GietzeimZamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger Jahrgang 1936 Samstag, den fl. April Nummer 29 Fahrt. Von Hans Carossa. Wir Kinder gingen. Paar um Paar, durch Wald und grünes Reut. Mit bunten Eierschalen war der Saatenrand bestreut. Am Ufer hing das neue Boot, wir saßen flugs darin. Der Wimpel wehte weih und rot; die Strömung trug uns hin. Das Land verschob sich von uns fort. Zu Felsen stieg der Strand. Geschmückte Menschen gingen dort; die winkten mit der Hand ... Die Zeit verschwebte wie ein Hauch. Ein Korb ward ausgeleert und nach geweihtem altem Brauch das Ostermahl verzehrt. Wir aßen Brot, wir tranken Wein. Sturm schlug uns ins Gesicht. Die Woge griff nach uns herein. Wir fürchteten uns nicht. Von weißen Vögeln weit umkreist zur Heimat ging die Fahrt. Wir glauben selig an den Geist, der uns versprochen ward. Oer bekränzte Weiher. Eine Ostergeschichte von Georg Britting. Es ist lange her, erzählte das Mädchen, daß ich zur freideutschen Jugend gehörte, mein Gott, ist das schon lange her, unendlich lange, auch wenn ich mich noch so deutlich an alles zu erinnern vermag. Es war während des großen Krieges, daß ich als eine der Jüngsten unter der Schar der Wandernden jeden Sonntag dahinzog, hinter unserem Wimpel her, mit langem, weiten Rock am kurzen Leibchen. Wir Mädchen waren in unserm Bund in der Ueberzahl damals, aber auch Buben gehörten zu uns, halbwüchsige Burschen, ein langaufgeschossener Goldschmiedlehrling war darunter, aber zumeist waren es Schüler, die wochentags nur widerwillig auf den Bänken saßen und Latein und Rechnen trieben, weil ihnen das überflüssig vorkam, in dieser Zeit, die bald anderes von ihnen verlangen würde. Es schien fast so, als verstünden es die Burschen schneller zu wachsen in diesen Wochen und Monaten, als verbreitere sich ihre Brust zusehens und als würde ihr Blick von Sonntag zu Sonntag feuriger. So eilig hatten sie es, dahin zu kommen, wo der Krieg war. Eines Tages verließ uns denn auch der erste der Freunde, den grauen Rock anzuziehen, und nach kurzer Ausbildungszeit kam er dann auch an die Front und schickte uns gleich am ersten Schützengrabentag eine Feldpostkarte, und nun wußte er wohl, wie der Krieg war, und konnte wohl auch merken, daß er nicht genau so war, wie er sich eingebildet hatte es zu wissen, als er noch singend mit uns hinter unserm Wimpel marschierte. Für den Goldschmiedlehrling dann kam auch der große Tag, da man ihn zu den Soldaten nahm, und Kanonier wurde er, und wurde bald an die russische Front geschickt, und er war. obwohl er der dritte war, der uns verließ, um ins Feld zu gehen, er war dann der erfte, von dem wir erfuhren, daß er nie mehr zu uns zurückkehren würde, nie mehr. Die Nachricht von seinem Tod erreichte uns einige Wochen vor Ostern. Sie versetzte die Großen unter uns in eine tiefe Fassungslosigkeit, wir kleinen Mädchen aber, wir trugen bald wieder den Kopf oben und besannen uns, wie wir auf eine geziemend feierliche Art den gefallenen Helden ehren konnten Lange beratschlagten wir, und dann fiel uns nichts anderes em, als was den Erwachsenen aller Länder späterhin auch einstel, spater, als der Krieg aus war, als sie ihren tapferen Toten, die im fremden Boden moderten, zu Hause, in den Städten und Dörfern, die zu verteidigen sie ausgezogen waren, sinnbildlich gemeinte Grabstätten errichteten. Den Goldschmiedlehrling, war uns berichtet worden, hatte die Kugel getroffen während eines Flußübergangs, und so war er vom ängstlich auf schmaler, schwankender, schnellgebauter Brücke tänzelndem Pferd in den kalten Fluß gestürzt, und niemand konnte sagen, ob noch Atem in seiner Brust war, als das Wasser über ihm zusammenschlug, oder ob er als Verwundeter ertrunken war, und auch kein Arzt hatte das mehr feststellen können, weil der Fluß den Toten mit sich genommen hatte, mit anderen, denen es ähnlich ergangen war. Am Sonntag norm Ostersonntag sammelten wir uns früh am Morgen, unfern Plan ins Werk zu setzen, fuhren mit der Straßenbahn aus der Stadt hinaus, und zogen dann flußabwärts, einen kalten, klaren, eifrig strudelnden Fluß hinauf. Der Boden schien trocken, fürs Auge, aber wir merkten im Gehen, daß in tieferen Schichten die Erde noch feucht war, denn der Weg schwappte leicht unter unseren Tritten. An geschützten Stellen wuchsen schon dicht die Osterblumen, wie wir sie nannten, die großen Küchenschellen heißen sie im Naturkundebuch, deren blaue Blüten von grau behaarten Blättern wärmend betreut sind. In einer Wiesenmulde rasteten wir, saßen im Kreis und aßen schweigend, wie bei einem Trauermahl, den mit Zwetschgenmus verkochten Haferflockenbrei aus unseren Blechgefähen, verzehrten große Stücke des grobmehligen grauen Kriegsbrotes dazu und es war uns großartig und feierlich und auch ein wenig bänglich zu Mut, und wir gefielen uns sehr in unserem gemessenen Tun. Später dann, nach dem Essen, schritten wir an die Tat. Die Burschen machten sich an eine Birkengruppe, und schnitten dünne Aeste von den Bäumen, und wir Mädchen pflückten Osterblumen, viele und viele. Und während die Burschen aus den Birkenästen ein kleines, festes Floß zimmerten, bogen wir Mädchen eine lange Weidenrute zum Kreis und wanden die Blumen darum, daß ein großer, schöner, blauschimmernder Kranz entstand. Wir hängten ihn, daß er beim Tragen