Geheim Zamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1936 Zeitag. den 15. März Kummer 2\ eheimnis der Heide ROMAN VON FRANK F. BRAUN (8. Fortsetzung.) Adalbert Steyer sah sein Gegenüber an. . „Was sagen Sie nun, liebe Gnädige? Sollen mir lernen, wieder an ^PU,9Benn9 der Schneidermeister recht behältl Welch eine glückliche Lösung in allem Unglück!" .. . .. „Er hat aber leider nicht recht. Zweifellos hat er uns bte Wahrheit gesagt, was sein Erlebnis angeht. Seine Mutmaßung jedoch ist irrig. Nicht Meteorsteine haben ihn hingestreckt. Meteorsteine waren es nicht, die da beim Wegkreuz, wo Alwien lag, in der Erde staken. Ich erzählte es Ihnen, es waren runde Kieselsteine. Den wichtigsten zeigte ich Ihnen. Alle diese Steine waren schon einmal ausgegraben und gesäubert ro°^Xber was ist dann um Himmels willen denn nun ihre Ansicht?" Adalbert Steyer beherrschte fid); so konnte er den Satz lediglich gefaßt und ohne das zu erwartende Pathos bringen: Jemand hat Alwien mit einem Stein geworfen, hat ihn totge- worfen. Und den Schneider wird ein Stein getroffen haben, der ihm nicht galt, ein Stein, der fein Ziel verfehlte." Frau von Blinkburg sann angestrengt nach: man sah es ihrem Gesicht an. Ihre Frage stand am Schluß einer Gedankenreihe. „Wer vermag, selber unsichtbar, so zu werfen?" Steyer zuckte die Achseln. „Das ist der schwache Punkt dieser Annahme, die als solche dennoch bestehen bleiben muh. Kann man mutmaßen, daß jemand vom Boden aus warf, vielleicht geduckt hinter Ginstergesträuch, das überall dort wächst? Aber wenn diese Person ihr Opfer zum Zielen genau sieht, wie kann sie sich irren und auch den falschen, den wandernden Schneider, niederstrecken? Es ist kaum möglich, hier an einen Fehlwurf zu glauben, der vorbei ging und zufällig den Schneider noch traf. Sie sahen sich an. Frau v. Blinkburg rief: Und der Hund Alwiens? Hätte er nicht einen Menschen, der sich versteckt hält, hinter Büschen, aufgespürt und verbellt?" Langsam senkte Steyer den Blick. „Rätselhaft", rief Frau o. Blinkburg und dann sehr zögernd, als fürchte sie die Lächerlichkeit: „Doch vom Himmel ... Alte heidnische Sagen reden von Wotans Donnerkeilen? .. Etwas ist immer Wahres daran." , Adalbert Steyer lächelte nicht einmal. Er sagte nur: „Wir schweifen so weit ab." Dann versank er wieder m inniges 64Unb9Dieaeid)t trug Frau v. Blinkburg biefer kleinen Zurechtweisung Rechnung. Sie gab Wotan und Heibesagen enbgültig auf. Naherliegenbes War'vielleicht eine Sprengung in ber Nähe?" fragte sie. „Kann es sich um falsch berechnete auffliegenbe Steine gehanbelt haben? Steyer schüttelte ben Kopf. , „Das ist ausgeschlossen", versicherte er. „Die Heibe liegt in biefer Gegenb eben, weit hinaus: man hätte bie arbeitenben Leute tags gesehen. Zudem, Sie werden sich erinnern, wir haben an jenem Abend nicht die leiseste Detonation gehört." „Dann weiß ich es nicht", gestand Frau v. Blinkburg mutlos. Jetzt hob Steyer den Kopf wieder, sah ihr ms Gesicht und erklärte ehrlich und kurz: „Ich auch nicht, liebe Gnädige." Dann stand er auf und lief mit em paar entschuldigenden Worten zum Hotel hinüber, denn der Kellner mar auf die Freitreppe getreten und begann gerade in dieser Minute einen Gong zu schlagen, das Zeichen für die' Hotelgäste, sich zum Mittagessen einzufinden. Adalbert Steyer nahm die Treppe mit drei Sprüngen. Er hatte es plötzlich eilig. Denn so, im bestaubten Reifeanzug konnte er sich Frau d ißriT'f'burq nicht gegenüberfetjen. Mit ihr aber noch zu speisen war sein Wunsch ja, 'feine feste Absicht. Bei Tisch würde man bann ja wohl endlich für eine Weile von dein unglücklichen Krirninalfall abkommen und ein paar persönliche Worte anbringen können Es drängte ihn sehr dazu. Frau v. Blinkburg blieb noch eine Weile auf der Bank sigen. Him aufgehen, sich umziehen? Sie war plötzlich mübe^ Sie mürbe ja doch allein bei Tisch sitzen: nebenan das Fräulein aus Hamburg: drüben bav ältliche Ehepaar. Wozu sich umziehen? Diese Reise hierher war eine Enttäuschung. Sie wäre nett -"worben: alles hat sich Jo gut Mußte Herr Alwien sterben? Nun war alles anbers. Unb ba erschrak sie. Ihr fiel ein, baß eine brohenbe Wolke noch am Himmel hing. Hatte sie sich nicht vorgenommen, ben Schriftsteller zu warnen. Gewiß war er nicht schulbig, bas schien ihr nun ganz gewiß. Aber es war sicherlich trotzbem besser, er reifte ab. ehe bie Schlinge sich über ihn zuzog. Denn, baß ba eine Schlinge, ein Netz geknüpft war, und daß Steyer es sein würde, der sich darin verstrickte, schien ihr mit traumwandlerischer Ahnung gewiß. ...... . Was sollte sie tun? Selber abretfen? Sie war nicht feige. Vielleicht kam es hier eines Tages auf sie an, auf sie ganz allein? Ich bleibe, sagte sie: aber er muß fort. Und zwar rasch! Sie erhob sich. Der Kellner läutete zum zweiten Male nut feinem Blechteller. 