Nummer 6( Montag, den t«. August Jahrgang 1936 haben aber ich kann viel vertragen. . noch den Gedanken hinzu, daß ich mir Sie „Was Sie taten, war vollkommen natürlv Es wurde thr offenbar schwer, Worte zu finden; endlich sagte sie: „Ich weiß nicht, wer Sie sind." O doch, Fräulein Bandeleur! Sie wissen es! Sw wissen es als "ich selber. Und gerade hierüber mör1-*- iA """" ^^Schließlich brach der General, wie wenn er sehr ärgerlich wäre, in heftige Ausrufe aus. Der Diamant öes Raöfchah von Robert Louis Stevenson Copyright by Verlag Albert Langen / Georg Müller, München 6. Fortsetzung. GiehenerZamilieMätter Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger für schöne des Herrn ist ein Simon°Rolles kam pünktlich auf die Minute; er sah aus wie ein Mann, der auf seiner Hut ist, und sprach leise und nut wenigen Worten. Der Diktator dagegen schien in ungewöhnlich guter Laune zu sein; sein Lachen, das jugendlich klang und einen angenehmen Ton hatte, scholl häufig vom Garten herauf; offenbar erzählte er eine Menge komischer Geschichten und ahmte dabei die Mundarten vieler verschiedener Nationen nach und bevor er und der junge Geistliche ihr Glas Wermuth geleert hatten, war offenbar alle Zwietracht beigelegt, und sie plauderten miteinander wie ein paar Schulkameraden. Endlich erschien auch Fräulein Bandeleur: sie brachte die Suppenterrine. Rolles eilte ihr entgegen, um ihr seinen Beistand anzubleten. ... .... besser id)te ich vor allen Dingen Aufklärung 'erhalten. Sagen Sie mir, was Sie wissen!" flehte er. „Sagen Sie mir, wer ich bin, wer Sie sind, und wie unsere Schicksale ineinander verschlungen sind. Helfen Sie mir ein bißchen vorwärts, Fraulem Bandeleur — sagen Sie mir nur ein Wort oder zwei, um mich zu leiten, nur den Namen meines Vaters, wenn Sie wollen — und ich werde dankbar und zufrieden feint" , . .. „Ich will nicht den Versuch machen, Sie zu tauschen , antwortete sie. „Ich weiß, wer Sie sind; aber es liegt nicht tn meiner Macht, es 3f,nJi5agen °<5ie mir wenigstens, daß Sie mir meine Kühnheit verziehen haben, und ich werde so geduldig warten, wie ich kann. Wenn ich nichts wissen darf, so muß ich aus eigene Faust handeln. Das ist schnwrzlich, aber ich kann viel vertragen. Nur fügen Sie nicht zu meinen Sorgen ' zur Feindin gemacht habe! ich, und ich habe Ihnen nichts erbe „Sehen Sie doch!" rief er dem jungen Mann zu; „was Tiere! was für eine elegante Livree! Sie gehören dem Bruder de Bandeleur, der in diesem Augenblick drinnen auf Besuch ist. Er hoher Herr, ein General drüben in Ihrem Lande; ohne Zweifel 6lC Ich °gestehEdaß^ich^von einem General Bandeleur niemals etwas gehört habe. Wir haben viele Offiziere dieses Ranges, und meine Ve- schäitiaunq war bisher gänzlich unmilitärisch/ ' <$s ist der General", antwortete der Hausmeister, „dem der große Diamant gestohlen wurde. Davon müssen Sie doch wenigstens ost m den ^«Sobald Francis^sich^von dem Hausmeister losmachen konnte, lieJ .er bl® Treppen hinauf und eilte an das Fenster. Unmittelbar unter: der Lucke m dem Laube der Kastanien faßen die beiden Herren im Gefprach bei einer Zigarre. Der General, ein soldatisch aussehender Mairn mit rotem Gesicht, hatte eine gewisse Familienähnlichkeit m,t seinem Bruder er ähnelte hm in den Zügen und auch etwas, obgleich nicht viel tn feiner fioltun«, aber er war älter, kleiner und sah gewöhnlicher aus; ferne Aehnlichkeit war eine Art von Karikatur des starken imposartten Diktators. Sie ivracken fo leise, indem sie sich über den Tisch neigten, daß Francis nuMekÄ ein paar Worie aufschnappen konnte Aber das wenige was er hörte brachte ihn zu der Ueberzeugung daß die Unterrevung ihm selber und seiner zukünftigen Laufbahn galt; mehrere Mclle tt g de.r Name Scrymgeour an fein Ohr, denn Ötefer mar lei$t zu unter scheiden; und noch häufiger glaubte er den Namen Francis Horen z „Francis Bandeleur!" rief er, mit starker Betonung des letzten Wortes. „Francis Bandeleur, sage ich dir!" „ Der Diktator machte eine halb zustimmende, halb verächtliche Bewegung mit dem ganzen Oberkörper; aber seine Antwort konnte der junge batite^beMidi selber, ob er wohl der Bandeleur fei, oon dem die beiden Herren sprachen. Stritten sie sich darum, unter welchem Namen er heiraten solle? Oder war die ganze Geschichte nur em Traum, eine Verspottung seiner eigenen eitlen Einbildung? Nachdem das Gespräch wieder eine Zeitlang unhörbar war, schien ein neuer Streit der beiden unter dem Kaftanienbaum auszubrechen, und wieder erhob der General zornig seine Stimme, so daß Francis seine Worte verstehen konnte. ,. ..... Meine Frau?" rief der General. „Mit meiner Frau bin ich für Immer und ewig fertig. Ich will ihren Namen nicht Horen! Ihr bloßer Name ist mir zum Ekel " Und er fluchte laut und schlug mit der Faust auf den ^Ser Diktator schien, nach seinen Gebärden zu urteilen, ihn in väterlicher Weise zu beruhigen. Kurz daraus begleitete er ihn an die Garten-. Pforte. Die beiden schüttelten sich recht herzlich die HaiÄ; sobald aber d,e Tür sich hinter seinem Besucher geschlossen hatte, brach John Bandeleur in ein Gelächter aus, das den Ohren des Horchers am Fenster oben gehässig und sogar