Geheim ZamilienblStter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1956 Freitag, den [2. Juni Nummer^ Oie ^ahrt nach der Ahnfrau Erzählung von Paul Fechter Copyright 1935 by Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart „Nein", sagte der Leutnant Ebener, „das stimmt nicht; die Frau von Heinrich Gottlieb ist eine geborene Krause." „Falsch", sagte der Doktor Ebener, „das ist die Frau von Johann Gottlieb, und zwar die zweite; die erste ist eine geborene Müller, Berta Regina Müller." „Irrtum", protestierte der Leutnant, „das ist seine Schwägerin, die Frau seines Stiefbruders. Unsere Urgroßmutter heißt — wo.ist denn wieder der Auszug?"' Er kramte zwischen den Papieren, die in Menge auf dem Tisch Herumlogen. „Hier, da steht's: Laut Kirchenbuch von Sankt Katharinen in Danzig: Regina Katharina Müller —" „Aber gerade die fehlt unter den Kindern der Ururgroßmutter", schrie der Doktor, „Hier: Gustav, Berta, Karl — aus! Weder Regina noch Katharina. Und gestorben ist sie auch nicht." „Das sage ich ja", behauptete der Leutnant, „unsere Ahnfrau muß eine andere Regina sein, aus einer andern Familie stammen, die die guten Leute dort übersehen haben." Der Doktor Ebener schlug mit der Faust auf den Tisch. „Du machst einen völlig verdreht mit deinem Widersprechen. Ich hatte alles so schön beieinander, den ganzen Stammbaum ..." „Bloß er stimmte nicht", grjnste der Jüngere, „und was hilft mir ein Stammbaum mit falscher Wurzel?" „Die Wurzel ist richtig", schrie der Doktor. „Sie ist falsch , lächelte der Leutnant. „Die Sache stimmt bis zum Großvater, und dann sind auf einmal mehrere Urgroßmütter da. Mehrere Urgroßväter kann man sich ja vorstellen; aber mehrere Urgroßmütter — da stimmt was nicht. Zumal man auch sagen kann, es sei keine da." Der Doktor breitete melancholisch die Papiere aus dem großen Tisch seines Arbeitszimmers aus, an dem sie sahen. „Kann man die falsche nicht nachträglich ausrotten?" fragte er versonnen. Der jüngere Bruder zuckte die Achseln. „Und wenn du's tust — ahnst du, wohin du mit der übrigbleibenden gerätst? Plötzlich taucht irgendwo ein würdiger Rabbi als dein Ahnherr auf." „Ein Rabbiner heißt niemals Müller", sagte der Doktor verächtlich, „und dann in unserer Familie — ausgeschlossen." „Gar nicht ausgeschlossen", erwiderte der Leutnant, „bei dem Liberalismus, der im achtzehnten Jahrhundert grassierte, vor allem in den west- preußischen Gebieten — da ist alles möglich." „Vielleicht entdeckt man irgendwo noch eine ungeahnte Erbschaft, träumte der Arzt vor sich hin. „Wahnsinnigen soll man nie widersprechen", sagte der Bruder. „Aber viel wahrscheinlicher ist, daß irgendein Kollege, der dich nicht leiden kann, eines Tages deine Zugehörigkeit zur nichtarischen Rasse behauptet und daraus peinliche Folgerungen zieht." Der Doktor sah das Brüderchen nachdenklich an: „Dann mußt du deinen bunten Rock ausziehen", lächelte er freundlich. „Du aber bekommst keine Kassen mehr, mein Lieber, und freiwillig kommt doch niemand zu dir", lächelte der andere. „Es wird dir nichts übr'-'k'lüben; du wirst hinmüssen." ,' '3 werde ich?" fragte der Arzt erbittert. ^müssen", wiederholte der Jüngling sanft. „Hinauf müssen; gen Ostl 'd wirst du reiten." „Was soll ich dort, du Idiot?" fragte der Aeltere. „Ahnen suchen, mein Lieber, der geheimnisvollen Regina Katharina Ebener nachgehen, die entweder einmal oder zweimal oder keinmal da war, und die wir doch brauchen, um unfern Volksgenossen zu beweisen, daß wir Rechtens mit ihnen den Sonntag am Sonntag feiern und ihn nicht schon am Sonnabend begehen müssen." „Fahr du doch", knurrte der Doktor. „Ich weih, was sich schickt", freute sich der Leutnant. „Meine Mama hat mir immer eingeschärft, ich sollte Rücksicht auf dein höheres Alter nehmen." . Ob unsere gute Mutter nicht Bescheid weiß?" sagte mit aufflackernder Hoffnung im Blick der Aeltere. „Regina Ebener heißt die Gesuchte, mein Teurer", höhnte der Jüngere. „Deine Mutter ist eine geborene Bölke, von welcher ehrenwerten Familie eher Fäden zu dem sagenhaften schwedischen Königsmörder^ Bjelke führen sollen als zu der verschwundenen Ahnfrau Regina Ebener." „Ich habe keinen Vertreter", sagte tief und resigniert der Doktor. „Such dir einen", riet der Jüngere, sich behaglich zurücklehnend. „Ich weiß gar nicht, warum du dich so sträubst. Es ist Frühling, es ist herrliches Wetter; du warst meines Wissens seit zwanzig Jahren nicht in der teuren Heimat unseres ruhmvollen Geschlechts." Der Arzt sah nachdenklich durch das geöffnete Fenster auf die Wipfel der Bäume des Vorgartens, die licht und blank in der Morgensonne funkelten, und schien zum erstenmal den Amselruf zu bemerken, der lockend und sehnsüchtig vom Dachfirst des Hauses auf der anderen Straßenseite herllberklang. Dann schob er die Papiere ordnend zusammen. „Ich will's heut abend ohne deine raffinierte brüderliche Störung noch einmal versuchen. Vielleicht bekomme ich doch noch Ordnung in die Sache." Aber er bekam sie nicht, auch nicht, als er am Abend allein von neuem an die Arbeit ging. Es blieb dabei: bei der Urahne Regina Katharina Müller bekam die bis dahin lückenlose Reihe der Kirchenbuchauszüge ein Loch. Sie war da, samt ihrem Geburts- und Heiratsdatum; aber wo kam sie her — wo blieb sie? Wessen Tochter war sie? Warum riß bei ihr mit einemmal die Kette ab? Hatte sich beim Abschreiben ein Fehler ein- geschlichen? Waren Vornamen verwechselt worden? Eine Berta Regina Müller gab es ja; sie hatte auch einen Vater, einen Großvater; aber [ein