Eichener Zamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Nummer 55 Montag, den 13. Juli Jahrgang 1956 Oie Fahrt nach öer Ahnfrau Erzählung von Paul Fechter „Die Reise von Königsberg nach ^sprach nicht. Der Pfarrer aber fuhr halb für sich twas Besonderes um dieses Leben und die Fügung. hieß: Was nun? Der Pfarrer Mallett« lächelte: Danzig hättest du dir sparen können. Der Doktor nüber' ' fort: „Es ist schon etwas Besonderes um dieses Leben und die Fügung. Er will die Missetat der Väter Heimsuchen an den Kindern bis ins dritte . ' -- - «- «- -----t ver- und vierte Glied — und hilft dann selber, den Fluch in Segen zu wandeln Er will wirklich nicht noch einmal im Enkel die still oder laut redenden Züge des Ahnherrn sehn. Einen von euch muß er sehr lieben — aber ich glaube, du bist es nicht." . „Es ist wirklich merkwürdig", sagte der Doktor, leerte fern Glas und sah von neuem in die Blätter. „Ja — es könnte der Bericht von deiner, sagen mir, Uebereiltheit sein, wcnn's nicht von deinem Urgroßvater handelte." „Daß die auch Regina hieß", sagte kopfschüttelnd Georg Ebener und suchte den Anfang der Geschichte. „Es ist beinahe unheimlich — solch „Es gibt in diesen Dingen keinen Zufall, mein Lieber", sagte der Pfarrer und steckte sich eine neue Zigarre an; „hier spricht zur Hälfte Schicksal und zur Hälfte Gnade. Schicksal ist, daß in dir der Ahnherr wieder aufbricht, der alte Danziger Kaufherr und Reeder Johann Benedikt Ebener, der genau so hastig und unüberlegt in seinen Gefühlen war, wie du es wieder bist, und genau so sinn- und grundlos in das Leben einer Frau einbrach, wie du es beinahe wörtlich ebenso getan hättest. Gnade ist, daß Gott mich zur rechten Zeit in diesen Ablauf des Lebens eingeschaltet hat. Als ich dir da den Bericht schickte von dem Fund unter den Brautbriefen meiner Urgroßmutter, da war ich noch im Zweifel, ob der wirklich von deinem Urgroßvater handelte; denn der Name ist nicht ausgeschrieben, und es hat viele Johann Benedikts in jener Zeit gegeben. Jetzt, da ich dich so vor mir sehe, bin ich mir völlig im klaren. Das Leben muß alles Falsche offenbar so lange wiederholen, das Verkehrte muß so lange immer von neuem gelebt werden, bis es einmal von einem etwas erleuchteteren Träger des Schicksals richtig gelebt und damit aufgehoben werden kann. Du bist wahrlich kein Erleuchteter, aber Gott will offenbar durch dich dies Erbgreuel eures Hauses aus der Welt Copyright 1935 by Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart 9. Fortsetzung. Er ließ sie nicht aufkommen, stellte die Erinnerung an das nächtliche Zwiegespräch dagegen und sah doch wieder eine blauschimmernde Gestalt über den Gischt der Wellen fliegen, hörte einen jubelnden Schrei, der an allem schuld war, und wußte nicht, wie er aus alledem herauskommen ^Dann kam der Pfarrer Malletke. Er hatte bereits gegessen, billigte aber den gewählten Rotwein und beteiligte sich an ihm. Er betrachtete sein Gegenüber mit den kritischen Augen des erfahrenen Seelsorgers, und als sie die zweite Flasche bestellt hatten, faßte er sich em Herz und fragte den einstigen Schulbankgefährten, was ihm denn eigentlich wäre. Denn ihm wäre doch etwas. Dem Doktor Ebener war noch nicht nach Beichten zumute. Aber im weiteren Verlauf des Abends und des Weines erzählte er Stuck für Stück die Geschichte seiner Ahnenreise und berichtete zuletzt, wenn auch in knappen Andeutungen, sogar die Ereignisse von der Kurischen Nehrung. Der Pfarrer Malletke hörte schweigend und rauchend zu. Dann sah er sein Gegenüber scharf an. „Hast du meinen Brief nach Königsberg nicht bekommen?" , „ , ,, ,, Georg Ebener faßte nach seiner Brusttasche. „Den hab ich ganz vergessen — hier ist er. Uneröffnet." _ „ „ Der Pfarrer zuckte die Achseln und lachld kurz. „Gott meint es gut m Und als der andere ihn erstaunt ansah, fuhr er fort: „Weil er mich heute abend zufällig zu Hause sein ließ, als du anriefst. Jetzt lies den 2)er Doktor machte ein noch erstaunteres Gesicht. „Hat das nicht Zeit bis nachher?" „ Aber der Pfarrer Malletke sagte kurz und sachlich: „Nein. Da öffnete der Doktor das Schreiben und las es. Es war ein langer Brief; der Pfarrer leerte, während der andere Blatt um Blatt beiseite legte, langsam und bedächtig sein frisch gefülltes Glas Der Doktor Ebener vergaß das Trinken, und als er das letzte Blatt senkte, atmete er tief und sah den andern mit einem Blick an, der schaffen und den armen Reginas Ruhe vor euren ungezähmten Gefühlen verschaffen." Der Doktor sah vor sich hin. „Ohne jeden Grund ist der Kerl aus- gerissen", sagte er. „Meinst du dich oder deinen Urgroßvater?" fragte Malletke. „Ihn, ihn", erwiderte der Doktor. Aber der Pfarrer sagte: „Du bist um nichts besser und hast genau so im Garten der Liebe gehaust wie der. Er hatte sogar noch die Entschuldigung eines strengeren Jahrhunderts: er sah, als er heimkam, seine Frau durch die Glastür mit einem fremden Mann Hand in Hand vor dem Spiegel stehen, machte kehrt und ging und kam nicht heim, bis sie das Haus verlassen hatte. Er nahm keinen Brief an — selbst das hast du von ihm geerbt; du hast meinen auch ungelesen in die Tasche gesteckt. Es hat keiner gewagt, ihm zu sagen, daß der Fremde ein Bruder von ihr war, der als Junge nicht gut getan hatte, nach Schweden gegangen war und für wenige