SietzenerKimilienbliitter Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger Jahrgang 1956 Freitag, den U. Dezember Nummer 96 Klick aus dem Spielzeugladen Roman für das große und kleine Volk Von Friedrich Schnack Copyright by Insel-Verlag zu Leipzig 1. Fortsetzung. Eine unangenehme Entdeckung. Die Wohnung des Herrn Bodenweber bestand aus drei Zimmern, dem Wohnzimmer, dem väterlichen Schlafzimmer, der Stube des Jungen und der engen Küche. Sie lag im dritten Stock der Webergasse Nummer elf, dem Haus mit dem tiefen Eingang, darin der blinde Schnürsenkelmann stand, jahraus, jahrein. Gegenüber lag die Wohnung der Zeitungsfrau Mittwoch, die auf dem Postamt am Betonplatz der Straßenbahnlinie sieben ihren Stand hatte. Frau Mittwoch war die Tante von Klicks Freundin, dem zehnjährigen Mädchen Ali, das keine Eltern mehr hatte. Mit Ali unterhielt Klick außer der erprobten Freundschaft eine telephonische Verbindung, schnurgerade über die Straße hinweg. Aber davon durste die Reichspost nichts wissen: sie hätte vielleicht den haarfeinen Faden, den Klick von seinem Fenster zu Alis Fenster hinübergespannt hatte, durchgeschnitten und eingezogen. Der Luftraum gehörte ja ihr. Und doch bestand keine Gefahr, von der Straße aus war der Faden nicht zu entdecken. Auch blickten die wenigsten Menschen in die Höhe, die meisten nur immer geradeaus oder zu Boden. Sie gingen im Trott. . Klick trat zum Fernsprecher. Es war eine Papprohre mit einer Membrane von starkem Pergamentpapier, in deren Mitte der Faden fest- gemacht war. Durch eine dünne Bohrung in den Fensterrahmen war er hinausgeführt und mündete drüben durch einen gleichen Durchlaß in ein anderes Sprach- und Schallrohr, das Gegenstück. Ein Wattepfropf verschloß, der Kälte wegen, das Loch im Holz. Klick stocherte den Verschluß heraus. Beim Sprechen war nämlich darauf zu achten, daß der Leitungsdraht frei schwebe und nichts berühre, sonst pflanzte er die Schallwellen nicht fort. Klick zerrte ein wenig, fo daß bei Ali ein knisterndes Geräusch an der Röhre entstand. Alsbald tauchte drüben am Fenster blondes Haar auf: die Freundin. Sie legte, nachdem sie ihrerseits den Wattepfropfen aus dem Verschluß herausgenommen hatte, das Ohr an den Hörer. „Ali .. .1", ries der Freund. „Hallo ...!", schallte es zurück. „Komm mal rüber!" , „Hab nicht viel Zeit. Muß gleich zum .Anzeiger', die zweite Ausgabe holen." , , „Gut, ich komme!", antwortete er, „warte auf mich! Ja Klick .. .", scholl ein feines Stimmchen an fein Ohr. Er verstopfte wieder 'die Durchführung, setzte seine Mütze auf, verschloß die Wohnung und nahm die Treppe, indem er auf dem Geländer abwärts rutschte. Mit Liftgeschwindigkeit kam er im Hausflur an. „Ich habe zwei Lose gekauft, Ali", sagte er zu ihr. Ueberlegen blickte sie ihn an, obwohl sie einen halben Kopf kleiner war als er. „Ach Klick! Du mit deiner Lotteriespielerei. Gewinnst ja doch nichts! „Unberufen, unberufen!", gab er zurück, mit dem Fingerknöchel abergläubisch gegen die Tür pochend. „Wart's nur ab. Ich schenk dir was, wenn ich's schaffe. Haupttreffer dreißigtausend." Ob das viel sei?, fragte sie. Sebr viel! An solch einer Menge Geld habe man einen ganzen Tag zu zäb'en. wenn es reiche. Er half ihr in das abgeschabte Wintermäntelchen. „Warum bist du heute nicht im Spielzeugladen?", fragte sie. „Das Hauptgeschäft war gestern. Was heute nachkleckert, kann ohne mich abgefertigt werden. Ich habe dienstfrei. Auszutragen ist auch nichts mehr. Es hätte sich diesmal nicht recht gelohnt, sagte Frau Trockenhut. Nachdenklich senkte Ali den Kopf. Auf ihr blondes Haar fiel der Schimmer des Schneelichtes vor dem Fenster. „Da werden wohl", meinte sie, „die Kinder diesmal nicht viel zu Weihnachten bekommen." „Früher, als meine Mutter noch lebte", sagte Klick, „waren gute Zeiten. Schöne Weihnachtsabende, mit einem großen Baum, Kuchen und viel Geschenken. Seitdem ... es ist nichts mehr los. Teuerung, kein Geld, lauter Arbeitslose." „Woran das nur liegen mag?" „Das wissen die Großen auch nicht", sagte er kalt. „Man konnte meinen, es seien in den letzten Jahren zuviel Mütter weggestorben, deshalb haben die Kinder Hunger, und in den Stuben ist es kalt. Die Eisbären im Zoo haben es besser ..." „Die haben immer ihr Futter und ihren warmen Käfig", erwiderte Ali, träumerisch in die Ferne blickend, wo der Zoo lag. „Und jeder seinen Pelzmantel ..setzte Klick hinzu. „Bei dir ist es übrigens hundekalt. Euer Ofen kriegt noch Eiszapfen. Frau Mittwoch spart wohl Feuerung?" Sie zuckte mit den Schultern. „Muß!", sagte sie. Sie gingen miteinander die dunkle und knarrende Stiege hinunter. „An allem ist das Geld schuld", sagte Ali. „Wenn es nicht gemacht wäre, fehlte es den Leuten nicht. Und du müßtest nicht in der Lotterie spielen, Klick." „Da hätten die Menschen was anderes erfunden. Die Wilden bezahlen mit Muscheln", erklärte er. „Muscheln?", erwiderte sie. „An der Elbe gibt es genug. Da würde ich im Sommer den ganzen Tag Muscheln suchen. Woher weißt du das von den Muscheln?" „Der Hustenonkel hat es mir gesagt. Der weiß es." Dann stimmte es, zweifellos. Da waren sie auch schon an der Haustür und draußen