glühen im Gesicht; es möcht keine von ihnen eine üble Nachred I)Qb®ie sie gerat) den letzten Wagen volladen, fällt ein arger Wind auf die Alp nieder, der kommt von der weißen Wolke droben und ist schnell wie ein Habicht. Er reiht an den Burschen, aber es steht jeder fest wie em Baum, nur eine dürre Magd drückt er an den Heuberg. Em Sausen ist in der Luft, da ruhen mit einemmal alle Gabeln. Die Männer legen den Kopf in das Genick, zu schauen, was für ein merkwürdiger Ton das ist, die Weiber ducken den Kopf zur Brust. . .. ... Da sehen denn Bauer und Knecht den Wirbel, wie er über die Alm herangebraust kommt, ist eine dunkle Säule, gewunden hoch Hinauf, wie links und rechts von dem Altar der rote Stein, nur bleibt er nicht an einem Ort macht feine verrückten Wege auf der Wiese hin und her, wie ein Geist, der aus dem Alpele etwas sucht, reiht ein Schüppel Heu m die Luft hinauf und ein paar Schritte weiter eine Heugabel, braust rund um den Heuwagen herum und rührt doch an keinen Menschen, als hatte der ^'iWer^mag sich darin verzaubert haben?, denkt ein Heuer, ist ein junger Knecht mit einem adlerscharfen Aug. Der glaubt nicht an die schnelle Lust, der meint in dem Wind etwas zu sehen, dem er keinen Namen geben kann Er zieht aus dem Knickertaschel sein Messer, und wie der Wirbel wieder hinter dem gegupsten Heuwagen vorkomint, da wirft er das Messer hinein ins dunkle Gebraus. Ist es nur Luft, wird ihm der Knicker nicht schaden, ist es etwas anderes, so hat es den gebührenden Gruh. Alle Männer haben die Klinge blitzen sehen, auf die Wiese fallt sie nicht mehr zurück. Es suchen Männer und Weiber das Messer, sie schauen sich die Augen aus nach ihm; einen rostigen Fingerhut klauben sie auf, ein Kettenglied, ein paar Nägel, aber keinen Knicker. Da haben sie wohl alle ihre Meinung, reden am Abend auch leise von der dunklen Luft, und sie lachen, weil der Tannberger Bursch fern Brot brechen muß, anstatt es zu schneiden, aber in der Heuzeit dauert so ein Verwundern nicht lang. Da muh ein Mensch heuen und schlafen und kann nicht träumen. Und später deckt das Jahr und alles merkwürdige Geschehen darin der Schnee zu. Im Frühjahr dann wollen ein paar Burschen in die Welt hinausschmecken, und der Tannenberger ist auch unter ihnen. Es steckt ihm in der hirschledernen Hose längst wieder ein Knicker, er denkt nicht mehr daran, wie er den letzten losgeworden ist. Die Burschen mögen in diesem Jahr nicht mehr mit dem Vieh auf der Alp übersömmern, mögen nicht die Wiesen niedersensen und das Heu werfen, auch die Holzarbeit verlockt sie nicht, so lustig und frei ein Holzhackerleben auch ist. Einige sind Steinhauer und Maurer, und die verführen die bäurischen Leute. Ist em leichtes Brot in der Fremde, heißt es einen Winter lang, mußt nicht deine Seel herausschinden wie auf dem Acker und im Wald; so etwas aber hört ein junges Blut immer gern. , Die Burschen wandern in fremdes Land hinein, der Himmel ist blau wie daheim, die Straße staubt wie daheim. Und da steht ein großmächtiges Wirtshaus an dem Weg, eben zu der Stund, da der Hals völlig trocken geworden ist. Beim Haustor geht es weit in einen kühlen Schatten hinein, jeder Schritt, jedes Wort hallt unter dem Gewölb, und es riecht nach einem warmen Herdfeuer. Abendlied. Von Willy Arndt. Acker ruht und Wiesengrund, kühler Halm und müdes Blatt. Stille singt mit leisem Mund, was der Lärm verschwiegen hat. Schließ die Augen, lausche du, wie die Stimme zu dir weht, und im Dunkel auf dich zu sanft der Atem Gottes geht. Schlafe, fchwebe auf im Raum, Löse dich in Licht und Klang — Mondhorn tönt in deinen