Stunden von seinem Kriegsschiff Urlaub nach Danzig bekommen hatte. Wenn es ihm einer gesagt hätte, hätte er’s natürlich auch nicht geglaubt, und als er's glaubte und sie zurückrufen wollte, war es zu spät: da lag sie in Marienburg auf dem Friedhof." . Der Doktor fühlte, wie sein Herz plötzlich aussetzte. An die Wirkungen seiner plötzlichen Abreise auf das ahnungslose Opfer seiner Eifersucht hatte er noch gar nicht gedacht. Der Pfarrer schien zu fühlen, was in ihm vorging. „So schlimm wird es nicht fein. Wir sind nicht mehr, wie die Leute von damals waren, wenn wir sie auch noch alle in uns haben. Und dann sollst du wohl eben den Ahnherrn in dir erlösen, an einer anderen Regina gutmachen, was der Vorfahr an der seinen gesündigt hat. Sonst hätte ich nicht drei Tage vor deiner Dummheit" — jetzt sagte er ruhig Dummheit, die zweite Flasche war teer — „das Bedürfnis gespürt, die alten Briefe endlich einmal zu lesen; ich hätte nicht den Bericht über das seltsame Ereignis gesunden, das damals offenbar die Herzen der Danziger stark bewegt hat; dann hätte Er mich überhaupt nicht mit allem so in dein Dasein verwoben, wenn ich nicht helfen sollte, diese Wirrnis zu lösen und mitzuarbeiten daran, daß dieses alte Schicksal endlich aus der Welt hinausgelebt wird." Der Doktor winkte dem Küfer und bestellte eine neue Flasche. Der Pfarrer schüttelte den Kopf: „Es ist eigentlich genug; aber dich hat er heute an Dinge stoßen lassen, von denen viele ihr Leben lang nichts ahnen, und wenn die Angst vor der Tiefe kommt, dann hilft euch wohl nur der tröstliche Wein." „Euch?" fragte der Doktor. Der Pfarrer nickte. „Ihr wollt ,a von alledem sonst nichts wissen. Höchstens naturwissenschaftlich verdünnt, als Erbgut, und so laßt ihr s gerade noch gelten. Was wir (eben, darüber lächelt ihr — selbst wenn es euch einmal so zu sich hinllberzieht wie dich jetzt diese Erfahrung. Es schadet auch nichts. Die Hauptsache ist, daß es überhaupt noch Menschen gibt, die darum wissen." Er leerte sein Glas. „Und was nun?" Der Doktor machte ein verzweifeltes Gesicht und zuckte die Achseln. „Das ist leicht", sagte der Pfarrer Malletke. „Es mutz aber etwas geschehen. Stell dir mal die zwei Tage für das Mädchen vor. Wie willst du das wieder gutmachen?" „Beichten", sagte der Doktor dumpf. „ Sehr bequem", lachte der andere, „und sie soll dich lossprechen. Hinfahren", steigerte sich Georg Ebener. Wenn ich sie wäre, würde ich dich gar nicht empfangen , meinte iicr Pfarrer Der Doktor zuckte wieder die Achseln. Er hatte mit verunglückten Seelen weniger Erfahrung als mit verunglückten Körpern. Das beste ist", sagte Malletke, „du schreibst ihr sofort nach Insterburg. Der Doktor zuckte wiec Seelen weniger Erfahrung Das beste ist" fagte ,,— , - . - Entschuldigst deine plötzliche Abreise mit irgendeiner Nachricht, die du vorgefunden hättest und die dich nach Danzig trieb. Meinetwegen sage, es war ein Brief von mir." 7,Dani?fährst du hin und bringst die Sache in Ordnung." Georg Ebener saß plötzlich wieder verbissen da und sah sein Gegenüber beinahe zornig an. „Und wenn sie nicht will?" Der Pfarrer lachte: „Dann mußt du es auch hinnehmen. Aber sie “’^Der^andere behielt sein verbissenes Gesicht: „Und der junge Mann? „Welcher junge Mann?" . Der da unter ihrem Fenster stand und rief? Der Pfarrer Malletke sah seinen einstigen Schulkameraden eine Weile schweigend an. „Nun bist du glücklich wieder da angekommen, wo wir anfinqen. Nach zwei Stunden. Du Narr — traust du dir so wenig zu daß du vor einem Knaben flüchtest, von dem du nicht einmal weißt, ob es nicht auch ein Bruder Reginas ist?" ,, Der Doktor lächelte spöttisch: „Deine Parallele geht etwas zu weit. Aber der Pfarrer ließ sich so nicht schlagen. „Denk mal nach, mein Lieber, ob du nicht schon einmal beinahe eifersüchtig aus einen Bruder derselben jungen Dame warst. Mir schien es so. Und sie hat wirklich mehrere Brüder. Aber jetzt schreib. Der Bries muh mit dem Zug um elf mit. Wir bringen ihn selber hin." Dieser klaren Anordnung muhte der Doktor sich fügen. Das Schreiben ging sehr langsam; aber der Psarrer half ihm, und dann brachen sie auf und gingen über den Langen Markt, über dem ein blauer, noch vom letzten Abendlicht durchhellter Himmel hing, durch die Langgasfe am Dominikswall entlang zum Bahnhof und steckten den Bries sorgfältig in den Briefkasten des Postwagens. Der -gelbe Mond schien fahl und beinahe noch voll zwischen den elektrischen Bogenlampen hindurch; der Doktor sah ihn nicht gern. Cr erinnerte ihn zu sehr an den einzigen Abend seines Lebens in Nidden. Am nächsten Morgen faß er wieder im Zug nach Königsberg, nicht ohne sich ein bißchen komisch vorzukommen und einen leichten Zorn gegen den Pfarrer zu empfinden. Da er Anschluß hatte, fuhr er mit jenem Mut, der ihn zuweilen vor schwierigen Situationen ergriff, nach Insterburg durch — obwohl er gleichzeitig das Wiedersehen gern um mindestens vierundzwanzig Stunden hinausgeschoben hätte. Er wollte Klarheit; so wanderte er vom Bahnhof sofort zur Klinik hinaus, lieh sich beim Professor Stempel melden, wenn es ihm auch leise peinlich war, brachte das Gespräch, wie er glaubte, völlig zwanglos auf die Schwester Regina und erfuhr mit einem Erblassen zum wenigsten seines inneren Menschen, daß sie nicht in Insterburg wäre. Sie