Urgroßvater war laut Ehestandsregister von Sankt Katharinen mit Regina Katharina Müller verheiratet gewesen, und von der meldete kein Lied, kein Heldenbuch. Der Arzt blätterte in den Papieren umher, suchte hier, suchte dort; der Bruder hatte recht. Mißmutig schob er die Formulare beiseite und überlegte, ob er nicht mit der ganzen Ahnensuche aufhören sollte. Der Urgroßvater genügte ja für alle praktischen Zwecke; was dahinter kam, war Geschichte, ging niemand mehr etwas an. Aber dann hörte er wieder die Einwände des Jüngeren und sah in das Dunkel hinter dem eigenen Leben. Gewiß: er konnte sich begnügen; aber zuletzt trug er selber den Nachhall des ferne abreißenden Daseins in sich, hörte mit dem Wissen um sich selber auf, wo er mit dem Wissen um die Vorfahren endete. Ganz abgesehen von den Blößen, die er vielleicht einmal dem äußeren Leben bot. Der Kleine hatte recht: er mußte es versuchen, Klarheit zu schaffen. Ein paar Tage im Osten waren am Ende auch nicht zu verachten: seit den Durchreisen zur Front und zum Urlaub hatte er von der heimatlichen Welt nichts mehr gesehen. Das mit dem Vertreter war nur Ausrede gewesen, mehr nicht. Acht Tage später fuhr er ab. Ein kühler, strahlender Junitag lag über dem Stettiner Bahnhof. Der Zug war leer — das Land glitt draußen vorüber mit dem unwahrscheinlichen Reichtum jungen Grüns, wie ihn um diese Zeit nur die Mark Brandenburg besitzt. Birkenstämme leuchteten weiß unter dem feinen, hängenden Mädchenhaar ihres Laubes; hinter ihnen schwebten ferne Höhenzüge sehnsüchtig im lichten Blau über der grünen Welt der Nähe. Duft von blühendem Hollunder kam zuweilen mit dem leichten Wind in fein Abteil; er sog ihn tief ein und mußte ein bißchen über sich lachen. Er kam sich mit seinen fünfundvierzig Jahren wie ein Junge vor, der auf Ferien fährt. Seen blinkten auf, hell im frühen Nachmittagslicht funkelnd. Dörfer, kleine Städte mit großen, alten Kirchen glitten vorüber; das Licht wurde stiller, und auf einmal war weites Wasser zur Rechten, zur Linken, langsame, melancholisch braune Segel über dem Glanz der weiten Fläche — das Haff. Er dachte dem Wort nach, und ferne Bilder fliegen auf. Endlos schimmerndes Wasser mit fernen, abendlichen Schiffen, Einsamkeit mit großen Augen, ein ferner schmaler Streifen Land hinter der Weite, leises Glucksen des Wassers am Boot — eine plötzliche Sehnsucht war in ihm noch den Gegenden seiner jungen Jahre, und er freute sich, das alles wieder einmal zu sehen. Das Suchen nach der Ahnfrau würde ja nicht allzulange dauern; dann konnte er ruhig ein paar Tage seine eigene Vergangenheit suchen gehen. Am Bahnhof Swinemünde blieb er im Wagen sitzen, der dann gemächlich durch die kleine Stadt zum Hafen rollte. Niedrige Häuser, Sand, helle Luft, die schon nach See und Wasser roch: bann ragte auf einmal weiß und hoch über dem besonnten Bollwerk der Rumpf eines Sroßen Dampfers auf. Gepäckträger tarnen, Kinder schrien, junge Wander- haren mit ihren Fähnlein standen wartend am Ufer; luftig blau funkelte bas Wasser — der Doktor Ebener begann, als er den Laufsteg emporschritt, seinen Bruder und mehr noch den eigenen Entschluß zu segnen. Seine Außenkabine hatte er wunschgemäß auf der Steuerborbseite bekommen, weil er den Blick zum ßanbe hin haben wollte. Er verstaute rasch sein Gepäck in bem schwimmenben Schlafwagenabteil, wusch sich bie Hände und stand bald wieder oben auf dem Verdeck, den schönen großen Blick über den Hafen mit den alten Bäumen und die bunte, luftige kleine Stadt genießend. Irgendwer hatte hier mal gelebt, ein bekannter Schriftsteller, der auch ein Buch darüber geschrieben hatte. Der Name fiel ihm aber nicht ein. Er nahm sich vor, nach der Rücktehr feinen Freund Emmrich zu fragen; der mußte als Oberlehrer so etwas wissen. an diesen fuhr mit dem langsamen Fahrstuhl hinauf und fana ficy m einem rie]igen hellen Raum mit weitem Blick auf den großen, freien Platz und hinüber auf den Stockturm, der wie ein drohender Schatten in den Himmel ragte. Das Rimmer war sehr grob; aber Georg Ebener war entschlossen, zu allern^ja zu sagen. Er packte aus, badete in dem Hellen Badegemach mit der stolz auf einem Podest stehenden Wanne, zog sich um. frühstückte und ging — es war inzwischen saft zehn Uhr geworden — in tue Stadt. (Fortsetzung folgt.) Mensch in seinem kurzen Leben! Der Wind von der See und die bewegte Luft beim Fahren streifen kühl und frisch über die Stirn des Doktors. Er hat feinen Hut abge- nommen, fühlt, wie feine Haare flattern, und spürt in sich eine Neugier wie als Junge am Geburtstag. Wieder Häuser, elektrische Bahnen, Kinder und Frauen aus der Straße. Der Wagen windet sich durch Langsuhr. Dann nimmt ihn Vie Allee auf. Jawohl denkt Georg Ebener, Allee, Halbe Allee, das war doch hier — wo ist denn das? Richtig, da drüben liegt es immer noch, das alte Lokal mit dem seltsamen Namen; bloß weniger Häuser standen damals hier au den Höhen und an der Straße. Wann war das doch? Lange vor dem Krieg da war er hier mit dem Bater gewesen; der hatte ihm gezeigt, wo er oben am Hagelsberg 1870 gefangene Franzosen bewacht hatte, die da schanzen mußten. Da war sa schon die Höhe, und nun ging 5 In scharfer Kurve über die Brücke, und die Stadt war erreicht. Er fuhr zum Danziger Hof, an den er sich noch von früher her erinnerte. Er verlangte ein Zimmer mit Bad, Der alte Portier mit dem freundlich klugen Gesicht sah ihn über die Brille an: „Mit Bad ist nur noch eins frei, Herr, Doppelzimmer, nach dem Wall ' „So geben Sie mir das Doppelzimmer , sagte der Doktor Ebener, fuhr mit dem langsamen Fahrstuhl hinauf und fand sich in einem riesigen Abendlich wurde das Licht — das Ufer drüben schwebte in zarten I Farben über dem lichten Wasser: da legte die „Preußen" ab. Leise klang aus der Tiefe der noch langsame, dunkle Takt der Maschinen heraus; langsam blieb bas Bollwerk mit den kleinen Gestalten der Menschen im Schatten der Bäume zurück: die Fahrt begann. Der Doktor Georg Ebener stand hoch oben auf dem zweiten Verdeck und blickte hinaus, die breite Wasserstraße entlang, über die hell die See herüberwinkte. Der Himmel mar glasklar und durchsichtig, die Sonne stand noch hoch im Westen über dem breiten Swinemünder Strand, der sich nun jenseits der Mole auftat: die Welt war von einer so leuchtenden Reinheit, wie er sie nie gesehen zu haben glaubte. Der Rauch des Schornsteins blieb hinter dem Dampfer zurück; aus der Tiefe klang das Rauschen des Wassers am Bug des Schiffes, zwischen Sprechen, Lachen und fernem Singen. Ruderboote glitten vorüber. Mädchen winkten herauf: plötzlich ertappte der Arzt sich dabei, daß er vergnügt wiederwinkte, genau so wie die jungen Menschen neben ihm. Dann blieb das Land zurück, die See nahm sie auf. Breit spiegelnd lag das Sonnenlicht auf den Wellen; in dunkelrötlichen Farben zog die Küste rodlberbetrönt seitab voraus, dem Osten zu. Blaß hing der zunehmende Mond im abendlichen Blau; ein frischer Wind tarn von Norden her über die Wellen, die gleichmütig dunkel heranrollten und verebbten. Der Doktor Ebener stand lange auf dem Verdeck, rauchte eine Zigarre, wunderte sich, daß zwei Damen daraufhin von seiner rechten Seite nach [einer linken hinüberwechselten; denn er sand die Sorte wirklich nicht schlecht. Dann wurde ihm'kühl; er warf noch einen Blick auf die langsam ins Rötliche hinübergehende Sonne über dem schon schmal verdämmernden fernen Küstenstreif und begann eine Wanderung durch das Schiff. Viel junges Volk war an Bord. Wanderscharen, Studenten, Gruppen junger Mädchen, die zusammen reiften. Die einen hatten sich diese, die andern jene Ecke ausgesucht, möglichst im Windschutz; Liegestühle standen überall, Rucksäcke lagen in Haufen herum; ein blankes Automobil, das die Seereise mitmachte, nahm sich seltsam städtisch zwischen alledem aus. Ein paar allere Damen hatten sich in der Nähe der wärmenden Maschinen niedergelassen; sein Jahrgang war, wie es schien, am wenigsten vertreten. Er hatte nichts dagegen einzuwenden; er legte wenig Wert auf Bekannte und Bekanntschaften. Als die Sonne sich dem Horizont näherte, suchte er den Speisesaal aus. Er sand einen Tisch für sich und genoß behaglich das Freiheitsgefühl, das das Eröffnungsmahl jeder Reise gibt. Das Essen war gut, die Flasche Wein, die er sich dazu erlaubte, desgleichen; Nachbarn störten ihn nicht: so sah er und sah zu, wie in den runden Fenstern der Horizont sich lautlos hob und senkte, wie heller Himmel und dunkler See sich abwechselnd in die Herrschaft im Bilde teilten. Der Himmel brannte in leuchtender Helle; die Sonne sah er nicht, aber die große Glocke über dem Meer strahlte in durchsichtiger Reinheit. Wie in Florenz dachte er und hatte zugleich das Gefühl, daß dies hier eigentlich noch viel leuchtender, transparenter war. Als er aufbrach, waren draußen auf den Gängen schon die Lichter angezündet. Es war sehr frisch; aber er stieg doch noch einmal zu dem Oberdeck empor. Der Himmel vor ihm und über ihm war ganz dunkel; aber der Mond schwebte mit silberner Klarheit im Blau; ein paar Sterne flimmerten, und drüben zur Linken hing hell und hoch der Schein des versunkenen Tages über der dunkel wogenden See, so daß das Gefühl Nacht gar nicht aufkommen konnte. Vom Lande blinkte ein Leuchtfeuer gleichmäßig aufflammend und versinkend herüber; er hörte das Rauschen des Wassers, eine Fahnenleine schlug irgendwo leise klatschend gegen einen Mast. Von unten tarn mehrstimmiger Gesang: In der Heimat, In der Heimat ... Langsam schritt er das Verdeck entlang und erschrak beinahe, als sich in der Ecke neben ihm plötzlich zwei engumschlungene Gestalten voneinander lösten und sich bemühten, zwischen ihren nah aneinander geschobenen Liegestühlen wieder eine mehr gesellschaftliche Beziehung her- zustellen. Der Doktor Ebener fand das vollkommen überflüssig; im Dunkel des Sommerabends konnte er nicht einmal feststellen, welche der beiden langen Lodenhüllen den männlichen, welche den weiblichen Partner barg. Als diskreter Mann zog er sich unauffällig in die gegenüberliegende, noch freie Ecke zurück. Von dort vertrieb ihn der Wind; so warf er noch einen Blick in die schwebende Helle über dem nördlichen Horizont, dachte .Weihe Nächte' und beschloß, sich zur Ruhe zu begeben. Zwischen schlafenden Gestalten in Liegeftühlen, unter Hängematten hindurch, aus denen Wanderstiefel aller Formate baumelten, fand er feinen Weg, erfreute die weiß- beschürzte Hüterin seiner nächtlichen Schwelle, von der er rechtzeitiges Wecken erbat, mit einem geprägten Dokument seiner menschenfreundlichen Stimmung und knipste bald daraus das Licht aus, um noch ein Weilchen auf das nahe Rauschen zu horchen, das durch das halbgeöffnete Kabinen- fenfter drang und bald so sehr über das ferne Stampfen der Motoren siegte, daß er, ehe er stch's versah, eingeschlafen war. Er mußte sich ein bißchen besinnen, wo er war, als ein freundlich energisches Klopsen ihn weckte. Durch den roten Vorhang vor dem kleinen runden Fenster fiel helles Licht; die Uhr zeigte drei Viertel sechs, das Schiff näherte