teuflisch erklang. So verstrich ein ganzer Tag, und Francis Scrymgeour hatte wenig Neues erfahren. Aber der junge Mann erinnerte sich, daß morgen Dienstag fei und hoffte, an diesem Tage wichtige Entdeckungen zu machen. Bielleicht ging alles gut, vielleicht ging alles schlecht. Jedenfalls würde er aber doch irgend etwas von Bedeutung erfahren, und wenn er Gluck hatte, konnte er sogar hinter das Geheimnis kommen, das feinen Vater und feine Familie umgab. Als die Stunde des Mittageffens herankam, wurden in dem Garten des Hauses mit den grünen Läden manche Vorbereitungen getroffen Der Tisch den Francis durch die Lücke im Kastanienlaub zum Teil überblicken konnte, diente zum Abstellen des Geschirrs und der Speisen; auf ihm standen eine Anzahl Teller und Schusseln und alles, was zur Zubereitung eines Salats gehört. Der andere Tisch, von dem nur ein sehr kleiner Teil u seh7n war war für die Teilnehmer des Mahles gedeckt, und Franc.s konnte ein Eckchen von einem weißen Tischtuch erblicken, woraus silbernes zu verzeihen. Geben Sie wohl!" „Soll dies ein .Lebewohl' fein?" „Nein. Das weiß ich selber noch nicht. Also, wenn Sie lieber wollen, leben Sie einstweilen wohl!" Und mit diesen Worten ging fie^ Francis ging in großer Ausregung in seine Wohnung zurück. Seine Ueberfehung des Euklid machte an diesem Vormittage sehr geringe Fortschritte.'Und er hielt sich mehr am Fenster auf als an feinem impro- "^Er°chh^Fräulein Bandeleur nach Hause kommen und sich mit ihrem Bater begrüßen, der auf der Veranda eine Zigarre rauchte. Sonst aber ereignete sich bis zur Zeit des Mittagessens nichts Bemerkenswertes in der 'Nachbarschaft des Hanfes mit den grünen Fensterladen Der jmige Mann stillte hastig feinen Hunger in einer benachbarten Speisewirtschaft und kehrte von seiner unbefriedigten Neugier getrieben, sofort wieder nach dem Haufe in der Rue Lepic zuruck. Ein Reitknecht führte vor der Gartenmauer ein paar gesattelte Pferde auf und ab, und Scrymgeours Hausmeister stand an den Türpfosten gelehnt rauchte eine Pfeife und bewunderte die Livree und die beiden terrine Rolles eilte ihr entgegen, um lyr Jemen --oeqiariuunöiw«w.., den sie lachend ablehnte; es wurden hierauf unter dem Trio aller ei Scherze gewechselt, die sich darauf zu beziehen schienen, daß die Bedienung auf so primitive Weise von einem der Tischgenossen selbst uber- "E Man "st/auf diese Weise behaglicher unter sich", hörte Francis den "^^In^n^chsten'Augenbsick saßen alle drei auf ihren Stühlen unb Francis konnte von dem, was weiter vorging, weder etwas sehen noch Horen. Aber die Madlzeit schien luftig zu verlaufen; unter dem Kaftanienbaum wurde munter geplaud/ri, und Messer und Gabeln klapperten -usi g Francis ber nur ein Brötchen bei sich hatte, beneidete sie um diese behagliche Mablreit Die Gesellschaft verzehrte ein Gericht nach dem anderen und zum^ Schluß einen leckeren Nachtisch, zu weichem der Diktator e.genhand.g eine ölten ^Beines entfortte. , , v 9H5 e5 dunkel zu werden begann, wurden eine Lampe aus den Tisch und zwei Kerz^ auf den Nebentisch gestellt; denn der Abend war vollkommen windstill, an dem klaren Himmel funkelten die Sterne^ Außerdem langen aus Tür und Fenster der Veranda Fluten von Licht hervor so^ daß der Garten hell erleuchtet war und die Blatter der “ÄS !Ä IS» und Francis hörte ihn sagen: , iliSÄÄ er (einen EmeinMchen 11* im braunen Lebenstrankes ein; dann goß er mit der Geschwindigkeit eines Taschenspielers den Inhalt eines winzigen Fläschchens in die kleinere der beiden Tassen. Dies wurde so schnell gemacht, daß sogar Francis, der ihm gerade ms Gesicht sah, die Bewegung kaum bemerkt«, als sie auch schon vollzogen war. Im nächsten Augenblick war der alte Vandeleur immer noch lachend mit einer Tasse in jeder Hand wieder an den Eßtisch getreten. „Bevor mir fertig sind", sagte er, „können wir unseren berühmten Gast bei uns erwarten." Die Aufregung und Angst des jungen Bankbeamten können wir unmöglich schildern. Er sah, wie unter seinen Augen ein heimtückisches Verbrechen vor sich ging, und er fühlte sich verpflichtet, «inzuschreitcn, aber er wußte nicht wie. Vielleicht konnte es sich um einen bloßen Spaß handeln, und wie würde er dann dastehen, wenn er unnötigerweise eine Warnung losließe? Oder, wenn es Ernst wäre, so war der Verbrecher vielleicht sein eigener Vater, und wie traurig wäre es doch für ihn, wenn er seinen Erzeuger ins Verderben stürzte? Zum erstenmal wurde es ihm bewußt, in welcher peinlichen Lage er selber als Spion sich befand. In einem so kritischen Augenblick und unter so widerstreitenden Gefühlen untätig warten zu müssen, war für ihn eine peinliche Qual; er klammerte sich an die Stäbe seines Fensterladens an, sein Herz schlug schnell und unregelmäßig, und er fühlte am ganzen Leibe einen starken Schweiß ausbrechen. Mehrere Minuten vergingen. Es kam ihm vor, wie wenn das Gespräch weniger lebhaft und laut würde, aber es ereignete sich nichts, was ihn hätte beunruhigen oder auch nur bemerkenswert erscheinen können. Plötzlich hörte er einen Klang wie von zerbrochenem Glase und darauf einen schwachen, dumpfen Ton, wie wenn ein Mensch mit dem Kopf auf einen