9. Kapitel. Adalbert Steyer war unter Mittag recht zerstreut gewesen-, wortkarg unb unaufmerksam; ein schlechter Unterhalter und Tischherr. Er hätte sich selber ohrfeigen mögen, aber er kam nicht mit sich zurecht. Frau v. Blinkburg hatte ihm biefe Art nicht übelgenommen, sie glaubte ihn zu verstehen. Aber bas half ihm nicht weiter. So tat er bas Klügste unb lief sich unb ihr gleich nach bem Essen davon. , . .. . Ich habe eine Idee. Sie brennt mich: sie brennt auch nur, nämlich hinter ber Stirn. Aber biesmal bleibe ich höchstens eine Stunbe weg. Aus nachher, liebste gnäbige Frau!" Frau v Blinkburg hatte (ädjelnb biefe Worte hmgenommen. Sie blickte ihm nach. Wie sicher biefe Männer stets finb; ober ist es Eingenommenheit von sich selbst? Er tröstete sie bereits. Ich bin halb zurück^ Also nahm er an, bah er für ihren Nachmittag von Bebeutung sei? War ich ungeschickt, habe ich Gefühle verraten, über bte ich selber noch nicht einmal rechte Klarheit besitze? Unb ihr Lächeln verstärkte sich. Wohin lief er benn nun in bie Heibe hinein? Zu Pfenmngshof? Oder wollte er ben Pächter Glahn noch einmal aufsuchen? Mochte er bas boch nicht tun! Dieser Glahn war gefährlich. Ueberhaupt, warum mischte biefer wagemutige Mann sich immer mteber in Angelegenheiten, die ohne sein Zutun längst zur Ruhe gekommen wären? Sie blieb nicht im Hotelsaal, sondern ging auf ihr Zimmer. An ihrem Abendkleid war neulich die Schulterblume abgerissen: den kleinen Schaden galt es zu beseitigen. Und bann war noch einiges zu erlebigen. Es würbe so viel Zeit in Anspruch nehmen, bis Steyer Zurück war. Lieber Gott, es ist also wirklich so, daß biefer frembe Mann meine Zeiteinteilung beeinflußt!? Frau v. Blinkburg sah ihn, diesmal tatsächlich zufällig, vom tfenfter ihres Zimmers aus. Sie verzichtete darauf, nun etwa an diesem Tlacf) mittaa gerade unsichtbar zu bleiben. Sie war auch zu begierig, vteues zu erfahren, benn sicherlich hing Siegers Ausflug mit seinen Nachforschungen zusammen. Als sie binunterging, ihm also gerabe entgegen, kam sie sich vor wie ein Mensch, ber im Begriff ist, eine gute Tat zu tun. Sie hie» ihre Hanblasche geöffnet im Arm. Als niemand in der Halle war, durchschritt sie diesen Raum. Sie hatte begründete Veranlassung, darauf zu achten, eine Minute allein in der Halle zu fein. • Im Vorraum sah sie sich in einem der großen Spiegel! War sie errötet? Kaum. Also war sie schon eine geübte Intrigantin geworden in diesen Tagen? Der Umgang, nicht wahr, bas Leben in einem Kriminalroman . unb sie vermochte zu lächeln. Ihr Spiel war beenbet. Sie batte Herz-As ausgefpielt, verdeckte Karte freilich, aber einmal klar erkenntlich; bald gewiß. .,, .. , .. r, „„ So schritt sie dem Schriftsteller entgegen. Und nicht die leiseste Ahnung warnte sie, nicht Das zaghafteste Gefühl flüsterte ihr zu, daß gerade m dieser Stunde das Spiel eine entscheidende gefährliche Wendung nahm. — Er sah sie kommen, und sein Gesicht schien überstrahlt. Vor anderthalb Stunden, oder waren gar zwei vergangen?, hatten sie sich zuletzt gesehen aber er gab ihr die Hand und nahm ihre Finger, druckte sic als handele es sich um ein Wiedersehen nach Wochen. Frau v Blinkburg fand das alles reizend. Vielleicht war die Werbc- zeit des Hauptmanns v. Blinkburg damals anders verlaufen. Sie blühte auf. Ihr Händedruck wies keineswegs zurück. , Als sie sich anfdjauten, hatten beide das Gefühl, es sei auf unerklärliche, aber wundervolle Art eine Gemeinschaft zustande gekommen Aber dieses Neben- und Miteinander war noch neu. Rührte man nicht i ,u heftig daran. Möglicherweise war es noch zu jung und trug noch nicht i ’ Die Bank stand vor dem Rosenrondell. Bienen summten. Die Sonne ! (aa ausge -hättet und machte die Luft flimmern. Sie waren allein. ®ar es nun wirklich nötig, daß Steyer von fernem Ausflug anfangen muhte? Fand ein gewitzter Mann wie er feine anderen besser I angebrachten Worte? Ach, Steyer war kein Lyriker; er verfaßte Kriminalromane. Das rächte sich hier. , . . ___, I Daß er trotzdem Frau v. Blinkburgs Ausmerksamkcit fand, erg-'b 1 sich nur durch die Besonderheit des Falles und entschuldig! ihn nicht. „Ich war noch einmal an der Mordstelle", hob er an, dabei sah er auf das duftende Beet, als lese er dort seine Sätze ab. „Es liegen am Wegkreuz runde, mäßig große Kieselsteine herum. Wenn man daraus achät, kann ihre Zahl stutzig machen. Sie sind alle verhältnismäßig sauber, ungesähr gleich groß und — bitte, beachten Sie das — zur Halste oder auch dreiviertel in die Erde eingebohrt. Aber diese Steine stecken nicht in der Erde, als habe ein Regen sie freigewaschen oder der Wind sie bloßgelegt. Wenn man mehrere von ihnen betrachtet, kommt man zu der sonderbaren Ausfassung, daß sie dorthin geworfen wurden, und es läßt die Art, wie sie im Sande stecken, erkennen, aus welcher Richtung sie geschleudert wurden. Sie müssen aus der Richtung des Wegkreuzes gekommen sein. Eine gerade Linie, gezogen von der Stelle, wo man den toten Alwien fand, über das Wegkreuz hinweg, würde in der Verlängerung auf den Pfenningshof und auch auf Glahns Rügen Hoff weisen. Hier machen Sie bitte einen Gedankensprung mit Haben Sie in den letzten Tagen die nordwestdeitfchen Zeitungen gelesen, Hamburger, Bremer und hannoversche Blätter? Nicht? Nun, Sie wären sonst auf gewisse Meldungen gestoßen, die, je nach Art des Blattes, das sie brachte, mehr oder weniger sensationell gehalten verkündeten, daß in der hiesigen Heidegegend neue Erdölvorkommen festgestellt worden sind. Auf diese Zeitungsnotizen baute ich meinen neuen Plan, noch einmal bei Professor Pfenningshof einzudringen." Frau v. Blinkburg schüttelte ungläubig und verwundert den Kopf. „Aber was suchten Sie bei dem Professor? Ich wollte Sie vorhin schon fragen, was veranlaßte Sie, festzustellen, daß eine etwa gezogene Linie Mordstelle—Wegkreuz in der Ferne dann auf den Pfenningshof weist? Glauben Sie, daß der Täter geradenwegs aus der Richtung der beiden Güter gekommen ist und feine Steine geworfen hat? Er kann ebensogut von unserem Hotel aufgebrochen sein und hat einen Bogen gemacht." Sie schrak