wäre, wann war es doch gleich — vorgestern — von Nidden zurückgekommen und wäre dann verabredungsgemäß weiter in ihren sommerlichen Urlaub gereist. Dem Doktor schien es, als ob der Professor leise lächelte. Er fand ihn hassenswert, bis der andere beiläufig hinzusetzte, sie wäre zu Verwandten aufs Land gefahren, irgendwo in der Gegend von Maldeuten aus ein Gut — die genauere Adresse sei ihm entfallen. Georg Ebener überlegte, ob er weiter fragen könnte, ohne feine Karten vor dem fremden Mann aufzudecken. Er konnte es nicht. Er lenkte das Gespräch auf andere Themen; bann erhob er sich, dankte und ging. Der Professor lächelte jetzt wirklich ein wenig. Der Doktor aber rief am Abend von Königsberg aus den Pfarrer Malletke telephonisch an und hatte ein längeres Gespräch mit ihm. Er wäre am Ende seiner Weisheit; er könnte doch schließlich nicht von Ort zu Ort hinter einer jungen Barne Herreisen. Der Pfarrer lachte und meinte, wenn man hinter einer toten Ahnfrau von Berlin nach Danzig und Marienburg und Insterburg fahren könne, bann könne man bas erst recht hinter einer lebenben Schwester, bie erst Ahnfrau werben solle. Der Doktor grunzte etwas vor sich hin unb entgegnete, bann müsse man aber wenigstens wissen, wohin man sollte. Gegenb von Malbeuten wäre eine zu unsichere Ortsbestimmung. Der Pfarrer aber behielt seine gute Laune. Da könnte er ihm helfen; bas Gut, wo bie Schwester Regina sicher zu finben wäre, hieße Groß- Wensborf, läge zwischen Malbeuten unb Mohrungen, ber Besitzer heiße Becker. Alte Liebmllhler Familie; er wäre ein Onkel ber Schwester Regina, ein Bruber ihrer Mutter. Dies nur, bamit er nicht roieber auf finstere Vermutungen gerate. Der Doktor hatte nicht bie geringste Neigung zu neuen Cntbeckungs- reisen im Osten. Aber ber Pfarrer hielt ihn beim Wort. Wenn bas bie einzige Buße feiner Unüberlegtheit bliebe, könne er zufrleben fein. Es wäre überbies gar keine Entbeckungsreise: er könne über Allenstein nach Währungen fahren ober besser noch über Gülbenboben unb Preußisch-Hollanb nach Malbeuten. Er solle sich anmetben unb getrost fahren; eine so sichere Aufgabe bes Schicksals müsse und werde zu gutem Ende kommen. Und bann sagte er schnell auf Wieberfehen, was ben Doktor ein bißchen rounberte, unb hängte an. Georg Ebener aber ging ins Blutgericht, um im tiefen Keller erst einmal feinen Groll hinunterzuspülen unb ßanbtarten unb Kursbuch zu ftubieren. ♦ Am nächsten Morgen fuhr er ab. Er hatte festgestellt, baß Groß-Wens- borf tatsächlich besser von Malbeuten zu erreichen war, unb fuhr über Gülbenboben. Es war eine lange Fahrt, weil er einen Perfonenzug nehmen mußte, wenn auch einen beschleunigten. Aber ber Doktor sah biesmal boch mehr vom Laub als vor brei Tagen, als er nach Danzig floh. Er stellte sich sogar ans offene Fenster, als bei WoUtnik bie Bahn an bas Haff herankam, unb sah hinüber nach Lochstäbt unb Fischhausen unb Pillau. ®r ließ mit bem frischen Winb ben Duft ber Wälber herein unb atmete tief ben Geruch ber ersten blühenben Roggenfelber. Er genoß bie Fahrt, um nicht an bas Ziel benfen zu müssen. Dann wuchs zur Rechten bas Hockerland auf, bie Höhe vor Elbing auf Rogau zu, unb er mußte umfteigen. Der Zug fuhr halb weiter, wand sich klingelnd bergan ins Oberland, vorüber an Preußisch-Hollanb, bas noch immer wie eine kleine Burg auf feinem Hügel thronte, um bann gemächlich Station für Station zu erlebigen, hier Milchkannen, bort Korn- färfe aufjimehmen, Hungerharken unb Maschinenteile abzulaben, ohne Eile, mit ber schönen Gemächlichkeit gebiegener Arbeit. Der Tag war frisch unb wolkig; selbst um bie Mittagszeit blieb es kühl unb luftig. Zuweilen traf ben fremben Mann, ber aus einem Fenster zweiter Klasse sah, ein fragenber Blick; meist nahm man keine Notiz von ihm. Hier war Lanb — er war Stabt. Dann tarn Walb, roieber Wald, unb bann kam Malbeuten. Allerhanb Nebengeleise verkünbeten einen größeren Kreuzungspunkt: mit schweren, langen Stämmen belabene Güterwagen ftanben in enblosen Zügen an ber Einfahrt entlang: ein paar gefüllte Kohlenwagen brachten einen fremden Inbustrieton in biefe Gegenb ber Lanbwirtschaft. Der Doktor sah sich mißtrauisch um unb zog noch im Einfahren bas Meßtischblatt hervor, bas er vorsichtshalber aus Königsberg mitgenommen hatte. Jatzt begann bas Wandern. (Schluß folgt.) Kinderlied von den grünen Sommervögeln. Von Friedrich Rückert. Es tarnen grüne Dögelein Geflogen her vorn Himmel, Und setzten sich im Sonnenschein In fröhlichem Gewimmel All' an des Baumes Aefte, Unb faßen ba so feste. Als ob sie angewachsen fein. Sie schaukelten in Lüften lau, Auf ihren schwanken Zweigen; Sie aßen Licht unb tranken Tau, Unb wollten auch nicht schweigen, Sie fangen keife, leise Auf ihre stille Weife Von Sonnenschein unb Himmelblau. Wenn Wetternacht auf Wolken saß. So schwirrten sie erschrocken; Sie würben von bem Regen nah, Unb würben roieber trocken; Die Tropfen rannen nieber Vom grünenben Gefieber, Unb besto grüner würbe bas. Da kam am Tag ber scharfe Strahl, Ihr grünes Kleib zu sengen, Unb nächtlich kam der Frost einmal, Mit Reif es zu befprengen. Die armen Vögel froren, Ihr Frohsinn war verloren, Ihr grünes Kleib warb bunt unb fahl. Da trat ein starker Mann zum Baum Unb hob ihn an zu schütteln, Vom ober» bis zum untern Raum, Mil Schauer zu