Tisch sänke. In demselben Augenblick erhob sich in dem Garten ein durchdringender Schrei. „Was hast du getan?" rief Fräulein Vandeleur. „Er ist tot!" Der Diktator antwortete im Flüsterton, aber so heftig und zischend, daß der Horcher am Fenster oben jedes Wort vernehmen konnte: „Still! Dem Mann fehlt so wenig, wie mir selber. Fasse ihn an den Absätzen; ich trage ihn an den Schultern." Francis hörte, wie das Mädchen in ein leidenschaftliches Weinen ausbrach. „Hörst du nicht, was ich sage?" begann der Diktator wieder in dem gleichen Ton. „Oder willst du vielleicht Streit mit mir haben? Ich lasse dir die Wahl!" Wieder entstand eine Pause; und wieder sprach dann der Diktator. „Fasse den Mann an den Füßen! Er muß ins Haus gebracht werden. Wenn ich ein bißchen jünger wäre, könnte ich mir selber gegen die ganze Welt helfen. Aber jetzt, da Gefahren mich bedrohen, da ich alt bin und meine Hände schwach geworden sind, muß ich von dir Hilfe verlangen." „Es ist ein Verbrechen", antwortete das Mädchen. „Ich bin dein Vater." Dieser Appell schien seine Wirkung hervorzubringen. Es folgte ein schlürfendes Geräusch auf dem Gartenkies, ein Stuhl fiel um und dann sah Francis Vater und Tochter über den Weg stolpern und in der Veranda verschwinden. Sie trugen an Knien und Schultern den leblosen Körper des jungen Geistlichen. Simon Rolles war leichenblaß und bei jedem Schritt, den die beiden machten, schwankte sein Kopf hin und her. War er lebendig oder tot? Trotz der Erklärung des Diktators neigte Francis sich der letzteren Ansicht zu. Ein großes Verbrechen war begangen worden; ein großes Unglück war über die Bewohner des Hauses mit den grünen Läden gekommen. Zu seiner Ueberraschung fand Francis, daß alles Entsetzen wegen des Mordes vor der Sorge verschwand, die er um ein Mädchen und einen alten Mann fühlte, der in der höchsten Gefahr schweben mußte. Ein hochherziges Gefühl durchdrang seine Brust; auch er wollte seinem Vater gegen Welt und Menschheit helfen, gegen Schicksal und Gerechtigkeit! Er stieß den Fensterladen auf, schloß seine Augen und ließ sich mit ausgestreckten Armen in die Zweige des Kastanienbaumes fallen. Ein Zweig nach dem andern glitt ihm aus den Händen oder brach unter feinem Gewicht; endlich aber geriet ein starker Ast unter feine Achselhöhle und er hing einen Augenblick in der Schwebe. Dann ließ er sich herabgleiten und fiel schwer gegen den Tisch an. Ein lauter Ruf vom Hause her gab ihm die Kunde, daß sein Eindringen nicht unbemerkt geblieben war. Er richtete sich taumelnd auf, durchmaß in drei Sprüngen den Zwischenraum und stand vor der Verandatür. In einem kleinen Zimmer, dessen Fußboden mit Matten bedeckt war und dessen vier Wände von Glasschränken, voll von seltenen und kostbaren Merkwürdigkeiten, eingenommen waren, stand der alte Vandeleur, über den Körper des jungen Geistlichen gebeugt. Er richtete sich auf, als Francis eintrat und machte eine blitzschnelle Bewegung mit den Händen. Sie dauerte nur den Bruchteil einer Sekunde; so schnell ein Auge sehen kann, war es getan; der junge Mann konnte seiner Sache nicht ganz «sein, aber es kam ihm vor, als ob der Diktator etwas von der des Geistlichen entfernt, es mit einem kurzen Blick angesehen und sofort seiner Tochter gegeben hätte. Dies alles war vor sich gegangen, während Francis noch mit dem einen Fuß auf der Schwelle stand. In dem nächsten Augenblick lag er vor dem alten Vandeleur auf den Knien und rief: „Vater! Laß auch mich dir helfen. Ich will alles tun, was du begehrst, und will keine Fragen stellen. Mit meinem Leben will ich dir dienen. Behandle mich als deinen Sohn, und du wirst finden, daß ich dir treu bin wie ein Sohn!" Eine furchtbare Salve von Flüchen war die erste Antwort des Diktators; dann rief er: „Sohn und Vater!" rief er. „Vater und Sohn? Was für eine verdammte blödsinnige Komödie ist das alles? Wie kommen Sie in meinen Garten? Was wollen Sie? Und wer sind Sie denn überhaupt, 3um Teufel nochmal?" Francis stand mit einem ganz verdutzten und verschämten Gesicht wieder aus und schwieg. Plötzlich schien dem alten Vandeleur ein Licht aufzugehen; er lachte laut auf und sagte: „Ach so! Es ist der Scrymgeour. Schön, Herr Scrymgeour, lassen Sie mich Ihnen in ein paar Worten sagen, wie es mit Ihnen steht. Sie sind in meiner Privatwohnung mit Gewalt eingedrungen, oder vielleicht mit List, aber jedenfalls ohne eine Aufforderung von meiner Seite; und jetzt kommen Sie in einem peinlichen Augenblick, wo ein Gast an meinem Tisch ohnmächtig geworden ist, und fallen mit Ihren Erklärungen über mich her! Sie sind kein Sohn von mir. Sie sind ein Sohn meines Bruders und eines Fischweibes, wenn Sie das wissen wollen. Ich betrachte Sie mit einer Gleichgültigkeit, die nahe an Abneigung grenzt; und aus dem, was ich von Ihrem Benehmen sehe, ziehe ich den Schluß, daß Ihr Geist genau Ihrem Körper entspricht. Ueber diese Bemerkungen, die Sie vielleicht kränken mögen, empfehle ich Ihnen in Ihren Mußestunden nachzudenken; bis dahin gestatten Sie mir Sie zu ersuchen, uns von Ihrer Anwesenheit zu befreien. Wenn ich nicht beschäftigt wäre", schloß der Diktator mit einem entsetzlichen