Nummer 79 Montag, den 12. Oktober Jahrgang 1956 in die Küche kam: er möge sich nur heute abend mit den beiden der Königin entqeqenstellen, die nähme sie dann sicher in ihrem eigenen Wagen mit und seinen Kindskopf endlich dazu. Demütig ging der Pfarrer schließlich zu seiner Patronesse, der Marquise von Boulainvilliers, den sonderbaren Umstand zu berichten. Die hörte kaum den Namen, als sie auch schon in Eifer geriet, die Mädchen anzusehen. Wie sie mit seidenen Rocken und duftend in ihre Kammer kam — sie war gebrechlich dürr und fchwach von Alter doch putzte sie sich jung — da lag die Große zwar noch unbeweglich, doch folgten ihre Augen der Marquise unverwandt. Und als die Kleine sich durch die Zweifel und Fragen nicht einschüchtern ließ, sondern fest bet dem Namen blieb und daß sie in Paris Urkunden hätten, ihre Abstam- munq aus dem Königshause der Valois zu beweisen, und nur deshalb sich auf den Weg begeben hätten: half sie ihr nach mit eingeworfenen Worten und erzählte schließlich zwar mit kranker Stimn-.e doch aufs klarste ihre Geschichte- Sie wären drei Geschwister und in Foutette bei Bar-sur-Aube im Elend aufgewachsen, weil der Vater alles vertrunken hätte. Der wäre später nach Paris gezogen und da gestorben. Sie wären von fremden Leiten übel behandelt worden und endlich fortgelaufen bet der Nachricht, daß von ihrem Vater bei einem Gläubiger in Paris wichtige Urkunden verpfändet lägen. Sie hätten im Vertrauen auf die heilige Jungfrau und au edle Menschen den Weg gewagt, indessen der Bruder nach Toulon sei um da als Schiffsjunge einzutreten. Sie wußte auch den Namen des Gläubigers und brachte schließlich ein Papier hervor, das die Geschichte zu bestätigen schien. .... ™ . Die Marquise war keine Närrin, doch hatte sie nicht ohne Nutzen durch ihren Mann, der ein Neffe des bekannten Stammbuchforschers gewesen war besten berühmte Bibliothek geerbt. Abkömmlinge aus dem Königshaus der Valois zu finden und nachzuweisen, schien ihr ein seltenes Sammler- alück Sie nahm nach einigem Bedenken die Mädchen gleich mit tn ihren Wagen, worüber der Turm vor Schrecken und Verwunderung fast um- qefallen wäre, und suhr am selben Tag noch nach Paris, den Gläubiger zu suchen. Er fand sich auch mit aller Richtigkeit in Saint-Germain, und zwar als Wirt, bei dem der Saint-Remy zuletzt getrunken hatte. Der war an einem bösen Leiden im Krankenhaus gestorben und hatte die Urkunden nicht wieder eingelöst. Die Trinkschuld war nicht einmal hoch: so kam die Boulainvilliers am Abend schon vergnügt mit ihren Urkunden an; entschlossen, die Erziehung dieser verlaufenen Königskinder vorläufig zu besorgen, in der Sicherheit, daß sie ihr einmal von höherer Stelle mit Dank und Ehre abgenommen würde. Als ihr Wagen in der letzten Dämmerung aus dem Wäldchen gegen das Haus anfuhr, war die dicke Ma- rianne schon am Schlafen: die Blasse aber saß noch auf und kam ihr in der Tür entgegen: sie hätte nicht vermocht zu schlafen. Sie bewegte sich vollkommen in den geliehenen Kleidern, und bcift der Kerzenschein chr schmales Gesicht noch blasser machte: entzückte die Marquise und nahm ihr auch den letzten Zweifel, ob diese Sache mißlingen könnte. Zwar gäben die Urkunden, wie sie in den nächsten Tagen einsehen mußte noch keinen Stammbaum her: es waren Reste, gleichsam bei einer Feuersbrunst sinnlos gegriffen, wobei das Wichtigste verbrannte. Doch weil sie wußte, daß für den Forscher gerade die schwierige Feststellung erst den Reiz hergibt, so blieb sie für ein paar Wochen mit Eifer dabei trotz ihrem schwächlichen Körper, bis sie den Ursprung des Stammbaums bei einem Heinrich v. Saint-Remy, wahrscheinlich einem natürlichen Sohn Heinrichs II und einem Fräulein v. Saint-Remy, gefunden hatte. Zwar fehlte ihr noch mancherlei: auch fand sie eine Nachricht, daß einem Samt- Remy vor hundert Jahren die Adelsprobe nicht gelungen wäre: doch schlug sie das nicht an. Sie brachte ihre Forschungen in sauberer Niederschrift mit Frauenstolz dem Wappenrichter Hozier, der sich beeilte, der Trägerin eines so berühmten Namens, aus deren Bibliothek er häufig angewiesen war dienstbar zu fein. Es gelang ihm in der kürzesten Frist, jenes Fräulein von Saint-Remy als eine Nicolette von Savigny und unzweifelhafte Geliebte des Königs Heinrich II. festzuftellen: auch machten ihm die Lücken, die in zwei Jahrhunderten einem Geschlecht passieren können, wenn seine Träger sich auf allen Straßen durchschlagen müssen, keine Schwierigkeiten. Bei einem Essen, das die Boulainvilliers in ihrem Stadthaus den Genealogen gab, überreichte er die anerkannte Ahnentafel, durch welche ihren Schützlingen als nachgewiefenen Valois die Zukunft gesichert wurde, und als er damit einen Trmkfpruch auf die willkommene Fachgenoffin mit dem berühmten Namen verband, ausgehend von dem Sprichwort: „Lügt wie ein Genealogift , und mit Humor und Witz die Würde feiner Wissenschaft verteidigte: da erlebte die Marquise einen Triumph ihrer mühsamen Gelehrsamkeit, von dem sie noch nm selben Abend, von zwei Vorreitern mit Fackeln begleitet, nach Hauie fuhr, weil sie es nicht erwarten konnte, auch vor den Mädchen so >m @f°Sie 3fanbe t>ie blonde Marianne nach ihrer Art im dicken Schlaf aus dem sie nicht zu wecken war: das Bett der Jeanne war leer: erst als ne scheltend das Haus absuchen ließ, erschien sie aus dem Wind und heiß gelaufen: Sie habe ihr Schicksal nicht der ischwes < Die Halsbandgeschichte Erzählt von Wilhelm Schäfer Copyright by Albert Langen/Georg Müller Verlag, München Die Gräfin de