burchrütteln; Die bunten Vöglein girrten Und auseinander schwirrten; Wohin sie flogen, weiß man kaum. (Ein Ring mit blutrotem Stein. Von K. H. Waggerl. Das also ist Eva, der neue Gast. Ein tüchtiges Mädchen, 0 ja, sie ist ein wenig jünger als der kleine Peter, aber schon gut um zwei Finger größer. Er wächst nicht, dieser Knirps. Und eine spannenhohe Masche* trägt diese Eva im Haar. Peter betrachtet das kleine Mädchen eine Weile, unb bann entfernt er sich fdjroeigenb. Arn nächsten Morgen steht Peter sehr früh auf unb geht auf ben Singer hinüber. Dort setzt er sich hin unb wartet. Es bauert lange, kalt ist es auch, aber bann kommt bie Sonne, und richtig, jetzt erscheint die rote Masche vor dem Haus. Sie kommt näher, Peter springt auf und steigt über ben Zaun, lieber ben Zaun hüpft bie rote Masche nicht, sie macht einen Bogen unb verschwinbet hinter bem Haus. Ohol Peter läuft am Zaun entlang, bann über ben Garten unb vorn um ben Stall — nichts I Auf ber Tenne? — Nein, niemanb. Er geht in ben Wagenfchuppen, plötzlich fährt er zurück: braußen fckwebt sie vorüber, bie rote Masche! Sie kommt zum Brunnen, bort bleibt sie eine Weile, bann flattert sie um bie Ecke. Peter kriecht aus bem Schuppen unb nimmt feinerseits ben anberen Weg, am Haus vorbei unb unter ber Dachtraufe durch. Alles leer. Er schleicht bis zur nächsten Ecke, auch da ist nichts Rotes. Aber nun kommt bie lange Rückivanb bes Hauses, bas wirb gefährlich. Er wagt ein paar Schritte, bann kehrt er um. Er hätte boch nicht umkehren sollen, denn jetzt steht Eva vor ihm. Das ist eben so, die schlimmsten Dinge kommen am schnellsten. Peter wendet sich zur Wand, er findet ba plötzlich etwas zwischen ben Balken, ein Steinchen, ein Schneckenhaus, vielleicht hat er schon viele Tage lang banach gesucht. Er bohrt mit bem Finger im Moos, aber was tut bie rote Masche? Sie schwebt vorüber, sie hat nur eben barauf gewartet, ben Weg frei zu bekommen, gleich wirb sie verschwunben fein. „Hel" sagt Peter. Die Masche bleibt stehen. Hat Peter wirklich etwas gesagt? Er gräbt noch immer nach bem Schneckenhaus, für ihn ist ba burchaus fein Grund vorhanden. „He!" zu sagen. Aber Eva hat sich nun schon einmal umgebrefjt, sie kann jetzt nicht mehr gut so um bie Ecke gehen. „Du bist bumml" ruft sie herüber. Das ist ein offener Angriff, so viel hat Peter nicht von biefer Masche erwartet, nein, barüber läßt sich reben. Er breht sich um unb betrachtet sich bieses Ding, bissen Waghals mit ber roten Masche. * So nennen die Oesterreicher eine Haarschleife. da Cva plötzlich, „der hat ein Pserd aus Holz, auf und da können. Nichts, in die Höhe und keinen Augenblick sie niemals nach, Ein Mädchen, tiger Mensch. „Franz", sagt dem man sitzen kann!" „Franz? Wer ist Franz?" Nein, das^sagt Eva nichi, das ist ihr Geheimnis. Aber so zum Spaß trüge sie wohl nicht diesen Ring an ihrer Hand.. Peter sagt nichts mehr. Zorn erfüllt ihn, eine seltsame Traurigkeit, bittere Unruhe. Am folgenden Tage geht Peter in den Wald zu seinen Ameisen. Er hat ihnen eine gute Brücke gebaut und eine große tote Blindschleiche geschenkt. Ameisen sind nicht undankbar. Sie haben die ganze Schlange aufgezehrt, aber die weißen Knöchelchen haben sie nicht gefressen, sie liegen noch alle da, eine lange Reihe schöner, zackiger Perlen Peter sammelt diese Perlen und reiht sie aus seinen Faden, zuerst die kleinsten, dann größere und am Ende wieder kleine. Es wird eine prächtige, schneeweiße Kette. Oh, Eva gerät außer sich vor Freude, sie wird rot und blaß und kann es lange nicht glauben. Seht euch nur um, wer in aller Welt bat eine Kette aus echtem Schlangenbein? „Ja", sagt Peter, „sie ist nicht ganz schlecht. Du halt zwar den Ring..." Ach, den Ring trägt Eva gar nicht mehr, er ist vielleicht nur aus Glas und aus Messing, nichts'Echtes. Und selbst, wenn er aus purem Golde wäre, eine tote Schlange findet sich nicht immer auf der Halde. Und tausend Ameisen müssen tausend Stunden lang. Tag und Nacht daran nagen, es sind viele Perlen, viermal zehn und noch einige. Was aber das Pferd betrifft, so ist es eben von Holz. Peter jedoch reitet auf der Stute von der Mühle bis tum Haus. Ja, Peter ist ein großer Mann, reich, Herr über alle Tiere und Pflanzen auf der ganzen Halde. Aber auch er hat ein Herz, und Eva weiß reckt gut, wohin sie zielen muß, obgleich sie noch ein Kind ist und nichts Böses dabei denkt. Erst ein paar Tage später kommt er zufällig in den Wald, findet er dock etwas' auf seinem Ameisenbau, es liegt ganz oben und glänzt: Ein Ring mit einem blutroten Stein. Aber der Herbst kommt schnell, und nun muß Eva abreisen. Peter hat ihr nickt viel zu sagen, aber am Tage vorher trägt er zwei Schafe über den Bach und treibt sie weit in den Wald hinein. Ja, und diese beiden Schafe fehlen also am anderen Morgen. Peter muß sogleich gehen und nach ihnen suchen, da hilft nun nichts. Er bleibt lange aus, und dann hat er zwar die beiden Tiere gefunden, aber der Vater ist inzwischen weggefahren mit Eva und deren Mutter. Schade, ja, allein Peter hat eben nicht früher kommen Später gebt er auf die Tenne und schaut in seine Truhe, nein — Verlassen, allein! Traurig ist das Leben ... gewöhnlich dumm ist. „Steige einmal da aus den Rechen", sagt er, und ist selbst erstaunt, daß sie nun wirklich auf den Rechen tritt — der Stiel