Fluch, „gäbe ich Ihnen ganz gehörige Dresche und schmisse Sie dann hinaus!" Francis hörte tief gebemütigt diese Worte. Er wäre geflohen, wenn ihm dies möglich gewesen wäre; aber da er nicht wußte, wie er aus dem Garten herauskommen sollte, in den er so unglücklicherweise ein» gedrungen war, so konnte er nichts weiter tun, als mit einem dummen Gesicht stehen zu bleiben. Fräulein Vandeleur brach endlich das Schweigen und sagte: „Vater, du sprichst im Zorn! Herr Scrymgeour mag einen Mißgriff begangen haben, aber er meinte es gut und freundlich." „Ich danke dir dafür, daß du dies sagst, erwiderte der Diktator. „Du erinnerst mich daran, daß ich es für notwendig halte, Herrn Scrymgeour noch einige andere Mitteilungen zu machen. Mein Bruder", fuhr er fort, indem er sich an den jungen Mann wandte, „war töricht genug, Ihnen ein Iahrgeld auszufetzen; er war töricht und eingebildet genug, um eine Heirat zwischen Ihnen und dieser jungen Dame vorzuschlagen. Sie wurden am vorletzten Abend ihr gezeigt, und es macht mir Vergnügen, Ihnen zu sagen, daß sie den Gedanken mit Abscheu von sich wies, lassen Sie mich hinzufügen, daß ich einen bedeutenden Einfluß auf Ihren Vater ausübe, und daß es nicht meine Schuld fein wird, wenn Ihr Jahrgeld Ihnen nicht entzogen und wenn Sie nicht an bas Schreibpult zurückgeschickt werben, bevor bie Woche um ist." Der Ton, in welchem ber alte Mann bieses sagte, war vermutlich noch mehr verletzenb als die Worte selbst; Francis fühlte sich mit der grausamsten, unerträglichsten Verachtung mißhandelt; ihm wurde schwarz vor den Augen, er schlug die Hände vors Gesicht und stieß zugleich einen Seufzer tiefsten Schmerzes aus. Doch abermals trat Fräuleip Vandeleur für ihn in die Schanze. „Herr Scrymgeour", sagte sie in ruhigem und herzlichem Ton, „Sie müssen sich meines Vaters harte Ausdrücke nicht zu Herzen nehmen! Ich fühlte keinen Abscheu vor Ihnen; im Gegenteil, ich wünschte Gelegenheit zu haben, Sie besser kennen zu lernen. Was die Vorgänge des heutigen Abends anlangt, so bitte ich Sie, mir zu glauben, daß Sie mich mit Mitleid und zugleich mit Achtung Ihnen gegenüber erfüllt haben." Gerade in diesem Augenblick machte Rolles eine krampfhafte Arm- beroequng, die den jungen Francis überzeugte, daß er nur ein Schlafmittel erhalten hatte und die Wirkung des Opiums bereits abzuschütteln begann. Der alte Vandeleur beugte sich über ihn und sah ihm einen Augenblick ins Gesicht. Dann erhob er wieder den Kopf und rief: „Run genug! Die Sache muß einmal ein Ende haben! Und da dir fein Benehmen so gut gefällt, liebe Tochter, so nimm eine Kerze und lasse den Herrn hinaus!" Die junge Dame beeilte sich ihm zu gehorchen; Francis aber sagte zu ihr, sobald er mit ihr im Garten allein war: „Ich danke Ihnen! Ich danke Ihnen aus tiefster Seele! Dies war ber bitterste Abend meines ganzen Gebens, aber es wirb stets auch eine angenehme Erinnerung an ihn mir bleiben." „Ich sprach, wie ich fühlte, unb wie Sie es verdienten. Es tat meinem Herzen weh, daß Sie so unfreundlich behandelt werden sollten." Sie hatten mittlerweile die Gartenpforte erreicht, und Fräulein Vandeleur, die bie Kerze auf bie Erde gesetzt hatte, war schon damit beschäftigt, bie Riegel zurückzuschieben. Da sagte Francis: „Noch ein Wort! Es ist boch nicht das letztemal — ich werde Sie Wiedersehen, nicht wahr?" „Ach!" antwortete sie. „Sie haben ja meinen Vater gehört. Was kann ich weiter tun, als gehorchen?" „Sagen Sie mir wenigstens, daß Sie nicht mit seinen Worten einverstanden sind. Sagen Sie mir, daß Sie nicht den Wunsch haben, mich niemals wiederzusehen!" „Diesen Wunsch habe ich in ber Tat nicht. Sie scheinen mir tapfer unb ehrlich zu fein." „Dann geben Sie mir ein Anbeuten!" rief Francis. Sie zögerte einen Augenblick. Ihre Hanb tag bereits am Schlüssel; benn sie hatte bie verschiebenen Riegel unb Eisenstangen zurückgeschoben unb brauchte nur noch bas Schloß zu öffnen. „Wenn ich bas tue", sagte sie, „wollen Sie mir bann versprechen, ganz genau so zu hanbeln, wie ich es von Ihnen verlange?" „Können Sie noch fragen?" antwortete Francis. „Das täte ich von Herzen gern auf Ihr bloßes Wort hin!" Sie brehte ben Schlüssel um, öffnete bie Pforte unb sagte: „Gut. Sie wissen nicht, was Sie verlangen; aber gut, es fei so. Ader was Sie auch Horen, was auch geschehen mag, kommen Sie nicht roieber in bieses Haus! Laufen Sie fo schnell wie möglich, dis Sie in die hell beleuchteten, belebten Stadtteile kommen; und selbst da seien Sie auf ber Hut! Sie find in größerer Gefahr, als Sie glauben. Versprechen Sie mir, baß Sie sich mein Anbeuten nicht einmal ansehen wollen, bevor Sie in einem sicheren Ort sind!" (Fortsetzung folgt.) leise h In staunender Ergriffenheit umfaßte Elvira den Schattenspendenden noch einmal mit den Augen, in denen Tränen standen. Der Zusammenhang mit den Wurzeln der Kraft verringerte sich mit jeder OTtnuk. Der Königsmüller und sein Gehilfe arbeiteten in atemloser hast, endlich aber hielten sie schweißtriefend inne, „Warte, Elvira, gleich kannst du ihn zusammenbrechen sehen, ma@g'ift schließlich nur noch eine Balance, ein gefahrdrohendes Schweben der 40= oder 80-Zentner-Last vor