Unterhaltungsbeilage zum Lietzener Anzeiger Nummer 36 Montag, den Mai Jahrgang 1936 Das Jahr des Herrn Roman von Karl Heinrich Waggerl Copyright by Insel-Verlag zu Leipzig. 11. Fortsetzung. Ja so ost sich der Pfarrer am Altar umwendet, öffnet er mit herzlichem' Wohlwollen seine Arme, er spricht die heiligen Worte sorgfältig aus, damit sie Gott gefallen, und wenn er aus der Kirche geht, ist ihm fröhlich ums Herz, Halleluja, sagt der Pfarrer bei sich. Freilich, nicht alle kommen mit dem Finger im Buch zu ihm wie der Totengräber. Manche haben schlimmere Sorgen und schwerere Zungen, und es zeigt sich, daß der Schlüssel des Pfarrers nicht zu allen Schlössern paßt. Dann ist der Pfarrer ein wenig traurig, so wie jetzt, und steht bekümmert auf seinem Feld, das schon fast leer ist, kahl und abgeerntet. Aber wenn er dann umherschaut und überall im ganzen Tal den reifen Sommer sieht, die bunten Kopftücher der Schnitterinnen im gelben Korn, Garben tn Reih und Glied wie Soldaten, eine unabsehbare Heerschar gegen die Not, dann ermuntert er sich wieder. Jeder Kornmann, den er zahlt, ist ein riesiger Laib Brot für ihn und die Seinen, deren viele sind. Der Pfarrer nimmt die Rennstange wieder auf, um Löcher in den Ackergrund zu stoßen, während David die Garben zusammenträgt. Morgen kannst du nach Eck gehen, sagt er, der Bauer will noch Leute ausnehmen. Gut, antwortet David. Aber nachher muß er dem Tischler seinen Rübenfleck umbrechen, wenn es der Pfarrer erlaubt, und er wird ihn auch bitten, daß er ihm die Ochsen für zwei Tage leiht. David hat nämlich mit dem Tischler verhandelt. Mach mir eine Truhe, sagte er, ich arbeite dir dafür zwei Tage mit den Ochsen. Denn soviel ist gewiß, eine Truhe muß David haben, er kann seine Sachen nicht länger so herumliegen lassen, den Anzug und die Uhr und alles, vom Sparbuch nicht zu reden, in dem geschrieben steht, daß der Staat fünf Schilling und dreiundsechzig Groschen bei ihm ausgeliehen hat. Auch sonst trachtet David, mehr Wohlstand und Würde in sein Leben zu bringen. Er wohnt noch immer im Dachboden des Armenhauses, früher war es ihm einerlei, wo fein Strohfack gerade lag, er zog mit dem Wetter und der Jahreszeit aus einer Ecke tn die andere. Im Sommer, wenn die Schindeln in der Hitze krachten, schleppte er das Bettzeug unter die Dachluke, im Winter an den Kamin, und oft hatte er am Morgen den Treibschnee handhoch auf der Decke liegen. Nun sucht er zusammen, was sich an Kisten und Brettern auftreiben laßt. Man muß nur die Augen offen haben, dann ist kein Mangel an brauchbaren Dingen. Der Schmied freilich betrachtet feinen Zaun, der Pfarrer den Stallfirst, und beide schütteln die Köpfe und wundern sich, weil ihre Zaunlatten und Windläden verschwunden sind. Ein paar Tage hämmert und sägt David auf dem Dachboden, und die ehrwürdigen Schwestern geraten außer sich vor Neugierde. Dann ist feine Kammer fertig, schon von außen ein Wunderwerk menschlichen Scharfsinnes. Denn man betritt sie nicht etwa schlechthin durch eine gewöhnliche Tür, sondern aus halber Höhe durch einen schon bemalten Schrank mit zwei Flügeln, dem die Rückwand fehlt, feinem Besitzer zum Schaden, aber David zum Nutzen. Seitwärts steht eine Bank, prächtig geschweift, wie Windläden sind, und unter der Dachluke ist ein Tisch angebracht, von dem der Weber sagen würde, er sei seine Regentonne. David hat einen Hafersack als Teppich ausgebreitet, und an der Wand ist ein Sprungblatt befestigt, auf dem zwischen blauen Rosen und schnäbelnden Tauben geschrieben steht, ein trautes Heim und gutes Essen ließen alles Leid vergessen, zweifellos eine von den unvergäng ichen Wahrheiten des Lebens. Zuletzt aber hat David das Bild des Bischofs aus dem Kalender geschnitten, mit gespaltenen Birkenzweigen sauber eingerahmt und über fein Bett genagelt. Da hängt es nun und lächelt geduldig in die Ecke. Und jetzt könnte David recht gut einmal Besuch bei sich haben Gibst du mir zwei Brausepulver, sagt er zur Krämerin, und ein paar Kaffeeschalen, wenn ich dir wieder einmal im Laden helfe? Gut, die Krämerin stiftet sogar noch Lebkuchen dazu, und am Sonntag nach der Messe führt er Agnes in seine Stube. Zuerst muh sie ja ein bißchen zierlich tun und kichern, nein, sagt sie, m einem Kasten wohnst du? Ader dann ist sie doch überrascht, der Teppich und der Spruch an der Wand, ja, wirklich schön, das Bild und der Tisch, alles so praktisch. Sie setzt sich auf die Bank und legt die Hande 'M Schoß zusammen, wie es einem Mädchen ansteht, wenn es zu Besuch ist, und David hockt auch da, ihm ist es weniger leicht gemacht. Agnes wird doch eine Kleinigkeit nehmen wollen? Ach nein, sie geht ja gleich wieder. Ich will dich nicht berauben, jagt sie fein. _ ... ,, Gleichviel, David mischt das Brausepulver in den Tassen, es lauft natürlich über und schmeckt auch nicht besonders gut, ein wenig nach Seife und Staub, und Holzwolle schwimmt auch darin, weil David vergessen hat, die Tassen vorher auszuspülen. Auf dein Wohl, sagt er gemessen. Der Besuch schlägt die Augen nieder und nippt von dem giftgrünen Trank. Nachher läßt sich Agnes zu einem Lebkuchen nötigen, sie knabbert wie ein Mäuschen daran und hält den kleinen Finger zierlich