schnellt natürlich ' schlägt ihr eine Beule an der Stirn. Nichts kennt sie, überlegt sie, ehe sie etwas tut, und auch dann denkt sondern setzt sich nur hin und heult. das ist ein Mensch, der nur so aussieht wie ein rich- „Kannst du auf zwei Fingern pfeifen?" sagt er nach einer Weile. Peeter macht es vor, er pfeift wie ein Geier. „Kannst du das?" Nun,' es^istz auch^°eh^schwierig, für den Anfang vielleicht nicht zu "^Kannst du", fragt Peter wieder, „kannst du mit der Zehe das Kreuz ma^b"r Eva hat keine Lust, immerfort nein zu lagen, sie fühlt sich außerdem sehr sicher an ihrer Hausecke. „Und überhaupt bist du so schmutzig! sagt sie kalt. Schmutzig? Das ist gar nichts. Damit sinkt sie sofort in der Achtung Peters Was heißt das, du bist schmutzig? Sie könnte gerade so gut sagen, du hast Hände und Füße, pt das einen Sinn? Peter wendet sich wieder seinem Schneckenhause zu Eine rote Masche, nun ja. Sagt Peter wirklich nichts mehr? Eva steht dort und bohrt ihre Absätze in den Boden. . • Aber ich habe einen Ring!" ruft sie nach einer Weile mit zitternder Stimme So, einen Ring! Das ist wahr, einen Ring hat nicht jeder Mensch die Mutter vielleicht, und auch sie nicht immer. Peter entschließt sich hinzugehen. Aber nun will Eva den Ring gar nicht herzeigen, sie legt die Hände auf dem Rücken zusammen — nein, durchaus nicht! Allein Peter macht da keine Umstände, er dreht sie herum und faßt ihre Hand. Wirklich, Eva hat einen Ring mit einem großen blutroten Stein. „Gold?" sagt Peter. Gold, natürlich. Wenn man durch den Stein schaut, ist alles rot und rot die ganze Welt. Aber Peter darf doch nicht durch den Stein schauen. Eva hat jetzt die Oberhand, sie dreht den Ring nach innen und ballt die Faust. „Nichts mehr, laß mich!" Peter überlegt ein wenig, ob es nicht am sichersten wäre, der roten Masche ein Bein zu stellen, aber da ruft die Mutter, und er geht fort. Peter hat übrigens noch einen Messinqknops mit einem Adler darauf, vielleicht ist dieser Knopf nicht viel fchlechter als ein Ring mit einem Stein! . In der folgenden Zeit unterzieht Peter die kleine Eva einer sehr genauen Prüfung. Er führt sie über die Halde hinunter bis zum Wald. Dort ist eine Lücke im Zaun, aber hinter dem Zaun lausen zwei Wassergräben zusammen und bilden ständig eine tiefe, bläuliche Lache. Peter springt hinüber, er macht eigentlich nur einen großen Schritt. „Komm weiter!" sagt er freundlich. Eva schürzt ein wenig ihr weißes Kleid und macht auch einen großen Schritt. Im nächsten Augenblick ist nicht mehr viel von ihr zu sehen — die rote Masche und ein entsetztes Gesicht. Später sitzen die beiden auf der sonnigen Halde — wenn Eva nicht so viel weinte, wäre sie längst trocken. Allmählich kommt Peter zu der Ueberzeugung, daß Eva außerLandschast eines Dürer-Bildes. Von S. D r o st e - H ü l s h o f f. Von Albrecht Dürer, dem Schöpfer der „Melancholie", des „Ritters mit Tod mit Teufel" und zahlloser anderer unsterblicher Meistern^rke der Kupferstichkunst existert auch em Blatt „Das große Glück' geheißen, welches eine Frauengestalt darstellt, die auf einer in Wolken schwebenden Kugel steht. Den Hintergrund bildet eine liebliche Landschaft, deren Deutung und Bestimmung den Kunstgelehrten viele Jahre lang lebhaftes Kopfzerbrechen verursacht hat. Aus den ersten Blick mutet die Szenerie den Beschauer völlig fremd an, sie läßt sich mit keiner anderen sonst, die Albrecht Dürer in seinen Werken verewigte, vergleichen. — Erst bei genauester Betrachtung und Vergleichung des Bildes findet man die Meinung einiger norddeutscher Forscher, daß die Lairdschaft eine bestimmte Gegend des südtirolischen Eisacktales darstelle, und zwar diejenige von Klausen, vollauf bestätigt. Man vermutet, daß Dürer aus seiner ersten Reise nach Italien um 1500 gleich vielen Reifenden der damaligen Zeit in Klausen, das ernst ein wichtiger Durchgangsplatz an der Heerstraße über den Brenner war, Rast machte. Heute ist es ein trotz feiner Lage an der großen Bahnlinie Brenner—Verona vom Fremdenverkehr nur verhältnismäßig wenig berührtes, wundervoll pittoreskes alttiroler Nest an der Mündung des Thinnebachs in den Eisack. Klausen — ich will es bei seinem altvertrauten deutschen Namen nennen, obgleich es natürlich wie leder Ort dort unten irgendeine neue, italienische Bezeichnung trägt — ist das drittkleinste Städtchen Südtirols — nur Vils und ©turne sind ihm an Kleinheit noch „über" — und eines jener besonders reizvollen, wo olle Anmut des Südens sich mit der Schönheit des Nordens harmonisch vereint. An den südlichen Hängen des Tales gedeihen Edelkastanien, ein prächtiger, leicht-duftiger Wein und herrlichstes Obst, während an der Schattenseite dunkle Nadelwälder rauschen und auf ftischgrünen Alpenmatten der Enzian blüht und der Ort selbst mit dem auf schwindelnd hohem Felsen sestungsartig thronenden Kloster Gaben feinen etter, sezierten Gaffen, den heimlichen Winkeln und malerischen Stadttoren dem Besucher den ganzen Zauber altdeutscher Reichsstädtchen ins Gedächtnis ruft. Ganz Klausen, dem auch die Tatsache, daß der Nord-Sud- Expreß es tagtäglich durcheilt, nichts von seiner träumerischen Beschaulichkeit rauben konnte, besteht nur aus etwa 80 bis 90 Häusern. Wundervoll geschmiedete Wirts- und Handwerkerschilder hängen über ben Türen und die Namen, die