zusammen. Die Sätze waren chr so herausgefahren. Sie sah, daß Steyer erblaßte. Er fuhr mit der Hand an den Kragenrand, eine vollkommen sinnlose Gebärde. Es war einen Augenblick still. Frau v. Blinkburg überfiel eine Angst. Was hatte sie mit ihren Worten angerichtet? Was hatte sie aufgeweckt und Wiedererstehen lassen. Sie sprach rasch etwas; sie wollte selber nicht zur Besinnung kommen. Es war recht kindlich, hier anzufügen: ,Zch meine das nur so ..." Der Schriftsteller faßte sich rascher. „Gewiß", gab er zu, „auch solche Möglichkeit besteht; jede Möglichkeit besteht, solange wir nichts Genaues wiffen. Aber ich habe mir gedacht, daß man an die Geschichte nur mit einer vorgefaßten Meinung Herangehen darf. Sonst läuft man im Kreis. Ich habe mir infolgedessen eine Theorie zurechtgelegt. Es ist leicht möglich, daß sie irrig ist. Immerhin ist sie ein Weg und bringt uns vorwärts. Aber hören Sie: Im Pfenningshof traf ich den Verwalter Lilius; er hielt mich auf; er erkannte mich wieder. Die Herrschaften, der Professor und Fräulein Glascha seien ausgeritten, sagte er mir. Da kam ich denn mit dem Alten ins Gespräch, und was sich anfangs als ein Mißgeschick anlassen wollte, daß ich weder den Professor noch Glascha antraf, stellte sich als ein günstiger Zufall heraus. Ich bekam von Lilius einige Auskünfte und von ihm unbeabsichtigte Auftchlüsie, die mir niemand der Familie Psenningshof gegeben haben würde. Sie werden sich erinnern, daß mein erster Besuch mich bei dem Professor als eine Art Allerweltsmann eingeführt hatte Mit technischem Wissen hatte ich geglänzt und daneben meine Eigenschaft als Berichterstatter durchblicken lassen. Es war nicht schwer, jetzt den Verwalter Lilius glauben zu machen, daß ich Ingenieur sei. Hinter mir stehe ein Zeitungskonzern, sagte ich, und ich sei ausgeschickt, Näheres über die Oelvorkommen in dieser Gegend festzustellen. Lilius wußte natürlich von diesen Petroleumfunden. Wir kamen sogleich ins Gespräch. Ich zog einige jener kleineren Steine, die ich an der Mordstelle zu mir gesteckt hatte, aus der Tasche und zeigte sie ihm. Solche Steine seien wohl hier in der Gegend des Pfenningshofes nicht zu finden? Lilius sah sie sich an. Er vermochte nicht genau zu sagen, ob es diese Kiesel auf den Pfenningshofschen Feldern gebe. Aber das sei anzunehmen. Professor Psenningshof habe ebenfalls danach gesucht. Ob gerade nach eben solchen Steinen, wisse er freilich nicht. Aber nach Steinen. Der Professor habe einen kleinen Sack voll persönlich ausgesammelt und mit ins Haus genommen. Steine dieser Art? Das weiß ich eben nicht, Herr. Steine jedenfalls, runde Steine. Er ging neulich abends, gerade als auch ich im Blatt über die Oelvorkommen in unserer Heide gelesen hatte, noch einmal aus. Ich wunderte mich, das war sonst nicht des Profesiors Art. Don meinem Fenster aus, ich wohne in dem großen Haus dort, dem Herrenhaus gegenüber, sah ich ihn mit einem kleinen Sack auf die Felder gehen. Dann wird der Profesior an jenem Abend auch sicherlich solche Oel- steine gesucht haben I Das vermute ich auch; aber zur Gewißheit will ich ihn selber danach fragen. Ich verließ Lilius eilig, denn ich konnte nicht länger einem Gespräch folgen, das nun gleichgültig werden mußte. Meine Gedanken hasteten. Was hatte ich da erfahren? Der Profesior sammelte an einem dem Mord vorangehenden Abend Steine auf, runde, glatte Kieselsteine, genau solche Steine, wie sie sich do an der Mordstelle sanden! Ich war so tief in meinen Gedanken, daß ich weder den Huftchlag gehört hatte, noch die Annäherung der Dame zu Pferde gewahr geworden war. Als Fräulein Glascha Psenningshof vor mir stand, erschien sie mir wie aus dem Boden gestampft. Ich muß sie wohl recht erschrocken angesehen haben, denn ihr kühles, bewegungsloses Gesicht überflog für eine Sekunde so etwas wie ein Lächeln. Als ich grüßte, dankte sie kalt. (Fortsetzung folgt) Oie Heimat. Don Friedrich Hölderlin. Froh kehrt der Schifter heim an den stillen Strom, Bon Inseln fernher, wenn er geerntet hat; So täm auch ich zur Heimat, hätt ich Güter so viele, wie Leid, geerntet Ihr feuern Ufer, die mich erzogen einst. Stillt ihr der Liebe Leiden, versprecht ihr mir, Ihr Wälder meiner Jugend, wenn ich Komme, die Ruhe noch einmal wieder? Am kühlen Bach, wo ich der Wellen Spiel, Am Strome, wo ich gleiten die Schifte sah. Dort bin ich bald; euch traute Berge, Die mich behüteten einst, der Heimat Verehrte sichre Grenzen, der Mutter Haus Und liebender Geschwister Umarmung Begrüßt ich bald und ihr umschließt mich, Daß, wie in Banden, das Herz mir heile, Ihr treugebliebnen! aber ich weiß, ich weiß, Der Liebe Leid, dies heilet so bald mir nicht. Dies singt kein Wiegensang, den tröstend Sterbliche fingen, mir aus dem Busen. Denn sie, die uns das himmlische Feuer leihn. Die Götter schenken heiliges Leid uns auch, Drum bleibe dies. Ein Sohn der Erde Schein ich; zu lieben gemacht, zu leiden. Ende und Anfang. Don Görge SperoogeL Görge Spervogel, von dem wir früher schon des öfteren an dieser Stelle kleine Erzählungen brachten, wurde, wie bereits gemeldet, beim Wettbewerb um den diesjährigen Erzählerpreis der Zeiftchrift ,chie neue linie" preisgekrönt. (Ernte hob den Kopf und besah sein Haus. Es war grau und verwaschen von den Herbstregen, grau wie der Himmel, grau wie die Wälder auf den geduckten Hügeln, grau wie der stille Fluß, wie die Wiesen und Aecker, über denen der Schlamm lag, den das Hochwasser hinausgebracht