Traum und der Sterne Lobgefang. Die Burschen rufen den Wirt und streifen in der Hauslaube herum, da hängen Bilder an der Wand von Negern und Indianern, von Elefanten und Antllopen, und auf einem Fenstersims liegt ein Messer. Der Tannberger hat es mit einem einzigen Blick eräugt und mit dem nächsten erkannt. Diesen Beingriff mit der geperlten Rose von einem starken Sechserbock kann nur sein Messer haben; ja, das ist sein Knicker, wie kommt der in dieses fremde Land und in dieses Wirtshaus? Er wiegt es noch auf der Hand, da ist der Wirt neben ihn getreten; ist ein breitschultriger Mann mit schwarzem Haar im roten Gesicht. „Kennst du das Messer?", erkundigt er sich. Dem Tannberger will die kalte Frag und das glühende Aug nicht gefallen. Wirft der Wirt vielleicht ein Netz aus? „Ich kenne es nicht", sagt der Bursch zurück. „Warum schaust du es so lang an?" „Den Griff hab ich geschätzt. Ist ein schönes Stück. Warum liegt es so frei herum?" „Vielleicht kommt einmal der vorüber, dem es gehört. „Es kann leicht sein. Wirst es ihm dann zurückgeben?" „Früher muß ich mit ihm abrechnen." „Hat er eine Schuld bei dir?" „Ich bei ihm." „Ist es möglich, daß ein Wirt einem Gast etwas auszahlt? Ich rede nicht gern davon, sollst es aber wissen. Meme Tochter ist im vorigen Sommer auf die freie Kunst ausgefahren. Magst so einem jungen Weibsbild widerraten wie du willst, es geht doch nach seinem Willen. Weiß Gott, was sie getrieben hat, mit diesem Messer im Leib ist sie heimgekommen und hat sich in der nämlichen Stund zum Sterben hingelegt. Jetzt such ich seinen Herrn, wird sich wohl einmal verraten, wenn er es ba ^Wi" man nur so ein Messer werfen kann?", wundert sich der Tann- berger, und es brennt ihm dann der Most im Hals. „Gehen mir!", treibt er die säumigen Burschen bald an. „Wir haben noch einen weiten Weg vor uns." Abend in Rheinsberg. Von S. D r o st e - H ü l s h o f f. Hinter den hohen Fichtenstämmen, die den kleinen See von Rheinsberg umgeben, schimmert der Himmel in dem blassen Rot, das die letzten Strahlen der untergehenden Sonne über den Horizont senden Es ist ein lauer, schöner Spätsommerabend. Unter den dichten, (ajatngen Bäumen des Parks dämmert es bereits und im Schloß, dessen nach dem Garten führende Fenster weit geöffnet sind, haben die Lakaien langst die zahllosen vielarmigen Wandleuchter und Kerzenluster entzündet Fast der ganze säulengeschmückte Bau mit den weit vorspringenden Flügeln strahlt hell erleuchtet zum abendlichen Fest. „Frederico tranquilhtatem colenti“ (dem der Ruhe pflegenden Friedrich) steht über dem Schloß- portal von Rheinsberg, das aus seinem langjährigen Dornröschenschlaf erwacht ist, feit Knobelsdorsfs Umbau es seiner Verwahrlosung entrissen und der preußische Kronprinz Friedrich mit feiner jungen Gemahlin Elisabeth Christine Einzug gehalten hat. Nun steht das märkische Landschloß reges Leben. Geistvolle Männer und schöne Frauen gehen aus und ein. Man vertreibt sich die Zeit mit der Aufführung von Theaterstücken und unterhält sich bei Musik, Bällen und Maskeraden Auch an diesem Abend hat man zunächst nach Herzenslust getanzt und die Musik der Flöten und Geigen hat mehrere Stunden lang in den dämmernden Park hinausgeklungen. Nun ist die Gesellschaft der Tänzer und Tänzerinnen müde geworden. Man sitzt im großen Saal in heiteren Gruppen beisammen, erfrischt sich an allerlei Leckereien, die von den Lakaien präsentiert werden, und unterhält sich in ungezwungener Weise Der Kronprinz wandert gemächlich durch den Saal Es ist ein Abend nach seinem Geschmack; da und dort bleibt er eine Weile bei einer Gruppe