auf der Gaffe. „Das ist ein Gedränge, die vielen Leute!", rief Klick. Schneidender Wind durchfegte die Gaffe. Ali erschauerte. Ihr dünnes Mäntelchen gewährte ihr nicht genügend Wärmeschutz. Sie gingen zum „Anzeiger". Als Ali das Zeitungspaket hatte, nahm Klick es ihr aus der Hand. „Paketschleppen ist meine Sache", sagte er. „Von mir bekommst du aber kein Trinkgeld." „Würde auch kein? von dir annehmen." Er erzählte ihr von seinen gestrigen Einnahmen und lenkte sie sacht durch die Wilsdruffer Straße, damit er am Plunderkönig vorbeikäme, dem Fllnfzigpfennigbasar. Dort, hinter der Glastür, stand der Liftjunge im erdbeerroten Anzug mit Goldknöpfen und einer schneidigen Mütze. Er erblickte den bewunderungswürdigen Jungen: pikfein war er, wie aus einem Spielwarengeschäft, wo es Liftjungens zu kaufen gab. Dieser Anzug! Klick wäre am liebsten Liftjunge gewesen. Aber Frau Trockenhut brauchte keinen, sie besaß ja auch keinen List. Der Erdbeerrote unterhielt sich mit einem schokoladebraunen Mann, dem Kraftfahrer des Plunderkönigs, der ein Kunterbunt in feinem Laden verkaufte, sogar Spielwaren zu fünfundzwanzig und fünfzig Pfennig das Stück. Mehr als billig war das, Schleuderpreise. Freilich, solch gute, schöne Spielwaren, wie Frau Trockenhut verkaufte, konnte man beim Plunderkönig suchen. Vorbei! Schnee. Krachende Straßenbahnen und Autos. Am Postplatz fauchten die Zuglüfte. Mitten darin hockte vermummt die Tante Mittwoch. „Hu!", schnaubte sie, als die Kinder kamen, und das Zeitungspaket fiel auf ihre Kiste. „Eine Kälte ist das heute. Klick", warnte sie, „werde bloß keine Zeitungsfrau!" Er kannte den Witz. Als Schoßwärmer hatte sie von Haufe ihren bernsteingelben Kater mitgebracht. Sie stak in einem derben Kapuzenmantel und hatte unförmige Filzschuhe an den Füßen. Unter ihnen lag ein Kistenbrettchen zum Schutz gegen die Schneekälte. Männerfäusten glichen ihre Hände in den dickwollenen Handschuhen. Der Kater räkelte sich, als er Alis Stimme hörte. Die Kinderfinger wühlten in feinem Fell. Gegen seine Schnurrhaare stoben Schneeflocken. Da nieste er und kroch wieder unter die Decke. Heber den Zeitungsstand war ein schwarzes Wolltuch gebreitet. Es sah aus, als hätten alle Leitungen Trauer oder als frören sie. Eifrig verkaufte Frau Mittwoch die Weihnachtsausgaben. Wie die warmen Semmeln gingen die neuesten Blätter weg und waren doch schlechter und weniger nahrhaft als Bäcker- brOt 2tli", sagte Frau Mittwoch, „mach Feuer an. Stell den Kaffeetopf in die Ofenröhre. Richte Kartoffeln!'' Nicht lange hielten sich die zwei Freunde bei ihr auf. Ungemütliche (Bp dcnb „Guten Umsatz, Frau Mittwoch!", wünschte Klick und zog seine kleine ^Die Uhr des Telegraphenamtes zeigte vier. Sie schlängelten sich durch die Menschenmenge. Nach Weihnachtserwartung schimmerte und roch die Stadt. Jeder der Vorübergehenden trug Pakete, mancher hatte sich noch schnell ein Bäumchen besorgt. Auf dem Altmarkt wurden sie in eme Schneeballschlacht verwickelt. Klick spürte plötzlich einen Schneeball an der Backe und Ali einen im Genick Sie schüttelten sich und sahen sich nach den Angreifern um. Mehlhose war es, der dicke Lümmel aus der Zahnsgasse, mit seinen zwei Freunden, den Gassenbuben Schrimpf und Zulauf. Sie standen halblmks bei den Tari, im Schutz der Wagen. „Schweine!", sagte Klick und ging sogleich daran, Schneeballe zu kneten, um den Angriff zu erwidern. Die Bälle hagelten auf sie ein. Ali fertigte ebenfalls eifrig Bälle, ungeachtet der klatschenden Kugeln. Dann rückten sie vor. Klick hatte seinen Vorrat in die Wollmütze getan. Die Sicht war ungünstig, der Schnee stob gegen sie. Dennoch feuerten sie kräftig und sicher. Mehlhose bekam einen Ball genau aus die Nase, während sich Ali tapfer mit Zulauf schlug. Schrimpf hatte sich niedergehockt und ballte. Klick schmiß und überblickte dabei blitzschnell die Lage. „Aufhören, Ali!", rief er. „Ballen, Munition!" Ali ging, mit dem Rücken gegen den Feind, in die Knie und machte Bälle. Klick kämpfte. Er, ein guter Zteler, gab es ihnen. Mehlhose wurde zurückgeschlagen, Schrimpf am Boden erhielt einen Volltreffer ins Gesicht. Der putzte sich die Augendeckel. Klick wollte sich nun gegen Zulauf wenden, da flog ihm der Ball quer aus der Hand. Weih der Kuckuck, wie das zuging. Aber der Ball traf nicht Zulauf, sondern — schrumm! — die Schubscheibe eines Taxameters. Der Kraftfahrer, die Balgerei schon einige Zett mißtrauisch beobachtend, fauste mit langen Beinen aus dem Wagen und warf sich gegen Klick. „Weg, Ali!", schrie der und rannte fort, der Kraftfahrer hinter ihm drein. Durch das Schneegestöber schnellte sich der Versolgte über die Seestraße. Hart auf den Hacken blieb ihm der Fahrer. Die Verfolgung verursachte einen kleinen Schock im Verkehrsstrom; der den Verkehr regelnde Schutzmann hob den Arm, reckte den Hals: Was war da los? „Haltet den Dieb!", schrie eine Frau, eine Elektrische donnerte die Wilsdruffer Straße entlang, Klick wischte knapp hinüber. Das war noch einmal gut gegangen. Am großen Kaufhaus fuhr er mitten in einen Wespenschwarm von Weibern hinein, deren Augen auf ihn losstachen. Kam der Kraftfahrer? Folgte