hatte. Welch ein Jahr war das! Im Januar hatte die Sonne das Wort, der Roggen spitzte auf, die Knospen schwollen, der Seidelbast blühte. Im Februar kam die Flut, flaute sich und verlief über Nacht; aber die Helder und Weiden waren nicht mehr grün, der Schlamm lag darüber. Der März brachte Frost, der April Schnee. Ein Weststurm nahm ihn fort, aber die Nächte blieben sternklar und kalt, ein eisiger Mond, frostig rot im Aufgang, fahl, krank und riesig im Niederschwinden, herrschte mächtiger als das Tagesgestirn, das zu matt war, um die schweren Bodennebel der Frühe zu sich heraufzusaugen und den grauen Tag zu durchdringen. Kein Ende der Winterzeit, und ein schlechter Anfang für Emke. Es war nicht schlimm, solange Dleitje fröhlich war und leichtfüßig; nun ging sie schwer und faßte oft nach dem Herzen. Keine gute Zeit ... selbst die Tiere merkten es. Das Geflügel kam nicht aus der Mauser; die weißen Schar, n der Hühner und Gänse, die blauen der Tauben, die braunen der Guten, sie sraßen von den Borräten, sie fraßen, die Dorräte schwanden — die Nester aber blieben leer. Das war der Strich durch Emkes Rechnung. Denn Eier kann man in alles verwandeln, in Saatgut, Geräte und Futter für alles, das auf dem kleinen Hofe lebt: die Kuh, das Pferd, die Schweine, die Schafe, die Langhaarkaninchen und den Hund. Selbst die Scheunenmäuse spüren es bitter, daß die Eier ausgeblieben sind. So steht das Vieh im Stall, die Wiesen sind noch tot ober von der Flut verdorben, kaum daß die Schafe ein kümmerliches Auskommen darauf finden; und die Kuh, das Pferd und die Sau, sie müßten auf das Beste gefüttert werden, denn ihre Leiber sind prall und sollen starkes, gesundes Geben bringen. Nicht daß in dieser Zeit der Not jemand hätte kommen können und sagen, Emkes und Oleitjes Rechnung sei falsch oder leichtsinnig gewesen, nichts davon. Sie konnten den fieinen Hof wohl übernehmen ohne darum Schulden zu machen, und sie hatten im Herbst einen guten Anfang. Junges, kräftiges Vieh, Wintersaatgut, Vorräte genug — und nun, nun ging der Plan nicht mehr. Wer kann gegen einen Winter, der an Ostern den Boden noch hart gefroren hält? Nein, mochte das Haus grau bleiben, wenn die Wiesen, die Aecker, der Wald und der Himmel grau, trübe und düster waren. — Es begann in der Nacht. Emke fuhr auf, und er hörte an Oleitjes Atem, daß sie wach war. Die Luft in der Kammer war warm. Eine lose Scheibe flirrte und bebte, ein Fensterladen schlug hastig und hart, kreischte in den Angeln, schlug, kreischte, schlug. Dann erzitterte bas Haus, es brüllte unb bröhnte über ben Dachfirst dahin, verfing sich in den Bäumen im Garten, schüttelte und schauerte, zerrte, riß, sog und jaulte dahin: Sturm. In der Diele glaste die Herdglut unter der Asche aus, (Ernte löschte sie hastig. Im Gebälk knirschte und knisterte es, die Wände knackten, und nachher riefelte es lange. Emke spürte die Unruhe in den Ställen. Er schlug einen Mantel um unb ging hinaus. Als er bte Kleintüre öffnete, prallte es ihm feucht unb roarm entgegen, erregt und wM>: starke Luft, tn der es brodelte und gut roch, gut, süß vom klebrigen Harz der Knospen und bitter von Erde, die übersatt getränkt war von Saft und durchwebt mit aufrührerisch gestrafftem, hungrigem Wurzelwerk, gedrängt von platzend geschwelltem Samen und durchsickert von den gärenden Flüssen der Auflösung, Der Mann ging voran. Zwischen Haus und Stall fiel ihn der Sturm hart an, er muhte sich abkehren und stehen bleiben, es preßte ihm den Atem vom Munde. Doch dann wendete er sich zu, er fühlte den Anprall der Sturmstöße auf der Haut, wie sie sich überstürzten, er schmeckte sie und roch; sie fuhren herab von den Hügeln, verfingen sich im Ufer- aebüsch des Flusses, platzten am Boden auf oder barsten ans Haus. Die Luft aus den Wäldern hatte den Geruch bitter vergehenden Laubes, was von der Niederung heranschauerte, hatte den Duft von Säst und Ge- zweige der Weiden und war kühl vom Wasser. Und zwischen den Windfällen war die erregte Nacht voll von feinem Knistern; den Lauten der Erde, des schweren, trächtigen, fruchtbaren Breies, in dem es gärte und quoll, auftrieb und stöhnte und strömte. Dann brauste es wieder auf, im Garten brach ein Ast, es tat Emke weh, er hörte einen Schrei, der Wind zerriß ihn, und Stöhnen; neue schüttelnde Schauer, Dachziegel klappern in rasender Hast, der Fensterladen schlägt und kreischt, es orgelt dahin. Hält das Dach, denkt der Mann, ich habe es nicht gedeckt, wer weiß, ob es gut gemacht ist. Er ging in den Stall und machte Licht, dabei hörte er, es war die Kuh, die stöhnte; die weiche Schnauze der Stute tastete nach seiner Hand, und dann schrie es neben ihm. Er lief zurück ins Haus. „Oleitje!" rief er, feine Stimme war heiser, „setz Wasser auf", — daß ich das Feuer löschen mußte, dachte er voll Aerger und rannte zurück in den Stall. Oleitje, ihre Füße wollten sie nicht tragen und ihre Hände mußten nach Stützen suchen; als das Feuer brannte, kam sie aus dem Knien nicht mehr hoch. Aber der Kessel mußte eingehenkt und Maß für Maß gefüllt werden, ab und zu verschüttete sie das Wasser, daß die Flammen zischten und sich am Boden spiegelten; Oleitjes Hände zitterten, und sie mußte stch niederbeugen und stöhnen unter den Wellen des Schmerzes. Sie lüftete sich zurück zur Kammer, es war ein langer Weg. Emke trug das Wasser fort, sie hörte seine eiligen Schritte und konnte nicht rufen. Der Sturm draußen öffnete den Boden bis tief hinab, sprengte die