nicht beschädigt würde, über einen Ast, den die beiden größten Mädchen nun schulterten, aber so groß war der Kranz, daß er trotzdem noch ein wenig und zart auf dem Boden schleifte. Vor uns her, auf den Köpfen, trugen die Burschen das weiße Floß. Wir zogen einem Wäldchen zu, das wir gut kannten von unfern Fahrten her. Es lag abgeschieden und barg in seiner Tiefe einen kleinen, geheimnisvoll grünen Weiher. Diesen suchten wir. Wir befestigten den Kranz aus dem Floß, und das Floß schoben wir aufs Wasser und mit einiger Mühe erreichten wir es, das Blumenfahrzeug in dis Mitte des Weihers zu bringen. Mit den Stricken, an denen es hing, banden wir es an vier in die Erde getriebenen Pflöcken fest und so verankert lag es nun da, das auf den Fluß gehört hätte, fern in Rußland, in dem unser toter Freund ertrunken war. Aber dies hier, dachten wir, immerhin, das ist auch etwas und täte ihm gut und freute ihn auch, wenn ers wüßte. Es war kühl in dem Wäldchen, die Fichten standen schwarz und rührten sich nicht, und wir stellten uns im Kreis um den Weiher, und der Weiher war so klein, und wir waren unser so viele, daß wir, so stehend, einander mit ausgestreckten Armen die steifgefrorenen Händ.e reichen konnten. Dann sangen wir, und sahen auf den Kranz hin, der wie eine Krone auf dem Weiher lag, und sangen traurig hallende Lieder und erinnerten uns des toten Freundes und manche von uns hatten feuchte Augen, ober nicht alle. Nur traurige Lieder sangen wir, vom Scheiden und Meiden, denn die fröhlichen und erhebenden Lieder, die gehörten dem nächsten Sonntag, dem Ostersonntag, dem Fest der fröhlichen Auferstehung, an dem die Gräber springen und die Toten frei werden, und da wollten wir wieder hierher wallfahrten, zum Wassergrab des Goldschmiedlehrlings, das war schon abgemacht und fest beschlossen. Die Karwoche brach an mit mildem Wetter, am Gründonnerstag ging ein eisiger Wind, der Karfreitag war trüb, aber am Samstag klarte es wieder auf und der Ostersonntag war ein strahlender Frühlingstag und wieder zogen wir flußaufwärts, unserm Wäldchen zu. Gelb leuchtete es von den Wiesen, Schlüsselblumen waren aufgeblüht, und aus Schlüsselblumen machten wir einen Kranz diesmal, einen Kranz, fast größer noch als es der erste gewesen war, gegen den wir ihn vertauschen wollten, und der mußte ja auch schon welk geworden sein, und für die Auferstehungsfeier, die wir im Sinn hatten, paßten die lustig trompeten- gell^en Kelchs besser als die sanftbkauen, schwermütigen und stillen Blüten der Küchenschelle. Wir bückten uns hundertmal, unter Lachen und Scherzen, und wischten uns den Schweiß von der Stirn und glühten im Sonnenbrand und hielten geblendet die Hand vor die Augen, nach dem fernen Gebirge zu sehen, wo der Neuschnee in der Sonne glänzte, und bückten uns wieder, und bald so war unser Werk getan, der Kranz fertig und wir brachen auf. Aber als wir in das Wäldchen eingedrungen waren und am Weiher standen, da konnte es nicht fein, daß wir den Kranztausch vollzogen, denn der Weiher war zugefroren und im graugrünen Eis saß das Floh fest und die Stricke, die es hielten waren wie aus Glas, und der Kranz auf dem Floß leuchtete blau und himmlisch und gänzlich unverwelkt, als fei er eben erst gewunden und gebunden worden. Tief betroffen sahen wir uns an, klapsten ungläubig mit den Absätzen auf das Els, das hielt und einen zart klirrenden, abweisenden Ton von sich gab, und neigten unsre Stirnen, die noch von der Hitze über der Wiese brannten, und senkten unsre Augen, die eben noch von der übermächtigen Lichtflut getrunken, draußen, des schon säst sommerlichen Tages, und unsre Her- schlugen rascher angesichts des Wunders, das uns hier geschehen ien, des spiegelnden Eiswunders in der heiß atmenden Frühlingsnatur. Und als es einer aussprach, wußten wir es alle, und zweifelte keiner daran, und bannte uns in Freude und Schreck zugleich, daß in der vergangenen Woche, im Osten drüben, im fernen russischen Land, ein eisiger Wind geweht hatte, und der hatte den kalten mörderischen Fluß zum Erstarren gebracht, in dem unser Freund sein Ende gefunden hatte, und so stark und zauberisch war die Gewalt dieses Windes gewesen, daß er über Länder hinweg auch den Weiher hier zugesroren hatte. Und ich sah ihn mit Augen, diesen Wind, erzählte das Mädchen, wie ein riesiger, weißer Adler sah er aus, mit rotem Schnabel und mit roten Augen, so kam er über Rußland und Deutschland daher, und unter seinem mächtigen Flügelschlag stöberte Schnee und fein Atem vereiste jeglichen Stromlauf, wenn er einherslog unter dem Himmel. Wir stellten uns wieder im Kreis um den Weiher, erzählte das Mädchen weiter, noch erschüttert von dem kleinen Wunder, das wir erfahren hatten, und fangen frommen Sinnes die Lieder, die wir für diesen Tag und diese Stunde geübt hatten, Lieder des fröhlichen Trostes und der gewissen Auferstehung. Und da war es, daß aus dem blumengeschmückten Floß schwirrend ein Vogel sich auffchwang. Ein Sperling mochte es fein, oder ein Fink, der dort sich geborgen hatte im Kranz, und unser Lied hatte ihn aufgetrieben, und ein zweiter und dritter erhoben sich aus der Blumenhöhle, und die Vögel flogen in einer Linie hintereinander, hielten über den Wald weg, zur Sonne hinauf, die sich eben über die Baumspitzen schob, und der Schall unseres Liedes