weggestreckt, so verlangt es die gute Sitte. Und nun muß David seinerseits für eine passende Unterhaltung sorgen, es genügt nicht, auf dem Bett zu sitzen und die Hände zwischen den Knien zu reiben. Ja, das alles hat er nun so eingerichtet, diese Kammer und das Ganze, es ist ihm vielleicht manches nicht schlecht geraten. Einen Vorhang solltest du noch haben, bemerkt Agnes. Frettich, auch ein Tischtuch und vor allem eine Truhe für feine Sachen, die Uhr und bas Sparbuch, es häuft sich fo an mit der Zeit. Wie, hat David schon ein Sparbuch? Ja, natürlich. Und nun kommt doch dieser und jener und bittet ihn um seine Hilfe bei der Arbeit, Agathe kommt oder der Tischler wegen des Rübenfleckes, kurz und gut, er wird viel außer Haus fein, und darum muß er einen sicheren Platz für fein Eigentum haben. Jawohl, dagegen kann Agnes nichts einwenden, sie schweigt über- roältiat. Auch David sagt nichts mehr. Ach, da ist nun Agnes bei ihm zu Besuch, in ihrem gelben Sonntagskleidchen kam sie, rotwangig und rundlich und voll Sommersprossen auf der Nase, schön ist sie ja nicht, fein Mädchen. Aber David hat sie dennoch von Herzen gern, mit einer Liebe die aus zärtlichem Widerwillen und verschwiegener Hingabe wunderlich gemischt ist. Er spürt ein unbändiges Verlangen, ihr weh zu tun, und es müßte ein Schmerz (ein, an dem er selbst teil hätte. Am liebsten sieht er sich in Tränen und unstillbarer Verzweiflung mit ihr vereint, oder er rettet sie im letzten Augenblick aus Leibesgefahr und geht davon, ehe sie ihm danken kann. Der Pfarrhof brennt in der Nacht, und wer steht auf dem Balkon und ist unrettbar verloren, von Flammen umlodert? Agnes. Die Leute laufen händeringend im Garten umher, niemand wagt sich heran, ach Gott, jammert der Pfarrer, warum habe ich heute den David auf die Alm geschickt, er allein konnte noch helfen! Und was geschieht? David ist nicht auf die Alm gegangen, er sah den Feuerschein und lief zurück. Eine Leiter her! schreit er, ihr Feiglinge! Durch Rauch und prasselndes Gebälk steigt er hinauf, es währt ein banges Vaterunser, und dann legt er die zitternde Agnes unversehrt dem Pfarrer in die Arme. Was aber sagt Agnes, was flüstert sie ihm noch schnell ins Ohr, ehe sie in Ohnmacht fällt? Das Band, David! Sie hat das rote Haarband unter ihrem Kopfkissen vergessen. Und er klettert abermals die brennende Leiter hinauf, es ist gräßlich anzusehen. Gott stehe ihm bei, hat er denn noch nicht genug getan? Eine lanqe Zeit geht hin, die Leiter verbrennt. David kommt nicht zuruck. Endlich, während schon der Dachstuhl über ihn zusammenkracht, im letzten Augenblick schwingt er sich aus dem Fenster. Lebt er noch? Ja schon aber er sieht nichts mehr. David ist auf beiden Augen blind, und jetzt fängt das Elend erst an. Er kann nicht mehr mähen, nicht einmal Kinder hüten, sondern er muh als Krüppel auf die Wanderschaft gehen, eine Tafel trägt er um den Hals, und die Leute werfen ihm Brot in den Hut. „ , Wo hast du dich so zugerichtet? fragen sie. er^aJ’es’für mich getan, antwortet Agnes, die ihn an der Hand dann muß er dir wohl sehr gut fein, meinen die Leute. Ja,' ich verlafse ihn auch nie. Und sie gehen wieder einen weiten Weg. Ist es jetzt Nacht? fragt David. Nein, lichter Morgen, sagt Agnes und weint laut an feinem Hals, ach, daß du es nicht sehen kannst! Laß es gut sein, antwortet er traurig, ich habe ja dich! So könnte es einmal zugehen. Oder Agnes fiele in den Teich, sie beginge eine von den himmelschreienden Sünden, und er nähme die Buße auf sich. Aber Agnes denkt gar nicht daran, reumutig an Davids Hals zu hängen, sie wird allmählich munter und langweilt sich in dieser stillen Ist'es wahr, fragt sie plötzlich, daß du Bischof wirst? Vielleicht, sagt David überrascht. Es war davon die Rede. Du könntest mein Nachfolger werden, meinte der Bischof, ober so ähnlich. Einsiedler warst du sa schon, sagt« er, und wenn man alles in Betracht zieht, so bist du der geeignete Mann. Ach? Genau so sagte der Bischof? Ja, ungefähr. Ueberlege es dir, meinte er, du kannst jederzeit bet mir eintreten. Agnes schüttelt den Kopf, nein, das glaube sie nicht. David kann ja nicht einmal Pfarrer werden, behauptet sie plötzlich. So, und warum? Das weiß Agnes nicht, es ist etwas mit dem Namen. Wieso denn, David hat Namen im Ueberfluß. Cornelius ist doch jedenfalls besser als Ignaz, wie der Pfarrer heißt. Nein, so nicht, erklärt Agnes. Es muß ein ehrlicher Name sein. Ehrlich? Wer sagt das? Die Köchin. Hast du einen? Ja, Agnes bestimmt. Weil ihr Vater Bahnmeister ist. Und jetzt weiß ste es genau: die ehrliche Geburt, sagte die Köchin, darauf kommt es an. David ist ja nicht einmal ehrlich geboren. David kann nichts mehr antworten. Es muß wohl so sein, wenn es die Köchin Helene sagt. Und so endet auch diese Stunde mit einer schmerzlichen Niederlage für ihn. Was heißt das, ein ehrlicher Name, ehrlich geboren? Allmählich beginnt David zu ahnen, daß sein Weg im Schatten läuft. Er spürt schon den heißen und feindseligen Atem des Lebens, aber es ist noch grauer Morgen, er kann noch nicht unterscheiden, was ihn bedroht. David geht zur Krämerin. Wie ist es, fragt er, habe ich einen ehrlichen Namen? Agathe schaut ihn verwundert an. Ach, sagt