stehen, Bonmots, geistreiche Bemerkungen oder scharfe Witzworte fliegen hin und her. Nur an einer der Wandnischen geht er stets vorüber, ohne den Schritt zu hemmen. Dort sitzt die junge Kronprinzessin mit ihren Damen und ihrem Kammerherrn, dem Grafen Lehnsdorff. Sie sieht ehr hübsch aus an diesem Abend, die blaßgrüne Brokatrobe kleidet sie gut und hebt die zarten Farben ihres Gesichts und ihr gepudertes Haar schimmert seidig im weichen Schein der vielen Kerzen. Ihr Blick folgt unentwegt der schlanken Gestalt des Kronprinzen, doch dieser scheint davon nichts zu bemerken. Er sieht immer an der Nische vorbei und weiß ein Gespräch mit seiner Gemahlin geschickt zu vermeiden. Man ist dieses Verhalten in Rheinsberg längst gewohnt. Man kennt das wenig herzliche Verhältnis des Kronprinzen zu seiner Gattm, weiß, daß er stets nur ungern und zögernd an sie — deren Sprachfehler eine Unterhaltung allerdings oft sehr erschwert — das Wort zu richten pflegt, und niemand achtet mehr sonderlich daraus. Am großen Kamin, wo einige junge Offiziere Platz genommen haben, hat man em lustiges Spiel ausgeheckt. Man schreibt kleine, zärtliche, scherzhafte Brieschen, auf schmale Papierftreifen immer nur ein paar Worte, die aber meist sehr inhaltsreich sind. Diese Billetts müssen die Pagen als kleine Postillons d’amour zu den Damen tragen, denen man etwas zu sagen hat, das von der übrigen Gesellschaft nicht gehört werden soll. Die kleine Tändelei findet großen Anklang und die Pagen haben alle Mühe, die hin und her gesandten Briefchen richtig zu bestellen. Auch dem Kronprinzen gefallt tue Sache. Drüben am Fenster lehnt die junge bildhübsche brünette Komtesse Finette Tettau. Ihr braunen Augen lachen herüber, und der Kronprinz ergreift rasch den Federkiel, schreibt in seiner zierlichen Handschrift einige zärtliche huldiaende Worte auf einen Papierstreifen, faltet ihn und übergibt dem Pagen das Billett. Doch dieser scheint den ihm erteilten Befehl falsch verstanden zu haben. Er läuft quer durch den Saat — aber nicht zum Fenster, wo Finette Tettau steht, sondern zu der daneben liegenden Nische, in der sich die Kronprinzessin befindet und halt dieser das Briefchen entgegen. . Die Kronprinzessin hat den Vorgang genau verfolgt, ein freudiges Rot färbt ihre Wangen, sie greift hastig nach dem Blast Do verdunkelt ein Schatten die kleine Nische. Kronprinz Friedrich ist mit wenigen Schritten herübergeeilt, steht vor der Kronprinzessin. Seine großen blauen Augen flammen vor Erregung, er stößt den Pagen derb zur Seite, reißt das Briefchen aus den Händen seiner Gemahlin und übergibt es der Komtesse Tettau. Die Kronprinzessin weicht erschrocken zurück, sie ist ganz blaß geworden und zittert und ihre leeren Hände sinken herab. Finette Tettau aber springt empört auf, reißt den Brief des Kronprinzen ungeöffnet in kleine Fetzen, wirft ihm diese kurzerhand vor die Füße und wendet sich verächtlich ab. Auf das Gefolge und die Gäste wirkt die Szene wie ein Donnerschlag. Alle verstummten, es ist so still, daß man eine Nadel fallen hären könnte. Dem Kronprinzen kommt sein brutales, ungehöriges Benehmen plötzlich zum Bewußtsein, er beißt sich heftig auf die Lippen und verbeugt sich tief vor seiner Gemahlin: „Madame, ich bitte um Verzeihung ..." Für eine Sekunde begegnen seine Augen den ihren, die voll Tränen stehen, in Scheu und Verlegenheit. Doch die junge Kronprinzessin sagt nichts. Sie kämpft ihre Aufregung tapfer nieder und neigt nur lächelnd das Haupt. Und den Kronprinzen, der sich seines Unrechts sehr wohl bewußt ist, flößt ihre Haltung unwillkürlich Achtung ein und die