folgte ihnen/ Eine trunkene Heiterkeit erfüllte uns, sagte das Mädchen, die Erzählerin dieser Geschichte, wie wir die Geflügelten fo davon schießen sahen, ins himmlische Blau hinein, wie sie kleiner und kleiner wurden und dann unsichtbar, und den großen Schlüsselblumenkranz, dessen der Tote nun nicht mehr bedurfte, brachen wir auseinander, und wir Mädchen machten uns kleine Kränze davon, die wir uns ins Haar nestelten, und die Burschen steckten sich Sträuße der gelben Kelche an die Joppen. Dann begannen wir den Rückmarsch, der Wimpelträger an der Spitze, in Paaren hintereinander in strammer Haltung, im gehörigen Abstand und im gleichen Schritt. Als wir aber aus dem Wäldchen ins Freie traten, auf die Wiese hinaus, ins flutende Sonnenlicht, löste sich ohne Befehl die strenge Ordnung, wir stoben auseinander, ein ungezügelter Schwarm, im wilden Lauf, ohne Richtung, ohne Ziel, und unser Getrappel und Schreien scholl. Ostertage auf einem Znseldorf im Mittelmeer. Von Heinrich Lersch. Seeleute, die aus ihren Reisen rund um die Welt gekommen sind, erzählen Wunderdinge von herrlichen Inseln im südlichen Meer, auf denen die Menschen sagen: „Wir sind auf Erden, um Feste zu feiern. Das Land und feine Fruchtbarkeit gehört den Göttern, sie geben uns alles, damit wir ihnen zu Ehren die Tage in Fröhlichkeit verbringen. Auch die Arbeit in Reisfeld und Gemüsegarten ist Gottesdienst." Glückliche Südsee, glückliche Insel Bali! Geben wir ruhig zu, daß der Fort- schrittspflug im Daseinskampf unseres Volkes dies fchönblühende Unkraut mit untergepflügt hat, um nahrhaftes Korn zu ernten; auch wir haben als Volk unsere schönsten Lieder selber namenlos gesungen, die Mraßen und Märkte als Schaubühne benützt, auf denen die ewigen Gestalten vom Doktor Faust bis zum Eulenspiegel die deutsche Seele darstellten. Nun haben' wir nicht nur die Natur um uns, wir leben auch in einer technischen Landschaft. Es bleibt uns allen nichts übrig, als auch die Arbeit in Fabrik und Feld nicht nur erträglich, sondern schön, zu einem Kunstwerk, zu Gottes Dienst, zu gestalten. Wir brauchen nicht in die Südsee zu reifen, um solche glücklichen Inseln zu finden: mancher Handwerksburfche, der in Italien war, hat gesehen, wie trotz Autobus und Radio das italienische Volk im Mittelmeer, wie wir einst, alle Feste spielend feiert. Dörfer im Gebirge und Inseln im Mittelmeer gestalten Kult und Feier noch wie vor fünfhundert Jahren. Das Kirchenjahr mit den vielen Heiligen und den Madonnentagen bietet Anlaß genug, und die großen Feste find nicht Angelegenheit der geistlichen Führung, fondern des Volkes. Das Volk scheint fo in Fest und Feier verwurzelt, daß es sie immer noch fortführte, wenn es keine Behörde mehr gäbe, die sie anhielte. Ich habe lange Jahre auf einem Infeldorf im Golf des Vefuvs verbracht und nirgendwo, selbst nicht in Rom, schönere Osterfeiern verlebt, als auf dem Bauerndorf Anacapri. Am Karfreitagabend, kurz vor der Dunkelheit, sammeln sich die Kinder des Dorfes, Hunderte aus allen Gaffen und Winkeln, in Trupps und laufen in die Kirche hinein; sie suchen in allen Ecken und Nischen, schreien in Verwunderung und Enttäuschung und rennen auf den Kirchplatz; sie rufen den ankommenden Eltern und Gefchwistern zu, daß der Heiland aus der Kirche verschwunden fei. Dann gehen fietnn die Häuser und kommen mit brennenden Kerzen zurück und suchen in den Gassen. Die Burschen und Mädchen des Dorfes find vorher in die Sakristei gegangen und haben den Leib des Gekreuzigten aus dem heiligen Grab auf eine Trage gelegt und hinausgebracht. Nun sammeln sich die Kinder in einem Zug, zünden die Kerzen an, die kaum Zweijährigen voran, dann die Größeren, Schulkinder, schließen sich an, alle tragen sie brennende Kerzen in den Händen. Sie gehen und leuchten in Die Straßen hinein. Die Jünglinge und Männer folgen den Kindern; zuletzt kommt eine andere Gruppe von jungen Leuten, die jetzt die fchwarzverkleidete Figur der Mutter Maria aus der Kirche herausholen und damit, hochgehoben über allem Volk, dem Zuge folgen. Jetzt sieht jedermann: die Mutter sucht ihren Sohn. Alle Mädchen des Dorfes folgen Ser Seifigen Jungfrau, sie tragen ebenfalls Kerzen in den Händen. Das Karfreitaglied hebt an. Zuerst ist es nur eine Frauenstimme, dis todestraurig und hilfeflehend aufklingt: „Mein Sohn ist fort, sie haben ihn weggebrachtl Ich, die Mutter, suche ihn! Helft mir suchen! Helft mir finden!" Die Prozession schreitet hinein in die Straßen; vor allen Fensterbänken leuchten Kerzen und Lichter: „Wir helfen dir, Mutter. der Schmerzen, wir suchen mit dir!" So haben zuerst nur einzelne Gruppen Antwort gegeben, nun singt auf einmal das ganze Dorf das Lied des Verstehens und des Mitgefühls. Immer wieder klingt die einzelne Stimme: „Es ist mein Sohn! Gott und das Volk liebten ihn!" Antwort der Frauen: „Wir helfen dir suchen! Auch wir haben Söhne, wir sind bei Dir!" So geht der Wechselgesang weiter, klagend, voll Trauer: „Sie haben ihn mit Verbrechern zusammen verurteilt, er war unschuldig! Es war mein Sohn, sie haben ihn fortgetragen, Ich suche ihn in allen Gaffen und Plätzen!" Da stehen wir, Weltkinder, sonst entzauberte Asphalttteter, Globetrotter, Großstadtmenschen, alle sind tief ergriffen von der Einfalt und Innigkeit; hier ist jetzt Jerusalem, hier lebt Maria aus