sie dann, hat man dir das beigebracht? Der Pater vielleicht? Nein, Agnes. Oder die Köchin. Agnes meint, er könne nicht einmal Pfarrer werden, weil er nicht ehrlich geboren fei. Nun, sagt die Krämerin, mach dir keine Sorgen. Wenn es so ist, dann kannst du es nicht ändern. Aber ehrlich zu leben, das versuche, ehrlich zu sterben, das ist schwerer. Ich könnte auch nicht Pfarrer werden, meint Agathe, wenn dir das ein Trost ist. Und dann erzählt ihm die Krämerin etwas aus ihrem Leben. Ich bin so ausgewachsen wie du, sagt sie, vielleicht hatte ich es sogar noch ein bißchen schwerer, ich war ja ein Mädchen, das verstehst du wohl. Und drüben im andern Dorf gibt es auch kein Armenhaus und keinen David, der die kleinen Kinder hütet. Da hatte meine Mutter ihre liebe Not, siehst du, sie war ja Näherin und nicht mehr jung, und einen krummen Fuß hatte ste auch. Die Mutter ging also auf die Höfe und nähte das Miederzeug für die Bäuerinnen, die vielen Fältchen und Rüschen, und alles mit der Hand, heutzutage kann das keine mehr. Nun, und einmal geschah ihr eben das Unglück, nachts auf dem Heimweg. Du verstehst es noch nicht, wie es zuging, kleiner David. Jedenfalls kam ich im andern Jahr zur Welt, und das war ein großes Unglück für so eine Näherin. Zuerst hat mich die Mutter zur Arbeit mitgenommen, aber die Bäuerinnen wollten das nicht, das Geschrei in der Stube, sie hatten an ihren eigenen Kindern genug, und außerdem bezahlten sie ja für eine Näherin, nicht für eine Kindesmutter. Das weiht du alles, David, wie die Bäuerinnen sind. Aber die Mutter meinte, sie sei vor Gott rote jede andere Mutter. Gott, dachte sie, der Herr wird schon rvisien, wem er Kinder schenkt. Es hing ihr so zutraulich am Hals, und man konnte es herzen und küssen, David, die Näherin hatte sonst niemand in der Welt, den sie an sich drücken durfte, meine Mutter. Nein, sie wollte ihr Kind behalten, lieber zog sie noch ein wenig weiter in der Gegend umher, auf und ab durch die fremden Dörfer. Eigentlich war das schon Landstreicherei, wie sie es trieb. Und dafür starb sie dann auch an der Schwindsucht, weil ste so verstockt und blöde war. Sie starb, sage ich. Damals war ich gerade groß genug, daß ich neben ihr herlaufen konnte. Wenn du nur einmal tüchtig auf den Beinen bist, sagte ste immer ,dann haben wir es leichter! Ach ja, fünf Sommer schlug sie sich durch, fünf schwere Winter, manchmal fand sie Arbeit und ein Bett, aber gewöhnlich schliefen wir im Stall, und als das Aergfte überstanden war, kam es noch ärger, da mußte die Mutter sterben. Kannst du dir das vorstellen, David? — Ich stand bei ihr und begriff es nicht, die Mutter keuchte und hustete, aber das tat sie ja auch sonst. Zuletzt kam der Bauer in die Scheune und fluchte herum, verdammte Schweinerei, brüllte er, hast du gerade hier hereinkriechen müsien? Mir war angst, weil er so schrie, ich wollte fort. Gehen wir! sagte ich in meinem Unverstand. Steh doch auf, Mutter, schlaf nicht! Und ich zog und zerrte an ihrer Hand, bis mich der Bauer wegjagte. Laß sie in Ruhe, sagte er. Sie ist ja schon kalt. Die Krämerin erzählt das mit ruhiger Stimme. Ja, die Mutter war wirklich schon tot, aber die Geschichte ist noch nicht zu Ende, David. Ich sage dir das alles, damit du weißt, wie schwer es einem werden kann, wenn man nichts ist als ein Mensch, der mit Gottes Hilfe lebt. Mtt der Mutter hatte es weiter keine Not, sie gehörte zwar nicht in die Gemeinde, aber man scharrte sie trotzdem ein, eine Armenleiche kostet nicht viel. Nur mich selbst konnten sie nicht in die Grube legen, siehst du, das gelang ihnen nicht. Ein paar Monate lang schoben mich die Leute einander zu. Was war mit einem Mädchen anzufangen, nicht einmal das Essen brachte ich ein. Hunger und Prügel, so ging ein halbes Jahr herum, oh, ich lernte es schon mit meinen sechs Jahren, ich griff zu, wo ich konnte, beim Waschen und im Stall, nur war es nie genug. Schließlich erbarmte sich ein Schleifer und nahm mich ins andere Dorf mit, vielleicht gab es dort jemand, der meinen Mutternamen kannte. Irgendeine Verwandtschaft mußte ich doch in der ganzen Gegend haben. Aber nein, es fand sich niemand in diesem Dorf, auch im nächsten nicht, und darum blieb ich also bei dem Schleifer, ich zog den Karren und holle di« Scheren in den Häusern ab, die zerbrochenen Regenschirme. Das war nicht meine schlechteste Zett, sagte Agathe, wenn ich an den Scherenschleifer denke, er trank nur zuviel, und dann warf er mir seine Mester nach. Nun, und als ich zehn Jahre alt war ober schon zwölf, jedenfalls gut gewachsen für mein Alter, da geschah wieder etwas. Ich weiß nicht, wie ich dir das sagen soll, der Teufel fuhr in den Scherenschleifer oder so. Und ich lief ihm mitten in der Nacht davon, das muh dir genug fein. Damals kannte ich Weg und Steg, ich kam weit herum in den Jahren meiner Jugend, auch in die Stadt, David, wo deine Mutter jetzt ist. Ja. denke nur nicht, daß ich von jeher da in meinem Kramladen stehe. Ich habe allerhand zuwege gebracht, sagt die Krämerin, sogar einen ehrlichen Namen. Reih nur deine Augen auf, im Friedhof kannst du ihn lesen! Dort liegt der Krämer unter dem Stein und wartet auf Agathe, aber sie kommt nicht. Der