man da liest, wie „Krautgärtner", „Gallmetzer , „Scheidle", „Wohlgemut" u. a. m. verraten trotz gelegentlicher, meist höchst wunderlicher Jtalianisierung, daß Menschen rein deutscher Abstammung in Klausens Mauern hausen. Typisch deutsch und vorzüglich tirolisch ist auch der rege Sinn für gemütliche Raumausstattung und das feine Kunstverständnis, welches die Bewohner auszeichnet. Bewundernswert find da besonders die prachtvollen Holzvertäfelungen, die, Zeugen der hochentwickelten alttiroler Schnitzkunst. sich in vielen Burgers- und Gasthäusern, wie etwa in dem „Zum Mondschein" finden und der Fleiß und die Liebe, mit welcher allerlei wertvolle Altertümer, Zinngefchrrr, Bilder und ähnliches gesammelt und bewahrt werden. Uebrigens würde man es dem kleinen Klausen auch nicht ansehen, daß es geradezu königliche Kostbarkeiten, um deren Besitz es manche Großstadt beneiden könnte, in seinem Bereiche birgt: nämlich den sog. „Lorettoschatz" im Kloster der Kapuziner unweit der Brücke über den Thinnebach. . , ,k .. , Das dünne, scheppernde Glöckchen am ®mgangster ruft mit heiserem Getön den Pförtner herbei, der den Fremden der Führung des hochwürdigen Schatzmeisters überantwortet. Wenige Schritte von der Klosterkirche entfernt steht die Lorettokapelle. Fast lautlos gleiten die Sandalen der Mönche über steinerne Fliesen, gebannt und geblendet steht man vor all den einzigartigen Schätzen, die, sauber geordnet, die niederen Räume erfüllen. Fürsorglich und behutsam entfernt der Pater Schatzmeister die Hüllen von wunderbar seiden- und goldgestickten Meßgewändern Rauchmänteln, Antipendien und Paramenten und gibt Erklärungen: Dieses Wunderwerk der Emaillekunst hier ist der Feldaltar Karls II., Königs von Spanien, von Michelangelo Buonarotti entworfen und von Colliiri ausgeführt, jene aus klarem Bernstein geschnittene Eccehomo- Figur, ein Geschenk des königlichen Hoses zu Madrid, — und da die Gemälde —ein Frauenkopf von Murillo, eine Passion von Peter Paul Rubens hier Werke von Leonardo da Vinci und dort solche von Tizian, dem Bauernbrueghel und vielen anderen. Auch ein Bild Albrecht Dürers fehlt nicht — zwar ist die farbenleuchtende „Anbetung der heiligen drei Könige" nicht signiert, doch wird sie durch alte Inventarverzeichnisse unb die Urteile vieler Sachverständiger als bestimmt von der Hand des großen Nürnbergers stammend erklärt. Neben den Gemälden aber gibt es noch edelsteingezierte Religuien- schreine, Altargeräte, Kelche, alles aus Gold, Bergkristall und getriebenem Silber.Wie kommen all diese Schätze in das unscheinbare, bescheidene Klösterlein? In gemütlich-breitem Tirolerisch berichtet der Pater von dem Mönche Gabriel Pontiseser, der, ein gebürtiger Klausener, der Königin Maria Anna von Spanien aus ihrer bayerischen Heimat nach dem Hofe von Madrid folgte, und dort ihr Beichtvater wurde. Der im Laufe der Jahre das ganze Vertrauen und alle Gunst der Königin gewann, jede ihm persönlich zugedachte Ehre aber bescheiden ablehnte und nur die Gunst erbat, daß in seinem Heimatorte ein Kloster errichtet würde — ein Wunsch, den ihm die Königin Maria Anna, allen Schwierigkeiten zum Trotz, denn auch in großzügigster Weise erfüllte. Sie ließ fein kleines ärmliches Geburtshaus in die jetzige Lorettokapelle um- wandeln und das Kloster erbauen, welches im Jahre 1701 vom Fürstbischof von Briren feierlich geweiht wurde. Als nach dem Tode Karls II. die kinderlose Maria Anna in ihre Heimat nach Neuburg an der Donau zurückkehrte, nahm sie alle in ihrem Besitz befindlichen Schätze aus Spanien mit sich und stiftete sie wie schon früher manch andere Kostbarkeiten, dem neuen Kapuzinerkloster zu Klausen. Seltsam berührt tritt man aus dem schattig dämmernden Kloster- garten wieder (n die Sonnengrelle der weißen Landstraße hinaus. Wunderlich sind die Wege, welche unberechenbares Geschick oft Menschen und Dingen zuerteilt. Handel und Verkehr zwischen Italien und dem Norden führten früher zum großen Teile durch Klausens Flur — und aus nicht weniger als 71 Römerzügen zogen die Heere der deutschen Kaiser hier vorüber. In Albrecht Dürers Jahrhundert war Klausen den Fürstbischöfen von Brixen untertan und auch noch zur Zeit Maria Annas von Spanien war es so — dann kam es in buntem Wechsel unter die Gewalt der Franzosen, Bayern und Oesterreicher. — Jetzt ist es nun italienisch geworben; aber unberührt rauschen des Eisackflusses grüne Wellen zu Tal, und Jahr für Jahr schüttet der strahlende Südlandssammer seine ganze Pracht über die wunderschöne Gegend, deren heitere Anmut schon vor 400 Jahren das Wohlgefallen des großen Meisters von Nürnberg erweckte. Richard Wagner in Tribschen. Erinnerung an einen Besuch von Werner Schumann. Durch Luzern rauscht der sommerliche Fremdenstrom. Er verliert sich In alle Winkel der wundersamen Stadt, drängt über den schönsten See der Schweiz nach Uri, Schwyz und Unterwalden, überschwemmt das Tell- Dors Küsnacht, die Schneegipfel des Pilatus und Rigi und flutet abends über die lichterstrahlende Seepromenade. Das muß überstanden werden, damit vor dem Abschied nichts mehr den letzten, stillsten und gedankenvollsten Weg kreuze: den Weg nach Tribschen. Ich sah es schon vom Dampfer aus, auf der Reise nach Alpnachtsstad, das zweistöckige, helle Haus mit den grünen Fensterläden auf kleinem