Knospen und weckte das Leben; es war ja schon spät im Äahre, das junge Kommende hatte lange warten müssen, nun wollte alles zugleich herauf und drängte und brach mit Wildheit hervor — es war schon Über die Zeit. Sie legte den Kopf in die Kissen und überließ sich der Gewalt. — ♦ Es dämmerte, und die Laterne in Emkes Hand gab nur noch blassen «Schein, als er zurück in das Haus kam. „Ein Hengstfohlen", fagte er, „und ein Kuhkalb", aber Oleitje hatte das Antlitz zur Wand gewendet, wielleicht wollte sie nicht, daß er es jetzt sah. „3a", sagte sie, aber es wurde ein Wort ohne Ende, es wuchs und ffchwoll an, zitterte und stieg, immer lauter, ihre Kehle schrie, ihr Leib, iihre Not, und sie konnte nicht dawider. Emke lief durch die Finsternis. Es schmatzte und klatschte unter feinen Füßen, sog und klebte sich an ihn, er lief gegen den Sturm, glitt, stolperte, stürzte, hinter sich den Schrei. Unten am Fluß kam ihm eine Frau «entgegen: Oleitjes Mutter. „Es konnte nicht anders sein", sagte sie, „junges Leben will nicht zur Winterzeit Herkommen. Es hat seine Weile ggeroartet, nun mit der Wärme ist seine Stunde da." Die Nacht schrie und zitterte unter dem Sturme, die lange, schwere Macht... Als der Bauer im späten Morgen in den Stall kam, sprach er mit Öen Muttertieren, lachte auch und ließ seine Hände lange auf ihnen ruhen. Er trieb die Schafe hinaus auf die Weide, und auf dem Rückwege pfiff er. Am Abend, als er sie heimholen wollte, blieb er stumm am Zaune stehen. Der Widder lies ihm entgegen, dahinter die Iungschafe. Langsam zogen ihnen die vier Muttertiere nach, und zwischen ihren wolligen, breiten Leibern sprangen auf ungelenken Beinen fünf schneeweiße Lämmer. Sie füllten den Stall mit ihren gleichmütigen Rufen, Vie Mütter antworteten; im Schweinekoben quiefte es und verstummte, tn dem plötzlichen Schweigen war ein vielfältiges Saugen vernehmbar; es waren elf winzige Ferkel. Ein Kuhkalb, ein Hengstfohlen, fünf Lämmer und elf Ferkel. Emke ging um den Stall herum und sah zu. wo er anbauen konnte. Dann kamen stille, sonnige Tage. Die Wiesen grünten auf, und aus Der abgetrockneten Schlammschicht über den Aeckem drangen die Triebe »er schon aufgegebenen Wintersaat. ”fm Oftermorgen, als Emke über den Hof zum Hühnergehege ging, woher ihm fröhliches Gackern nach der langen Zeit der Stummheit entgegenschall, kam ihm aus der Scheune eine Henne mit acht Kücken entgegen. Emke lachte, er hatte die Henne nicht brüten sehen. Er lachte auch noch, als er mit einem Korb voller Eier aus dem Hühnerstall kam: große, bräunliche Eier. Er setzte den Korb nieder und sah sich um. Das Haus glanzte und leuchtete in strahlendem Weiß, sogar für den Stall hatte der Kalk gereicht, lieber den Büschen des Gartens lag ein I c rüner Schimmer und ein violetter über dem Walde der Hügel. Die Sonne schien so fröhlich und wärmte. Born Fluß kam das Schnattern > - er Enten und Gänse durch die stille und klare Luft, die Tauben gurrten behaglich im Schlage, ein Schwarm blitzte im Fluge über die Wiesen ■ iwhin, die voll waren und bunt von Himmelsschlüsseln, Veilchen, Gänseblumen und Huflattich. Am Waldrande stäubten die Kätzchen, unter !.en silbrigen Buchen blühten in dichten Teppichen Buschwindröschen, I Hungerblumen, Märzbecher, Lerchensporn und die Milchsterne. Wehte ein Windhauch herüber, war er roarm und süß von Duft. Oleitjes Mutter kam mit dem Milcheimer aus der Stalltüre. Sie ging | ins Haus. Und dann trat langsamen Schrittes an ihrem Arme aus dem ; Dunkel der Diele Oleitje hervor, blinzelte in das Licht und lächelte dahin, wo sie Emke stehen wußte. Sie wendete den Kopf nach rückwärts. 3m Hause meinte der Sohn. Oer affe Gesell und die Bäume. Von Oskar Karich. Es klopfte dreimal an die Tür. „Mit Verlaub! Glück Herr in! Gott grüß ein ehrbar Handwerk, Meister und Gesellen!" Dumpf knarrte der Spruch in die hell erleuchtete Werkstatt. Die Gesellen hörten auf zu klopfen, der Lehrling trat neugierig näher, und der Böttchermeister Wilhelm Hennig ging dem Ankömmling erstaunt entgegen: „Grüß Gott! Woher so spät?" — „Grad aus der Stadt, roo’s keine Arbeit hat." — „Was für ein Landsmann?" — „Schlesier." Der Meister betrachtete den alten baumlangen Gesellen. Zwei Füzhüte saßen übereinanbergeftülpt auf dem wirren grauen Haar. Aus struppigem Vollbart, der das faltige Gesicht umrahmte und weit auf die Brust herabreichte, ragte eine mächtige, brillenverzierte Nase. Die dicke 3oppe berührte fast die Knie und an den Händen, die einen derben Knotenstock umspannten, steckten über und über geflickte Fausthandschuhe, denn draußen pfiff ein kalter No- vemberwind durch die Straßen. Schwere Holzschuhe schützten des alten Gesellen Füße vor den aufgeweichten Landstraßen. Der Meister verlangte die Papiere und las: „3ockel ßempe ... So, so, 3ockel, du bist also oierundsiebzig 3ahre alt?" — „3awohl, Meister." — Und bann mit einem Räuspern: „Warum trägt der 3ockel zwei Hüte auf seinem Kops?" — lieber bas bärtige Gesicht ging ein verschmitztes Lächeln: „Drei, — Meister, — drei sind es." Damit nahm er den Hutturm vorsichtig vom Haupte und schälte die drei Exemplare auseinander, den mittleren besonders zart befühlend. „Man muß fürsorglich sein, Meister. Verdirbt der auswendige von außen und der inwendige von innen, der in der Mitte bleibt bestimmt heil." Die Gesellen und Lehrlinge grinsten, doch der Meister warf ihnen einen unmutigen Blick zu. „Kann 3ockel auf gespaltenem Holz arbeiten?" — Södels Augen