sich Zoppot. Er öffnete das Fenster: schnelle, kalte Luft drang mit lautem Rauschen herein, ein schmaler Landstrich zog sich dunstig durch das Bild. Der Doktor Ebener kleidete sich rasch an, packte seine Habseligkeiten wieder in feinen Soffer und ging durch bas noch halb schlafende Schiff hinauf zum ersten Deck. Weit und lichtblau, ganz leicht und wie schwebend lag der Kreis des Meeres um ihn. Nur ganz in der Ferne hob sich Uferland darüber, ebenso leicht und zart verschleiert, als wäre es gerade aus dem Meere emporgestiegen. Das Weiß des Schiffes stand blendend im Blau des jungen Tages; der Doktor Ebener hatte nie gewußt, daß die Welt so hell, so weiß, so jung sein konnte. Er kletterte nach oben; da standen Tische, sogar gedeckte, ein Kellner nahm sich seiner an, und bald trug ein Frühstück den letzten Rest der Müdigkeit von ihm und ließ ihn das Abenteuer dieser Fahrt noch der Ahnfrau mit neuer Freude genießen. Moven folgten mit taumelndem Flug dem Schiff, nach den Brocken haschend, welche di« schon wachen jungen Menschen ihnen zuwarfen. Vor ihm im Morgenbuft tauchten anmutig schwingende Höhenzüge aus dem Dunst bes jungen Tages. Die See lag leicht bewegt mit kleinen, zärtlichen Wellen, die sich nur ba und dort weiß rauschend brachen. Zur Rechten hing über dem fernen Ufer eine Rauchwolke. Schiffe strebten klein und grau dorthin. „Gdingen", sagte ein Mann neben dem Arzt und hob sein Fernglas, „und dort drüben liegt Danzig." Aber der Doktor Ebener hatte noch wenig Neigung zur Politik. Ihn fröstelte noch ein bißchen. Das strahlend helle Morgenlicht und die Frische der Seeluft ließen ihm alles andere fern und unwirklich werden, wie von weitem aus der verlassenen Stadtwelt herüberklingen. Näher und näher rückten die Hohen der Bucht. Um den Fuß der Wälder, die sie krönten, schwebte noch zart der Dust der Frühe, aber die Wipfel hoben sich schon dunkler in den Glanz des Lichtes. Das Rot der Dächer begann sich leise aus dem Blau der Ferne zu losen. Der Doktor Georg Ebener sah über die Lehne der Bank gebeugt und starrte wie gebannt in die flimmernde Landschaft, die ihm so neu und ungekannt schon dort entgegenglitt, als hätte er sie nie zuvor gesehen. Der Umriß bes See« ftegs von Zoppot tauchte in ber Ferne auf, bie lange helle Front des Kasinos dahinter trennte sich vom Grund der Hohen — bas ßanb begann, bas Meer abzulösen. , Gerade wollte der Doktor sich auch erheben und hinabwandern, weil er sah, wie von überallher Fahrgäste nach der Stelle des Aussteigens zusammenstrebten — da scholl auf einmal ein Schrei von unten, vom Wasser herauf, ein Helles Jauchzen, das sich über das Rauschen der See und des Morgenwindes schwang wie ein jubelnder Gruß an diesen strahlenden, klaren Tag. Der Doktor fuhr suchend mit dem Kops herum: hinter dem Dampfer hervor glitt ein schmales, gelbes Motorboot, und hinter dem Motorboot, in einigem Abstand von ihm, stand auf den Wellen eine schlanke, blanke Mädchengestalt, die offenbar gerade diesen Hellen Daseinsschrei ausgestoßen hatte. In den Händen hielt sie wie Zugel des Bootes zwei lange Seinen: ihre Füße ruhten auf einem schmalen Brett bas hurtig burch bie Wellen tanzte: ihr Körper, in einem glatten, lichtblauen Babeanzug, glänzte funlelnb in ber Morgensonne, unb bie chneeweihe Kappe über ihrem Haar strahlte wie ein Sommerkronchen. Bon bem Dampfer nahm sie keine Notiz: sie stieß noch einmal ihren jubelnben Schrei in ben Morgen, zugleich bie Arme hoch erhebend, als wollte sie das Boot zu rascherem Tempo antreiben. Der junge Mann in Weiß, der am Steuer saß, senkte denn auch gehorsam den Kops; das Boot verdoppelte seine Fahrt, unb bie schmale Gestalt entschwebte tanzend im Blau ber Wellen. Eine Möwe, bie mit gleitendem Flug über ber silbern cerglimmenben Erscheinung segelte, schien bem Doktor Ebener ganz selbstverständlich dazu zu gehören. Er folgte dem traumhaft entschwebenden Bild wie gebannt mit ben Augen; bas Fernglas des Herrn neben sich fand er taktlos unb ärgerte sich über bie Wirkungslosigkeit seiner ebenso mißbilligenden wie unbeachtet bleibenden Seitenblicke. Paßkontrolle, diskrete Gepäckftagen, ein langsamer Weg über den langen sonnenbeschienenen Steg, bann strahlendes Aufleuchten von großen Blumenbeeten unb blühenben Büschen, noch einmal ein Blick zuruck auf bie klare Ferne über ber tiefblauen See, der ragende Schatten des riesigen Kurhauses, ein neugieriger Blick auf ein paar wegweisende Schilder: Zum Kasino. Am Ende verstaut ein Chauffeur ben Koffer neben sich, unb bas Auto keines von ben neuesten, aber bafür ein offenes, springt ratternb an. Auf bie vorsichtige Frage bes Doktors, ob er auch Deutsches Gelb in Zahlung nähme, hat ber Waaenlenker ebenso breit wie strahlend ermibert: „Aber ja-ah" und mit dieser schönen Zweisilbigkeit des Em- filbigen allerhand neue Erinnerungen in Georg Ebener lebendig gemacht. Nun gleitet fein Wagen durch ben Hellen Tag, zwischen Häusern hindurch, bie hauptsächlich aus Glasveranden zu bestehen scheinen, dann ins Freie, unter lichtgrünen, schattigen Bäumen dahin, zwischen Wiesen und Feldern über denen zur Rechten Höhen und Wälder ins Morgenlicht steigen, zur Linken zuweilen noch fern über ebenes Land zwischen neuen Häuserchen ein schmaler, dunkler Streifen Ostsee ausleuchtet. Ein Park mit ragenden Bäumen, helle, kleine, ländliche Hauser, ein Wasserspiegel — ferne (Erinnerung läßt bas Wort Oliva in ber Seele des Doktors aufklingen. Er wendet sich deshalb nach rückwärts herum, um noch etwas zu erhaschen; aber nur