la Motte. I. Wenn die Kutsche der Marie Antoinette von Paris zurückfuhr nach Versailles, was zuzeiten täglich gegen Abend geschah, überholte sie auf der Straße bei Auteuil den alten Pfarrer dieses Ortes, der dann mit seinem Hut demütig in der Hand zur Seite in den Graben trat und seine Königin vorüber ließ. Einmal an einem warmen 3ruhlingsabenb hatte sie ihm fröhlich zugenickt, wie man einen JBaum in Bluten oder einen Weidenstumps bei Regenwetter im Vorbeifahren grüßt. Sonst wußte sie nichts von diesem Pfarrer, hatte niemals em Wort an ihn gerichtet und hätte ihn an einem andern Ort als unter den Pappeln dieser Straße kaum erkannt. Doch war der Greis, der hier m Demut sein geistliches Amt verrichtete, vom Schicksal ausgesucht, der Königin von Frankreich die Natter aufzuheben, die ihr schon lange vor der Guillotine den Todesbiß beibringen sollte. Denn als einmal im Herbst die Tage schon so kurz waren, daß aus der nahgeregneten Straße das Abendrot in schwarzen Schallen um den königlichen Wogen blinkte, sah der Pfarrer zwei, Bettelmadcheni, die schon lange an den Pappelstämmen herumgelungert hatten den Pferden sich entgegenstürzen, wie wenn sie überfahren werden wollten. Der Vorreiter warf sie zwar zurück, und im schlanken Bogen fuhr der königliche Wagen der vor den regnerischen Lüften verschlossen war, um sie herum; doch sah der Pfarrer, als er mit dem Hut in der Hand aus dem nassen Graben kletterte, daß sie im Schmutz dalagen, und ging hinzu, so rasch er mit seinem Asthma konnte. Es war im halben Dunkel nicht mehr zu erkennen ob ihnen etwas geschehen war; doch wimmerte die Kleine sehr, und die Große lag mit ausgebreiteten Armen aus dem Rucken, rote wenn sie ohnmächtig wäre. Es machte sich, daß zur Seite ein Heillgenhauschen stand mit einer Bank davor: da schleppte er die Mädchen hin und wartete den Wagen eines Winzers ab, der vor einer halben Stunde an ihm vorbei »um Futterschneiden gefahren war. Dem luden sie die spate Beute auf das nasse Kraut und brachten sie ins Pastorat. Darüber war es dunkle Rocht Aordenundals dieSchwester von dem Pfarrer, eine Witwe von großem Leibesumfang, mit der Kerze aus dem Torweg leuchtete: trugen sie die Große noch immer wie eine Tote in das Haus, wahrend die Kleine^inter- her schlich. Es sah nicht aus wie Herrenkinder, was ihr der Bruder Pfarrer auf der Straße aufgelefen hatte: doch war die Blasst in ihrer durch die Lumpen kaum bedeckten Blöße zierlich und wohlgewachsery und die Blonde zeigte sich trotz ihrer Jugend schwesterlich besorgt um sie. So spektakelte die Witwe zwar auf ihren Bruder Kindskopf, der ihr das saubere Pastorat am liebsten wie ein Siechenhaus bevölkern möchte, brachte aber die beiden Mädchen in eine Kammer, wo sie von ihr gewaschen wurden und die Nacht auf frischem Stroh zubringen konnten. Sie hätte sie trotzdem am andern Morgen auf die Straße getan, doch lag das blaffe Mädchen mit offenen Augen unbeweglich auf dem Rucken im Stroh, wie wenn ihr innen etwas zerbrochen wäre. Und ob ine Witwe es mit Räsonieren versuchte und der Pfarrer m,ld zuredete: sic: fah die beiden gleich verdreht aus ihren weißen Augäpfeln an unb gab kein Wort von sich, während ihre Schwester, an solche Zustände scheinbar gewohnt, gleichmütig durch das enge Fenster in den dicken Regen sah. Da ftano der Pfarrer von Auteuil vor seiner Schwester, dem Turm, wie sie die Bauern nach ihrer Dicke nannten, mit seiner großen Nase wirklich wie em Kindskopf: und als sie endlich mit der Drohung hinunterging, die Stratzen- brut nicht eine Stunde länger mehr zu dulden, blieb er kleinmütig bei den Mädchen in der Kammer und fragte mit Seufzen die Kleine, die etwa vierzehnjährig war, woher sie kämen: Von Bar-sur-Aube. Wohin sie wollten? Nach Paris. Ob sie noch Eltern hätten? Nein. Wie sie denn hießen? . .. Marianne de Luz de Saint-Remy de Valois und ihre Schwester Jeanne! , Das Mädchen sagte diese Kette von Namen auswendig her: der Pfarrer mußte sie noch zweimal wiederholen lasten, so wirblig wurde ihm sein schwacher Kopf vor Staunen. So freilich pflegten Prinzessinnen über Land zu reifen, höhnte ihn die Schwester, als er mit seiner Neuigkeit hinunter GiehenerZaMeMätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger gleich Im Bett erschlafen können, ihr erwartungsvolles Herz hätte sie hinausgetrieben unter die Bäume der stürmischen Herbstnacht. Sie bekam zwar schließlich den Stammbaum doch noch zu sehen; aber während sie das Blatt zwischen zwei Kerzen hielt, die ihr das hochmütige Gesicht mit den dunstig erregten schwarzen Augen beleuchteten, fielen der Marquise vor Verdruß, vom Wein und von der Müdigkeit der Nachtfahrt, im Sitzen die Augen zu, so daß sie um den Schlußeffekt des Abends betrogen wurde. Am andern Morgen erfuhr sie durch den Kutscher, daß die Jeanne in der Nacht mit ihrem Hausmeister zusammen gewesen war. Da merkte die Marquise, daß nach dem Stammbaum auch die Erziehung der Mädchen zu reparieren wäre, und daß sie den Erfolg von ihrer Wissenschaft nun als zwei halbwüchsige Mädchen da' hatte, die ihr noch üble Tage bereiten konnten. Wei! sie das ihrem schwächlichen Körper nicht zumuten konnte, ließ sie fortab die Dame im Zimmer mit ihnen schlafen und versuchte, durch ein paar Fahrten nach Versailles bei „Madame", Gräfin von Provence und Schwägerin des Königs, mit ihrem neuentdeckten Stammbaum anzukommen, um die Mädchen als königliches Eigentum los zu werden. Mit ihrem Namen und Einfluß gelang ihr das; und im November konnte der Jeanne eröffnen, daß ihrem