der Fallsekunde, eine Vorahnung ^Me"säg? verstummte. Die Axt des Königsmüllers donnerte dumpf gegen den eisenharten Stamm, Dann sprang er behend zur Seite. Das Blut sang in seinem Kopf, die Augen des Erhitzten flimmerten Und wie in Feuerspielen sah er Elvira stehen, die wie in jener Brandnacht den Baum anstarrte. Die ^Kron^"des^ Baumkolosses begann unmerklich zu kreisen, eine ruck- artige Drehung nur, als ginge ein letztes Todeszucken durch den seiner Balis Beraubten, Dann zog ihn die Erdkraft übermächtig herab, Elvira' Mein Gott!" Der Königsmüller hielt den Atem an, die Eiseskälte der Angst fährt ihm ja durch die Glieder, Wie em Tier steht er sprungbereit und doch gelähmt auf seinem Platz und verfolgt, Phase um Phase das Entsetzliche: wie der Nußbaum, aller Borausberechnung, allen Erfahrungen, allen physikalischen Gesetzen zum Trotz nicht in die Richtung des ausgespannten Seils, sondern mit der ungeheuren Wucht seines Stamms aül Elvira niederstürztm . Es gab keine Rettung mehr, nicht einmal einen Schrei. Nur eine lieber zwanzig Jahre liegt nun der Tod Elviras lu^ück. Der Königsmüller. den das unberechenbare Schicksal vor unerklarlickie, geheimnisvolle Zusammenhänge gestellt hatte — denn schien es nicht io. als habe Elvira eben dielen Nußbaum erhalten wollen, damit er sie em" begrabe und er. der Geliebte, zu ihrem Totenaräber werde — der Konmsmuller ward früh grau und in feinem erbitterten Herzen beinahe menschen- Da trat ein Ereignis von schicksalhafter Bedeutung für bas Leben des Müllers ein. (Sines Nachts ertönten die Hupen der Backer m den nächsten Dörfern, läuteten die Kirchenglocken Sturm: die Konigsmuhle brannte! Wie ein funkensprühendes Feuerwerk stand ste schaungschon im Dunkel der Nacht, Ihre brennenden Flügel kreisten, sie kreisten wie ungeheure Arme, die Fackeln halten und sie gen Himmel zu schleudern versuchen. Der Königsmüller stand mit wehendem Haar wilden Augen und zusammengebissenen Zähnen dabei, verdammt, büflos mitansehen zu müssen wie sein Heiligtum, das Erbe seines alten Geschlechts, langsam knisternd und knackend von den Flammen gefressen wurde. Er sah verzweifelt auf das rot lohende Ungeheuer, die Muhle, und er sah auf die Menschen, die zu vielen Hunderten mit geisterhaft erleuchteten Gesichtern ringsum standen und ms Feuer starrten. Die F^ier- wehren rasselten heran. Befehle, Poltern, durch der Hande lange Kette flogen die Eimer gefüllt mit Brunnenwasser. .. Plötzlich rief ein junges Mädchen, das zarte Stadtfraulein Elvira, das hier feit einer Woche feine Landferien verbrachte: „Königsmüller! Rettet den Nußbaum!" Der Angerufene sah auf den Nußbaum, nach dem >n der Tat schon die Flammen züngelten, und er sah das aufgeregte Fraulem an, das einen so sonderbaren Wunsch vorbrachte Ihr Mund stand halb öfter, sie war bleich und zitterte. Es verdroß den Muller der ™ als an seine teure Mühle dachte, er machte einen Schritt zu ihr hin und schrie ihr im Lärmen und Brechen des Holfes zu: „Unsinn! Weibergeschwätz! Zuerst die Muhle. ... , fikbrütl Darauf schwieg sie. Er betrachtete noch einmal, mitten im Gebrul der Männerstimmen, ihr flammendes Gesicht. Es war unverwandt aus den gefährdeten Nußbaum gerichtet. Aber er fiel nicht. Er wurde gerettet. Als die Nacht sich verflüchtigte, war die stolze Muhle ein elender, schwarzer, glimmender Trümmerhaufen. , . . Der Königsmüller, von Haus begütert, liebte seine Muhle Zu lehr, als daß er sie nicht wieder aufgebaut hätte. Er verdiente nicht viel mit ihr, denn die Windmüller sind ein langsam sterbender Beruf, und die Motormühlen ersparen den Bauern das lange Warten. Das Blut der Väter ließ aber nicht zu, daß er das Jahrhunderterbe au gab und einen neuen Beruf ergriff. Wie ein Phoenix aus der Asche, erstand aufs neue die Königsmühle. Elvira war längst in der Stadt und ging ihrem Berufe nach Doch schon im Jahre darauf kam,fte wieder in die geliebte Gegend, wo ihr schon am zweiten Tage der Muller begegnete. Er erkannte fie unb lachte fie, rvte es setne Ärt War, munter an. „Sind Sie nicht das Nußbaum-Fräulein? Gewiß sind Sie nur bos, daß" ich damals so geschrien habe." ° Ach", erwiderte sie lächelnd, „deswegen... Das liegt doch schon ein ganzes Jahr zurück, nicht wahr? Ich war damals so aufgeregt, denn auf dem Baume waren doch Starnefter." „Starnester?" „Ja. Wußten Sie das denn nicht? . „Doch, aber natürlich, Fräulein Elvira — ich darf doch jo (agen, ja, da staunen Sie, woher ich das weih! " doch das wußte ich schon, ^datz da Stare und Nester waren. Aber wo doch die Muhle brannte ! Und nun sanden sie, daß das Herz der Frau für das hilflose Getier geschlagen hatte, weil sie 7a nicht ermessen konnte, wie sehr des Mullers, des Mannes Herz an der ehrwürdigen Bockmuhle hing. Sie lachten verwundert, das elegante Fräulein Elvira und der fidele Königsmüller, der nur Sonntags einen Kragen umband Und es kostete ihn nicht viel Mühe, Elvira zu überreden, sich seine Muhle einmal anzu- ehen und erklären zu lassen: alle die Rädchen und Mühlsteine, den „Schwanz" und die „Segel", das ganze wunderbare Getriebe „Und die Trompete aus dem Siebenjährigen Kriege .fragte sie, .'ja, da spielen Sie nun