flüchtig grüßt, breit hingelagert, ein großes, helles Haus aus dem Grün — das Schloß. Friede zu Oliva denkt er, wann war das doch? Alles vergeßen. Wieviel vergißt ber Himmelsnähe. Von Conrad Ferdinand Meyer. In meiner Firne feierlichem Kreis Lagr' ich am schmalen Felsengrate hier. Aus einem grünerstarrten Meer von Eis Erhebt die Silberzacke sich vor mir. Der Schnee, der am Geklüste hing zerstreut, In hundert Rinnen rieselt er davon Und aus der schwarzen Feuchte schimmert heut Der Soldanelle zarte Glocke schon. Bald nahe tost, bald fern der Wasserfall, Er stäubt und stürzt, nun rechts, nun links verweht Ein tiefes Schweigen und ein steter Schall, Ein Wind, ein Strom, ein Atem, ein Gebeti Nur neben mir des Murmeltieres Pfiff, Nur über mir des Geiers heisrer Schrei; Ich bin allein auf meinem Felsenriff Und ich empfinde, datz Gott bei mir sei. Pfeil/ wohin fliegst du? Von Josef Friedrich Perkoni g. Dieser Erzählung des Kärntner Dichters liegen Begebenheiten in einer Grenzstadt vor dem Kriege zugrunde. Frau Palme, die kleine Frau Palms mit dem messerscharfen Mundwerk, hatte eben den Hausflur mit Seife, Wasser und Bürste reinge- neben, und es freute sie das nasse Holz, das in der warmen Luft schon wieder zu trocknen begann, da blieb ihr plötzlich der Atem vor dem Munde fort, denn dort vor ihr, fast mit der Hand zu erreichen, stelzte ein Hahn über den reinen Boden, er mochte aus irgend einem Staub Herkommen, denn er hinterließ in zierlichen Abständen seine Hahnentritte, sie waren auf dem Holze sichtbar wie drei gespreizte Finger, die sich höhnisch gegen Frau Palme richteten. Sie aber wußte, das Mistvieh gehörte der Frau Leinsieder im Nachbarhaus. Ein Hahn muß eingesperrt oder innerhalb eines Zaunes gehalten werden, er darf feine Freiheit nicht auf eigenen Hahnenfuß (steht hier für .eigene Faust') gebrauchen. So warf sie denn ohne lange Ueberlegung ihre große Reibebürste nach dem stolzen weihen Tiere, traf es, wie man ja immer zur unrichtigen Zeit trifft, und das Unglück wollte es, daß sie einen wohl kaum selbst gewollten Erfolg hatte: der Hahn fiel um und war tot. Nun hätte Frau Palme einen solchen Leichnam irgendwie vertilgen und seine Spur verwischen können und dieses kleine Drama wäre verborgen geblieben, doch es verleitete sie ein rechthaberisches Gefühl, ihre Stimme zu erheben, die Familie Leinsieder möge jemand abordnen, der das tote Luder abhole. Nun war der Hahn nicht irgend so ein gewöhnlicher Hahn, man hatte ihn gewissermaßen aus dem Ei gezüchtet, wie andere gemeinsam einen Kaktus betreuen, und er galt den Leinsiedern wie manchen eine Angorakatze oder ein edler Hund. Deshalb machte sich der Familienvater, ein Zettelankleber und Vereinsdiener, der den halben Tag hindurch feiern mußte, persönlich auf und erschien unten ihm Hausflur, dem Schauplatz des Tiermordes. Er sagte der Frau Palme ein paar so freundliche Worte, daß ihr der Mund offen blieb und ihre Zunge zum erstenmal wie gelähmt war, bann zog er mit der weißen Hahnen- leiche ab. Der Briefträger Zunk, der am Fenster saß und die „Kleine Zeitung" las, hörte den einseitigen „Wortwechsel", sah die Ohnmacht der Frau Palme, und eines Teils aus Edelmut des ritterlichen Mannes, anderenteils aus Langeweile, denn ein Briefträger kann nie lange sitzen, ging er hinab und traf den Zettelankleber auf der Stiege. Er fragte ihn, ob er sich nicht schäme, eine arme wehrlose Frau zu überfallen, er nannte ihn kurzerhand einen Lümmel, und es erstarrte nun der Mann mit dem toten Hahn wie früher die Frau. In so einem Hause von kleinen Leuten, wo sich das Leben in sehr lockeren Scharnieren bewegt, bleibt ein Mensch, wenn ihn die Nachbarn spüren, nicht lange allein auf Stiege ober Gang, es öffnet sich sogleich irgenbmo eine Türe, unb auch hier war ber Gasarbeiter Dauß, ein unrasierter, nach Branntwein riechenber Mensch zur Stelle. Er blinzelte aus tückischen, halb verschlossenen Augen bem Briefträger nach unb meinte, als er verschwunben war, ber solle nur schön stille fein, sonst konnte es geschehen, baß er bei ber Post hinausfliege. Der mit Gift oollgelabene Leinsieber hätte keinen toten Hahn unter bem Arme haben bürfcn, wenn er nicht nach ber Bewanbtnis solcher Weissagung gefragt hätte. Da sagte benn Dauß, er habe gehört, baß ein anberer Arbeiter im Gaswerk gehört habe, ber Briefträger hätte einmal einen Bries geöffnet, ber aus Amerika kam; wahrscheinlich habe er Dollars enthalten. Das sagte er nun nicht etwa leise unb heimlich, seine Stimme war so laut, baß sie auch bie Wäscherin Katharina vernahm, bie ihre Wäsche bügelte und dabei die Tür ihrer Wohnung geöffnet hatte, damit der üble Dunst abziehe. Am Abend saß sie mit Rummel auf ber Bank im Park, was man an alten grauen Häusern eben so Park heißt, ein paar kümmerliche Bäume stehen ba in trockener Erbe, Papier liegt herum, es ist halb- dunkel, unb es riecht nach Vorstabt. Unb Katharina erzählt Rummel was ber Dauß aus vollem Halse geflüstert hatte, unb Rummel sagte nichts anberes als: Schweinehunb! Der Briefträger hatte einmal an einem nebeligen Novemberiachmittag an ber Straßenecke mit ihm eine Zigarette geteilt. Wenn ein ehemaliger Matrose wie Rummel zu je» manbem Schweinehunb! sagt unb ber ist zufällig zugegen, bann kommt gleich hinter bem Wort bie Faust. So aber — ergrünbe jemanb bas Herz bes Menschen — ging er am nächsten Morgen hin unb gab bei ber Polizei an, wenn sie wissen wolle, wer im letzten Winter bie vielen Kohlensäcke auf bem Bahnhof gestohlen unb ein gutes Geschäft bamit gemacht