Bruder eine königliche Pension von tausend Livres und ihnen beiden je achthundert Livres jährlich bewilligt wären.. Der Bruder erhielt eine Freistelle in der Marineschule, sie selber sollten in der Abtei Longchamp mit anderen adeligen Damen erzogen werden. Die Jeanne bedeckte ihre Äugen mit züchtigen Lidern und sagte geziemend und schon wie eine Dame sich verneigend: sie müßten allen Segen des Himmels auf die Marquise hernieder flehen, daß sie ihren Bruder aus der Unwürdigkeit erlöst habe! So daß die Marquise, indessen das zierliche Persönchen leicht federnd fortging, es ihrer Schwester anzusagen, sich wundern mußte, warum die Jeanne nicht von sich selber gesprochen hatte. * In jedem Monat einmal pflegte die Marquise später, als sie im Kloster waren, nach Longchamp hinzufahren. Nicht, daß sie Sehnsucht nach den Mädchen hatte; doch sprach sie gern mit der Aebtissin von Erziehungssachen, wie sie damals durch Rousseau in Mode waren, und erntete die Finderfreude, daß ihr Schützling in Longchamp bewundert wurde. Die Marianne freilich war gut und dumm; ihr blonder Strubelkopf vermochte wenig zu fassen und noch weniger zu halten. Doch von der Jeanne pflegte die Aebtissin zu bemerken, daß sie mit den Augen lerne: was sie nur einmal sähe, das könne sie auch schon. „Nur leidet sie, Madame, am heißen Blut der Valois." Die Mädchen selber durften dann zuletzt auch ins Kapitel kommen zur Begrüßung ihrer Wohltäterin; und jedesmal fuhr die Marquise mit dem Vergnügen nach Hause, wie respektvoll die Jeanne ihr angesichts der Oberin die Dankbarkeit bezeugte. Das ging ein paar Jahre gemächlich weiter; die Marquise wurde gebrechlicher, und aus der Jeanne erwuchs ein zierliches Persönchen zu einer Dame mit braunem Haar wie Haselnüsse und einer leuchtend weißen Haut, das zwar nicht schön für olle Leute, doch für den Mann von Geist bezaubernd war, wenn sich im Gespräch, das sie gewandter beherrschte als es sonst junge Mädchen können, ihre blauen Augen belebten und der etwas zu große Bauernmund die ebenmäßige Perlenkette der Zähne sehen ließ. So hätte sich die Boulainvilliers selber fast betören lassen, als sie ihr eines Tages mit Erlaubnis der Aebtissin auf einem Ausgang gestand: daß, nun sie fertig und als Dame erzogen fei, sie nichts mehr hindern könne, dem ungestümen Herzensdrang zu folgen und ihrer Retterin durch treue Dienste in ihrem Hause die tiefste Dankbarkeit zu zeigen. Doch fiel ihr gleich der Hausmeister ein, um sich der Rührung zu erwehren. Sie sagte mit bewegter Stimme, daß sie „Madame" darüber erst befragen müsse; und als sie wiederkam nach einem Monat, war es zu ihrem Schrecken — wie sie ihr noch versichern konnte — von oben her bestimmt, daß sie mit ihrer Schwester zur Nonne erzogen werden sollte. Nun zeigte Jeanne de Luz de Saint - Remy de Valois, daß sie wahrhaftig als Dame fertig war; sie wurde weder blaß noch trotzig, sagte nur in Wehmut, die ihr gut stand: wie traurig es für sie sei, durch einen höheren Spruch in der Erfüllung ihrer kindlichen Pflicht behindert zu werden. Sie könne nun allein im innigen Gebet für sie ihre Dantes» schh.ld ablösen So treuherzig faltete sie die Hände, gleichsam im Vorgefühl solcher Gebete, daß sich die Boulainvilliers verwirrt empfahl und nicht mehr wiederkam nach Longchamp. Ihr neugepflanzter Stamm» bum war lebendig und grün geworden und sie fing an, vor seinen Blüten Furcht zu haben. Einmal sandte sie noch den Pfarrer hin und ließ sich von ihm berichten: daß die Aebtissin die Haltung der Novize vortrefflich sande, wie wenn sie freien Willens und nicht gezwungen worden wäre Durch diese Anspielung verdrossen, die ihr der alte Pfarrer arglos wieder- otacme, fanbte sie nun keine Botschaft mehr; sie machte gleichsam unter ote Geschichte dieses Stammbaums einen Schlußstrich und gab sich mehr als früher dem Lesen hin und den romantischen Schicksalen, die sie in Buchern über alles liebte und mit Betrachtungen des Lebens nach Belieben unterbrechen konnte. Sie wurde darin auch nicht sonderlich gestört, als ihr nach einem halben Jahr der Pfarrer doch noch eine Botschaft sagen mußte: daß die Novizen und Fräulein Luz de Valois in einer Nacht über die Klostermauer davongegangen wären. II. 3n Bar-fur-Alibe hielt damals eine Frau von Surmont offenes paus, darin die adelige Jugend der ganzen Gegend sich mit Theater- |p|el unöJEanj und Gartenfesten täglich vergnügen konnte. Ihr Mann, der Präsident und Staatsrat, ließ sie gern gewähren, weil der Landsitz Raum genug für solche Dinge hatte und weil ihm selber, der rot und schwer vom guten Trinken wurde, ein Pfänderspiel mit jungen Damen norf) m^t zuwider war. Da wurden eines Nachmittags ein Fräulein oon Valois und eins von Saint-Remy gemeldet; und als die Präsidentin m den Salon hinunterkam, faß da verstaubt und immer noch in Novizen- "acht d,e Scanne mit ihrer blonden Schwester und war nach Bar-sur- Aube gekommen, um das Besitztum der Famili« in Foutette neu zu erwerben, wozu die Frau von Surmont helfen sollte. Die sah nun freilich lächelnd, daß hier fürs erste etwas anders fehlte, und weil sie fröhlichen Herzens und ohne eigene Kinder war: bot sie den jungen Damen für ein paar Tage Unterkunft, die ohne Widerrede und artig dankend angenommen wurde. Dem Präsidenten war es fatal, doch als die Jeanne ihm abends die Bescheinigung der königlichen Pension vorzeigte und er das zierliche Persönchen mit ihren großen Blauaugen schmeicheln sah, schien es ihm gleichfalls recht, den Flüchtlingen zu helfen. Damit sie :ür den andern