wieder den Verblüfften! Bitte, bitte, Sie muffen m:ij mal as vortlafen! b|ie5, bis er ganz rot im Gesicht war und der Schweiß ihm auf der unbeschwerten 3ungenfttrn ftanö. __ Das ging so munter Tag für Tag, Woche für Woche. Er blies, mahlte zuweilen, hatte jetzt jeden Tag einen neuen Kragen um und fern Mundwerk schlug lustige Volten. Das Dorf schwoll von Gemunkel Der Komgs- müller war glücklich. Elvira war glücklich. Wen wundert es, daß sie ®r’&b 'ganTobe"’ auf der Mühle und entwickelte ihr, während der Abend mit funkelnden Rändern sich auf die Erde (egte, ferne Plane: Em neues, schöneres Wohnhaus für fie be.de; einen Garten voll Gemüse und Blumen und Obstbäumen; Stallungen für allerlei Vieh Aber der alte brave Nußbaum, leider, der stand da arg im Wege. Ja, der mufte wohl schon daran glauben... Denn der neue Bebauungsplan lasse nicht zu daß der Nußbaum weiter seinen Schatten spende. Doch als Entschädigung solle sie einen ganzen Garten von Baumen bald haben und omel Startäften, wie sie nur wolle. „Ja, gewiß, Lieber , sagte Elvira und fuhr streichelnd über seine bärenstarke, ruhige Rechte, „wenn es nicht anders geht. Aber ich darf doch dabei fein, wenn er gefallt wird? Natürlich! Das werde ein wahres Spektakel fern! Der Komgsmuller holte sich einen Knecht vom Gut, denn der Stamm war zu dick, als daß er allein mit der Axt bewältigt werden koiE D,e Sage drang mit Hellem, hartnäckigem Brummen in das Fleisch des Riesen ein. Manchmal schien es, als zittere angesichts der immer klgffenderen Wunde der alte Baum bis in feine Krone hinauf, als bebe wie ein Urweltbatz der Schmerz im mächtigen Gewölbe der Aeste und Zweige nach. Er war als könne er noch entfliehen, an eine entfernter stehende Lmde angefeilt wie ein Raubtier. Die Fallbahn lag mit mathematischer Sicher- Der Haushahn. Von Hermann Lingg. Er hatte Mut und einen stolzen Schritt, Er ließ nur fetten sich begleiten, Er war ein Herr, der keine Kränkung litt, Er hatte Sporn, gleich wie ein Mann zum Reiten; Sein Haupt war feurig, voller Gluten ganz, Er stammte vom hispanischen Geblute, Man sah's an seiner Federn dunklem Glanz, Und wie der Stolz aus seinen Augen sprühte. Viel traute Frauen gingen vor dem Tor Im Hofraum mit ihm aus und ab, Nicht wie das Huhn nahm ihn die Köchin ab, Ihm stund weit Schlimmeres bevor; Er ward in Ruhestand versetzt, Und dies hat ihn so tief verletzt, Daß tief er’s in die Erde kratzte, Ja, daß ihm schier davor Der rote Kamm auf seinem Haupt zerplatzte. Ein Fremder, ein Brahmine kam. Ein Cochinchina trat an feine Stelle, Und ach, die Herzen aller Frauen nahm Der Fremdling ein mit Blitzesschnelle. Dem Haushahn blieb für all' erlittne Kränkung Nur ein Ersatz, ihm blieb der Mist, Der Berg, von dem er jede Schwenkung Des Gegners übersieht und sich vergißt, Wenn ganz Verächtliches der andere frißt. Dann singt er in der Morgenfrühe Sein Weckelied der ersten Tagesglut Und denkt, was gibt sich doch die fremde Brut Mit Singen viel vergebene Mühe. Und stolzer wallt er durch die Flur Und sieht auf jeden Hahnenfuß verzückt, Weil noch int großen Buche der Natur Ein Blümchen sich mit seinem Namen schmückt. Oer Königsmüller. Von Werner Schumann. Wenn der Wind eingeschlafen ist und die Pappeln länge» *« ■ gurgelnden Baches wie feierliche Kerzen in die Stille der hier voll g ebenen Landschaft ragen, kann man bis zu den ersten Hausern des Heide-Dorfes den alten Müller fingen Horen. Die Handwerksburschen, die in der Gegend die „Monarchen" heißen, bleiben stehen und verwundern sich, gerade von einem Mllllersmann ein so merkwürdig trauriges Lied zu hören. Ein tiefer Baß trägt es in den Abend hinein: Was heut noch grün und frisch dasteht, wird morgen alles weggemaht: die edel Narzisse!, die englische Schlüssel, die schön Hyazinty, die türkische Bind. hüt dich, schön's Blümelein!" Und dann fragen die Wandergesellen wohl nach seiner Geschichte, die alle hier kennen und die die Alten den $U,1(rin rechter^ Bruder Lustig war der Müller, so etwas von toller, über- schätlmender Jugend findet man heute kaum noch. Der Uebermut von einem halben Dutzend Müllergeschlechtern sprudelte in ihm, dem letzten seines Geschlechts, der, weil fein Vater von einem Balken erschlagen wurde als 2Sjähriger die Mühle übernehmen mutzte. Vom Großvater halte er die Trompete geerbt, und er blies sie virtuos wie keiner. Er spielte aber auch die Zither, verstand auf einer Flöte keck zu quinguilie- ren, doch am mitreißendsten war sein Gesang, der alles m feinen_ -^e! riß. So lebte er, jung wie er war, das Leben eines echten Mullers. Sem Witz war berühmt im Lande und wenn die Dorfburschen sich einen vergnügten Sonntag machen wollten, so gab es kein anderes Ziel als den Bruder Lustig auf (einer Mühle, den „Königsmuller Denn fein windiges Reich, die hurtig klappernde und mahlende Mühle, hieß darum die königliche, weil seine Vorfahren sie dem Alten Fritzen zu dessen nahe gelegenem Dominium sie gehörte, abgekaust feindlich. Er rührte die Trompete und die Zither und die Flöte nicht mehr an. Er hat sich auch nie wieder für eine Frau entschließen können. Aus seiner Mühle hockte er wie auf einer uneinnehmbaren Festung, an der