Nazareth, heute mittag ist der Heiland gekreuzigt worden, einer seiner Anhänger mutz ihn geholt haben: aber er ist doch der einzige Sohn seiner Mutter, und alle Eltern verstehen ihren Schmerz. Ach, es war ja nicht nur vor zweitausend Jahren und in Syrien, nein, hier und überall ist Sohntragödie und Mutterschmerz. Selbst, wenn ich den Text des Liedes aus dem Jnseldialekt ins Deutsche übertragen könnte, nicht könnte ich die unsagbare Traurigkeit der Melodie wiedergeben, die so schaurig durch das Dorf in den weichen Frühlingsabend hinausklagt. Und doch: nickit allein in der Melodie liegt die Kraft, die unsere ergriffene Seele erschüttert; wir sind Zeugen eines tragischen Geschehens, das in allen Menschenherzen lebendig wird. Im Miterleben wird selbst der kaltherzigste Zuschauer von der dumpfen Traurigkeit ersaßt. Es dunkelt; immer noch durchziehen sie die Straßen, immer noch ertönt dumpf und klagend bas Lied. Uns allen erscheint die Prozession nicht mehr aus hinschreitenden Bauersfrauen und Mädchen: sie werden zu Todesengeln, die, in schwarze Schleier gehüllt, über die Erde gleiten. Die Sterne stehen groß und feierlich über dem Berg, der Mond wandert ins Meer, der erste Frühlingsvollmond erlischt. Da, spät in der Nacht, treffen Mutter und Sohn wieder auf dem Kirchplatz zusammen. Auf einen Schrei hin erlöschen die Kerzen an den Häusern, die Kerzen in den Händen der Kinder. Das Dunkel webt mitleidig über die Gestalten der Kinder, reife Nacht des Schmerzes und der Trauer finkt, wie ein Traum verlifcht, verschwinden die Menschen, die der Mutter ihren Sohn suchen helfen mit Singen, Beten und hoffnungsloser Klage. Karsamstagmorgen. Aus Feld und Haus gehen an diesem Morgen zuerst wieder all die Kinder auf den Kirchplatz. Hunderte: Jedes trägt in der Hand einen kleinen Singvogel. Sie besetzen die Bänke, drängen bis vor den Altar und flüstern in aufgeregter Freude einander zu. Sie streicheln den Vögeln über die verängstigten Köpfchen und schauen unverwandt auf die Tür der Sakristei, aus der die Priester hervortreten, um bas Hochamt zu feiern. Noch finb bie Krllzifixe schwarz verhangen unb ber Altar von einem mächtigen Vorhang Derberft. Die heilige Hanblung nimmt still unb ernst ihren Fortgang; halb wirb ber feierliche Augenblick kommen, bald wird die Musik auf der Orgelbühne mit Geigen und Bläsern, Orgelklang unb Menschenstimmen in bas gewaltige Gloria auftönen. Bedrohlich schwillt bas Gewisper unb Geflüster ber Kinber und übertönt oft bas Singen ber Priester. Dann aber bricht es jäh für ben Augenblick ab, eins, zwei, brei Sekunben ... Tiefe Stille. Da klingt ein hunbertstimmiges Ah! auf. Der Atem füllt einen Augenblick ben weiten Raum mit hingehauchtem, verwunbertem Staunen, bann aber fliegen, schwirren, flügein, flattern bie Vögel aus ben Hänben ber Kinber in bie Kirche hinein. Sie erheben sich zur Decke, eine fchwebenbe Wolke bunfler Flügel schattet. Das Gebrause hinströmenber Musik auf ber Orgel, bem Orchester, bem Chor ertönt über bas ftaunenbe, wortlose Aufatmen ber Menge hin. Die Augen finb auf ben höchsten Punkt ber Wölbung gerichtet, in der ein offenes Fenster die Vogelschar ins Freie läßt. In Schwärmen erheben sich die Vögel zum Weg in die Lüfte, in Scharen finden sie die Freiheit zurück, während einige, ermüdet von der Gefangenschaft, auf Altar und Kreuzspitze ausruhen. Es dauert wohl bis zur Wandlung, ehe sich die Gemüter zur Handlung ber heiligen Messe zurechtgesunben haben. Immer roieber erheben sich bie Gesichter an bie Kirchenbecke, immer roieber müssen sich bie Augen hinunterzwingen. Es ist, als sähen bie Menschen ben Heilanb inmitten ber Vogelschar mit verklärtem Leibe auffahren, in bie Herrlichkeit bes Himmels. * Karsamstagnachmittag. — Die Vogel finb aus ber Kirche entflogen, bie Menschen zu stiller Arbeit in bie Campagna gegangen, — sie haben noch viel zu #un, ehe sie mit vollkommener Ruhe ben Feiertag Ostern begehen. Jetzt ziehen feierlich geroanbete Priester unb Meßner aus der Kirche. Die große, alljährliche „Benedizone", die Weihe der Häuser, beginnt. Vom ersten Haus des Dorfes an, durch alle Gänge, über alle Treppen kehren bie Priester ein. Alle Zimmer unb Räume erfüllen sie mit Gebeten und Weihrauchdampf. Mit bem unsichtbaren Geist ber sichtbaren Kirche treibt bas geweihte Wasser bie Dämonen bcwon, bie aus bem Leben ber fünb« haften Menschen unb ber Natur sich in bie Wohnungen eingefchlichen haben. Eine Treibsagd auf böse Geister fäubert bas Dorf; bis weit in die Delberge unb Weingärten hinein, in bie Hütten ber Campagna-Bauern, wölkt die Bannkraft bes buftenben Weihrauchs, Arom bes Gebetes, Tau bes geweihten Masters. Vom hellen Mittag bis in die sternende Nacht geht das weihende Werk vor sich; nie sind Bauernarme und Tagelöhner- Hände vom Schlagen der Hacken so müde, äks Ne der vkerzehn Priester und Meßner vom Weihen und Segnen wird. Wunderbar, wie alles, was um den Vesuv geschieht; auch die Natur scheint dem feiernden Dorf sich anzuschließen. In den vier Jahren, die ich zur Osterzeit auf der Insel verbrachte, legte sich immer noch am Karfreitag-Nachmittag der wüsteste Sturm, setzte der Regen aus und die Kinder gingen mit ihren Kerzen in den lauen Abend hinein; die Priester zogen am Karsamstag im klarsten Sonnenlicht auf die himmlische Jagd nach den Dämonen. Die