habe, so solle sie sich einmal im Gaswerk bei einem gewissen Dauß ertunbigen. Die Polizei kam in bas Gaswerk, fragte ben Mann, ber immer noch nach Branntwein roch, um merkwürdige Dinge in einer Weife, bie einen weniger burchgefoktenen Menschen wohl verwirren konnte; er gab seine Antworten, boch sie waren ruhig unb glatt. Unb ba sein Gesicht ruhig war, mußte er keine Angst haben, baß er sich verriet. Als nun ber gefährliche Besuch roieber quer über ben Hof bes Gaswerks ging, wischte Dauß zunächst einmal mit bem Hanbrücken unter ber Nase burch, bann sah er sich um, als suchte er jemanb. Unb er schien diesen jemand gesunden zu haben, denn nun verweilte sein Auge bei Jumbo, so hießen sie im Werk ben bitten, gutmütigen Heberlin, ber jetzt gemütlich bie schwarzen glänjenben Kohlen von einem Hausen auf ben anberen überschaufelte. Der also hatte feinen Munb nicht gehalten ober vielleicht hatte es bie Polizei sogar von ihm selber erfahren. Das buchte Dauß beshalb, weil Heberlin feit einiger Zeit burch ihn hinburch sah, als wäre er pure Luft. Sie waren einmal auf bem Heimweg wegen einer Frauensperson arg aneinanber geraten. Dem Dicken also verdankte man so ein unbequemes Verhör, unb es konnte ihm noch irgend etwas Böses folgen, wenn der Mann vorhin auch still fortgegangen war. Das kannte man schon, wen bie Polizei einmal zwischen ben Zähnen hatte, ben ließ sie nicht mehr los, es blieb nur bie Frage, wann sie zubiß. Unb je mehr Dauß, benommen von bem Branntwein, erregt von bem Gespräch mit bem gefährlichen Mann zu bem schaufelnden Jumbo hinschielte, befto sicherer würbe er, baß niemand anderer ihm heimlich den Fuß gestellt haben konnte. Wenn in einem Menschen wie diesem Trinker ber Bobensatz hochkommt, bann schlägt er sich nicht so halb roieber, bann vergiftet er auch ben Rest von gutem Saft, der noch in ihm sein mag. Unb von einer tückischen Absicht beraten, um bie er sich zuerst gar nicht sehr anftrengte, bie.eben mit jenem Gifte im Blut auf einmal ba war, machte er sich an Jumbo heran unb sagte ihm, es wäre ihm recht, wenn es zwischen ihnen wieder fein könnte wie früher einmal, unb Jumbo, der dicke, gutmütige Kohlen- schaufler, fragte nicht erst lange um bie Ursache solcher plötzlichen Einkehr, friebfertig wie alle Beleibten seiner 2lrt, nickte er und war froh, baß er einem Nachbarn am Kohlenhaufen nicht mehr zu zürnen brauchte. Dauß wollte auch, baß sie ihre Versöhnung feierten, es wäre ber Anlaß zu einem luftigen Abend, unb am besten wäre es, sie fänben sich nach neun Uhr braußen in Jakobs Gasthaus zusammen, es lag abseits hinter ben Schrebergärten unb bort könnte man später, wenn es sich so geben sollte, auch laut sein, ohne daß man gleich jemand an ben Hals bekäme. Mit allem war Jumbo zusrieben, unb er ließ in seiner Zusage sogar burdjtlingen, vielleicht konnte er Anna mitbringen, eben jene Anna, um bie bamals ber Streit gegangen war. Der gottverlassene Dauß holte bann um sechs Uhr, als er bie Schaufel an bie Mauer gestellt hatte, in feiner Wohnung das Messer, es war ein Messer mit einer feststehenben breiten Klinge. Als er es betrachtete, ba kam, ohne daß ihn ein Tropfen Branntwein befeuchtet hatte, ein seltsamer Rausch über ihn, unb dieser Rausch entschwand nicht mehr, er wurde eine purpurne Finsternis in dem Herzen des blind und taub Gewordenen, ber sich bis nahe zur neunten Stunde betrank. Sein Tun war halb wie bas Tun eines Berauschten, nur in ben Augenblicken, ba er auf die Uhr sah, schien er bei Vernunft zu fein. Er ging wenige Minuten vor neun in die Nacht hinaus unb wartete vor ben totenstillen buntlen Schrebergärten, hier mußte Jumbo vorüberkommen, und er hielt das Messer in der Hand. Nun wäre Jumbo wahrscheinlich genau um die neunte Stunde erschienen, benn er war pünktlich, boch es geschah etwas, bas ihn zurück- hielt. Anna kam roeinenb zu ihm, ihre Mutter, bie seit Wochen im Sterben lag, sei unheimlich klaren Verstanbes geworben unb rebe immerfort. Sie fänbe fein Genüge mehr an bem bumpfen Schweigen ber Tobkranken, neben bem bie Tochter wohl nächtelang zu wachen vermochte, boch vor ber Rebseligen graue ihr. Da ging benn Jumbo mit ihr, um gemeinsam mit bem Mäbchen ber Aufflackernben ein gebulbiges Ohr zu leihen, bie Versöhnungsfeier konnte ja verschoben werben, bas Sterben ber alten Frau aber nicht. Unb im Fortgehen bat Jumbo ben Sohn feiner Wohnungsa?berin, einen braven jungen Eisenbreher, er möge doch ben Gang zum Gasthaus Jakob tun und bort den Kameraden Dauß vertrösten. Der gefällige Felix — wie weltfern war ber von jenem erschlagenen weißen Hahn — ging als Bote in bie Dunkelheit hinein. Er mußte an ben Schrebergärten vorüber, von irgenbrooher fang bas überhubelte (Beigen eines Knaben, unb er rannte, vielleicht war fein Schritt wirklich dem Jumbo ähnlich, ober er klang für bie Ohren bes Berauschten nur so, in das breite Messer hinein. Eine ungeheure Ueberraschung machte den Todwunden stumm, er sank lautlos hin unb war verblutet, noch ehe er recht benten konnte, was ihm geschehen war. Alles ging bann seinen natürlichen Gang. Dauß flüchtete in biefer Nacht, mürbe bann am nächsten Morgen in einem Dorfe auf einem Bauernwagen schlafenb gefunden, verurteilt, unb fein sinnlos oergeubetes Leben ist zu Enbe. Doch bas Leben bes braven, jungen Felix, warum bürste es nicht bauern? Welche merfroürbigen Umwege machte fein Schicksal, es schnellte einen Pfeil an einer fernen Bogensehne ab, unb ihn traf er. Daß sich sein früher Tob erfüllte, mußte ein weißer Hahn, ben er nie