Totengräber muß ihn ein Jahr ums andere vertrösten. Gedulde dich, sagt er ihm, bohre mir nicht immer Löcher aus der Erde, du bist doch kein Maulwurf! Sie kommt, verlaß dich darauf, das ist nur Weiberart, dieses Gespreize. Sie hat schon an den Doktor geschrieben, an ein Spital in der Stadt. » Unmerklich gleitet das Jahr in den Herbst hinein. Es kommen leuchtende Tage, voll von einem milden Glanz, noch gar nicht traurig. Die Schwalben sammeln sich im Laub der Kirschbäume, es sind ganz junge darunter, den ganzen Tag mühen sie sich ab und üben ihre Schwingen für den großen Zug. In den Hafelbüfchen hocken die Eichhörnchen, schnalzen vergnügt und drehen braune Nüsse zwischen ihren flinken Pfötchen, und draußen auf den leeren Feldern treibt sich der Wind herum. Man denkt, das sei noch ein Sommerlüftchen, zu dieser Zeit geht man ja selbst in Hemdärmeln über die Wiesen und spürt die Sonnen- roärme im Rücken, und bann trägt einem plötzlich ber Winb etwas vor bie Füße, ein erstes gelbes Ahornblatt, nur eines. Man nimmt es mit unb steckt bas Blatt an ben Hut, weil es so schön geobert ist, aber nach ein paar Tagen hat es seinen Wert verloren, es gibt ihrer viele unter ben Bäumen. Die Kartoffeln werden aus der Erbe gegraben, bie letzte Ackerfrucht des Jahres, nicht fo heilig und ehrwürdig wie bas Korn, aber dennoch ein Segen, ein spätes Gnadengeschenk des Herrn, als bie Erbe schon bornig war unb verflucht. Es gibt eine Fülle beschaulicher Arbeit in bieten Wochen. Der Mist wirb ausgefahren, es buftet herzhaft nach gefunber Verbauung in der ganzen Gegend. Zu viert stehen die Hofleute auf den Tennen unb breschen gemächlich zur kühlen Abenbzeit, es klingt, als trabte ein schwer- hufiger Gaul in der Dämmerung über Land. Das Korn lockt die Spatzen und die Mäuse an, hinter denen sind wieder die Wiesel her, und überall hocken vollgefressene Katzen auf den Zäunen, schauen wehleidig vor sich hin unb fpeien zum Steinerbarmen. Der Pfarrer geht im Baumgarten auf unb ab, er lieft fein Brevier, unb babei schielt er nach ben Aepseln, bis er es nicht mehr aushalten kann unb eine Schürze umbinbet unb auf bie Leiter steigt. Unten steht Davib unb nimmt bie Aepsel aus bem Netz. Jeben einzelnen reibt er mit einem Tuche blank, ehe er ihn zu ben anberen in den Korb bettet, unb wehe, wenn er nur ein einziges Wurmloch hat, sogleich verschwinbet er ohne Erbarmen in Davids Hosentaschen. Manchmal greift auch der Pfarrer daneben, alles was fällt, ist gleichfalls Davids unbestrittenes Eigentum. Aber ben letzten Apfel von jebem Baum bringt ber Pfarrer selber herunter. Er bricht ihn mit ben Händen entzwei, unb wenn er sich schön im Kernhaus geteilt hat, bann ist es ein gutes Zeichen, es hebeutet, baß Gott niemanb im Hause abberuft, ehe ber letzte Apfel verzehrt ist. Wenn man starke Daumen hat unb ein guter Hausvater ist, kann man sich unb ben Seinen auf diese Weise in ein biblisches Alter helfen. Am schönsten aber ist bie Arbeit beim Pflug. Eines Morgens geht ber Pfarrer in ben Schuppen unb zieht feine Röhrenstiefel an. Das geschieht nur zweimal im Jahr, im Frühling unb im Herbst, bie ganze übrige Zeit hängen bie Stiefel an einem Haken in ber Zeughütte. Der Pfarrer braucht sie, um einen festen Stanb in ber Furche zu haben, ober vielleicht trägt er sie nur, weil auch fein Vater in Stiefeln pflügte, er hat es so gelernt. Davib zieht bie Ochsen aus bem Stall unb jocht sie auf, sie finb ihre Arbeit gewöhnt, langsam brehen sie sich unb steigen in bie Stränge unb bewegen ihre mächtigen Knochen unter bem Fell. Langsam ist auch ihr Schritt, voll Ruhe unb Gelassenheit, ste zögen immer so weiter burch alle Zäune bis ans Enbe ber Welt, wenn nicht Davib rücklings vor ihnen herginge. Sein Zuruf hält sie auf, ein Griff an bas Hom. Immer tauen sie etwas, grünen Schaum in ben blaffen Mäulern, unb eine stille Schwermut glänzt aus Ihrem Blick, aber sie sind gar nicht traurig, nur unendlich friedfertig und sanft in ihrem Ochsengemüt. Der Pfarrer drückt bie Schar in ben festen Wiesengrunb, schwarz unb saftig öffnet sich bie Erbe, unb es beginnt eine lange Wanderschaft, nicht abenteuerlich in die weite Wett, sondern Schritt um Schritt im engen Geviert des Ackers. Auch Agnes geht mit einer Gabel neben bem Pfluge her, sie hält das Sechmesser frei unb achtet barauf, baß ber Dünger sich gleichmäßig verteilt. Würziger Duft steigt aus ben Furchen, es ist ein starker Geruch wie von frischem Brot, von etwas Nahrhaftem, unb so ist auch bie Erde selbst, locker unb krümelig in ber Hanb. Bauvögel hüpfen zutraulich um bas Gespann, unb hinterher lockt ber Hahn fein gackerndes Volk auf das Feld, er ist nicht wenig stolz darauf, daß er fo etwas entdeckt hat, ein gelohtes Land der Regenwürmer und Engerlinge. Den Tag darauf wird geeggt, und bann ruht ber Acker eine Weile, damit ihn der Tau durchfeuchtet ober ein leichter Regen, ehe der Pfarrer mit dem Säen beginnt. Zuletzt steckt er einen geweihten Öfter« zweig mitten in das Feld. Er hat fein Brot der Erde anvertraut, nun aber muß man ben Herrn bitten, baß er es rounberbar vermehre. (Fortsetzung folgt) Oer Dichter. Bon Hermann Claudius. Ich habe so oft nach Licht und Raum begehrt — nun bin ich fast erschrocken, daß man mich ehrt. Daß man vor allem Volke mich erhöht. Ich falte meine Hände wie zum Gebet. Daß meine Seele vor Gott einsam sei, daß sie nicht willig werde dem Taggeschrei. Es kommt der Abend, es gehen Baum und Vogel zur Ruh. Der Tag hat ausgesungen. Seele, bleibe du! Sancho. Kleine Geschichte einer Freundschaft. Von Hermann Claudius. Wie war die Geschichte mit Paulus Pull: war es eine Freundschaft, die wir zusammenlebten — oder war es gar keine? 