Osterglocken. Bon Ruth Schaumann. Die erste Glocke schweigt voll Macht: Der Herr liegt tief in Grabesnacht. Die zweite Glocke hängt so still. Als ob sie nimmer läuten will. Die dritte schwankt, die vierte bebt — Ein Engel durch die Luken schwebt. Durch die als Licht, durch die als Blut, Wie Eis durch die, durch die wie Glut. Er harrt und blickt — die Welt erschrickt — Ein andrer hat ihm zugenickt. Aus offnem Stein, aus leerem Schrein. Da fallen alle Glocken ein. Sie brausen wie ein Adler fliegt: Der Heiland hat den Tod besiegt. Alleluja! Das Eierköpfen. ^.ne Ostergefchichte von Otto Anthes. Das Eierköpfen ist ein Kampffpiel eigener Art, das in meiner rheinischen Heimat zu Ostern die ganze männliche Bevölkerung auf die Beine bringt und auf dem Marktplatz um den Sandsteinbrunnen mit dem pfälzischen Löwen versammelt. Wie der Brauch mit der allgemein bekannten Sitte des Ostereiersuchens zusammenhängt, weiß kein Mensch. Tatsache ist, daß man hier Eier als Kämpfer gegeneinander führt. Und wie jedes richtige Kampfspiel hat auch dieses seine Regeln und Gesetze, seine Feinheiten und Kniffe, kurz gesagt feine Wissenschaft, die man beherrschen muß, wenn man daran teilnehmen will. Ich war wohl elf Jahre alt, als ich mich zum ersten Male in den Ring wagte. Das war für uns Buben so etwas wie der Eintritt in den Kreis der Männer, und ich war klug genug, meine Vorbereitungen aufs sorgfältigste zu treffen. Zu diesem Ende begab ich mich zur Glaubebas, die am Markt einen Gemllsehandel betrieb, in diesen Tagen vor Ostern aber auch immer einen großen Korb voller Eier zwischen ihrem Grünzeug stehen hatte. Unter diesen Eiern galt es nun eine Auswahl zu treffen. Eins ums andere nahm ich aus dem Korb, hielt mir mit der linken Hand das linke Ohr zu und ließ mit der rechten das Ei an den Zähnen klappern. Der Ton, heller ober dunkler, härter oder dumpfer, verriet dem Kundigen, ob das Ei tauglich fei oder nicht. Meine beschränkten Geldverhältnisse veranlaßten mich, nachdem ich den halben Korb durchgeprobt hatte, nur ein einziges Ei zu erstehen. Man konnte schließlich ja auch die buntgefärbten Ostereier, die die Mutter in den Vuxbaumrabatten des Gartens versteckte, auf den Kampfplatz führen. Aber frisch gekaufte galten für besser. Am Ostersonntag, nach der Kirche, ging ich mit meinem Ei auf den Marktplatz. Die Sonne schien warm und festlich hell auf das bewegte Menschentreiben, und mir war, als ob der Himmel selbst auf diese Art meinen ersten Schritt in die Männerwelt freundlich und anspornend begrüßte. Das machte es mir leicht, mich mannhaft zu benehmen. Die Hand in der Tasche um mein braves Kampfei gelegt ging ich scheinbar gleichmütig umher, ließ mich von dem und jenem herausfordern, ohne zu antworten, und tat so, als ob nur der stärkste Gegner für mich in Frage käme. Zuletzt aber mußte dach etwas geschehen. Ich bändelte also mit einem Buben meines Alters an. Wir tauschten die Eier, damit jeder an seinen Zähnen die Stärke des Gegners prüfen konnte. Nach dem Ergebnis der Prüfung konnte man immer noch ohne Schimpf den Kampf ablehnen. Wir nahmen aber beide an. Ich hielt mein Ei hin, die Spitze nach oben, und er klopfte mit feiner Spitze von oben fachte darauf! Klack! sagte fein Ei und war eingedrückt. Meins war stärker gewesen! Aber noch war der Sieg nicht entschieden. Nun gings Hinterteil auf Hinterteil. Und wieder war ich überlegen. Nach den Spielregeln gehörte das vorn und hinten beschädigte Ci nun mir. Ich nahms und steckte es, ohne eine Miene zu verziehen, in die Jackentasche. Man darf nie zeigen, daß der Sieg einen freut. Aber Mut gab mir der meinige. Einen um den andern ging ich nun an, und weiß der Himmel! Ich hatte ein richtiges Wunderei erwischt: kein Gegner hielt mir stand. Zehn ober zwölf Eier waren schon in meinen Besitz gewandert, meine Jackentaschen blühten sich. Und schon begann mein Glück Aufsehen auf dem Markt zu erregen, die älteren, Burschen und reife Männer, würdigten mich der Herausforderung. Als plötzlich ein Gedanke von ungeheuerlicher Kühnheit in mir aufftieg. Ich wies alle Anfragen ab, versenkte mein sieghaftes El, getrennt von den erbeuteten, kn bTe Hosentasche und verMß den Marktplatz. Für mich allein dachte ich meinen Gedanken zu Ende: Ja — ich wollte nach Steeg. Das Weindorf Steeg bei Bacharach — wenn ich über den Rhein gesetzt war, eine knappe Stunde zu laufen — war das Olympia der Eierköpferei. Viele Hunderte von Menschen, alt und jung, aus den Rheinorten und vom Hunsrück herab, tarnen am zweiten Dftertag dort zusammen, um auf der großen Wiese vor dem Dorf die stärksten Kämpen gegeneinander loszuiassen, die man tags zuvor im heimischen Kampf erprobt hatte. Nur wer ein ungewöhnlich starkes Ei sein eigen nannte, konnte sich mit einiger Aussicht auf Erfolg dorthin wagen. Mein Entschluß war also wohl immer noch kühn, aber doch begründet und berechtigt. Uebrigens sagte ich keinem Menschen etwas davon. Auch zu Hause nicht, wo ich nur zum Abend großartig die ganze Sippe mit einem riesenhaften Eierkuchen bewirtete, den die Mutter aus meinem Gewinn gebacken hatte. Am nächsten Tag, nach Tisch, schlich ich ohne alle weitere Ausrüstung, nur mein in ein reines Taschentuch gewickeltes Kampfei bei mir tragend, an den Rhein. Der Fährmann, der damals noch mit einem Ruderboot seinen Dienst versah, hatte