funkelten mißbilligend durch die runden Brillengläser: „Meister, solch alter Knabe wie ich kann immer auf gespaltenem arbeiten." Bedächtig zog er die Soppe aus, streifte die Handschuhe ab, nahm bas Schnitz- messer in die Faust, die Brustdaube in den Gürtel und setzte sich auf die Schneidebank. Das Schnitzmesser zitterte ein wenig, doch die knöcheren, braunen Hände führten es sicher über das krumm gespaltene Holz und eine gradlinig geschnittene Daube mit glatten Fugen fiel zur linken Seite in die Späne. Der Meister hob sie auf und reichte sie dem Lehrbuben: „Da 3unge, nimm dir ein Beispiel." Es wurde Feierabend gemacht, und der alte Gesell erzählte. Das Wandern und Fechten saß ihm schon feit frühester Sagend im Blute. Sm Frühjahr, wenn die ersten Stare pfiffen, mußte er hinaus. Er mußte. Es war, als wenn ihn die langen Beine einfach fort trügen. Er erzählte schmunzelnd von guten, fetten „Strichen" mit einem Taler Tageseinnahmen. Und manchmal noch mehr. „Ein Frühstück unter einem Saum, das lob ich mir. Und bann der Länge lang ins Gras legen. Sn die Blätter gucken, bis die Augen zufallen." — „Und bis der Gendarm kommt", meinte der Meister. Sockel sagte, seine „Fleppen" seien in Ordnung, der Gendarm könnte jede Stunde kommen, und die Bäume sind nun einmal seine besten Freunde. Sie schützen vor Sonne und Regen und spenden auch rounberfeine Menüs, lieber Herbergs- Erlebniffe, Austritte in Gehöften und Kämpfe mit Hunden berichtete Sockel. Er erzählte mit Feuer und Beweglichkeit, um die Aufmerksamkeit seines Publikums recht lange zu fesseln. Bis der Meister sagte: „Nun los zum Abendessen!" und im Weggehen: Für den Winter kann Sockel bableiben." Der Winter war lang und der alte Gesell arbeitete unverdrossen von früh bis spät, so gut es eben in seinem Alter ging. Er rechnete es Meister Hennig hoch an, daß er ihm im Winter, bei knapper Arbeit ein Unter» kommen gewährte. Es war wunderbar, wenn der Werkstattofen wohlige Wärme ausftrahlte und man feine Hände über die heißen Platten halten konnte. Und doch wurmte es ihn, daß er bei der Arbeit mit den jungen Gesellen nicht mehr so recht mitkam, wie er gern wollte. Wie sollte Sockel nur die Freundlichkeit, mit der ihn Meister Hennig immer behandelte, belohnen? Sowohl belohnen Sockel hatte eben solch einen gönnerhaften Zug in sich. Die enorme Körperlänge und der große Vollbart mochten wohl zur Stärkung seines Selbstbewußtseins beitragen. Als im März die ersten Schneeglöckchen zur Sonne drängten, stand Sockel an dem kleinen Bächlein, bas burch des Meisters Garten plätscherte und schaute sehnsüchtig den Wellchen nach, die das vom Hochwasser zerrissene Ufer bespülten. „Meister", sagte er eines Tages, „in meinen Beinen zwickt es. Sch muß fort. Aendern kann ich's nicht. Aber zuvor möchte ich noch an das Bachufer in Eurem Garten Weiden pflanzen." — „Weiden pflanzen?" — „Sowohl, mit Obstbäumen ist dort nichts zu machen. Sedoch das Ufer muß befestigt werden, und Weiden wachsen schnell und geben obendrein noch feine Reifen." — „Meinetwegen", brummte der Meister vor sich hin und ging mit Kopfschütteln wieder an die Arbeit. Sockel besorgte kerzengrade Stecklinge und pflanzte sie sorgfältig am Bachufer ein. Er behandelte jeden Steckling so zart und so behutsam, als wenn es kostbare Orchideen wären. Dann trat er reisefertig vor den Meister, nahm ihn geheimnisvoll beiseite, nestelte die Hutpyramide auseinander und hielt ihm den mittleren Hut vor das Gesicht. Sn dessen Snneren waren zwei Lose der Landeslotterie mit Stecknadeln aufgespießt. „Meister", sprach Sockel mit feierlicher Stimme, „wie Shr seht, bekomme ich eine kleine Rente. Dafür kaufe ich mir stets zwei Lotterielose und hoffe bestimmt einmal zu gewinnen. Wißt Shr, dann kaufe ich mir ein Grundstück, möglichst mit Bäumen. Sind keine Bäume da, dann nflanze ich sie. Zuerst Weiden, die wachsen am schnellsten. Die dort am Bachrand pflanzte ich zur Probe. Sch sehe sie mir nächstes Sohr an, wenn Shr gestattet. Die Losnummern habe ich hier zu Eurer Kontrolle an die Werkstattwand geschrieben. Shr erhaltet auch einen Teil vom Gewinn." Damit stülpte er die Hüte zusammen, schwenkte sie in einem eleganten Bogen gegen die Gesellen und stapfte zum Hofe hinaus. i und M in Man hat nämlich nicht über die Lanzen zu n zu gehen, und meine Handlung bedeutete U 6 Veranlirortlich: l)r. tzans Thyrtot. — Druck und Derlag:Brübl'scheUniverlttäts-Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Giehe». So enl Rasteten mir nach erfolgreicher Jagd im Busch unter einer schattenspendenden Schirmakazie, legten die Krieger ihre Lanzen neben sich auf den Boden. Ich sah nun sorgfältig darauf, nicht auf die Lanzen zu steigen und stieg darüber hinweg. Glücklicherweise war ich zu diesem Zeitpunkt schon güt mit dem Eigentümer der Lanze befreundet, so daß unan- Oft bin ich befragt worden, wie man sich vor derartigen Zufälligkeiten schützt, und immer konnte ich nur antwortens Hierfür gibt es nur ein instinktives Einfühlungsvermögen und viel Glück. Verfügt man über diese beiden Grundelemente nicht, dann bleibt man besser zu Haus oder teilt eben das traurige Los zahlreicher Forschungsreisender. i in ito 118« 1 ein in genehme Folgen ausbliehen. ! steigen, sondern darum herum zu gehen, ..... eine persönliche Beleidigung für den Eigentümer. D un, i $ A Hier Brbei Die Weiden am Bachrand grünten von Jahr zu Jahr üppiger, und chre Aeste streckten sich breitschattend über das Bachlein. Jockel kam