3eben}aU5 hat sie fast ein Jahrzehnt gedauert und war von einer gleichbleibenden Art, wie wohl selten. Im letzten Schuljahre, als ich die Selecta besuchte, worauf meine Eltern sehr stolz waren, ward Paulus Pull zugeschult. Er hatte einen kurzen Hals und einen runden Kopf unb Mtfe rote Backen. Ich beachtete ihn nicht. Seine gedrungene Gestalt stieß meine Hagerkeit von selber ab. Da kam das Präparanden-Examen. Wir wallten oder sollten beide Lehrer werden. Eines Tages - ich weih nicht, -me es kam und ob es mich überraschte — hörte Paulus Pull mir die Geschichtsdaten ab. Er war unerbittlich dabei und gab nicht nach, bis ich sie richtig nach der Reihe herunterleiern kannte. Das war der Ansang gewesen. Und nun nahm es kein Ende. Wir fraßen uns von Stund an gemeinsam durch den rinnenden Sandberg des Gedächtnisstoffes in Geschichte, Geographie, Geometrie, Religion, Zoologie, Botanik, Physik und Chemie hindurch: Don Quichote de la Mancha und sein getreuer Sancho Pansa — und es war m der Tat oft ein Kampf gegen Windmühlenflügel. Sancho — der schwarzlockige Seelmann taufte ihn so, und der Name haftete an ihm — Sancho lächelte über seine dicken roten Backen weg und lieh es sich gefallen. Im Grunde hätte mir der Name des romant^ schen Ritters gerade so gut zu Leibe gesessen rote ihm der feine. Ich war so dünnroangig, langnasig und spargelbeimg, rote der gute Cervantes es nicht besser hätte verlangen können. Aber der Name fiel alsbald wieder von mir ab und haftete nicht. Zwar: Sancho ritt keinen Esel und brauchte seinem Herrn keine Lanze nachzuschleppen; aber er sorgte darum nicht minder sur seinen Gebieter und Herrn Denn dieser war ich durchaus, und ohne daß ich nur Muhe darum gegeben hätte ober es überhaupt sonderlich zu bemerken schien. Was" bedeutet ^unser Eigenwille? Wir stehen inmitten eines weiten Geschehens und wißen es nicht. Meine Urväter — sage ich mir heute — waren freie Bauern im Jütischen gewesen und danach Pfarrherren Jahrhunderte hindurch m langer Geschlechterfolge. Sanchos Großvater hatte dagegen— auch dies erfuhr ist erst spät — noch als Leibeigener auf einem mecklenburgischen Rittergut mit dem lieben Vieh in natürlichster GemeinschaftSeh-ust Daher war bei dem Einen die innere Sorglosigkeit und selbstverständliche Freiheit seiner Seele, bei dem andern die Verbissenheit in jebe Arbeit, die er tat, und das krampfhafte Streben sein Fortschreiten sicht- bar zu machen. Zwar fügte ich mich ihm und seinen genau überlegt Vorschlägen und rettete mir eben dadurch meine Sorglosigkeit Doch muß ein fremdes und fernes Lächeln um meinen Mund gewesen ietn, wenn ich mir seine kompakte Art gefallen ließ. . Ein einzelner Vorfall hat mir den Abstand, den dieses Lachem nur innerlich bewahrte, im Gedächtnis behalten. m „ Sancho war unmusikalisch, wie es seiner nützlich gerichteten -Natur auch entsprach. Denn die musischen Künste sind nur den Träumern hold. — Ich erinnere mich nicht, daß Sancho mir jemals von einem einzig Traume berichtet habe. Sobald ich selber damit beginnen wollte mir träumte am Hellen Tage, und ich erzählte gern davon untern cy er mich sofort mit dem lapidaren Satze: Wenn ich, schlafe, bann schlafe ich. Ader seine Geige war dennoch seine Schwäche. Mit den Kreuz - Etüden unterm Arm und der Dutzendgeige im Kasten kam er jeoen Mittwochnachmittag zum Heben zu mir. Das Klavier meiner Mutter war altersschwach. Es Nickte tm Diskant und polterte im Baß. Aber meine Mutter horte mich gern daraus spielen. Unter meinen Händen — pflegte sie zu sagen — wurde Das Klavier immer wieder jung. Und so spielte ich recht und schlecht aus Schumann und Schubert und vor allem aus einem vergilbten Dolks- liederschatz, wozu meine Mutter manchmal leise sang. Ich hatte wohl mein eigenes Tempo im Andante und im Allegro. Und Sancho hatte seines. Sie paßten leider niemals zusammen. Und beim fünften oder sechsten Takte waren wir restlos auseinander. Sancho fing unentwegt wieder von vorn an. Schließlich gab ich nach und ließ meine Finger nach seinem Tempo Hüpfen. War es keine Kunst, so war es doch em Kunststück, denn Sancho geigte bald schnell, bald langsam^ je nach der Schwierigkeit der betreffenden Notenstelle. Was aber guätte, waren seine falschen Griffe. C und Cis unterschied sein Ohr nicht und seine Finger taten es noch weniger. Sooft iä) auf5 hörte und: höher! rief ober: tiefer! — warb es noch verkehrter. Dazu glaubte Sancho, ich wolle ihn nur ärgern. Ober er sagte trocken: Dem Klavier ist verstimmt, weiter nichts. Zuguterletzt hatte bas alte Klavier selber ein Einsehen: der hölzerne Saitenrahmen barst in einer feuchten Nooembernacht auseinander. Ich höre noch den schmerzhaften Tonwirbel, der durch alle Saiten seufzte. Ich höre ihn heute lebendiger