Tag aus ihrer Klostertracht herauskämen, gab seine Frau den beiden weiße Kleider mit ins Zimmer, am andern Morgen vorläufig anzuziehen, mit einem Scherz auf ihre eigene Dicke, daß sie wohl in der Taille nicht völlig sitzen würden. Als sie sich aber nicht einmal spät erhoben hatte, fand sie den Präsidenten schon im Garten beim Frühstück, und rechts und links ein weißes Dämchen, das eine schlank und zierlich, das andere etwas runder, doch beide in Gewändern von tadellosem Sitz. Sie hatten die halbe Nacht geschneidert, der Präsidentin ihre beiden Kleider sich auf den Leib ge- schnitten und dauernd neu vernäht. Die gleiche Fähigkeit, sich einzupassen, verstanden sie auch sonst; der Staatsrat hatte sich seit langem den Kopf nicht mehr so rot gelacht wie zu den Scherzen Jeannes; aus ein paar Tagen der Unterkunft wurden Wochen, und schließlich spazierten die Novizen von Longchamp zu Bar-sur-Aube im Park der Frau Sur- mont, wie wenn sie da in Kinderschuhen gegangen wären. Fast roar’s, wie wenn das Eidechschen, wie der Staatsrat das zierliche Figürchen nannte, im täglichen Kreis der Gäste viel mehr der Mittelpunkt geworden wäre, als es die Hausfrau vordem war; so daß die Präsidentin einen Bodensatz von bitterem Groll ansetzte, darauf die rosige Fröhlichkeit noch wie dünnes Wasser schwamm. Das ging ein wenig besser, jedoch nicht lange, als dem Staatsrat zum Aerger im Herbst mit seiner Schwesterwitwe deren Sohn, der Nicolas de la Motte, auf Urlaub kam. Er stand in Luncville als Gendarm des Königs und sah in seiner scharlachroten Uniform mit Silberlitzen nicht übel aus, obwohl er blaß und sommersprossig, wenn auch ein starker Kerl war. Er spielte mit dem Fräulein von Valois Theater, und weil sie beide gleichviel Begabung zeigten, konnten sie im bunten Fall der Blatter noch manches Schäferspiel reizend darstellen, zum heiteren Vergnügen der Gesellschaft. Als alle Blätter gefallen waren und schon der erste Winter die spöttischen Flocken tänzeln ließ, mußte der Leutnant wieder fort. Der Staatsrat fand, daß sie ihn rasch vergaß, und freute ftch darüber an manchem Abend, wo sie zu seinen Füßen am Knister- feuer saß mit einem Buch, das seine Augen bei Licht nicht mehr gut lesen konnten; indessen seine Hausfrau mit der Marianne sich bei den Mägden nützlich machte und nur manchmal etwas zu holen für einen Sprung ins Zimmer kam. Er trank in diesen Wochen mehr Wein aktz sonst, weil ihn das rote Gefunkel vor dem Kamin erfreute; und als er llch beim Glatteis den Fuß verstauchte, er war ein großer und schwerer Mann, da hatte er sich an die Stimme der Jeanne gewöhnt, die wie ein Waldbach rieseln konnte, so daß sie manche schlaflose Nacht mit einem amüsanten Buch dem alten Herrn verkürzen mußte. Darüber kam das zarte Fräulein von Valois zu Schaden; und als der März mit frühem Föhnsturm brausend durch die Bäume und sausend um die Dächer wühlte, war sie so blutleer, daß ihr die Augen groß wie bei einem Kmde wurden. Das ging dem Präsidenten nahe; man sah ihn weist in Sorgen und Gedanken an feinem Stock im Park; und weil die Präsidentin, von dem Befinden ihres Gatten angesteckt, auch feiten eine andere Laune morgens ergriff, als eine schlechte: so mußten sich die alten Baume im Park der Surmonts durch dieses Frühjahr wundern, warum die Sonne nicht wie sonst durch ihre Zweige auf helle Kleider und fröhliche Gesellschaft traf. Am Ende fuhr der Staatsrat und Präsident nach Luneville und brachte nach drei Tagen dem Fräulein Valois zur Aufheiterung den Neffen und Gendarm des Königs mit. Er lieft den Nicolas als ihren Partner im Theaterfpiel nicht wieder fort, bis der als angetrauter Ehemann ein Auge auf ihren Zustand hatte, der sich nach einem Monat mit Zwillingen entfaltete, was die Witzbolde der Bekanntschaft doppelt verständlich sanden. Das wurde freilich der braven Staatsrätin zu viel Besuch; sie tat tue junge Mutter de la Motte hinaus, deren Kinder nur zwei Tage lebten, behielt das blonde Fräulein von Saint-Remy im Hause und schickte ihren Präsidenten zur Erholung nach Paris, wo er bei ihrer Mutter wohnen mußte. Die Jeanne verhielt sich noch zwei Wochen bei einer Frau de la Tour, der Schwester ihres Mannes; dann holte sie der Nicolas nach Luneville, wo er sich von den Kameraden um seine zierliche und bläßlich kokette Frau beneiden ließ. So lange bis sich zeigte daß der Ehe die wirtschaftlichen Gründe fehlten: sie hatte nur die kleine Pension, die sie sogleich verpfänden mußte, den kleinen Hausstand ein» zurichten, und er stak schon in Junggesellenschulden. Da fing die flinke Jeanne den Faden wieder an zu spinnen, mit dem sie aus Longchamp geflohen war und den sie bei den Surmonts fast vergeßen hatte: daß die Foutette, das Pachtgut und was ihr Vater sonst besaß, auch wieder an sich bringen mußte, wie sie den Namen der Valois gerettet hatte. Es schien ihr nun die rechte Zeit, mit ihrem Beschützer zur Frau von Boulainvilliers zurückzukehren. Sie trieb den Nicolas, Abschied in Lune- oille zu nehmen; er war auch gleich dazu bereit, nur konnte er kein Dienstzcugnis bekommen, weil er die Schulden vorher bezahlen mußte. So schien der Wagen ihres jungen Glücks in Luneville schon festgefahren; jedoch die Jeanne war nach den Folgen des Wochenbettes bald wieder kühn und sicher; sie ließ die Kameraden des Nicolas rasch merken, daß sie der Scherze ihrer kleinen Garnison sehr überdrüssig wäre, und schrieb dem Pfarrer von Auteuil einen langen Brief: daß sie sich der Marquise zu Füßen werfen wolle, wozu sie seiner Fürsprache