er nicht? War doch eigentlich ein Esel, dieser Mann, mit seinem aussichtslosen Gelaufe. Klick schnurrte durch die Drehtür, sie schleuderte ihn in den Verkaufsraum zwischen die Auslagen. Er machte, daß er verschwand. Jemand setzte ihm nach. „Hallo, was gibt's hier zu laufen?", zeterte der Abteilungsvorsteher. Klick tauchte hinter die Wühltische, daraus Berge von bunten Kleidungsstücken, Bändern, Taschentüchern, Frottierhandtüchern und anderes mehr gehäuft lagen. Die , Rolltreppe nahm ihn mit hinaus. Er schaute sich um, kein Kraftfahrer war zu sehen. Aber auf die unterste Stufe hüpfte Ali und rollte ihm nach. Er stand im ersten Stock. Buntes Durcheinander umwogte ihn. Die Rolltreppe ritz ihn in den zweiten Stock. Ali folgte. Lachend winkte er. Die Rolltreppe floß in den dritten Stock, Klick floh mit und landete schnaufend im Erfrischungsraum. Gewonnen! In Sicherheit. Er schlenderte an den Taschen, Säulen und blauen Bedienungsdamen vorüber, bis zu den großen Fenstern im Hintergrund, von wo man auf die Dächer und das im Schein der Lichter aufglimmende Schneegestöber hinausgucken konnte. Er wählte sich einen kleinen Tisch und wartete aus Ali. „Setz dich!", sagte er zu ihr, als sie bei ihm war. „Erledigt ist der Fall. Ich labe dich zu einem Gedeck Kompott ein, weil Weihnachten ist und ich dem Mehlhofe eins auf die Nafe gegeben habe ... Zweimal Aprikosen, bitte 1", bestellte er bei dem blauen Fräulein. Ali tat schüchtern, umständlich. Sie schmausten die eingemachten Früchte und löffelten den feinen Saft. Zwanzig Pfennig kostete ein Tellerchen voll, so stand es auf der rosaroten Speisekarte. Und darüber war getippt: „Vergessen Sie Ihre Sorgen und essen Sie in guter Stimmung!" Dem freundlichen Rat kamen sie nach: vergnügt erzählten sie einander ihr bestandenes Abenteuer. Hin und wieder jedoch ließen sie die Augen aufmerksam umherschweifen, um sich zu vergewissern, daß der langbeinige Kraftfahrer ober der schimpfende Abteilungsleiter aus dem Erdgeschoß doch noch auf der Bildfläche erschienen. Sie kamen nicht. Als die Aprikosen gegessen waren und Klick gezahlt hatte, begaben sie sich nach vorn an die Geländer des großen Lichthofes. Sie schauten durch drei Stockwerke hinunter, bis zur ebenen Erde, auf die Warentifche, Köpfe, Leute und Kinder. Aus der Tiefe — und das war das Anziehendste in diesem bunten Kaufhausschauspiel — wuchs ein riesiger Weihnachtsbaum auf, dessen Spitze bis zur Decke des obersten Stocks emporragte. Die erzgebirgische Tanne trug gläserne Kerzen für elektrische Beleuchtung, auf ihrem Spitzentrieb schwebte ein großer Silberstern. Mondgroße Silberkugeln hingen an den Aesten, und breite Silberbänder flössen von Zweig zu Zweig. Der geschmückte Baum funkelte herrlich. Plötzlich, mitten in der Bewunderung, tat Klick einen Ruck. Er tastete an sich herum, blickte rechts und links ... „Meine Mütze!", stieß er hervor und rannte zurück in den Erfrischungsraum. Bestürzt blickte ihm Ali nach. „Sie war nicht dort!", rief Klick aufgeregt, als er zurückkam. „Ich muß sie auf der Straße verloren haben. Meine zwei Lose ...I" Hastig ritz er die Freundin mit zum Fahrstuhl. Sie sausten abwärts. „Ich hatte die Lose unter das Futter der Mütze gesteckt", flüsterte er ihr zu. „Nun sind sie weg." Ganz zornig war sein Gesicht. Die Wollmütze blieb verschwunden, war unauffindbar, so wütend er sich auch die Augen nach ihr ausfchaute und die Straßen und den ganzen Altmarkt, mit Vorsicht vor dem Kraftfahrer, dessen Wagen in den Schneewolken ungewiß schwamm, nach ihr absuchte. Auch Ali tat es, vergeblich. Da gaben sie es auf. „Nieten!", sagte Klick. „Wieder nichts gewonnen, Ali. So gut, wie nichts gewonnen. Ich bin ein Pechvogel." Der Schnee umwirbelte seinen bloßen Kopf und nistete sich in sein Haar. Die Straßen stammten, die Leuchtzeichen waren eingeschaltet, an den Häuserwünden glühten die violetten, roten und grünen Glasröhren und Lichtsäulen. Feurige Buchstaben zuckten auf und erloschen. Rot, grün, blau, lila war das Schneegestöber gefärbt; ein Zauberschnee fiel in eine tobende Winterstadt. Mitten darin standen Klick und Ali, verstimmt, ernüchtert. Klick lernt einen Kapitän kennen. Die braune Wollmütze mit den Losen war weg. Klick hatte den Verlust der Lose vorsorglich dem jungen Mann im Lotteriegeschäft gemeldet. Dagegen könne man nichts tun, sagte der. Man müsse bis zur Ziehung warten. Wenn die Lose ... wenn, ja, wenn ein Gewinn aus die Lose entfalle und sie dann einer vorlege, wolle er den festhalten. So! Er krallte alle Finger zusammen. Bis dahin aber sei noch lange Zeit. Er schrieb die Meldung auf eine Karte und legte seinem Kunden nahe, auf jeden Fall neue zu kaufen. „Danke!", hatte Klick gesagt. Leider war es zu spät geworden, sonst wäre er noch zum Städtischen Fundamt gerannt, um nach einer möglicherweise eingelieferten braunen Wollmütze zu fragen. Aber damit war es vor den Feiertagen nichts mehr. Unterwegs, während er mit Mi der Webergaffe zusteuerte, lugte er angestrengt nach braunen Mützen aus. Unter tausenden würde er die seine erkennen, an einem kleinen blauen Fleck vorn Kopierstift am Hinteren Rand. Da jagte er auch