als damals, als er mich aus jungem Schlummer aufriß. Sancho versuchte mit Leimtopf und Eisenklammern seine musikalischen Nachmittage zu retten. Zum Glücke mißlang es. Bald daraus tarn der Frühling besonders schnell und leuchtend, und Sancho lud mich zum Rudern auf der Alster ein. Woher er das Boot bezog, wußte ich nicht, fragte auch nicht danach. Ich saß gemächlich am Steuer und ließ mich von Sancho rudern. Dabei kamen wir zum Tierfangen und hatten bald jeder zu Hause ein Aquarium. Natürlich hatte Sancho nicht nur seins sondern auch meins eingerichtet. Er war mit mir als Züchter fehrbclld unzufrieden. Ich züchtete überhaupt nicht, während er sehr häßliches Getier, so die Larven der Köcherfliege in all ihren Arten und Zwischenarten fing, mühselig bestimmte und aufzog. Ein selbstgehefteter Katalog gab m peinlicher Ordnung und in winziger Schrift die Gattungs- und Species- namen lateinisch auf das Genaueste an. Ich nannte es Kocherfliegenlatein, sah meine Stichlinge luftig hin und her schwimmen und freu e mich ihres Daseins. Bis ich eines Tages bemerkt, daß d>e Fische immer tumpffinniger und langsamer wurden Da tat ich sie in eine Konservendose und schüttete sie wieder in ihre Alster zuruck und war g ucklich. Sancho fragte noch oft nach meinen Stichlingen, und ich gab ,hm freund- liehen Bescheid. Daß sie allerdings immer noch mcht ihr Nest errichtet und gelaicht hätten, schien ihn oft nachdenklich zu machen, wahrend ich über die Realität von Wahrheit und Wirklichkeit in schwere Konflikte mit mir selber geriet. - , , Aus dem Wasser geschah auch das, was unsere Freundschaft trennte. Wieder waren wir zusammen auf die Alster hinausgerudert. Sancho saß — nur mit der Badehose bekleidet — und führte die Ruder mit Gleichmaß und Kraft. Sein ganzer Körper war von der Sommersonne gebräunt. Man vergaß fast seine Nacktheit. Ich hatte nur meine Jacke ausgewogen das Hemd am fialfe Seofm« und heruntergeklappt. So lehnte ich lässig am Steven und führte lose das^Steuer.ifonne branntc Die Luft über dem Wasser war still und schwül. Wir trieben allein am Schilfsaum des flachen Ufers. Da sah Sancho mich lange und starr an. Gr tat bas öfters, aber heute tarn es mir absonderlich vor. Etwas Listiges lag m feinem Blick. Wollte er vielleicht wieder zu der jungenhaften Zwackere, aufforbern wobei einer bes anbern Oberarm solange mit zwei Fingern ber rechten Hand knifst bis einer von beiben es aufgab? Wahrhaftig, es war lange ber, daß wir das geübt hatten, und es lag mir wirklich nichts daran, wenn ich ihm auch manchmal trotz des Schmerzes lächelnd widerstanden hatte. Ja, sobald ich erst lächelte, gab er es meistens von selber auf. Ader Sancho äußerte nichts dergleichen, sondern zog schweigend beide Ruder ein und sah mich an. . . Endlich sagte er: „Wir sind doch beide langst Freunde, ich und du, nicht wahr?" „Gewiß sind wir bas" - antwortete nach emem Zögern, roäbrenbbem er mich unentwegt anblickte, unb währenddessen ich nach- kmn- was hat er eigentlich? „Freunbe küssen sich doch — wenigstens früher — habe ich gelesen —" sagte er langsam unb eigentümlich bruchig. Ich sah ihn erstaunt an unb schwieg Es entftanb eine peinvolle Pause. Ich buchte an seltene Kusse, bte meine Mutter mir bann unb wann bei besonderen Gelegenheiten gelben Andere Küsse kannte ich noch gar nicht so viel mir auch davon geträumt haben mochte. Und es kam mir m diesem Augenblick rote ein Wr®nb[id)S beugte sich Sancho roeit oor unb jagte breit und mit einem Lächeln, das gar keines war: ,Fküsi mich doch mal! . . Nun weiß ich nicht mehr, was ich geantwortet habe. Ich war doch kein Mädchen — zum Kuckuck! Es war mir wie em Peitschenhieb über hen bloßen Körper Ich war im Tiefsten beleidigt. Paulus Pull, den sie Sancho nannten und der mein Freund geheißen, erschien nuraufem- mal als ein Fremder, und ich erkannte mit kalter Klarheit, daß er es immer aeroefen war. Ich hieß ihn die Ruder anziehen. Es muß sehr herrisch Rettungen haben. Er tat es sofort. Ich riß bas Steuer herum, Das Boot lief hart auf ben Sand. Mit einem weiten Sprung war ich draußen und ging fort ohne Gruß. Als ich das Schilf durchschritten hatte, sah ich mich m einem pan- artigen Garten unb mußte mich erst umsehn, um bes Ausgangs gewahr zu werben. Am Eingang ber Billa ftanb eine Köchin und sah mir verwundert nach. M r-t. weiter. Wenn mich jemand gesehn hätte, ich glaube, er hatte ge|og , i fei lächelnden Gesichtes fortgeschritten. Das war das Ende unserer Freundschaft. Da unsere Seminarzeit sust abgerissen war, sahen wir uns jahrelang nicht wieder. Manchmal will es mir scheinen, als sei ich undankbar gegen Sancho gewesen. Ohne seine antreibende Hilfe hätte ich am Ende meine Examina nicht so glatt durchlaufen. Aber was bedeutet der Eigenwille des Menschen oder was er so nennt? Unsere Lebensbahnen mochten einander wohl kreuzen — zusammenlaufen vermochten sie nicht! Wer will da von Schuld reden? Es ist die Art, die fernher wandert und sich bewahren will. Zn der Nacht. Von Joseph von Eichendorff. Das Leben draußen ist verrauschet, Die Lichter löschen aus. Schaudernd mein Herz am Fenster lauschet Still in die Nacht hinaus. Da nun der laute Tag zerronnen Mit seiner Not und Lust; Was hast