jedes Jahr im Sommer zu Besuch. Es war stets eine Begebenheit ur die Böttcherwerkstatt, denn der erste Weg des alten Gesellm, dessen Gang immer müder wurde, führte zu seinen Weiden. Von Baum zu Baum ging er und strich leise mit zittrigen Fingern über die Rmde, sah hinaus zur schwankenden Krone, so daß der weißgewordene Voll- bart waagerecht stand und setzte sich ein Weilchen auf den Rasen Es kümmerte ihn nicht, daß die Gesellen und Lehrlinge ihre Rasen an den Fensterscheiben platt drückten und sich wahrscheinlich über ihn lustig machten, er sah nur die Bäume, die seine Hande gepflanzt hatten, und hörte das Flüstern ihrer Blätter. Und als einmal der alte Gesell gar zu lange auf dem Rasen sah, meinte der Meister, er sei eingeschlasen und wollte ihn wecken. Doch Jockel gab keine Antwort. Sein Haupt lehnte am Weidenstamme, und die gefalteten Hände ruhten auf den drei Hüten. Der alte Gesell war tot. iilir Ito Un' i ,e! ll?r ! Bo Meine Zorscherexpedition nach Hinterindien. Von Dr. Hugo Adolf Bernatzik. In diesen Tagen begibt sich der bekannte Erforscher fremden Volkstums, Dr. H. A. B e r n a tz i k, der sich auch mit Büchern über seine Reisen einen Namen gemacht hat, auf eine neue Expedition nach Hinterindien. Dr. Bernatzik berichtet hier über die Ziele der neuen Forschungsfahrt, auf der seine Frau ihn wieder begleitet. In den Jahren 1931 und 1932 habe ich in Westafrika Kulturen untersucht, in deren Verfolgung ich in den nächsten Jahren Australien, die Salomoninseln, Neu-Guinea und Indonesien bereiste. Bei der Ausarbeitung meines wissenschaftlichen Materials wurde es mir klar, daß eine Untersuchung dieser Gebiete allein zur Klärung des Ursprungs dieser Völker nicht genügte und ich beschloß daher, die Kulturströmungen von ihrem vermutlichen Ausgangspunkt aus zu verfolgen. Wir werden zuerst den Mergui-Archipel, der Hinterindien im Süb- weften vorgelagert ist, besuchen. Diese Inseln werden von den Selung, einem nomadisierenden scheuen Fischervolk, bewohnt, das in primitiven Booten lebt und jede Begegnung mit Fremden zu vermeiden trachtet.- Rach Rangoon zurückgekehrt, möchte ich nach dem Norden vorstoßen, in die sogenannte Vierländerecke, das Gebiet zwischen Siam, Burma, China und Jndochina, das, ebenso wie die angrenzenden Teile der in Burma gelegenen Shanstaaten, von einer Menge interessanter Volker bewohnt ist, die wissenschaftlich zum größten Teil noch nicht bearbeitet worden sind. Ich nenne nur die Ka, Karenn, Ka Tong ßuang, die chinesischen Bergvölker der Mial und Yao, die tibetanischen Völker Lahu, Lisu, Akkha und viele andere mehr. Die Negritos, die als die Urbevölkerung Hinterindiens angesehen werden können, sind aus niedrigster Kulturstufe stehende primitive Zwerge und heute nur mehr in den abgelegensten Rückzugsgebieten anzutresfen, wohin sie von den Völkern, die Hinterindien überfluteten, abgedrängt wurden. Sie führen heute nur noch im Innern der malaischen Halbinsel ein kümmerliches Leben. Eine der interessantesten Aufgaben für einen Ethnologen ist aber ber Versuch mit den von den nördlichen Shanstaaten bis in die chinesische Provinz Yünnan siedelnden „Wa" in Verbindung zu treten. Nach genauen Informationen, die ich kürzlich erhielt, soll dies auch heute noch ein außerordentlich schwieriges Beginnen sein, da die Wa, die als Hack- bauern verstreut inmitten schwer zugänglicher Berge leben, sehr fremdenfeindlich sind, es verstanden haben, ihre völlige Selbständigkeit zu erhalten, und somit keiner Kolonialbehörde unterstehen. Von Burma aus wären die Wa leicht zu erreichen, doch die englischen Verwaltungsbehörden, die sonst meist wissenschaftliche Untersuchungen in ihrem Machtbereich in zuvorkommender Weise fördern, sehen es ungern, wenn man in das Gebiet dieses wilden Volksstammes einbringen will, ba sie, nicht mit Unrecht, döse Komplikationen befürchten. Tatsächlich gelang es vor wenigen Jahren einer beutschen wissenschaftlichen Expebition nicht, auch nur bas Grenzgebiet ber Wo zu erreichen, unb auch mir würbe die Einreiseerlaubnis glatt verweigert, so daß ich den Versuch unternehmen muß, mit den Wa auf chinesischem Gebiet, die zu besuchen mir die chinesischen Behörden in gewohnter Liebenswürdigkeit gestatteten, in Verbindung zu treten. Daß im übrigen die vorsichtigen Verwaltungsbehörden in diesem Fall nicht unbegründete Befürchtungen hegen, wird ersichtlich, wenn man bedenkt, daß die Wa, die übrigens bis auf den heutigen Tag fast völlig unbekleidet gehen, ausgedehnte Kopfjagden zu unternehmen pflegen. Kopfjagden haben immer magische Beweggründe. Meist glaubt der, der einen Kops erbeutet hat, in der Seele des Opfers einen treuen Diener unb Helfer erworben zu haben. Ich habe auf ben Salomoninseln unb auf Neu-Guinea Volksstämme kennengelernt, bie heute noch bieser Sitte ober vielmehr Unsitte hulbigen. Sie standen aber zumeist auf einer noch primitiveren Kulturstufe als die Wa. Auch beschränken sie sich meist darauf, die Köpfe ihrer melanesischen oder papua- nischen Nachbarn zu erbeuten. Weißen Menschen gingen sie lieber aus dem Wege, da ihrer Vorstellung nach, deren Seelen unberechenbar und daher im Jenseits nicht als verläßliche Diener zu gebrauchen wären. Sie befürchten, daß sich die Seele eines Weißen selbständig machen unb dem Eia«ntiimer bes erbeuteten Kopfes nicht nur nicht folgen, fonbern allerlei Unannehmlichkeiten bereiten könnte. Unter biefen Umftänben ist es erklärlich, baß in biefen Gegenben keine Vorliebe für