die motorisierte Welt abprallt. Zu seinen seltenen Kunden gehören Bauern, bei denen es mit dem Ausmahlen des Korns nicht gar so eilt. Sie hängen an dem seltsamen Königsmüller, an dem weiland Bruder Lustig, der einst jeden Griesgram munter aus dem Felde schlug, wie an einer teuren Erinnerung aus längst vergangener Zeit, da noch die Trompete erklang zum lustigen Spiel der Flügel. „Hört Ihr? der alte Königsmüller singt wieder", sagen die Dorfleute, die ihn noch jung kannten. Es ist ein Lied von Jugend und frühem Tod, das die Menschen fernhält. An meine Mutter. Von Johann Wolfgangvon Goethe. Obgleich kein Gruß, obgleich kein Brief von mir so lang dir kommt, laß keinen Zweifel doch ins Herz, als wär' die Zärtlichkeit des Sohns, die ich dir schuldig bin, aus meiner Brust entwichen. — Nein, so wenig als der Fels, der tief im Fluß vor ew'gem Anker liegt, aus seiner Stätte weicht, obgleich die Flut mit stürm'schen Wellen bald, mit sanften bald darüber fließt und ihn dem Äug' entreißt — So wenig weicht die Zärtlichkeit für dich aus meiner Brust, obgleich des Lebens Strom, vom Schmerz gepeitscht, bald stürmend drüber fließt und, von der Freude bald gestreichelt, still sie deckt und sie verhindert, daß sie nicht ihr Haupt der Sonne zeigt und ringsumher zurückgeworfene Strahlen trägt und dir bei jedem Blicke zeigt, wie dich dein Sohn verehrt. Ernsthaftes Zwischenspiel. Von Udo Wolter. Grit richtete sich auf der Bettkante auf und rubbelte sich das blonde Haar zurecht. Mit einem unbestimmten Laut rutschte sie aus ihrer Fakirstellung auf das Deckbett zurück, seufzte, legte die mit der morgendlichen Post durch den unteren Türschlitz geschobene Ziehungsliste auf den Nachttisch und hielt in ihren Händen das unscheinbare, graue Los, dessen wilde, in die sechs Stellen gehende Zahlenreihe sie intensiv und liebevoll betrachtete. Ihr von den letzten Paddelbootpartien noch braungebranntes, energisches Gesicht mit den schmalen Lippen sank langsam, ein wenig einfältig vor wesenlosem Glück, zur Seite. Mit einem wilden Ruck sprang sie auf, stand in dem zu kurzen Pyjama im Bett und fiel mit einem markerschütternd hohen, kleinen Trillerschrei der dicken Wirtin in die Arme. Knurrend kam Fox aus der Küche gesaust und verharrte breitbeinig und zähnebleckend mit bösen, leuchtenden Augen in dem Türrahmen. , ~ „Achttausend Mark", sagte Grit plötzlich sachlich. Sie fiel Frau Blomm aus den Armen, kauerte sich nieder, nahm mit einem hastig hervorgekramten Bleistift ein kurzes Rechenexempel vor und hielt das Ergebnis der Wirtin vor die Nase. „Zweitausend kriegt der Staat, Vermögenssteuer ist nicht, bleiben achttausend Mark, verehrte alte Dame und Zimmerverleiherin. Gäbe ich Ihnen das Geld..., gar nicht auszudenken, wie lange ich dann bei Ihnen wohnen könnte." „Achttausend", stöhnte Frau Blomm. „Achttausend", bestätigte Grit, und die Zahl sprang und tanzte durch den Raum. Frau Blomm erhob sich ächzend und kopsschüttelnd, gab das Los an Grit zurück und holte das Tablett. Grit blieb allein, soweit man mit achttausend Mark im Zimmer überhaupt allein bleiben kann. Eine wilde Unruhe trieb sie hin und her. Mit einem energischen Ruck hatte das Schicksal Jupp und sie auf die Beine gestellt. Jetzt gab es keine Problematik mehr. Morgen konnten sie heiraten, heute, wenn sie es wollten, und statt des Kanus würden sie ein Auto besitzen. Achttausend Mark, das war ein Schatz, das war das Schicksal in Person. „Grit", sagte sie. Langsam blieb sie stehen und starrte in den Spiegel. Wildes Erschrecken flutete ihr in das pochende Herz, alle Freude versank, die ganze Vergangenheit der letzten beiden Jahre, die ihre Bekanntschaft mit Jupp umschlossen, wuchs herauf. Sie betrachtete ihre Hände, die noch immer keine Ringe trugen. Hatte Jupp nur ein einziges Mal von Heirat gesprochen? Sie dachte krampfhaft nach. Soviel sie auch grübelte, es blieben nur Andeutungen und flüchtige Bemerkungen, hineingestreut in gleichgültige Gespräche. Oder war nicht alles bisher selbstverständlich gewesen, ohne viele Worte? Sprachen nicht diese beiden Jahre für sich, und konnte Jupp mit seinen hundertfünfzig Mark Monatsgehalt überhaupt Versprechungen geben? Sie kleidete sich an. Noch einmal ging sie zu dem Los hinüber, dann nahm sie ihr schönstes Kleid, das er so liebte. Es war ganz in Braun gehalten, mit kleinen, gelben Spitzen. Sie suchte das Parfüm heraus, das ihm gefiel. Und schließlich zog sie zögernd auch den Mantel über, der zu diesem Kleid gehörte, obgleich es der einfachere auch getan hätte. Und nun, wie sie vor dem Spiegel stand, sah sie, daß sie von den Schuhen an bis zum taut und dem kleinen Halstuch so gekleidet war, wie er es liebte, und wie er sie bewundert hatte. Da war nichts, was aus der Reihe sprang, und alles hielt Linie und Form und konnte sich sehen lassen. Zum ersten Male seit ihrer Begegnung mit Jupp erfaßte sie ganz und in tiefster Seele, wie schön sie war, und wie er ihr gehören mußte. Mit einem kleinen Lächeln verbarg sie das Los in der Handtasche und machte sich auf den Weg. „Hallo, Grit", sagt Jupp. „Ich dachte, ein Kunde." Er stutzte und betrachtete sie. „Hast du heute keinen Dienst?" „Gib