vollauf zu tun, all die Olympiafahrer überzusetzen, und war immer froh, wenn sich ein paar Buben fanden, die ihm das Rudern abnahmen. So kam ich unentgeltlich über den Rhein. Dann gings in forschem Schritt den Rhein entlang nach Bacharach, durch Städtchen hindurch, den Holzmarkt hinauf, durchs Steeger Tor wieder hinaus, und bald war ich am Ziel. Diese Wiese wimmelte bereits von Menschen, luftiger Lärm, Gelächter, Gesang und Blasmusik schallten weithin durchs Tal, und rings um den Platz standen Buden und Tische, daran Speisen und Getränke, vor allem aber Eier feilgehalten wurden. Eier und Eier und noch einmal Eier. Es war, als oh fämtidje Eier der Welt sich hier ein Stelldichein gäben. Ein wenig zaghaft doch mischte ich mich in das Getümmel. Aber ein Griff nach dem Heldenei in meiner Tasche gab mir meine Sicherheit wieder. Eine Weile schlenderte ich gleichgültigen Gesichts umher, wickelte mit mehreren Buben die übliche Voruntersuchung ab und ging kopfschüttelnd weiter — nur um meine geheime Stärke nicht vorzeitig zu verraten. Dann aber hielt mich ein langer Bursch an, den Hut verwegen im Nacken, ein breites Lachen um den Mund. Er faßte mich kurzweg beim Arm, so daß ich nicht weiter konnte, und sagte: „No, Klaaner, wolle mer emol töppe?" — Ich hätte mich losgeriffen und wäre ihm entwichen. Aber dies „Klaaner" machte mich störrisch. — „Wart, du langer Labbes!" dachte ich. „Dir werde ich's zeigen", Ich holte mein Ei hervor, gab’s ihm und nahm das feine. Aber ich prüfte es nur obenhin und stellte mich zum Kampf. Ich war ja meiner Sache fo sicher. Er hielt feine Spitze hin und ich klopfte darauf. Klack! sagt, feine Spitze und war hin. Er drehte seelenruhig sein Ei um .....Nr hinne uf hinne!" sagte er. Ich klopfte wieder und sah ein Loch in meinem Ei. Ich begrifft nicht. — „No", sagte er gutmütig, „du kannscht immer noch gewinne". Aber gerade feine herablassende Güte brachte mich wieder in Harnisch. Nun wollte ich alles wagen. Zudem galt es nun zu zeigen, daß man der „Wissenschaft" mächtig war. Poch einmal tauschten wir die Eier und klapperten damit an den Zähnen, er prüfte die Spitze des meinigen unb ich das Hinterteil des {einigen. — „Los!" sagte ich dann entschlossen. Ich machte mit Speichel ein kleines Tüpfelchen ein wenig seitlich der Spitze meines Eis und hielt es hin. Er klopfte mit dem vollen stumpfen Ende feines Eis auf die bezeichnete Stelle und — ich war besiegt. Er nahm das eroberte Ei aus meiner kraftlosen Hand, steckte es ein und ging mit einem gönnerhaften Kopfnicken davon. Ich war wie vernichtet. Nicht nur, daß das kostbare Ei weg war — mit ihm war mein ganzes Selbstbewußtfein zertrümmert Mein erster Ausflug in die große Welt hatte mit einer vollständigen Niederlage geendet. Nur dies eine Gefühl in Kopf und Knochen schlich ich wie ein geprügelter Hund vom Festplatte und ging wie im Traum den Weg zurück, bis ich meinem Heimatstädtchen gegenüber war. Der Fährmann war nicht zu sehen. Die Flut der Uebersetzenden war verebbt und die Rückfahrer noch nicht zu erhoffen. Ich mußte warten. Ich setzte mich auf den gemauerten Hang des Stroms und hängte den Kopf tief in meinen Kummer hinein. Eine lange Zeit faß ich fo, bann klangen bie Schritte eines Laufenden hinter mir. Ein Junge, ein paar Jahre älter als ich, kam im Trab von Bacharach her. Als er mich gewahrte, hielt er an. Er brauchte eine Ruhepause. Er setzte sich neben mir nieder, und als er ein wenig zu Atem gekommen war, fragte er: „Warscht du aach in Steeg geroefe?" — Ich nickte nur. — „Das fein Lumpe", schimpfte er los. „Drei Eier habe sie mir abgenomme. Drei starke Eier. Mit rechte Dinge geht das nit zu." — Dann beruhigte er sich. Er schnaubte gewaltig durch die Nale und sagte: „Nu laaf ich haam nach Oberwesel un hol mir neue. Mein Mutter Hot noch. Und dann solle die Spitzbube emol fehn." — Ich wandte meinen Blick voll aufkeimender Bewunderung auf ihn hin. Da aber sah ich, wie ein leiser Zweifel in feinem Gesicht hochkam. Und schon sagte er mit etwas gepreßter Stimme: „Un wenn sie mir kein gibt" — er machte eine kleine Pause, schüttelte die Fäuste gegen Steeg hin und schrie: „Wart nur! Näkschte Oschtern komm ich roibber." Damit sprang er auf unb setzte sich roieber in Trab. — „Näkschte Oschtern!" rief er noch einmal, den Kopf rückwärts geroanbt, im Laufen. Dann würbe er kleiner und kleiner und war mir bald verschwunden. Ich sehe noch jetzt kein Osterfest herannahen, ohne daß dies Erlebnis mir in den Sinn kommt. Und ohne daß ich die seltsame Ermutigung nachverspüre, die der Junge aus Oberwesel mir durch die Glieder goß. Ich weiß noch, daß die warmblütige Nachmittagssonne mein Stäbtieln brüben überm Rhein plötzlich roieber mit festlichem Leuchten überströmte unb daß die wahrhafte Burg darüber mich mit ermunterndem Zublinken zu grüßen schien. Und wenn im Jahr vorher nicht alles nach Wunsch gegangen ist, jage ich mit rechtem Bubentrotz: „No wart! Näkschte Oschtern!". verantwortlich: Dr. Hans Thtzriot. — Druck und Verlag: Brühl'sche Univerf itäts-Vuch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen. zurücktreten und richtige Ordnung abschätzen. Agnes kann nicht einmal die Pflanzen unterscheiden, und vorhin setzte sie aus einem ganzen Beet die Zwiebeln verkehrt. Ein Glück, daß David noch dahinterkom, sonst wären sie