schon einem Jungen nach. Wenn er sich nicht arg täuschte, hatte der, weiß Gott, die verlorene Mütze auf dem Kops. Ihm nach! Der Junge trat in den Laden des Hustenonkels, in die Tierhandlung Felix Dräsecke. Klick auch. „Tag, Onkel!", rief er. „Tag, Klick!" Der Junge verlangte Hundekuchen. „Etwas feines Gebäck für die Feiertage?", fragte der Hustenonkel scherzend. „ _ Klick umspürte die Mütze. War sie es, war sie es mcht? Der Junge hielt sie in der Hand vor dem Bauch. Der Hustenonkel rückte die grüne Brille auf der Nase und nahm den Hundekuchen aus der Blechschachtel. „Besonders feine Ware", sagte er. „Nach einem alten Weihnachtsrezept gebacken. Für Feinschmecker. Hunde wollen auch mal was Besonderes haben!" Er blinzelte den kleinen Käufer an, der Geld zog. Dabei legte er die Wollmütze auf den Ladentisch. Schnell beugte sich Klick darüber. Gang wurde fein Gesicht — die Mütze zeigte keinen Blaupunkt. War eine ganz gewöhnliche Kopfbedeckung, die sicherlich noch nichts Gescheites mitgemacht hatte, eine gut erhaltene, langweilige Mütze. Nicht den geringsten Fleck hatte sie. Klicks Aufmerksamkeit wandte sich anderen Dingen zu, den Vögeln in den Käsigen, deren Federn von schönen blauen Flecken schimmerten. m . „Auf Wiedersehn!", sagte der Junge, im Begriff, mit feinem Paket aus dem Laden zu gehen. , , „Halt!", rief da hinter ihm eine Stimme, ehe er noch den Türgriff in der Hand hatte. „Hast du auch bezahlt?" Erschrocken fuhr der Junge herum, verdutzt den Hustenonkel anstarrend, der hinter seinem Ladentisch leicht gebückt stand und mit den Augendeckeln blinkerte, einem Vogel gleich, der schläfrig ist. „Geld regiert die Welt!", rief die Stimme wieder. „Ich habe doch ...", stotterte der Junge, merkte aber nun, daß ihn der rote Papagei gefragt hatte. Der saß in seinem großen Käfig auf dem Gestell und klemmte den Schnabel zwischen die Stäbe. „Er hat bezahlt, Rickai", antwortete der Hustenonkel, „schweig nur still!" Der Papagei brach in stürmisches Hohngelächter aus. So wurde der Junge verabschiedet. „Onkel, hast du schon mal ’ne Mütze verloren?", erkundigte sich Klick. Der Onkel hustete. Sein Anfall bog ihn krumm, im Gesicht lief er rot und blau an. Schnell fischten seine Finger aus einer Schachtel ein grünes Bonbon. Der Papagei lachte, die Vögel zwitscherten, und der Affe Pong hieb seinen blechernen Freßnapf gegen die Wand des Gefängnisses. „Ich hab mal meinen Regenschirm stehengelassen ..." Aber diese Geschichte hatte Klick schon oft gehört. Sie hatte sich in Hamburg zugetragen. Alt war sie, wie eine alte Jacke. „Was wirst du deinen Vögeln und Tieren zu Weihnachten schenken?", fragte er. „Ich erzähle ihnen heute abend die Geschichte vom Baum Surrsurr in Madagaskar, auf dem die hunderttausend Nester sind sagte der Hustenonkel geheimnisvoll. „Und wie lautet die Geschichte?" „Hei", antwortete der Tierhändler, „komm zur Bescherung, bann hörst du sie." „Bin verhindert", erwiderte Klick, „Vater schenkt mir ein Radio. Dann höre ich den Sender von Algier, wo die Schlangen tanzen." Der Tierhändler nickte voll Bewunderung. „Es tut nicht weh! Einen Augenblick, bitte", plärrte der andere Papagei, der grüne, den der Onkel von einem Zahnarzt gekauft hatte. Die Augen des Affen glänzten, er war mit Klick befreundet. Jetzt öffnete sich die Tür, ein trat ein großer Herr mit einem grauen, rauchigen Knebelbart. Er verlangte Fifchfutter für Goldfische und ein paar Purpurschnecken für sein Aquarium. „Ist das Ihr Junge, Herr Dräsecke?", fragte er, zu Klick hinblickend. „Mein Wahlneffe , antwortete der Hustenonkes, der Junggeselle war. „Augenblick bitte!", schrie der grüne Papagei. „Klick, Klick!", rief die rote Ricka. „Genau so. Klick heißt er nämlich, Herr Kapitän. Klick hat ibn her Papagei genannt", erklärte der flink herumhuschende Tierhändler. „Wie ist das Befinden der Fische und der sehr geehrten Frau Wirtschafterin?" „Danke!", sagte der Kapitän mit einer tiefen Meeresstimme, die aus seinem Bauch rote aus einer Kajüte herausfchallte, „danke sehr, beiden geht es gut: der Wirtschafterin rote einem Fisch im Wasser, den Fischen wie einer Wirtschafterin in frischer Luft." „Hi, hi hi ...", hüstelte der Hustenonkel. Der Kapitän entfernte sich. Ricka schrie: „fiaft du auch bezahlt?" Aber der Kapitän kannte bereits den losen Vogel, er ließ sich nicht verblüffen. (Fortsetzung folgt.) Ewiger Acker. Don Wrlhelm Lue t j e n s. Geborgen das Korn, das der Acker trug. Durch die Erde zieht seine Furchen der Pflug, Furche um Furche — ihr altes Gesicht, das wandellose, verwandelt er nicht. Es wächst das Korn, und es wächst der Wald. Die Halme fallen, das Jahr wird alt. Der Herbstwind fegt über Stoppeln und Dorn, in den Furchen keimt schon das junge Korn — Dazwischen der Mensch, der pflügt und sät, der im Sommer die goldenen Halme mäht und sorgt und rechnet — und still vergeht. Die Erde bleibt und hat festen Bestand. Wiesen und Wald und wehender Sand sind Acker unter des Ewigen Hand. Der Befehl des Obristen. Eine Novelle von Alfons non Czibulka. Der kleine dicke Obrist Wangler des kaiferlichen Regiments zu Roß Herzog von Holstein warf die Tür hinter sich zu, daß