mir erst mal einen Kuß", verlangte sie. Er tat es. Ganz dicht standen sie sich in dem dunklen, kleinen Flur gegenüber. Im Büro, das zugleich sein Wohnraum war, lagen Zeichnungen auf dem Tisch. Grit warf sich in einen Sessel, lächelte ihm zu. In dem Etui, das sie ihm einmal geschenkt hatte, waren einige Zigaretten. Sie legte sich zurück, zündete sich eine davon an und ließ sich Feuer geben. Gib nicht so anl — f%t die Grit von gestern schonungslos. „Also, was ist passiert?" fragte Jupp. Er stand hinter dem Tisch und sah auf sie herab. Kleine Falten standen in seiner Stirn, das war stets so, wenn er nachdenklich oder zornig war. Diesmal wollte sie nicht entscheiden, was es zu bedeuten hatte. „Gefall' ich dir nicht?" Er lächelte, sein gutes, breites Gesicht näherte sich. Da spürte et die Zeichnungen unter seiner Hand, die Heinen Falten ballten sich von neuem. „Nun sag schon, was geschehen ist, Kleinesl Nachher kommen nämlich Kunden." Er zieht die Uhr, „Du, wenn ich den Auftrag für die neue Kleinsiedlung bekomme, das wäre ein GeschäftI So etwas bringt Geld ins Häusl" „Ich bin entlassen", sagt sie kurz. Mit einer fast unbewußten Bewegung streicht er sich das Haar zurück. Sie schämt sich entsetzlich, die Grit von gestern will ihm um den Hals fallen, aber da erblickt sie die Handtasche, und in ihr ist das Los. Er kommt um den Tisch, setzt sich neben sie auf die Sessellehne. „Wie ist das geschehen?" „Der Chef war in schlechter Stimmung, und ich war wohl auch nicht ganz aus der Höhe. Es hat Krach gegeben. Für diesen Monat gibt es noch Gehalt, dann ist es aus." Er springt auf, rennt hin und her. „Das muß sich doch wieder einrenken lassen. Che er eine Neue.. .* Er greift nach dem Hörer; sie hält ihn zurück. „Laß das, Juppl Ich will nicht mehr." Er starrt sie ratlos an. „Und?" „Jupp", sagte sie, „komm einmal her, Jupp." Sie legt die Arme um seinen Hals, zieht ihn dicht zu sich herab. „Zwei Jahre kennen wir uns nun schon, Jupp. Ich habe genug vom Büro ..." Sie stockt, streichelt seine Hand. „Bedenke einmal, Jupp, wir hätten jetzt ein Baby..." „Wie kannst du so reden...", sagte er ein wenig heiser. Achtung! — warnt die Grit von gestern. Siehst du! — hetzt die Grit von heute. „Ich kann nicht zwei Jahre mit dir herumlaufen", sagt sie schonungslos, „ohne zu wissen, was wird." Er bleibt stehen. Jähe Röte schießt ihm in das Gesicht. „Man stellt in solchen Dingen kein Ultimatum. Wer spricht von cherumlaufen'? Man kennt dich kaum wieder, Grit. Und außerdem..." Er zögert, nimmt seine unruhige Wanderung wieder aus. „Was soll nun werden?" murmelt er. „Ich will bei dir bleiben." Fast, daß sie vor der eigenen Heftigkeit erschrickt. Seit zwei Jahren ist das ihr Wunsch und Wille, und nun kommt es gerade in diesem unglückseligen Moment heraus. „Nein", sagt er schroff. „Jetzt nicht ... und so nicht." „Ach so...", wirft sie böse hin. Alles in ihr ist auf der Lauer. Er bewährt sich nicht, ihr Jupp. Sie möchte sich auf die Lehne legen und sich ausheulen oder sich besinnungslos in seine Arme werfen, aber da steht eine Wand aus Trotz und Mißtrauen und gekränkter Eitelkeit. Sie umklammert das Täschchen, streicht sich das Haar zurück, die Augen tun ihr weh von den kommenden Tränen, aber sie wendet sich und sagt: „Ich gehe, Jupp! Ich glaube, wir machen Schluß!" Und dann geht sie auch schon, und der Spiegel grinst ihr zu, ob dieser hochmütigen und gedemütigten Grit. „Himmelherrgott!" sagt Jupp. Er stürzt vor und packt sie bei den Schultern, so wie er sie nie angefaßt hat in diesen beiden Jahren. Sie schreit ein wenig auf, da läßt er sie stehen und reißt den schmalen Wandschrank auf, Pläne fliegen heraus, Bücher, ein Reißbrett, das wirbelt nur so alles durcheinander. „Jupp!" sagt sie. „3upp!" Er steht da mit knallrotem Kopf, hat zwei Zeichnungen in der Hand, schwenkt sie durch die Luft und haut sie krachend auf den Tisch. Das ist ein neuer Jupp, ein herrlicher Jupp und einer, vor dem man sich fürchten muß. Sie zieht die Schultern ein wenig zusammen und starrt auf den Tisch. Ein Aufriß liegt da herum und ein Grundriß, Pläne, Berechnungen und Tabellen, nüchterne Dinge mit Zahlen und Maßen in verwirrender Vielfalt. Sie hebt den Kopf, und das Brennen in den Augen wird unerträglich. „Unser Haus!" stöhnt Jupp und starrt sie an, als ob sie gleich Prügel kriegen sollte. „Und ich spar' und spar' und schufte und schufte, und wenn es da nicht gleich klappen will, da kommt so eine..." Der Atem bleibt ihm weg; nun ist er wirklich knallrot, und jetzt kommen wohl auch gleich die Prügel. Sie stürzt ihm entgegen, reißt das Los heraus. Sie klammert sich an seine Schulter, legt den Kopf an seine Brust und versinkt in einem Wirbel von Worten und Tränen und in einem ungeheuren Glücklichsein, wie sie es nie gespürt hat in diesen zwei Jahren. Und erst, wie die Klingel schrillt und der Kunde sich anmeldet, reißt sie den Kopf empor und sagt, strahlend vor Geborgenheit und Zärtlichkeit, schöner als je und noch gerade schön genug für die Liebe: „Da hast du mich, Jupp!" Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Brühl'sche Universitäts-Duch- und Eteindruckerei. 2L fianae, Gießen.