Kopftrophäen weißer M machen besteht. Anbers Ut es hingegen bei ben Wa Schon Marco Polo berichtet von biefem felt'-m-n Volk. Er erwähnt auch bie Kopfjagben unb führt besonders an, baß der Wert der Köpfe sehr verschieben sei, se nachbem welchem Volke bas Opfer angehöre. So werbe für ben Kops eines Chinesen bas Vielfache von bem Preis bezahlt, ber für ben Kopf eines auf niebrigfter Kulturstufe lebenden Volksangehörigen zu bezahlen fei. Marco Polo unterläßt es anzugeben, wie sich die Wa den Köpfen der Weißen gegenüber verhalten, da zur damaligen Zeit die Wa noch keinen Weißen gesehen hatten. Wie sie sich heute zu dieser Frage stellen, wäre omit unter anderem eine der von meiner Expedition zu lösenden Fragen. Wenn auch erfahrungsgemäß ein Expeditionsprogramm in feinen Einzelheiten erst am Ausgangspunkt feftgelegt werden kann und auch dann noch vielfachen Abänderungen unterliegt, die unter dem Zwang der Verhältnisse vorgenommen werden müssen, steht es heute bereits fest, daß ich trachten werde, von einem möglichst großen Gebiet die vorhandenen Lücken in der Völkerkunde soweit als möglich zu schließen. Bei der relativen Kürze der Dauer der Expedition von längstens fünfviertel Jahren bie bunt) bie vorhanbenen bescheibenen Mittel bebmgt ist, wird es hauptsächlich nur möglich sein, bie materielle Kultur ber meisten Völker festzuhalten. Doch werbe ich bemüht sein, mit ben wichtigsten dieser Stämme das Leben längere Zeit hindurch zu teilen, wie ich es zumeist auch auf meinen früheren Expeditionen mit Erfolg getan habe. Hierbei ergibt sich am besten die Gelegenheit, auch in das ungleich schwierigere Gebiet der geistigen Kultur einzudringen. Denn diese ist von einem Reisenden nicht ohne weiteres zu beobachten. Oft fragt man, ob es nicht sehr gefährlich fei, sich unzivilisierten Völkern zu nähern, unb ich kann nur antworten, bies hängt ganz von ben sich stets änbernben Verhältnissen ab. Ich trachte immer, bie Grenzen bes Gebiets, welches ber zu untersuchenbe Volksstamm bewohnt, aufzusuchen unb mich bort mit einigen Eingeborenen anzufreunden. Mit deren Hilfe ist es dann meist möglich, mich unter den Schutz bes betret» enben Häuptlings zu stellen Gelingt es mir biefen Plan durchzufuhren, o habe ich meist mein Spiel gewonnen, da nach meiner Erfahrung primitive Völker das Gastrecht nicht zu verletzen pflegen. Allerdings nur unter ber Voraussetzung, baß man sich nach den Geboten des Volkes, dessen Gastsreundschast man genießt, nichts zu schulden kommen laßt. Diese auf den ersten Blick wohl selbstverständliche Forderung ist in der Praxis nicht immer leicht einzuhalten, da wir Europäer im Vorhinein niemals wissen können, was bei einem unbekannten Volk Recht unb was Unrecht ist. Daß aber bie Meinungen hierüber stark von- einanber abweichen, zeigt bas Schicksal mancher Forscher, bie ohne es zu wollen, bie Sitten bes ßanbes verletzten unb bas bitter büßen muß- ten. Ich erinnere nur an eine beutsche Expebition, bie in Neu-Gumea überfallen unb nahezu aufgerieben würbe, ba bie Mitglieber, ohne zu ahnen, baß sie ein Tabu brachen, Palmen gefällt hatten, welche bie Eingeborenen als Totem betrachteten. Manchmal bauert es Jahrzehnte, bis bie eigentlichen Ursachen solcher traurigen Ereignisse aufgeklärt werben. So gelang es mir erst im Jahre 1932, bas Schicksal ber unglücklichen Oesterreicher, bes Freiherrn von Foullon-Norbeck unb* des Marineoffiziers Beaufor t zu klären, die in Begleitung einiger Matrosen im Jahre 1896 vom Kriegsschiff „Albatros" auf der Insel Guadelcanal (Salomonsgruppe), in der Nahe des Dorfes Tetere, an ßanb gegangen waren, um den Berg lahme zu Vermessungszwecken zu besteigen. Sie wurden von den sie zuerst freundlich behandelnden Eingeborenen in einen Hinterhalt gelockt, und von da an blieben alle Mitglieder der Expedition verschollen. Ich konnte nun feststellen, daß sich auf dem lahme, der Vorstellung der Eingeborenen nach, bie Seelen ber Toten aufhalten. Ein religiöses Gebot verbot aufs strengste bas Betreten bes Gipfels. Als bie Eingeborenen von ber Absicht ber Weißen erfuhren, lockten sie sie in einen Hinterhalt unb töteten sie bis auf ben letzten Mann. Ich selbst bin einmal mit knapper Mühe einem ähnlichen Schicksal er. gangen. So hielt ich mich im Jahre 1927 in Zentralafrika bei bem als frciubenfeinbltd) unb grausam verschrienen Volksstamm ber Nuer im Obernilgebiet auf. Es war mir gelungen, mit ihnen soweit Bekanntschaft zu schließen, baß ich es wagen konnte, in ihrer Gesellschaft zu jagen. Da bie ßiebe ber Eingeborenen oft bunt) ben Magen geht, wollte ich versuchen, mich als Fleischversorger beliebt zu machen. Einige Tage lang hatte ich Erfolg, unb meine Begleiter lächelten zusrieben über ben ßöroenanteil meiner Beute, ben ich ihnen überließ. Eines Tages stieß ich unvermutet auf eine Giftschlange. Das Gewehr von ber Schulter reißen unb auf bie Schlange anlegen, war für ben Europäer eine fast unwillkürliche Hanblung. Doch gerabe als ich ben Abzug berührte, warf ich instinktiv einen Blick auf meine Begleiter. Diese hatten ihre mächtigen, rafiermefserscharfen ßanzen ergriffen unb starrten mich mit eigentümlich beobachtenbem Gesichtsausbruck an. Das Gefühl brohenben Unheils ließ mich bie Waffe senken, bie Schlange entkam, unb ich jagte weiter. Später erfuhr ich, baß es bas Totem-Tier ber Eingeborenen gewesen war, das ich bebroht hatte unb baß feine Verletzung bie Blutrache ber Nuer unb somit meinen augenblicklichen Tob bebeutet hätte.