es in den Wänden des alten Bauernhauses rieselte. Dann schmiß er seinen grauen Reiterhut in die Ecke der Stube. Der Feldschreiber am Fenster schielte dem Wurfgeschoß nach. Er kannte das schon. War noch gut, daß der Hut in die Ecke flog und nicht in die Tinte. Hatte wieder einmal gut angesangen, der Tag! War da vorgestern von des Herzogs von Friedland Durchlaucht die Order gekommen, daß, wenn jetzt gegen den Ernst von Mansfeld marschiert werde, die Regimenter die Frauenzimmer zurückzulassen hätten, so diese nicht rechtmäßig kopulierte Soldatenfrauen seien. Der von Wallenstein hatte schon recht: die Weiberwirtschaft bei der Armada stank zum Himmel. An vierhundert Stück hatte das Regiment Holstein allein. Aber es gab welche, die bald mehr Weiber als Säbel oder Musketen hatten. Doch der Obrist kannte auch seine Satanssöhne. Mit freundlichen Worten war da nichts zu machen. Gestern hatte man zu marschieren begonnen. Abends stand man an der Elbe. Da befahl der Obrist Wangler in aller Heimlichkeit dem Hauptmann des Fuhrwerks, daß, wenn das Regiment über den Strom gehe, der Teil des Trosses, der die Weiber führe, zurückzulasien wäre. Noch vor Sonnenaufgang begann das Regiment die Elbe zu überqueren. Der Tag versprach schön zu werden. Der Obrist hatte sich als Erster übersetzen lassen, hielt zu Pferde am User und sah zu, wie seine Reitersleute aus dem Morgennebel angefahren kamen, auf Fahren und Zillen. Die Reiter waren guter Laune und fangen. Der Obrist Wangler schmunzelte. Werden sich heute noch wundern, seine Kerle! Als die letzten Reiter ihre Gäule über die Uferböschung zerrten, zog der Obrist den Pallasch. Es war Zeit zu marschieren. Da fraß die Sonne den Nebel, und die Sicht wurde klar. Etliche Reiter merkten, daß die zweite Hälfte des Trosses noch am andern Ufer stand. Sie stutzten und stteßen sich an. Jetzt sahen sie auch schon die Weiber auf die Fährleute eindringen, die sich mit Rudern und Stangen des Ansturms erwehrten. Stritten wohl um die besten Plätze in den Zillen und Fähren, die Frauenzimmer! Noch lachten die Reiter. . , Da fuhren drüben die Fährleute ohne Weiber und Wagen ab, ließen ihre Kähne in die Strömung drehen, schoflen talwärts davon. Am Ufer standen die Frauenzimmer und rangen die Hände. Ihr Zetern und Kreischen konnte man nicht hören, aber es genügte auch so. Das Regiment erriet den Streich und stürzte die Uferböschung hinunter. Vergebens donnerte das Kommando „Aufgesessen! über die Kopfe. Das Regiment scherte sich nicht drum. Wäre nicht Hochwasser gewesen und nicht die gurgelnden, kreiselnden Wirbel im Strom: das Regiment Holstein wäre über die Elbe aeschwommen, um sich seine Weiber zu holen. Wieder brüllte der Obrist Wangler sein „Aufgesessen!". Aber was half s. Hier tobten die Reiter, drüben kreischten an vierhundert Weiber. Der Vrofos mit seinen Steckenknechten fuhr drein. Aber die Reiter rührten sich nicht von der Bösckung. Sie hätten ihre Wäsche und Monturen, ihre Speckseiten und Beutestücke bei den Frauenzimmern. Die Weiber mußten her! Vergeblich kam der kleine dicke Wangler auf seinem Rappen angebraust, als wollte er sein eigenes Regiment attackieren. Den Alten hatten sie gern, aber ohne Weiber marschierten sie nicht. Es könnte der Obrist allein gegen den Mansfelder reiten, wenn er die Weiber nicht fahren lasse. Immer noch besser, die Frauenzimmer kamen mit, als daß einem der Mansfelder in die Parade fuhr! Der Obrist ließ die Weiber über die (£lbc feiten. Und setzt war es am frühen Nachmittag. Man war im Quartier, und her Feldschreiber am Fenster konnte verstehen, warum der Alte mit seinem Reiterhut schmiß Der Obrist fragte: „Na, schon von heute morgen gehört, Schreiberseele? Was sagt Er dazu?" Der Schreiber zuckte mit der Schulter und sagte: „Erstes Buch Mosis, zweites Kapitel, achtzehnter Vers, gnädigster Herr Obrist!" Der Obrist knurrte: „Daß Er Candidatus Theologiae war, ehe Er Feldlchreiber bei Holstein wurde, weiß ich. Was meint Er damit?" „Nicht gut ist, wenn der Mensch allein!" Mach Er nur seine Späße, er verhinderter Pfaffe! Aber dem Regiment versalz' ich diesen Scherz! Wieviel Frauenzimmer sind bei Holstein?" Der Schreiber spritzte die Kielfeder aus: „Vierhundertsieben bei einem Stand des Regiments von fünfhundertachtundsiebzig Reitern .. * „Nette Relation! Und davon ehelich kopuliert?" „Siebenundachtzig, gnädigster Herr Obrist!" „Schreib Er, Candidate!" Der Obrist Wangler liebte das Schreiben nicht. Drei-, viermal durchmatz er diktierend die große Stube. Dann war er fertig und sagte: „Laß Er's umschlagen um Fünf durch den Prososen am Dorfplatz!" Am Nachmittag stand der Obrist am Fenster seines Quartiers und sah zu, wie die Kesselpauker umschlugen und der Profos zu Pfern den Befehl verlas. Im Kreise um den Profosen drängten sich die Reiter unter ihren breiten Hüten und spitzten die Ohren. Der Paukenwirbel verstummte, der Profos las: „Weil es wider Manneszucht und Kriegsordnung ist, auch des von Wallenstein Reuterrecht es verbietet, daß mit einem ehrlichen Regiment allerlei schlechtes Weibervolk mitläuft, die Frauenzimmer sich beim Regiment einnisten, wie die Laus im Pelz und