Verneigung, mit der er zurücktritt, fällt viel tiefer aus, als er beabsichtigt hat. Er geht wieder zu den Offizieren hinüber, doch die heitere Stimmung ist gestört. Die unbekümmerte Fröhlichkeit von vorhin will nicht mehr aufkommen und nach einigen steifen, gezwungenen Sätzen schreitet der Kronprinz allein aus dem Saal und hinaus in den Park. Bald darauf erhebt sich auch die Kronprinzessin, um sich in ihre Gemächer zu begeben und dies ist auch für die Gäste das Zeichen, sich zurückzuziehen. In kurzer Zeit sind die strahlenden Gemächer leer und die Dienerschaft verlöscht die Lichter. Der Kronprinz beobachtet vom Park aus, wie ein Fenster nach dem anderen dunkel wird. Langsam durchmißt er die sandbestreuten Parkwege. Es ist völlige Nacht, Grillen zirpen und der Schein des halben Mondes, der am Himmel steht, zeichnet scharf abgegrenzte, tiefschwarze Schatten auf den hellen Kies. Tief int Park befindet sich nicht weit vom See ein kleiner Tempel. Er ist der Freundschaft gewidmet und mit Sprüchen geziert. Das Mondlicht läßt deutlich einen der Verse erkennen: „... l’amour est le fils de la folie-et l’amitie kille de la raison ..." Der Blick des Kronprinzen gleitet über die Zeilen. „Die Liebe ist ein Kind der Tollheit und die Freundschaft die Tochter der Vernunft" — er zuckt leicht die Achseln, wendet sich ab und geht den Weg zurück, den er gekommen ist. Seine Gedanken kreisen unausgesetzt um seine Gemahlin. Biel Bitterkeit und Anklagen gegen alle jene, die seine verfehlte Ehe zustandegebracht und ihn mit allen Mitteln dazu gezwungen haben, sich gegen seinen Willen mit Elisabeth Christine zu verbinden, erfüllen diese Gedanken. Wohl erkennt er die vielen guten Eigenschaften seiner jungen Gemahlin. Aber seine leidenschaftliche Abneigung gegen allen Zwang und alle Bevormundung läßt ihn feine Ehe wie eine drückende Fessel empfinden, sie vergröbert und verzerrt in seinen Augen manche kleinen Mängel und Ungeschicklichkeiten der jungen Prinzessin und macht ihn reizbar, ungerecht und unduldsam. Der Kronprinz seufzt leise. Er läßt sich auf eine Steinbank unweit des Schlosses nieder und blickt lange hinüber auf den int Mondsicht schimmernden See. Am Fenster ihres Gemaches lehnt int Dunkeln die junge Kronprinzessin. Sie sieht den Kronprinzen auf der Bank sitzen und verfolgt mit brennenden Augen jede seiner Bewegungen. Ihr Frauengefühl verrät ihr, daß der Mann da unten mit einer Entscheidung ringt. Nun erhebt er sich und begibt sich ins Schloß. Die Kronprinzessin lauscht hinter der geschlossenen Tür. Sie hört seine raschen, leichten Schritte am Ende des Ganges, die Absätze der Schnallenschuhe klappen leise auf den steinernen Fliesen. Die Schritte kommen näher, werden langsam — zögernd. Dicht vor der Tür, die zum Gemach seiner Gemahlin führt, verhält der Kronprinz den Schritt. Der lauschenden Frau hinter der Tür klopft das Herz zum Zerspringen, heftig preßt sie beide Hände gegen die Brust. Zwei, drei Sekunden vergehen. Dann ertönt wieder der leichte Schritt, er entfernt sich von der Tür, zuerst zögernd, dann schttell — wie auf der Flucht. Da läßt Elisabeth Christine müde die Hände sinken. Sie weiß nun mit unumstößlicher Gewißheit, daß Kronprinz Friedrich nie im Leben den Weg zu ihr finden wird. O:e deutsche Stadt der Bronzezeit. Von Dr. R. F r a n c 6. Wenn man von Pfahlbaudörfern hört, glaubt man sich im allerersten Frühdämmer jeder Kultur zu befinden. Man denkt an Halbmenschen. Kannibalen, an ein düsteres, unsäglich primitives Dasein, das von dem unseren entfernt ist wie Nacht von dem strahlenden Tag. Aber wer solches glaubt, der weiß