vielleicht auf der anderen Seite der Welt wieder herausgewachsen, ein Wunder für die wilden Koffern. Allein Agnes will das nicht gelten lassen. Ach du! sagt sie aufgebracht, du bist selbst einer! Was? Ein Kaffer. Die Schwestern sagen, es sei mit ihm nicht viel anders als mit den Heidenkindern, für die man Stanniol und alte Flaschenkorke sammelt, damit sie durch die Hilfe der Christenheit selig werden können. Auch David wüchse wie ein Menschenfresser in der Wüste auf, wenn die Schwestern sich nicht der armen Waise erbarmten. Was denn, David ist ja gar keine Waise, er hat doch eine Mutter! Ach, so eine! Die ist überhaupt durch und durch schwarz wie eine Scherenschleiferin. Die durste doch nicht einmal in der Kirche stehen, Pater Johannes hat sie sogleich wieder hinausgejagt. David schweigt eine Weile. Hat er das getan? Nun, er wird sich noch anders besinnen, wenn er einmal erfährt, wer Davids Mutter eigentlich ist und was sie vermag mit ihrem Reichtum, mit ihren ungezählten Millionen. Allwissend ist Pater Johannes jedenfalls nicht, wenn er auch im Glashaus sitzt, wie die Krämerin sagt. Was? Was heißt das. im Glashaus? Ich weiß nicht, sagt David, er wirst mit Steinen. Aber wie es immer sein mag, die Mutter steht himmelhoch über allen Anfeindungen, geradezu verklärt vor Davids Augen. Es soll ja noch geheim bleiben, aber Agnes darf es wissen: die Mutter besitzt ein siebenstöckiges Haus in der Stadt, das ist höher als die Kirche. Unterwärts sind Kaufläden aufgemacht, da kannst du alles kaufen, was es über- Haupt in der Welt gibt. Strohhüte und Puppen und vor allem Wasche, es ist ein großes Wäschegeschäft, das größte in der Stadt. Da ist in sechs Stockwerken feine Leinwand ausgestapelt, nicht etwa da und dort ein Kasten voll, wie bei der Köchin Helene, sondern Ballen über Ballen, kein Mensch kann so weit zählen. Und manchmal kommt ein fremder Mensch in das Geschäft und will sich eine Pudelmütze kaufen, damit ihn nicht friert, wenn er auf dem Lieferwagen fährt. Hast du vielleicht einen kleinen Buben daheim? fragt die Mutter diesen fremden Menschen. Ja, noch so klein, sagt der Mann und zeigt es mit der Hand, er heißt Karl. Und dann schenkt ihm die Mutter ein ganz neues Gewand für den Buben und Schuhe und ein Hemd. Sle selbst hat alles bezahlt, aber der Mann braucht ihr gar nichts dafür zu geben. Wartet nur, verkündet David, und feine Wangen glühen vor Eifer, geduldet euch! Eines Tages wird die Mutter vierspännig durch das Dorf fahren, mit fchneenteißen Schimmeln, die nicht ein bißchen schwitzen Dürfen, weil sie den Geruch nicht leiden kann. Sie wird in die Kirche kommen und ein gesungenes Jahramt stiften, jedesmal mit Fahnen und Musik und Umgang, aber der Pater Johannes darf nicht einmal Amen dabei sagen, der muß sofort hinausgehen. Und der Borstand wird bei der Mutter anklopfen. Belieben Euer Gnaden im Dorf zu bleiben? wird er fraaen. Ja, die Mutter kauft ein paar Hütten, für bares Geld, versteht sich, und dann wohnt sie nicht etwa darin, sondern sie läßt die Häuser olle niederreißen bis auf den Grund und ein neues Haus dafür aufsetzen, mit einer großen Speisekammer und einem Stall für sechs Pferde und zwölf Kühe, die Schweine und Hühner ungerechnet Zuletzt aber wird ihn die Mutter fragen, ob er jemand kenne, den er glücklich machen möchte? Ja. ' Wer ist es? Agnes vom Pfarrhof. Und dann, Agnes, wirft du dein Geben lang in seiden.» Betten schlafen und täglich Milchreis zum Frühstück bekommen, mit Zucker und Zimt . * Gegen Abend sucht David. Kleinholz und Re'isig in der Streuhütte zusammen und schichtet einen mächtigen Haufen im Baumgarten auf. Der Himmel klärt sich, aber es wird stark tauen, der Reif könnte die Blüte und die jungen Pflanzen verderben. Darum muß David nach Mitternacht ausstehen und ein schwelendes Feuer anbrennen. Die Schwa- den hängen sich dann in die Bäume, sie hüllen eine warme Wolke von Rauch um Haus und Garten, wenn der Reifhüter wachsam ist und sein Feuer nicht vorzeitig ersticken läßt. David sitzt allein im Dunkeln vor der Glut, es ist eine kühle, mondlose Nacht. "Die Stille steht hinter ihm und rührt ihn im Rücken an, darum muß er ein wenig pfeifen und einen frischen Ast ins Feuer stoßen. Ein Hund heult in der Ferne, manchmal trägt der Wind bas Rauschen des Baches heran, als habe sich plötzlich eine Tür im Dunkeln geöffnet. Funken steigen auf, schweben zwischen dem Geäst und vermischen sich mit den Sternen, die aus der grundlosen Schwärze des Himmels ftrahlen. Wie weit ist es wohl bis zu ihnen, denkt David, was sind sie überhaupt — nur goldener Staub auf den Wegen der Engel? Oder find es die Seelen der Abgeschiedenen, leuchtend verklärt und aller Schuld und Mühsal für ewig enthoben? Der Lehrer sagt, die Sterne seien Sonnen, und vielleicht schienen einige von ihnen wiederum auf eine grüne Welt, ähnlich der unseren, aber auf eine bessere, wolle er hoffen. Das glaubt David nicht. Gott macht kein einziges Grashälmchen so wie das andere, wenn man es genau betrachtet. Jedes Ding in der Welt | ist nur einmal da und von allem übrigen verschieden, das hat David längst herausgefunden. So kindisch ist Gott nicht, daß er nur Sonnen machte und nichts als Sonnen, wie eine Henne Eier legt, einen ganzen Himmel voll, und wozu? Der Lehrer wird sich wundern, wenn er am Jüngsten Tage