dadurch alle ehrliche Kriegführung unmöglich wird, befiehlt unser gnädiger Herr Obrist, daß ein jeder Soldat sein Weibstück binnen drei Tagen abzuschaffen hat und nur die Eheweiber ..." Die Reiter drängten gegen den Profosen und schrien: „Ohne Weiber marschieren wir nicht!" Einer trumpfte aus und brüllte: „Soll der Alte seine Bataglia wider den Mansfelder selber schlagen!" Der Profos stellte sich in den Bügeln auf und funkelte über die Reihen hinweg nach dem Schreier: „Sachte, mein Söhnchen! ... Es befiehlt der Obrist auch: Wer sich widersetzt, ist aufzuknüpfen an feinem besten $ Einer in der ersten Reihe höhnte: „So viele Galgen hast du ja gar nicht, Profos!" Der Profos zwinkerte mit den Augen und kraulte sich das schwarze Bärtlein am Kinn: „Aber Bäume, mein Liebling! Hab' im vergangenen Jahr in Flandern an einem einzigen Eichbaum dreißig solche Schelme baumeln sehen, wie du einer bist ..." Die Leute schüttelten sich und lachten verlegen. Der Profos kam zu Ende, hob die Stimme: „Nur die Eheweiber, so ordnungsgemäß kopuliert sind, 'sei es römisch ober evangelisch, dürfen bleiben!" Die Pauken wirbelten. Langsam ritt der Profos durch die Gassen der aufgeregt durcheinander schwätzenden Reiter. Drei Tage später saßen die Generale «(bringen unb Holk und der Obrist Wangler auf der Altane eines Schlosses, einen Tagmarsch von Dessau Drunten in der Ebene leuchteten die Zeltgassen der Regimenter Colalto und Holstein, lieber die Hügelwellen, über die nahen und fernen Dörfer schwang sich das Geläute von Kirchenglocken. Generalleutnant Aldringen sah in die Ebene hinaus, schüttelte den Kopf: „Was nur die Glocken heute rings in den Dörfern haben? Horen ]a feit dem Morgen nicht mehr auf! Ist doch nicht Sonntag." Holk öffnete feinen Lederkoller, denn die Sonne war warm: „Wird wohl wegen der Viktoria fein, vorgestern an der Dessauer Brucken. Er hieb dem neben ihm sitzenden Dbriften derb auf die Schulter: „Uebrigens Respekt vor Eurem Regiment, Wangler!" Aldringen hob fein Glas: „Euer Wohl, Obrist! Ich horte schon, daß der Generalissimus Euch eine Gnadenkette verleihen mitt.“ Obrist Wangler tat ihm Bescheid: ,Zuviel der Ehre, Herr Generalleutnant!" ™ , Wieder schlug ihm Holk auf die Schulter: „Wie ein Besen war s, als Euer Regiment chargierte unb bie Mansfelbifchen vor sich herzukehren begann. Wie habt Ihr bas bloß gemacht?" Wangler schmunzelte: „Vielleicht hat meine Kerle bie Wu darüber gepackt, daß ich am Abend vorher Umschlagen ließ, es waren alle Weiber abzuschaffen, nur die Eheliebsten, fo ordnungsgemäß kopuliert sind, bleiben ^Aldringen lache: „Respekt, Obrist Wangler! Ihr versteht es, gutes Regiment zu halten." Er schenkte dem Dbriften ein und stieß mit ihm an: Wenn ich nur wützf, was diese verdammten Glocken haben!" Holk deutete in den Garten hinunter, durch den eben der Dorfpfarrer kam: „Vielleicht weiß es der." Schnaubend, kurzatmig kam der alte Pfarrer langsam die Stufen zur Altane herauf. Aldringen streckte ihm die Hand entgegen: „Setzt Euch zu uns! — Gibt uns armen Sündern ein so heiliger Mensch auch einmal bie Der Pfarrer nahm den Hut vom Kops, legte ihn auf die Brüstung, setzte sich und wischte sich mit einem großen blauen Tuch die Stirn. Holk schob ihm ein Glas hin, goß es voll: „Aber fo he'llgenmaßig werdet Ihr ja wohl nicht fein, daß Ihr einen Schluck Wein verschmäht Kreszenz des Herrn Fürstbischofs von Würzburg! , lachte Wangler. „Das mag Euer Bedenken gegen den fündigen Trank zerstreuen. Der Pfarrer kostete. „Ah, das tut gut, das Sitzen und der Wem! Ist denn das Seelsorgen gar fo eine Arbeit?", fragte Aldringen. scheute schon, Herr Generalleutnant." „Wieso heute? Ist doch nicht Sonntag? n . . . Der Pfarrer fah verwundert von einem zum andern: „9a, haben denn bie fierren bas Glockenläuten auf eine Meile im Umkreis nicht gehört? Weiß Gott, bas haben wir!", lachte der Obrist Wanglep Der Pfarrer fuhr sich roieber mit bem Tuch über den Schabel: „Der Teufel reit’ mich! Diese verfluchten Kerle!" „ fjo(t hob ben Finger: „Fluchen ist eine Todsünde Hochwürden. Aber es erleichtert, Herr Generalwachtmeister! Der Alte fetzte sein Glas an unb trank. Dann fuhr er fort: „Fast mit Gewalt haben sie mich in aller Frühe auf den Wagen geloben und zur Kirche gefahren, damit ich sie kopuliere. Und ringsum in allen Dörfern war s ebenso Beim ersten Hahnenschrei haben sie die Pfarrer unb Stifter, ob römisch ober evangelisch aus ben Betten geholt unb zu ben Kirchen geschleppt. Wie eine Seuche war's. Wer eine Minute zuvor noch Trauzeuge oder Brautiungfer war trat in ber nächsten schon als Paar an ben Altar ... Dierundbreißig Paare habe ich getraut unb jebem noch eine Rebe gehalten! Er schnaubte Un!