gesehen hotte, über einen nassen reinen Flurboden stolzieren. Ja, so ist das Leben. Syazlnkyen. Von Theodor Storm Fern hallt Musik; doch hier ist stille Nacht, Mit Schlummerdust anhauchen mich die Pflanzen; Ich habe immer, immer dein gedacht, * Ich möchte schlafen; aber du mußt tanzen. Es hört nicht auf, es rast ohne Unterlaß; Die Kerzen brennen und die Geigen schreien, Es teilen und es schließen sich die Reihen, Und alle glühen; aber du bist blaß. . Und du mußt tanzen; fremde Arme schmiegen Sich an dein Herz; o leide nicht GewaltI Ich seh dein weißes Kleid vorüberfliegen Und deine leichte, zärtliche Gestalt. — Und süßer strömend quillt der Duft der Nacht Und träumerischer aus dem Kelch der Pflanzen. Ich habe immer, immer dein gedacht; Ich möchte schlafen; aber du mußt tanzen. Königin Elisabeth von England. Bon Gertrud Kühl-Claaßen. Die Gestalt der großen „jungfräulichen" Königin von England, die dem elisabethanischen Zeitalter seinen Namen gegeben hat, steht tnmer noch heiß umstritten in der geschichtlichen Forschung. Ihr Wirken m das Zeitgeschehen hinein hat die vielfältigsten Deutungen erfahren, und die Darstellung ihres Charakterbildes weist eine Reihe von widerspruchsvollen Zügen auf, die sich zu einem einheitlichen Gesamteindnickkaum zufammenschließen. Neuerdings ist es nun dem englischen Ge chichts- schreiber I. E. N e a l e gelungen, aus der verwirrenden Fülle des vorliegenden Materials heraus das weit gespannte Wesen dieser bedeutenden Frau inmitten einer leidenschaftlich erregten Umwelt m einem einprägsamen klaren Umriß einzufangen. Das groß angelegte fesselnd geschriebene Werk, das in deutscher Uebersetzung unter dem Titel 9ßö nigin Elisabeth" im Verlag von $). Goverts in Hamburg erschien, kann als die erste wirklich umfassende und em eindrucksvolles Bild schaffende Lebensgeschichte der großen Königin angesehen werden. Elisabeths reiche Natur zeigt eine ganz seltene Berbindung von geradezu souveräner Geistigkeit und Schlagfertigkeit, durch die sie Freunde und Feinde in Erstaunen setzte, mit einer echt weiblichen Einfühlungsgabe und großzügiger Menschlichkeit, die ihr die Herzen gewann. Sie, die als echte Humanistin ihrer Zeit über eine vielseitige Sprachkenntnis verfügte und daher die schwierigsten diplomatischen Verhandlungen mit den ausländischen Gesandten ohne Vermittlung ihrer Staatsrate allem zu führen befähigt war, bezauberte zugleich ihre Umgebung durch chre natürliche Ungezwungenheit, mit der sie auch die einfachsten Menschen zu sich heranzog. „Wenn je ein Mensch", so hecht es in einer zeitgenössischen Schilderung ihrer Krönungsfeier, „die Gabe oder Fähigkeit besaß, das Herz des Volkes zu gewinnen, dann war es diese Königin ... Den einen bedauerte sie, den anderen lobte sie, dem einen dankte sie, mit anderen scherzte sie lustig und wchig. memanden verachtete sie, keine Pslicht versäumte sie und verteilte ihr Lächeln, ihre Blicke und ihre Anmut so kunstvoll, daß daraufhin das Volk seine Freude noch stürmischer äußerte und später m den höchsten Tonen das Lob seiner Fürstin fang." * Einen großen Anteil an ihrer Volkstümlichkeit hatten die jährlichen Reisen, die Elisabeth unternahm, um auch außerhalb der Grenzen Londons mit ihren Untertanen in persönliche Fühlung zu kommen. Sie betrachtete diese Reisen, die bei schlechtem Wetter und schlechten Wegen keineswegs ein Vergnügen waren, als ihren Sommerurlaub. Weder die Mahnung ihres Staatsrats, in kritisch erregter Zeit an ihre eigene Sicherheit zu denken, noch späterhin die Beschwerden des Mtters konnten sie dazu bringen, auf eine solche Reise zu verzichten. Noch in ihrem 67. Lebensjahr erklärte sie ihren Höflingen, die über eine „lange Reife unwillig waren, „die Alten sollten zu Hause bleiben, die Jungen und Rüstigen aber ihre Königin begleiten." Der Jubel und die Freude des vom Lande herbeiströmenden Volkes entschädigte sie reichlich für alle Strapazen. Die Königin reiste entweder zu Pferde ober in einer offenen Sänfte, damit alle sie sehen konnten, sie nahm die Bittschriften eigenhändig in Empfang und hatte für jeden ein freundliches Wort. Einen schüchternen Stadtschoffen, der eine Willkommensrede halten muhte, beruhigte sie mit den Worten Sie hatten nicht so viel Angst vor mir wie ich vor Ihnen, und zu einem aufgeregten Lehrer, der feine lateinische Rede nur mühsam fertig brachte, sagte sie mit herzgewinnender Liebenswürdigkeit: „Es ist die beste Rede, die ich je gehört habe. Sie dürfen mir die Hand küssen." In der freundlichsten Weise suchte sie sich für alle ihr entgegengebrachten Gaben und für die aus Anlaß ihres Besuches veranstalteten Festlichkeiten dankbar zu erweisen. Das ging so weit, daß sie bei »nem von Beamtenfrauen khr zu Ehren gegebenen Bankett, bestehend aus 180 Gerichten, die damals allgemein übliche Vorsichtsmaßnahme gegen Vergiftung — völlig außer Acht ließ und sorglos aß und trank, ohne vorher Kostproben machen zu lassen —, ein Beweis ihres Vertrauens, den die Hausfrauen besonders zu schätzen wußten. Elisabeth wußte jeder Situation gerecht zu werden, und ihre Unerschrockenheit und Geistesgegenwart, die sie bei unvorhergesehenen Zwischenfällen bewies, ihr „unnachahmbar königliches Berhalten" fand begeisterten Widerhall in zahlreichen, als Flugschriften im Volk verbreiteten Berichten, die die „Romanze" ihrer Werbe-Reisen in hellstes Licht stellten und in weiteste Kreise trugen. * 9 Die Kunst, die Volksstimmung für sich zu gewinnen und einen romantischen Hintergrund um sich zu schaffen, gehört