merkt, daß der Himmel doch nicht nach dem Einmaleins gemacht ist. (Fortsetzung folgt.) Das^ahr des Herrn Roman von Karl Heinrich Waggerl Copyright bp Jnsel-Verlag zu Leipzig. , (4. Fortsetzung.) Ein paar Tage gehen vorüber, David drückt sich scheu und verlegen herum, ihm ist, als lache und kichere das ganze Dorf hinter feinem Rücken her. Der Pfarrer fügt nichts, er fchaut ihn wohl einmal an und schüttelt den Kopf, aber das tut er vielleicht nur, weil David so merkwürdig aussieht, mit diesem verbeulten Strohhut auf dem Schädel. Und eines Abends nimmt sich David ein Herz, er packt das ganze Zeug zusammen, die neuen Hosen, das Hemd und auch den Rock, an dem leider schon fast alle Knöpfe fehlen, die Schuhe hängt er sich über die Schulter, und bann geht er wie ein Hausierer und bringt alles in den Laden SUt©a bist du ja wieder, sagte Agathe, sie trifft ihn sogleich mitten Ins Herz mit ihrem schonungslosen Blick. Was meint David wohl, was die Krämerin mit diesen zerknitterten Hosen anfangen soll? Nein, die mag er nur wieder mitneljmen, auch die Jacke und den Hut. Das alles ist sein Eigentum, die Mutter hat es für ihn getauft und bezahlt. So. Einfach gekauft und bar bezahlt. Ein ganzes Vermögen für ihn Angegeben, o mein Gott, und er? Er ist baoongerannt wie em Räuber, er hat ber Mutter nicht einmal Lebewohl gesagt. Weinenb und verlassen sah er sie auf dem Kirchplatz stehen und hatte nicht das mindeste Erbarmen mit ihr. David würgt und schluckt verzweifelt an einer heißen Kugel in feiner Kehle, um alles in der Welt darf er jetzt nicht meinen, vor Agathe nicht. ., _ . , , ,, . „ Wenn also die Krämerin meint, daß er die Sachen behalten soll, bann möchte er jetzt noch einen Bogen Papier haben, einen Bleistift, unb$n)O3u^ib elnen ^rief an die Mutter schicken. Liebe Mutter, wird er schreiben, mit Gott dem Herrn fange ich meine Zeilen an. Du fällst mir sagen, wie der Weg ist und wo ich nach dir fragen muß, denn ich will jetzt bald fortgehen und zu dir in die Stadt kommen, liebe Mutter. Und du sollst nicht mehr so traurig fein. Ich will auch das neue Gewand anziehen, das du für mich gekauft und bezahlt hast. Aber die Schuhe kann ich nicht anziehen, weil es ein so weiter Weg zu dir ist, und sie tun mir weh. Dieses habe ich mit eigener Hand geschrieben, kbe wohl, auf Wiedersehen! Dein treuer Sohn David. Ja, so wäre es gut, das meint auch die Krämerin. Schreibe deinen Brief, sagt sie, und bring ihn zu mir. Aber in die Stadt kann David nicht zu Fuß gehen, das wäre zu weit, viele Tage und Nächte, und lauter frembe Leute unterwegs. Ueberbies hat David ganz recht, erklärt die Krämerin, wenn er lieber im Dorf bleiben will. Er hätte das nur gleich fugen müssen statt davonzulaufen. Ein ordentlicher Mensch sagt immer geradeheraus, was er will, kleiner David, so ein tüchtiger Mann wie du! David nickt, er geht heim und schlichtet seine Staatsgeroanber wieder unter das Bett. * Es gilt jetzt an andere Dinge zu denken, der Frühling ist mit Macht und Glanz gekommen. Ueberatt im Tal sind die Höfe weiß umkränzt von blühenden Bäumen, die Felber färben sich, schon rauscht ber Winb im jungen Gras. Es schneit kleine Blütenblättchen aus dem gläsernen Himmel, die Luft ist voll von saftigen Gerüchen und vom ungestümen Geläut der Bienen. Nachts ziehen die Burschen Arm in Arm durch das Dorf und fingen, und andere antworten ihnen von weither aus den Gehöften. , , Um diese Zeit werden auch die Alten im Armenhaus wieder lebendig, sie versuchen noch einmal die morschen Knochen und schwärmen aus. Kartoffeln und Rüben müffen gefetzt werden, in den Gärten wuchert schon das Unkraut bei so einer Wärme, so einem prächtigen Wachswetter in diesem Jahr. Es ist überall Not an Leuten, sogar die Bauern kommen in das Dorf und fragen herum, helft uns einen halben Tag! Da stehen dann die alten Kerle nebeneinander in den Furchen, aus- getrocknet und krumm wie seltsame hochrückige Tiere. Sie bringen ja nicht viel vom Fleck, aber sie machen ihre Arbeit gut, wie es früher bte Art war. Umsiänblich brehen sie jede Kartoffel in ber zitternben Hand und betten sie sorgfältig ein. Für sie ist das nichts Geringes mehr, so eine Knolle in der Erde, die bann keimt und wächst und roieber Knollen bringt, zehnfache Ernte. Man muß selber alt sein unb ein mühseliges Leben hinter sich haben, ehe man versteht, was bas heißt: Frucht! Manchmal geraten sie plötzlich aneinander, die Sonne heizt ihnen ihre kahlen Schädel, und bann gibt es unversehens Streit auf dem Acker. Du Krautscheuche, sagt der eine, du willst mir Lehren geben? Ich habe schon bei den Kaiserlichen gedient, sagt er, da warst du noch grün und braun in deinen Windeln! Aber für den anderen ist das gar nichts, er pfeift auf die Kaiserlichen unb auf alles nüteinanber. Komm nur her, bu! schreit er. Sie stehen sich schwankend gegenüber und schwingen die Arme, und ihre Schnurrbärte zittern vor Zorn. Es ginge nicht ohne Blut und Totschlag ab, wenn die Knie noch standhielten. Aber eine Weile später kauen sie wieder friedlich ihren Tabak im zahnlosen Mund. David hilft im Pfarrgarten mit, er fetzt Kohl und Karfiol in die sauber geharkten Beete, das feinere Gemüse Agnes steht habet unb sicht zu, wie er den Finger in die feuchte Erde bohrt und die zarten Wurzeln sorgsam in das Loch senkt. Zuweilen muß er auf den Weg