benötigt fei. Und nun begann auch schon ihr Glück, indem die Eilpost kaum nach einer Woche eine Nachricht in Demut und Ergebenheit mitbrachte, daß die Marquise zur Zeit beim Kardinal Rohan in Zobern auf Besuch abwesend wäre. (Fortsetzung folgt.) Schön-Rohtraut. Von Eduard Mörike. Wie heitzt König Ringangs Töchterlein? Rohtraut, Schön-Rohtraut. Was tut sie denn den ganzen Tag, Da sie wohl nicht spinnen und nähen mag? Tut fischen und jagen. O bah ich doch ihr Jäger wär! Fischen und Jagen freute mich sehr. — Schweig stille, mein Herze! Und über eine kleine Weil, Rohtraut, Schön-Rohtraut. So dient der Knab auf Ringangs Schloß In Jägertracht und hat ein Roh, Mit Rohtraut zu jagen. O daß ich doch ein Königssohn wär! Rohtraut, Schön-Rohtraut lieb ich so sehr. — Schweig stille, mein Herze! Einsmals sie ruhten am Eichenbaum, Da lacht Schön-Rohtraut: Was siehst mich an so wunniglich? Wenn du das Herz hast, küsse mich! Ach! erschrak der Knabe! Doch denket er: mir ist's vergunnt, Und küsset Schön-Rohtraut aus den Mund. — Schweig stille, mein Herze! Daraus sie ritten schweigend heim, Rohtraut, Schön-Rohtraut; Es jauchzt der Knab in seinem Sinn: Und würdst du heute Kaiserin, Mich sollt'- nicht kränken: Ihr tausend Blätter im Walde wißt, Ich hab Schön-Rohtrauts Mund geküßt! — Schweig stille, mein Herze! Wilhelmine von Preußen und Bayreu p Line Erinnerung zu ihrem Todestag am 14. Oklol-rr. Von Mally Behler. ein- Wer zu den Festspielen nach Bayreuth fährt. wird aelanaen von der Welt Richard Wagners, vom Bayreuth des 19. Jahrhunderts __ daß ihm kaum noch dis ungeteilte innere Aufnahmefahlg- kcit bleibt für das andere Bayreuth. In diesem anderen Bayreuth des 18 Jahrunderts steht Friederike Wilhelmine Sophie, die Komg-- tochter aus Preußen, die Lieblingsschwefter des Groß«en aus bemS)ause Hohenzollern, im Mittelpunkt. Ihr ausgiebiger Briefwechstl und ihre Memoiren" lassen sie als eine der bedeutendsten fraulichen Erscheinungen ihrer Zeit erkennen. Aber auch hier, an der Statte ihres i reich bewegten Lebens, wo sie von 1731 an bis zu ihrem Tode am 14. Oktober 1758 ihr Dasein nach ihren Gesetzen zu formen suchte, ist sie der inneren Aussprache ganz nah, und es bedeutet eine wirkt che Bereicherung, von hier aus einmal den Weg zum Herzen und zum Geist dieser eigenartigen Frau zu suchen. Wie sehr sie ganz Kind ihrer Zeit war, erfüllt von der zierlichen Aesthetik des galanten Zeitalters, beweist schon das Opernhaus im Mittelpunkt der Stadt, das nach ihrem Geschmack ausgestattet wurde und zu den leider zu wenig beachteten Sehenswürdigkeiten Bayreuths gehört. („Hat denn Bayreuth auch noch em Opernhaus? ist die fast ltereotnv wiederkehrende Frage.) In den letzten Jahren hat die Stadtverwaltung es in seiner ursprünglichen Farbenschonhett wieder heraus- vuüen lassen und nach der Bestimmung des Führers soll es als bauliches Ehrendenkmal nur zu besonders festlichen Anlassen benutzt werden. Eigenartig, daß keine Straße in Bayreuth, nicht einmal diese, an der die Oper steht, nach ihr benannt wurde ... Tiefer bringen wir in die Persönlichkeit dieser gekrönten Philosophin ein, wenn wir ihre „Eremitage" auisuchen. Diese architektonische wie landschaftliche und gärtnerische 'Kostbarkeit liegt, eingebettet in einen wundervollen großen Park mit hohen alten Buchen und Eichen, etwa «ine Wegstunbe von Bayreuth entfernt. Eine breite schatttge Landstraße führt zu ihr hin, an der poetischen „Rollwenzelei" vorbei, wo Jean Paul, den Blick aufs weite, bergumsäumte Frankenland gerichtet, feine Tiefsinnigkeiten und feine romantischen Schnörkeleien schrieb. Am sanft abgleitenden Hang zum roten Main hin gelegen, leuchtet der graue Tuffstein dieses einzig schönen deutschen Rokoko-Idylls aus dem Baumgrün hervor. In den hohen Baumkronen, im dichten Gebüsch zirpt und lockt das gleiche Vogelgezwitscher wie vor 200 Jahren, als die junge Markgräfin hier mit ihren Baumeistern, Bildhauern, Malern, Handwerkern an der Ausweitung und Verfchönerung der Ere- mttage schaffte und den berühmten Meistern ihres Fachs gegenüber — genau wie ihr großer Bruder in Sanssouci — ihren Geschmack als einzige Bauregel durchsetzte. Kurz nach seinem Regierungsantritt hatte sie die Eremitage von ihrem Gatten als Geschenk bekommen und sie hat bis zu ihrem Tode nicht aufgehört, ihren Lieblingsausenthalk fv kostbar wie möglich auszustatten. Hier.schien ihr der geeignete Hintergrund für ihre königliche Herkunft gegeben, auf die le Zeit ihres Lebens so stolz, oft genug anmaßend stolz gewesen ist, so daß sie mit ihren Rangschwierigkeiten, — selbst der Kaiserin Maria Theresia gegen- über __ als typisches Gesellschastswesen des adeligen 18. Jahrhundert, ihrer Umgebung häufig Kopfzerbrechen gemacht hat. Manche glückliche Stunde hat sie hier mit ihrem Gatten, den sie nach ihren eigenen oft wiederholten Worten leidenschaftlich liebte, trotz der ursprünglich aufge- zwunqenen Heirat, in der grünen Stille ober der festlich belebten Eremitage gelebt. Hier empfing sie ihre liebsten Freunde, ihren Bruder, Voltaire und manche Geistesgrößen ihrer Zeit. Hier schrieb sie in ihrem Arbeitszimmer ihre Briese, die wenigen glücklichen, die vielen leibvollen und verbitterten an den in seinen Launen unberechenbaren Vater, an die unnahbare adelsstolze Mutter, an den einzigen geliebten Bruder. Hier entstanden auch ihre „Memoiren", ihre ergreifenden Lebens- und Erlebnisbekenntnisse. Hier erholt sie sich von den De° mütiqungen ihres Berliner Aufenthaltes, als man es ihr ipoter un* tonfequenterroeife