zweifellos zum Geheimnis von Elisabeths Erfolg. Weit ungewöhnlicher aber bei einer weiblichen Herrscherin ist die Gabe, durch ihre politische Klugheit die Feinde des „ungeheuerlichen Weiberregiments" zum Schweigen zu bringen, gegen das der schottische Reformator John Knox feine bekannten „Trompetenstöße" am Beginn ihrer Regierung in die Welt geschickt hatte. Auch ihre politischen Gegner konnten sich der Wirkung ihrer Staatskunst nicht entziehen, die in einer lavierenden, behutsamen und oft im Gegensatz zu ihren Ratgebern den radikalen Entscheidungen abgeneigten Haltung von Erfolg zu Erfolg schritt und mit einer „entschlossenen aufreizenden Sparsamkeit" die bedrohlichsten Finanzschwierigkeiten ihres Reiches zu bewältigen wußte. Selbst Papst Sixtus V., der an sich der protestantischen Herrscherin nicht wohlgesinnt war, kam zu dem anerkennenden Urteil „Sie ist bestimmt eine Königin ... Sie ist nur eine Frau, nur die Herrscherin über die Hälfte einer Insel, und doch fürchten sie alle, Spanien, Frankreich und das Reich." Und der französische König Heinrich IV. rief, zur Bewunderung hingerissen, aus: „Sie allein ist wahrhaft ein König. Sie allein versteht zu regieren." Freilich brachte die Königin in der Undurchsichtigkeit ihrer Entschlüsse ihre Staatsräte sehr oft zur Verzweiflung, aber was erst nur als Laune ober Sprunghaftigkeit angesehen werden konnte, erwies sich meist als wohlüberlegter Weg zu ihrem Ziel. Schon in ihren ersten Regierungsjahren zeigte sie sich als Meisterin im diplomatischen Spiel. Scheinbar ging sie liebenswürdig scherzend auf die Argumente ihrer Verhandlungspartner ein, um bald darauf mit großer geistiger Schärfe das Gegenteil zu beweisen. Diese in allen Farben schillernde Taktik entlockte dem völlig verärgerten Gesandten Philipps II. von Spanien einmal die drastische Aeußerung: „Kurzum, ich kann Eurer Majestät nur mitteilen, daß dieses Land in die Hände einer Frau, die eine Tochter des Teufels ist, geraten ist." * Unter der Unberechenbarkeit von Elisabeths Entschließungen hatten besonders die fürstlichen Bewerber zu leiden, die sich „die weit und breit in Europa beste Partie" nicht entgehen lassen wollten. In Elisabeths politischen Berechnungen bildeten sie die Schachfiguren, mit denen sie operierte, je nachdem ein Hinhalten der Werbung ihr für die Interessen ihres Reiches als günstig erschien. Um die Annäherung von Frankreich und Schottland zu verhindern, hielt sie die Verhandlungen mit Katharina von Medici aufrecht, obwohl sie gar nicht daran dachte, Katharinas Sohn, den noch kaum erwachsenen König von Frankreich, Karl IX., zu heiraten. Gleichzeitig verzichtete sie keineswegs auf das Prestige, das ihr die Werbung des Erzherzogs Karl verlieh, denn eine Verbindung mit den Habsburgern konnte die englische Machtposition in einer Weise stärken, die anderen europäischen Herrschern recht unbequem war. Meisterhaft verstand es Elisabeth, immer wieder Hoffnungen zu erwecken und durch Aufstellung neuer Bedingungen die Angelegenheit zu verschleppen. Ihre zahlreichen Heiratsprojekte gaben ihr eben die Möglichkeit, nach dem politischen Grundsatz zu verfahren: „Wenn dir von einem Staate Gefahr droht, spiele den andern gegen ihn aus!". * Elisabeth war keineswegs nur die kühle berechnende Diplomatin, wie sie in dem politischen Spiel mit ihren Bewerbern erscheinen könnte ober gar die eitle tugendstolze Frau, wie S ch i l l e r sie der in allen Irrtümern heroischen und leidenschaftlichen Maria Stuart gegenüberftetlt Das Herz der , jungfräulichen" Königin war leicht entflammt, aber ihr Heldentum bestand darin, die Wünsche ihres Herzens zurückzustellen, wenn die Rücksicht auf innerpolitische Strömungen es erforderte oder das Wohl ihres Reiches ihr durch eine unkluge Heirat gefährdet erschien. So bedeutete z. B. das jahrelange Hinziehen der Werbung des Herzogs von Alanxon, durch das sie Spanien in Schach zu halten suchte, und mehr noch die enbgiiHme Absage ein persönliches Opfer, bas sie ber Volksstimmung brachte. V,:e Erschütterungen und Enttäuschungen bebrängten sie bis in die letzte Lebenszeit hinein, in die ber Verrat ihres letzten Gunstlmgs, bes Grafen Essex, so tragisch hineinspielte, „Die Liebe ist falsch", in dieser Aeußerung, bie sie auf einem Maskenfest an eine sie zum Tanz bittenbe Darstellerin ber Liebe" richtete, ist alle persönliche Bitterkeit ihrer Erfahrungen in ber Liebe zusammengepreßt. Alles aber, bie Ehelosigkeit, ben Verzicht auf Nachkommenschaft, bie letzte Einsamkeit unb Verlassenheit konnte sie auf sich nehmen weil bie leibenschaftliche Liebe zu ihrem Vaterlanbe unb zu ihrem Volke ihrem Leben bie eigentliche Erfüllung unb seinen großen Sinn gegeben hatte. Mit vollem Recht konnte sie in ihrer berühmten „Golbenen Rebe" ihrer letzten Ansprache an bie Slbgeorbneten bes Unterhauses, von sich sagen „Keinen Augenblick hing je mein Herz an irdischen Gütern, stets war ich allein auf bas Wohl meiner Untertanen bebacht!". Als nach 45iäf)riger glanzvoller Herrschaft ihre Tage sich bem Ende näherten, ba geschah es, baß ihr Krönungsring durchgefeilt werben mußte, weil er ins Fleisch gewachsen war. Ihre Voraussicht, baß bies symbolisch bie batbiqe Lösung ihrer Ehe mit bem Reich bebeute, traf ein. Wenige Wochen später, am 24. März 1603, im 69.Lebensjahr verschieb bie Königin. Wie auch bie strahlenbste Sonne zuletzt in einer westlichen Wolke untergeht." Deroalwortlich: vr. Hans ThhUot. - Druck und Derlag: Brühl'lche Universitäts-Duch. und Steindr uckerei, D. Lange, Gießen.