von einem wunderbaren Kreis prachtvoller Forschungen nichts, die in den letzten Jahren das Bild der deutschen Vorgeschichte gründlich änderten. Die deutschen Pfahlbaudörfer der Bronzezeit, wie sie zum Beispiel am Bodensee, in der Schweiz, am Hallstätter- und im Salzkammergut erhalten sind, darf man sich nach ihnen nicht mehr primitiv vorstellen. Cs gab da welche, die auf trockenem Boden angelegt, sich zu Städten mit wahren Gassen zusammenschlossen und, mit Wällen umgeben, nichts anderes als das Vorbild der mittelalterlichen Stadt sind. In solchen Städten lebten Menschen, die sich körperlich von den Deutschen des Mittelalters nicht unterfdjieben. Nicht einmal in ihrer Kleidung waren sie wesentlich anders. In dänischen Eichensärgen sind uns die Wollkleider dieser Bevölkerung erhalten geblieben; die Männer trugen Manteljacken, die bis zum Knie reichten und durch einen Gürtel mit Endquasten zusammen gehalten wurden. Sie trugen einen mit Fransen verzierten Schal um den Hals und hatten runde Kappen oder hohe Mützen. Die Frauen der Bronzezeit hatten das kleidsame Kostüm von Rock und Jacke bereits erfunden; die Haare bargen sie in einem zierlichen Haarnetz, und an Schmuck scheinen die meisten von ihnen reicher gewesen zu sein als die Frauen von heute. Spiralfingerringe, Armbänder, Hals- ringe, Schmuck als Gürtelbesitz, Diademe, breite Anhänger aus lauterem Gold, Bernsteinketten genau in der heutigen Form, alles das trug eine Herrin aus dem zweiten oder dritten Jahrtausend vor unserer Zeit- rechnung. Auch Glas, namentlich farbige Glasperlen, kannte man schon und als Kostbarstes Eisenringe, denn Eisen war damals selten wie heute Diamanten. Diese Bürger und Bauern der Bronzezeit fuhren bereits in Wagen, und es mutet aus manchem an, als fei das Rad gerade damals die letzte Erfindung gewesen. Denn Wagenabbildungen kehren sehr häupg aus bronzezeitlichen Felszeichnungen wieder, und dies damals zuerst auf- tretende Hakenkreuz, als Sonnenrad und hohes religiöses Symbol, deutet auf besondere Wertschätzung des Rades. Vielleicht der merkwürdigste Wagen der ganzen Kulturgeschichte ist das ein Drittel Meter lange Bronzewägelchen, das man bei Judenburg in der Steiermark gefunden hat. Prachtvoll modelliert ist darauf eine ganze Gesellschaft von Kriegern und Jägern, die ihre Beile schwingen und offenbar eine Opferschale beschützen. In der Stadt der Bronzezeit gab es bereits allerhand Gewerbe. Heimische „Bronzegieher" standen sicher in höchstem Ansehen und waren wohlhabend, denn in ihren heimlich vergrabenen Lagern findet man oft mehrere hundert Bronzeschwerter und sonstige Geräte, auch ganze Goldschätze. Weberei, Töpferei, alle einfachen Gewerbe sind bereits ausgebildet; es fehlte nicht einmal an Musikanten. Zu Kopenhagen kann man heute noch Konzerten von Lusenbläsern beiwohnen, die dasselbe Schallhorn handhaben, das besonderen Wohllaut und Tonfülle in sich einigt, das man fast in gleicher Gestalt in nordischen Bronzegräbern findet. Besonders ausgedehnt war Verkehr und Handel zur Bronzezeit. Von Ort zu Ort, von Land zu Land zogen wohlgebaute Straßen in ganz Deutschland. Man findet überall Gegenstände, die nur von weither durch den Handel dorthin gelangt fein können. Es fehlt an den Küsten nicht an Ruderbooten, die mit ihren hohen Steven und ihrer zahlreichen Besatzung auf weite Fahrten schließen lassen. Merkwürdigerweise scheint das Segel in diesem altnordischen Kulturkreis unbekannt gewesen zu sein. In den Schweizer Pfahlbauten hat man auch das erste Geld gefunden, dessen sich der Europäer bediente; es hat kennzeichnenderweise die Gestalt von