du in dem Spiel gewonnen. Was blieb der müden Brust? Der Mond ist trostreich aufgegangen, Da unterging die Welt, Der Sterne heilige Bilder prangen So einsam hochgestellt. O Herr! auf dunkelschwankem Meer^ Fahr' ich im schwachen Boot, Treu folgend deinem goldnen Heere Zum ewigen Morgenrot. Bildnis von Eichendorff. Von Hans Brandenburg. Eichendorff war ein aufrechter, lebenskräftiger Mann. Er vermengte die Traumwelt seines kindhaften und zarten Gemütes nicht mit den Bedürfnissen und Anforderungen des Tages und geriet darum nie in unauflösliche Widersprüche zwischen Pflicht und Neigung; er blieb, bei allen inneren Kämpfen, im Grunde stets des glücklichsten Kompromisses fähig, „Geheimrat und Taugenichts" in einer Person zu sein. Sein Werk ist so rund und vollkommen wie der Mensch, der hinter ihm steht, der, süddeutsch geartet, doch ein überzeugter, preußischer Beamter war, dessen Patriotismus, zeitlebens von der Wallung der Befreiungskriege getragen, dem ganzen deutschen Vaterlande galt. Die oberschlesische Heimat ist es, in der Eichendorffs Wesen wurzelt. Da waren unermeßliche Wälder, weltferne Provinz, eine mittelalterliche und barocke Hauptstadt, ein verbauerter und doch zeremonieller Adel und ein südlicher, melodiöser Hauch vom benachbarten Oesterreich herüber. Da war vor allem das ragende väterliche Schloß Lubowitz bei Ratibor, ausgestattet mit aller bunten Jugendfreiheit, bald Schauplatz unter anderen, bald Mittelpunkt von endloser Kurzweil, von Bällen, Jagd- ausslügen und wimmelnden Gästescharen. Und da war schließlich ein jähes Ende der ganzen Herrlichkeit, daß sie nur noch in der Sehnsucht übrig blieb, als „die alte schöne Zeit". Wie Halle mit seinem Giebichenstein über der Saale und Heidelberg mit seinem Schloß über dem Neckar Nach Lubowitz über der Oder sein typisches Landschaftsbild vervollständigten und festigten, so verschlug ihn das Schicksal früh und kurz nach Berlin, nur so lange, um sein nationales Bewußtsein und sein Preußentum zu stärken, um dann um so länger nach Wien, der Stadt, die der geistige Mittelpunkt seines süddeutschmusikalischen Wesens werden sollte. Und wie der Student also stets an die rechten Stätten kam, so kam er, ungewollt, auch immer, wenn seine Stationen zugleich diejenigen der wandernd sich ausbreitenden und auflösenden Romantik geworden waren: in das durch Jena und Auerstädt so bald danach zerstörte Halle der Steffens und Schleiermacher, in das Heidelberg des gewaltigen Görres und des jungen Grafen Soeben, in das Berlin der Kleist, Arnim, Brentano und des von der Flucht vor Napoleon heimkehrenden Königspaares, in das Wien Friedrich und Dorothea Schlegels, Adam Müllers, Philipp Veits und Theodor Körners. Und als nach den Kriegen, in die er als Freiwilliger mitzog, und nach dem Zusammenbruch des väterlichen Besitzes und Vermögens der glückliche Ehemann und Ernährer seiner Kinder dann dreißig Jahre lang königlich preußische Akten wälzen mußte, da begann zwar ein Weg, auf dem der tapfere Gesinnungstreue viel Dornen unverdienter Zurücksetzung ernten sollte, aber er führte wenigstens über Danzig und Königsberg, dann in das volle geistige Leben der preußischen Hauptstadt, immer zu wertvollen und anregenden Freunden, zu tüchtigem Tagewerk und zu einem genügend frühzeitigen Abschied, der ihm für seine Neigungen und seinen Wandertrieb ein langes schönes Alter sicherte. Nie hat sich Eichendorfs vornehm in den Dichterwinkel verkrochen, vielmehr tapfer kämpfend an allen wichtigen Fragen der Zeit teilgenommen und gegen den Liberalismus, für den autoritären Staat und für ein einiges mächtiges Großdeutschland gestritten. Er hat Tragödien und Satiren, historische Betrachtungen des deutschen Schrifttums, Erörterungen kirchlicher und weltlicher Probleme, eine Geschichte der Marienburg, Aufsätze über Verfassungswesen und andere über Preßgesetzgebung, die vielfach sehr nastonalsozialistisch anmuten, hinterlassen, seine autobiographischen Skizzen sind lebendig geblieben, sein Lusrjpiel „Die Freier" ist in unseren Tagen wieder auferstanden, und seine Ueberjetzung der geistlichen Spiele Calderons gilt noch immer als die beste. Aver feine Unsterblichkeit verdankt er seinem dichterischen Hauptschaffen: feinen Erzählungen, vor allem „Dichter und ihre Gesellen", „Die Glücksritter" und „Aus dem Leben eines Taugenichts", und (elfter Lyrik. Denn darin zeigt sich Eichendorffs instinktive und weise sich beschränkende Erfassung der eigentlichen Aufgaben alles Romantischen, daß sich seine besten Kräfte am Liede und einer gefühlhaft bewegten, dem Märchen verwandten Novellistik genug sein ließen. Trotz aller Volkstümlichkeit des „Taugenichts" scheint die Zeit für diese Novellistik erst jetzt gekommen zu fein, wo der Naturalismus mit feinen wissenschaftlich-psychologischen Mitteln verebbt und die reine Erzählungskunst neu in ihre alten Rechte treten möchte. Und Eichendorsss Geschichten sind nichts als Luft und Freude am Erzählen, sind Arabeske und Ornament, zweckloses, sich selbst genügsames Gebilde. Je weniger Dramatiker er im Grunde war, desto mehr hat seine besondere Art von Liebe zum Theater als der echt romantischen Welt des Scheins in seinen Novellen ihren epischen