peinlichst zu spüren gegeben hatte, daß sie doch nur einen armen „Bettelprinzen" mit einem „Narren von Vater ge° ^Ntan^muß langsam durch ihre Räume gehen. Die Bilder, die Möbel, die Stuckarbeiten, die Wandmalereien, sie alle sprechen von ihr, benn eine Wanderung durch diese Räume ist wie eine Wanderung durch ihr schweres Leden, schwer aus äußeren und ans inneren Gründen. Vom prunkvollen Marmorsaal der alten Eremitage führt eine Linkswendung in ihr Zimmer mit den vielen Familienbildniffen, darunter die Bildnisse des Vaters, der Mutter, der Kaiferin Maria Theresia, deren Sitten- strenge sie so stark anzog, daß ihre Neigung zeitweilig sogar zu einem ernsten Zerwürfnis mit ihrem Bruder führte. Im anstoßenden Audienz- zimmer — es leitet den von ihr erbauten neuen Teil ein — hangt das bekannte Jugendbildnis ihres Bruders, wahrscheinlich von dem Berliner Hofmaler A. P e s n e und ihr eigenes Porträt. Den großen stamm- spiegel schmückt die Königskrone als das ihrer markgräflichen Umgebung qeqenübet geführte Aeichen ihrer „höheren Herkunft. Ihre gelegentlich bis ins Bizarre, modisch launische gesteigerte Eigenwilligkeit offenbart bas „Japanische Kabinett", bas in einem Teil seiner Vertafelung em Geschenk ihres Brubers ist. Die fehlenden Stücke hat sie mit eigener Hand ergänzt. Hierüber berichtet sie in ihren Memoiren allerdings nichts, möglicherweise um das Ganze als echt durchgehen zu lassen. Es ist erstaunlich, bis zu welchem Grade ihr diese Kunstfertigkeit gelungen ist. Und nun ihr Musikzimmer! Welch anderer, reinerer Geist weht hier! Nichts von Ueberstiegenheiten, alles zeigt künstlerischen Ernst, kultivierten Schönheitssinn, Verständnis für das Zurücktretenmussen von Aeußerlichkeiten, wo Musik im kleinen Kreis zum Herzen sprechen soll. Dieser schöne Raum ist oft ihre Zuflucht gewesen. Hier war es auch, wo Kronprinz Friedrich ihr Vorwürfe machte über ihre zu anspruchsvolle Hofhaltung. „Ich fetzte mich an das Spinett und benetzte es mit Tränen." Unter den zehn vornehmen Frauenbildniffen, die diesen Raum schmücken, bemerkt man besonders bas ihrer Hofbame Albertine von Marwitz, bis so grausam in ihre Ehe einbrach und ihr die größte Enttäuschiing ihres Lebens bereitete. Niemand wird je sagen können, wie schwer die Stunden gewesen sind, die die stolze Fürstin, die liebende Gattin und treue Freundin um dies« Frau gelitten hat. Selbst ihre „Memoiren" schweigen ... Ihr Geist geht um, lebt in dem kapriziösen „Chinesischen Spiegelkabinett" das eher der Laune einer vom Luxus verwöhnten Dame als einer ernsten, vom Leben geprüften Philosophin entspricht, lebt im neuen Schloß in feiner klastischen Schönheit, im weiträumigen Park mit feinen herrlich großzügigen, gärtnerischen Anlagen in den im olitzernden Sonnenlicht temperamentvoll sprühende Kaskaden, in den Plastiken der Dichter und Philosophen, ja, lebt im Grabmal ihres Bologneser Hündchens Folichon, für dessen Treue sie so warme Worte in ihren „Memoiren" findet, in der fenHmental imitierten Ruine des Theaters, wo sie selbst führende Rollen aus den Dramen ihres hochverehrten Voltaire spielte .. . , Ja sie war ein ganzer Mensch, diese Frau mit dem ewig schwachen Körper, dem klugen Geist und dem stolzen Herzen, eine Aristokratin von Geblüt mit einem instinktiven Sinn für alles moralisch ober gesellschaftlich Unechte. Ihre Treue ben Menschen gegenüber, denen sie sich einmal ergeben hatte, verblutete sich eher, als daß sie sie, selbst nach den bittersten Erfahrungen, aufgab. Gewiß, wir würden biefe eigen- betonte Frau in vielen Auffassungen, besonders in den gesellschaftlichen und sozialen, nicht mehr verstehen. Aber wir werden immer ergriffen (ein von dem Schicksal, das sie, die mit ihrer Erscheinung wie mit ihren Geistesgaben einen europäischen Thron von weltweitem Ansehen geschmückt hätte, in dies kleine, abgelegene, von ewigen Geldsorgen gequälte Bayreuth verschlug, so daß sie sich nicht als die leuchtende Ganzheit abrunden konnte, die chr selbst das Ideal des Lebens, der Sinn der Persönlichkett war. Im langsamen Heimgehen legt der dunkle Wald seine grünen Arme um die einsame Besucherin. Das Bild Wilhelminens geht mit ihr, schon- heitsdurstig. leidverklärt, aber den Blick zu ben höchsten Höhen des Lebens hin geweitet. Noch jetzt, nachdem Tage um Tage feit dieser stillen „Audienz" in der Eremitage vergangen sind, spricht es zu tbr, unb scheint in dieser Herbheit und in seiner Einmaligkeit in ihren Alltag hinein ... Bor ihr liegen soeben die Briefe Friedrichs an feine geliebte Schwester. Die Glut dieser Liebe, die Wärme und Größe dieses Vertrauens ist von einer einzigen Schönheit, und nun rundet sich lang- sam ihr Bild doch zu einer Ganzheit von wunderbarem Glanz, in dem die dichterischen Worte bes großen Brubers bekenntnisstark leuchten „Wie könnte ich Deiner Freundschaft je vergessen! Du standest fest Du Herz an meiner Seite, Du sahst nach Hilfe aus, zur Tat entschlossen Du warst mein Trost in meinem tiefen Leide, die einzige Zuflucht und der Port, wo Ruh und Hoffnung winkte, mein Afyl warst du! .. (Zitiert nach der Ausgabe der Memoiren im Verlag Barsdorf, Berlin.) grauen sind Heimat. Von Herybert Menzel. Im starken Volke dienen still die Frauen, Sie sind die Heimat, und sie sind das Haus. Wenn Männer wagen, schenken sie Vertrauen, Was Männer schaffen, schmücken sie erst aus. Sie sind die frohen Mütter stolzer Söhne, Die wollen sie als ihren hellsten Ruhm. Sie tragen in die Jahre alles Schöne, Sie wirken für ein hohes Menschentum. Von