>Dbri?t Wangler schüttelte fein Haupt: „Man sollt' es nicht glauben! Seit acht Jahren hoben wir Krieg. Gibt's benn noch so viele Burschen in ben Dörfern? Laufen ja alle dem Wallenstein, dem Man-geld, dem Tilly zu." Der Pfarrer sah ihn an: „Burschen? Wer spricht von «urschen, Herr Obrist? Reiter waren's ... An die dreihundert, hab' ich mir sagen lassen. Wollten alle kopuliert werden, weil beim Regiment der Befehl war, daß nur die Eheliebsten bleiben dürften ..." Wangler ließ das Glas sinken. Der Mund blieb ihm offen. Aldringen neigte sich lachend über den Tisch: „Die vom Regiment Holstein?" Der Pfarrer nickte. Holk hieb sich auf den Schenkel: „Obrist Wangler, Euer Gesicht ist ein Herzogtum wert!" Wieder schmiß der Obrist den Hut, dann knurrte er: „Lieber einen Sack voll Flöhe hüten, als ein friedländisch RegimentI" Wie Korn und Apfel... Von W i l l y A r n d t. Muht wie Korn und Apfel reifen, windumsungen, tauverklärt, wenn die Wurzeln gehn und greifen in den schmalen Ackerstreifen, der dein Leben trägt und nährt. Schlürfe du des dunklen Grundes urgeheimen Seim und Saft! Laß des Halms und Wipfelgrundes Blatt und Blüte seligen Mundes, trinken Erd- und Himmelskraft! Duft der Scholle, Glanz der Ferne segnen Aehr und Apfel rot. Krume, Sonne, Mond und Sterne quellen in der Frucht die Kerne, schäumen Most und wirken Brot. Gott sieht dich mit Bauernaugen, prüft dein Korn mit seinem Mund, ob's zur Mühle möge taugen. Seine Lippen ziehn und saugen an dem Apfel süß und rund. Glaub', er wird es schnell begreifen, was an Saft und Samen sei — Reife! Und bei Geig' und Pfeifen hallt er, wenn die Reigen schweifen, wolkenhoch im Freudenschrei. Harte Mutier. Von Otto A n t h e s. Der Kaiser hatte den Winterkönig aus Böhmen hinausgeworfen, darauf ließ er ihm durch ein spanisches Heer unter Spinola sein Stammland, die Pfalz, wegnehmen, und nun zogen die Spanier in einzelnen Trupps rheinabwärts, um die hier und da verstreuten pfälzischen Orte und Schlösser zu besetzen. So kam auch eine Kompanie nach Kaub, das eine pfälzische Unteramtsstadt war. Das Schloß, wehrhaft, doch schlecht verteidigt, wurde überrumpelt, und der Stadt, die ganz und gar vom Schloß beherrscht war, blieb nichts anderes übrig, als sich ebenfalls zu ergeben. Rur ein Turm, noch heute vorhanden und Erlenbachs Turm genannt, hielt sich, und die Besatzung antwortete auf die wiederholte Aufforderung zur Uebergabe nur mit gut gezielten Büchsenschüssen. So mußten sich "die Spanier zu einer regelrechten Belagerung entschließen, was sie nur ungern taten, da sie über keinerlei größeres Geschütz ver- sügten. In der Nähe des Turms stand ein festes Haus, das einer Witwe namens Boos gehörte. Dort setzten sich die Spanier fest, bauten auf dem Dachboden ihre schweren Hakenbüchsen auf und begannen den Turm zu beschießen. Den starken Mauern tat das indes wenig Schaden, und die Besatzung bleibt nach wie vor unsichtbar, wenn sie auch das Feuer der Gegner auf das verfchmitzeste erwidert. Sobald ein Spanier auch nur eine Strähne feines schwarzen Haares am Dachfenster blicken ließ, schlug auch schon eine Kugel dicht daneben ein. Und ein paarmal blieb es nicht bei den „daneben", so daß der Feldscher in Tätigkeit treten mußte. — Während sich diesergestalt der Handel in die Länge zog, muhte die Hauswirtin ihrs ungerufenen Gäste verpflegen. Sie tat es ordentlich, wie eine rheinische Wirtin nicht anders kann, aber mit so strenger Zurückhaltung, daß keiner von den Fremden ihr irgendwie in Bosheit oder Liebsucht zu nahe zu treten wagte, wiewohl sie ein stattliches und noch immer hübsches Weibsbild war. Ihr Sohn aber, ein aufgeschossener Bub von 14 Jahren, sand einen ungemessenen Gefallen an dem fremden Kriegswesen. Immer war er um die Soldaten herum, wußte sich bald auch mit ihnen zu verständigen und war zuletzt so einig mit ihnen, daß er für die Mutter gar nicht mehr da zu sein schien. Als sie ihn darüber einmal zur Rede stellte, sagte er mit verkniffenem Mund: daß er demnächst überhaupt nicht mehr da sein werde, da er mit den Spaniern gehen wolle. — Der Mutter verschlug es für einen Augenblick den Atem. Dann aber rief sie: „Was? Mit bene Fremde willscht du gehn, wo unser ganz schön Pfalz verwüschte duhn! —" Worauf er nur die Achseln zuckte und altklug erwiderte: „Was ver- stehscht du davon? Krieg ist Krieg". — „So!" sagte sie plötzlich ganz ruhig. „Un was willscht du dummer Bub im Kriege?" — Da setzte er ihr sachverständig auseinander, daß er zuerst als Troßbub mitginge, der die Waffen zu putzen und instand zu halten, auch sonst allerlei Handreichungen zu tun habe; nachher werde er selbst Waffen bekommen, und wenn alles gut ginge und der Krieg lange genug dauere, könne er es zu etwas Großem bringen. Darauf sah sie ihn nur fest an unb sagte: „Du gehscht nit". — Er entgegnete: „Un ich geh doch", und dabei blieb er vorderhand. Run war es eines Tages so weit, daß der Turm doch am Ende seiner Widerstandskraft schien. Eine weiße Fahne wurde durch eine Schießscharte herausgesteckt, und eine heisere Stimme tat kund, daß die Besatzung bereit sei, sich zu ergeben, wenn man ihr den Abzug mit ollen kriegerischen Ehren bewilligen wolle. Froh, daß die langwierige Sache damit zum Abschluß kam, nahmen die Spanier die Bedingung an. In dem allgemeinen Aufstand, der sich darüber erhob, erwtickue die Witwe Boos ihren Buben, der sich anstellte, als ob er selbst der Sieger wäre, und flüsterte ihm zu: „Komm mit in de Keller! Mir müsse Wein rauf hole. Wenn alles fertig ist, wolle se doch trinke". — Der Bub sand das in Ordnung und folgte seiner Mutter. Das Haus