Hügel, der es einmal über die Bäume ringsum emporhob. Sie haben es längst überflügelt, und die beiden Pappeln, die Wagners Haus wie mächtige Wächter flankieren, überragen den Dachfirst um die volle Höhe des friedlichen Landsitzes. Als sie winzige Bäumchen waren, krakehlten hier Cosimas Kinder im hohen Gras, spazierte der königliche Romantiker Ludwig II. mit dem Äeifter, seinem leidenschaftlich verehrten Freunde, durch den weithin sich dehnenden Park, weinte Friedrich Nietzsche um Richard Wagner, dort hinten am See, über den jetzt die Motorboote mit Hellem Knattern fliegen. Der spätere Wagner-Antipode hatte sich, um Chamberlains Worte zu brauchen, „nach Tribschen hinausfahren lassen und saß da abseits am See, scheinbar einzig beschäftigt. Zeichen in den Sand zu graben; als aber feine Schwester sich hinabbückte, um ihm ins Gesicht zu schauen, da sah sie, wie die Tränen aus feinen Augen strömten". Unvergeßlich blieb ihm das Asyl in Tribschen, auch wenn er den einstigen Freund später — in der Streitschrift „Der Fall Wagner" — maßlos einen „dick umräucherten Dberpriefter" nannte. Der Basler Philosophieprosessor, der just zur Geburt des kleinen Siegfried ins Haus geschneit kam und als „unbeschreiblich" rühmte, was alles er dort lernen, schauen und hören durste, der den Geist Goethes, Aeschy- los' und Pindars in den kostbar ausgestatleten Räumen zu verspüren meinte, konnte den tragischen, geistigen Gegensatz zur Entwicklung Wagners als Opernschöpfer nicht noch durch Untreue des Herzens verdoppeln, das ihn zur Liebe zwang, ob auch der „Tristan" schon den tiefen Bruch vollzogen hatte. „Ich habe ihn geliebt — und niemanden sonst!" drängt es ihn dennoch und dennoch zu bekennen, ihn, den Unerbittlichen, Harten und Klaren im Denken, dem es im Grunde zuwider war, den Gefühlen ergriffen nachzugeben: „Wie unter lauter Trümmern", klagt er beim Auszug der Familie Wagner aus Tribschen im April des Jahres 1872, als ein Lebens- und Schaffensabschnitt zu Ende ging, ein neuer hoffnungsvoll begonnen wurde, „gingen wir herum; die Rührung lag Überall in der Lust, in den Wolken; der Hund fraß nicht, die Diener- fchaft war, wenn man mit ihr redete, in beständigem Schluchzen. Wir packten die Manuskripte, Briefe und Bücher zusammen, ach, es war trostlos! Tribschen hat nun aufgehört ..." Ja. so sah es aus: Tribschen schien wirklich ausgehört, sein Leben eingebllßl zu haben. Mieter zogen ein, die ahnungslos waren, in welch erlauchter Stätte sie sich befanden. Lange stand auch das Haus am Vierwaldstätter See leer. Als Richard Strauß, wie man mir in Luzern lächelnd verriet, vor Jahren einmal nach Tribschen kam, sand er verschlossene Türen. Keine Stimme lud ihn ein, hereinzutreten, kein Hund blaffte ihn an; und so mag er mit den Wiesen und Parkwegen, der feierlichen Platanen-Allee, die das Idyll musisch einleitet, fürlieb genommen hoben, eine in sich geschlossene, stadtentrückte und wasserumspülte Landschaft immerhin, die die Phantasie leicht bevölkern konnte: da plusterten sich die Pfauen Wotan und Fricka wie einst auf, gurrten die Tauben und schlugen die Nachtigallen, wenn der schon ergraute Fünfziger mit feinem Monarchen vorüberwandelte, der schon ein Gezeichneter war; wenn Judith Gautier, die Schriftstellerin, des Meisters Augen, „blau wie der See", auf die Welt der Berge gerichtet sah; ober Cosima, Franz L'sZts geistvoll-zarte Tochter, mit ihren Mäbchen im Schatten bes chinesischen Gotterbaums spielte unb plauderte. Cosima! Dieser Name voll Klang unb Lockung mürbe bie eigentliche Seele ber schönen Zuflucht. Ob Wagner neue Tapeten unb Möbel fomnten ließ aus Luzern ober Aaris, ob er verschwenderisch immer neue Summen in die Herrichtung des Gartens, in Bilder — bie Cosima ben Büchern entschieden vorzoq! — ober tn sein kleines Vogel-Reich steckte: stets stanb bie geliebte Frau im Hintergrund aller Pläne, sie entfachte fein Schöpfertum, ließ ihn sich emlpmncn, fanatisch einfpinnen in jene asketische Mühsal unb verzicht- forbernbe, harte Leidenschaft des Komponierens, die die Laien sich als angenehmen Rausch vorzustellen leicht geneigt sind. In solchen Wochen blieb Wagner allein, ließ sich das Essen ins Arbeitszimmer reichen und speiste nur Sonntags mit seiner Familie. Glückseligkeit? Auch der Vielbeneidete, ber wie Napoleon auf Helena, wenn auch in einem selbst- geroollten unb beruhigenben Exil lebte, hatte seine Tagesnöte, seine Defi- zlt-Sorge r, er kannte Verzweiflung, Unrast, er schmeckte wohl und vielleicht durchdringender als andere Zeitgenossen allen Lebens bittere Würze — ein garstig Lied wäre es, bas feine brave Haushälterin davon zu fingen wüßte! Doch Cosima läßt es erst gar nicht aufkommen, diese engelhafte Frau unb vortreffliche Kameradin, ber Richard Wagners (einziges?) völlig unbekanntes Liebesgedicht „An Dich!" gewidmet ist. Seine Tochter, Frau Eva Chamberlain — sie lebt noch, hochbetagt, unb ist öfters in Tribschen zu Besuch — hat bas seltene Manuskript vor kurzem erst bem Museum geschenkt, wo es nun wohlverwahrt neben Partituren, Briefen unb Widmungen unter Glas liegt. Eine von sechs Strophen möge den dithyrambischen Schwung der bildreich verschleierten Liebeserklärung ahnen lassen: Bist du es, holder Zauberstern der Liebe, ben meines Lebens Sonne Dort gebannt? Du zögerst sie, baß jäumenb