solchem Volke wird die Kraft genommen, Was leuchten soll, muß stark durch Leiden gehn. Und wenn das Schwere düster ist gekommen. Groß muß die Frau dem Mann zur Seite stehn. Alldeutsches Rechtsleben in Sprichwort ur. d Redensart. Von Dr. Georg Hocke. Fast täglich wendet jeder von uns die eine oder die andere der zahlreichen Redensarten an, die im Volksmund umlaufen, und bei denen man sich sprachlich gar nichts denkt. Zwar weiß man, was die Redewendung inhaltlich besagen will; was sie jedoch eigentlich bedeutet, weiß bei den meisten kaum jemand. Das kommt daher, daß die Wörter, aus denen die Redensart besteht, veraltet oder ganz ungebräuchlich oder daß die Verhältnisse, auf die sich die Redensart bezieht, heute ganz anders geworden sind. Gelingt es uns aber, den ursprünglichen Sinn der Redensarten wieder aufzudecken, so wird uns ein tiefer Blick in die Seele unseres Volkes beschert; denn sie enthüllen uns die Lebensanschauungen und Gewohnheiten unserer Vorfahren, zum Teil bis in die germanische Vorzeit hinein. Sprichwort und Redensart können uns so ein Spiegel alter deutscher Kultur werden. Hier seien nur die Wendungen angeführt, die sich auf das alte Rechtsleben beziehen. Gerade diese zeigen deutlich den Entwicklungsgang alter Redensarten an; denn, einerlei, welche Redewendung wir auch gebrauchen, ursprünglich gehörte sie einem bestimmten Abschnitt der Kulturgeschichte an und meist auch zunächst einem einzelnen Stande oder Berufe. Im wörtlichen Sinne und nur für ganz bestimmte Fälle wurde sie ursprünglich gebraucht. Allmählich aber ging ihre wörtliche Bedeutung immer mehr verloren, und gleichzeitig wurde sie von einem immer weiteren Kreis benutzt, bis sie schließlich nur noch im bildlichen Sinne und damit stark abgeschwächt angewandt wurde. „Einmal ist keinmal", sagt man heute, wenn man eine eigene böse Handlung entschuldigen oder eine fremde gute herabsetzen will. Und ebenso ost sagt man bei den verschiedensten Gelegenheiten: „Aller guten Dinge sind drei!". Kaum jemand ahnt dabei, daß beide Wendungen uralte Rechtssprichwörter sind. Dreimal mußte man vor Gericht geladen werden, ehe man verurteilt werden konnte. Erst die Versäumnis der dritten Vorladung zog Strafe nach sich. Einmal war also tatsächlich so gut wie keinmal. In spaterer Zeit, als die heilige Feme Verbrechen ahndete, fand man die Vorladungen mit einem Dolch an der Tür steckend. Heute handelt es sich um eine bedeutend harmlosere Angelegenheit, wenn man „es einem steckt"; denn damit gibt man ihm nur einen heimlichen Wink. Von der eigentlichen Bedeutung ist also nur der Begriff des Heimlichen übriggeblieben. Anders bei der Wendung: einen Dieb „dingfest machen", die noch ähnlich gebraucht wird wie einst, nur daß man ihre eigentliche Bedeutung nicht mehr versteht. Das „Ding" ist der Gerichtstag, und jemanden „dingfest machen" heißt: ihn vor Gericht bringen. Ich „richte mich nach den Umständen", sagt der „vorsichtige" Mann heute in allen Lebenslagen. Ich „mache nicht viel Umstände", sagt der Draufgänger. Auch diese beiden bedienen sich damit eines Bildes aus dem germanischen Rechtsleben; denn die „Umstände", das sind die Umstehenden, d. h. die große Menge der anwesenden Freien, ohne deren Zustimmung der Richter und Schöffen kein Urteil fällten. Hatten sie aber ihr Urteil gefällt, so hatte der Verurteilte das Recht, dies Urteil auf der Stelle oder, wie die alte Formel lautete, „stehenden Fußes" anzufechten. So hat heute noch die Wendung „stehenden Fußes" die ganz allgemeine Bedeutung „sofort". Die Zeugen wurden in alter Zeit an den Ohren herbeigezogen (daher tomrnt auch ihr Name; denn „Zeuge" gehört sprachlich zu „ziehen"); auch während ihrer Aussage wurden sie zum Zeichen der Wichtigkeit der Sache an die Ohren gesaßt. Die volkstümliche Wendung „jemanden an den Ohren kriegen" für: ihn zur Verantwortung ziehen, ihn bestrafen, hat hier ihren Ursprung. Und wenn man jemandem etwas ganz besonders Wichtiges zu sagen hat, und ihm nun erklärt: „Schreib es dir hinter die Ohren", so liegt auch dieser Redensart jene alte Gewohnheit zugrunde. Wenn sich jemand gegen die Vorschriften und Gebräuche der Gemeinschaft vergeht, der er angehört, so „wird der Stab über ihn gebrochen". In alter Zeit bedeutete das den Ausschluß aus der Rechtsgemeinschaft, etwa wie heute die dauernde Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte. Damals brach der Richter auch wirklich den Stab, und zwar über den zum Tode Verurteilten, und warf ihn dem armen Sünder vor die Füße. Daher kann man noch heute einem Menschen Feigheit, Undankbarkeit usw. „vorwersen". Ehe der Verurteilte nun aber wirklich gehenkt wurde, erhielt er noch eine letzte „Galgenfrist", um alles ordnen zu können und eine „Henkersmahlzeit", zwei Ausdrücke, die wir noch heute in völlig abgemildertem Sinne häufig anwenden, wobei wir uns ihrer Herkunft durchaus bewußt find. Anders ist es aber, wenn wir jemanden „aufziehen" oder „hochnehmen". Da kommt es uns nicht mehr zum Bewußtsein, daß es sich hierbei nicht um eine ulkige Angelegenheit handelt, sondern um eine verdammt ernste, nämlich um das Hochziehen am Galgen. Die andere hochnotpeinliche Strafe, die zwar für ehrenvoller galt, aber nicht weniger unangenehm war, war die Hinrichtung mit dem Schwert. Sie ist noch enthalten in den Redensarten: „Es kostet ihm den Hals", „Es geht ihm an den Hals", „Es geht um Kopf und Kragen" (Kragen = Hals). Nur die Gefahr, in die sich jemand durch feine Taten stürzt, soll heute dadurch ausgedrückt werden, nicht, daß