stieß unmittelbar an den Felsen des Schloßberges. Und aus dem Keller führte ein altes Bergloch in den Felsen hinein, wie sie die Bergleute allenthalben in den Berg getrieben hatten, um auf brauchbaren Schiefer zu schürfen. Run war es längst seiner ersten Bestimmung entfremdet. Man hatte ein eisernes Türchen davor gesetzt und benutzte den ehemaligen Stollen als Weinkeller. Die Mutter schloß das Türchen auf und ließ den Buben vorangehen. Kaum aber, daß er brinnen war, schmiß sie bie Tür ins Schloß, drehte den Schlüssel um, zog ihn ab und eilte ins Haus hinauf. Sie hörte noch, wie hinter ihr der Bub sich mit aller Wucht wider die eiserne Tür warf und aufheulte, nicht anders als ein wildes Tier im Käfig. Aber obwohl der Ton in ihrem Mutterherzen nachzitterte, daß ihr schier die Knie versagen wollten — sie zwang sich und ging und trat oben ans Fenster, um das Schauspiel der Uebergabe anzusehen. Die Spanier waren in Kriegsordnung in der Gasse an- getreten, eine Trommel wurde gerührt, und rings aus allen Fenstern hing das Volk von Kaub. Run öffnete sich die hohe Tür des Turmes, eine Leiter wurde herausgehoben, und herab kletterte, die Besatzung: ein pfälzischer Korporal, sein Weib und zuletzt, von dem Weibe gestützt, eine Ziege. Nichts weiter. Ein ungeheures Gelächter prasselte aus den Fenstern über die Spanier nieder. Die duckten die Köpfe in lieber- raschung und Verlegenheit. Aber was gesagt war, mußte gehalten werden. So zog der seltsame Trupp in guter Ordnung, erst der Mann, dann das Weib, zuletzt am Strick die Ziege, an den Spaniern vorbei und mischte sich unter die eilends herbeigeströmte Bevölkerung der Stadt, die Näheres zu wissen begehrte. Es war nicht viel zu erzählen: Der Mann hatte geschossen, die Frau geladen und die Ziege mit ihrer Milch die heldenhafte Besatzung ernährt. Zuletzt indes, als die Büchse kein Pulver und die Ziege keine Milch mehr hatte, war man gezwungen gewesen, sich zu ergeben. Während nun die Stadt sich in immer wieder vorbrechendem Gelächter erschöpfte und bie Spanier zu einem eiligen Aufbruch rüsteten, ging die Witwe Boos in ihrem Hause umher, als ob das alles sie nichts anginge. Sie rührte keinen Finger, bis die Spanier abgezogen waren. In der Verblüffung über den 'wenig ehrenvollen Sieg und in der Eile des Abmarsches halte feiner von ihnen nach dem Buben gefragt, der sonst ihr stündlicher Genosse gewesen war. Spät am Abend erst, als alles still geworden war, ging die Mutter in den Keller hinab, klopfte an die eiserne Pforte und rief: „Rupp!" — Aber keine Antwort kam. — „Rupp!" rief sie noch einmal. „Willscht du nu gut sei? Dann loß ich dich heraus." — Wieder nichts. Sie war drauf und dran, in einer plötzlichen Angst zu öffnen. Dann aber fiel ihr bei, daß dies auch eine Lift des Buben fein könne, der, wenn er nun herauskäme, hinter den Spaniern herlaufen würde. Und obwohl ihr das Herz weh tat, daß sie es mit der Hand halten mußte, machte sie doch kehrt und ging ins Haus zurück. Die ganze Nacht saß sie aufrecht in ihrem Bett und horchte. Aber sie hörte nichts als das, was die Erinnerung immerzu in ihrer Einbildung wiederholte: den heulenden Schrei und dann die tiefe antwortlose Stille. Am anderen Morgen schließlich nachdem sie wieder vergeblich geklopft und gerufen hatte, schloß sie die Tür auf. Der Bub lag unmittelbar dahinter, lang ausgestreckt am Boden. Es stieg ihr kalt von den Füßen her durch den ganzen Körper. Aber sie,konnte nicht bereuen, was sie getan hatte. Besser so, sagte etwas hart in ihr, als wenn er fein Volk und Heimat mit den fremben Kerlen verraten hätte. — Doch war der Bub nicht tot. Als sie ihn anfaßte, regte er sich schwach. Wut, Hunger, Kälte und bas Grauen des dunklen Loches mochten ihn so zerbrochen haben. Sie raffte ihn auf und brachte ihn, der mit nachschleppenden Füßen sich mehr tragen ließ, als er ging, in seine Kammer. Bann lief sie und kam mit einem Topf heißer Suppe an sein Bett. Als sie den Löffel an seinen Mund hielt, stieß er ihn mit dem Kinn fort und griff mit zitternden Händen nach dem Topf. Er konnte ihn aber nicht halten, schwach wie er war, und gab es auf, einen Blick auf die Mutter werfend, in dem ersterbender Haß mit dem Weh der Hilflosigkeit kämpfte. Sie sagte kein Wort, sondern bot ihm nur wieder den Löffel, und da er noch immer ablehnte, blieb sie, den Löffel in der Hand, sitzen, um geduldig zu warten, bis sich fein Widerstand bräche. Da fing er plötzlich an zu schluchzen. Und schon war sie mit ihrem Löffel wieder zur Hand. Und während ihm die tränen übers Gesicht liefen, ließ sie ihn schlucken und schluchzen und wieder schlucken, bis der Topf leer war. „Siehsch du, mein Bud", sagte sie, „dein Mutter ihr Supp bringt alles in die Reih." Er schnellte empor und warf bie Arme um ihren Hals. „Och Mutter!" stammelte er unb brückte sie wie im Krampf, baß ihr die Luft roegblieb, sie wußte nicht, war es mehr Zärtlichkeit ober mehr Zorn. „Jo, jo, jo", sagte sie atemlos, doch lächelnd. „Mach nur! Eine Mutter hält viel aus." verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Derlag: Drühl'fche Universitäts-Duch. und Eteindruckerei, R. Lana«, Gieße«.