Ausweg gefunden, ja, sie haben das epische Element der Oper und des Marionettenspiels zu reiner Form erlöst. Da stellt sich die echte Natur mit Fischern Morgen, schwülen Nachmittagen und lauen Sommernächten, mit Wäldern und Parks, mit Marmorbildern und Wasserkünsten, mit Kaiserkronen und Päonien die Kulissen, zwischen ihnen wirrt ein Spiel der Händel und Intrigen, der Liebesabenteuer, ziellosen Reise- und Wanderfahrten, der Jagden und Ständchen, der zufälligen Zusammenkünfte und zufälligen Verfehlungen, der Entführungen, Verkleidungen und Verwechslungen, und der Rampe, an der die Arien gesungen werden, ist der Zauberkreis des Gefühls, aus dem einzig und allein diese Welt geboren wird, und in dem sie schwebt. Ihre künstlich verschlungenen Laubengänge sind bei aller scheinbaren Verwirrung so sicher geführt wie die Figuren, die sie durchwandeln, deren Bahnen mit denen der bunten Wechseldekorationen um- und durcheinandergleiten. Figuren, ewig von Liedern tönend, selber zugleich Dichter und Gedicht. Und dies einzige Thema mit Variationen: eine in Figuren gebannte Zwiesprache des Gefühls mit sich selber, ermüdet nicht so leicht, weil das Gefühl wohl ein stets gleiches, doch auch ein stets wechselndes ist, weil es sich selber als ein wenig Bewegtes und Bewegendes auffängt. Daß die bewegten und bewegenden Kräfte von Eichendorffs meisterlich beherrschtem Figurenspiel an das Lyrisch-Gefühlhafte gebunden bleiben, macht allerdings die Grenze seiner novellistischen Kunst aus. Und nur einmal hat sich sein Gefühl zu einer voll lebendigen und gerundeten Gestalt verdichtet: zu der unvergleichlichen und unvergänglichen des Taugenichts. In diesem geigenden und landstreichenden Gärtnerburschen lebt, triumphierend über alle Eisenbahnen, Kraftwagen und Flugzeuge, die Poesie der Postkutschenzeit als die ewige deutsche Wanderfreude fort. Sie spannt zwischen der Kaiserstadt Wien und einem imaginären Italien ihre südensehnsiichtigen, luftgewobenen Brücken, die ganze kleine Dichtung, in einem gewissen Sinne musischer oder doch musikalischer als alles, was wir haben, ist in Morgenrot und Mondschein getaucht und von den Geistern Mozarts und Schuberts, aber auch von demjenigen Spitzwegs gesegnet. Und auch das Unvergleichliche und Bedeutsame der Eichendorffschen Lyrik möchte man in ihrer sprachlichen Mitte zwischen musikalischen und malerischen Elementen sehen und in der besonderen Art, wie sie diese Mitte einnimmt. Musik ist ja die Seele aller Romantik, aber soweit die Dichtung den Bezirken der Musik benachbart ist, hat Eichendorfs die Rückverbindung über die eigentlich romantische Lyrik hinweg zum Volkslied gesucht und gefunden. Doch weil er selbst volkstümlich war und fühlte, hat er nicht Volkslieder nachgedichtet, sondern neugedichtet, und verdankt er dem alten Liederschätze längst nicht so viel, wie er ihm durch eigenes Gut als Mehrer zugeführt hat; sein Gedicht ist die persönliche individuelle Verfeinerung und Zuspitzung des anonymen Volksliedes. Und sein Malerisches liegt nicht in der Erfassung des Gegenständlichen, sondern in einem magisch bewegten impressionistischen Helldunkel. Das Geheimnis des Liedes, das Eichendorff wie kein anderer deutscher Dichter kennt und beherrscht, läßt sich kritisch noch weniger als das eines anderen Kunstwerks fassen; es weist uns auf Analogien an, die darum auch nicht anderes fein wollen, und nur vergleichen, um zu unterscheiden. Das Eichendorfssche Lied ist so sehr im Sinne der Goethischen Forderung nur ein Hauch, es ist so zart und immateriell, daß jeder Begriff in ihm zum Gedanken bei Herzens, jedes Bild in ihm gleichsam ohne die Substanz der Sprache und überhaupt ohne jedes Medium sofort zum Klange zu werden scheint. Der Klang ist immer derselbe, man erkennt den Dichter an jeder Zeile, und doch ist er nicht zu fangen und zu bestimmen; man glaubt ihn noch im Traume zu hören, ja, ihn im Traume zum erstenmal gehört zu haben. Eichendorsss Lied ist nur ein Singsang, es ist wie die Bewegung einer Welle, ein sich selbst aufhebender Bewegungsvorgang, das Hervorbringen und Wiederzurückschlingen der Anschauung durch das Gefühl, der Rausch des Unbewußten und Halbbewußten, der Pulsschlag des Gemütes. Darum haben ihn unsere großen romantischen Meister des musikalischen Liedes, Robert Schumann, Hugo Wolf, Hans Pfitzner, Armin Sn ab nachgesungen und erst richtig zu Ende gesungen. Wir kennen viele Dichter von größerem geistigem Umfange, wir kennen auch reichere Formen und großartigere Inhalte der Lyrik, aber nichts, was immer wieder so unmittelbar, ich möchte sagen: so süß und erschrocken ans Herz greift wie diese Wander- und Natur-, Liebes- und Gottes- und Vaterlandslieder von dem Dichter der deutschen Sehnsucht und des deutschen Waldes, wie dieses irre und erinnerungssüchtige Traumwandeln und Traumreden des Herzens mit sich selber, diese plötzlichen jauchzenden Aufschwünge vor der verworren blühenden Wildnis der Welt, diese Augen- aufschläge eines holden, ahnenden und zweifelnden Wissens ober Nichtwissens, bies geheimnisvolle Flügelausspannen der Seele. 'verantwortlich: Dr. HanS Thtzriot. — Druck und Verlag: Drühl'fche UntverfitätS-Vuch- und Steindruckerei. 2k. Lange, Gießen.