es ihm wirklich ans Leben geht. Ebenso ist es mit dem „herhalten müssen" für büßen oder bezahlen müssen, wobei zu ergänzen ist: „den Hals". Diese Wendung besagt also: den Kopf zum Todesstreich auf den Block legen. Auch der Ausdruck: „Er ist geliefert", den wir im Sinne von: „Es ist aus mit ihm", „Es ist um ihn geschehen", gebrauchen, kann hier angeführt werden; denn das war die stehende Formel, mit der der Verurteilte dem Scharfrichter übergeben wurde. Die furchtbarste Strafe im Mittelalter aber war das Rädern, wobei der Verurteilte auf ein waagerecht stehendes Rad geflochten und ihm bei lebendigem Leibe sämtliche Knochen zerschmettert wurden. Noch heute „ist man wie gerädert" ober „fühlt sich wie gerädert", wenn man nach einer körperlichen Ueberanftrengung einen Muskelkater hat. Auch „eine Sprache radebrechen", d. h. sie verstümmeln, gehört hierher. Nicht immer war es einfach, Schuld oder Unschuld des Angeklagten zu erweisen; dann entschied in alter Zeit ein Gottesgericht/ In den seltensten Fällen begnügte man sich mit einer Entscheidung durch das Los oder den Strohhalm; doch hat sich auch dieser Gebrauch erhalten in der Redensart: „den kürzeren ziehen" für unterliegen. Angeklagter und Ankläger mußten dabei aus einem Strohdach einen Halm herausziehen; wer nun den längeren Halm zog, dessen Ansprüche drangen durch. Meist wählte man aber eine Art und Weise, bei der Gottes Wille deutlicher in Erscheinung treten mußte, bei der vor allem auch das sensationshungrige Volk mehr auf seine Kosten kam. Welcher Ungeduldige, der „auf glühenden Kohlen sitzt", welcher Verliebte, der für die Angebetete „durchs Feuer geht", welcher Mann, der für die Treue seines Freundes „die Hand ins Feuer (egt", denkt daran, daß all das Proben sind, die den Menschen einst wirklich zugemutet wurden. Auch die Redewendung: „sich die Finger verbrennen" gehört hierher; sie hat den Sinn: sich selber Schaden zufügen, und zwar im Grunde unnötigerweise, indem man sich nämlich in Dinge mischt, die einen gar nichts angehen. Sie beruht auf dem Gottesurteil, aus einem Kessel kochenden Wassers mit der bloßen Hand einen Gegenstand herauszuholen. Verbrühte man sich dabei die Finger, so war man schuldig. Das Mittelalter glaubte die Schuld oder Unschuld des Angeklagten auch auf andere Weise noch herausbekommen zu können: durch die Folter. Wenn man heute, jemanden „auf die Folter spannt", indem man ihm eine spannende Geschichte möglichst umständlich erzählt, so ist das eine unvergleichlich harmlosere Sache als in früherer Zeit, wo „auf die Folter gespannt werden" gleichbedeutend war mit „langsam zu Tode geguält werden". Namentlich die „verstockten Sünder", d. h. die hartnäckig im Bösen beharrenden, wurden so behandelt; dieser Ausdruck leitet sich von dem Stock her, in den die Hände und Füße des Verbrechers gespannt wurden. Glaubte man schließlich, den Uebettäter überführt zu haben, so kannte man eine ganze Reihe verschiedener, genau abgestufter Leibesstrafen. Nach der Todesstrafe war wohl die schlimmste das Abhacken der rechten Hand und des linken Fußes. Darauf führt sich unsere Redensart zurück: „Das hat Hand und Fuß", d. h. ihm fehlt nichts Wesentliches, es ist alles in Ordnung. Eine andere, ebenso schmerzliche wie entehrende Strafe war das Brandmal auf Stirn und Wange, das feine Träger für ewig aus der Gemeinschaft der Menschen ausschloß. Wenn wir heute jemanden als Verbrecher „brandmarken", meinen wir nur: ihn überführen; und wenn wir von einem sagen: „Er ist gezeichnet", so ist bas nur noch bildlich zu verstehen. Eine bloß entehrende, freilich im höchsten Grade entehrende Strafe war das Abschneiden der Haare; denn das lange Haar war das Zeichen der Freien, abgeschorenes Haar trug nur der Unfreie. Wurden also jemandem die Haare abgeschnitten, so wurde ihm gleichzeitig „die Ehre abgeschnitten". Und noch eine andere Redewendung leitet sich hiervon ab: jemanden „ungeschoren lassen"; heute bedeutet das nur noch: ihn nicht belästigen. Bei dem hochentwickelten Ehrbegriff des freien Germanen waren Rutenschläge eine höchst empfindliche Strafe. Der Betroffene verlor dadurch seine Ehre und jede Bedeutung in der Gemeinschaft, mitunter wurde er sogar aus dem Lande gejagt und mußte im Walde kümmerlich fein Leben fristen. Die Redensart: „Ich bin ein geschlagener Mann" erinnert noch heute daran; sie bedeutet: „Ich bin vom Schicksal unglücklich gemacht worden". Ein beliebtes Mittel des Mittelalters, namentlich keifende Frauen zur Vernunft zu bringen, war es, sie an den Pranger zu stellen, d. h. an einen Schandpfahl auf dem Markte. Jemanden „anprangern" oder „an den Pranger stellen" tun auch wir noch, wenn auch nicht mehr in Person. Die Ausdrücke haben aber immer noch den Sinn: ihn öffentlicher Verachtung preisgeben. Noch andere Redensarten haben ihren Ursprung im alten deutschen Rechtsleben, so: „etwas aufs Tapet bringen". Das Tapet ist der Teppich, die Decke auf dem Gerichtstisch. Die Wendung bedeutet also: etwas (vor Gericht) zur Sprache bringen. „Auf die lange Bank schieben" heißt einfach: „aufschieben" oder auch „liegenlassen"; denn diese Bank war der Aufbewahrungsort für die Prozeßakten, wo sie oft jahrzehntelang liegen- btieben, ehe sie bearbeitet wurden. „Eine Sache bemänteln" heißt: mit dem Mantel, der als Schutz galt, bedecken. Wir verstehen heute darunter soviel wie beschönigen. 'verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Beklag: Drühl'sche AniversitätS»Duch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.