sie noch bliebe, bie schon zum letzten Untergang gewandt? Der Sonnen, der Planeten Urgetriebe, an b.’inem Lächeln fänb es Stilleftanb? Wie möcht' aus alten, wie aus neuen Mären ich solch erhabenes Wunder mir erklären? „Ich bin geliebt" — klingt es durch den stolzen Bau der Verse; „ich liebe" bekennt der große, damals schon europäischen Rus genießende Musiker am Ende der romantischen Hymne. Und es bedarf keines besonders spürsinnigen Herzens, um das Unvergängliche, in alle Ewigkeit Mündende dieser wie jeder vollkommenen, ja schicksalhaften Liebe noch aus dem Gemäuer des stillen Hauses widertönen zu hören. Die Menschen nicht mehr, die Weihe blieb. Weihe liegt auch über dem musealen Charakter der Parterreräume, die die Stadt Luzern in den großen Zügen wenigstens so Herrichten ließ, daß ihre Anordnung, die Farbe und Musterung der Tapeten und die erneuerten Seidenbezüge ber zierlich geschweiften Stühle ungefähr ben damaligen Verhältnissen entsprechen. Ehrfürchtiger wird bie er- tlärenbe Stimme ber Kastellanin, als wir Wagners Arbeitszimmer betreten, wo fein Erarb-Flügel steht unb barauf, vor bem Hintergrund ber rofa getönten Tapete, feine Totenmaske. War das Antlitz mit ber schönen, kühnen Nase zu Lebzeiten empfindsam wie der Seespiegel, der jeder Laune bes Wetters nachgibt, so atmet bas Abbild bes Tabes erschreckend deutlich ben zunehmenben Schmerz des großen Finale aus. Von ber Unterlippe bis zu ben Rillen ber Biber kann man ihm nachgehen. Die Arterienkranzverkalkung hat sich in ben letzten Ausdruck bes Sterbenben eingenistet. Leicht, wie zögernd sind die schmalen Lippen geöffnet: wollten sie ein Wort freigeben — tränten sie schon vom unsichtbaren Kelch des ewigen Lichts? Dank an Augusto Benoenuti, der im Februar 1883 dem Toten die Maske abnahm im Palazzo Vendramin zu Venedig, wo Wagner starb. Nun hütet noch der Abgeschiedene den Flügel, den keiner mehr anrührt. Er stand lange im Bayreuther Festspielhaus, bis ihn Frau Winifred Wagner Tribschen lieh. Er klingt noch, aber gründlich verstimmt — und gebar doch einst als erstes Instrument bie Melobien bes 2 unb 3. Aktes aus „Tristan unb Jsolbe", ben festlichen Glanz der „Meistersinger" unb bas innig-frohe Siegfried-Idyll, bas am Weihnachtstage 1870, bem 33. Geburtstage Cosimas, dies glückliche Haus zum erstenmal burchtönte. Die „(Bötterbämmerung" (bis zur 2. Szene bes brüten Aktes) entstaub hier, Cosima Wagner sah sie langsam unb mächtig emporwachsen, „ich empfand", schreibt sie, „das Entstehen eines jeden Taktes mit, und mit leidenschaftlicher Hingebung beobachtete ich bas Werben bes ungeheuren Werkes". In ber beruhigenben Symmetrie biefes Zimmer, in bas jetzt bes warmen Sommertages ganze Helligkeit mit bem weiten Wiesengelände unb ber historischen Pappelallee am Stranb hereinströmt, biftierte Wagner seiner Frau ben ersten Banb von „Mein Leben" in bie Feder, schrieb er „lieber bas Dirigieren", den Beethoven-Essay unb bie bekannte „grüne" Flugschrift über bie Aufführung bes Bühnenfestspiels „Der Ring ber Nibelungen". Sechs Jahre Tribschen — sechs Jahre Wachstuben Weltruhms — sechs Jahre ebler Gastlichkeit unb schöpferischen Einsseins mit einer Frau, deren Großvater, ein Comte, Page der unglücklichen Marst-Antoinette gewesen war. <5 l e v o g t s Zeichnungen ber 90jährigen — die photographischen Reproduktionen hängen im Gartensaal — schenken noch das Bild einer Anmut und Grazilität, einer Leichtigkeit bes Geistes, die den grüblerischen, arbeitswütigen, oft überanstrengten Musiker wundervoll ergänzt haben mußten. Auf fast allen Bildern, den freilich noch sehr unvollkommene Photos wie den gemalten, liegt es über Wagners Augen wie Schatten von Müdigkeit. Bis an die Grenze des Physischen nahm er hier freudig die Strapazen des Schaffens auf sich, konnte er sie nur hier auf sich nehmen: „Hier ist meine Welt!", pries er den ftabtfernen, himmelnahen Erbenflecken im Herzen ber Schweiz, „wir gehören nicht mehr unter bie Menschen, wir sind nur glücklich mit uns und bei uns". „Bei uns" — ein Wort, das wieder Gewicht bekommt unb Leben empfängt in Cosimas Wohnsalon im ersten Stock, wo um den Flügel, bie mit Souvenirs überfüllten Vitrinen, die sinnlos herumstehenden, leicht zerschlissenen Sessel noch Duft von Parfums unb Kaffee zu schweben scheint; wo noch die Koloraturen der Sängerin Mimst Hauk geistern und das Geplauder, Gelächter und Musizieren mancher Abendgesellschaft, in der der Meister sich gern sächselnd entspannte. Hier trafen sich die Verwandten: Frau Maniela T h o d e , die Gräfin Blandine G r a v i n a , Eva Chamberlain, hier hatte sich der langohrige Ruß, Wagners geliebter Neufundländer, hübsch still zu verhalten. Hier endlich wurde ber kleine Siegfrieb getauft. Die Ueberladenheit verwirrt. Wie gut, baß das Fenster offen ist, offen dem aus Dunstschleiern plötzlich aufblenden- ben „Bürgenstock", bem entfernten Klopfen eines Spechtes, bem mittäglichen Glockengeläut. Alles also hängt zusammen, ist eines — wie vor sieben Jahrzehnten. Eine Stimme, Cosimas Stimme, konnte in ben Garten fjnausrufen, baß es nun Essenszeit sei, rufen nach einem auch beim Spaziergang probuttioen Manne mit dem schwarzen Samt-Barett. ''eroniwortlich: vr. Hans Tbvriot. — Druck und Verlag: Vrühl'iche AniverlitätS-Duch» und Stein drucke»^. X- Bange, Gießen.