bronzenen Doppelbeilen. Später nahm es die praktischere Gestalt von Bronzeringen an, die auf besonderen Schlüsselhaken angereiht wurden. Was wurde mit diesem Geld erkauft? Vor allem immer wieder Bronze, die deutsch Erz genannt wurde, indem wir etwas, was als besonders ausgezeichnet, freilich auch als uralt hingestellt werden soll, mit dem alten Wert für Bronze bezeichnen. Die Erzväter und Erzengel der biblischen Geschichte, das „Erzhaus Oesterreichs" mit feinen Crz- herzögen, hat so keine Beziehungen zur Urgeschichte der Menschheit, freilich auch die befremdlichen Bezeichnungen eines Erzlügners und Erzschelms. Wichtige Handelsgegenstände waren auch Gold, der hochgeschätzte geheimnisvolle Schmuck des Bernsteins und das Salz. Salz war so wichtig, daß gerade um die reichen Salzlagerstätten in den Alpen die Bronzekultur aufblühte, namentlich im oberösterreichischen Salzorte Hallstatt. Dort, wo heute am ernsten, düsteren Hallstätter See sich nur eine kleine Siedlung drängt, begann vor dreitausend Jahren die Glanzzeit einer gewaltigen trefflich befestigten Stadt, von der uns freilich nicht mehr erhalten ist, als ein stundenweit ausgedehntes Gräberfeld, die Stellen eines vorgeschichtlichen Salzbergwerkes und an 25 000 Fundstücke, die uns erzählen, daß jene Stadt ein Leben voll Luxus und Reichtum führte, in dem aber langsam das Eisen an die Stelle der Bronze trat. Man fand in den Ländern rings um Hallstatt Prunkeimer mit eingravierten Darstellungen aus dem Hallstattleben, die uns häusliche und Straßenszenen vorführen, die ebenso gut in Athen oder Sidon, in manchem sogar in einer heutigen Stadt sich abspielen könnten. Da wanderten Krieger mit Helm, Speer und Schild, wie sie Homer beschreibt; in zweirädrigen Karren, nach Art der antiken Streitwagen, kutschieren Herren und lenken prächtig angeschirrte Pferde. Der Diener steht auf dem Trittbrett hinten wie auf einer Prachtkarosse der Rokokozeit. Würdige Männer mit langem Mantel und breitkrempigem Hut schreiten dahin wie zu einer Gerichtssitzung, und einer trägt ein mächtiges Schwert, einen wahren Doppelhänder, als wäre er der Henker. Frauen mit wallenden Schleiern, deren größte Schönheit allerdings in ihrer ßangnäfigteit besteht, tragen Urnen und Körbe auf dem Kopfe. In einer drolligen Gruppe wirft ein wie ein Priester gekleideter Mann Räucherwerk in eine mächtige Urne, und ein Zuschauer hält sich pietätlos die Nase zu. In behaglichem Lehnstuhl überwacht ein Besitzer die Tätigkeit seiner Arbeiter. Der Bauer, den Pflug über den Rücken geschultert, treibt das Vieh heimwärts; Jäger, begleitet von gewaltigen Hunden, tragen an langen Stangen die Beute nach Haufe, und so spricht aus hundert Szenen zu uns ein behäbiges und reiches bürgerliches Leben, dem es besonderes Kolorit verleiht, daß seine Träger' in namenloser Urzeit ruhen und keine Geschichtsangabe außer ihren eigenen Werken und Gebeinen mehr von ihnen zeugt. Diese Hallstattmenschen sind teils weggewandert, teils mit Kelten und Germanen verschmolzen, ihre Kultur ist auf sie und durch sie auf uns und die Gegenwart übergegangen. Es ist ein und dieselbe Linie, die da von den Urzeiten zu uns herüberreicht. Die Bronzezeit gehört so wie die Halbeisenzeit der Hallstattmenschen zu unserer Kultur, und alle großen Kulturbegriffe haben dort ihren Anfang genommen. Es ist eigentlich ein wunderbarer Zusammenhang, und man kann die Gegenwart nicht ridjtig verstehen, wenn man nicht von diesen ältesten Zusammenhängen weiß. verantwortlich: Or. HansThyriot. — Druck und 2) erlag: Drühl'sche Universitäts-Buch» und Steindruckerei, 2d. Lange, Gießen.